Kurzgeschichten für Senioren: Geschichten vom Plauderclub

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KURZGESCHICHTEN FÜR

Grossdruck

SENIOREN

geschichten vom Plauderclub

Silke Hubrig Geschichten vom Plauderclub

WILLKOMMEN IM PLAUDERCLUB

Jeden Donnerstagnachmittag trifft sich eine heitere Runde lebhafter Bewohnerinnen des Seniorenwohnheims. Treffpunkt ist das Apartment Nr. 6, in dem Ilse Gottschalk wohnt. Sie hat ein wunderschönes Apartment mit einem großen runden Tisch, an dem alle gemütlich Platz finden. In ihrer separaten Küche dampfen jederzeit frischer Kaffee oder Tee. Besonders beliebt ist Ilses ebenerdige Terrasse, die bei schönem Wetter sogar zum Sitzen im Grünen einlädt. Sie bietet einen herrlichen Ausblick in den kleinen Park, der dem Seniorenwohnheim seinen Namen gegeben hat: Haus am Park. Punkt 15 Uhr trudeln die Freundinnen gut gelaunt ein. Jede bringt ihre Handarbeit mit: Elke Federmann stickt mit Geduld an ihren feinen Mustern, Hilde Burmester strickt unermüdlich Socken, Marta

Müller häkelt Decken in allen Farben, und Hanni

Ottesen flickt pflichtbewusst die Hosen ihrer Enkel. Nur Ilse selbst ist selten mit Nadel und Faden beschäftigt – sie liebt es, Gäste zu bewirten, und sorgt dafür, dass immer genügend Kaffee und Kuchen bereitsteht.

Im „Plauderclub“, wie sie sich selbst augenzwinkernd nennen, geht es fröhlich zu. Es wird erzählt und gelacht, die Stricknadeln klappern, die Häkelnadeln klimpern – die Stunden vergehen wie im Flug.

Wer am Donnerstagnachmittag durch den Flur des Seniorenwohnheims geht, hört schon von Weitem das fröhliche Geschnatter und herzliche Lachen. Und ein Hauch von frischem Kuchen- und Kaffeeduft strömt einladend auf den Flur.

Begleiten Sie die Damen vom Plauderclub in den folgenden Geschichten bei Kaffee, Handarbeit und den ganz besonderen Erlebnissen, die das Leben schreibt.

im Plauderclub

Willkommen

DIE KINDERGRUPPE

Heute ist die Kindergruppe aus dem benachbarten Kindergarten zu Besuch im „Haus am Park“. Einmal im Monat kommen die Kinder mit ihrer Erzieherin Ayla herüber, um gemeinsam mit den älteren Bewohnerinnen und Bewohnern einen fröhlichen Nachmittag zu verbringen.

Die Frauen vom Plauderclub sind auch mit von der Partie. Hanni hat aussortierte Bilderbücher ihrer Enkel dabei, die sie den Kindern schenken möchte.

Im großen Aufenthaltsraum herrscht bereits lebhaftes Treiben, als die Freundinnen eintreffen. Einige der Bewohner sitzen im Stuhlkreis, während die Kinder lachend und tanzend durch die Mitte hüpfen.

Kurze Zeit später wird gemeinsam gesungen und getanzt. Alle singen „Wer will fleißige Handwerker sehn?“ und machen entsprechende Bewegungen dazu, die Ayla vormacht. Danach wird das Lied von

Kindergruppe

den Waschfrauen gesungen und dann ist noch Gelegenheit für freies Spiel. Einige der Senioren und Kinder rollen sich Schaumstoffbälle zu. Andere versuchen sich an einem Klatschspiel. Die kleine Carla kommt zu Hanni.

„Vorlesen!“, sagt sie und zeigt auf ein Bilderbuch, das Hanni im Schoß hat.

„Gerne!“, freut sich Hanni. „Das Buch handelt vom Igel Mecki.“

Ohne zu zögern klettert Carla auf Hannis Schoß und kuschelt sich zufrieden an. Hanni ist besonders gut zum Kuscheln geeignet, denn sie hat einen Bauch wie ein Federkissen und einen ganz weichen Busen. Carla lauscht der Geschichte vom Igel Mecki.

„Noch fünf Minuten“, ruft Ayla, „dann machen wir einen Abschlusskreis und gehen zurück in den Kindergarten!“

„Och, schade …“, murmelt Carla enttäuscht und klettert von Hannis Schoß.

