marie 58/ März 2021

Page 36

Thema

DIE SCHÖNSTE HÖLLE AUF ERDEN

36 |

Die Feldkircherin Johanna Walk (26) absolvierte ihr Studium der Politikwissenschaft und Publizistik im Mai 2020, und reiste Ende Oktober nach Lesbos, um sich ehrenamtlich bei der Organisation Attika Human Support zu engagieren – einen Monat nach dem Brand im Lager Moria und eine Woche vor dem Lockdown in Griechenland. Sie berichtet, wie sie die Zustände auf Lesbos und im neuen Lager Kara Tepe erlebt. Interview: Daniela Egger, Fotos: Johanna Walk, Fayad Mulla

Wie sieht dein Alltag auf Lesbos aus? Seit 7. November ist Lockdown, ich brauche eine Bestätigung auf dem Handy, wenn ich aus dem Haus gehe, muss also eine halbe Stunde vorher eine SMS an die BH schicken. Dann kommt ein Okay, oder ich brauche die Papiere, die bestätigen, dass ich einer Arbeit nachgehe. Zuerst war ich bei „Attika“, im Moment arbeite ich für „Home for all“ und ein paar Mal in der Woche für „The Lava Project“ – wir holen Wäsche im Camp, waschen alles gründlich, am Abend wird alles zurückgebracht. Das größte Hygieneproblem im Camp ist neben den schon berühmten Rattenbissen die Krätze, und die zu bekämpfen ist sehr schwierig. Unser kleiner Wäscheservice wird das nicht schaffen. Man müsste sich isolieren und täglich alles waschen, mit dem man in Berührung kommt. Das ist aussichtslos. Ich werde demnächst zusätzlich Englisch unterrichten bei „Tolou“, aber das dauert noch. Die Online-Möglichkeiten im Lager sind schlecht, die Leute haben zu wenig Strom, man kann sein Handy nicht zuverlässig aufladen. Wie stehen die Einheimischen zu den Lagern? Die griechische Bevölkerung ist sehr freundlich und hilfsbereit, aber der Tourismus ist komplett eingebrochen, wegen der Lager und später natürlich wegen der Pandemie. Es gibt viele Arbeitslose und die Häuser sind heruntergekommen. Das hat zur Folge, dass einige Hilfsorganisationen jetzt auch Einheimische unterstützen. Ein geplantes Camp stieß auf Protest, aber vor al-

lem, weil die Leute nicht wollen, dass diese Menschen hier so lange aufgehalten werden. So war das nie gedacht, diese Camps sollten nur eine kurze Zwischenstation sein. Die schrecklichen Bedingungen sind auch eine Belastung für die Einheimischen. Außerdem muss man deutlich sagen, dass die Polizei sehr hart und rassistisch agiert, sie ist auch den NGOs nicht wohlgesonnen. Im Lockdown werden viele Flüchtlinge unverhältnismäßig abgestraft. Ich kenne eine Frau im Camp, die zum Rauchen kurz die Maske runternahm – 300 Euro Strafe. Das berichten viele von ihnen. Ich gehe immer wieder rauchend auf der Straße und nehme dann die Maske weg, mich schauen die aber gar nicht an. Wo ist das ganze EU-Geld, hast du eine Theorie? Das ist alles sehr intransparent – im November sind 10 Millionen Euro von der EU nach Griechenland geflossen, allein 5 Millionen für dieses neue Camp, Kara Tepe. Davon sieht man aber gar nichts. Für so viel Geld könnte man ordentliche Container aufstellen, mit Heizung und ausreichend sanitären Anlagen. Neben dem neuen Camp steht das alte Kara Tepe, dort gibt es das alles, das ist aber voll belegt. Es sind nicht alle Lager so grauenhaft, es gab sogar mal das Vorzeigecamp „Pikpa“ für besonders Schutzbedürftige. Für alleinstehende Mütter und unbegleitete Minderjährige gibt es noch andere Unterkünfte, die sind nicht hier in Kara Tepe, zum Glück. Manche Organisatio-


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.