Fokus Forschung am Universalmuseum Joanneum

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Fokus Forschung am Universalmuseum

Joanneum

Fokus Forschung am Universalmuseum

Joanneum

Inhalt

Vorwort

Forschen im Museum

Abteilung Naturkunde

14 Botanik & Mykologie

18 Geologie & Paläontologie

22 Mineralogie

26 Zoologie

Abteilung Archäologie & Münzkabinett

32 Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung

36 Provinzialrömische Sammlung & Antikenkabinett

40 Münzensammlung

Abteilung Schloss Eggenberg & Alte Galerie

46 Schloss Eggenberg

50 Alte Galerie

Abteilung Neue Galerie Graz

56 Neue Galerie Graz

Abteilung Kunst im Außenraum

62 Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark

Abteilung Kulturgeschichte

68 Kulturhistorische Sammlung

72 Landeszeughaus

76 Multimediale Sammlungen

Abteilung Volkskunde

82 Volkskunde

Abteilung Schloss Stainz

88 Jagdkunde

92 Rosegger-Museum und Rosegger-Geburtshaus

Abteilung Schloss Trautenfels

98 Schloss Trautenfels

Abteilung für Besucher*innen

104 Besucher*innen im Fokus

Impressum

Vorwort

Museen genießen ein hohes gesellschaftliches Vertrauen. Dieses Vertrauen ist kein Selbstläufer – es beruht auf wissenschaftlicher Arbeit, kritischer Reflexion und der Bereitschaft, Wissen stets neu zu hinterfragen. Forschung ist damit keine Zusatzaufgabe, sondern das Fundament musealen Handelns.

Das Universalmuseum Joanneum steht seit seiner Gründung für diesen Anspruch. Der Auftrag, Sammlung, Forschung und Vermittlung untrennbar zu verbinden, prägt unser Haus bis heute. In einer Zeit beschleunigten Wandels gewinnt diese Aufgabe weiter an Bedeutung: Forschung ermöglicht Orientierung, schafft Transparenz und eröffnet neue Perspektiven auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Mit dem 2024 verabschiedeten Leitbild bekennen wir uns klar zur Stärkung der Forschung als Innovationsquelle und als Basis unserer Rolle als Wissensspeicher und Kompetenzzentrum. Interdisziplinarität, Kooperationen und die Sichtbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse sind dabei zentrale Anliegen.

Diese Publikation gibt Einblick in die Vielfalt der Forschungsarbeit an unseren Sammlungen. Sie zeigt exemplarisch, wie aus Objekten, Archiven und Fragen neues Wissen entsteht – und lädt dazu ein, das Museum als lebendigen Ort des Forschens zu entdecken.

Wir danken allen Mitarbeiter*innen, deren Engagement diese Arbeit möglich macht, und wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Wissenschaftlicher Kaufmännischer Direktor Direktor

Forschen im Museum

Das Institut für Museumsforschung hat 2024 eine umfangreiche Studie zum Vertrauen in Museen in Deutschland veröffentlicht.1 Daraus geht hervor, dass Museen im persönlichen wie institutionellen Umfeld das höchste Vertrauen nach Familie und Freund*innen genießen – noch vor Wissenschaftler*innen und Medien. Unter allen öffentlichen Einrichtungen erzielen sie die höchsten Vertrauenswerte und heben sich deutlich von politischen Organisationen ab. Dieses Vertrauen basiert maßgeblich auf der Wahrnehmung ihrer Neutralität. Was hat diese hohe Glaubwürdigkeit mit der Forschung in Museen zu tun? Unseres Erachtens sehr viel, denn eine neutrale Position lässt sich am besten einnehmen, wenn man unterschiedliche Aspekte eines Themas umfassend darstellen kann. Dennoch taucht immer wieder die provokante Frage auf: Wozu noch forschen im Museum? Vielleicht ist sie angesichts digitaler Datenflut, KI-Entwicklung und zunehmender wissenschaftlicher Spezialisierung gar nicht so unberechtigt. Bereits in den Gründungsstatuten des Joanneums vom 1. Dezember 1811 heißt es: „Stäte Entwickelung, unaufhörliches Fortschreiten ist das Ziel des Einzelnen, jedes Staatenvereins, der Menschheit. Stille stehen und Zurückbleiben ist (nach dem Ausspruche eines großen Weisen) in dem regen Leben des immer neuen Weltschauspiels einerley.“ Dies gilt auch für unser Museum, das sich in 214 Jahren von einer Bildungseinrichtung, die „das Lernen erleichtern“ und „die Wißbegierde reitzen“ soll, zu einem modernen Museumsverband entwickelt hat.

1811 von Erzherzog Johann dem Land Steiermark gestiftet, erhielt das Joanneum den Auftrag, Zeugnisse der Natur, Kunst und Kultur des Landes zu sammeln und zu erforschen, um die geistige und technologische Entwicklung der Steiermark aktiv zu fördern.

Heute ist das Universalmuseum Joanneum die wichtigste wissenschaftlich-kulturelle Institution des Landes und das größte Universalmuseum Mitteleuropas.

Im Gesellschaftsvertrag ist festgehalten, dass der „Gegenstand des Unternehmens die Führung eines Museums in Übereinstimmung mit den Statuten des Internationalen Museumsrates ICOM“ ist. Im August 2022 wurde eine neue Museumsdefinition von ICOM verabschiedet:

„Ein Museum ist eine nicht gewinnorientierte, dauerhafte Institution im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv, fördern Museen Diversität und Nachhaltigkeit. Sie arbeiten und kommunizieren ethisch, professionell und partizipativ mit Communities. Museen ermöglichen vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Bildung, Freude, Reflexion und Wissensaustausch.“ 2

Ausgehend vom Gründungsauftrag wie der aktuellen ICOM-Definition sollte sich die Frage nach der Notwendigkeit von Forschung im Museum eigentlich nicht stellen. Die Realität in der Museumslandschaft ist jedoch

eine andere: Bei den zahlreichen Aufgaben, die Museen erfüllen sollen, gerät die Forschung zunehmend unter Druck.

Wie kann sich die Forschung in Museen positionieren?

Der Deutsche Museumsbund hat in seinen Standards auch den Bereich Forschung definiert und mit Kriterien versehen:

„Museen sind Forschungsinfrastrukturen und konzentrieren sich auf die fachgerechte Erschließung und Bereitstellung ihrer Sammlungen für die Forschungsinteressen von Dritten. Museen fokussieren ihre Forschungsanstrengungen auf die konkreten Sammlungsgegenstände, deren Materialität, deren kulturelle, künstlerische und/oder wissenschaftliche

Bedeutung. Von diesem Ausgangspunkt erzielen sie induktiv erweiterte Forschungshorizonte. Sie forschen außerdem zu Inhalten oder Fragestellungen, die mit der Zielsetzung der Institution verbunden sind. Durch veränderte gesetzliche, völkerrechtliche oder ethische Sichtweisen auf vergangene Erwerbsfälle entstehen zusätzliche Klärungsbedarfe durch Provenzienzforschung.“ 3

Die Kriterien gliedern sich in vier Bereiche:

→ Zugang für Dritte

→ intra- und interinstitutionelle Forschung

→ Publikation der Forschungsergebnisse und

→ Provenienzforschung

Sie sind für eine sehr breite Museumslandschaft formuliert – vom ehrenamtlich geführten Gemeindemuseum bis zur nationalen Einrichtung –weshalb zwischen Mindest- und gehobenen Standards unterschieden wird. Selbst für ein großes Museum wie das Universalmuseum Joanneum sind die gehobenen Standards nicht in allen Bereichen leicht zu erfüllen.

Mit Spannung erwarten wir daher die Ergebnisse der Umfrage des Museumsbundes Österreich zum Thema Forschung 4, die hoffentlich einen Überblick über den Stand der Forschung in österreichischen Museen geben wird. Hervorzuheben ist jedenfalls das Naturhistorische Museum Wien, das sich mit seiner 2025 publizierten Forschungsstrategie5 klar als Forschungsinstitution positioniert.

2024 wurden für das Universalmuseum Joanneum ein neues Leitbild und eine Vision beschlossen. Das Leitbild positioniert die Forschung eindeutig:

„Wir sammeln, bewahren, erforschen, interpretieren und präsentieren, um unseren Besucherinnen Wissen über Vergangenheit und Gegenwart sowie über Chancen und Herausforderungen der Zukunft zugänglich zu machen und sie zu innovativen Ideen und zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen zu inspirieren.“

6

Die Vision hebt die Forschung als „wichtige Innovationsquelle“ hervor, um das Museum zu „einem unabdingbaren Wissensspeicher und zu einem wesentlichen internationalen Kompetenzzentrum“ zu entwickeln.

Daraus ergeben sich folgende strategische Entwicklungsrichtungen im Bereich Forschung:

→ Erhaltung der wissenschaftlichen Expertise in allen Sammlungen

→ Verstärkung der sammlungsrelevanten Forschung durch Drittmittelprojekte

→ Etablierung abteilungsübergreifender Forschung

→ Aufbau von Forschungsnetzwerken

→ Stärkere Sichtbarmachung wissenschaftlicher Ergebnisse durch Open-Science- und Citizen-Science-Projekte

→ Besucher*innenforschung

Möglichkeiten und Stellenwert der Forschung gestalten sich in den 20 Museen des Universalmuseums Joanneum unterschiedlich – abhängig von Art, Geschichte und Genese der jeweiligen Sammlung, die in den Sammlungsrichtlinien des Museums7 gut dokumentiert ist. Da Forschung eng an Sammlungen gebunden ist, enthalten diese Richtlinien bereits kurze Beschreibungen der jeweiligen Forschungstätigkeiten.

Die vorliegende Publikation verfolgt zwei Ziele: Erstens die Darstellung der Expertisen und Forschungsschwerpunkte der einzelnen Sammlungen; zweitens einen Überblick über besonders spannende Forschungsprojekte der letzten Jahre. Die Forschungsstrategien sollen die Schwerpunkte der Wissenschaftler*innen sowie die Potenziale der Sammlungen sichtbar machen. Die Beispielprojekte sollen bei unseren Leser*innen Lust auf Forschung im Museum wecken. Die Sammlungen des Universalmuseums Joanneum sind ein teils ungehobener Schatz, der durch den unermüdlichen Einsatz unserer Forscher*innen für die Besucher*innen unserer Museen erlebbar wird.

Viel Freude beim Eintauchen in die spannende Welt der Museumsforschung!

1 https://zenodo.org/records/15645807 (3.12.2025).

2 http://icom-oesterreich.at/news/icom-museumsdefinition (3.12.2025).

3 https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2023/07/dmb-leitfaden-standards-fuer-museen-online.pdf (3.12.2025).

4 https://www.museumsbund.at/museumspraxis/umfrage-forschung-im-museum (3.12.2025).

5 https://verlag.nhm-wien.ac.at/NHMWReports/NHMW_Reports_7.pdf (3.12.2025).

6 https://www.museum-joanneum.at/ueber-uns/leitbild-geschichte (3.12.2025).

7 https://issuu.com/universalmuseum/docs/sammlungsrichtlinien_kern_2020_issu (3.12.2025).

Abteilung Naturkunde

Botanik & Mykologie

Ausgangslage der Forschung

Die Botanische Sammlung des Joanneums, gegründet 1811, ist seit über zwei Jahrhunderten ein zentraler Bestandteil der naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre. Sie umfasst heute rund 700.000 Belege, die jeweils Originalmaterial von Pflanzen oder Pilzen sowie Angaben zu Herkunft und Sammelzeit enthalten. Diese naturkundliche Belegsammlung ist eine unverzichtbare Grundlage für wissenschaftliche Analysen, da sie eine präzise Verortung in Raum und Zeit ermöglicht. Dadurch können neue Fragestellungen mit aktuellen Methoden bearbeitet werden. Die Sammlung ist somit Teil der österreichischen Forschungsinfrastruktur und bleibt für die Biodiversitätsforschung essenziell.

In den letzten Jahrzehnten verlagerte sich die botanische Forschung an Universitäten von klassischer Taxonomie hin zu molekularbiologischen Ansätzen wie Genetik und Systematik. Diese Entwicklung führte dazu, dass regionale und lokale Studien an Bedeutung verloren, da ihre Ergebnisse selten in internationalen Fachzeitschriften publiziert werden. Früher trugen „Amateur“-Botaniker, oft Lehrer, wesentlich zur lokalen Forschung bei. Heute sind diese Akteure aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen nahezu verschwunden. Museen wie das Universalmuseum Joanneum sind daher die wichtigsten Institutionen für naturkundliche Forschung mit regionalem Fokus.

Historische Entwicklung

Seit der Gründung war es erklärtes Ziel des Joanneums, die Flora der Steiermark sowie Pflanzen aus Europa und Übersee zu erforschen. Bis 1889 betrieb das Museum einen botanischen Garten, der diese Arbeit unterstützte. Die Ergebnisse wurden in Joanneum-eigenen Fachzeitschriften publiziert. Ab den 1970er-Jahren beteiligten sich vermehrt „Amateur“-Botaniker an der Forschung und trugen erheblich zur Sammlungserweiterung bei. In den 1980er-Jahren begann unter Leitung des Joanneums die systematische mykologische Erforschung der Steiermark, was bis heute zu einem starken Zuwachs der Pilzbelege führt.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Die Hauptaufgabe der Sammlung ist die Bereitstellung von Material für wissenschaftliche Untersuchungen. Bisher mussten dazu entweder die Wissenschafter*innen zu uns in die Sammlung kommen oder das Sammlungsmaterial an Schwesterinstitutionen verschickt werden. Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, werden Herbarbelege heutzutage digitalisiert: 2025 sind Daten zu rund 150.000 Belegen online verfügbar, davon 90.000 mit Fotos. Digitalisierung steigert die internationale Vernetzung und erleichtert den Zugang für externe Forschende.

Taxonomie bleibt eine zentrale Disziplin, da sie die Grundlage für biologische Forschung bildet. Kurator*innen werden daher auch dazu ermuntert, eigene taxonomische Forschung durchzuführen. Die Erforschung der Pflanzen- und Pilzwelt der Steiermark wird durch Kartierungen und lokalfloristische Erhebungen fortgesetzt, oft mit angewandtem Fokus für Naturschutz, Zustandserhebungen oder die Erstellung von Lokalfloren.

Ein strategisches Ziel ist die Ausstattung des Labors für DNA-Extraktionen, um molekulargenetische Analysen vorzubereiten. Damit könnten wir im Haus Proben so weit aufbereiten, dass sie dann in externe Labors für die Sequenzierung geschickt werden können.

Die Naturkunde des Joanneums gibt gemeinsam mit dem Naturwissenschaftlichen Verein für Steiermark die wissenschaftliche Zeitschrift „Natura Styriaca“ heraus, in der Mitarbeiter*innen des Joanneums, andere Wissenschafter*innen und auch „Amateur“-Botaniker*innen ihre Forschungsarbeiten mit regionalem und/oder sammlungsbezogenem Fokus veröffentlichen können.

