Die Ermächtigung der Taliban, so schreiben Sie in Ihrem Buch, ist auf die Kriegsführung der Amerikaner zurückzuführen. Ja. Was Ende 2001 passiert ist, war einer der fundamentalsten Fehler: Da sind westliche Akteure einmarschiert, die sich einerseits mit Menschenrechtsverbrechern verbündet haben, um eine neue Regierung zu gründen und dabei andrerseits die massiv geschwächten und verhandlungsbereiten Taliban von allen Gesprächen ausgeschlossen haben. Das hat dazu geführt, dass sich die Taliban neu formieren und aufstellen konnten. Und weil zusätzlich die NATO-Sicherheitskräfte zur Radikalisierung in Regionen beitrugen, die zuvor komplett talibanfrei waren, ging das umso einfacher. Die NATO? Wie darf man das verstehen? Man hat sich den Feind wiedergeschaffen, weil der „War on Terror” hauptsächlich Zivilisten traf. Hier im Westen wollte man uns weismachen, dass man mit bewaffneten Drohnen die Terroristen ausschaltet, dabei können Drohnenpiloten weder Kinder von Erwachsenen noch Soldaten von Zivilisten unterscheiden. So hat man die Menschen durch die vielen zivilen Opfer, die sie zu beklagen hatten, durch Folter, Mord und nie geahndete Massaker in die Arme der Radikalisierung getrieben. Jetzt ist eine Talibanregierung an der Macht, von der zwei Regierungsmänner zu einem brutalen Zweig der Gruppierung gehören und in den letzten zwei Jahrzehnten mehrfach durch Drohnenangriffe für tot erklärt wurden, bis sie jedes
Mal wieder lebendig auftauchten. Nie hat man die Frage gestellt, wer denn an deren Stelle getötet wurde. Sie weisen in ihren Artikeln auch immer wieder auf das Stadt-Land-Gefälle hin und kritisieren pauschalisierende Afghanistan-Porträts. Richtig. Es gibt nicht dieses eine Afghanistan, das in den letzten 20 Jahren medial reproduziert wurde. Was medial gezeigt wird, ist ein extrem verzerrtes Bild, weil es nicht repräsentativ ist. Wenn man zum Beispiel eine intellektuelle Künstlerin aus Kabul zeigt, die erfolgreich war und jetzt flüchten musste, fehlt die Kontextualisierung. Es ist einfach nicht ehrlich, wenn man nicht dazusagt, dass es sich dabei um einen ganz spezifischen Stadtteil von Kabul handelt, wo sich eine urbane Elite herangebildet hat. Oft reichen zwanzig Minuten Autofahrt, um einen anderen Alltag zu erleben. Selbst innerhalb von Großstädten wie Kabul. Ist es das, was Sie auch mit eurozentrischer Haltung meinen? Oder anders gefragt: Woran lässt sich diese festmachen? Viele Beobachter:innen in westlichen Staaten suchen etwas in Ländern wie Afghanistan, mit dem sich identifizieren können und heben das dann entsprechend hervor. Ein gutes Beispiel sind die Bilder der Minirock tragenden Frauen aus den 70er Jahren. Da könnte man sich denken, damals war doch alles superliberal, die waren doch eigentlich wie wir...
Stimmt. ...und jetzt sind sie nicht mehr wie wir. Der Kontrast dazu ist die Burka tragende Frau. Der Punkt ist, dass auch hier der Kontext fehlt, dass auch die Bilder der 60er und 70er eine Stadt-Elite zeigen und nicht die Mehrheit. Auch aus den 80ern gibt es Fotos von rauchenden Student:innen aus der kommunistisch regierten Zeit. Seitens linker Beobachter wird dann nur allzu gerne versucht, die Zeit vor den Amerikanern als gut zu verklären, gerade so, als wäre alles eine progressive Demokratie gewesen. Dabei gab es auch damals Frauen, die vom Regime drangsaliert wurden, im Gefängnis saßen, gefoltert und getötet wurden. Je nachdem, welchem Spektrum man sich zuordnet, so unterschiedlich fallen dann halt die Analysen aus. Werden Sie wegen ihres Buches und Ihrer Artikel angefeindet? Eher erreichen mich positive Reaktionen. Es gibt das Bedürfnis, zu verstehen, weil man sich bewusst geworden ist, dass viele Erzählungen falsch waren.
