WELT AM SONNTAG

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HIGH 5 –

STILTIPPS DER WOCHE

ZUSAMMENGESTELLT VON MARIA-ANTONIA GERSTMEYER

POSTHUME PARTY

Obwohl David Lynch vor allem als Filmemacher berühmt wurde, verstand er sich selbst stets als bildender Künstler. Die Berliner Pace Gallery Berlin zeigt nun Skulpturen, Gemälde, Fotografien und frühe

Kurzfilme – ein Vorgeschmack auf eine große Retrospektive im Herbst in Los Angeles. Die Ausstellung eröffnet am 29. Januar, ziemlich genau ein Jahr nach seinem Tod und nur wenige Tage, nachdem er seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte.

DANISH DYNAMITE

Länder, in denen es tendenziell eun bisschen kälter ist, verkaufen Tee gleich glaubwürdiger. Bei Østerlandsk taucht man zusätzlich in eine dänische Märchenwelt ein, in der Tees nach Hans Christian Andersen benannt sind oder sich auf Drachen beziehen, das inoffizielle Machtsymbol von Dänemark, irgendwo zwischen Wikingermythos und Staatsräson. Schmeckt schön scharf. 22 Euro.

Bei Minusgraden draußen wundert man sich als NichtHundebesitzer stets, wieso Hunde keine Jacken oder gar Mäntel anhaben, wo die Tiere im Winter doch genauso frieren wie die Menschen. Erstaunlicherweise haben nur wenige Designer Hundebekleidung im Sortiment. Top gekleidet sind die Vierbeiner mit einer Kollektion von Giorgio Armani und Poldo. Ab 180 Euro.

Die vierte Staffel von „White Lotus“ über die Nöte von Luxusurlaubern erscheint erst nächstes Jahr, doch die Kulisse steht schon fest: Es geht nach St. Tropez an die Côte d’Azur. Gedreht wird im Château de La Messardière, einem Grandhotel aus dem 19. Jahrhundert. Und wo Suiten bis zu 8000 Dollar pro Nacht kosten, dürften die Figuren der Gäste umso spannender ausfallen.

Das Deutsche Design Museum – keine dröge Institution, sondern ein Projekt des Berliner Möbelunternehmers Rafael Horzons –widmet sich dem großen Puristen des Produktdesigns: Dieter Rams. Gezeigt werden moderne Klassiker vom legendären Radio SK 4 bis zum Regalsystem 606. Eine Hommage an einen Meister der Reduktion und der Präzision, dessen Entwürfe unsere Vorstellung von gutem Design geprägt haben. Bis 14. März.

VON ASCHAU IN DIE WELT

Legt man den Kopf in den Nacken, erblickt man hoch oben das Schloss Hohenaschau. Schweift der Blick nach links, erblickt man die Kampenwand. Wer zum ersten Mal auf dem Parkplatz vor dem Headquarter der Möbelfirma Nils Holger Moormann in Aschau steht, ist von der Kulisse ebenso beeindruckt wie von der Tatsache, dass in dieser 5500-Einwohner-Gemeinde im bayerischen Chiemgau, die vornehmlich als Altersruhesitz des 2005 verstorbenen Schauspielers Hans Clarin (die Stimme von Pumuckl) bekannt ist, seit 40 Jahren deutsche Design-Geschichte geschrieben wird. Diese strahlt von hier aus in die Welt – bis nach Südkorea, wo es eine eingeschworene MoormannFangemeinde gibt.

