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Max-Eyth-Str. 41 · 71088 Holzgerlingen gerth.de
1. Auflage 2026
Bestell-Nr. 821135
ISBN 978-3-98695-135-1
Umschlaggestaltung: Hanni Plato Umschlagfoto: Gert Wagner unter Verwendung bildgebender Generatoren Lektorat: Rebecca Schneebeli Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
Kapitel 1
Die stumpfe Metallsäge arbeitete sich mit einem nervtötenden Quietschen durch den gehärteten Stahl des Fahrradschlosses. Jan blinzelte einen Schweißtropfen weg, der ihm in die Augen rann. Die schwülwarme Luft hatte sich wie eine Glocke auf den Innenhof gelegt. Alles war nass. Er hockte neben dem Fahrradständer und säbelte schon seit Minuten an diesem dämlichen Schloss herum.
Sein T-Shirt war durchgeschwitzt und klebte unangenehm auf seiner Haut.
»Kannst du nicht ein bisschen leiser klauen?«, scholl es aus einem offenen Fenster im ersten Stock. Das musste einer der VWL -Studenten sein, die vor Kurzem dort eingezogen waren.
»Sehr witzig«, murmelte Jan. »Das ist mein eigenes Rad«, rief er zurück.
»Wen interessiert’s? Mach, was du willst, aber mach es leise! Ich muss lernen«, rief die Stimme zurück. Dann wurde das offene Fenster lautstark geschlossen.
Jan seufzte. Eigentlich hatte der Tag gut angefangen. Ein Seminar war ausgefallen und so hatte er es nach nur einer Vorlesung noch vor dem heftigen Gewitter nach Hause geschafft. Der Nachmittag war dann sehr entspannt verlaufen. Die Sonne war wieder hervorgekommen und so hatte Jan beschlossen, noch ein Paket zur Post zu bringen, bevor er sich für sein erstes Date nach anderthalb Jahren fertig machte. Vielleicht war er zu euphorisch an die Sache herangegangen, denn als er sein Fahrradschloss öffnen wollte, war ihm der Schlüssel abgebrochen. Er war schon vorher angeknackst gewesen und eine unachtsame Bewegung hatte ihm nun den Rest gegeben.
Jetzt hatte Jan keine andere Chance, als das dämliche Schloss zu knacken. Ohne Fahrrad wäre er als Student ansonsten aufgeschmissen.
Also säbelte er konsequent weiter – trotz aller Beschwerden und irritierter Blicke.
Zehn Minuten später gab das Schloss endlich mit einem letzten ohrenbetäubenden Kreischen nach. Jan löste es und warf es in den Mülleimer im Hof. Er schnappte sich das Paket und stapfte die Treppen hoch zu seiner WG im dritten Stock. Er musste sich umziehen und sich etwas einfallen lassen. Ohne Schloss in die Stadt zu fahren, war keine gute Idee. Die Chance, dass sein Fahrrad nach seinem Date noch da wäre, lag bei maximal 3 Prozent. Jetzt noch ein Schloss zu kaufen, war unmöglich. Der Fahrradladen auf halber Strecke hatte schon zu. Mit dem Bus müsste er einen Riesenumweg zu seinem Date fahren. Und je nachdem, wie lang der Abend wurde, wäre die Rückkehr ein Problem.
Als Jan die Tür zur Wohnung aufschloss, blitzte plötzlich eine Erinnerung vor seinem inneren Auge auf. Wenn er sich nicht täuschte, besaß er noch ein Fahrradschloss. Es war alt und mit Aufklebern des Hamburger SV gespickt – aber wen kümmerte das? Er durchquerte den Flur, ignorierte seine Mitbewohnerin Kathi, die ihm genervt hinterherrief, er solle seine dreckigen Schuhe ausziehen, und ging in sein Zimmer. Das Paket warf er aufs Bett. Darum würde er sich später kümmern. Dann wechselte er das T-Shirt und schlüpfte in eine neue, fast noch frische Jeans. Er kniete sich auf den Boden. Ganz unten in der alten Kommode neben seinem Schreibtisch befand sich seine Erinnerungsschublade. Dort bewahrte er all den Krempel auf, den er nicht mehr brauchte und von dem er sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht trennen konnte.
Er zog sie auf und betrachtete das bunte Chaos seines bisherigen Lebens. Alle Gegenstände waren mit Erinnerungen verbunden, die meisten alt, einige noch recht frisch, wie zum Beispiel ein Foto, das seine Ex-Freundin Nina und ihn am Strand von Usedom zeigte. Gemeinsam formten sie darauf ein Herz vor dem Licht der untergehenden Sonne. Dann fiel ihm das rote Plastik seines Kindertaschenmessers ins Auge. Die Klinge war locker und nicht mehr brauchbar, aber das Messer war ein Geschenk seines Vaters gewesen und deshalb hatte Jan es nicht weggeschmissen. Er schob seine Konfirmationsbibel beiseite. Er hatte sie schon seit Jahren nicht mehr angerührt. Sein
Blick fiel auf einen Zeitungsartikel, der in einer Klarsichthülle steckte. »Verteidigung spricht von Jugendstreich – Eklat im Gerichtssaal«, las er den reißerischen Titel.
Seltsam! An dieses Ereignis hatte er schon lange nicht mehr gedacht.
Berlin, 21. Juli 2015 – In einem erschütternden Fall von Schulmobbing fiel heute vor Gericht das Urteil. Der Vorfall hätte eine Schülerin des Berliner Lise-Meitner-Gymnasiums beinahe das Leben gekostet. Die drei minderjährigen Täterinnen wurden zu Sozialstunden und zur Teilnahme an einem Anti-Aggressionskurs verurteilt – ein vergleichsweise mildes Strafmaß angesichts der schockierenden Details.
Die Anklage warf den drei Mädchen vor, die Klassenkameradin über längere Zeit gequält zu haben. Der Vorfall eskalierte, als das Opfer sich in einer Kabine der Mädchentoilette versteckte. Die drei Angeklagten zündeten daraufhin den Schulranzen des Mädchens vor der Kabine an, verließen den Raum und versperrten die Tür von außen mit einem Besen.
Nur durch das beherzte Eingreifen eines älteren Schülers, der die Tat beobachtete und das Mädchen befreite, wurde Schlimmeres verhindert. Das Opfer erlitt schwere Rauchgasvergiftungen und überlebte später nur knapp einen Suizidversuch, der die Schülerin seitdem an einen Rollstuhl fesselt.
Strafverteidigerin Hanna Tremmel plädierte auf Milde und bezeichnete die Tat als »Jugendstreich, der außer Kontrolle geriet«. Sie betonte: »Das sind noch Kinder. Die Mädchen sind erschüttert, welche Konsequenzen ihr unbedachtes Handeln hatte.« … Während der Verhandlung kam es zu einem Zwischenfall, als der Bruder des Opfers aufsprang und die drei Angeklagten massiv bedrohte. Daraufhin wurde er von den Sicherheitskräften aus dem Saal geführt.
Jan schüttelte den Kopf. Verrückt! Er hatte die Begebenheit völlig verdrängt. Doch nun blitzten Bilder vor seinem inneren Auge auf und er hatte wieder den Gestank nach verbranntem Plastik in der Nase. Er erinnerte sich, dass das Urteil mehrere Wochen lang die
Schulgespräche dominiert hatte. Die meisten fanden das Urteil viel zu nachsichtig – interessanterweise auch diejenigen, die das Mobbing all die Zeit über beobachtet, aber nie etwas dagegen unternommen hatten.
Kopfschüttelnd legte er den Artikel beiseite. Er war froh, dass seine Schulzeit hinter ihm lag. Mit dieser Lebensphase verband er nur wenige positive Erinnerungen. Unter einer Mappe mit alten Kinderzeichnungen sah er einen blau-weißen Aufkleber hervorblitzen.