„Möchtest du das Buch behalten?“, fragt Hanni.

Carla strahlt über das ganze Gesicht. „Au ja! Das soll Ayla zu Ende vorlesen.“

Im nächsten Moment sitzt sie schon bei Ayla auf dem Schoß und hält ihr das Buch entgegen.

„Weiterlesen!“, bestimmt sie – ernsthaft und niedlich zugleich.

„Zwei Minütchen haben wir ja noch Zeit“, lacht

Ayla. Carla lehnt sich an. Doch so gemütlich wie bei Hanni fühlt es sich nicht an. Carla runzelt die Stirn.

„Hast du gar keinen dicken Bauch?“, fragt sie verwundert.

Ayla schüttelt lachend den Kopf. „Nein, Carla. Ich mache viel Sport und achte auf meine Ernährung!“

Carla lehnt sich wieder an Ayla. „Und hast du auch keinen Busen?“, fragt sie plötzlich mitleidig.

Ayla blinzelt überrascht und lacht „Doch! Ich bin ja eine Frau.“

Carla strahlt erleichtert. „Au fein! Kannst du den morgen mal mitbringen?“, fragt sie.

Da vergeht Ayla das Lachen und sie blickt irritiert in die Runde. Neben ihr sitzen die Frauen vom Plauderclub, die sehr gute Ohren haben. Sie prusten los vor Lachen. Selbst Ayla kann nicht anders, als mitzulachen. Und auch Carla gluckst zufrieden. Denn Lachen ist einfach ansteckend.

Kindergruppe

KINDERGEBURTSTAGE

Wie jeden Donnerstag sitzen die Frauen vom Plauderclub auch heute stickend und strickend am gedeckten Kaffeetisch. Heute gibt es Erdbeertörtchen.

„Die schmecken für mich noch immer nach Kindergeburtstag“, seufzt Hilde. „Meine Mutter hat sie jedes Jahr zu meinem Geburtstag für mich gebacken. Und ich habe diese Tradition mit meiner Tochter fortgesetzt.“ Sie kaut genüsslich mit geschlossenen Augen, nimmt dann ihr Strickzeug wieder zur Hand und lässt die Nadeln klappern.

Elke kramt aus ihrer Tasche eine Tafel Schokolade hervor, teilt sie in kleine Stücke und legt sie in eine Schale auf dem Tisch.

„Ich bin schon seit meiner Kindheit der Schokolade verfallen. Manchmal habe ich sogar eine kleine Notfallschokolade in der Handtasche.“ Genießerisch nimmt sie ein Stück, lässt es langsam auf der Zunge

zergehen. „Ich kannte früher alle Schokoladenverstecke meiner Mutter. Und das Schöne am Altwerden ist, dass ich mir selbst Schokolade kaufen und sie essen kann, wann ich möchte“, lacht sie. „Und ich schwöre noch immer auf dieselbe Sorte.“

Auch Ilse nimmt ein Stück Schokolade. „Bei uns im Osten“, beginnt sie, „haben wir Kinder auch viel und gerne genascht. Rotkäppchen-, Fit- oder RotsternSchokolade. Die gibt es leider nicht mehr. Das wäre der Geschmack meiner Kindheit.“ Einen Moment lang schweigen die Frauen. Jede scheint ihren Erinnerungen nachzuhängen.

Plötzlich kichert Marta. „Meine Schwester und ich haben wenig Süßigkeiten bekommen. Aber wir hatten einen Kirschbaum mit richtig süßen, knallroten Kirschen. Oft haben wir uns hinter der Gartenmauer versteckt und Kirschen gegessen, und wenn jemand die Straße entlangkam, haben wir die Kerne auf die Straße gespuckt. Einmal haben wir aus Versehen den Nachbarn getroffen – mitten auf seine weiße Hose. Und der hat dann richtig Ärger gemacht.“ Sie lacht wieder. „Aber verdient hatte der alte Griesgram das.“

Ilse verschwindet in der Küche und kehrt kurz darauf mit einem kleinen Teller frischer, glänzender

Kirschen zurück. Sie stellt ihn vor Marta ab. „Na dann – zeig mal, was du noch kannst!“

Marta legt ihr Häkelzeug beiseite, schnappt sich eine Kirsche, kaut genüsslich, rollt ihre Zunge, atmet tief ein – und mit einem kräftigen Ausatmen fliegt der Kirschkern treffsicher auf ihren Kuchenteller. „Geht noch“, lächelt sie zufrieden.