Emran Feroz, 1991 in Innsbruck geboren, arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Nahost und Zentralasien, unter anderem für Die Zeit, taz, Al Jazeera und die New York Times. Feroz ist Gründer von „Drone Memorial" (www.dronememorial.com, virtuelle Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer) und Concordia-Preisträger in der Kategorie Menschlichkeit.
Ein leiser Pessimismus erreichte mich auch als Leserin Ihres Buches. Dennoch gibt es Hoffnungsschimmer, beispielsweise angesichts der von ihnen skizzierten Bewegungen „von unten“. Wie sehen Sie das unter den aktuellen Eindrücken? Ich verstehe, dass man bei der Lektüre pessimistisch werden kann, aber ich denke, dass genau diese Graswurzelbewegungen Hoffnung geben dürfen. Auch in diesen Tagen, auch unter dem Talibanregime, werden es diese Bewegungen sein, die den Akteuren an der Macht die Stirn bieten, während sie gleichzeitig konstruktiv ihre Arbeit in den verschiedenen Feldern wie zum Beispiel im Bereich der Bildung durchsetzen. Ich glaube, dass auf dieser Ebene der Bürger:innen bereits viel Dialog, Aufarbeitung und Versöhnung stattgefunden hat. Am Ende wird es auch diese Ebene sein, die hoffentlich das Ruder zur Gestaltung des Landes übernehmen wird. Wir danken für das Gespräch.
Und wie geht es Ihnen ganz persönlich mit der aktuellen Situation? Viele Freunde, Verwandte und Kollegen leben in Afghanistan und viele von ihnen wollten im August und September auch aus dem Land raus. Wenn man es dann nicht schafft zu helfen, wenn man sich irgendwann eingestehen muss, dass man nichts mehr machen kann, ist das schon sehr belastend. Was erzählen Ihnen Ihre Freunde aus Afghanistan? Ich nehme einen breiten Pessimismus wahr. Die Leute verhalten sich unterschiedlich. Die Ortskraft versteckt sich, Studenten werden nicht drangsaliert, aber keiner weiß, wie es weitergeht. Es steht ein harter Winter bevor, eine humanitäre Katastrophe. Ohne ausländische Gelder werden viele Menschen nicht überleben können. Deshalb versuchen immer noch viele, das Land zu verlassen.
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Ein weiteres Narrativ ist das der „westlichen Befreier“, die den Frauen zu mehr Rechten verholfen haben. Auch das eine Mär? Das ist eine sehr beliebte Erzählung, die auch in diesen Tagen immer wieder aufgerollt wird. Abgesehen von den massiven militärischen Operationen seitens der Amerikaner, die nicht nur afghanische Männer, sondern auch Frauen getötet haben, ist die Annahme grundlegend falsch, dass die Regierungsbildung, auf die man sich 2001 fokussiert hat, eine von progressiven Demokraten war. Viel eher haben sich die Amerikaner und die NATO mit brutalen Kriegsverbrechern und fragwürdigen Persönlichkeiten verbündet. Mit Warlords und bekannten Drogenbaronen, die in den 90er Jahren zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen haben und sehr frauenfeindlich eingestellt waren. Also jene, die Frauen massakriert und vergewaltigt haben, sollten plötzlich die Guten sein, nur, weil sie auch zufällig gegen die Taliban waren. 6|
#65 | November 2021
Emran Feroz bei den „Neuen Spielräumen“ am Spielboden in Dornbirn: 18.11.2021, 19:30 Uhr „Afghanistan nach dem Sieg der Taliban“ Vortrag und Diskussion
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