ANNEMARIE BALLSCHMITER

Moormann steht für Möbel aus Holz oder Metall, die auf jedes Dekor verzichten, radikal in der Reduktion aufs Wesentliche sind und doch oft mit einem Augenzwinkern daherkommen. Nicht nur, aber auch, was ihre Namensgebung betrifft. Da gibt es ein Bett namens „Siebenschläfer“, ein Daybed heißt „Tagedieb“, ein Hocker „Strammer Max“, ein Stehpult „Der kleine Lehner“. Oft weisen die Namen auf die besondere Idee hin, die hinter oder vielmehr in dem Objekt steckt: „Der kleine Lehner“ lehnt tatsächlich an der Wand, der „Stramme Max“ bekommt seine Stabilität durch ein stramm gedrehtes Seil. Das populärste Möbel in der Kollektion ist zugleich eines der ältesten – und der zurückhaltendsten: das Regalsystem FNP (die Abkürzung für Flächennutzungsplan – wieder so ein Augenzwinkern), das der deutsche Designer Axel Kufus 1989 entworfen hat. Man findet es in Villen in Berlin-Zehlendorf und in Buchläden in Freiburg. FNP besteht aus beschichtetem Birkensperrholz oder MDF sowie Aluminiumschienen. Die raffiniert-reduzierte Konstruktion macht Werkzeug beim Aufbau überflüssig, außerdem ist das Regal beliebig erweiterbar, man kann mit ihm Türen überbauen und es über Eck fortführen. „Wir können fast alles machen, es an jeden Raum anpassen. Und wir sind schnell“, sagt Teresa Straßer, die die Kundenbetreuung leitet. FNP ist – neben dem Siebenschläfer-Bett – der Bestseller im Portfolio. Und klar, es ist natürlich auch in den Büros in Aschau installiert, die sich im ersten Stock über dem Showroom in einer alten Reithalle mit Betonboden und schulterhoher dunkelbrauner Holzvertäfelung befinden. Ein Gebäude weiter, im ehemaligen Stall, werden in den Pferdeboxen ebenfalls Möbel gezeigt. Reithalle und Stall hatte der letzte Schlossbesitzer Freiherr zu CramerKlett Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit einer Festhalle errichten lassen. Die Bauten wurden nie richtig fertiggestellt und standen von 1910 bis 1997 leer. Bis Nils Holger Moormann in den runtergerockten Gemäuern sein Headquarter einrichtete. Im Eingang sind die Wände mit zig Verbrecherkarteifotos von Designern, Geschäftspartnern und anderen Freunden des Hauses behängt, der Flur im ersten Stock – vor allem die Decke – mit gerahmten Urkunden der zahlreichen Auszeichnungen und Designpreise gepflastert, die die Moormann-Stücke in den vergangenen Jahrzehnten abgeräumt haben.

PRODUZENTEN AUSSCHLIESSLICH IN „RADLDISTANZ“ Wie alle Moormann-Möbel wird das FNP-Regal in kleinen Handwerksbetrieben im Chiemgau hergestellt. Alle Werkstätten, mit denen der Möbelverlag zusammenarbeitet, befinden sich in einem Umkreis von 40 Kilometern von Aschau. „Radldistanz“ nennt Christian Knorst das Regional-Prinzip, das fest in der Moormann-DNA verankert ist – also lange, bevor es schick wurde. Knorst hat vor gut fünf Jahren das Unternehmen von Namensgeber Nils Holger Moormann übernommen, der die Firma 1982 gegründet hatte und sich aus Altersgründen zurückziehen wollte. Dass der Gründer sein Lebenswerk nicht einfach

Aus einem Stück Alublech gefertigt: Der „Pressed Chair“ von Harry Thaler

Ohne Werkzeug montierbar: Das modulare „FNP“-Regal von Axel Kufus ist das bekannteste Moormann-Möbel und seit Jahrzehnten ein Bestseller

an eine andere Möbelfirma verkauft hat – Interessenten gab es wohl einige –, sondern an einen Branchenfremden (Knorst ist Jurist wie Moormann) übergab, kann man wohl als typische Moormann-Geste verstehen. Knorst, der das 30-Mitarbeiter-Unternehmen inzwischen gemeinsam mit Co-Geschäftsführer Robert Christof (Marketing und Vertrieb) führt, wollte von Anfang an den besonderen Moormann-Spirit erhalten. Und das ist ihm gelungen. Dazu gehört nicht nur, dass der Firmensitz samt Produktentwicklung und Logistikzentrum in Aschau bleibt – inzwischen gibt es auch ein Büro samt Showroom im 80 Kilometer entfernten München –, den Namen „Nils Holger Moormann“ möchte Christian Knorst ebenfalls beibehalten und nicht auf „Moormann“ verkürzen. Darauf besteht er, auch wenn das immer

Raffinierte Reduktion, eine Prise Humor und radikale Regionalität: Mit diesem Konzept ist das Chiemgauer Möbelunternehmen Moormann weit über Deutschland hinaus erfolgreich –auch in Südkorea

