Kurzgeschichten für Senioren: Heitere Anekdoten

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KURZGESCHICHTEN FÜR

SENIOREN

Grossdruck

Heitere Anekdoten

LIEBE LESERINNEN UND LESER!

Erinnerungen sind wie eine kleine Schatztruhe ...

Während der Entstehung der Geschichten „Heitere Anekdoten“ habe ich mit vielen Seniorinnen und Senioren gesprochen. Einige von ihnen haben den Inhalt ihrer Schatztruhe mit mir geteilt. So wurde ich für so manche Geschichte inspiriert, konnte mir

Gegebenheiten, die noch vor meiner Geburt passierten, besser vorstellen und ausmalen. Ich wurde also in so manchen Gesprächen von vielen lieben Menschen mit ihren Erinnerungen reich beschenkt. Danke dafür!

TAPEZIEREN IST GANZ LEICHT!

Angelika und Wolfgang saßen wie jeden Samstagmorgen beim Frühstück am Küchentisch. Wolfgang blätterte im Sportteil der Zeitung. Angelika studierte die Prospekte mit Reklame. Plötzlich tippte sie mit dem Finger auf eine Seite.

„Genau so stelle ich mir unser Wohnzimmer vor.“

Wolfgang reagierte nicht.

„Hallo! Hörst du mir zu?“, fragte Angelika. Ohne eine Antwort abzuwarten, rief sie: „Wolfgang, wir müssen unser Wohnzimmer renovieren.“

Wolfgang sah seine Frau über die Zeitungsseiten hinweg erschrocken an. „Was stimmt denn mit unserem Wohnzimmer nicht?“

Angelika seufzte. „Es ist altmodisch! Es gibt viel modernere. Schau doch nur!“ Sie deutete auf die abgebildeten Rollen im Prospekt. „So muss eine Tapete aussehen. Unsere hat ganz seltsame Muster.“

Tapezieren ist ganz leicht!

Wolfgang zuckte mit den Schultern. „Na ja, es ist halt eine Tapete. Die macht doch, was sie soll: an der Wand hängen.“

„Papperlapapp! In der Illustrierten habe ich gelesen, dass Orange und Grün jetzt modern sind.“

Mit einer schwungvollen Bewegung schob Angelika ihrem Mann den Prospekt hin.

Wolfgang verdrehte die Augen. „Na wunderbar.

Und wer soll tapezieren?“

„Na, wir natürlich! Schau, da steht doch: Tapetenwechsel leicht gemacht – streichen, kleben, fertig!“

„Wenn das mal keine Übertreibung ist …“, brummte Wolfgang.

Doch Angelika ließ sich nicht beirren. Das Wohnzimmer wurde renoviert. Egal, was ihr Mann dazu sagte.

Eine Woche später begann das große Projekt.

Angelika hatte bereits alles vorbereitet: Von den

Nachbarn hatte sie sich einen klappbaren Tapeziertisch ausgeliehen. Beim Raumausstatter hatte sie

Tapeten ausgesucht und gekauft. Kleister und Pinsel lagen bereit.

Wolfgang betrachtete die Ausrüstung mit Skepsis.

„Angelika, bist du sicher, dass wir das alleine schaffen?“

„Natürlich! Gerti von nebenan meinte, dass es kinderleicht sei. Also fangen wir an!“

Zuerst mussten die alten Tapeten runter. Angelika hatte gelesen, dass man sie mit warmem Wasser einweichen musste.

Wolfgang füllte einen Eimer, nahm einen Schwamm und begann, die Wand damit einzureiben. Nach zehn Minuten stellte er fest, dass die Tapete nicht im Geringsten daran dachte, sich zu lösen.

„Angelika … du bist sicher, dass das so funktioniert?“

„Natürlich! Mach weiter!“

Nach einer weiteren halben Stunde hatte Wolfgang das Gefühl, dass die Tapete sich eher noch fester an die Wand gesogen hatte.

„Das ist doch verhext!“, fluchte er.

„Ich glaube, ich klingle mal bei Gerti. Vielleicht hat die noch eine Idee“, murmelte Angelika. Fünf Minuten später hielt sie Wolfgang eine Drahtbürste hin. „Hier. Die nehmen unsere Nachbarn bei hartnäckigen Fällen.“

Tapezieren ist ganz leicht!

„Hartnäckig ist das Ding auf jeden Fall“, brummte Wolfgang. Er nahm die Bürste und begann, die Tapete damit zu bearbeiten. Angelika stellte sich neben ihn und zog die Papierstreifen stückchenweise von der Wand.

Nach einer weiteren Stunde und vielen Flüchen hatten sie die Hälfte der Tapete entfernt. Wolfgang schwor sich, nie wieder eine Renovierung mit Angelika zu machen.

Als endlich alle Wände kahl waren, kam der nächste Schritt: Die neue Tapete musste angebracht werden. Angelika hatte schon den Tisch aufgeklappt und zwinkerte Wolfgang aufmunternd zu.

„Ich halte die Rolle fest und du trägst den Kleister auf“, erklärte sie.

Wolfgang nickte und begann, großzügig Kleister auf die Tapetenbahnen zu schmieren.

„Mehr, Wolfgang! Sonst hält es nicht!“, war Angelika sicher.

„Aber das tropft doch schon überall!“ Wolfgang hielt zweifelnd inne.

„Mehr ist besser!“, beharrte Angelika.

Wolfgang stöhnte und klatschte noch eine Portion Kleister drauf. Dann versuchten sie, die erste Bahn an die Wand zu kleben. Es wurde ein Desaster. Die Tapete rutschte. Sie klebte sich an Wolfgangs Hände

Tapezieren ist ganz leicht!