Ziele und Nutzen

Die Wechselwirkung zwischen Forschung und Sammlung ist bidirektional: Belege sind Grundlage für Forschung, während neue Funde durch eigene Forschungsarbeiten die Sammlung erweitern. Die Aktualisierung der Sammlung mit aktuellem Material ist entscheidend, um zukünftigen Generationen eine Basis für Analysen zu bieten. Denn die Zukunft wird neue wissenschaftliche Methoden mit sich bringen, wodurch heute kaum denkbare Fragestellungen bearbeitet werden können.

Um international attraktiv zu bleiben, sind relevante Sammlungsbestände und qualifiziertes

Personal nötig, insbesondere im Bereich der Taxonomie, deren Expert*innen immer seltener werden. Naturkundliche Museen tragen Verantwortung, diese Expertise zu bewahren und weiterzugeben, damit wir auch künftig in der Lage sind, die Biodiversität unserer engeren und weiteren Heimat zu identifizieren.

Partner und Netzwerk

Die botanische und mykologische Sammlung arbeitet mit allen größeren Landes- und Bundesmuseen Österreichs mit einer botanischen bzw. mykologischen Sammlung zusammen, ebenso mit den entsprechenden Instituten an Österreichs Universitäten.

In sammlungtechnischen Fragen gibt es eine intensive Zusammenarbeit im Rahmen des österreichischen Konsortiums OSCA (Open Science Collections Austria). Die Digitalisierung der Sammlungsbelege erfolgt in der Online-Datenbank JACQ, einem gemeinsamen Projekt von etwa 50 Herbarien; veröffentlicht werden die Daten auch in Kooperation mit dem Umweltbundesamt, GBIF (Global Biodiversity Facility), dem Biodiversitäts-Atlas Österreich und der Europeana.

Unentbehrliche Partner*innen sind für uns auch eine Vielzahl an ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen und „Amateur“-Botaniker*innen und „Amateur“-Mykolog*innen.

Moosforschung im Gelände Foto: UMJ/S. Knaus

Erforschung der steirischen Pilze

Seit Jahrzehnten werden die Pilze der Steiermark in

enger

Zusammenarbeit

mit Amateur*innen und ehrenamtlichen

Mitarbeiter*innen erforscht.

Seit über 40 Jahren widmet sich der Arbeitskreis Heimische Pilze (AHP) der Erforschung der steirischen Pilzwelt. In diesem Zeitraum wurden Hunderttausende Kartierungsdaten und ungefähr 30.000 Belege für die Sammlung des Joanneums zusammengetragen. Dadurch zählt die Steiermark heute zu den mykologisch am besten untersuchten Bundesländern Österreichs. Die erhobenen Daten bilden eine äußerst wertvolle Grundlage zur Beantwortung weiterführender Fragestellungen, etwa welchen Einfluss Landnutzungsänderungen auf die heimischen Pilze haben oder wie sich der Klimawandel auf empfindliche Arten auswirkt.

Darüber hinaus erfreut sich die Pilzkunde einer stetig wachsenden Beliebtheit. Amateur*innen und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen tragen maßgeblich zur umfassenden Erforschung der steirischen Pilze bei. Zur Weiterbildung mykologisch interessierter Personen und um neue Leute für dieses Thema zu begeistern, bietet der AHP regelmäßig Exkursionen an. Dabei werden die von den Teilnehmer*innen gefundenen Pilze gemeinsam besprochen – gleichzeitig werden die Arten erfasst und als Kartierungsdaten in die Datenbank des Joanneums eingepflegt. Auch Pilzberatungen sowie Bestimmungsnachmittage werden für die Bevölkerung angeboten.

Facts

→ Vorreiterrolle der Steiermark durch jahrzehntelange Erforschung der steirischen Pilze - mykologisch eines der am besten untersuchten Bundesländer Österreichs

→ Neue Beschreibung zahlreicher Arten in den letzten Jahren für die Wissenschaft

Durch die Arbeit des AHP werden jedes Jahr zahlreiche Pilzarten erstmals für die Steiermark oder sogar für ganz Österreich nachgewiesen. Die Forschungstätigkeiten gehen jedoch weit über die klassische Kartierung hinaus: In Zusammenarbeit mit mykologischen Expert*innen weltweit werden sogar neue Arten beschrieben.

Einer der Forschungsschwerpunkte liegt auf den sogenannten Sordariomycetes, einer Klasse der Schlauchpilze. In den vergangenen Jahren konnten im Rahmen mehrerer Fachpublikationen einige neue Arten aus dieser Gruppe beschrieben werden – darüber hinaus auch eine neue Familie und eine neue Gattung. Dieser Forschungsschwerpunkt soll in Zukunft weiter vertieft werden. Aber auch andere Pilzgruppen werden intensiv erforscht, was in den vergangenen Jahren zu weiteren Neubeschreibungen und taxonomischen Neukombinationen geführt hat.

Die mykologische Forschung umfasst zudem extern finanzierte Projekte wie etwa das umfassende „Waldökologie und Naturraummanagement“-Projekt in den Jahren 2019–2021 an der Forstlichen Ausbildungsstätte Pichl im Mürztal.

Auf dem Bast abgestorbener Buchenäste im Luftraum entwickeln sich die winzigen schwarzen Fruchtkörper des im Jahr 2025 neu beschriebenen Kernpilzes Botulispora fagicola. Nicht nur die Art war bislang unbekannt, es mussten auch eine neue Gattung und eine neue Familie für sie aufgestellt werden.

Foto: UMJ/ G. Friebes

Forschung und Outreach in optimaler Kombination: Pilzkundliche Exkursion des Arbeitskreises

Heimische Pilze auf der Freiländer

Alm

Foto: UMJ/ M. Friebes

Neohygrocybe citrinofusca ist ein auffälliger, aber ausgesprochen seltener Bewohner nährstoffarmer Grasländer. Weltweit sind weniger als 10 Fundorte dieser Art bekannt. Sie wurde in den vergangenen Jahren in der Steiermark und in Tschechien wiederentdeckt und erstmals molekulargenetisch untersucht.

Foto: UMJ/ G. Friebes.

Geologie & Paläontologie

Ausgangslage der Forschung

Mit der Gründung des Joanneums durch Erzherzog Johann erfolgte die Initialzündung zur geologischen Erforschung der Steiermark mit dem vorrangigen Ziel, Rohstoffvorkommen jeglicher Art zu erfassen und nutzbar zu machen. Erste geologische Karten und zugehörige Mineralien, Gesteine und Fossilien bilden den Grundstock der seit 1892 eigenständigen Geologisch-Paläontologischen Sammlung. Der Vision Erzherzog Johanns folgend, wurde von Anbeginn das gewonnene Wissen über wissenschaftliche Arbeiten, Ausstellungen, Vorträge und „Urwelt“Rekonstruktionen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute umfasst die kontinuierlich wachsende Sammlung über 200.000 Objekte (v. a. Gesteine, Fossilien) und ein umfangreiches Archiv von geowissenschaftlichen Daten (Karten, Bohrprofile, Gutachten etc.).

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Ausgehend vom zentralen Auftrag der geologischen Erkundung der Steiermark wurde die Dokumentation regionaler Gesteine (inklusive Kohle, Erze, Bohrkerne) und Fossilien sowie montanhistorischer Objekte stetig erweitert. Internationale Bedeutung haben darunter die Sammlungen von erdneuzeitlichen fossilen Pflanzen, Wirbeltieren und Mollusken mit zahlreichen, v. a. im 19. Jahrhundert erstmals

beschriebenen Typusexemplaren. Mit Beginn der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen verstärkt angewandt-geologische Themenfelder hinzu (z. B. Bau- und Hydrogeologie, Rohstoffnutzungskonflikte), in deren Mittelpunkt die Vernetzung verschiedener Geodaten stand („Naturraumpotenzialkarten“). Damit intensivierte sich auch die digitale Aufbereitung und Archivierung sowie der überregionale Austausch dieser Informationen, der bis heute anhält. Spezialforschungsbereiche der Sammlungsmitarbeiter*innen umfassten vor allem verschiedene Aspekte des Steirischen Beckens (Sedimentologie, Stratigraphie, Vulkanismus).

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft Bedingt durch die historische Sammlungsentwicklung, die persönliche Expertise der Mitarbeiter*innen und ihre gesellschaftspolitische Relevanz bilden Forschungen und Aufsammlungen im Steirischen Becken derzeit und in naher Zukunft einen Schwerpunkt. Vor allem das wachsende Interesse am geothermalen Potenzial dieses Beckens macht geologisch-paläontologische (Neu-)Bearbeitungen von Aufschlüssen und Bohrungen notwendig, um detailliertere Informationen über den Beckenuntergrund zu erhalten. Ein laufendes FWF-Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Entwicklung von Mikrofossilien aus dem südamerikanischen Amazo-

nasbecken. Davon abgeleitete Erkenntnisse zu Evolutionsmustern und -mechanismen sind für biostratigrafische und paläoökologische Interpretationen unabdingbar und können auch auf Faunen im Steirischen Becken übertragen werden. Diese Forschungen werden im Rahmen eines Projektes des International Continental Drilling Program (ICDP) fortgesetzt und es wird versucht, neue Drittmittel einzuwerben. Die Objekte und Daten der Geologisch-Paläontologischen Sammlung sollen langfristig über nationale und internationale Datenbanken der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Dazu bedarf es ständiger Stammdatenpflege, umfangreicher Digitalisierungs- bzw. Homogenisierungsarbeiten sowie der schrittweisen Revision von Teilsammlungen in Zusammenarbeit mit externen Wissenschafter*innen. Der Ausbau der für regionale, ingenieurgeologische Fragestellungen bedeutsamen Bohrpunkt- und Bohrkerndatenbank in Kooperation mit Firmen wird fortgeführt.

Ziele und Nutzen

Das Ziel der Geologisch-Paläontologischen Sammlung ist die möglichst umfassende Erforschung des Aufbaus und der erdwissenschaftlichen Geschichte der Steiermark. Die gesammelten Gesteine, Fossilien und Geodaten liefern dazu die Grundlage, die es gilt, langfristig zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen. Obwohl damit klar regional fokussiert, kann die geologischpaläontologische Entwicklung der Steiermark nicht isoliert betrachtet werden. Aufsammlungen und wissenschaftliche Untersuchungen im nahen und fernen Ausland sowie internationale Kooperationen ermöglichen erst eine Einbettung in einen weiteren, zum Teil durchaus globalen Kontext. Abgesehen vom primär erkenntnisorientierten Ansatz (z. B. Veränderung der Landschaft, des Klimas, der Lebewelt über Millionen von Jahren), bieten die gesammelten Information auch eine solide Basis für vielfältige praktische Anwendungen (z. B. Baugrundeignung, Wasserversorgung, geogene Energiegewinnung).

Partner und Netzwerk

Die Geologisch-Paläontologische Sammlung steht mit allen größeren geowissenschaftlichen Institutionen Österreichs (Universitäten, Museen, Gesellschaften, Vereinen) und zahlreichen Ingenieurbüros in Verbindung (besonders Universität Graz und Leoben, Naturhistorisches Museum Wien, GeoSphere Austria). Darüber hinaus sind die Mitarbeiter*innen der Sammlung über Mitgliedschaften in einschlägigen Vereinigungen, über persönliche Kontakte und gemeinsame wissenschaftliche Arbeiten international vernetzt.

Links: Sammlungsaufnahme im Depot der Sammlung Geologie & Paläontologie

Foto: UMJ/ H. Müller

Rechts: Bohrkernarchiv in Ebersdorf bei St. Radegund

Foto: I. Fritz

Evolution von Muschelkrebsen

Fossilien von Kleinkrebsen aus der Steiermark und Amazonien geben Einblick in die Entstehung neuer Arten

Geländearbeit in einer Tongrube (Oststeiermark)

Foto: UMJ/M. Gross

Kernbohrung in feingeschichteten Seesedimenten (Oststeiermark)

Foto: UMJ/M. Gross

Vor rund 10 Millionen Jahren waren weite Teile Mitteleuropas und Südamerikas von riesigen Seen bedeckt. In beiden, etwa 10.000 km voneinander entfernten Gebieten entstanden in kurzer Zeit zahlreiche neue Muschelkrebs-Arten, interessanterweise innerhalb derselben Gattung (Cyprideis). Ihre nur einen Millimeter großen, kalkigen Schalen sind häufig in Sedimentgesteinen der Oststeiermark und im westlichen Amazonasbecken als Fossilien erhalten. Dies bietet die einmalige Chance, schalenmorphologische Veränderungen über etliche Millionen Jahre hinweg in zwei getrennten Regionen mit völlig unterschiedlicher geologischer Geschichte zu untersuchen. Informationen über ehemalige Umweltbedingungen liefern das Gestein, in dem die Mikrofossilien eingeschlossen sind, und ihre chemische Zusammensetzung.

Erkundung eines Aufschlusses am Amazonas (Peru)

Foto: UMJ/M. Gross

Fossiliensuche am Ostrand der Anden (Kolumbien)

Foto: UMJ/M. Gross

Untersuchung von Gesteinen in Westbrasilien

Foto: UMJ/N. Winkler

Facts

→ Untersuchung der Evolution von fossilen Muschelkrebsen in der Steiermark und Amazonien

→ Gefördert vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF (P21748, 2009–2014 & P35815, 2022–2026; Gesamtfördersumme: 697.480 €)

Während Cyprideis in Mitteleuropa ein Relikt des Paratethys-Meers war und mit der Besiedelung verschiedener ökologischer Nischen im Pannon-See rasch neue Arten hervorbrachte, drang diese Gattung vermutlich über Flussläufe von der Karibik aus bis nach Amazonien vor. Weitläufige, zeitweise voneinander isolierte Seen begünstigten hier die Entstehung neuer Spezies.

Mit der Frage nach dem Ursprung der südamerikanischen CyprideisMuschelkrebse (Sind sie überhaupt mit den mitteleuropäischen näher verwandt oder handelt es sich um eine Parallelevolution?) und wie genau ihre Entwicklung verlief, befasst sich ein laufendes Projekt, das vom Österreichischen Wissenschaftsfonds finanziert wird.

Im Zuge mehrerer Expeditionen nach Brasilien, Kolumbien und Peru konnte umfangreiches Fossilmaterial selbst aufgesammelt werden. Über Mitwirkung des Joanneums an einem Projekt des International Continental Scientific Drilling Program (ICDP) stehen weitere Proben für diese Studien zur Verfügung.

Mineralogie

Ausgangslage der Forschung

Die Mineraliensammlung des Universalmuseums Joanneum zählt mit seinen rund 100.000 Objekten zu den größten und bedeutendsten Sammlungen in Österreich und geht in seinen Anfängen auf den Gründer Erzherzog Johann zurück.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Historisch herausragend ist die Entwicklung der 10-teiligen Härteskala in den ersten Jahren nach der Gründung des Joanneums durch F. Mohs.

Durch die heutige analytische Instrumentation (Pulverdiffraktometrie, Rasterelektronenmikroskop mit ED-und WD-Spektrometern, FT-Infrarotspektroskop und RFA) können Minerale wissenschaftlich fundiert erforscht werden.