Christian Knorst (Inhaber) und Robert Christof, (Co-Geschäftsführer)

wieder für Nachfragen sorgt. Für ihn gehört der volle Name des eigenwilligen Firmengründers zur Markenidentität. Außerdem liebt er das Logo: ein kleines schwarzes Quadrat, auf dem rechts unten treppenförmig die Worte Nils Holger Moormann angeordnet sind, ein Entwurf von Moormanns Frau Silke. Ein ebenso wichtiger Teil der Markenidentität ist der Prozess, wie Möbel in die Kollektion aufgenommen werden: Jeder, egal ob renommierter Gestalter, Student oder Fachfremder, kann bei Moormann seine Idee einreichen. Digital oder per Post, als Rendering, Modell oder Serviettenskizze. Rund 350 Produktvorschläge gehen jedes Jahr ein. Alle paar Wochen trifft sich das Team zur Sichtung der – ganz wichtig: anonymisierten – Vorschläge. Dann wird diskutiert, debattiert, gerungen. „Am schönsten ist es, wenn es Streit gibt“, sagt Pro-

duktentwickler Moritz Schmidt. „Die Idee muss innovativ sein, muss uns flashen, sie braucht ein Augenzwinkern. Und sie muss auch produzierbar sein.“ Polstermöbel beispielsweise könnten sie nicht umsetzen, weil sie keinen Polsterer in ihrem Netzwerk hätten. In der nächsten Phase werde dann an ausgewählten Ideen gearbeitet. Manchmal scheitert eine Produktentwicklung am Ende an den Kosten und dem Preis, der daraus resultieren würde. „Das sind dann die schlimmsten Absagen“, so Schmidt. Auf diese Weise schafft es jedes Jahr meist nur ein neues Möbel in die Kollektion.

REDUKTION, ROHHEIT, EINFACHHEIT

Marie Luise Stein war noch Design-Studentin an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, als sie ihren Entwurf einreichte: ein modulares Wandregal mit schwarzen Sperrholzböden, die durch schmale Stangen miteinander verbunden sind. Dreieinhalb Jahre später kam das „Liesl“ genannte Regal im Frühjahr 2025 schließlich auf den Markt. Mit Böden aus unbehandeltem Aluminium und Stangen aus Edelstahl in jeweils vier unterschiedlichen Längen, um ein Maximum an Flexibilität zu ermöglichen. Nur die oberen Stäbe werden mit Montageköpfen an der Wand befestigt. „Ich kannte Moormann-Möbel aus meinem familiären Umfeld. Sie haben mich durch ihre Reduktion fasziniert“, sagt Stein. „Kein Element ist Dekoration, jedes trägt etwas zum Produkt bei. Gleichzeitig fand ich diese gewisse Lockerheit immer sehr charmant.“

„Wir stehen für das Reduzierte. Eine gewisse Rohheit, Einfachheit“, sagt auch Christian Knorst. Und so werden bestehende Kollektionsteile hinterfragt. Das kann dazu führen, dass Tischplatten nicht mehr mit Laminat beschichtet werden, sondern mit Linoleum, das eine Patina entwickelt. Gebrauchsspuren sind also durchaus erwünscht. Für Christian Knorst hat das etwas mit „Charakter“ zu tun. Den soll auch das leicht asymmetrische SiebenschläferBett entwickeln dürfen, dessen vier Seitenteile einfach nur ineinander gesteckt werden: Es wird jetzt auch aus unbehandeltem MDF angeboten. Auf der Website „Salone di Aschau“ verkauft Moormann inzwischen auch BWare mit kleinen Schönheitsfehlern und „pre-loved“, also Secondhand-Möbel. Unter dem Namen „Salone di Aschau“ – eine Anspielung auf die wichtigste Möbelmesse der Welt, den Salone del Mobile in Mailand – fand im Sommer 2024 zudem ein zweitägiges Event

Das Aluregal „Liesl“ von Marie Luise Stein ist ein sehr erfolgreicher Neuzugang im Portfolio (o.). Unten der Hocker „Strammer Max“ (Haus Otto)

am Firmensitz statt, bei dem unter anderem gleich gesinnte Unternehmen wie Tecta, Loehr oder Mono und Designstudenten in den Pferdeboxen ihre Objekte zeigten. Abgerundet wurde das Ganze mit einer Bergwanderung. Von konventionellen Messen hält sich das Aschauer Unternehmen seit 2012 fern. Da hatte sich Nils Holger Moormann, der stets mit dem Camper zum Salone in Mailand anreiste, so sehr über die Standvergabepolitik der Messegesellschaft geärgert, dass er auf künftige Auftritte verzichtete. Noch so ein Punkt, in dem die beiden neuen Chefs den Ideen des Firmengründers treu bleiben. Der nächste Salone di Aschau wird sehnsüchtig erwartet.

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WELT AM SONNTAG by Nils Holger Moormann - Issuu