Ha! Da war es ja. Er kramte das alte Zahlenschloss hervor. An die Nummer konnte er sich noch erinnern. Er hatte sie mit der typischen Hybris eines Zehnjährigen gewählt: 007.
Schmunzelnd probierte er die Kombination aus. Das Schloss funktionierte noch tadellos. Er warf einen Blick auf die Uhr. Shit! Er hatte völlig die Zeit vergessen.


Kurz darauf raste Jan, kräftig in die Pedale tretend, durch die engen Gassen Flensburgs. Er jagte vorbei an roten Backsteinfassaden und parkenden Autos. Feuchtigkeit glänzte auf den Pflastersteinen und sättigte die Luft. Laut Wetterbericht waren es nur 24 Grad, aber Jan fühlte sich wie in den Tropen. Er würde völlig verschwitzt beim Süderhofschuppen ankommen. Ein Umstand, der wenig dazu beitrug, seine Nervosität zu dämpfen. Mit schweißnassen Klamotten zum Date zu erscheinen, war nicht die beste Ausgangslage. Vielleicht war die Bezeichnung Date auch etwas hochgegriffen. Er hatte die dänische Gaststudentin Fria Andersen in einer Vorlesung über Europarecht kennengelernt. Sie hatte mit zunehmender Verzweiflung versucht, den Worten des nuschelnden Gastprofessors aus Freiburg zu folgen, und er hatte für sie übersetzt. Später hatten sie in der Kantine ihre Nummern ausgetauscht und jetzt war Jan unterwegs zu seiner ersten Verabredung mit ihr, wenn man ihre lässige Zusage zu einem Feierabendbier per Daumen hoch so deuten konnte.
Noch eine Minute. Jan nahm schwungvoll die Kurve in die Nikolaistraße, sah gerade noch einen kleinen dunklen Schatten über die Fahrbahn huschen und machte intuitiv eine Vollbremsung. Sein
Hinterrad rutschte weg. Nur durch ein haarsträubendes Ausgleichsmanöver gelang es ihm, im Sattel zu bleiben. Stolpernd blieb er stehen. Hinter ihm hupte es. Ein Lieferwagen bretterte nur wenige Zentimeter an ihm vorbei und eine haarige Handwerkerhand präsentierte ihm einen ungewaschenen Mittelfinger. Jan stieß schnaufend die Luft aus. Das war knapp gewesen.
Von einem sicheren Platz in einem Hauseingang aus warf ihm die Katze einen vorwurfsvollen Blick zu, so als hätte er an ihrer Stelle das ganze Chaos verursacht. »Na, schönen Dank auch!« Kopfschüttelnd fuhr er weiter.
Eine Schweißperle kitzelte an seiner Augenbraue, als er fünf Minuten später sein Fahrrad vor dem Süderhofschuppen anschloss. Er wischte sie hastig weg und ließ seinen Blick über die Gäste an den Tischen auf der kleinen Terrasse schweifen. Alle Plätze waren besetzt, doch nirgendwo war Frias blonder Haarschopf zu erkennen.
Als er kurz darauf den Gastraum betrat, schlugen ihm Stimmengewirr und lautes Lachen entgegen. Zwei Ventilatoren durchwühlten die vom Duft gebratener Speisen gesättigte Luft im vergeblichen Versuch, der Schwüle etwas entgegenzusetzen. Auch hier bislang keine Spur von seiner Verabredung.
Jan fand einen freien Platz unweit der Küche. Noch bevor er sich setzte, gab sein Handy das typische Pfeifen seiner Messenger-App wieder. Oh nein! Bestimmt cancelt sie das Date, ging es ihm durch den Kopf. Er fischte sein Smartphone aus der Hosentasche. Doch es war nicht Fria, die sich meldete. Seine Mutter hatte ihm eine Sprachnachricht geschickt. Ein vertrautes Gefühl der Beklemmung machte sich in ihm breit. Er setzte sich und starrte sein Handy an. Nach kurzem Zögern hörte er die Nachricht ab.
Hallo Jan, hier ist Mama. Geht es dir gut? Du hast dich jetzt schon drei Tage nicht gemeldet und ich traue mich inzwischen auch nicht mehr, dich anzurufen, weil ich dich ja immer bei deinen Vorlesungen störe.
Sie sprach in ihrer typischen Art – schnell und mit einem unterschwellig vorwurfsvollen Unterton, der stets dafür sorgte, dass Jan sich schlecht fühlte. Ein einziges Mal hatte sie tatsächlich während
einer Vorlesung angerufen und er hatte sie darauf hingewiesen. Seitdem erwähnte sie es ständig.
Sag mal, hast du nicht bald Prüfungen? Du bist doch schon so lange dabei. Oder gibt es bei diesem Transdingsbums-Studiengang gar keine Prüfungen?
Transkulturelle Europastudien, korrigierte Jan in Gedanken.
Ganz ehrlich, ich weiß immer noch nicht, was das werden soll. Die Bärbel Rottenhaus fragt auch schon immer, wann du endlich mal was Vernünftiges machst. Da weiß ich dann gar nicht, was ich sagen soll. Manchmal glaube ich, du hast diesen Studiengang nur gewählt, weil es ihn hier bei uns in Kiel nicht gibt.
Manchmal fragte sich Jan selbst, ob sie mit dieser Vermutung nicht sogar recht hatte. Eine ziemlich traurige Erkenntnis, wie er fand.
Schwester Hansen hat mich neulich gefragt, ob du überhaupt noch zur Kirche gehst. Ich hab gesagt: »Selbstverständlich macht er das.« Aber ehrlich gesagt, habe ich Zweifel daran. Und dann hat sie mir erzählt, dass ihre Kathi schwanger ist. Schon im fünften Monat. Ich habe ihr gratuliert. So ein Enkelkind ist schon was Schönes. Ruf mich an, wenn du Zeit hast. Ich bete für dich … Ach so, und denk dran, dass Oma bald Geburtstag hat. Tschüss.
Jan seufzte. Er spürte das vertraute Gefühl, irgendwie falsch zu sein. So ging es ihm jedes Mal, wenn er mit seiner Mutter Kontakt hatte. Irgendwie schaffte sie es immer, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden. Dazu passte sie im Notfall auch ein paar Fakten an. So behauptete sie ständig, sie hätte Jan mehr oder weniger allein großgezogen. Dabei hatte Jan seinen Vater erst mit 15 Jahren verloren. Direkt nach dem Abitur hatte Jan dann sein Elternhaus verlassen und war nur für wenige Stippvisiten zurückgekehrt. Dabei hatte er jedes Mal diese seltsame Bedrückung gespürt, sobald er über die Türschwelle schritt und das alte Holzschild sah, das an der Wand
hing: »Der Herr segne dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus.«
Für Jan roch der Segen des Herrn nach Möbelpolitur und Schmierseife. Gott hatte eine schrille Stimme, die ihm mal direkt, mal indirekt vorwarf, dass er so war, wie er war, und er zeigte sich in der Totenstille, die herrschte, wenn er den kleinen Arbeitsschuppen betrat, in dem die Hobelbank seines Vaters stand. Immer noch lagen dessen Werkzeuge dort so chaotisch auf der Werkbank, als habe er sie gerade erst abgelegt, um sich einen Kaffee zu holen.
Jan mied diesen Segen, so gut es ging.