Eine Grundlagenarbeit ist erst aufgrund dieser Infrastruktur möglich.

Die Ergebnisse der mineralogischen Dokumentation werden kontinuierlich in wissenschaftlichen Zeitschriften publik gemacht. Wissenschaftlich relevantere Funde werden tiefer gehenden Studien unterzogen. Daraus sind in den letzten 20 Jahren 9 weltweit neue Mineralarten aus Österreich, Chile, Kanada oder Rumänien in Kooperation mit Partnerinstitutionen aus Österreich und dem Ausland hervorgegangen. Ein seit vielen Jahren laufendes Citizen-Science-Projekt ist die Mineraldokumentation von alpinen Klüften in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern, Rauris, Salzburg.

Ein weiterer Fokus sind interdisziplinäre Studien (Geochemie, Isotopen-Geochemie, Mineralogie, Sedimentologie, Paläontologie) in Kooperation mit Institutionen aus Österreich, Australien, Deutschland, Frankreich, Polen, Rumänien und den USA, von geologischen Profilen an bedeutenden Einschnitten in der Erdgeschichte, Lagerstätten im Alpen-Karpaten-Raum und Kalkschalen-bildenden Organismen sowohl geologischer als auch aktueller Herkunft.

Zahlreiche Untersuchungen wurden auch zu restauratorischen, archäologischen und kunsthistorischen Fragestellungen an Bildern, Pigmenten, Artefakten und kunstgewerblichen Gegenständen durchgeführt.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Die oben genannten Forschungsschwerpunkte werden weiter fortgesetzt, wobei der Ansatz von interdisziplinären Studien in Kooperation mit zahlreichen Institutionen forciert wird.

Museen und Sammlungen sind immer ein Speicher der jeweiligen Zeit. Vor allem Großbauvorhaben, Bergbaue, Straßenbauten oder erst durch Witterungsumstände freigelegte Gesteine sind teilweise nur kurze Zeit zugänglich.

Daher ist die Beprobung und Bewahrung von mineralogischen Proben dieser zeitlich begrenzten Aufschlüsse ein bedeutendes Archiv für zukünftige Fragestellungen, wie zum Beispiel die Rohstoffsicherung.

Schwerpunkt der geowissenschaftlich-geochemischen Studien sind neben den rein mineralogischen auch Fragestellungen zu Änderungen von Ablagerungsbedingungen an geologischen Profilen an geologischen Zeitengrenzen. Relevante Schwankungen in den Umweltbedingungen und paläoklimatische Änderungen können so nachgewiesen werden. Durch diese Kenntnisse lassen sich auch Rückschlüsse auf aktuelle Klimafragestellungen ziehen.

Die Untersuchung von potenziell weltweit neuen mineralogischen Phasen erweitert das Wissen um die Verbreitung von bis dato nicht bekannten mineralogisch-chemischen Phasen. Diese Studien werden durch die Erforschung von neuen oder auch historischen mineralogischen Fundpunkten oder Lagerstätten ermöglicht und sind von der systematischen Sammeltätigkeit nicht zu trennen.

Ziele und Nutzen

Grundlagenforschung ist eine Grundvoraussetzung für den wissenschaftlichen Fortschritt. Der Unterschied zu manchen universitären Forschungseinrichtungen sind die umfangreichen Sammlungen. Zu vielen Studien sind also nicht nur die wissenschaftlichen Daten, sondern auch die zugehörigen Studienobjekte sicher und auf Dauer zugänglich verwahrt.

Der Erhalt der historischen und aktuellen Objekte, aber vor allem der ständige, aktive Zuwachs an Sammlungsbeständen ist von größter Bedeutung. Museale Sammlungen sind der Speicher der Vergangenheit für die Zukunft. Ergebnisse der Forschungen werden ständig in wissenschaftlichen Journalen, Datenbanken oder Ausstellungen der Öffentlichkeit vermittelt. Die Digitalisierung von Objekten und Archivalien eröffnet neue Wege der Kommunikation, sowohl mit Fachkolleg*innen und als auch mit dem interessierten Publikum.

Partner und Netzwerk

Die Mineralogische Sammlung hat nationale und internationale Kooperationspartner wie zahlreiche österreichische Universitäten und Museen. Internationale Kooperationen existieren mit Universitäten und Museen in Albuquerque (USA), Bern (CH), Bukarest (RO), Canberra (AUS), Genf (CH), Gliwice (PO), Heidelberg (D), Lausanne (CH), Lublin (PO), Lyon (F) und München (D).

Systematische Untersuchungen neuer Mineralarten

Auf

der Suche nach dem Unbekannten

–in 20 Jahren systematischer Untersuchungen konnten neun weltweit neue Mineralarten beschrieben werden.

Weltweit sind etwa 6.000 Mineralarten bekannt. Für die Anerkennung einer neuen Mineralart muss ein weltweit gültiges Verfahren durchlaufen werden. Hierfür müssen analytische Daten wie die Kristallstruktur (Anordnung der Atome im Raum), chemische Zusammensetzung und physikalische Eigenschaften des Minerals eingereicht werden. Dieser Anerkennungsprozess erfolgt durch die International Mineralogical Association. Nationale Vetreter*innen entscheiden in einem Abstimmungsprozess über die Anerkennung des neuen Minerals. Nach der Anerkennung durch die IMA muss das neue Mineral noch in einer internationalen Zeitschrift publiziert werden. Etwa 100 neue Mineralarten werden weltweit in einem Jahr neu beschrieben.

→ Umfassende Sammlung, High-Tech-Analysengeräte und profunde Expertise

→ Beste Voraussetzungen für systematische Untersuchungen an neuen Mineralien

In den Labors der Mineralogischen Sammlung im Studienzentrum Naturkunde werden die für die Beschreibung neuer Mineralarten notwendigen modernen Analysengeräte betrieben. Zum Einsatz kommen ein Röntgendiffraktometer zur Bestimmung kristalliner Substanzen, ein Elektronenmikroskop mit chemisch-analytischen Spektrometern, ein Infrarot- und ein Röntgenfluoreszenzspektrometer. Durch diese umfassende Ausstattung und Kooperationen mit den Universitäten Österreichs und Europas konnten in letzten 20 Jahren neun weltweit neue Mineralarten, von drei Kontinenten stammend, entdeckt werden. Neben eigenen Aufsammlungen ist es vor allem der fruchtbaren Zusammenarbeit des Universalmuseums Joanneum mit zahlreichen versierten Sammler*innen zu verdanken, dass diese neuen Mineralarten gefunden und beschrieben werden konnten. Im Jahr 2011 wurde eine neue metall-organogene Mineralart aus Chile beschrieben, welche zum 200-Jahr-Jubiläum des Universalmuseums „Joanneumit“ benannt wurde. 2019 wurde in Anerkennung seiner Arbeiten an neuen Mineralarten ein Mineral nach dem Kurator für Mineralogie Bojarit benannt. Dieses wurde von der IMA als das Mineral des Jahres 2020 ausgewählt.

Analysearbeiten am RasterElektronenmikroskop

Foto: UMJ/B. Leikauf

Probeneinsatz am RöntgenDiffraktometer

Foto: UMJ/H.­ P. Bojar

Zoologie

Ausgangslage der Forschung

Schon im 19. Jahrhundert war das Joanneum eine Forschungsanstalt. So bildet die damals vom Naturforscher Oscar Schmidt aufgebaute

Schwammsammlung noch heute einen der wertvollsten und von internationalen Wissenschafter*innen regelmäßig nachgefragten

Teil der zoologischen Typensammlung. Das Joanneum war zu dieser Zeit aber vor allem eine Bildungsinstitution mit naturwissenschaftlich-technischer Ausrichtung. Die zoologischen Sammlungsobjekte dienten als Lehrmittelsammlung für die Studierenden der Universität und der Technischen Hochschule. Aus diesem Blickwinkel ist auch der Sammlungsaufbau der damaligen Zeit zu sehen. Man war bemüht, aus allen Tiergruppen Vertreter zu besitzen, um eine möglichst vollständig systematische Sammlung aufbauen und zeigen zu können. Im Lauf des 20. Jahrhunderts und mit Entstehung des wissenschaftlichen Zweiges der Faunistik änderte sich die Sammlungsstrategie grundlegend. Seither ist man bemüht, vor allem die Tierwelt der Steiermark und ihre Veränderungen zu erfassen und entsprechende Regionalsammlungen aufzubauen bzw. zu erwerben. Die rasch wachsende Zoologische Sammlung umfasst heute mehr als 1,2 Millionen Objekte und bildet das Rückgrat für die wissenschaftliche Forschung. Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Die Zoologische Sammlung bemüht sich um eine möglichst umfassende und anhand der Objekte

nachvollziehbare Dokumentation der Tierwelt der Steiermark samt angrenzender Gebiete. Zu diesem Zweck wurde die Sammlung nicht nur regelmäßig erweitert, sondern Objekte wurden auch neu bestimmt bzw. Determinationen revidiert, Daten erfasst und sukzessive digitalisiert. Von dieser standardmäßigen, auf aktuellen wissenschaftlichen Methoden fußenden Dokumentation der heimischen Tierwelt ausgehend, wurden laufend Forschungsfragen entwickelt und je nach persönlicher Expertise der Sammlungsmitarbeiter*innen bearbeitet. Der Fokus galt klassischen Fragestellungen der organismischen Zoologie wie zur Verbreitung, Biologie und Ökologie heimischer Tierarten. Weitere Schwerpunkte bildeten wissenschaftshistorische Arbeiten sowie Aspekte der Provenienzund Restitutionsforschung.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft In einer zunehmend veränderlichen Umwelt versteht sich die Zoologische Sammlung mehr denn je als bedeutendes Archiv zur Natur der Steiermark. Die Sammlungsobjekte sind Informationsträger der Biodiversität und können je nach Fragestellung bzw. Methode als Belege zur Nachvollziehbarkeit wissenschaftlicher Hypothesen herangezogen werden. Waren früher morphologisch-anatomische Studien an Sammlungsobjekten üblich, so werden heute oft multitaxonomische Zugänge mit der Implementierung hochauflösender optischer, molekularbiologischer und statistischer Ver-

fahren gewählt. Hohe Kompetenz kommt der Zoologischen Sammlung bei der Bearbeitung angewandter Forschungsfragen zu. Dazu zählt insbesondere die Naturschutzforschung mit lokalfaunistischen Erhebungen wie der „City Nature Challenge“, Erfolgskontrollen von Renaturierungsmaßnahmen oder der Bearbeitung Roter Listen gefährdeter Arten.

Um die Beforschung und wissenschaftliche Erschließung der Zoologischen Sammlung auch über das eigene Personal hinaus voranzutreiben, wird einer möglichst vollständigen Digitalisierung der Sammlung im Sinne einer nationalen bis internationalen Forschungsinfrastruktur große Bedeutung beigemessen. Hier sind noch erhebliche Anstrengungen vonnöten und der Einsatz KI-basierter Methoden wünschenswert.

Sammlungsobjekte werden auch in Ausstellungen und Präsentationen zur Vermittlung naturwissenschaftlicher Inhalte genutzt. Sie tragen zum Verständnis der Vielfalt des Lebens bei und wecken den Forschergeist der Jugend.

Ziele und Nutzen

Mit neuen wissenschaftlichen Methoden werden in Zukunft heute kaum denkbare Fragestellungen bearbeitet werden können. Dass dabei historische Objekte von großer Bedeutung sein werden, ist absehbar. Umso wichtiger ist der sorgsame Umgang mit unseren Sammlungsobjekten und eine kontinuierliche Erweiterung der Bestände. Ein gutes Beispiel ist die in den vergangenen 10 Jahren stark ausgebaute Alkoholsammlung, die die methodisch rasch veränderliche molekularbiologische Bearbeitung von Geweben auch nach vielen Jahrzehnten Lagerung ermöglichen wird.

Grundlagenforschung ist ein wichtiger Grundpfeiler der Zoologischen Sammlung. Die dabei gewonnen Daten werden in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht und in Datenbanken der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Sie dienen anderen darauf aufbauenden Arbeiten,

etwa auch im angewandten Bereich. Beispiele sind Daten zur Verbreitung gefährdeter oder geschützter Arten, die zur Abgrenzung und zum Management von Schutzgebieten herangezogen werden. Zoologische Biodiversitätsforschung hat sich von den Universitäten mehr und mehr an die Museen verlagert und diese Entwicklung scheint in den kommenden Jahren weiter voranzuschreiten.

Über Forschungsförderung wird versucht, den eigenen Personalstand auszubauen und Expert*innen für bislang wissenschaftlich wenig bearbeitete Sammlungsteile zu gewinnen.

Partner und Netzwerk

Die Zoologische Sammlung arbeitet mit allen größeren einschlägigen Landes- und Bundesmuseen Österreichs mehr oder weniger intensiv zusammen. Auch bestehen projektspezifische Kooperationen mit verschiedenen Universtäten und Nationalparks, dem Umweltbundesamt sowie kleineren privaten Forschungseinrichtungen. Intensiver Austausch wird auch mit Naturschutzbehörden und Vereinen gepflegt.

Aufsammlung und fotografische Dokumentation von Insekten im Gelände. Foto: W. Paill

Der genetischen Wahrheit auf der Spur

Schon Charles Darwin und Carl von Linné haben Arten definiert.
Heute helfen genetische Barcodes, um taxonomische Rätsel zu lösen.

Die Initiative „Austrian Barcode of Life“ – kurz ABOL – ist eine österreichweite Zusammenarbeit von Museen, Universitäten und Taxonom*innen zur Erstellung einer Referenzdatenbank aller heimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten anhand ihrer DNA-Barcodes. Der genetische Barcode von Tieren basiert auf einem ca. 650 Basenpaare umfassenden Abschnitt der mitochondrialen DNA. Dieser Abschnitt hat sich als besonders aussagekräftig erwiesen, um Artabgrenzungen festzulegen, und basiert darauf, dass beinahe jede Spezies durch einen artspezifischen Barcode charakterisiert ist. Die Barcode-Datenbank mit sicher bestimmten Arten dient in weiterer Folge, um taxonomische Fragestellungen zu klären, sie hilft, kryptische Arten abzugrenzen, neue Arten zu entdecken und Verwandtschaftsbeziehungen besser zu verstehen, aber auch die biologische Vielfalt einer Region greifbar zu machen. Schädlingsund Krankheitsbekämpfung sowie Lebensmittelsicherheit sind Beispiele für den praktischen Nutzen einer wissenschaftlich fundierten Artbestimmung.

Facts

→ Mitarbeit an internationaler DNA-Datenbank

→ Zeitgemäße Methoden für besseres Verständnis von Verwandtschaftsbeziehungen

→ Bewahrung von genetischem Referenzmaterial für zukünftige Forschung

Forscher*innen der Zoologischen Sammlung des Universalmuseums Joanneum tragen zur Befüllung der internationalen DNA-Datenbank bei. Der Schwerpunkt lag zuletzt auf Laufkäfern.

