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Kapitel 1 Januar 1883 Michigan

E schlafen.

s war so weit. Die betrunkenen Holzfäller waren endlich einge-

Lily Young schaute durch die dunklen Schatten der frühen Morgenstunde zu dem Balkon hinauf, der einmal rund um das Bordell führte. Er war höher als gedacht. Nur gut, dass sie ein Seil mitgebracht hatte. Sie bewegte ihre steifen Finger, die in Fäustlingen steckten, und richtete den Blick zum wolkenlosen Himmel hinauf. Die letzten Sterne verblassten gerade. Beim ersten Tageslicht würde die Holzfällerstadt zum Leben erwachen. Und bald wären in den Wäldern wieder die Äxte und Sägen der Holzfäller zu hören, da diese für ihre schwere Arbeit jede Minute Tageslicht nutzen mussten. Wenn ihr Rettungsplan gelingen sollte, hieß es also jetzt oder nie. Aber wo war Edith? Lily trat von dem Gebäude zurück und ließ ihren Blick über die Fenster im ersten Stock wandern. Erst gestern hatte sie dem jungen Mädchen in die Augen geschaut, die Tränen darin gesehen und den Fluchtplan mit ihr abgesprochen. Hatte es sich das Mädchen plötzlich anders überlegt? Ein Fenster ging knarrend auf. Bei jedem langsamen Zentimeter, den es sich bewegte, ächzte der Holzrahmen wie ein Sterbender, der nach Luft ringt. Ein nackter Fuß schob sich durch die Öffnung, gefolgt von einem schlanken, nackten Bein. Lily atmete so tief aus, dass sich eine weiße Dampfwolke vor ihrem Gesicht bildete. „Gut“, flüsterte sie. Sie rettete wieder ein Menschenleben aus dieser schrecklichen Hölle. Ja, es war nur ein einziges Menschenleben. Und es war nicht das ihrer Schwester. Aber es war trotzdem ein Menschenleben, das gerettet werden musste. Wie könnte sie tatenlos zusehen und nichts unternehmen? 5


Besonders da ihre eigene Schwester irgendwo in diesem Land das gleiche Schicksal erlitt. Das junge Mädchen kletterte aus dem Fenster. Es trat einen Schritt vor, dann blieb es stehen und legte die Arme um sein Mieder. Das Mädchen hatte nur seine Unterwäsche an und zitterte wie ein dürrer Zweig in einem Wintersturm. „Edith. Hier“, rief Lily leise. „Ich bin hier drüben.“ Das Mädchen schlich auf Zehenspitzen zum Rand des Balkons und beugte sich zu Lily hinab. Ihre Augen waren vor Angst ganz groß. „Es läuft alles nach Plan. Alle schlafen noch.“ Lily wickelte ihr Seil ab. „Binde das freie Ende ans Geländer.“ Sie warf dem Mädchen das Seil hinauf. Mit zitternden Händen wickelte Edith es um einen Pfosten, warf dabei aber die ganze Zeit ängstliche Blicke hinter sich zum geöffneten Fenster. „Alles wird gut“, flüsterte Lily. „Konzentrier dich bitte.“ Dem Mädchen gelang es, sich über das Geländer zu schwingen. Mit zittrigen Bewegungen kletterte sie an dem Seil hinab, bis Lilys ausgebreitete Arme sie erreichten und ihr das letzte Stück nach unten halfen. Als die Füße des Mädchens schließlich den festgetretenen Schnee berührten, griff Lily nach dem groben Sack, den sie in einer Schneewehe zurückgelassen hatte, und wühlte darin nach den Sachen, die sie für Edith mitgebracht hatte. „Schnell. Zieh das hier an.“ Sie reichte Edith ein paar Schuhe und wickelte dem Mädchen dann eine Decke um die Schultern. „Verflucht seien die Männer, die meinen, Frauen wären nicht besser als Vieh“, brummte Lily. Der Kneipenbesitzer hatte den Mädchen ihre Mäntel und Schuhe weggenommen, um sie daran zu hindern wegzulaufen. Natürlich wollten nicht alle Prostituierten ihr entwürdigendes Leben verlassen. Aber Edith hatte sie auf den ersten Blick angesehen, dass es dem Mädchen elend ging. Genauso elend wie ihrer Schwester. Lily legte einen Arm um Edith. Wenn sie Daisy nur finden könnte! Während der letzten Wochen, in denen sie in Farwells einzigem 6