Er schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerungen zu verscheuchen, und hob den Blick. Wo war denn hier die Bedienung? Da erspähte er aus den Augenwinkeln einen blonden Haarschopf vor der gläsernen Restauranttür. Er lächelte. Da war Fria ja endlich. Sein Lächeln gefror jedoch eine Sekunde später, als ein gut aussehender Mann neben sie trat und seinen Arm um ihre Schulter legte. Sie zeigte ihr niedliches Lächeln und spitzte die Lippen. Der junge Mann nahm das Angebot an und die beiden küssten sich mit einer Leidenschaft, die keinen Interpretationsspielraum offenließ: Die süße Fria hatte einen Freund. Und sie hatte ihn zu ihrem Date mit Jan mitgebracht – in der irrigen Annahme, dass es sich um ein zwangloses Treffen unter Kommilitonen handelte. Jan stellte sich vor, wie der Abend verlaufen würde. Er würde zum Alleinunterhalter und Fremdenführer für ein turtelndes Pärchen mutieren und den ganzen Abend doppelt einsam gute Miene zum bösen Spiel machen. Irgendwann würden sich die beiden knutschend nach Hause verziehen, während er ihnen dämlich grinsend hinterherwinkte. Nein, auf gar keinen Fall!
Die beiden wandten sich dem Restaurant zu. Fria linste neugierig durch die Fensterscheibe und Jan duckte sich so überhastet weg, dass seine Stirn gegen die Tischkante knallte.
Das ältere Paar am Nachbartisch sah überrascht auf.
Jan tat so, als würde er unter dem Tisch etwas suchen.
»Alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte die ältere Dame.
»Ja, alles bestens«, murmelte Jan. »Ich suche nur mein … äh … Handy.« Tief gebückt und die Augen fest auf den Boden gerichtet,
drückte er sich an den Tischen vorbei zum hinteren Teil des Restaurants. Dort gab es ein kleines Separee, das durch eine Wand halb abgetrennt war.
»Jan?«, hallte Frias Stimme quer durch das Restaurant. Mist! Sie hatte ihn bereits gesehen. Die beiden kamen Hand in Hand auf ihn zu. Er wünschte sich, der Boden möge sich auftun und ihn verschlingen. Doch das tat er nicht. Stattdessen klingelte sein Handy. Hastig nahm er den Anruf entgegen. »Tut mir leid, da muss ich ran«, sagte er, während er sich aufrichtete. »Ja?«
»Bist du am Apparat, mein Junge?«
Seine Oma – was wollte die jetzt von ihm? Egal, sie war seine Rettung.
»Oma Wiete, geht es dir gut?« Jan wandte sich ab, die verwirrten Gesichter des Ehepaars ignorierend, das ihn bei seinem vergeblichen Fluchtversuch beobachtet hatte, und warf Fria einen kurzen bedeutungsvollen Blick zu. Das war seine Chance für einen schnellen Rückzug. Er verdeckte das Mikrofon und flüsterte der irritierten Fria zu: »Meine Oma.«
»Ja, mir geht es gut, mein Junge«, sagte Oma Wiete am Telefon.
Fria runzelte die Stirn.
»Oh, das hört sich gar nicht gut an«, sagte Jan hastig.
»Ich sagte doch, es geht mir gut«, wiederholte seine Oma etwas lauter. »Kannst du mich nicht verst…?«
»Das ist ja furchtbar. Natürlich komme ich«, unterbrach er sie. »Ich mache mich gleich auf den Weg.« Er setzte eine betroffene Miene auf, verdeckte erneut das Mikro und raunte Fria zu: »Tut mir leid. Ich muss los.«
»Natürlich«, stammelte diese überrumpelt.
Jan quetschte sich an Fria und ihrem Freund vorbei und eilte hinaus. Als er die Tür aufstieß, schlug ihm schwülwarme Luft entgegen.
»Oma …«, setzte er an.
Diesmal unterbrach sie ihn. »Das ist aber schön, mein Junge, dass du dieses Mal vorbeikommst. Ich back dir auch deinen Lieblingskuchen.«
»Äh …« Wozu hatte er jetzt zugesagt?
»Deine Mutter meinte, du würdest bestimmt absagen, aber ich
habe mir gleich gedacht, dass sie sich irrt. Schließlich hast du mir schon vor zwei Jahren versprochen, dass du meinen 85. Geburtstag mitfeierst.«
»Äh …«
»Brauchst du Geld? Die Überfahrt ist wieder teurer geworden.«
»Die Überfahrt … ja … äh, ich meine … nein, Oma. Das passt schon. Dann sehe ich dich … äh …«
»Wir starten Samstag um 13 Uhr bei deiner Tante Mette. Und um 16 Uhr gibt es Kaffee bei mir. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dich wiederzusehen.«
»Ich … äh … freue mich auch. Bis dann.« Seufzend stopfte Jan sein Handy zurück in die Tasche. Er würde wohl oder übel am Wochenende nach Helgoland fahren.
Kapitel 2
Jan
verließ das Hafengebäude mit den großen Panoramafenstern. Als er die metallenen Stufen der Freitreppe hinabstieg, blies ihm eine heftige Böe ins Gesicht. Wolken türmten sich am Horizont auf. Hier im Hafenbecken war das Wasser noch vergleichsweise ruhig, aber weiter draußen konnte es ziemlich ungemütlich werden. Die Nordsee war ein unberechenbares Meer. Fast bereute er, die längere Strecke von Dagebüll über Amrum nach Helgoland gebucht zu haben, aber nur fast. Über diese Route würde er es knapp zum Kaffee bei Oma Wiete schaffen, verpasste jedoch auf elegante Weise das Mittagessen bei Tante Mette. Das ersparte ihm nicht nur die übermäßige Aufnahme von Transfetten, er umging so auch den ersten Schwung an spitzen Bemerkungen, was um Himmels willen er mit Transkulturellen Europastudien im späteren Leben anfangen wolle. Jan ertappte sich bei dem Gedanken, dass die einzig positive Aussicht Oma Wietes Friesentorte war. Im nächsten Atemzug kam er sich schäbig vor. Es war zwei Jahre her, seit er seine Großmutter zum letzten Mal gesehen hatte. Kurz darauf hatte er sich in Nina verliebt und alles andere hatte an Bedeutung verloren.
Jan reihte sich in die Gruppe der Passagiere ein, die am Kai entlang auf das Schiff zuliefen. Das Wasser der Nordsee war trüb vom aufgewühlten Schlick des Meeresbodens. Doch als ein paar Sonnenstrahlen durch die dichter werdende Wolkendecke fielen, glitzerten die Wellen im kleinen Hafen. Es war lange her, seit er das letzte Mal an der Nordsee gewesen war. Jetzt merkte er, dass er sie vermisst hatte. Er lächelte, als Kindheitserinnerungen wach wurden. Der Geruch des Meeres, der stete Wechsel zwischen Ebbe und Flut, das Kreischen der Möwen – all dies war untrennbar mit den Sommerferien bei Oma Wiete verbunden. Als er klein gewesen war, hatte er es geliebt:
die Fährfahrt zur Helgoländer Düne, lange Strandspaziergänge auf der Suche nach Schätzen, Sandburgen und fettige Pommes. Auf der Hauptinsel hatten sie Wanderungen auf die Steilklippen unternommen, während seine Oma ihm Geschichten von Klaus Störtebeker und seinen Vitalienbrüdern erzählt hatte. Jeden Abend hatte sie die uralte Petroleumlampe angezündet und war mit ihm zusammen in die kleine Dachkammer hinaufgestiegen, die ihm als Schlafzimmer diente. Dort hatte sie sich auf seine Bettkante gesetzt und ihm eine Geschichte aus der Kinderbibel vorgelesen. Irgendwann war er zu alt dafür gewesen. Spätestens mit zwölf waren ihm die Frömmigkeit seiner Großmutter und die Kinderbibel peinlich geworden. Und als dann sein Vater schwer erkrankte und später starb, hatte er nichts mehr damit zu tun haben wollen.
Die Passagiere hatten die schmale Gangway fast erreicht, als die Frau vor ihm erschrocken aufschrie. Ein Windstoß hatte ihr das Tuch vom Hals gerissen. Nun wehte ihr langes, dunkles Haar im Wind. Intuitiv sprang Jan hinter dem Tuch her und bekam es gerade noch zu packen, ehe es hinaus aufs Meer getrieben wurde.
