Wer sich nicht mit GPS anfreundet, erweist sich einen BĂ€rendienst.
Biosphere-Chef
Hammer (rechtes Foto li.) gibt
Survival-Tipps
Ein Leben riskierte, wer rauswollte, es nicht aushielt im langen Winter nach dem Prager FrĂŒhling. Dr. Slavomir Findâo ging in den Wald. Der Biologe fand seine Freiheit in der Bergeinsamkeit der Niederen Tatra, in der Gemeinschaft von BĂ€ren, Wölfen, Luchsen und GĂ€msen. DafĂŒr interessierte sich der Sozialismus nicht sonderlich. Das, sagt er, habe sich mit dem Siegeszug des slowakischen Turbo-Kapitalismus eigentlich nicht geĂ€ndert. Was es denn in Euro oder Kronen bringe, sich fĂŒr bedrohte Tiere einzusetzen, wird er oft nach dem Sinn seiner Arbeit gefragt. FĂŒr Wölfe, die das Vieh reiĂen, fĂŒr BĂ€ren, die gern zum ProblembĂ€ren mutieren, und fĂŒr GĂ€msen â so richtig sexy sei das ja wohl gerade nicht.
Und dann machen sich erwachsene Leute aus aller Welt auf den Weg, zurren ihr GepĂ€ck auf den DĂ€chern zweier Land Rover fest, fahren zehn Stunden lang von Bratislava nach Osten, bis die Grenzen zu Polen, zur Ukraine und zu Ungarn nicht mehr weit sind, rollen ihre SchlafsĂ€cke in einem HexenhĂ€uschen am Rand von Krpacovo aus, wo Wintersporthotels noch auf markige Namen wie âPartisanâ hören. An jedem Morgen dieses wieder einmal nicht sehr sommerlichen Sommers schnĂŒren sie die Stiefel,
Wenn plötzlich auffÀllig viele Menschen in den Bergen der Tatra auf der Suche nach Spuren von BÀren und Wölfen herumrennen,steckt mit Sicherheit Biosphere Expeditions dahinter. Und da war unser Reporter Andreas Hub (Text und Fotos) wieder mit von der Partie.
Wer GĂ€msen folgen will, braucht stramme Waden. Denn die ExpeditionsLand-Rover dienen nur als Basislager. Und nach der Bio-Tour gibtâs dann ein frisches Bier bei Luzia in der Chopok-HĂŒtte
MBio-Expedition ultikulti auf
Die Chopok-HĂŒtte auf 2.024 Meter Höhe ist Zwischenstation auf unserem BĂ€renpfad ĂŒber den Dumbier-Gipfel nach Osten
packen Wasser und selbst geschmierte Stullen in den Rucksack, GPS, Fernglas, FunkgerĂ€te und Wanderkarte, aber auch Sonderliches wie Latexhandschuhe und leere PlastiktĂŒten. Und das alles nur, um GĂ€msen oder etwas Ăhnliches zu zĂ€hlen. Sie opfern dafĂŒr ihre Ferien und schreiben hinterher Hymnen wie diese ins Internet-Tagebuch: âDas war das Sinnvollste, was ich in meinem Leben seit Langem getan habe.â
Ugo ist dabei, 17-jĂ€hriger SchĂŒler aus Frankreich, der Biologe werden möchte. Zwei Generationen Ă€lter ist John, ein weiĂbĂ€rtiger israelischer GeschĂ€ftsmann mit ausgeprĂ€gtem Hang zu Wortspielen in englischer Sprache, der immer ein 50
Meter langes Seil mitnimmt, fĂŒr alle FĂ€lle. Clive, der EnglĂ€nder, hĂ€lt den Weltrekord fĂŒr AtlantikĂŒberquerungen im Schlauchboot. Emma, britische IT-Expertin, ist verschwĂ€gert mit dem Musikmagier und U2-Produzenten Brian Eno. Joel, der Versicherungskaufmann aus Basel, muss mal raus aus seinem BĂŒro, die guten Schweizer MilitĂ€rstiefel standen zu lange im Schrank und machen jetzt Blasen. Cathy, Hausfrau aus Dublin, sucht nach traurigen Familienereignissen in den Bergen neue Horizonte, Jerome aus Belgien erdet sich morgens auch auf dem Gipfel mit Tai-Chi. Und Ed ist gerade vom Kampfeinsatz im Irak zurĂŒckgekehrt. Doch davon erzĂ€hlt der Offizier der Royal Air Force erst nach und nach, sehr nachdenklich.