Hotel gewohnt hatte, das keinen Alkohol ausschenkte, hatte Lily nichts unversucht gelassen, um ihre Schwester in den örtlichen Kneipen und Bordellen ausfindig zu machen. Doch nachdem sie einige Prostituierte wie Edith befragt hatte, wusste sie jetzt, dass Daisy nicht in Farwell gewesen war. Keiner der Holzfäller, mit denen sie gesprochen hatte, hatte eine Frau gesehen, auf die die Beschreibung ihrer Schwester passte. Und sie hatte im letzten Monat mit vielen Holzfällern gesprochen. Schließlich hatte sie bei den Fotoaufnahmen in den Holzfällerlagern hier in der Gegend geholfen. Kufen knirschten über die vereiste Straße und das Klirren eines Pferdegeschirrs ertönte. Lily rutschte das Herz in die Hose. Leise trat sie an die Seite des Gebäudes und zog Edith neben sich. Sie hielt die Hand warnend an die Lippen. „Wenn Big Joe mich findet, schlägt er mich.“ Die Stimme des Mädchens zitterte. „Bleib direkt neben mir“, flüsterte Lily. „Ich lasse nicht zu, dass dir etwas zustößt.“ Der Schlitten fuhr langsam die breite Hauptstraße der schlafenden Holzfällerstadt hinunter. Im Licht der Morgendämmerung konnte Lily den gebeugten Rücken des Fahrers erkennen. Erleichtert atmete sie aus und drückte Ediths Arm. „Es ist alles gut. Das ist Oren.“ Lily trat aus dem Schatten des Gebäudes und winkte dem Schlittenfahrer. Der Schlitten kam so rutschend zum Stehen, dass die Kameraausrüstung, die auf dem hinten angebundenen Materialschlitten gestapelt war, wackelte. Unter einer schwarzen Melone zogen sich Orens buschige Augenbrauen zu einem dunklen V zusammen. Er schüttelte den Kopf und murmelte: „Was zum Kuckuck hast du jetzt schon wieder angestellt?“ „Edith braucht jemanden, der sie aus der Stadt bringt“, erklärte Lily. „Und da wir heute aufbrechen, dachte ich mir, wir könnten sie mitnehmen.“ „Mädchen, du bringst mich noch ins Grab.“ Sie wusste, dass Oren sich noch gut an die Rettungsaktion im letzten Monat drüben in der Nähe von Averill erinnerte, bei der es zu einer Verfolgungsjagd gekommen war, in deren Verlauf mehrere 7


Schüsse auf sie abgefeuert worden waren. Sie tätschelte seinen Arm. „Wenn du dich jetzt nicht aufregst, schaffen wir es, aus der Stadt zu verschwinden, ohne dass uns jemand hört.“ Wieder knurrte Oren etwas. Zum Glück dämpfte sein großer Walross-Schnurrbart seine Worte. Lily half Edith in den Schlitten und wickelte eine dicke Büffelfelldecke um sie. Sie strich dem Mädchen seine zerzausten Haare aus dem Gesicht. Die schweren Locken mussten dringend gewaschen und kräftig gebürstet werden. „Dir wird jetzt nichts mehr passieren.“ Sie bedachte das Mädchen mit dem gleichen Lächeln und den gleichen beruhigenden Worten, mit denen sie früher ihre Schwester in den vielen dunklen, einsamen Nächten zu trösten versucht hatte. Damals hatte es nur sie beide gegeben und sie war die Einzige gewesen, die die Knoten aus Daisys Haaren gekämmt hatte, die sie festgehalten und die Tränen von ihren Wangen gewischt hatte. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie immer gleichzeitig Vater und Mutter für Daisy sein müssen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Wer wischte jetzt Daisys Tränen weg? Ein eiskalter Windstoß fuhr unter Lilys Kragen und streifte über ihren Rücken. Sie erschauerte und zog ihren Mantel enger um sich. Aber ihre Schuldgefühle hatten sie wie kalte Klauen gepackt und ließen sie nicht mehr los. Wie hatte sie es so weit kommen lassen können? Es war immer ihre Aufgabe gewesen, ihre kleine Schwester zu beschützen und dafür zu sorgen, dass sie in Sicherheit und glücklich war. Wie hatte sie nur so furchtbar versagen können? Lily stieg in den offenen Schlitten und zog die Decke unter Ediths zitterndem Kinn enger. Sie streichelte dem Mädchen über die Wange. „Jetzt ist alles vorbei.“ Das Mädchen nickte, aber ihr Blick zuckte zu dem offenen Fenster zurück, wo der Zipfel eines zerschlissenen Vorhangs durch die Öffnung wehte und fast aussah wie ein gekrümmter Finger, der Edith aufforderte zurückzukommen. „Wenn der Koch ins Horn bläst, um alle zum Mittagessen zu rufen“, sagte Lily leise, „bist du schon sicher in deinem neuen, warmen Zuhause.“ 8