Die Frau wandte sich zu ihm um. »Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen.« Sie band sich das Tuch wieder um. Ihr Lächeln wirkte erschöpft. Jan schätzte sie auf knapp vierzig. Ihr Gesicht war rundlich, sanft und unscheinbar. An ihren Schläfen zeigten sich erste graue Strähnen. Obwohl sie viel jünger war, erinnerte etwas an ihrer Art ihn an Oma Wiete. Erst jetzt registrierte er, dass sie einen Rollstuhl schob. Darin saß ein uralter Mann, der mit leerem Blick vor sich hin starrte. Sein Mund stand halb offen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht und zerrte an seinen schlohweißen Haaren. Er schien es gar nicht zu bemerken.
Sie erreichten die schmale Gangway. »Rollstühle nur für Umsetzer«, bemerkte ein Angestellter der Reederei.
»Ja, ich weiß«, sagte die Frau. Sie beugte sich zu dem alten Mann hinunter. »Opa, du musst jetzt aufstehen.«
Der Mann reagierte nicht.
»Opa?« Sie stellte sich vor den Rollstuhl und versuchte ihren Großvater hochzuziehen – vergeblich.
Jan hörte hinter sich ein genervtes Stöhnen. Rasch trat er neben
den Rollstuhl. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Er packte den rechten Arm des Mannes und bemerkte, dass dieser ein Buch in seiner Hand hielt. Er umklammerte es so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. »Sie müssen aufstehen.«
Der Mann sah auf. Etwas an seinem Blick änderte sich. Die Leere schwand und machte etwas anderem Platz. Abrupt, als habe er einen Schalter umgelegt, stand er auf. Er starrte Jan an. Sein Mund bewegte sich, als wolle er etwas sagen.
»Bitte kommen Sie jetzt«, drängte der Angestellte.
Der Moment verschwand so rasch, wie er gekommen war. Als Jan den alten Mann die Gangway hinaufführte, wirkte dieser wieder genauso abwesend wie zuvor.
Die Enkelin folgte mit dem Rollstuhl. »Vielen Dank.«
»Kein Problem, ich begleite Sie noch zu Ihren Plätzen. Wo sitzen Sie?«
»Gleich hier auf dem Hauptdeck.«
Jan führte den alten Mann zu einem Platz am Fenster. Der Alte setzte sich und starrte aus dem Fenster. Jan folgte seinem Blick. Mittlerweile waren alle Passagiere an Bord. Der Angestellte wollte gerade die Gangway einholen, als eine junge Frau die Mole entlanghetzte und winkte. Selbst bis hierher konnte Jan die Genervtheit des Angestellten bemerken. Die Frau spurtete zur Gangway und drehte sich noch einmal um, als erwarte sie, dass ihr jemand folgte. Ihre Kleidung wirkte merkwürdig und schien nicht recht zusammenzupassen. Die Hose war ihr zu groß, sie hatte sie mehrfach umgekrempelt. Ihr Gesicht verdeckte eine große Sonnenbrille und unter ihrer Mütze lugte flachsblondes Haar hervor. Sie stieg rasch auf das Schiff und entschwand seinen Blicken.
Innerhalb kürzester Zeit hatte der Angestellte die Gangway eingeholt und die Taue gelöst. Seine Eile hinterließ bei Jan ein ungutes Gefühl.
»Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?«, bot die Enkelin des alten Mannes ihm an.
Eigentlich hätte sich Jan lieber auf seinen Platz verzogen, seine Kopfhörer aufgesetzt und sich seinem Online-Sprachkurs gewidmet, aber das wäre ihm unhöflich vorgekommen. Außerdem berührte ihn
dieser alte Mann auf eine schwer zu erklärende Art und Weise. »Ja, gerne. Das ist wirklich sehr nett.« Er nahm Platz.
Das Schiff verließ den Hafen. Der Kapitän schien es eilig zu haben. Die Kumuluswolken türmten sich am Horizont zu wuchernden pilzförmigen Gebilden. Dunkle Fäden kündeten von heftigen Regenschauern in der Ferne. Es war ein Anblick von bizarrer und unheimlicher Schönheit.
»Wie möchten Sie Ihren Kaffee?«
»Schwarz, bitte.«
Die Frau orderte den Kaffee. Der alte Mann starrte ins Nichts, das Buch fest umklammert in beiden Händen. Der Einband war früher rot gewesen, jetzt aber ausgeblichen, alt und fleckig, als wäre er Regen ausgesetzt gewesen. Ein Titel war nicht zu erkennen.
»Und, was treibt Sie hinaus nach Helgoland?«, fragte die Frau, während sie Jan den Kaffee reichte.
»Familienbesuch«, antwortete er knapp. »Und Sie?«
Sie seufzte. »Wahrscheinlich eine absolute Schnapsidee.«
Jan hob die Brauen. »Inwiefern?«
Sie zuckte die Achseln und warf einen Blick auf den alten Mann neben sich. »Es ist wegen Großvater. Ich dachte, ich würde ihm einen Gefallen tun. Aber nun bin ich nicht mehr sicher.« Sie nahm einen Schluck von ihrem Cappuccino. »Wissen Sie, er leidet schon seit Längerem an … na ja, Sie können es sich ja denken. Ich fürchte, er ist kurz davor, sich ganz zu verlieren. Aber ich glaube, es gibt da etwas, das ihn beschäftigt. Er reagiert auf fast gar nichts mehr. Nichts interessiert ihn. Selbst das Essen vergisst er. Aber dieses Skizzenbuch hat eine besondere Bedeutung für ihn. Manchmal schlägt er es auf und dann ändert sich etwas. Dann guckt er anders, irgendwie wacher, verständnisvoller, wärmer.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, während ihr Blick von Jan zu ihrem Großvater glitt.
»Es muss irgendeine Erinnerung wecken, die in seinem Geist wach geblieben ist. Er legt das Buch kaum aus der Hand, aber zwischendurch konnte ich mal einen Blick hineinwerfen. Die meisten Zeichnungen sagen mir nichts. Überwiegend sind es Naturzeichnungen, mal ein Boot am Strand oder eine Möwe, ganz selten mal ein Mensch. Klar ist, dass alle Zeichnungen irgendwo am Meer gemacht
wurden. Dabei lebte er gar nicht an der Küste. Mein Opa stammt aus Hannover. Wie auch immer, schließlich habe ich sie wiedererkannt.«
»Wen?«
»Die lange Anna.«
»Das Wahrzeichen von Helgoland?«
Sie nickte. »Ich habe keine Ahnung, wann er dort war. Er hat nie darüber gesprochen. Aber diese Insel muss eine große Bedeutung für ihn haben und so dachte ich mir, ich reise einfach mit ihm hin. Sie ist – so scheint mir – die letzte Verbindung zu dem Menschen, der er einmal war. Ich will ihm die Chance geben, noch einmal er selbst zu sein.«
Unwillkürlich fiel Jans Blick auf den alten Mann. Er saß vollkommen teilnahmslos da. Dass gerade von ihm die Rede war, schien er nicht mitzubekommen.