Melanie Schröder, Biologin aus Bremen, leitet die Expedition und hat schon mal ein Jahr lang auf den Malediven gearbeitet. Matthias Hammer, Biologe und GrĂŒnder von Biosphere Expeditions, ist dabei und natĂŒrlich Dr. Slavomir Findâo. Den Direktor der Carpathian Wildlife Society nennen alle Slavo. Gemeinsam untersucht man seit 2003 die Lebensbedingungen der in der Niederen Tatra stark bedrohten GĂ€msen, pro Sommer forschen drei Teams je zwei Wochen.
Biosphere Expeditions ist ein deutschbritisches Joint Venture und unterstĂŒtzt weltweit Projekte zum Artenschutz, bei denen Laien unter Anleitung wissenschaftliche Arbeit leisten können. Und wie geht das bei GĂ€msen? âMan zĂ€hlt etwaâ, erklĂ€rt Slavo, âwie oft die Tiere beim
Fressen den Kopf heben. Drei- bis viermal pro Minute wĂ€re normal, aber bei Stress können es auch 30-mal sein. Dann fressen sie zu wenig, werden schwach und sterben schneller. Aber einmal zu wenig aufgepasst kann auch tödlich sein, wenn ein BĂ€r oder ein Wolf in der NĂ€he ist.â Und warum soll das von Interesse sein? âWeil wir gleichzeitig untersuchen, wie viele Raubtierspuren, also Ăberreste von gerissenen Tieren, Kot, AbdrĂŒcke, Verbiss an BĂ€umen wir im selben Bereich finden â und wie hoch das Touristenaufkommen dort ist. Ăber Jahre können wir dann hoffentlich Wege finden, wie wir die Tiere am besten schĂŒtzen können und ob die Bedrohung durch ihre
Beobachtungsposten (gr. Foto re.) brauchen Geduld. Aber es mĂŒssen BĂ€ren da gewesen sein! Der BĂ€rendreck beweist es und wird deshalb genau vermessen. Die Kratzspuren am Baum dagegen könnten auch vom Bulldozer sein
natĂŒrlichen Feinde, also Raubtiere, stĂ€rker ist â oder durch den Menschen.â
Der Naturpark Nizke Tatry, 1978 gegrĂŒndet, gehört zu den schönsten Gebirgsregionen im Herzen Europas. Die Gipfel sind um 2.000 Meter hoch, die Aussichten auf die Hohe Tatra (bis 2.600 Meter) im Norden sind grandios. Die HĂ€nge nach Norden sind schroff und vom 95 Kilometer langen Kamm der Bergkette fast senkrecht abfallend und dadurch bevorzugtes Revier der GĂ€msen. Nach SĂŒden breiten sich WĂ€lder aus. Die einsamen Wanderwege sind hervorragend markiert, das Gulasch auf den wenigen HĂŒtten ist scharf und wĂŒrzig, das Bier kostet keinen Euro fĂŒr den halben Liter. GedrĂ€nge gibt es kaum âhöchstens vorm Panoramablick-Plumpsklo. Rustikaler Charme ersetzt in der Tatra alpinen Spa- und Lounge-Komfort. Aber bevor wir den GĂ€msen und BĂ€ren hinterhersteigen, lehrt uns Slavo, wie man Wolfs- von Hundespuren unterscheidet. Und wie man erkennt, ob BĂ€rensch⊠frisch ist. Ganz einfach: In die Hand nehmen und dran riechen, dafĂŒr stecken die Latexhandschuhe im GepĂ€ck. Das ist wichtig, denn zu frisch kann heiĂen: zu nah am BĂ€r ⊠von denen gibt es ĂŒbrigens nirgends in Mitteleuropa mehr als in der Niederen Tatra. Neulich hat ein BĂ€r zwei Waldarbeiter schwer verletzt â trotz laufender SĂ€ge. AusfĂŒhrlich lernen wir den Umgang mit dem satellitengestĂŒtzten Navigationssystem GPS. Einerseits mĂŒssen alle Beobachtungen und Funde sorgfĂ€ltig lokalisiert werden, andererseits werden wir abseits aller Wege unterwegs sein. Also wĂ€re es schon gut zurĂŒckzufinden, bevor die Nacht kommt. Falls nicht, hat jede Gruppe Leuchtraketen dabei, Handys helfen nicht weiter.
