Kunsthaus Zürich (D)

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Anleitung zur Entstaubung der Seele

Das Kunsthaus Zürich feiert 2026 herausragende künstlerische Positionen.

Mit den Ausstellungen zu Kerry James Marshall, Marisol und Hammershøi und der Neugestaltung der Giacometti-Sammlung sorgt es – frei nach Picasso – für frischen Wind fürs Gemüt.

2026 lädt das Kunsthaus Zürich schon im ersten Halbjahr dazu ein, gleich drei aussergewöhnliche Künstler in grossen Einzelausstellungen zu entdecken. Kerry James Marshall, Marisol und Vilhelm Hammershøi sind die Namen, die das Publikum mittels grosser Einzelausstellungen staunen lassen sollen. Die Werke in jeder der Ausstellungen könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlichere Positionen einnehmen. Sie erzeugen jeweils ganz eigene Stimmungen und entwickeln unterschiedliche Strahlkraft. Kraftvoll, bunt und farbintensiv sprechen Kerry James Marshalls Bilder jeden Betrachter sofort an; plastisch, voll roher Kraft und spielerischer Konfrontation wirkt Marisols Werk, während Vilhelm Hammershøis reduzierte Bilder eine entrückte und sanft melancholische Stimmung erzeugen. Umso bemerkenswerter wird dabei, dass die drei so unterschiedlichen Künstler den Fokus doch auf jeweils ähnliche Themen richten.

Identität, Präsenz und Repräsentanz

Der 70-jährige, in Alabama (USA) geborene Kerry James Marshall erhält Ende Februar im Kunsthaus Zürich die erste gross angelegte Übersichtsschau seines Werks im deutschsprachigen Raum. Seine künstlerische Arbeit widerspiegelt den auch in Zürich aktuellen Diskurs über Kolonialität und Geschichtsschreibung in ganz eigener ästhetischer Form. Marshalls grossformatige Gemälde sind nahezu ausschliesslich von schwarzen Figuren bevölkert, die oft ganz Alltägliches unternehmen: Sie verweilen bei Picknicks im Park, feiern Partys, sie gärtnern. Er zeigt sie aber auch bei – für viele Menschen – Aussergewöhnlichem: beim Wasserskifahren, beim Golfen, als Schönheitskönigin. Allein durch das Abbilden schwarzer Menschen gelingt es dem in Chicago lebenden Künstler, ihr Fehlen in der westlichen Hochkultur in scharfen Fokus zu rücken. Marshall zeigt so ganz direkt, wie unsere westliche Kunsttradition schwarze Menschen über Jahrhunderte gesellschaftlich ausgeschlossen und ignoriert hat. Marshall, der als einer der profiliertesten Maler der Gegenwart gilt, arbeitet dabei nicht nur mit technischer Meisterschaft und überragender handwerklicher Präzision, sondern auch mit Verweisen auf die Kunstgeschichte von Giotto bis Manet, die mal augenzwinkernd-ironisch, aber auch manchmal bitterernst daherkommen. Marshalls Bilder mit ihrer direkt erfahrbaren, kraftvollen Schönheit dienen so der Erweiterung unseres Blickfelds, sie sind oft plakativ, dabei aber immer von einer messerscharfen Präzision. Plakative Präzision zeichnet auch die Arbeit der 1930 in Paris geborenen und 2016 in New York verstorbenen Künstlerin Marisol Escobar, kurz Marisol, aus. Ihre ab den 1960er Jahren bahnbrechenden skulpturalen Porträts aus Holz, Gips und Alltagsobjekten vereinen Pop Art mit Folklore und humorvoll-scharfer Sozialkritik: Sie ironisieren schon ab den 1960er Jahren den Kult um Oberfläche und Konsum. Marisols Figuren tragen manchmal Masken oder mehrere Gesichter, sind in kubische Formen gepresst oder von schützenden Kopfbedeckungen umhüllt. Heute, im Zeitalter der digitalen Selbstvermarktung, gewinnen

Seerosenvariationen – immer wieder Anlass zum Staunen: Claude Monet, Le Bassin aux nymphéas, le soir, 1914/1922.

In Form gepresste Menschen bei Marisol: La visita, 1964, Museum Ludwig, Köln, © 2026, ProLitteris, Zürich (Foto: Historisches Archiv der Stadt Köln mit Rheinischem Bildarchiv, Britta Schlier).