»Ich habe ihm natürlich erzählt, was wir vorhaben. Aber als ich von Helgoland sprach, schien ihn das nicht zu berühren. Da war kein Wiedererkennen.«
»Nun, noch sind wir ja nicht da.«
Sie lächelte bemüht. »Da haben Sie wohl recht.«
Sie machten noch ein wenig Small Talk. Jan trank seinen Kaffee aus, bedankte sich und stand auf. »Ich muss noch was für die Uni machen.«
»Natürlich. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.«
Jan begab sich auf das Oberdeck. Der Wellengang war nun deutlich stärker geworden. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Sie fuhren genau in das Unwetter hinein. Er lächelte freudlos. Das Wetter war die perfekte Metapher für sein Leben. Er suchte sich einen freien Platz am Frontfenster und setzte sich. Kurz erwog er, sich die Kopfhörer ins Ohr zu stöpseln und die nächste Lektion zu starten. Es wäre die perfekte Ablenkung, um nicht weiter seinen trüben Gedanken nachzuhängen. Neben Niederländisch und Schwedisch war er dabei, Finnisch zu lernen. Anders als die anderen skandinavischen Sprachen war dies keine indogermanische Sprache und hatte mit seinen eher harten Konsonanten und vielen Vokalen einen ganz eigenen Reiz. Sprachen waren Jans einzige Begabung. Er war weder besonders sportlich noch musikalisch. Gute naturwissenschaftliche
Noten hatte er sich mühsam erarbeiten müssen. Aber Sprachen waren ihm immer leichtgefallen. Vielleicht lag es daran, dass er zweisprachig groß geworden war – mit einem dänischen Vater und einer deutschen Mutter.
Er starrte auf das Display seines Handys, sein Daumen schwebte über der Lern-App. Dann schob er das Handy unverrichteter Dinge zurück in die Hosentasche und starrte aus dem Fenster des überdachten Oberdecks. Erste Regentropfen trafen auf das Glas, in der Ferne blitzte es. Jan dachte an gestern Abend zurück und Scham stieg in ihm auf. Das war eine durchaus peinliche Angelegenheit gewesen. Fria hielt ihn vermutlich für völlig durchgeknallt. Er hatte irgendwie kein Glück mit den Frauen. Dabei hatte er bei Nina gedacht, er hätte eine Seelenverwandte gefunden. Er hatte vor Glück kaum gehen können – eine Zeit lang. Dann hatte sich das Glück langsam und diskret verabschiedet. Jan bemerkte es erst, als es fort war. Sie waren noch immer ein Paar, aber es war nicht mehr so innig wie vorher. Sie sprachen noch immer miteinander, aber ihre Gespräche wandelten sich zunehmend in Streitgespräche. Irgendwann war das Schweigen eingekehrt und schließlich kam jener Abend, an dem Nina sich von ihm trennte.
Sie saßen vor dem Fernseher und schauten irgendeine NetflixSerie. Und dann, wie aus dem Nichts, sagte Nina: »Ich liebe dich nicht mehr.« Ihre Stimme klang so leidenschaftslos, als würde sie ihm mitteilen, dass die Chips alle wären. Jan hatte sie verblüfft angeblickt. Er wusste, dass er jetzt eigentlich irgendetwas fühlen müsste: Zorn, Verzweiflung, Frust. Doch da war nichts mehr, außer vielleicht Erleichterung. Aber irgendwie fühlte es sich schräg an, einfach nur »Okay« zu sagen und dann die Serie weiterzugucken. Also fragte er: »Hast du einen anderen?«
Daraufhin sprang Nina auf und schrie: »Das ist alles, was dir einfällt? Du bist so ein Idiot!« Sie stürmte hinaus.
»He, reg dich ab.« Jan folgte ihr.
Nina war schon an der Haustür. Sie hielt eine gepackte Tasche in der Hand. Ihre Wangen glühten. »Versuch gar nicht erst, mich aufzuhalten!«
In diesem Moment wusste Jan, dass er mit seiner spontanen Frage
den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Sie hatte längst einen anderen. »Spar dir die Show«, fauchte er.
Die Tür fiel ins Schloss und Jan war wieder Single. Jan seufzte. Eine Zeit lang hatte sich das gut angefühlt. Aber irgendwie wurde er den Eindruck nicht los, dass er fürs Alleinsein nicht geschaffen war. Er lehnte sich zurück und startete seine LernApp. Mittlerweile prasselte der Regen heftig gegen die Frontscheibe und es war so dunkel geworden, dass es auch später Abend hätte sein können. Der Wellengang begann unangenehm zu werden. Ein Gong erklang. »Liebe Fahrgäste, wie Sie feststellen können, wird die Nordsee heute etwas ungemütlich. Bitte suchen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit die Innenräume auf und bleiben Sie auf Ihren Plätzen. Vielen Dank!«
Ein Steward ging umher und verteilte Spucktüten. Eine Grundschülerin, zwei Sitze weiter, machte unverzüglich Gebrauch davon. Ihr jüngerer Bruder war schneller und erbrach sich gegen die Fensterscheibe, ehe seine hektisch mit der Tüte hantierende Mutter den Schwall auffangen konnte. Der Junge hatte zuvor offenbar einen Döner verspeist, wie Jan nun erkannte. Die ganze Angelegenheit begann olfaktorisch unangenehm zu werden und Jan beschloss die Toilette aufzusuchen. Begleitet von finnischen Vokabeln und einem flauen Gefühl in der Magengegend stellte er sich der Herausforderung, bei zunehmendem Wellengang das Pinkelbecken zu treffen. Als er die sanitären Anlagen verließ, zerriss ein Blitz den dunklen Himmel, und ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgte. Das Licht flackerte. War das Schiff getroffen worden?
Eine plötzliche Bewegung ließ ihn herumfahren. Eine Gestalt huschte eilig an ihm vorbei und öffnete die Tür zum Passagierdeck. Angesichts dieses Wetters war das nicht nur verboten, sondern wirklich gefährlich.
»He«, rief Jan.
Die Gestalt fuhr herum. Sie trug viel zu weite Kleidung, eine helle Haarsträhne lugte unter ihrer Mütze hervor. Jan erkannte die junge Frau wieder, die vorhin beinahe zu spät gekommen war. Im flackernden Licht wirkte ihr Gesicht kalkweiß. Einen Augenblick lang starrte sie Jan an. Dann weiteten sich ihre Augen entsetzt. »Ich … ich wollte
das nicht … ich dachte … tut mir leid«, stammelte sie und hetzte hinaus auf das dunkle, klitschnasse Außendeck.
Was war denn mit der los? Stand sie vielleicht unter Drogen? »Warten Sie«, rief er. Undeutlich sah er sie im strömenden Regen zur Treppe eilen. Eine Windböe jagte einen Plastikeimer über das Deck. Die Frau stürzte.
Mist! In ihrem panischen Zustand würde sie sich noch verletzen. Jan drückte die Tür auf. Gischt und Regen prasselten mit einer solchen Wucht auf ihn ein, dass es sich wie ein Schlag anfühlte. Salz brannte in seinen Augen. Halb blind wandte er sich zur Treppe. Das Deck war glitschig. Eine mächtige Welle hob das Schiff an. Jan stolperte vorwärts und stieß unsanft gegen einen der fest an Deck montierten Plastikschalensitze. Blinzelnd und tastend stolperte er über das Deck vorwärts und erreichte schließlich die Treppe. Von der Frau war nichts mehr zu sehen. Hoffentlich war sie nicht über Bord gegangen. Jan umklammerte das nasskalte Geländer und stakste vom Wellengang hin- und hergeworfen die Stufen hinunter.
Auf dem unteren Außendeck peitschte der Wind nicht ganz so wild, dafür war die Gischt hier umso heftiger. Auch hier war die Frau nicht zu sehen. Vielleicht war sie wieder hineingegangen? Mühsam arbeitete Jan sich zum Eingang des Hauptdecks vor und schlüpfte durch die Tür. Seine Klamotten waren klitschnass. »Shit!« Er trat in den Passagierraum. Mittlerweile war die Notbeleuchtung angegangen. Ganz offensichtlich war irgendetwas kaputtgegangen. Er sah sich um. Der alte Mann war aufgestanden und wollte offenbar zur Tür, seine Enkelin wirkte beunruhigt.