Zuhause. Bei diesem Wort zog sich Lilys Kehle zusammen. Wenn nur jemand Daisy und sie damals gerettet hätte! Wenn nur Daisy und sie ein richtiges Zuhause hätten haben können! Und eine richtige Familie. Vielleicht wäre Daisy dann nicht weggelaufen. Lily senkte den Kopf, um die plötzlichen Tränen auf ihren Wangen, die die bitterkalte Januarluft schon abgekühlt hatte, zu verstecken. Das Zuknallen einer Tür irgendwo auf der Straße hallte in der Stille der Morgendämmerung wider, und sie quetschte sich schnell auf den Sitz. „Wir müssen los.“ Sie richtete den Blick geradeaus. Oren knurrte. „Da ich jetzt wie eine Essiggurke in ein Glas eingequetscht bin, brauche ich das nicht mehr.“ Bevor Lily widersprechen konnte, schob er seine Büffelfelldecke von seinem Schoß und warf sie ihr zu. Sie fing den schweren Pelz auf und ein Hauch von süßem Tabak stieg ihr in die Nase. Natürlich rauchte Oren seine Maiskolbenpfeife nicht so früh am Morgen, aber wenn die Sonne erst einmal über den Wipfeln der Weymouthskiefern stand, sah man den alten Mann selten ohne seine Pfeife. „Du brauchst die Decke doch selbst.“ Lily schob ihm die Decke zurück. Nur weil sie Edith mit ihrer Decke zugedeckt hatte, bedeutete das nicht, dass Oren frieren musste. Oren ignorierte ihren ausgestreckten Arm und hob die Zügel. „Ich habe eine dickere Wärmeschicht als ein Bär vor dem Winterschlaf.“ „Ich habe das alles gemacht. Also trage ich die Verantwortung.“ Sie hielt ihm steif die Decke hin. Er ließ die Zügel schnalzen und der Schlitten fuhr holpernd los. „Wenn heute Morgen jemand ein warmes Fell braucht, dann ihr zwei dünnen Bohnenstangen. Besonders, da ich jetzt einen Umweg machen und deine neue Freundin bei Molly May absetzen muss.“ Lily lehnte sich zurück und zog die Decke über ihren Schoß. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Obwohl er wie üblich knurrte, hatte sie gewusst, dass er ihr helfen würde. Er half immer. Oren schaute sie über Ediths Kopf hinweg an. Bewunderung lag in seinem Blick. Und noch etwas anderes. Etwas viel Sanfteres. Er 9


würde es nie laut aussprechen, aber Lily wusste, dass er ihren Kummer verstand und alles tun würde, um ihr zu helfen. „Danke“, flüsterte sie. „Du brauchst dich nicht zu bedanken“, brummte er. „Ich lasse dich in der nächsten Stadt schwer schuften, um die verlorene Zeit wieder wettzumachen.“ „Ich schufte immer schwer. Das weißt du. Außerdem hättest du nur halb so viele Kunden, wenn ich diese Holzfäller nicht vor deine Kamera schleifen würde.“ Seine einzige Antwort war ein brummendes Schnauben. Dieses Mal lächelte sie über das ganze Gesicht. Sie hatte vielleicht keine richtige Familie, aber sie hatte einen guten Freund. Dafür konnte sie Gott nicht genug danken. Und sie konnte Gott nicht genug dafür danken, dass er ihr geholfen hatte, wieder einem armen jungen Mädchen das Leben zu retten. Wenn Jesus es in seiner Zeit auf der Erde zu seiner Mission gemacht hatte, verlorene Menschen zu retten, konnte sie doch wohl kaum etwas anderes machen. Außerdem machte ihr die Tatsache, dass sie Edith hatte entführen können, Hoffnung, dass sie eines Tages irgendwo, irgendwie auch ihre Schwester finden würde. Und dann würde sie sie retten oder bei dem Versuch ihr Leben lassen.