Nach der Theorie im Basislager, einem hĂŒbschen HolzhĂ€uschen mit Garten, das eine nette Dame sonst an FeriengĂ€ste vermietet, machen wir uns zu einer ersten ernsthaften Beobachtungstour auf den Weg. Es ist windig und kalt auf dem Gipfel, niedrige Wolken und abgestorbene BĂ€ume geben der Landschaft einen geheimnisvollen Charakter. Archaische Szenen erleben wir, als Bauern mit RĂŒckepferden Holz aus dem dichten Wald ziehen. Und der Enzian wĂ€chst im Ăberfluss. Am folgenden Tag kehrt der Sommer zurĂŒck und wir machen uns in Kleingruppen auf den Weg. Jeweils zu dritt suchen wir den Boden nach Spuren und FĂ€hrten ab, schauen nach abgescheuerten Baumrinden â so jucken sich BĂ€ren gern das Fell â und Hinterlassenschaften fĂŒr die PlastiktĂŒten. Da hat aber nur ein Steinmarder sein HĂ€ufchen gemacht â hĂŒbsch blau-lila: Es ist gerade Blaubeerenzeit.
rrweg trotz
GPS-System
Nach einer halben Stunde haben wir uns bereits total verlaufen. Wie richtet man die Karte mit dem Kompass aus? Grad zeigt das GPS natĂŒrlich im 60er System, Minuten auch, aber sind die in 60er oder 100er Einheiten unterteilt? Wo also sind wir? Sind da schon BĂ€ren hinterm Baum? Was nĂŒtzt Slavos sehr vernĂŒnftige ErklĂ€rung beim Mittagessen, dass BĂ€ren mit ihren KrĂ€ften haushalten und auf keinen Fall in praller Nachmittagssonne unterwegs sind? Im Wald stoĂen wir auf zwei moosĂŒberwucherte SteinhĂŒgel, wahrscheinlich SoldatengrĂ€ber, im Zweiten Weltkrieg gab es da schlimme ScharmĂŒtzel zwischen Wehrmacht und Partisanen. Und dann die Wolfsspur, die wir vermessen, fotografieren und mit GPS-Koordinaten erfassen. Unsere anderen GPS-Punkte nennen wir âLost 1â, âLost 2â und âLost 3â. Trotzdem sind wir als Erste wieder am Treffpunkt, auch bei den anderen Teams hört man heraus: Eigentlich haben sich alle verlaufen. GroĂstadtdeppen ⊠Und die Wolfsspur? Slavo zuckt die Achseln: âDa ist jemand mit seinem Hund spazieren gegangen. Aber wissenschaftlich habt ihr alles richtig gemacht âŠâ Womit man sich dann gleich auch fĂŒr höhere Aufgaben empfohlen hĂ€tte. Diese warten auf dem Gebirgskamm zwischen der Durkova-HĂŒtte auf 1.625 Metern und Dumbier, dem höchsten Gipfel der Niederen Tatra mit 2.043 Metern. Zwei Tage und eine Nacht werden
Sind die FÀkalienfunde luftdicht archiviert, plant die Gruppe die nÀchsten Schritte ihrer Expedition ins Tierreich
wir unterwegs sein. Der Weg ist nicht hochalpin, fordert aber Kondition, bei krĂ€ftigen Steigungen, Geröllfeldern und schnellen Wetterwechseln sind gute Wanderstiefel und warme Klamotten hilfreich. Trotzdem wird uns auch hier die notorische Flip-Flop-Fraktion begegnen, natĂŒrlich nabelfrei âŠ
Am Anfang dĂŒrfen wir ein bisschen mogeln â mit offizieller Genehmigung kraxeln unsere GelĂ€ndewagen den Berg hoch. Besonders Biosphere-Boss Hammer hat SpaĂ an Tricks aus der Abteilung âbitte zu Hause nicht nachmachenâ. Bis wie viel Prozent GefĂ€lle kann man den Wagen immer noch auf der Stelle wenden? NatĂŒrlich machen die Wagen ihrem guten Namen alle Ehre, keine Probleme. Trotz Behörden-Okay und allen wichtigen Stempeln stoppen uns zwei Parkranger. Beide sind schwer bewaffnet, denn Wilderei und Holzdiebstahl im groĂen Rahmen sind in dieser Gegend ein ernstes und gefĂ€hrliches Thema.
Auf der HĂŒtte halten wir Lagebesprechung zwischen trocknenden Socken und Papst-PortrĂ€t, dem des Verblichenen, Polen ist nah. Der Raum ist schummrig, auch bei Tag, kein elektrisches Licht und nur kleine Fenster.