Jan eilte zu den beiden. »Haben Sie eine junge Frau hereinkommen sehen?«
Die Frau schüttelte den Kopf und im selben Moment packte der alte Mann Jans Arm. Sein Griff war erstaunlich fest. Noch erstaunlicher war sein Gesicht. Es wirkte vollkommen verändert. Da waren keine Teilnahmslosigkeit und Leere mehr. Seine Augen waren ganz wach. In seinem Blick spiegelte sich eine verwirrende Mischung aus Emotionen. »Was machst du hier?«, fuhr er Jan an. Aber es lag keine Aggression in seiner Stimme, sondern eher so etwas wie Besorgnis. »Warum bist du zurückgekommen?«
»Was … meinen Sie?«, stammelte Jan irritiert.
»Ich weiß auch nicht, was los ist«, sagte die Enkelin aufgeregt. »Auf einmal ist er aufgesprungen und …«
»Geh zurück«, befahl der Alte. Sein Blick war so eindringlich, dass Jan erstarrte. »Geh zurück, bevor es zu spät ist!« Dann legte er beide Hände auf Jans Schultern. Das Skizzenbuch polterte zu Boden. »Lass sie nicht allein!«
Der Alte ließ ihn los und wirkte mit einem Mal kraftlos. Seine Enkelin half ihm, auf dem nächstbesten Stuhl Platz zu nehmen. Jan hob das offene Skizzenbuch auf. Er konnte nur einen kurzen Blick hineinwerfen, bevor der Alte wieder danach griff und es an sich riss. Etwas an den Umrissen, die Jan erblickt hatte, ließ ihn erschauern. Intuitiv wandte er sich um und hastete zum Ausgang. Ein Steward rief ihm etwas zu und stellte sich ihm in den Weg. Jan stieß ihn beiseite und trat hinaus in den Sturm. Aus dem Augenwinkel glaubte er eine Bewegung wahrzunehmen. Er blickte nach rechts, konnte aber zwischen Regen und Gischt kaum etwas erkennen. »Hallo?«
Keine Antwort.
Seltsam – irgendwie fühlte er sich beobachtet. Ja, mehr als das, es schien, als wolle sich irgendetwas in seine Gedanken drängen. Er schüttelte das seltsame Empfinden ab und tastete sich vor bis zur Reling. Niemand war zu sehen. War die Frau etwa …? Er beugte sich vor und versuchte in den brausenden grauen Wogen etwas zu erkennen. Bewegte sich da eine Gestalt im Wasser?
Etwas Seltsames geschah. Für einen kurzen Augenblick verschob sich seine Wahrnehmung, so als würde er zwei Bilder gleichzeitig sehen. Das eine war das brodelnde Meer unter ihm, das andere war ein Mann, der sich gegen den tosenden Wind ankämpfend an eine Reling klammerte. Er erschauerte. Ein Schatten verdeckte den Mann. Fast gleichzeitig traf ihn ein Stoß von hinten, so heftig und unerwartet, dass er keine Chance hatte. Er prallte heftig gegen die Reling, verlor das Gleichgewicht und stürzte über sie hinweg. Hektisch versuchte er, Halt zu finden, aber seine Hände griffen ins Leere. Einen entsetzlichen Moment lang schwebte er wild mit den Armen rudernd im Nichts, dann schluckten ihn die tosenden Fluten.
Kapitel 3
DieKälte des Wassers war ein Schock. Binnen Sekunden durchdrang sie seine Kleidung. Jan war wie erstarrt, spürte nichts anderes mehr als die nasse Dunkelheit um ihn her, das wilde Schlagen seines Herzens und den unnachgiebigen Sog der Tiefe. Das Meer war dabei, ihn zu verschlingen. Panik ergriff ihn und durchbrach die lähmende Erstarrung. Mit hektischen Schwimmbewegungen versuchte er, zurück an die Oberfläche zu gelangen. Doch je mehr er sich anstrengte, desto stärker schienen die Fluten ihn festzuhalten. Wasser umhüllte ihn wie ein undurchdringlicher Kokon. Das Salz des Meeres brannte in seinen Augen. Dennoch riss er sie weit auf. Warum war es so dunkel? Wo war das Licht? Schwamm er überhaupt nach oben oder hatte er die Orientierung verloren und kämpfte sich mit aller Kraft in die Tiefe?
Hektisch wandte er sich um. Doch da war nirgendwo Licht – nicht das kleinste bisschen Grau durchdrang die Schwärze des Wassers. Seine Panik steigerte sich, sein Herzschlag trommelte. Er wusste, dass er den Atemreflex irgendwann nicht mehr würde unterdrücken können. Wenn erst Wasser in seine Lungen geriet, wäre es zu spät. Dann drohte ein grausamer Erstickungstod. Er paddelte wild in eine Richtung, die ihm irgendwie heller erschien, als seine Hand plötzlich gegen etwas Hartes schlug. Der Schmerz durchdrang die kopflose Panik. Für einen kurzen Moment formte sich der Gedanke: Ich bin gegen irgendetwas Schwimmendes gestoßen. Dort muss die Oberfläche sein! Zugleich spürte er, wie das Brennen in seiner Brust unerträglich wurde. Sein Mund öffnete sich, ohne dass er es wollte. Gleich würden seine Lungen sich mit Wasser füllen und dann …
Er machte einen letzten panischen Schwimmzug. Seine Hände berührten erneut etwas Festes. Es fühlte sich an wie Holz. Hektisch griff
er zu und zog sich daran hoch. Sein Kopf durchstieß die Wasseroberfläche. Da waren blitzende Lichtpunkte und ein bleiches Flirren. Sein Zwerchfell zog sich schmerzhaft zusammen und er hustete röchelnd. Pfeifend sog er die Luft ein, bevor der nächste Hustenanfall ihn packte. Er erbrach Meerwasser, rang nach Luft und hustete. Minutenlang trieb er orientierungslos zwischen bleichen Lichtfunken und kalter Schwärze und rang nach lebensspendendem Sauerstoff. Schließlich ließ der Hustenreiz nach. Jan blinzelte das brennende Meerwasser aus seinen Augen und versuchte, sich zu orientieren. Über ihm spann sich, halb verdeckt von dahinrasenden Wolkenfetzen, ein Sternenhimmel, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Myriaden von Sternen funkelten in der Schwärze des Firmaments. Der Mond war eine hauchdünne schmale Sichel und sein fahles Leuchten wurde hier und da von den grauen Wogen aufgefangen und zurückgeworfen. Mist, was war passiert? Warum war es auf einmal Nacht? Wo war die Fähre?
Jan rief um Hilfe, brachte aber kaum mehr als ein Röcheln zustande. Schließlich registrierte er zwei Dinge: Der Gegenstand, an dem er sich festklammerte, war aus Holz. Er spürte sich überlappende Planken. Vielleicht Teile eines Boots? Und das unverkennbare Rauschen einer Brandung drang an seine Ohren. Das bedeutete, ganz in der Nähe musste Land sein. Eigentlich war das unmöglich, sie waren mehrere Kilometer vom Festland und jeder Insel entfernt gewesen, als das Unwetter losgebrochen war. Aber diese Unmöglichkeit scherte ihn im Augenblick wenig. Er begann, Wasser zu treten, und versuchte, die Planke so in Richtung des Geräuschs zu treiben. Der Wellengang war zu stark, um irgendetwas zu erkennen.
Er kämpfte sich weiter. Das kalte Wasser ließ seine Finger steif werden. Schon bald gesellte sich zum Brausen der Wogen das Klappern seiner Zähne. Er konnte nicht einschätzen, wie viel Zeit verging. Ihm kam es wie Stunden vor, aber vielleicht waren es auch nicht mehr als dreißig Minuten. Man konnte auch in mäßig kaltem Wasser an Unterkühlung sterben. Jan hatte keine Ahnung, woher sein Hirn diese Information geholt hatte, aber die Erkenntnis war momentan nicht sonderlich hilfreich. Stoisch paddelte er weiter.