Frisch gesammelte Exemplare wurden bestimmt, digitalisiert und Gewebeproben entnommen. So konnten fast 80 % der rund 700 heimischen Arten per DNA-Barcode charakterisiert und in die Datenbank „BOLD - Barcode of Life Data“ für die weltweite Nutzung bereitgestellt werden.

Eine zentrale Aufgabe des Museums ist zudem die Aufbewahrung und Pflege des genetischen Referenzmaterials. Neben Laufkäfern werden auch Wildbienen und Wirbeltiere für die Forschung und Nachwelt gesichert. Diese Arbeiten erfolgen in Kooperation mit der Universität Graz, dem Naturhistorischen Museum Wien und der Zoologischen Staatssammlung München, gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung und der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft.

Weltweit nutzen Forschende moderne DNA-Methoden, um die Vielfalt des Lebens besser zu verstehen und zu dokumentieren. Die Zoologische Sammlung am UMJ ist daran beteiligt und bewahrt das genetische Referenzmaterial für zukünftige Forschung auf.

Links: Der Wiener Sandlaufkäfer (Cylindera arenaria viennensis) zählt zur Familie der Laufkäfer, die im besonderen Fokus der Zoologischen Sammlung stehen. Darüber illustrierter Barcode der Art.

Foto: UMJ/K. Strohriegl

Rechts: Blick in die ­70 ° C­Kryosammlung der Zoologie.

Foto: UMJ/K. Strohriegl

Bestimmung und Beprobung erfolgen unter dem Stereomikroskop.

Foto: UMJ/J. Gunczy

Abteilung Archäologie & Münzkabinett

Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung

Ausgangslage der Forschung

Die Sammlung bildet anhand archäologischer Funde die Ur- und Frühgeschichte in den historischen und heutigen Grenzen der Steiermark ab und darf dank herausragender Einzelobjekte und Fundensembles einen wissenschaftlichen Anspruch von europäischer Bedeutung erheben. Die Sammlungshöhepunkte sind die Funde aus den früheisenzeitlichen Fürstengräbern von Strettweg und Kleinklein.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Die Forschungstätigkeit orientierte sich in den letzten Jahren stark an den Themen mehrerer EU-Projekte, die sich mit den Schlagwörtern Digitalisierung, Fundstellenkartierung, Bio- und Landschaftsarchäologie, digitale Technologien und Kulturtourismus zusammenfassen lassen. Dennoch blieb die Erforschung der frühen Eisenzeit in der Steiermark stets präsent, wie fortwährende Grabungen im Bereich der hallstattzeitlichen Zentralsiedlung am Burgstallkogel bei Großklein oder ein Revisionsprojekt zur Restaurierungsgeschichte des Kultwagens von Strettweg zeigen.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Die Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung hat derzeit zwei diachrone Forschungsschwerpunkte: Der erste Fokus liegt auf dem Themen-

komplex „Ressourcen und Technologie“, der in der Prähistorischen Archäologie von zentraler Bedeutung ist. Erst ein grundlegendes Verständnis der verwendeten Rohmaterialien und Herstellungstechniken ermöglicht die wissenschaftliche Bearbeitung von Artefakten und erlaubt weitreichendere Aussagen zu Handelsbeziehungen, Spezialisierungen oder kulturellem Wandel. Zur Bestimmung der materiellen Zusammensetzung oder des technologischen Aufbaus kommen moderne Analysemethoden und bildgebende Verfahren zum Einsatz, wie REMEDS, LA-ICP-MS, XRF, XRD, Bleiisotopenanalysen, Gefügeuntersuchungen, Röntgen, CT und 3D-Scans. Ermöglicht werden diese Untersuchungen durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb des Joanneums sowie durch die Kooperation mit externen Forschungspartnern (u. a. die Technischen Universitäten Wien und Graz, Vienna Institute for Archaeological Science). Aktuell laufende oder gerade in Vorbereitung befindliche Forschungsprojekte beschäftigen sich entsprechend der zeitlichen Tiefe der Sammlung u. a. mit dem Abbau und der Verarbeitung von Plattenhornstein in der Jungsteinzeit (Rein), mit der Bedeutung steirischer Kupfererzvorkommen für die bronzezeitliche Kupfergewinnung, mit der Eisenverarbeitung in hallstattzeitlichen Zentralsiedlungen (Großklein), der frühmittelalterlichen Schmiedetech-

oder mit der neuzeitlichen

von Arsenglaspigmenten (Straßegg).

Der zweite Forschungsschwerpunkt konzentriert sich auf unzureichend dokumentierte oder mangelhaft publizierte Einzelobjekte und Fundkomplexe, die im 19. oder der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Sammlung gelangten und für die Regional- und Landesgeschichte von zentraler Bedeutung sind. Mittels archivalischer Recherchen, naturwissenschaftlicher Analysen oder gezielter archäologischer Nachuntersuchungen lassen sich neue Erkenntnisse aus vermeintlich „altbekannten“ Funden erschließen. Aktuell laufende Aufarbeitungsprojekte beschäftigen sich mit der Bronzemaske von Kleinklein oder prominenten steirischen Höhlenfundplätzen wie dem Heidentempel bei Köflach, dem Zigeunerloch bei Gratkorn oder der Josefinenhöhle bei Peggau. Das wissenschaftliche Potenzial solcher Altfunde zeigte sich beispielsweise bei der Nachuntersuchung eines menschlichen Skeletts aus der Josefinenhöhle, das nach der anthropologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchung nun gesichert zu den ältesten kupferzeitlichen Skelettfunden Österreichs zählt.

Ziele und Nutzen

Die kontinuierliche Erschließung und interdisziplinäre Aufarbeitung der Sammlungsobjekte ist das Hauptziel der Forschungen. Damit einher geht aber auch das Anliegen, die Öffentlichkeit durch aktive Publikations- und Vermittlungstätigkeit für die nachhaltige Bewahrung des regionalen archäologischen Erbes zu sensibilisieren. Langfristig sollen Studierende und Fachkolleg*innen für die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlungsbestände gewonnen werden.

Partner und Netzwerk

Enge Kooperationen bestehen in der Steiermark mit lokalen und regionalen Vereinen und Museen sowie auf nationaler und internationaler Ebene mit Denkmalschutzbehörden, Forschungsinstituten, Kunst- und Kultureinrichtungen sowie Universitäten. Im Rahmen der Eisenzeitforschung ist das Joanneum zudem Teil der Iron-Age-Danube-Route, einer Kulturroute des Europarates, die derzeit Mitglieder aus acht Staaten vereint.

Links: Probenentnahme an einer mittelbronzezeitlichen Schwertklinge aus Graz

Foto: UMJ/S. Kiszter

Rechts: Freilegung einer jungsteinzeitlichen Abbaugrube für Plattenhornstein am Hochfeld in Rein 2016

Foto: UMJ/D. Modl

Der Kultwagen von Strettweg – eine Objektbiografie

Das wertvollste Sammlungsobjekt des Universalmuseums Joanneum offenbart seine Geschichte und liefert Einblicke in die Entwicklung archäologischer Restaurierung.

Der Kultwagen von Strettweg in seinem aktuellen Zustand, 2009 Foto: UMJ/ N. Lackner

Als im September 1851 der Pflug des Landwirts Ferdinand Pfeffer (1820–1896) etwas tiefer als gewöhnlich ins Erdreich seines Ackers nördlich des Dorfes Strettweg bei Judenburg eindrang und dabei die grünlichen Bronzefragmente des Kultwagens zutage förderte, war noch nicht abzusehen, dass hier einer der wichtigsten archäologischen Funde Europas getätigt wurde. Heute, fast 175 Jahre später, gilt der Kultwagen als eine „Ikone“ der frühen Eisenzeit (Hallstattzeit) und als das Highlight in der Dauerausstellung im Archäologiemuseum in Schloss Eggenberg in Graz.

Um der Bedeutung dieses Fundes gerecht zu werden, wurde vom Archäologen Daniel Modl und vom externen Restaurator Robert Fürhacker ein vom Bundesdenkmalamt finanziertes Forschungsprojekt zur Restaurierungs- und Rezeptionsgeschichte des Kultwagens durchgeführt. Dieses Projekt konnte im Jahr 2021 mit einer Monografie in der am Universalmuseum Joanneum beheimateten Publikationsreihe „Schild von Steier“ und einer Sonderausstellung im Museum Murtal in Judenburg abgeschlossen werden.

Zentrales Anliegen des Forschungsprojekts war die Erstellung einer Objektbiografie des Kultwagens von seiner Auffindung im Jahr 1851 bis heute. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei der Entstehung diverser historischer Fotografien und dreidimensionaler Gips-, Metall- und Kunstharzkopien geschenkt, die es erlauben, die verschiedenen Restaurierungs- und Abformungsarbeiten sowie Rekonstruktionsversuche am Kultwagen nachzuvollziehen. Der bemerkenswerteste Bildfund ist dabei eine Aufnahme des Kultwagens aus dem Jahr 1852, die derzeit als älteste Fotografie eines archäologischen Bodenfundes in Österreich gilt.

Das Forschungsprojekt versuchte aber auch aufzuzeigen, wie der Kultwagen von der Öffentlichkeit rezipiert wurde und welche Rolle er in der Erinnerungskultur der Österreicher*innen und Steirer*innen spielte. Hierzu wurden seine Medienpräsenz und seine Präsentationsformen untersucht, aber auch sein Wandel in Wert und kultureller Bedeutung dokumentiert, wodurch seine Stellung als einer der wichtigsten archäologischen Funde Europas deutlich wird.

Der Kultwagen nach seiner Erstmontage, vermutlich Ende 1852 entstanden, Fotograf unbekannt, Salzpapierabzug (Kalotypie) auf Karton

Foto: UMJ/ Fotoarchiv Archäologie und Münzkabinett

Facts

→ Mehrjähriges Forschungsprojekt zeigte, dass der Kultwagen von Strettweg die längste und komplexeste Restaurierungsgeschichte aller bislang in Österreich geborgenen Metallobjekte aus prähistorischer Zeit besitzt

Provinzialrömische Sammlung & Antikenkabinett

Ausgangslage der Forschung

Seit rund 150 Jahren ist das Universalmuseum Joanneum in Flavia Solva (Wagna, Steiermark) archäologisch tätig. In den letzten fünf Jahren wurde gemeinsam mit dem Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein groß angelegtes Forschungsprojekt durchgeführt. Aufbauend auf Teilergebnissen wurde bereits eine typochronologische Untersuchung norisch-pannonischer Dreifußschüsseln abgeschlossen.

Parallel dazu nahm das Universalmuseum Joanneum die Feldforschung in Flavia Solva wieder auf. Eine erste Grabungskampagne zur Lokalisierung des Forums wurde mit vielversprechenden Ergebnissen abgeschlossen.

Aktuelle und künftige Forschungsschwerpunkte

Die laufenden Ausgrabungen im Bereich Insula XXVI/Forum bilden das Zentrum der aktuellen Forschung. Ziel ist es, Stadt- und Gräberfeldentwicklung zwischen Mitte des 2. und Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. in einem integrierten Modell zu erfassen. Eine mikrochronologische Analyse der Bauphasen in Insula XXVI/Forum soll dabei den urbanistischen Wandel zwischen ca. 170 und 300 n. Chr. präzisieren. Vergleichende Untersuchungen mit Städten wie Carnuntum, Savaria, Celeia und Poetovio erweitern die Perspektive.

Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Bevölkerungsstruktur im Spannungsfeld von sozialer und geografischer Mobilität. Neben anthropologischen Analysen werden ausgewählte Gräber aus urbanen und suburbanen Nekropolen bioarchäologisch untersucht. Isotopenanalysen (Strontium, Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff) geben Aufschluss über Herkunft und Ernährung, während aDNA-Untersuchungen Erkenntnisse zur genetischen Diversität und möglichen Migrationsbewegungen liefern. Diese biologischen Daten werden mit Grabtyp, Ausstattung und Lage verknüpft, um soziale Differenzierungen im urbanen Raum sichtbar zu machen. Ergänzt durch epigrafische Informationen können so individuelle Lebensläufe rekonstruiert und in den Kontext provinzialrömischer Gesellschaftsstrukturen gestellt werden.

Ein dritter Forschungsschwerpunkt widmet sich der Grabkultur als Ausdruck sozialer Selbstdarstellung und Erinnerungspolitik. Grundlage ist das umfangreiche Korpus städtischer Grabreliefs (CSIR IV/3 und IV/5). Ziel ist eine typologische und ikonografische Neubewertung dieser Denkmäler im Hinblick auf visuelle Kommunikationsstrategien. Die systematische Analyse ermöglicht quantitative Aussagen zu Frequenz, Verbreitung und Wandel einzelner Bildcodes. Die GIS-gestützte Verortung der Gräber im

Muster sozialer Differenzierung. Neue Technologien wie KI-gestützte Bildklassifikation eröffnen zudem Perspektiven für die Werkstattzuweisung und eine verfeinerte Chronologie der Grabreliefs.

Ziele und Nutzen

Die Forschungsstrategie der Provinzialrömischen Sammlung zielt auf eine umfassende Rekonstruktion der Lebenswelten im südöstlichen Noricum zwischen der Zeitenwende und dem Beginn des 5. Jahrhunderts. Im Fokus der kommenden Dekade steht die Zeitspanne zwischen ca. 170 und 300 n. Chr., deren Untersuchung nicht nur bestehende Einzelforschungen systematisch integriert, sondern Flavia Solva auch im politischen, administrativen und räumlichen Kontext neu verortet.

Links: Kaiserzeitliche Fibeln, 1.­ 4. Jh. n. Chr.

Foto: UMJ/ N. Lackner

Rechts: Krüge und Kanne mit Fadendekor, 1.­ 4. n. Chr.

Foto: UMJ/ N. Lackner Stadtraum dient der Untersuchung räumlicher

Partner und Netzwerk

Die Provinzialrömische Sammlung arbeitet seit Jahrzehnten eng mit dem Bundesdenkmalamt, dem Institut für Antike der Universität Graz, dem Österreichischen Archäologischen Institut an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie zahlreichen Museen im In- und Ausland zusammen. Diese bewährten Kooperationen werden auch künftig fortgeführt und ausgebaut.

Fundbearbeitung Flavia Solva

Seit fast 150 Jahren ist Flavia Solva als erste Stadt der Steiermark ein besonderes Forschungsfeld der Abteilung Archäologie & Münzkabinett am Universalmuseum Joanneum.

