BiosphereExpeditions
«Solche Erlebnisse sind unbezahlbar» Mit Anfang 50 tauschte der Brite Neil Goodall den Schreibtisch gegen die Wildnis. Mit Biosphere Expeditions fand er als Freiwilliger zwischen Leoparden, Elefanten und Schildkröten einen neuen Sinn im Einsatz für den Artenschutz. KARIN SCHNEEBERGER
NeilGoodall
In Kirgisistan ist auf der Suche nach Schneeleoparden oft Teamwork gefragt.
WANDERLUST
Herr Goodall, vor einigen Jahren fanden Sie sich in einem Käfig mitten in der Wildnis Namibias wieder, in der Hand den stinkenden Kadaver einer Gazelle. Wie kam es dazu? Als ich Anfang 50 war, hatte ich ein stressiges Leben. Als Finanzdirektor einer öffentlichen Einrichtung und Vater von zwei Kindern war ich vielbeschäftigt. Doch etwas fehlte: Ich sehnte mich nach der Natur, insbesondere nach dem Kontakt zu Wildtieren. Also unternahm ich eine Safari in der Serengeti, allerdings nur fünf Tage. Zusammen mit anderen Touristen wurde ich eingepfercht in einen Jeep zu Zebras, Giraffen und Löwen gefahren. Doch alles wirkte irgendwie etwas künstlich. 2010 hörte ich dann im BBC Radio von der Möglichkeit, als Freiwilliger in Namibia mit Leoparden zu arbeiten. Da wusste ich: Das ist es! Nur vier Monate später verfolgte ich die Spuren eines Leoparden im Sand, nicht als Tourist, sondern für die Wissenschaft. Oder ich bestückte eine Falle mit einem Stück Wild als Köder für Grosskatzen. Also keine Safaris mehr? Natürlich habe ich während meiner Expedition viele Tiere gesehen – Giraffen, Springböcke, Gnus – aber die Haupttätigkeit war es, Daten aufzunehmen. Leoparden hatten in Namibia bei den Bauern einen schlechten Ruf. Es hiess, sie würden ihre Nutztiere reissen. Ein Projekt von Biosphere Expeditions wollte diese Vorurteile bekämpfen, und das auf wissenschaftliche Art und Weise. Dabei waren die Forscher auf Freiwillige angewiesen, denn Leoparden sind scheu und nur schwer aufzuspüren. Mit einem ganzen Team an motivierten Natur-
Links: Hautnahe Begegnung mit einem Nashorn in Malawi.
enthusiasten kann man jedoch ein grosses Gebiet abdecken. Wir waren zu Fuss und per Auto unterwegs und völlig frei – so nahe an Kudus und Warzenschweinen, dass wir die Tiere riechen konnten. Wenn man dann einmal das Glück hat, einen Leoparden zu sehen oder gar in einer der Fallen zu fangen, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl!
Seetauglichkeit gefragt. Einigen der Teilnehmer wurde bei Wellengang schlecht. Aber selbst das war oft schnell vergessen, sobald die Schwanzflosse eines Wals direkt neben dem Boot auftauchte. Einmal konnten wir sogar sechs Orcas beobachten, die nur wenige Meter neben uns miteinander spielten. Solche Erlebnisse sind unbezahlbar!
Den ganzen Tag in der Wildnis herumzulaufen, klingt aber auch ganz schön anstrengend. Es ist harte Arbeit, das kann man sagen. Aber die Befriedigung, am Abend völlig fertig im Bett zu liegen, um einen herum die Geräusche der Natur, nachdem man sich mit Gleichgesinnten zu den Erlebnissen des Tages ausgetauscht hat, im Wissen, wirklich etwas zum Schutz von bedrohten Tieren beigetragen zu haben – das ist sehr erfüllend. Dafür nehme ich verschwitzte Hemden und Blasen an den Füssen gerne in Kauf.
Sind so nahe Begegnungen mit Tieren als Laie nicht gefährlich? Eines hat mich bei Biosphere Expeditions immer beeindruckt: Der Spagat zwischen Abenteuer und Sicherheit. Letzteres steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Erst danach kommen Wissenschaft und Erlebnisdrang. Man wird gut eingearbeitet, stets mehr als ausreichend verpflegt, und ist nie alleine unterwegs. Letzteres ist besonders für Personen, die ihren Urlaub alleine planen und verbringen, ein grosser Vorteil. Man lernt immer neue Leute aus verschiedenen Ländern kennen, die alle dieselbe Leidenschaft haben. Das Gefährlichste, was ich bei allen Expeditionen erlebt hatte, war, dass mir ein junger Elefant in Thailand eine Banane aus der Hand geschnappt hat.
Muss man also sportlich sein, um an solchen Expeditionen teilzunehmen? Nein, ich bin ja selbst nicht der sportliche Typ. Die Expeditionen, die nach Namibia folgten, waren alle ganz unterschiedlich in den Anforderungen. Auf den Azoren zum Beispiel verbrachte ich den ganzen Tag auf dem Boot, um nach Walen und Delfinen Ausschau zu halten. Der einzige Fussweg war zum Bootssteg und zurück. Dafür war
Wie kamen Sie einem so grossen Tier wie einem Elefanten so nahe? Bei dem Projekt ging es darum, das Verhalten von Elefanten in ihrer natürlichen Umgebung zu studieren. Elefanten werden in
ZUR PERSON Neil Goodall (68) ist pensionierter Buchhalter und Reiseenthusiast aus Grossbritannien. Vor 16 Jahren fand er in der internationalen Freiwilligenarbeit eine Passion, die ihn nicht nur an entlegene Ecken der Welt brachte, sondern ihm auch einen grossen Freundeskreis an Gleichgesinnten einbrachte.
TIERWELT 25/2025
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