Marisols Arbeiten eine neue, kraftvolle

Aktualität: Sie werfen in ganz eigenständiger Weise unter anderem die Frage auf, wie viel Identität in unserer Gesellschaft des Sehens und der Oberfläche überhaupt noch möglich, wie viel Anpassung notwendig ist. Genauso wie Marshall ist deshalb das Thema der Sichtbarkeit auch bei Marisol zentral. Zunächst wie ein Anachronismus unter diesen beiden Gegenwartskünstlern wirkt Vilhelm Hammershøi (18641916). Der dänische Maler der Stille lässt in seinen auch farblich reduzierten Interieur-Bildern Licht und Leere verschmelzen. Hammershøi malt nicht das Sichtbare, sondern das, was zwischen den Dingen fehlt, und rückt so Absenz in den Fokus. Wer sich der zeitlosen Wirkung seiner Interieur-Bilder aussetzt, gerät nicht

Neuer Raum für die Sammlung Alberto Giacometti: Le Chariot, 1950, Kunsthaus Zürich, Alberto GiacomettiStiftung, 1965, © 2026, ProLitteris, Zürich.

Die drei grossen Ausstellungen fragen alle nach dem Verdeckten, dem Fehlenden.

nur in eine entrückte Stimmung, sondern beginnt unweigerlich, sich Fragen zu stellen. Wer wohl die Menschen waren, die diese Räume prägten, wie ihre Leben aussahen drängt sich vielleicht als Erstes auf. Was unsere Räume über uns aussagen würden möglicherweise als Nächstes. So liest sich Hammershøis Kunst in unserer überreizten, permanent sendenden Gegenwart wie ein Plädoyer dafür, sich der konstanten Reizüberflutung zu verweigern. Ein Verweilen mit Hammershøis Werken entfaltet eine ganz eigene Wirkung auf die Seele: kontemplativ, meditativ, ruhig – oder, um es profan zu sagen: einfach schön. Die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Künstler Marshall, Marisol und Hammershøi verhandeln alle das Verhältnis von Sichtbarkeit, Präsenz

Mitgliedschaft für 1 Jahr Kunsthaus

Eine Jahresmitgliedschaft im Kunsthaus Zürich eröffnet mehr als freien Eintritt: Ab 135 Franken erhalten Mitglieder Einladungen zu exklusiven Vernissagen und Previews, Begegnungen mit Kunstschaffenden und Kuratorinnen sowie Zugang zu einem engagierten Netzwerk von Kunstinteressierten. So wird das Kunsthaus zum Ort lebendiger Auseinandersetzung – mit Nähe zu Meisterwerken, zu künstlerischen Perspektiven und zu den Fragen unserer Zeit.

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und Relevanz auf jeweils ureigene Weise. Der eine macht das Unsichtbare sichtbar, die andere demaskiert das Sichtbare, der dritte verwandelt Abwesenheit in Präsenz. Gemeinsam bilden sie eine Allianz gegen das schnelle Urteil und plädieren dafür, Lücken und Leerstellen zuzulassen, hinter die Oberflächen zu blicken und nach dem Verdeckten, nach dem Fehlenden zu fragen. Das Kunsthaus Zürich rückt mit den drei Hauptausstellungen der ersten Jahreshälfte 2026 drei unterschiedliche und doch ähnliche künstlerische Haltungen aus verschiedenen Epochen ins Licht der Öffentlichkeit, die, historisch gesehen, noch etwas weniger Aufmerksamkeit erhalten haben, die in der heutigen Zeit aber umso grössere Relevanz beweisen. Veränderungen in der Sammlung

Drei Ausstellungen mit Strahlkraft sind aber nicht das Einzige, was im Kunsthaus Zürich in dieser Saison neu – und spektakulär – ist: Im Februar erhält das Werk des Schweizer Weltrang-Künstlers Alberto Giacometti (1901–1966) zunächst zwei Zimmer im Chipperfield-Bau. Giacometti, einer der wichtigsten Plastiker des zwanzigsten Jahrhunderts, ist eine der Hauptattraktionen der Sammlung. Insbesondere mit seinen Bronzeskulpturen langgezogener, dünner Figuren erlangte der in Borgonovo im Bergell geborene und meist in Paris lebende Künstler Weltruhm. Die Giacometti-Sammlung erhält in lichter Architektur nun einen Ort, der ihr gebührt. Im Oktober wird diese Sammlung auf den ganzen Flügel erweitert. Gleich vier Gründe also, 2026 das Kunsthaus zu besuchen, ganz abgesehen davon, dass es dafür immer einen guten Grund gibt. Denn wie sagte bereits einer der grössten Künstler des 20. Jahrhunderts – dem das Kunsthaus Zürich im Jahr 1932 übrigens seine allererste Museumsaustellung ausgerichtet hatte? «Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele», meinte einst Pablo Picasso.

Dieser Inhalt wurde von NZZ Content Creation im Auftrag vom Kunsthaus Zürich erstellt.

Marginalisierte Gesellschaft im Licht bei Kerry James Marshall: Untitled (Studio), 2014, The Metropolitan Museum of Art, New York, Purchase, The Jacques and Natasha Gelman Foundation Gift, © Kerry James Marshall (Foto: Matthew Hollow).

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