Zonal zweifarbige Gefäße aus Flavia Solva, 2.–3. Jahrhundert n. Chr. Foto: UMJ/ J. Kraschitzer

Seit 1. Jänner 2021 läuft ein auf fünf Jahre angelegtes Forschungsprojekt am Universalmuseum Joanneum, das sich der systematischen Aufarbeitung archäologischer Funde aus Flavia Solva widmet – der ersten Stadtanlage der Steiermark. Ziel ist es, das umfangreiche Fundmaterial aus über 140 Jahren Grabungstätigkeit, das in den Depots des Museums lagert, erstmals vollständig zu sichten, digital zu erfassen und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden in einer umfassenden Publikation zusammengeführt und der Forschung sowie der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Kolorierte Tuschereinzeichnung

eines Mosaikbodens aus Flavia Solva, 1877

Foto: UMJ/ Fotoarchiv Archäologie und Münzkabinett

Facts

→ Systematische Materialvorlage, die vorhandene Forschungslücken schließt

Im Fokus stehen vor allem Gebrauchskeramikfunde – ein langjähriges Forschungsdesiderat. Da auch andere Fundstellen der Steiermark auf Flavia Solva als typologisches Referenzmodell angewiesen sind, kommt dieser Aufarbeitung besondere Bedeutung zu. Zusätzlich wird die historische Grabungsdokumentation der Jahre 1911 bis 1918 erstmals vollständig transkribiert und ausgewertet.

Die wissenschaftliche Bearbeitung umfasst darüber hinaus Feinkeramik als Hinweis auf lokalen Handel, Terra Sigillata als bedeutenden Indikator für Fernhandelsbeziehungen und die Besiedlungsgeschichte sowie Glas als vielseitigen Werkstoff der römischen Alltagskultur. Auch Tierreste werden untersucht, um Rückschlüsse auf die Ernährung und die Mensch-Tier-Beziehungen im Flavia Solva des 1. bis 4. Jahrhunderts n. Chr. zu ziehen.

Ein Folgeprojekt – die Entwicklung einer Typochronologie norisch-pannonischer Dreifußschüsseln – konnte bereits aus den Resultaten des Gesamtprojekts heraus entstehen und lieferte neue Impulse für die Keramikforschung im römischen Südostalpenraum.

Münzensammlung

Ausgangslage der Forschung

Die Münzensammlung des Universalmuseums Joanneum zählt mit rund 70.000 Objekten zu den bedeutendsten numismatischen Sammlungen Österreichs. Ihre Ursprünge reichen bis zur Gründung des Joanneums im Jahr 1811 durch Erzherzog Johann zurück, der in den Statuten festhielt, dass „inländische Münzen von allen Metallgattungen zusammengereihet“ werden sollen. Ausgehend von Schenkungen des Erzherzogs wuchs die Sammlung kontinuierlich an und umfasst heute Münzen, Medaillen, historische Banknoten und weitere numismatische und paranumismatische Objekte.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

In den letzten Jahren wurde ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit auf die Revision der Bestände der Sammlung an römischen Fundmünzen gelegt. Ein Kernbestand von etwa 9.000 römischen Münzen ist durch Karteikarten oftmals mit Fundangaben dokumentiert. Eine zentrale Quelle zur Sammlungsgeschichte stellt der sogenannte Wartingersche Münzkatalog dar, ein handschriftliches Kompendium, das auf Joseph Wartinger (1773–1861) zurückgeht. Ab den 1860er-Jahren entstand unter der Leitung von Joseph von Zahn (1831–1916) der Zahnsche Zettelkatalog, der die Akzessionierungen bis in das beginnende 20. Jahrhundert dokumentiert. Die Zuordnungen von Münzen zum handgeschriebenen Katalog und zu den Karteikarten gingen durch die Neuinventarisierung in den

1950er-Jahren verloren und sind bislang noch nicht vollständig wiederhergestellt worden. In den letzten Jahren konnten durch solche Zuordnungen und Archivarbeiten bereits mehrere Hortfunde mit römischen Münzen erfolgreich rekonstruiert werden.

Darüber hinaus wurde intensiv zur Persönlichkeit Anton Prokeschs von Osten (1795–1876) geforscht. Ein bedeutendes Ergebnis dieser Bemühungen ist die internationale Tagung „Anton Prokesch von Osten. Sammler, Gelehrter und Vermittler zwischen den Kulturen“, die 2016 in Graz stattfand. Die Beiträge dieser Veranstaltung wurden 2019 in einem Sammelband veröffentlicht. Im Rahmen der Ausstellung Eulen nach Athen tragen (2023) wurde Anton Prokesch von Osten als bedeutender Sammler und Mäzen gewürdigt. Sein Wirken beeinflusste nicht nur die Sammlungen des Joanneums und der Universität Graz, sondern auch jene in Winterthur und Berlin.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft Zu den Raritäten der Münzensammlung des Universalmuseums Joanneum gehören die Münzen und Medaillen der Familie Eggenberg. Im Rahmen der STEIERMARK SCHAU 2025 wurde dieser Bestand erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet und in der Begleitpublikation zur Ausstellung Die Eggenberger und das Geld vorgestellt. Ausgehend von dieser Arbeit sollen nun in weiterer Folge die Bestände an Münzen

und Medaillen der Familie Eggenberg in den öffentlichen Münzensammlungen Deutschlands, Österreichs und Tschechiens erfasst werden, um auf dieser breiten Basis und durch die Nutzung archivalischer Quellen, die vor allem im Nationalinstitut für Denkmalpflege der Tschechischen Republik verwahrt werden, eine grundlegende Monografie über die Münzprägung der Familie Eggenberg in Angriff zu nehmen.

Aufgrund der Größe der Sammlung ist eine vollständige digitale Erfassung ihrer Objekte nicht realistisch. Deshalb sollen lediglich ausgewählte Komplexe auf Basis der modernen Referenzwerke neu erschlossen und gegebenenfalls in Form einer kuratierten Präsentation digital zugänglich gemacht werden: die rund 2.200 Münzen der Prägestätte Graz, die VenezianerSammlung mit einer nahezu lückenlosen Serie an Oselle, die dem Joanneum 1871 von Joseph Maria von Attems als Schenkung übergeben wurde, der bereits genannte Bestand an 9.000 römischen Münzen der Generalsammlung sowie griechische, römische und orientalische Münzen, die auf Anton Prokesch von Osten zurückgehen.

Ziele und Nutzen

Numismatische Objekte haben einen hohen Quellenwert. Ihre volle Aussagekraft entfalten sie aber erst durch eine Analyse im Kontext.

Allgemeines Ziel der Forschungsarbeit ist es, zu den Objekten der Münzensammlung ein möglichst hohes Maß an Informationen zu gewinnen. In weiterer Folge können daraus neue Erkenntnisse zum Münzumlauf und zum Münzwesen der Steiermark von der Latènezeit bis in die Neuzeit und anderer Regionen gewonnen werden.

Partner und Netzwerk

Das Münzkabinett des Universalmuseums Joanneum ist institutionelles Mitglied des International Numismatic Council. Wichtige Partner sind das Institut für Antike der Universität Graz, das Münzkabinett Winterthur, die Forschungsgruppe Numismatik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und die Österreichische Gesellschaft für Ordenskunde.

Rechts: Junge Besucher *innen im Münzkabinett

Foto: UMJ/M. Hall

Links: Denare und Antoniniane aus dem Schatz von Adriach, verborgen nach 253 n. Chr.
Foto: UMJ/N. Lackner

Münzen und Medaillen der Familie Eggenberg

Die Münzensammlung des Universalmuseums Joanneum verfügt durch ihre weit in das 19. Jahrhundert zurückreichende Sammlungshistorie über hervorragende Zeugnisse für die Prägetätigkeit der Familie Eggenberg.

Seit den 1820er-Jahren gesammelt, gehören die Münzen und Medaillen der Familie Eggenberg zu den Raritäten der Münzensammlung des Universalmuseums Joanneum. Im Rahmen der STEIERMARK SCHAU 2025 wurde dieser Bestand erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet und in der Begleitpublikation zur Ausstellung Die Eggenberger und das Geld der Fachwelt vorgestellt.

Facts

→ Wissenschaftliche Aufarbeitung der vom UMJ gesammelten Münzen und Medaillen der Familie Eggenberg

→ STEIERMARK SCHAU 2025 Ambition und Illusion

Im Münzkabinett des Universalmuseums Joanneum werden knapp 50 Münzen und Medaillen der Familie Eggenberg verwahrt. Mag dieser Bestand auf den ersten Blick auch zahlenmäßig gering erscheinen, so ist er für Prägungen, die den österreichischen Neufürsten zuzuordnen sind, durchaus beachtenswert und verdient allein deswegen seine Vorlage. Dazu kommt, dass sich unter ihnen mehrere Stücke befinden, die einen großen Seltenheitswert besitzen und ihre Vorstellung auch sammlungshistorisch bedeutsam ist.

Ein zehnfacher Dukat Hans Ulrichs von Eggenberg (1568–1634) aus dem Jahr 1629 gehört zu den großen Raritäten des Münzkabinetts. Von großer Seltenheit sind auch ein im Jahr 1638 geprägter fünffacher Dukat und ein Gnadenpfennig Johann Antons von Eggenberg (1610–1649) aus dem Jahr 1639. Die Herstellung dieser und weiterer numismatischer Zeugnisse konnte mit wichtigen Ereignissen im Leben der Fürsten Eggenberg in Zusammenhang gebracht werden.

Die Provenienzen und Akzessionsdaten der Münzen und Medaillen der Familie Eggenberg wurden mithilfe der archivalischen Quellen –des Wartingerschen Münzkatalogs und des Zahnschen Zettelkatalogs –, aber auch des Inventarbuchs und der Jahresberichte aufgearbeitet. Dabei stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil der numismatischen Zeugnisse der Familie Eggenberg, die sich in der Münzensammlung befinden, bereits im Joanneum der älteren Zeit, also vor Beginn des Ersten Weltkriegs, in die Sammlung gelangte.

Münzen und Gnadenpfennig der Familie Eggenberg
Fotos: UMJ/ N. Lackner

Forschungsstrategie Forschungsbeispiel

Abteilung Schloss Eggenberg & Alte Galerie

Schloss Eggenberg

Ausgangslage der Forschung

Für die Museumsabteilung Schloss Eggenberg und deren Forschungstätigkeit bildet das Denkmal in seiner Gesamtheit die „Sammlung“. Sie umfasst die Gebäudesubstanz, wandgebundene, mobile und immobile Objekte, „klassische“ Sammlungsobjekte sowie den Schlosspark inkl. Staffagen. Qualität und Umfang der erhaltenen authentischen Originalausstattung der Eggenberger Prunkräume sind entscheidend für den Status von Schloss Eggenberg als UNESCOWeltkulturerbe (seit 2010). Planetensaal und Repräsentationsräume formen ein Raumkunstwerk, in dem sich die Ausstattungsphasen von Barock und Rokoko zu einer aus heutiger Sicht untrennbaren Einheit verbinden. Vor allem der Zyklus von über 500 Deckengemälden (1666/73) ist von singulärem Rang. Schloss Eggenberg ist die bedeutendste Residenzanlage des 17. Jahrhunderts in den österreichischen Erblanden und stellt daher für die Residenzforschung im Umfeld der Habsburger Höfe ein wichtiges Element dar. Durch das frühe Aussterben der Fürsten Eggenberg (1717 bzw. 1774) und die spätere Skartierung der Archivbestände in der Steiermark gingen wichtige Quellen zum Hof, zur Familie und zu ihrem Residenzschloss verloren. Wertvolle Quellen sowie Originale aus den fürstlichen Sammlungen finden sich jedoch in den ehem. eggenbergischen Territorien in der Tschechischen Republik, Slowenien und Italien sowie in Archiven Deutschlands. Neben diesen historischen Dokumenten und Objekten bildet die gesamte Schlossanlage den Kern der Eggenberg-Forschung.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Die Forschungstätigkeit in Schloss Eggenberg richtete ihren Fokus auf die Familie Eggenberg, das Schlossgebäude, seine Originalsubstanz und die mobile Raumausstattung, auf die Wandund Deckengemälde sowie auf die hier tätigen Künstler. Restaurierungsprojekte, die seit 1972 vorangetrieben werden, gaben meist die Impulse für die natur-, kunst- und kulturwissenschaftliche Beforschung des Hauses und der Sammlung. Die Deckengemälde konnten aufgrund ihres heterogenen Erhaltungszustandes und der seit 1994 andauernden Restaurierung bisher noch nicht vollständnig bearbeitet werden. 1992 setzte die Erforschung des Landschaftsgartens und seiner Teilbereiche ein. 2006 erschien die erste Monografie zu Schloss Eggenberg. Mit einem internationalen Projekt zur Erforschung des ehem. japanischen Paravents richtet sich der Fokus ab 2007 erstmals auf eines der drei Ostasiatischen Kabinette.

Die 2010 eingereichte Bewerbung als UNESCOWeltkulturerbe beinhaltet die erste umfassende wissenschaftliche Dokumentation von Schloss, Prunkräumen und Gärten. Bau- und Residenzforschung sowie Studien zur Kulturgeschichte des Kerzenlichts in barocken Innenräumen bilden seit 2009 neue Schwerpunkte.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Das Jubiläumsjahr 2025 (400 Jahre Schloss Eggenberg) bzw. die zu diesem Anlass gezeigte internationale Ausstellung erbrachte wichtige neue Forschungsergebnisse zu den Fürsten und Fürstinnen von Eggenberg sowie zum Hofstaat im 17. Jahrhundert. Dazu erschienen 2025 die ersten Bände einer neuen wissenschaftlichen Reihe, die in den kommenden Jahren (bis ca. 2030) mit folgenden Forschungsthemen ihre Fortsetzung findet: Architektur und Ausstattung (inkl. Deckengemälde), Kostbarkeiten aus den ehem. fürstlichen Sammlungen, Schloss Eggenberg im 19. und 20. Jahrhundert, Konservierung und Restaurierung eines Gesamtkunstwerks. Einen Schwerpunkt der Grundlagenforschungstellt die anhaltende Digitalisierung und Auswertung relevanter Quellen und Dokumente aus Archiven in Österreich, Tschechien, Deutschland und Italien dar (aktueller Datenbestand: über 45.000 Einzeldokumente). Das Gebäude (mit seinen hist. Baumaterialien und Oberflächen) und die authentische Ausstattung der Prunkräume (Gemälde an Decken, Wänden und Wandbespannungen, Stuck, Möbel inkl. Fassungen, Textilien, Porzellane etc.) bilden weiterhin einen zentralen Forschungsschwerpunkt. Die Vielfalt der hier erhaltenen originalen Materialien sowie historischen Handwerkstechniken ist ein einzigartiger Wissensspeicher, der permanent dokumentiert und erforscht wird. Damit einher geht die Erarbeitung einer adäquaten Methode für Management und Care des Denkmals (inkl. Konservierung/Restaurierung), unter besonderer Berücksichtigung der Veränderungen durch den Klimawandel.

Ziele und Nutzen

Übergeordnetes Forschungsziel der Abteilung ist die bestmögliche Erhaltung, Präsentation und inhaltliche Erschließung von Schloss, Prunkräumen und Gärten. Forschungsergebnisse spiegeln sich im Museumsprogramm wider und sind Teil des Besuchserlebnisses (on-site und online). Publikationen sind für die Stärkung von Forschung und Vernetzung in der internationalen Wissenschaftscommunity unerlässlich. Eine Onlineplattform („Eggenberg Digital“) soll zudem alle Objekte und Inhalte der Jubiläumsausstellung im digitalen Raum erhalten, Institutionen miteinander vernetzen und allen Interessierten die „Welt der Eggenberg“ auch außerhalb des Museums zugänglich machen. Die Erkenntnisse aus allen Restaurierprojekten werden systematisch dokumentiert, um eine umfangreiche Sammlung zu den hier verwendeten historischen Materialien (Proben) und künstlerischen Techniken aufzubauen.