Hanni nimmt sich zwei Kirschen und hängt sie sich über ein Ohr. „Als Mädchen habe ich mir immer vorgestellt, das wären Ohrringe mit roten Juwelen.“

Hilde nimmt ein zweites Erdbeertörtchen und schwelgt in Erinnerungen: „Wenn meine Mutter nicht im Raum war, haben meine Freundinnen und ich ‚Kuchen essen ohne Hände‘ gespielt. Was für eine Sauerei!“ Plötzlich rutscht Hilde auf ihrem Stuhl nach vorn, legt die Hände auf ihren Rücken, beugt sich hinunter und beißt in ihr Törtchen. Mit rot verschmiertem Mund grinst sie breit in die Runde. „So etwa!“, nuschelt sie mit vollem Mund.

Nun legt Elke ihre Stickerei zur Seite, lässt ein Stück Schokolade über der dampfenden Teetasse leicht schmelzen und bemalt sich die Lippen. „Und wir haben als junge Damen“, säuselt sie in hoher Tonlage, „Schokoladenlippenstifte entworfen und fanden uns umwerfend schick.“ Die Frauen lachen laut auf.

Ilse geht noch mal in die Küche und kommt mit einem Löffel zurück, auf dem sie ein Ei balanciert. „Mit Geschmackserinnerungen kann ich nicht dienen“, kommentiert sie konzentriert, „aber beim Eierlaufen war ich umschlagbar.“ Vorsichtig schreitet sie durch den Raum – da klopft es. Im selben Moment fliegt die Tür auf, stößt gegen ihren Arm, und das Ei landet zermatscht auf dem Parkett.

Ein Rollator schiebt sich ins Zimmer, gefolgt von Frau Isenbrink, Ilses Nachbarin. „Ist jemand zu Hause?“, fragt sie verwirrt. Dann starrt sie in den Raum. Das Bild, das ihr hier geboten wird, wird sie wohl noch lange begleiten: Ein kaputtes Ei auf dem Boden, Elke mit schokoladenverschmiertem Mund, Hilde mit Kuchenresten im Gesicht und Hanni mit baumelnden Kirschen am Ohr.

Für paar Sekunden ist es still. Dann schauen sich die Frauen an – und brechen in schallendes Gelächter aus.

Frau Isenbrink schüttelt den Kopf und setzt sich an den Tisch. „Hier geht’s ja zu wie auf einem Kindergeburtstag!“

Ilse reicht ihr eine Tasse Tee und lächelt. „Trinken Sie doch einen Tee mit uns kindischen Frauen. Wir erinnern uns tatsächlich gerade an Kindergeburtstage.“

Frau Isenbrink taucht den Teebeutel ein paarmal in ihre Tasse und schmunzelt: „Da bin ich gerne dabei!“ Sie nimmt den Teebeutel aus ihrer Tasse und fragt: „Kennen Sie eigentlich Teebeutelweitwurf?“

ÜBER DIE AUTORIN

Silke Hubrig ist Lehrerin für Sozialpädagogik und Sport und unterrichtet an einer Berufsschule in Bremen. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher.

Donnerstagnachmittag im „Haus am Park“: In Apartment 6 riecht es nach frischem Kaffee, der Kuchen ist angerichtet, und am großen Tisch laufen die Gespräche heißer als die Kaffeekanne. Ilse Gottschalk lädt zum wöchentlichen Treff ihres legendären „Plauderclubs“ ein – und ihre Freundinnen lassen sich das nicht zweimal sagen.

Zwischen Maschen, Mohnstreusel und jeder Menge Lachen erleben die Damen kleine Dramen, große Freundschaft und herrlich alltägliche Aufregung – denn langweilig wird es im Plauderclub garantiert nie.

Ein augenzwinkernder Blick ins bunte Leben jenseits der Siebzig – charmant, witzig und mit viel Herz erzählt.

Über

die

Reihe

„Kurzgeschichten für Senioren“

• Die heiteren Geschichten erzählen von den alltäglichen und den besonderen Momenten im Leben.

• Die Geschichten sind kurz gehalten, leicht verständlich und mit viel Herz geschrieben.

• Sie erfreuen als kleiner Zeitvertreib und können als Erinnerungen an vergangene Tage noch lange nachklingen.

• Die angenehm große Schrift eignet sich besonders gut zum Lesen und Vorlesen.

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