Irgendwann ertappte er sich dabei, dass er bewegungslos an dem Brett hing, den Kopf ans nasse Holz gelehnt, die Beine taub. Auch in
seinen Fingern hatte er kein Gefühl mehr. Wie lange trieb er schon hier im Wasser? Er sah hoch zum Himmel und bemerkte: Das bleiche Licht des Mondes war einem sanften rötlichen Glühen gewichen. Die Sonne ging auf und in ihrem Licht sah er etwas Wunderbares: Land. Nur etwa hundert Meter entfernt lag das Ufer. Der Deich wirkte seltsam und war durchsetzt von riesigen schlammigen Löchern, als habe ein gewaltiges Ungeheuer an ihm genagt. Der Strand davor war übersäht von Treibholz, Netzen und schmutzigen Stofffetzen – offenbar die Überreste einer Sturmflut. Etwas in ihm irritierte dieses Chaos, so als würde etwas daran nicht stimmen. Doch der größere Teil seiner selbst spürte eine Woge der Hoffnung, die seinen müden und völlig unterkühlten Körper erfasste. Er begann wieder zu paddeln. Mit ungelenken, steifen Bewegungen hielt er auf das Ufer zu. Es schien Stunden zu dauern, bis seine Füße endlich den weichen Wattboden berührten. Mühsam schleppte er sich weiter. Möwen kreischten und suchten nach angeschwemmten Kadavern von Meerestieren. Das Wasser reichte Jan nur noch bis zu den Hüften. Der Wind zerrte an seiner nassen Kleidung. Doch die Kälte saß längst unter seiner Haut und er spürte es kaum. Unbeholfen taumelte er weiter, Schritt um Schritt. Je weiter er aus dem Wasser kam, desto schwerer schien sein Körper zu werden. Er stürzte, kroch auf allen vieren weiter und erreichte schließlich – umgeben von zerborstenem Holz, Muschelschalen und Tang – trockenes Land. »Danke«, murmelte er zu niemand Besonderem. Dann war der Boden auf einmal ganz nah, er schlug unsanft gegen sein Gesicht. Ich bin am Leben, schoss ihm durch den Sinn. Vor seinem inneren Auge sah er das warmherzige Lächeln seiner Großmutter und kurz darauf Ninas wütenden Blick.
Dann umfing ihn samtene Schwärze.
Ein scharfer Schmerz an seiner Wange riss ihn aus seiner Benommenheit. Er zuckte zusammen, hörte empörtes Kreischen und sah aus den Augenwinkeln etwas Helles aufflattern. Dann kehrte die Dunkelheit zurück.
Das Nächste, was er wahrnahm, war der Geruch von totem Fisch und leise Stimmen. Sie klangen jung, aber fremdartig.
»Libbet hy noch?«, fragte eine helle Stimme, vielleicht von einem Mädchen. Sie klang besorgt.
»Ik leau net«, antwortete jemand. Die Stimme klang zunächst tief, glitt aber in ein helles Quietschen ab. Offensichtlich ein Junge im Stimmbruch. Er schien die Sache weniger emotional zu betrachten.
»Ik tink dat«, sagte wieder die andere Stimme. Sie gehörte eindeutig einem jungen Mädchen. Er vernahm Schritte, die näher kamen. Doch als er versuchte, die Augen zu öffnen, wollte ihm das nicht gelingen. Ihm war, als bestünden seine Lider aus Blei. »Hy sjocht frjemd.« Jan war sich sicher, dass er diese Sprache schon mal gehört hatte. Sie wirkte wie eine merkwürdige Mischung aus Deutsch, Englisch und Niederländisch. Nichts wollte zusammenpassen.
»Miskien komt hy út ’e koloanjes?«, brummte der Junge. Es klang so, als würde er eine Vermutung äußern. Die beiden waren nun ganz dicht bei ihm.
»Jo spinje«, sagte das Mädchen und jetzt machte es in Jans Hirn Klick. Diese Worte bedeuteten so viel wie Du spinnst. Im selben Augenblick wurde ihm klar, was ihm so unpassend erschienen war. Er hatte diese Sprache oder besser gesagt diesen Dialekt noch nie von jungen Lippen vernommen. Nur sehr alte Menschen beherrschten ihn zuweilen noch. Denn wenn er sich nicht total irrte, sprach dieses junge Mädchen eine archaisch klingende Variante des Friesischen.
Plötzlich spürte er ein unangenehmes Stechen in seiner Seite. Stach sie ihn mit einem Stock? Lass das, wollte er rufen. Aber mehr als ein unverständliches Stammeln und ein Zucken des rechten Arms brachte er nicht zustande.
Das Mädchen quiekte erschrocken und meinte dann ein paar Atemzüge später etwas selbstgefällig: »Ik sei dat hy noch libbet.«
Ich habe doch gesagt, dass der noch lebt, übersetzte Jan im Kopf.
»Help My«, befahl das Mädchen und gleich darauf spürte Jan, wie sich Hände um seine Arme schlossen und ihn über den Strand zerrten. Er rutschte über scharfkantige Steine, Muscheln und allerlei Unrat, was die Sache nicht angenehm machte. Erneut versuchte er die Augen zu öffnen, doch es war unmöglich. Eine Zeit lang musste er weggetreten sein. Irgendwann verspürte er ein prickelndes Brennen an seiner rechten Seite und Rauch stach ihm unangenehm in die Nase. Erschrocken riss er die Augen auf.
Tatsächlich züngelten Flammen neben ihm. In einer Feuerkuhle
neben ihm glühten dunkle Quader. Zuerst dachte er, es wäre Kohle, doch dann erkannte er, dass es Torf war. Warum lag er an einem Torffeuer? Und wieso hatte niemand den Notarzt gerufen? Durch den Rauch hindurch erkannte er undeutlich das Gesicht eines Mädchens, das ihn aufmerksam musterte. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt und voller Sommersprossen. Helles, vom Wind zerzaustes Haar lugte unter so etwas Ähnlichem wie einem Sonnenhut hervor. »Jo binne wekker. – Du bist wach«, stellte sie fest.
Jan war, als wäre sein Hirn in Watte gepackt. Jeder Gedanke fiel ihm schwer. Soweit er wusste, wurde Friesisch nur noch in nennbarem Umfang in den Niederlanden gesprochen. Aber konnte es wirklich sein, dass er so weit nach Südwesten abgetrieben war? Eigentlich unmöglich. »Wo bin ich hier gelandet?«, sprach er laut aus, was er dachte.
Sie sah ihn mit großen Augen an.
»Verstehst du mich?« Er versuchte sich aufzurichten, sackte aber gleich wieder stöhnend zusammen. »Kannst du mich verstehen?«
Das Mädchen sprang auf und musterte ihn mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis. Sie trug ein seltsames weites Kleid, und wenn er sich nicht täuschte, hatte sie Holzpantinen an. Aber Jans Augen waren vom Salzwasser gereizt und das rauchende Torffeuer machte die Sache nicht besser. »Begrijp je me?«, versuchte er es auf Niederländisch.
Sie runzelte die Stirn und nickte dann zögernd, als wäre sie sich ihrer Antwort selbst nicht sicher.
Mühsam richtete Jan sich auf. »Waar ben ik? – Wo bin ich?«, fragte er.
»Osterlân, Föhr«, antwortete das Mädchen.
»Wat?«, entfuhr es ihm.