Partner und Netzwerk

ICOMOS, ARRE (Network of European Royal Residences), EPICO (European Protocol in Preventive Conservation), NPÚ (National Heritage Institute, Czech Republic), BDA (Bundesdenkmalamt).

Links: Eggenbergische Wappendecke, Rom 1637/38

Foto: UMJ

Rechts: Befundung und Restaurierung der Deckengemälde in den Prunkräumen

Foto: UMJ

Hof und Residenz der Fürsten Eggenberg

Die

bedeutendsten Quellen zur Geschichte der Familie Eggenberg und ihres Hofes konnten in nationalen und europäischen Archiven erstmals identifiziert, digitalisiert und gesichert werden. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Jubiläumsausstel­

lung 2025 und fließen in eine Onlineplattform ein, die dieses kulturelle Erbe in Zukunft zugänglich macht.

Die konsequente Sichtung und sukzessive Bearbeitung der relevanten Archivbestände zum Hof der Fürsten Eggenberg, zu deren Grazer Residenz und Stadtpalais sowie zu ihrem Mäzenatentum in Innerösterreich ist zentraler Forschungsgegenstand der Abteilung Schloss Eggenberg. Nach dem Verlust bzw. der Vernichtung eines großen Teils des Grazer fürstlichen Archivs im 19. Jahrhundert stellen die noch erhaltenen Eggenbergica in Tschechien, Slowenien, Italien und Deutschland die zentralen Quellen auf diesem Gebiet dar.

Seit dem Projektstart 2017 konnte ein großer Teil der noch erhaltenen Dokumente in Archiven innerhalb und außerhalb Österreichs vom Projektteam erstmals zusammengeführt bzw. digitalisiert und zur weiteren Bearbeitung (auch für nachfolgende Forscher*innengenerationen) am Server des Museums gesichert werden.

Die Ergebnisse dieses umfangreichen Quellenforschungsprojekts bildeten die wissenschaftliche Basis für die große Jubiläumausstellung Schloss Eggenberg – Inszenierung der Welt in Schloss Eggenberg im Rahmen der STEIERMARK SCHAU 2025 – Ambition & Illusion. Ziel dieses Forschungsvorhabens ist neben der Bündelung der Quellen in der Museumsabteilung eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des noch erhaltenen Materials sowie dessen Publikation und Vermittlung an Gäste (on-site und online). Dabei richtet sich der Fokus auf den fürstlichen Hofstaat, die hier tätigen Künstler und die Eggenberger Interieurs samt Deckenzyklus sowie auf die Architektur, Baugeschichte und die Funktionsgeschichte von Schloss Eggenberg im Spiegel des zeitgenössischen Hofzeremoniells.

Eine Onlineplattform wird die in der Ausstellung 2025 gezeigten Archivalien und Objekte aus nationalen und internationalen Institutionen zukünftig im digitalen Raum vereinen und als Onlineausstellung präsentieren sowie für Fachkolleg*innen zur Recherche bereitstellen (Deutsch/Englisch/Tschechisch).

Mitte: Brief des Gabriel Bethlen Fürst von Siebenbürgen an Hans Ulrich von Eggenberg, 1625 Foto: UMJ/StLA

Oben: Eggenbergischer Filianzbrief (Detail mit Rabenwappen), 1650

Foto: UMJ/StLA

Unten: Rechnungsbuch der fürstlichen Hofkassa, 1669/70 Foto: UMJ/StLA

Facts

→ Projektteam: Barbara Kaiser, Paul Schuster

→ Laufzeit: 2017–2030

→ Recherche und Digitalisierung in über 15 Archiven und Institutionen im In- und Ausland

→ Ca. 45.000 bisher digitalisierte Dokumentseiten

→ Onlineplattform „Eggenberg Digital“ (Datenbank und Webausstellung) ab 2026

→ Wissenschaftliche Publikationsreihe: Schloss Eggenberg 1625/2025 (Joannea 09)

Alte Galerie

Ausgangslage der Forschung

Aufgabe der Alten Galerie ist es, die Kunst der historischen Steiermark vom Mittelalter bis in die Zeit um 1800 zu sammeln, zu erforschen, zu erhalten und zu präsentieren – aber auch jene im erweiterten Kulturraum Europas. In Form von Ausstellungs- und Sammlungskatalogen sowie Aufsätzen in akademischen Zeitschriften werden Forschungsergebnisse öffentlich gemacht. Die Publikationen richten sich an Fachleute, aber auch an eine breitere, kunstinteressierte Öffentlichkeit. Die Forschung zur Sammlung wird in Form von Ausstellungen, Publikationen, Führungen, Vorträgen, Workshops sowie digital auf der Webseite und auf Social Media einem diversen Publikum vermittelt.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Die Forschung der Alten Galerie hat sich in den letzten Jahren durch vielfältige und spannende Projekte ausgedrückt, die vor allem in die Neuaufstellung der frühneuzeitlichen Kunst mit dem Titel Zwischen Tanz und Tod 2019 sowie die Sonderausstellung Der große Tod. Szenen des Krieges 2021 einflossen. Dabei lag ein Schwerpunkt auf der wissenschaftlichen Untersuchung, wie zum Beispiel der Wasserzeichen, Papierstruktur und Sammlerstempel in der graphischen Sammlung. Inventareintragungen wurden kontinuierlich in Hinblick auf die Provenienzforschung der Kunstwerke überarbeitet bzw. ergänzt, um deren Herkunft und Geschichte besser zu verstehen.

Zudem wurden technische Analysen und Restaurierungsarbeiten durchgeführt, um die Werke zu erhalten und ihre Authentizität zu bewahren.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Die Alte Galerie baut interdisziplinäre Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen aus, um neue Erkenntnisse über Künstler und Kunstwerke zu gewinnen. Die Sammlung soll in naher Zukunft verstärkt digitalisiert und online präsentiert werden. 2024 wurde die Vortragsreihe „Menschen und Meisterwerke im Dialog. Neue Blicke auf die Alte Galerie“ ins Leben gerufen. International renommierte Forscher*innen werden für Vorträge eingeladen, bei denen Blicke von außen auf die Sammlung gerichtet werden. Dadurch wird der Aspekt der Forschung als eine der zentralen Kernaufgaben der Alten Galerie in den Vordergrund gerückt und die Kunstwerke werden im internationalen Forschungsdiskurs präsent gemacht. Kenntnisreiche Blicke von außen machen die Bedeutung der Alten Meister für Menschen der Gegenwart erfahrbar und entlocken Werken aus Mittelalter bis Barock zahlreiche Geheimnisse. Die Kunstwerke der Alten Galerie stehen dabei im Zentrum einer Initiative, die Freude bereiten und Erkenntnisgewinn produzieren soll. Die Forschungsergebnisse werden in einer Sammelpublikation veröffentlicht, die nicht nur Fachleuten, sondern auch Kunstvermittler*innen und Kunstinteressierten zur Verfügung

stehen wird. Insgesamt ist die Forschung der Alten Galerie durch eine engagierte und innovative Herangehensweise geprägt, die sowohl die kunsthistorische Bedeutung der Werke als auch ihre Relevanz in der Gegenwart in den Mittelpunkt stellt.

Ziele und Nutzen

Im Mittelpunkt der Forschung stehen die Sammlungsobjekte. Es gilt, mehr Informationen über ihren Herstellungsprozess, zu Künstler*innen sowie zur Provenienz zu generieren. Neben der Erarbeitung der Kunstgeschichte des Landes Steiermark sowie verschiedenen in der Sammlung vertretener Kunstlandschaften steht die Sammlungsgeschichte im Vordergrund. Die daraus resultierenden Erkenntnisse werden in Form von Führungen, Vorträgen und Workshops einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Durch die Präsentation von Meisterwerken Alter Meister wird die Geschichte der Kunst lebendig und erlebbar.

Der Nutzen liegt darin, Besucher*innen zu inspirieren, ihr kunsthistorisches Wissen zu vertiefen und die Bedeutung der Kunst für die menschliche Kultur zu erkennen. Zudem fördert die Galerie den Austausch zwischen Kunstliebhaber*innen, Forscher*innen und der Öffentlichkeit, um das Verständnis und die Wertschätzung für die Kunst der Alten Meister zu stärken.

Partner und Netzwerke

Schwerpunkte stellen die Mitgliedschaften der Kurator*innen beim Arbeitskreis der Leiter*innen der graphischen Sammlungen von Deutschland, Österreich und der Schweiz, beim Netzwerk graphischer Sammlungen Österreichs, dem Netzwerk Italienforschung sowie der Renaissance Society of America dar. Die Kaiserschild-Stiftung ist ein wichtiger Partner für Ausstellungsprojekte mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien und dem Kunstmuseum in Winterthur sowie dem Outreach-Projekt „Kaiserschild Walls of Vision“.

Links: Digitalisierung

Kupferstichkabinett

Foto: UMJ/ K. Leitner­ Ruhe

Rechts: Ausstellungsansicht

„Der große Tod“

Foto: UMJ/ N. Lackner

The Getty Paper Project

Exploring the potential of smaller collections. Approaches to Austrian and South German

Baroque drawings and prints

Im Sommer 2023 reichte die Alte Galerie einen 25-seitigen Antrag, bestehend aus einer detaillierten Projektbeschreibung, einem Programm, Zeit- und Budgetplan sowie Informationen über die Antragsteller für die Förderung eines Workshops ein, der positiv bewertet wurde.

Dank der großzügigen Förderung durch das Getty Paper Project konnten von 5. bis 10. Mai 2025 fünf renommierte internationale Expert*innen und zehn junge Kurator*innen aus Kanada, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Deutschland und der Ukraine zum Austausch nach Graz eingeladen werden. Das Projekt wurde für sieben Monate von einer Projektkoordinatorin unterstützt.

Im Mittelpunkt des Workshops standen die Vernetzung und der Austausch über österreichische und süddeutsche Barockzeichnungen der Alten Galerie. Vor den Originalzeichnungen fanden unter der Leitung der Expert*innen strukturierte Diskussionen zu Themen statt, die von der Zuschreibung und Ikonographie bis hin zu den materiellen Eigenschaften der Blätter reichten. Der Workshop sollte junge Kurator*innen dazu anregen, wissenschaftliche Forschungen zu bestimmten Randbereichen ihrer Sammlungen durchzuführen und Strategien und Narrative zu entwickeln, um die Faszination der österreichischen und süddeutschen Barockzeichnung einem breiteren Publikum zu vermitteln.

Foto: UMJ/Kimberley Fetko

Facts

→ Projektleitung: Stefan Albl, Karin Leitner-Ruhe

→ Fördergeber: The Getty Museum in Los Angeles

→ Fünftägiger Workshop mit fünf internationalen Expert*innen und zehn internationalen Jungkurator*innen

Eines der Ziele von Getty ist es, das Ansehen graphischer Sammlungen im 21. Jahrhundert zu steigern. Für die Alte Galerie stellte der Workshop einen großen Gewinn an Sichtbarkeit dar. Die Ergebnisse für die Sammlung sind zahlreich: Anonyme Zeichnungen konnten Künstlern zugeschrieben werden; Bildinhalte, die zuvor falsch identifiziert waren, konnten korrigiert werden; Zeichnungen konnten mit Altarbildern und Fresken in Bezug gebracht werden. Die Erkenntnisse haben uns Kurator*innen zu noch intensiveren Erforschungen der österreichischen und süddeutschen Barockzeichnungen der Alten Galerie angeregt.

Ziele: Vernetzung von Expert*innen und Jungkurator*innen; Sichtbarmachung von graphischen Sammlungen im 21. Jahrhundert; wissenschaftliche Publikation der Ergebnisse aus dem Workshop.

Forschungsstrategie Forschungsbeispiel

Abteilung Neue Galerie Graz

Neue Galerie Graz

Ausgangslage der Forschung

Die Sammlung der Neuen Galerie Graz mit einem Entstehungszeitraum ihrer Werke vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart bildet den essenziellen Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Arbeit. Ihr singuläres Profil verdankt die Sammlung ihrer 200-jährigen Entstehungsgeschichte mit verschiedenen historischen Kontexten und unter der Obhut von mehreren Generationen von Kurator*innen, worin sich nicht nur die Kunstgeschichte von der Aufklärung bis heute in Teilen abbildet, sondern auch die wechselvolle Geschichte des Kulturstandorts Steiermark. Schwerpunkte liegen im Bereich regionaler und internationaler Kunst unter besonderer Beachtung des sog. „trigon“-Raumes, wobei ab den 1960er-Jahren zusätzlich zu den Sparten Malerei, Grafik und Plastik auch Werke der neuen Medien wie Fotografie, Videokunst und Installative Kunst zahlreich Eingang gefunden haben. Die Sammlung wird kontinuierlich nach wissenschaftlichen und qualitativen Kriterien erweitert und im Rahmen von Personalen oder Themenausstellungen von kulturhistorischer, gesellschaftlicher und politischer Relevanz, generell begleitet von Publikationen, der Öffentlichkeit präsentiert.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Gemäß den Sammlungsschwerpunkten konzentriert sich die Forschung auf die Kunstgeschichte ab 1800, wobei ein wichtiges Bestreben auch darin liegt, neben prominenten und wohlbe-

kannten Positionen stets auch weniger beachtete Künstler*innen und Themen ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. So hat die Neue Galerie Graz so bekannten Künstler*innen wie dem Arte Povera-Vertreter Michelangelo Pistoletto (2012), der bedeutenden österreichischen Malerin Maria Lassnig (2014) oder dem heimischen Medienpionier Richard Kriesche (2016) ebenso Personalen gewidmet wie Wilhelm Thöny (2013), Norbertine Bresslern-Roth (2016), dem nahezu unbekannten künstlerischen Weggefährten von Alfred Hrdlicka Fritz Martinz (2018) oder dem weniger prominenten, aber gleichwohl wichtigen „Begründer der Biedermeierlandschaft“ Franz Steinfeld (2023) – jeweils im Rahmen von umfangreichen Forschungsprojekten.

Die Ausstellungen Ladies First. Künstlerinnen in und aus der Steiermark 1850­1950 (2020) und Ladies and Gentlemen. Das fragile feministische Wir (2021) legten ihren Schwerpunkt auf eine Vielzahl bislang kaum beachteter Frauen in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts.

Das BRUSEUM stellt einen eigenen Sammlungsund Forschungsbereich innerhalb der Neuen Galerie dar, der das Schaffen von Günter Brus einschließlich seines künstlerischen Umfeldes im Bereich internationaler Kunst der Vergangenheit und Gegenwart im Rahmen von Ausstellungen, Publikationen und der Pflege des Archivs (u. a. Andre Thomkins, Gerhard Ruhm, Victor Hugo, Alfons Schilling, Paul Neagu) wissenschaftlich aufarbeitet.

