Kapitel 1 Januar 1883 Michigan
E schlafen.
s war so weit. Die betrunkenen HolzfÀller waren endlich einge-
Lily Young schaute durch die dunklen Schatten der frĂŒhen Morgenstunde zu dem Balkon hinauf, der einmal rund um das Bordell fĂŒhrte. Er war höher als gedacht. Nur gut, dass sie ein Seil mitgebracht hatte. Sie bewegte ihre steifen Finger, die in FĂ€ustlingen steckten, und richtete den Blick zum wolkenlosen Himmel hinauf. Die letzten Sterne verblassten gerade. Beim ersten Tageslicht wĂŒrde die HolzfĂ€llerstadt zum Leben erwachen. Und bald wĂ€ren in den WĂ€ldern wieder die Ăxte und SĂ€gen der HolzfĂ€ller zu hören, da diese fĂŒr ihre schwere Arbeit jede Minute Tageslicht nutzen mussten. Wenn ihr Rettungsplan gelingen sollte, hieĂ es also jetzt oder nie. Aber wo war Edith? Lily trat von dem GebĂ€ude zurĂŒck und lieĂ ihren Blick ĂŒber die Fenster im ersten Stock wandern. Erst gestern hatte sie dem jungen MĂ€dchen in die Augen geschaut, die TrĂ€nen darin gesehen und den Fluchtplan mit ihr abgesprochen. Hatte es sich das MĂ€dchen plötzlich anders ĂŒberlegt? Ein Fenster ging knarrend auf. Bei jedem langsamen Zentimeter, den es sich bewegte, Ă€chzte der Holzrahmen wie ein Sterbender, der nach Luft ringt. Ein nackter FuĂ schob sich durch die Ăffnung, gefolgt von einem schlanken, nackten Bein. Lily atmete so tief aus, dass sich eine weiĂe Dampfwolke vor ihrem Gesicht bildete. âGutâ, flĂŒsterte sie. Sie rettete wieder ein Menschenleben aus dieser schrecklichen Hölle. Ja, es war nur ein einziges Menschenleben. Und es war nicht das ihrer Schwester. Aber es war trotzdem ein Menschenleben, das gerettet werden musste. Wie könnte sie tatenlos zusehen und nichts unternehmen? 5