WW Lily stapfte die Holzstufen zum Hotel hinauf und las die Großbuchstaben, die über die Tür geschrieben waren: Northern Hotel. Erbaut 1881. Von den vier Hotels in Harrison war das Northern Hotel das einzige mit Alkoholverbot. Sie betete, dass sie noch zwei freie Zimmer hatten. Sie weigerte sich, in einem Haus zu wohnen, in dem der Alkohol in Unmengen floss. Lieber würde sie ein Zelt aufschlagen und im Wald schlafen, als das Trinken und Zechen zu unterstützen, das in zu vielen Hotels in den Holzfällerstädten üblich war. Selbst wenn das bedeutete, dass sie erfrieren oder es mit einem Rudel Wölfe aufnehmen müsste. Sie konnte es nicht erwarten, aus der Kälte herauszukommen. Die 10


Temperaturen lagen weit unter dem Gefrierpunkt. Nachdem sie fast den ganzen Tag von Midland, wo sie Edith in den fähigen Händen von Molly May in ihrem Heim für junge Mädchen zurückgelassen hatten, bis nach Harrison gefahren waren, war Lily steifer und kälter als die langen Eiszapfen, die von den schiefen Dachvorsprüngen über ihrem Kopf hingen. Mit entschlossen zurückgeworfenen Schultern schob sie die Tür auf. Ein Schwall warmer Luft kam ihr entgegen, zusammen mit dem Geruch von Holzrauch und verkochten Bohnen. Bevor sie die Tür zuschieben konnte, wehte ein kalter Windstoß mit ihr in den Raum. Sie schob ihre Kapuze nach unten und zog mit den Zähnen die schneebedeckten und hart gefrorenen Fäustlinge von ihren tauben Fingern. Dann steckte sie die Fäustlinge in ihre Manteltasche. Erst jetzt fiel ihr auf, wie still es im Raum geworden war. Mehrere Petroleumlampen hingen von der Decke und warfen ihr schwaches Licht auf zwei lange Tische, die zur Hälfte mit großen, kräftigen Männern besetzt waren, deren Gabeln auf ihren mit Bohnen, Bratkartoffeln und Pökelfleisch beladenen Blechtellern erstarrt waren. Ein Dutzend Augenpaare waren auf sie gerichtet. Lily nickte kurz. „Guten Abend.“ Dann entdeckte sie die Person, die sie suchte: Die Wirtin kam mit einer dampfenden Kaffeekanne in jeder Hand aus der Küchentür. „Meine Güte! Wen haben wir denn da?“ Die kräftige Frau blieb abrupt stehen. Ihr Gesicht war fast so rot wie rohes Rindfleisch. Wahrscheinlich war es von dem großen Herd, den Lily in der Küche sah, aufgeheizt. „Guten Abend“, sagte Lily wieder, dieses Mal zu der Frau. So wie alle sie anstarrten, hätte man glauben können, sie wäre die erste junge Frau, die diese Männer in ihrem Leben zu Gesicht bekamen. Aber Lily wusste es besser! Leider gab es viel zu viele Frauen wie Edith, die in den Holzfällerstädten lebten und arbeiteten. Lily wusste, dass sie eine Seltenheit war, aber nur in der Hinsicht, dass sie nicht in ihrer Unterwäsche auf dem Tisch tanzte. „Ich wollte fragen, ob Sie noch zwei Zimmer frei haben.“ „Wenn es keine gibt, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen“, sagte einer der Männer. „Dann mache ich Ihnen in meinem Zimmer Platz.“ 11