DAS MOTORRAD MIT BEIWAGEN

„Jetzt brechen andere Zeiten an“, verkündete Georg stolz. Er nahm seine Luise in den Arm und drückte sie an sich.

„Ach, wo wir nun überall hinfahren können“, flüsterte Luise Georg ins Ohr.

An Urlaub war in den letzten Jahren nicht zu denken. Georg und Luise lebten mit Max und Renate, ihren beiden Kindern, bescheiden. Wie eben alle anderen auch. Als junge Familie musste man gut haushalten, damit das Geld reichte. Urlaub war da ein Fremdwort. Doch jetzt hatte Georg zugeschlagen. Für 480 D-Mark hatte er ein nagelneues Motorrad erstanden. Lange hatten sie dafür sparen müssen. Aber das Beste daran war: Es hatte einen Seitenwagen. Da konnte Georg seine Luise überallhin chauffieren.

„Schau nur, wie der schwarze Lack in der Sonne glänzt“, schwärmte Georg. Er löste sich aus der Umarmung mit Luise, griff nach einem Lappen und polierte beinahe zärtlich über den Lack der Maschine.

Am Sonntag sollte die erste Spritztour starten. Die Kinder blieben bei den Großeltern. Georg und Luise konnten es kaum erwarten.

„Wo bleibst du denn?“

Georg stand schon abfahrbereit im Hof. Er hatte seine Ledermütze auf und rückte seine Motorradbrille zurecht. Luise trat aus dem Haus. Sie hatte sich für diesen Ausflug besonders hübsch zurechtgemacht.

Schnell strich sie ihre geblümte Bluse glatt und knöpfte zwei Knöpfe ihrer guten Strickjacke zu.

„Hier, für dich.“

Georg hielt Luise ihre Ledermütze samt Brille entgegen.

„Wie richtige Abenteurer sehen wir jetzt aus“, lachte Luise, nachdem sie Georg schmunzelnd gemustert hatte. Dann kletterte sie in den Seitenwagen und lehnte sich zurück.

Georg schwang sich in den Sattel, startete das Motorrad und fuhr los.

Kaum hatten sie ihr Städtchen hinter sich gelassen, drückte Georg kräftig auf die Tube. Das Motorrad knatterte. Luise presste sich etwas ängstlich fester in den Sitz des Beiwagens. Georg warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Dann grinste er breit und deutete mit einer Hand zu der Steigung, die vor ihnen lag. Auf den Aussichtsberg mit Ausflugslokal sollte die Fahrt gehen. Luise blickte nach oben. Dort konnte sie ganz in der Ferne das kleine Kaffeehaus schon erkennen. Sie entspannte sich etwas und atmete tief durch. Plötzlich wurde die Fahrt langsamer. Direkt vor ihnen bog ein Diesellaster auf die Straße. Georg fuhr erst geduldig hinter ihm her. Dann versuchte er, zu überholen. Doch die steile Bergstraße bot ihm dazu keine Gelegenheit. Georg seufzte und zuckelte ergeben hinter dem Lastwagen her. Das schwere Gefährt vor ihnen hatte Mühe, den Berg hinaufzukommen. Der Fahrer vor ihnen schaltete einen Gang runter. Dabei stieß sein Auspuff eine dicke schwarze Dieselwolke aus. Georg blinzelte hinter seinen Brillengläsern. Luise hustete. Im Schneckentempo krochen Laster und Motorrad den Berg hinauf. Endlich setzte der Lastwagen seinen Blinker. Noch einmal nebelte er Georg und Luise mit einer Abgaswolke ein. Dann bog er rechts ab.

ÜBER DIE AUTORIN

Petra Bartoli y Eckert lebt in Regensburg in Bayern. Sie arbeitete viele Jahre als Sozialpädagogin mit verhaltensoriginellen Kindern und Jugendlichen. Nach einer Ausbildung zur Drehbuchautorin 2008 hängte sie ihren Beruf an den Nagel – und schreibt seitdem hauptberuflich für Kinder und Erwachsene. Von ihr sind zahlreiche Sachbücher, Rundfunkgeschichten, Kinder- und Jugendromane und Kurzgeschichten erschienen.

Petra Bartoli y Eckert interessiert sich für alles, was mit dem Leben und mit Menschen zu tun hat. Neben dem Schreiben hört sie sich gerne Lebensgeschichten an – und nicht selten lässt sie sich davon zu neuen Geschichten inspirieren. Und sie ist begeistert zu Fuß unterwegs – vor allem in den Bergen. Dort tankt sie auf, damit sie anschließend voller Energie wieder neue Geschichten schreiben kann.

Geschichten mit einem Augenzwinkern – das sind die „Heiteren Anekdoten“.

Diese liebevoll zusammengestellten Kurzgeschichten erzählen von Alltagspannen, überraschenden Begegnungen und den charmanten Eigenheiten des Lebens. Sie bringen uns zum Schmunzeln, manchmal zum herzhaften Lachen – und fast immer zum Erinnern.

Ein Buch, das gute Laune macht – für Junggebliebene und alle, die Freude an charmanten Geschichten haben.

Über die Reihe „Kurzgeschichten für Senioren“

• Die heiteren Geschichten erzählen von den alltäglichen und den besonderen Momenten im Leben.

• Die Geschichten sind kurz gehalten, leicht verständlich und mit viel Herz geschrieben.

• Sie erfreuen als kleiner Zeitvertreib und können als Erinnerungen an vergangene Tage noch lange nachklingen.

• Die angenehm große Schrift eignet sich besonders gut zum Lesen und Vorlesen.

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