marie 58/ März 2021

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Mittendrin in V

Diese drängenden Fragen Sie ist im Vorarlberger Oberland eine bekannte Persönlichkeit. In die ärztliche Praxis, die MR Dr. Jutta GnaigerRathmanner (70) über 30 Jahre lang in Feldkirch betrieben hat, kamen Menschen aus dem ganzen Land. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass die 2015 mit dem Verdienstzeichen des Landes Vorarlberg ausgezeichnete Medizinerin bei Allergien, Schlafstörungen, chronischen Schmerzen und vielem mehr Hilfe leisten konnte. Als eine der ersten Homöopath*innen im Land wurde sie zur Pionierin. Darüber hat sie erstmals mit der marie gesprochen.

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Text: Brigitta Soraperra, Foto: Cornelia Hefel

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utta Gnaiger-Rathmanners beruflicher Werdegang ist eng mit ihrem Aufwachsen in einer außergewöhnlichen Situation verbunden. Sie sei ein typisches Nachkriegskind gewesen, sagt sie selbst. „Ich bin 1950 in dieses gesellschaftliche Vakuum hinein geboren, in dieses Zerschossen-Sein, das auch in die Werte der Seele Eingang gefunden hat.“ Dies habe in ihr schon früh die Frage nach dem Sinn des Lebens hervorgerufen. „Ich habe so drängende Fragen gehabt“, sagt die heute 70-Jährige, die zwischen Düns und Feldkirch aufgewachsen ist. Bereits als Zehnjährige habe sie darüber nachgedacht, was sie im Leben einmal machen wolle. „Ich habe mich gefragt, was ist das Wichtigste im Leben? Und bin zu dem Schluss gekommen: Der Mensch. Und dann habe ich mich gefragt, was braucht der Mensch am allerdringendsten, wo geht es ihm an die Substanz?“ Sie habe zunächst an die Feuerwehr und an die Polizei gedacht, bis ihr klar geworden sei: „Nein, das ist der Arzt, den braucht es am dringendsten.“ In diesem Moment sei ihr Weg vorgezeichnet gewesen, von ihm ist sie nie abgekommen.

Behütet und gefordert

In den späten 1960er Jahren ein Medizinstudium in Wien anzutreten war jedoch für eine junge Frau aus Vorarlberg alles andere als selbstverständlich. Ausschlaggebend war eine weitere prägende Kindheitserfahrung. Jutta Gnaiger war Tochter eines überzeugten und glückvollen Unternehmers und einer beruflich ebenfalls erfolgreichen Mutter: Adelheid Gnaiger, die in den 1930er Jahren eine der ersten Frauen war, die in Wien Architektur studierten und nach ihrer Rückkehr ins Land als erste Architektin und mit einem eigenen Büro in ihrer Heimatstadt Feldkirch die Nachkriegsarchitektur Vorarlbergs entscheidend prägte. Bekannt sind beispielsweise der Neubau der Sparkasse in Feldkirch oder das Gebäude der Arbeiterkammer sowie das Rathaus in Lustenau, alles Beispiele ihrer charakteristischen Architektursprache, die sich zwischen Moderne und Tradition bewegt. „Mein um zwei Jahre jüngerer Bruder und ich haben im Atelier der Mutter Hausaufgaben gemacht“, erinnert sich Gnaiger-Rathmanner, „oder wir wurden weggeschickt, weil Kunden kamen.“ Trotz einer nach außen intakten Familie mit gesicherten finanziellen Verhältnissen habe sie sich oft einsam gefühlt. „Ich bin als Kind sozusagen ein wenig rumgekugelt. Meine Mutter

hat unterschätzt, dass ein Kind ein Eigenleben hat. Sie war voll berufstätig und hatte parallel zu ihrer Schwangerschaft und Mutterschaft den Großauftrag der Arbeiterkammer zu bewältigen.“ Dass die einzige Tochter einmal ein Studium absolvieren dürfe, stand nie in Frage. Für die wissbegierige, leicht lernende und den existentiellen Fragen weiterhin verbundene Jutta eröffneten sich in Wien neue Welten – aber auch einige Enttäuschungen.

Kritischer Geist

Für sie sei immer klar gewesen, dass sie einmal als praktische Ärztin arbeiten werde, motiviert von dieser „ganz naiven Vision, dass sich der Arzt um den ganzen Menschen kümmert und ihn begleitet“, aber „im Studium gab es hochkarätige Wissenschaft, doch über den Menschen hörst du gar nichts.“ Was zu ihrer Zeit aber sehr entscheidend gewesen sei, war der kritische Geist der 68er, der die Studierenden bewegte. „Wir sind nach den Vorlesungen zusammengesessen und haben uns gefragt: Glaubt ihr das, was der Herr Professor gesagt hat? Muss man das nicht ganz anders angehen?“ Diese Gespräche in der Cafeteria hätten sie genauso gebildet wie die Vorlesungen selbst. Und weil der naturwissenschaftliche Zugang alleine ihre Fragen nach dem Wesen des Menschseins nicht beantworten konnte, habe sie die Zeit in Wien auch dazu genutzt, „alles durchzuackern, was es gibt, wirklich alles.“ Moraltheologie, Heilpädagogik, Balint Gruppen, „die waren damals ganz neu. Ich habe die Lehrveranstaltungen von Erwin Ringel über Suizid besucht und auch Viktor Frankl noch live erlebt.“ Es kam aber der Moment, an dem sie ihr Studium aufgeben wollte, „weil dort meine Fragen nicht beantwortet worden sind. Es war zwar interessant, die Professoren, die Übungen, das Mikroskopieren, das Sezieren, es war toll, aber herauszufinden, dass sie Patienten mit chronischen Beschwerden oft nicht heilen konnten, war meine große Enttäuschung.“

Es geht ums Ganze

Letztlich kam ihr zugute, dass sie zur Zeit der Ära Bruno Kreisky studierte. Der langjährige sozialdemokratische Bundeskanzler war ein Förderer der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und ermöglichte zusammen mit Hertha Firnberg, der ersten Wissenschaftsministerin


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