Wieherndes Gelächter machte an den Tischen die Runde, aber Lily sparte sich die Mühe, auf diese grobe Bemerkung einzugehen. Nachdem sie in den letzten Monaten in verschiedenen Holzfällerstädten gewohnt hatte, war sie die moralische Verdorbenheit der Männer gewohnt. Die große Frau marschierte zum nächsten Tisch und stellte ihre Kaffeekannen ab. Dabei schwappte etwas von der dunklen Flüssigkeit auf die Öltuchtischdecke, die aussah, als hätte sie bereits jede Menge Flecken abbekommen. „Männer, ihr wisst, dass mein Mann und ich hier ein anständiges, christliches Haus führen. Wir werden also keinen solchen Unsinn unter unserem Dach dulden.“ „Aber wenn das Mädchen ein Bett braucht, erfülle ich doch nur meine Christenpflicht, wenn ich ihr anbiete, meines mit ihr zu teilen, Mrs Heller“, erwiderte der Mann. „Du bekommst sie nicht in dein Zimmer“, knurrte ein anderer. „Wenn hier jemand das Mädchen bekommt, dann bin ich das.“ „Du bist schon den ganzen Tag auf Streit aus, Jimmy.“ Der erste Mann schob sich vom Tisch zurück und stand auf. „Jungs, jetzt reicht es!“ Mrs Heller verschränkte die Arme vor ihrer mit Fettflecken übersäten Schürze. „Das höre ich mir nicht länger an.“ Aber auch Jimmy war bereits aufgestanden. Bevor Lily nachdenken oder sich bewegen konnte, kam er auf sie zu und packte sie. Binnen weniger Sekunden befand sie sich mitten in einer Rauferei zwischen den zwei Holzfällern. „Lassen Sie mich los!“, verlangte sie, aber die Männer waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig anzuschreien, um ihren Protest überhaupt wahrzunehmen. Mrs Heller trat vor und ging auf die Männer los. Sie zog einen dicken Kochlöffel aus ihrer tiefen Schürzentasche und fuchtelte damit vor ihnen herum. „Männer, es reicht! Hört mit diesem Unsinn auf ! Wenn ihr nicht sofort aufhört, zwingt ihr mich, euch mit meinem Kochlöffel zu verprügeln.“ Aber die Holzfäller beachteten sie gar nicht. Für einen Moment geriet Lily in Panik. Vielleicht war es falsch gewesen, sich über Orens Zögern hinwegzusetzen und darauf zu bestehen, dass er sie in die Holzfällerlager, in denen er fotografierte, mitnahm. 12


„Diese Städte stecken voller Gefahren“, hatte er gemurmelt. „Dort gibt es Läuse auf zwei und auf sechs Beinen, und wenn dich die einen nicht erwischen, dann die anderen.“ Bis jetzt hatte sie sowohl die Begegnung mit Läusen als auch mit unangenehmen Männern vermieden. Aber viele der Holzfäller hatten Harrison als „Vorzimmer der Hölle“ bezeichnet. Was, wenn sie recht gehabt hatten? „Nehmt sofort die Hände von der jungen Dame.“ Eine strenge Stimme übertönte den Lärm. Die zwei Männer hörten auf zu raufen und Schweigen breitete sich im Raum aus. Ein breitschultriger, muskulöser Mann hatte seinen Teller stehen gelassen und war von seiner Bank aufgestanden. Eine ungezähmte, blonde Locke fiel über seinen dunkelgrünen Augen in seine Stirn. Sein Gesichtsausdruck hatte etwas Gebieterisches an sich. „So behandelt man doch keinen Gast“, sagte er. Keiner der Männer sagte ein Wort oder machte Anstalten, sie loszulassen. „Connell hat recht“, schnaubte Mrs Heller. Ihr Gesicht war noch eine Nuance röter geworden als vorher, soweit das überhaupt möglich war. „Dieses Mädchen sieht wie ein anständiges, gottesfürchtiges Mädchen aus. Und selbst wenn sie das nicht …“ „Oh, Sie können versichert sein, dass ich das bin“, warf Lily schnell ein und versuchte weiter, ihre Arme aus dem festen Griff der Männer zu befreien. Mrs Heller deutete mit ihrem Kochlöffel auf die zwei Männer. „Ich habe gute Lust, euren Müttern einen Brief zu schreiben und ihnen zu erzählen, was für dumme Jungs ihr seid. Ihr wisst genauso gut wie ich, dass meine Briefe den armen Frauen die Tränen in die Augen treiben wurden.“ Einer der Männer ließ Lily los, aber der andere, Jimmy, lachte nur kurz und dabei zeigte sich in seinem Gebiss eine schwarze Lücke, wo eigentlich ein Schneidezahn sitzen sollte. Daneben war ein halber, abgebrochener Zahn zu sehen. Seine Finger bohrten sich in ihren Arm und sein Lächeln war hart und verriet eine lüsterne Begierde, die sie schon bei viel zu vielen Männern gesehen hatte. Aber bisher hatte sie sich deswegen nie Sorgen machen müssen. 13