Die Museumsbibliothek beherbergt neben einer großen Anzahl nationaler und internationaler wissenschaftlicher Literatur auch einen wertvollen Sammlungsbestand historischer Publikationen, wie etwa Zeitschriften der Wiener Secession aus der Zeit um 1900.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Die Aufarbeitung der für die Neue Galerie Graz und die mitteleuropäische Kunstgeschichte bedeutenden „trigon“-Zeit stellt seit mehreren Jahren ein kontinuierliches Forschungsfeld dar und wird bis zumindest 2028 weiterverfolgt. Nach Themenausstellungen über italienische und ungarische Künstler*innen in der Sammlung der Neuen Galerie Graz, deren Werke im Zuge der „trigon“-Ausstellungen und der Internationalen Malerwochen zwischen 1963 und 1992 in die Sammlung gekommen sind, sollen als nächstes Künstler*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Fokus rücken. Weiters sind Personalen zu wichtigen Vertretern der Moderne geplant, die eng mit der Steiermark verbunden waren.

Ziele und Nutzen

Als eines der zentralen österreichischen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst und als öffentliche Institution des Landes Steiermark im Verband des Universalmuseums Joanneum ist mit dem Programm und der Sammeltätigkeit der Neuen Galerie Graz ein öffentliches und generationenübergreifendes Interesse verbunden. Über Ausstellungen und Publikationen wird das Museum zur Dialogplattform, auf der nicht nur

Links: Franz Steinfeld

Der Hallstättersee, um 1834

Öl auf Leinwand, 52,3 x 41,7 cm

Neue Galerie Graz/ Universalmuseum Joanneum

Foto: UMJ/N. Lackner

Rechts: Wilhelm Thöny

Paris, le de la Cit é I 1929

Öl/Leinwand, 100 x 128 cm

Neue Galerie Graz/ Universalmuseum Joanneum

Dauerleihgabe Steiermärkische Sparkasse

Foto: UMJ/N. Lackner

Fragen der Kunst und Kunstgeschichte, sondern eine Vielzahl von Themen von allgemeinem Interesse erörtert werden. Dadurch dient die Neue Galerie Graz auch als wichtige Orientierungshilfe unserer kritischen Zivilgesellschaft.

Partner und Netzwerk

Je nach Sinnhaftigkeit und Möglichkeit wurden und werden Kooperationen mit Institutionen aus dem In- und Ausland angestrebt. Konkrete Kooperationspartner in den letzten 10 Jahren waren etwa mehrmals das MSU/Museum für moderne und zeitgenössischen Kunst Zagreb (Personalen Hubert Hoffmann 2014, Vjenceslav Richter 2018, Julije Knifer 2020), die Deichtorhallen Hamburg (Maria Lassnig 2013), der GropiusBau in Berlin (Günter Brus. Störungszonen 2016) das Leopold-Museum, Wien (Palme – Brus –Schiele 2018), die Kunsthalle Tübingen (Shirin Neshat 2018) sowie vor Ort der steirische herbst seit seinem Bestehen (zuletzt: Ein Krieg in der Ferne 2022, Horror Patriae 2024), die HALLE FÜR KUNST STEIERMARK (ERNSTHAFT?!

Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst 2023) sowie das Reinhard-Ernst-Museum in Wiesbaden im Jahr 2026 für die ein Jahr zuvor von der Neuen Galerie ausgerichteten Ausstellung über Wolfgang Hollegha.

Künstler*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Sammlung der Neuen Galerie Graz

Im Rahmen der Aufarbeitung der bedeutenden „trigon“­ und Malerwochen­Ausstellungen der Neuen Galerie Graz ab den 1960er­ bis zu den 1990er­Jahren soll der damals entstandene Sammlungsbereich der Künstler*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien umfassend erforscht werden.

Dafür wurden Künstler*innen aus Italien und dem ehemaligen Jugoslawien eingeladen, ihre Arbeiten gemeinsam mit jenen von zeitgenössischen Künstler*innen aus Österreich zu präsentieren. Während die Teilnehmer*innen der „Malerwochen“ von der Neuen Galerie ausgewählt wurden, sind die Beiträge der „trigon“-Biennalen von namhaften Kunstexpert*innen der jeweiligen Länder kuratiert worden.

Im Zuge der Ausstellungen wurden auch Werke für die Sammlung erworben, wodurch ein umfangreicher Bestand zeitgenössischer Kunst aus den genannten Ländern entstanden ist, der einen ungewöhnlich fokussierten Blick auf die jeweiligen Kunstszenen wirft. Den größten Anteil nimmt dabei die Kunst aus dem ehemaligen Jugoslawien in Anspruch, die mit Arbeiten von 96 Künstler*innen vertreten ist. Während die Werkbestände italienischer und ungarischer Künstler*innen bereits durch Ausstellungen und Publikationen der Neuen Galerie Graz aufgearbeitet worden sind, wurde die Sammlung von Kunst aus dem ehemaligen Jugoslawien bis jetzt nur vereinzelt im Kontext von diversen Themenausstellungen des Museums untersucht. Das vorliegende Projekt unternimmt eine ganzheitliche Aufarbeitung dieses Werkbestands unter Einbeziehung von Expert*innen aus den oben genannten Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien.

Julie Knifer

Arbeitsprozess Tübingen, 1975

S/W­ Fotografie

21 x 29,7 cm

Neue Galerie Graz/ Universalmuseum Joanneum

Foto: UMJ/N. Lackner

Ab den 1960er-Jahren öffnete sich die Neue Galerie Graz offensiv der internationalen zeitgenössischen Kunst, was einerseits im Ausstellungsprogramm seinen Ausdruck fand, sich aber auch in der Museumssammlung mit zahlreichen Erwerbungen niederschlug. Wesentlichen Anteil an dieser Öffnung hatten die sog. „trigon“Biennalen, die von 1963 bis 1991 in der Neuen Galerie veranstaltet wurden, sowie die „Internationalen Malerwochen in der Steiermark“, die von 1966 bis 1992 hier stattfanden. Sie folgten der Intention, den historischen Kulturraum „Innerösterreich“ wiederzubeleben und an die aus der gemeinsamen Geschichte erwachsenen Verbindungen der jeweiligen Länder anzuknüpfen.

Facts

→ Aufarbeitung des Werkbestands von Künstler*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien

→ Basis: „trigon“- und MalerwochenAusstellungen der Neuen Galerie Graz unter Einbeziehung von Expert*innen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien

→ Fokus auf die gesellschaftspolitischen Begleitumstände der gemeinsamen Kunstgeschichte

Forschungsstrategie Forschungsbeispiel

Abteilung Kunst im Außenraum

Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark

Ausgangslage der Forschung

Künstlerische und kuratorische Forschung in der zeitgenössischen Kunst ist eine eigenständige, transdisziplinäre Wissensproduktion. Sie verbindet ästhetische Praxis, theoretische Reflexion und methodische Offenheit und erzeugt Erkenntnisse primär durch künstlerische Verfahren. Im Zentrum stehen Materialität, Prozessualität, Wahrnehmung, gesellschaftliche Relevanz und institutionelle Rahmung. Der öffentliche Raum bietet dafür einen besonders wirkmächtigen Resonanzraum: Als realer sozialer und urbaner Kontext ermöglicht er es, dass künstlerische Forschung nicht nur beobachtet oder dokumentiert, sondern aktiv in gesellschaftliche und räumliche Prozesse eingreift. Erkenntnisse entstehen hier situativ, relational und kontextgebunden. Das Wesen der künstlerischen und kuratorischen Forschung liegt in der Erzeugung von Erkenntnissen durch künstlerische Verfahren, nicht nur in ihrer Darstellung oder Analyse. Ausgerichtet ist sie auf das Spannungsfeld von Praxis und Theorie. Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Seit der Gründung des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark (KiöR) 2006 konzentriert es sich auf temporäre und permanente Projekte, die gesellschaftlich relevante Fragestellungen aufgreifen. Werke steirischer,

österreichischer und internationaler Künstler*innen sind in Graz und der Steiermark zu finden. Historische, politische, ökologische und soziale Kontexte bilden den Ausgangspunkt für ortsspezifische Installationen, performative Interventionen und partizipative Projekte, die das Verhältnis von Kunst, Öffentlichkeit und Stadtgesellschaft neu vermessen. Wissen wird direkt in Interaktion mit lokalen Gemeinschaften erzeugt, wobei Themen wie Erinnerungskultur, Machtstrukturen, urbane Transformation und soziale Teilhabe reflektiert werden.

Das Institut dokumentiert Projekte in einem Archiv und einer Referenzbibliothek (inklusive Videos, Fotografien, Interviews) zur Kunst im öffentlichen Raum und Erinnerungskultur; Schwerpunkt ist Österreich und der deutschsprachige Raum.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft Heute verbindet die Forschung gesellschaftspolitische, ökonomische und ökologische Themen mit künstlerischer Praxis. Temporäre und permanente Werke entstehen aus Fragestellungen zu urbanen, ökologischen und sozialen Transformationsprozessen.

Schwerpunkte liegen auf partizipativen Formaten, digitalen Zugängen und interdisziplinären Ansätzen, die Kunst als epistemisches Instru-

ment nutzen. Methodische Offenheit, Experimente, reflektierende Prozesse und kollaborative Ansätze generieren neue Perspektiven, die sowohl künstlerische Praxis als auch gesellschaftliche Diskurse transformieren.

Ziele und Nutzen

Ziel ist die Entwicklung künstlerischer und kuratorischer Strategien, die Erkenntnisse durch ästhetische Praxis erzeugen und gesellschaftliche Diskurse erweitern. Kunst im öffentlichen Raum dient als Labor zur Erforschung von Wahrnehmung, Teilhabe, Erinnerung und Machtverhältnissen. Projekte sensibilisieren für soziale, ökologische und politische Zusammenhänge, fördern Reflexion und Partizipation und stärken die kulturelle Identität von Orten und Gemeinschaften. Durch die Verbindung von Forschung, Praxis und Theorie entstehen nachhaltige Impulse für lokale, nationale und internationale Kulturpolitik.

Partner und Netzwerk

Die Forschungsstrategie des KiöR stützt sich auf ein Netzwerk aus Künstler*innen, Kurator*innen, Wissenschafter*innen, Behörden und internationalen Institutionen. Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen fördern den interdisziplinären Austausch. Partnerschaften mit Gemeinden, kulturellen Initiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen sichern gesellschaftliche Relevanz und Teilhabe. Eine digitale Plattform und eine gemeinsam mit der FH Joanneum entwickelte App erweitern die Reichweite.

Rechts:

Links: Modellierung „Slow Motion high speed“ von Clemens Luser Foto: UMJ/G. Mackert
Archäologische Untersuchung in Aflenz Foto: S. Oberhöfer

Projekt Neuberg

Das Obere Mürztal rund um den stillgelegten Bahnhof Neuberg an der Mürz wird als lebendiges Archiv zum Raum künstlerischer Forschung.

Bahnhof Neuburg
UMJ/G. Mackert

Ausgehend von der Revitalisierung des historischen Bahnhofs – einst Knotenpunkt von Industrie, Jagd und kaiserlicher Repräsentation –werden Erkundungen durchgeführt und künstlerische Interventionen entlang des Flusses Mürz entwickelt.

Über zwei Jahre thematisieren Installationen und Interventionen historische und soziale Prozesse im Tal zwischen Rax, Schneealpe und Veitsch. Im Zentrum stehen die Auseinandersetzung mit Landschaften des Verschwindens und der Umgang mit Veränderungen: der Verlust an Bewohner*innen und Arbeitsplätzen, von Biodiversität, Gemeinschaftsformen und Wissen. Diese Prozesse erscheinen nicht nur in materiellen Überresten – in Stollen, Triftanlagen und verfallenden Gleisanlagen –, sondern auch in kollektiven und individuellen Erinnerungen, Ritualen und Atmosphären. Besondere Aufmerksamkeit gilt der sicht- und erfahrbaren Verknüpfung von Natur, Geschichte und Kunst.

Dabei treten lokale Erzählungen, industrielles Erbe, naturkundliche Spuren und persönliche Geschichten in einen Dialog. Die künstlerische Forschung widmet sich dem Nebeneinander von Erinnerung und Leerstellen, beobachtet und dokumentiert Prozesse und thematisiert Wahrnehmung, Körper, Materialität und Erinnerung. So wird die künstlerische Praxis zu einer Methodik des Hörens, Sammelns, Befragens und Übersetzens, die situative Wissensformen erzeugt, welche weder museal fixieren noch nostalgisch verklären, sondern alternative Perspektiven eröffnen. Die künstlerischen Eingriffe werden als Instrumente der Recherche eingesetzt, um Zusammenhänge und Spannungen zwischen globalen Entwicklungen und lokalen Gegebenheiten sichtbar zu machen und Wissen, Erfahrung und soziale Praktiken zu verbinden.

Facts

→ Künstlerische Forschung begleitet Revitalisierung des historischen Bahnhofs Neuberg an der Mürz mit Beiträgen von Christina Gruber, Markus Jeschaunig, Antje Schiffers, Herwig Turk, Tracing Spaces (Michael Hieslmair und Michael Zinganel) u. a.

→ Kuratorin: Gabriele Mackert, Projektleitung: Jasmin Haselsteiner-Scharner, Projektpartner: Ernst Kovacic, Verein Bahnhof Neuberg

→ Projektzeitraum: 2026–2027

Recherche Stift Neuberg an der Mürz Foto: UMJ/ G . Mackert
Stift Neuberg, Dachstuhl Foto: UMJ/ G. Mackert

Forschungsstrategie Forschungsbeispiel

Abteilung Kulturgeschichte

Kulturhistorische Sammlung

Ausgangslage der Forschung

Die Kulturhistorische Sammlung wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Ziel begründet, 1) die Kulturepochen des Landes Steiermark vom Mittelalter bis zur Gegenwart zu dokumentieren sowie 2) eine Musterkollektion für das heimische Kunsthandwerk bereitzustellen.

Insgesamt umfasst die Sammlung heute gut 37.000 Objekte, darunter Eisenobjekte und Möbel, liturgische Geräte und Musikinstrumente, Geschirr, wissenschaftliche Geräte oder Kleidungsstücke und Schmuck. Die Sammlung und damit verbundene Themen der steirischen Landesgeschichte bilden den Kern des Forschungsauftrags.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Dementsprechend lag der Fokus der zuständigen Kurator*innen in den letzten Jahrzehnten auf der inhaltlichen Erschließung, Beforschung und Kontextualisierung, damit der qualitativen Entwicklung der überlieferten Sammlung, die regelmäßig die Basis der Ausstellungstätigkeit im Museum für Geschichte bildet. Ausstellungen in Geschichtsmuseen beschränken sich nicht auf das Zeigen singulärer Objekte, sie vermitteln – kuratorischen Konzepten folgend – historische Entwicklungen und Zusammenhänge. Die wissenschaftliche Basis dieser kuratorischen Konzepte wird regelmäßig vom hauseigenen Team entwickelt, das Quellen studiert, im Zeitungsarchiven und Bibliotheken recherchiert, Interviews mit Zeitzeug*innen und Ex-

pert*innen führt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden dann – zusätzlich zu den Ausstellungen – auch im Rahmen von Katalogpublikationen, Vorträgen und Exkursionen sowie kuratierten Online-Beiträgen auf unserer Webseite einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

Immer wieder gab es in den letzten Jahren auch Forschungskooperationen mit externen Expert*innen, allen voran aus dem universitären Feld: So entstanden zwei Dissertationen, einmal zum Bedeutungswandel von Kleidern, exemplarisch dargestellt an ausgewählten Textilbeständen, einmal zur Majolika-Sammlung.

