marie 58/ März 2021

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Thema

„EINE NACHT“

Text: Jana Berchtold (Jugendbotschafterin)

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ittwoch, 13 Uhr. Grau-weiße Zelte sammeln sich am Marktplatz in Dornbirn, dazu immer mehr Menschen mit FFP2-Masken und Sicherheitsabstand. Der 24-Stunden-Protest startet. Nässe, Schnee und Temperaturen unter null Grad werden dafür sorgen, dass es nicht allzu gemütlich wird. Das Thema ist gut sichtund hörbar: „Jetzt schlägt’s 13“ oder „Wir haben Platz“ steht auf den Plakaten. Unterstützer*innen halten Reden und singen, es gibt Videobeiträge und Tanzeinlagen, das Publikum wird durch einen Flashmob warmgehalten. Und immer geht es um die Zustände in den Flüchtlingscamps Europas, um Aufforderungen zur Verbesserung der Lage und zur Einigung auf menschenwürdige Lösungen vor Ort. Es ist definitiv nichts Absurdes, was wir Jugendbotschafter*innen gemeinsam mit vielen Unterstützer*innen forderten und immer noch fordern. Die Einhaltung der grundlegendsten Rechte unserer Gesellschaft. Ebendiese, auf denen unsere heißgeliebten „Werte“ aufbauen. Die Rechte, die im Grundkern der Österreichischen Republik festgehalten sind. Menschenrechte und vor allem Kinderrechte. Was das konkret bedeutet? Kinder müssen sicher aufwachsen können. Sie haben ein Recht auf ein friedliches Zuhause und die grundlegende Versorgung mit Medikamenten, Nahrung und Wasser. Darüber hinaus sollen Kinder auch Platz haben, um sich zu entwickeln. In den Flüchtlingscamps gibt es keinerlei Rückzugsorte, keine Privatsphäre, keine Freiheit. Es fehlen sichere Räume zum Spielen und Träumen. Der Zugang zu Bildung ist mäßig bis gar nicht vorhanden. Besonders schlimm ist der Mangel an psychologischer Unterstützung. Die meisten Flüchtlingskinder leiden unter chronischer Angst, Panikattacken, Depressionen und Selbstmordgedanken. Kinder leben täglich in Gefahr auf europäischem Boden. Die Lager sind die Orte ihrer Kindheit. Wie sollen sie lernen, ohne professionelle Hilfe und intensive Betreuung diese Traumata zu überwinden? Wie sollen sie jemals zu gesunden und glücklichen Erwachsenen heranwachsen? Oft gibt es Menschen, die einwenden, dass es ja so vielen Kindern schlecht ginge und man nicht allen helfen könne. Aber was ist mit denjenigen, deren Schicksal in unserer Hand liegt? Wie sollen wir da etwa einfach zuschauen? Wie kann Österreich sich mit der Ratifizierung der UN-Kinderrechtekonvention zum Schutz der Kinderrechte verpflichten, und ebendiese Pflichten an den Brennpunkten der EU nicht beachten? Wenn die Politik versagt, muss die Bevölkerung Druck machen. Diese eine Nacht sollte ein Zeichen der Solidarität sein, und gleichzeitig auch ein erneutes Wachrütteln der Gesellschaft, dass es so nicht weitergehen kann. Daran erinnern, dass das Grauen für die Menschen nicht aufhört, wenn sie Europas Grenzen erreichen. Denn in den Camps erwarten sie chronische Überfüllung, unzureichende Unterbringung und Versorgung, Schlamm und Ratten, lange Aufenthaltsdauern, Gewalt


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