Sonst war immer Oren bei ihr gewesen, der die Männer auf Abstand hielt. Lily blickte ängstlich zur Tür. Wahrscheinlich war Oren immer noch auf der anderen Straßenseite und plauderte mit ein paar ortsansässigen Geschäftsinhabern über die Holzfällerlager in dieser Gegend. Vielleicht hätte sie es nicht so eilig haben sollen, ins Haus zu kommen und sich aufzuwärmen. Oren warnte sie immer wieder, dass ihre Ungeduld sie irgendwann noch schwer in die Bredouille bringen würde. Er würde bestimmt irgendwann kommen und sie suchen. Daran hatte sie keine Zweifel. Sie konnte nur beten, dass er bald käme. Connell trat einen Schritt vor. „Lass das Mädchen los. Dann können wir weiteressen, bevor unser Essen kalt wird.“ Er trug die übliche schwere Wolljacke, leuchtend rot und schwarz kariert, wie sie viele Holzfäller trugen, da sie dadurch im Wald besser gesehen wurden und besser vor den vielen Unfällen geschützt waren, die in den Lagern immer wieder passierten. Er hatte die Jacke aufgeknöpft; darunter waren Hosenträger zu sehen, die sich über ein dickes Baumwollhemd spannten. Er sah genauso rau aus wie alle anderen Holzfäller, die sie bisher gesehen hatte, aber die erwartungsvolle Haltung, mit der die Männer ihn anstarrten, verriet ihr, dass er sich offenbar ihren Respekt verdient hatte. Mit Ausnahme des Mannes, der immer noch ihren Arm festhielt. Lily versuchte, sich von ihm loszureißen. Aber Jimmys Finger bohrten sich tief in ihr Fleisch. Sie stieß einen protestierenden Schrei aus. Connell trat noch einen Schritt vor. „Lass sie los, Jimmy. Sofort.“ Seine Stimme wurde drohend. Jimmy drückte sie an seine Achselhöhle, die den säuerlichen Geruch von schwerer körperlicher Arbeit ausdünstete. „Und wenn ich sie behalten will? Was wollen Sie dagegen unternehmen, McCormick?“ „Du weißt, dass ich keine Unruhe will“, sagte Connell. „Aber du treibst es zu weit.“ Lily schüttelte nur den Kopf. Ihr reichte es. Sie war nicht der Typ, der tatenlos herumstand und auf Hilfe wartete. Sie lebte nach der 14


Überzeugung: Wenn man will, dass etwas geschieht, dann muss man die Ärmel hochkrempeln und es selbst in die Hand nehmen. „Es passt mir überhaupt nicht, dass einer von euch Holzfällern mich berührt“, sagte sie. „Solange ich es Ihnen nicht ausdrücklich erlaube, rate ich Ihnen, in Zukunft die Finger von mir zu lassen.“ Beim letzten Wort hob sie ihren Stiefel und zielte mit dem Absatz auf Jimmys Zehen. Sie trat mit voller Wucht zu. Wie die meisten Holzfäller hatte er am Ende des Tages seine nassen Stiefel und mehrere Schichten feuchter Socken ausgezogen, um die Sachen über Nacht trocknen zu lassen, bevor er sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit im Schnee anzog. Jimmy fluchte, aber bevor er sich bewegen konnte, trat sie mit ihrem Stiefelabsatz noch einmal kräftig auf seinen anderen Fuß. Es krachte so laut wie ein Gewehrschuss. Dieses Mal heulte er auf. Mit einem wütenden Fluchen stieß er sie von sich, sodass sie nach vorne taumelte. In dem vergeblichen Versuch, Halt zu finden, fuchtelte sie mit den Armen, steuerte aber geradewegs auf Connell McCormick zu. Er fing sie mit den Armen auf, aber sie landete mit so viel Schwung auf ihm, dass er das Gleichgewicht verlor. Er taumelte nach hinten. „Halt! Bleiben Sie stehen.“ Ihr Rock und ihre Beine verhedderten sich mit seinen Beinen und sie taumelten auf die Reihen schmutziger, feuchter Socken zu, die zum Trocknen vor dem Kamin hingen. Für einen Moment fingen die provisorischen Wäscheleinen sie auf und bremsten ihren Sturz. Aber dann lösten sich unter ihrem Gewicht die Seile von den Nägeln in den Balken, an denen sie befestigt waren, und Lily merkte, dass sie zu Boden stürzte. Sie drehte und wand sich zwischen den Wäscheleinen, aber dann wurde ihr bewusst, dass sie sich damit nur noch enger an Connell fesselte. Connell knallte auf einen Stuhl, der neben dem Kamin stand. Angesichts des Gewirrs aus Gliedmaßen und Seilen vollkommen hilflos konnte Lily nichts dagegen machen, dass sie auf seinem Schoß landete. Mit einem dumpfen Schlag kam sie direkt auf ihm zu sitzen. Mehrere Socken hingen von seinem Kopf und bedeckten sein Gesicht. Auch auf ihren Schultern und ihrem Kopf lagen schmutzige 15