Die eine HĂ€lfte der Gruppe wird Quartier nehmen, in Zelten (kalt) oder im Schlafsaal (nicht wirklich gut belĂŒftet) eine sehr kurze Nacht verbringen und dann bereits gegen 3 Uhr morgens aufbrechen, um bei Tagesanbruch ein Gebiet zu observieren, in dem GĂ€msen gern morgens grasen.
Wir anderen werden uns am ersten Tag bis zur Chopok-HĂŒtte auf 2.024 Meter vorarbeiten, am zweiten ĂŒber den
höchsten Gipfel Dumbier weiter nach Osten vorstoĂen, in einem weiten Bogen nach SĂŒdwesten absteigen und 1.000 Meter tiefer wieder mit den anderen zusammentreffen. Wir werden keine BĂ€ren entdecken, keine Wölfe, nicht einmal deren Spuren finden. Und auch die paar GĂ€msensichtungen sind wohl eher ein Fall fĂŒrs gute Fernglas.
service
Andreas Hub war schon fĂŒr uns mit Biosphere Expeditions im Oman unterwegs â auf der Suche nach Leoparden. Der 50jĂ€hrige Fotograf und Autor war besonders davon beeindruckt, wie engagiert und kameradschaftlich ein internationales, in Weltanschauung, Religion und Alter sehr unterschiedliches Team ein gemeinsames Ziel verfolgen kann. Land Rover unterstĂŒtzt
Biosphere Expeditions im Rahmen seiner Initiative Fragile Earth, mit der es rund um den Globus fĂŒr aktiven Umwelt- und Naturschutz auch bei allen TĂ€tigkeiten des Unternehmens eintritt. www.landrover.de
Buchen
Lufthansa fliegt von allen deutschen FlughĂ€fen tĂ€gl. via MĂŒnchen nach Bratislava, ab 208 âą inkl. Steuern. Mit Ryanair gehtâs von Frankfurt-Hahn direkt nach Bratislava, ab 55 âą inkl. Steuern. Biosphere Expeditions wird im Sommer 2008 wieder 3 2-wöchige Termine in der Niederen Tatra an-
Aber das ist typisch fĂŒr alle Biosphere-Expeditionen: Niemand wird sich am Ende beklagen, dass er zu wenig Tiere gesehen hat. Wer mit Biosphere unterwegs ist, bucht eben keine Safari, sondern kommt dorthin, wo es fĂŒr die bedrohten Tiere schon fast zu spĂ€t ist. Das könnte deprimierend sein, liefert aber einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit, auf die Schattenseiten wie auf das Schöne.
Vielleicht ist deshalb dieser Abend auf dem Gipfel von Chopok so besonders. Eine Handvoll Leute sitzt still auf grĂŒn bemoosten Felsen am Gipfelkreuz, freier Blick nach Norden, Osten und SĂŒden, die Sonne geht ĂŒber dem Kamm im Westen unter. Nebel bildet sich ĂŒber dem Tal, und wo es schon dunkelt, ziehen Sterne auf. Ăber einer blau-violetten Wolkenschicht am Horizont verglĂŒht der letzte Nachhall des Sonnenuntergangs und macht der blassen Sichel des abnehmenden Monds Platz. Fast schlagartig wird es empfindlich kalt und wir kriechen in unsere SchlafsĂ€cke. HundemĂŒde zwar, aber am nĂ€chsten Morgen werden wir feststellen: Alle haben noch lange wach gelegen, es gibt Bilder, die lassen einen so leicht nicht los.
bieten: 3.â9. u. 10.â16. Aug. Ab 1.170 âą bei eigener Anreise ab Bratislava, Unterkunft u. volle Verpflegung inbegriffen. Voraussetzungen: gute körperliche Fitness, Englischkenntnisse â und im wahrsten Sinne des Wortes die Bereitschaft, sich die HĂ€nde schmutzig zu machen. Anmeldung, Info, Erfahrungsberichte frĂŒherer Teilnehmer auf www.biosphere-expeditions.org
Insider-Tipp
Wenn es Ihnen möglich ist, sollten Sie unbedingt 2â3 Extratage in Bratislava einplanen. Die barocke Hauptstadt der Slowakei ist es wert. Besonders schön wohnt man am Rand der Altstadt im historischen Stadtpalais âHotel Marrolâsâ (siehe Foto oben), das zu den feinen Small Leading Hotels of the World zĂ€hlt. DZ/F ab 250 âą TobruckĂĄ ul. 4, 81102 Bratislava 1 Slowakei, Tel. 00421/2/ 57 78 46 00 www.hotelmarrols.sk