Das Mädchen kam um das Feuer herum. Sie trug tatsächlich ein weites Kleid, blau gefärbt, verblichen und geflickt, darüber eine Art Jacke. Ihre nackten Füße steckten in Holzpantinen und der seltsame Sonnenhut war eine altmodische, nicht mehr ganz weiße Haube. Sie ging neben Jan in die Hocke und legte ihre Hand behutsam auf seinen Arm. »Jo binne op it eilân Föhr«, sagte sie, langsam und geduldig, als spräche sie zu einem Kind. Dann deutete sie auf das Meer und fragte: »Wie dat jo skip?«
Jan sah zu der Stelle, auf die sie gedeutet hatte. Dann wanderte sein Blick langsam zurück zu ihr und er starrte sie an wie einen Geist. Denn soeben hatte sie ihm nicht nur in altertümlichem Friesisch erklärt, dass er sich auf der Insel Föhr befand. Sie hatte auch auf ein Schiffswrack gewiesen, das in einigen Hundert Metern gestrandet und von den Wellen zerschlagen worden war. Er kannte sich mit Schiffen nicht besonders gut aus, aber es handelte sich unverkennbar um einen altertümlichen Schiffstyp, den Jan erst einmal gesehen hatte – im Schifffahrtsmuseum in Husum. Das Wrack, das dort in der Dünung schwankte, war eine Galeasse, ein zweimastiges Holzschiff, das im 18. Jahrhundert als Frachtschiff Waren über das Meer transportiert hatte.
Kapitel 4
Jans
Blick wanderte von dem Schiffswrack zurück zu dem jungen Mädchen. Was hatte das zu bedeuten? Was sollte diese Kleidung? Warum sprach sie diesen fast ausgestorbenen Dialekt und warum war da ein historischer Zweimaster auf Grund gelaufen? Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass jede Menge Zeit vergangen sein musste, seitdem er ins Wasser gestürzt war. Er rieb sich die Schläfen. Sein Kopf schmerzte. Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Zwischendurch war es Nacht gewesen, nun war es heller Vormittag. Es musste fast 24 Stunden her sein, dass er die Fähre betreten hatte. Seine Familie würde sich Sorgen machen. »Ich muss telefonieren«, brummte er.
Das Mädchen sah ihn verständnislos an. »Ik moet bellen«, wiederholte er auf Niederländisch.
Der Blick des Mädchens änderte sich nicht. Dann fragte sie behutsam auf Friesisch: »Hast du dir den Kopf gestoßen?«
Jan stöhnte. Allmählich wurde das Ganze anstrengend. Vielleicht spielte die Kleine irgendein Spiel und kam nicht aus ihrer Rolle. Oder sie gehörte zu den Amischen oder einer anderen dubiosen Sekte. Er sah das Mädchen an und hob die Hand: »Hilf mir auf, bitte!«
Als sie nickte und seine Hand packte, wurde ihm bewusst, dass er intuitiv in einem Gemisch aus Niederländisch und Friesisch gesprochen hatte, um von ihr verstanden zu werden. Stöhnend richtete er sich auf. Die Kleine war kräftiger, als sie aussah. Ihre Hände waren rau. Sie war es offenbar gewohnt zu arbeiten. Mühsam kam er auf die Füße. Für einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen und er schwankte leicht. Doch sie hielt ihn fest und der Schwindel ließ nach.
Jan kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Egal ob historisch oder nicht: Wenn der Zweimaster gerade erst gesunken
war, mussten hier in der Nähe Rettungskräfte unterwegs sein. Sein Blick glitt die Küste entlang. Offensichtlich hatte es vor Kurzem eine Sturmflut gegeben, aber Menschen waren keine zu sehen, keine Rettungswagen, kein Blaulicht. Und das war nicht das einzig Seltsame. Jan hatte viel Zeit am Meer verbracht und kannte das typische Bild, das solche Ereignisse hinterließen. Unmengen an Müll bedeckten dann die Strände. Er betrachtete das angeschwemmte Strandgut. Irgendetwas stimmte damit nicht. Er entdeckte jede Menge Äste, Seetang, Planken, Netze, leere Flaschen, Muscheln und die zerschmetterten Glieder toter Krebse. Doch irgendwie fehlte es an Farbe. Seine Augen weiteten sich, als er bemerkte, was in diesem Bild fehlte – Plastik! Nicht eine angeschwemmte Plastiktüte, keine leeren Kanister, PET -Flaschen, Nylonseile oder Joghurtbecher. Nichts! Es war surreal. Ein seltsames Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. War das hier ein Filmset? Seine Augen suchten den Strand ab. Keine Kamera weit und breit. Die Deiche wirkten ziemlich mitgenommen, und so weit er blicken konnte, war das ganze Ufer voller Strandgut. Nirgendwo entdeckte er auch nur die kleinste Andeutung von buntem Kunststoff. Richtung Landesinnere versperrte ihm der Deich weitgehend die Sicht. Er glaubte in der Ferne die Andeutung eines Reetdachs zu erkennen, aber kein Anzeichen eines Hotels, keine Windräder, die Strom erzeugten. Das musste die abgelegenste Ecke Föhrs sein.
»Betreibt ihr hier experimentelle Archäologie?«, fragte er. Er hatte von solchen Projekten gehört. Es gab Menschen, die als Steinzeitjäger nur mit Fell und Feuerstein ausgestattet durch die Einsamkeit Skandinaviens zogen oder wie Wikinger lebten und nur mithilfe einfacher Beile Holzhäuser bauten und Boote herstellten.
Das Mädchen sah ihn nur mit großen Augen an.
Jan schluckte, sein mulmiges Gefühl verstärkte sich.
»Oh, er ist wach?«, erklang jetzt die Stimme des Jungen, die er vorhin schon vernommen hatte. Inzwischen übersetzte Jans Gehirn schon reflexartig.
Der Junge tauchte wie aus dem Nichts auf. Er hatte sich vermutlich in Jans totem Winkel genähert. Er war dreizehn oder vierzehn Jahre alt und damit ungefähr zwei Jahre älter als das Mädchen. Ihrer
Ähnlichkeit nach zu schließen, waren sie Geschwister. Er kratzte sich unter seiner weitkrempigen Mütze die hellblonden Locken. Seine blaue Jacke war zerschlissen und seine ehemals weiße Hose war vielfach geflickt. Die Holzschuhe an seinen Füßen trugen tiefe Kerben. Offenbar ging er nachlässiger mit seiner Kleidung um als seine Schwester.
»Ja, ich bin wach«, antwortete Jan in seinem besten Friesisch.
Der Junge wirkte verblüfft. »Dein Dialekt ist seltsam, wo kommst du her?«
»Aus Flensburg.«
Der Junge lächelte. »Ah, da, wo der Rum herkommt.« Er kratzte sich wieder am Kopf. »Aber du hörst dich auch nicht an wie ein Däne.
Warst du zwischendurch in den Kolonien?«
»Kolonien?«
»Philadelphia oder Pennsylvania oder vielleicht auch Afrika?«
»Äh … nein.« Einen kurzen Moment lang flimmerte es vor Jans Augen.
»Jetzt hör auf, ihn so auszuquetschen«, fuhr das Mädchen den älteren Bruder an. »Siehst du nicht, dass er ganz verwirrt ist?«
»Reg dich ab. Ich bin auch verwirrt«, grummelte der Junge.
Das Mädchen grinste. »Da kann ich ausnahmsweise mal nicht widersprechen.«
»He, werd nicht frech! Sonst gibt’s was hinter die Ohren«, drohte der große Bruder, doch er schien es nicht ernst zu meinen.
Jan ließ seinen Blick über das Meer schweifen. Er glaubte, die Hallig Langeneß zu erkennen, aber sie sah anders aus. Es wirkte fast so, als stünden mehr Häuser darauf, als er es in Erinnerung hatte. Auch schien sie irgendwie länger zu sein, aber das mochte täuschen. Der Blick in den Nordwesten wurde durch eine Nebelwand versperrt.
»Jetzt komm, Tjara«, drängte der Junge. »Mem wird schimpfen, wenn wir kein Holz nach Hause bringen.«
»Ist ja gut.« Sie blickte zu Jan auf. »Mann aus Flensburg, du musst dich wieder setzen. Wir müssen arbeiten.«
»Wartet einen Augenblick.« Jan hatte das Gefühl, als machte der Nebel über dem Wasser sich auch in seinem Hirn breit. Das Denken fiel ihm schwer. »Wartet«, bat er erneut. »Die Frage hört sich möglicherweise seltsam an, aber … welches Jahr haben wir?«