Socken. Ihr widerlicher, beißender Gestank stieg ihr in die Nase und einen Moment lang befürchtete sie, sich gleich übergeben zu müssen. Als Lily versuchte, eine Hand zu heben, um die Socke, die ihr über ein Auge hing, wegzuwischen, stellte sie fest, dass ihre Arme an ihre Seiten gefesselt waren. Sie legte den Kopf schief und blies seitlich gegen die verkrustete, gelblich gefärbte Socke. Aber die Socke wollte sich einfach nicht bewegen. Wieder schüttelte sie den Kopf. Dieses Mal nachdrücklicher. Trotzdem rührte sich die lästige Socke nicht vom Fleck. Durch die Perücke aus Socken, die Connells Kopf bedeckten, konnte sie nur ein Auge von ihm sehen, das sie anschaute und interessiert ihre Befreiungsversuche verfolgte. Seine Mundwinkel umzuckte ein Lächeln. Sie konnte sich vorstellen, wie sie aussehen musste. Wenn sie auch nur die geringste Ähnlichkeit mit ihm hatte, sah sie völlig albern aus. Als er den Kopf schief legte und gegen eine seiner Socken blies, musste sie unweigerlich über das Bild lächeln, das sie beide zweifellos abgaben. Hilflos wurden sie von den schmutzigen Socken fast erstickt und versuchten, sie mit nichts anderem als ihrem Atem zu entfernen. „Willkommen in Harrison.“ Jetzt grinste er über das ganze Gesicht. „Sie verstehen es, einer Frau von Anfang an das Gefühl zu geben, zu Hause zu sein.“ Sie wollte lachen. Aber als er sich auf dem Stuhl aufrichtete, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie direkt auf seinem Schoß saß und dass die anderen Männer im Raum johlten und unzüchtige Bemerkungen über ihre prekäre Lage machten. Hastig wollte sie von seinem Schoß aufstehen. Aber die Seile hatten sie aneinandergefesselt und ihre Bemühungen führten nur dazu, dass sie wieder auf ihm landete. Sie war normalerweise keine Frau, die leicht errötete, aber die zunehmende Peinlichkeit ihrer Situation vertrieb jede Belustigung, die sie vielleicht angesichts dieser grotesken Situation hätte empfinden können, und weckte in ihr den Wunsch, vor Scham im Erdboden zu versinken. 16


„Es wäre sehr nett, wenn Sie mir helfen würden“, sagte sie und kämpfte wieder darum, ihre Arme von dem Seil zu befreien. „Oder macht ihr Einfaltspinsel euch einen Spaß daraus, Frauen grob zu behandeln?“ „Ihr Einfaltspinsel?“ Sein Grinsen wurde breiter. „Wollen Sie damit sagen, dass ich ein Einfaltspinsel bin?“ „Was zum Kuckuck ist hier los?“ Beim donnernden Klang seiner Stimme und dem lauten Knall Orens, mit dem er die Tür zuschlug, fuhr Lily zusammen. Im Raum wurde es so still, dass man das Klicken von Orens Gewehr hören konnte. Sie wandte den Kopf um und schaute den alten Mann an. Sie sah seine wütend zusammengezogenen Augenbrauen und die tödliche Wut in seinen Augen, als er erkannte, in welcher Notlage sie steckte. Erleichterung zog deutlich spürbar über ihr heißes Gesicht. Jetzt war sie in Sicherheit. Sie hatte sich zwar keine allzu großen Sorgen gemacht, aber sie sah es als großes Glück an, dass Oren auf ihrer Seite stand. Seine schweren Stiefel stapften über den Boden, bis er über ihr stand. Mit einem Knurren senkte er den Lauf seines Gewehrs und drückte ihn an Connells Schläfe. „Mister, Sie sind ein toter Mann.“

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