Der Friedrichswagen, ein zentrales Objekt der Landesgeschichte, wurde von einer Expert*innenrunde aus dem deutschsprachigen Raum einer eingehenden Begutachtung unterzogen: eine wissenschaftliche Tagung sowie eine Publikation waren die Folge. Vor dem Hintergrund eines gewandelten Bewusstseins für Objekte aus Unrechtskontexten wurden, um ein drittes Beispiel zu nennen, die Provenienz und die Umstände der Erwerbung einzelner Objekte untersucht, die zur Zeit des NS-Regimes ins Haus gekommen sind.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Auch künftig wird die qualitative Entwicklung der vorhandenen Sammlungsbestände durch eigene Forschungsarbeit, die Vergabe universitärer Abschlussarbeiten sowie Projekte externer Wissenschafter*innen zentral sein.

Einen zusätzlichen Schwerpunkt für die nächsten Jahre bildet die Dokumentation und Erforschung der Dingkultur des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, die parallel zu unserer laufenden Sammeltätigkeit erfolgt. Um die Themen „Politik“, „Arbeit und Produktion“, „Mobilität“, „Medien und Kommunikation“, „Bildung und Erziehung“, „Medizin und Körper“, „Mode und Konsumkultur“ sowie „Räume und Architekturen“ im Sinne einer Landes- und Kulturgeschichte der Steiermark in qualitätvoller Weise erarbeiten zu können, wird es – wie schon bisher – stark um die Zusammenarbeit mit den weiteren geschichtsforschenden Einrichtungen im Land gehen: den Universitäten in Graz, der HLK und ihrem Netzwerk von Korrespondent*innen sowie den regionalen Geschichtsvereinen. Ein besonderer Stellenwert in der Zusammenarbeit kommt den steirischen Regionalmuseen zu, die ihrerseits mit viel Engagement und Expertise an einer „Sammlung Steiermark“ und am „Gedächtnis des Landes“ arbeiten. Selbstverständlich in Forschungsfragen und darüber hinaus ist für uns schließlich der Austausch mit Kolleg*innen aus einschlägigen Museen der umliegenden Bundesländer und Wien sowie im nahen Slowenien.

Ziele und Nutzen

Wir wollen mit unserer Arbeit einen Beitrag zur Geschichte der Steiermark und zur historischen Bewusstseinsbildung leisten! Als Teil eines Landesmuseums sehen wir es als unsere Aufgabe an, möglichst viele Menschen für das Werden und den Wandel ihres eigenen Lebensumfeldes sowie der Gesellschaft zu interessieren und die Wertschätzung für das historische Erbe zu fördern. Die Kulturhistorische Sammlung und ein fundiertes Wissen über ihre Objekte bilden dafür eine unabdingbare Basis.

Ansicht „Schaudepot“ Fotos: UMJ/N. Lackner

Eine Fahne aus dem Jahr 1604

Die Kulturhistorische Sammlung beherbergt ein seltenes Zeugnis der innerösterreichisch­habsburgischen Geschichte aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Die aus dem frühen 17. Jahrhundert erhaltene Fahne stammt vermutlich aus der Zeit Erzherzog Karls II. von Innerösterreich († 1590), dessen Devise Audaces fortuna iuvat lautete. Die lateinische Aufschrift nimmt ev. darauf Bezug und dürfte eine Selbstvorstellung der mächtigen Glücksgöttin („Ich bin Fortuna …“) enthalten haben. Die Fahne erhielt 1604 im gegenreformatorischen Sinne eine Kruzifix-Darstellung mit deutscher Anrufungsformel und Datierung, möglicherweise um die als „heidnisch“ empfundene Fortuna-Darstellung zu relativieren.

Das laufende Forschungsprojekt ist eine Zusammenarbeit der Textilrestauratorin und des Sammlungskurators der Kulturhistorischen Sammlung mit dem Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst in Wien. In den Jahren 2023/24 erfolgten die inhaltliche Bestimmung des Objekts und die Suche nach Vergleichsobjekten im europäischen Raum.

Die anschließende konservatorische Bestands- und Zustandserfassung umfasste den Aufbau des Fahnenblattes mit allen Teilungsnähten und dem auf die Fahne montierten Netz, eine Altrestaurierung, weiters die naturwissenschaftliche Untersuchung der Fasern, des Nahtmaterials, der Art der Pigmente sowie der Bindemittel zur Klärung der Maltechnik.

Die Recherche und Identifikation von Objekten mit ähnlichem Schadensbild sowie die Definition der Ausstellungs- und Depotmöglichkeiten ergänzten diese Arbeitsschritte und bilden u. a. die Basis für das Restaurierungs-, Präsentations- und Lagerkonzept.

Die Reinigung und Festigung der Malschicht, das Färben verschiedener Unterlags- und Nähmaterialien sowie die regelmäßige Diskussion der anstehenden Arbeitsschritte begleiten das Projekt. Die eigentliche Restaurierung des Objekts soll bis 2026 abgeschlossen sein.

Ziel / Nutzen

Ziel des Projekts ist die Sicherung eines bedeutenden historischen Objekts der neuzeitlichen Landesgeschichte und seine Präsentation im Rahmen einer Ausstellung sowie unserer Online-Sammlung.

Facts

→ Fahne mit Andreaskreuz und Fortuna, Seide, bemalt, datiert 1604, Textilsammlung, Kulturhistorische Sammlung/UMJ

→ Historische Aufnahmen zeigen das Objekt bereits um 1900 in seiner jetzigen fragmentarischen Form

Landeszeughaus

Ausgangslage der Forschung

Ausgangspunkt der Forschungsarbeit am Landeszeughaus ist die rund 32.000 Objekte umfassende Sammlung, zu der u. a. Schutz- und Blankwaffen, Stangen- und Schlagwaffen, Objekte der Artillerie, Handfeuerwaffen und Musikinstrumente gehören, des Weiteren das im 17. Jahrhundert errichtete Zeughaus in der Grazer Herrengasse als erstes Objekt der Sammlung und schließlich die neuzeitliche Wehrgeschichte der Steiermark.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Dieser Forschungstradition entsprechend, war die wissenschaftliche Arbeit in den letzten Jahrzehnten auf die historische Einordnung der weitgehend aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammenden Waffen und Kriegsgeräte konzentriert: ihre regionale Herkunft und die Produzent*innen, Fragen der Technik und Produktion, ihre Lagerung und Distribution, schließlich die Geschichte ihrer Musealisierung. Ein zweites Interesse galt der Baugeschichte des Landeszeughauses: der Planung und Architektur, den Materialien und beteiligten Handwerkern, seiner Finanzierung und Verwaltung. Weil der Bau und Betrieb des Zeughauses nur vor dem Hintergrund der neuzeitlichen Kriege und Konflikte verständlich werden können, wurde zudem systematisch die Wehrgeschichte der Zeit als ein wesentliches Moment der Landesgeschichte erforscht. Die Veröffentlichung der gewonnenen Erkenntnisse fand im Rahmen von Publikationen

und Veranstaltungen statt. Ein jüngerer Schwerpunkt galt schließlich den räumlichen Spuren der neuzeitlichen Konflikte: Exkursionen, Vorträge und eine Publikation konnten sichtbar machen, wie sehr diese in Form von Burgen und Stadtbefestigungen, Wehrkirchen und Taboren bis heute die Erscheinung des Landes prägen.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft Perspektivisch gesehen werden die bekannten Forschungsschwerpunkte und die Zusammenarbeit mit den unten genannten Partner*innen bedeutend bleiben. Die interdisziplinäre Kooperation mit einschlägigen Einrichtungen und Universitäten soll es zudem ermöglichen, noch mehr über die Werkstoffe und ihre Verarbeitung, aber auch die klimatischen Bedingungen und diesbezüglichen Entwicklungen im Gebäude zu erfahren. In museologischer Hinsicht wird die wissenschaftliche Befassung mit Fragen der zeitgemäßen Repräsentation und Vermittlung von Krieg im Museum wichtiges Thema bleiben.

Ziele und Nutzen

Ziel der wissenschaftlichen Arbeit am Haus ist es, mehr über die umfangreiche Sammlung der größten historischen Waffenkammer der Welt zu erfahren und sie in bestmöglichem Zustand der nächsten Generation zu übergeben. Wir wollen aber auch einen Beitrag zur Erforschung der steirischen Landesgeschichte leisten und in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für den Wert dieses Ortes und seine Einzigartigkeit schärfen.

Partner und Netzwerk

Die konkrete Umsetzung der Forschungsprojekte erfolgte und erfolgt gemeinsam mit Partner*innen: mit dem Steiermärkischen Landesarchiv, das die Archivalien zum lokalen Kriegs- und Wehrwesen verwahrt, mit einzelnen regionalen Museen wie dem Museum im alten Zeughaus Bad Radkersburg, dem Museum Pfeilburg Fürstenfeld oder dem Stadtmuseum Hartberg, schließlich mit einschlägigen überregionalen Einrichtungen der Militär- und Kriegsgeschichte wie etwa der Hofjagd- und Rüstkammer, dem Kunsthistorischen und dem Heeresgeschichtlichen Museum in Wien und dem Slowenischen Nationalmuseum in Ljubljana.

Foto: N. Lackner

Hightech made in Styria Auf den Spuren der frühneu­

zeitlichen Schmiedetechnik der Pögls

Landeszeughaus, Foto: UMJ/N. Lackner

Abb.: Doppelhakenbüchse aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, Steiermark

Foto: UMJ/N. Lackner

Im Landeszeughaus befinden sich über 369 sogenannte Doppelhakenbüchsen, die zur Verteidigung von Burgen und Wehrkirchen dienten. Ihr Name leitet sich von dem geschmiedeten Haken am Lauf ab, der beim Abfeuern der Waffe an einer Mauer eingehängt wurde, um den enormen Rückstoß abzufangen. Aufgrund ihres Gewichts von bis zu 50 kg mussten die Büchsen von zwei Personen bedient werden. Trotz ihrer langen Verwendung vom 15. bis ins 19. Jahrhundert und ihrer militärischen Relevanz haben sie in der Forschung nur sehr wenig Beachtung gefunden.

Einige der im Zeughaus erhaltenen Doppelhakenbüchsen stammen nachweislich aus der „Kaiserlichen Waffenschmiede“ in Thörl bei Aflenz, Obersteiermark, und weisen die Meistermarke der Familie Pögl auf. Die Pögls waren seit Mitte des 15. Jahrhunderts in der Waffenproduktion tätig. Sie gelten als Vorreiter in der Produktion von Hakenbüchsen und waren sehr erfolgreich. Belegt ist, dass zwischen 1500 und 1506 über 10.000 Büchsen in ihren Werkstätten geschmiedet wurden.

Basis ihres Erfolgs war nach Einschätzung von DI Heinz Kloger, auf dessen Initiative das Forschungsprojekt zurückgeht, ein besonderes Schmiedeverfahren. Dank einer Kooperation mit der TU Graz/ Institut für Werkstoffkunde, wo zwei Bachelorarbeiten entstanden, der Unterstützung des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien sowie der Firma Böhler Edelstahl GmbH Co. konnten die Materialzusammensetzungen sowie die Herstellungstechniken mehrerer Hakenbüchsen analysiert werden. Mit Ultraschall wurde die Schweißnaht, die bei der Herstellung der Rohre entsteht, untersucht: Beim herkömmlichen Schmiedeverfahren wird eine eiserne Platine um einen Rundstahl gewickelt und überlappend verhämmert. Die Schweißnaht entsteht über die gesamte überlappende Fläche und weist dadurch mehrere Schmiedefehler auf (Abb. Mitte rechts ).

Legende: Hakenbüchsenlauf im Querschnitt

Messpunkt:

Schweißnaht:

Bei der neuen Methode werden lediglich die Enden der Platine verschweißt. Die Schweißnaht ist durch die konzentrierte Hitzeeinwirkung regelmäßiger verbunden. Dies ermöglichte es, den Hakenbüchsenlauf schneller und sicherer zu produzieren, weil die Hitze beim Feuerverschweißen auf eine kleinere Stelle gebündelt wird und weniger Schmiedefehler entstehen (Abb. unten rechts). Zwei der untersuchten Büchsen wiesen bei den Messungen tatsächlich diese Schweißtechnik auf. Damit kann ein bisher unbekanntes Schmiedeverfahren belegt und den Pögls zugeschrieben werden. Facts

Links: Herkömmliches

Schmiedeverfahren

Foto: UMJ/N. Lackner

Rechts: Verfahren von Pögl mit abgesetzter Platine

Foto: UMJ/N. Lackner

→ Mehr als 369 Doppelhakenbüchsen

→ Im Rahmen des Projekts (2023–2025) werden die Materialzusammensetzungen sowie Herstellungstechniken einiger Stücke erforscht

Multimediale Sammlungen

Ausgangslage der Forschung

Die 1958 (als „Steirische Landesstelle für Bildund Tondokumentation“) gegründeten Multimedialen Sammlungen (MMS) zählen zu den bedeutendsten audiovisuellen Sammlungen Österreichs. Zum Bestand zählen heute rund 3,3 Millionen Fotografien, teilweise aus dem 19. Jahrhundert stammend, 35.000 Filme und Videos, an die 10.000 Objekte aus dem Bereich Ton sowie rund 600 medienhistorische Geräte. Die Sammlungen sind für die Steiermark von großer medien-, regional- und zeitgeschichtlicher Bedeutung. Sie werden laufend erweitert und sind erster Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit in der Abteilung, deren Ergebnisse regelmäßig in Ausstellungen, Katalogen und historischen Zeitschriften, im Rahmen von Fachtagungen und öffentlichen Veranstaltungen sowie über kuratierte Online-Beiträge zugänglich gemacht werden.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

In den letzten Jahren wurde eine ganze Reihe von Konvoluten erstmals wissenschaftlich bearbeitet – Voraussetzung, um sie im Rahmen von Ausstellungen überhaupt zeigen zu können: zur steirischen Filmgeschichte und der populären Musik seit 1900 etwa oder der Frauenarbeit in der Nachkriegszeit. Regelmäßig wurden auch einzelne Fotografen mit ihren Biografien und Nachlässen erforscht und im Rahmen von Ausstellungen und Publikationen vorgestellt.

Immer wieder geht die wissenschaftliche Arbeit Hand in Hand mit Sammlungszuwächsen. So erfolgte mit dem Projekt „Steiermark privat!“ (2020–2023) die Sicherung und Digitalisierung von rund 30.000 analogen Amateurfilmen aus den 1920er- bis 1990er-Jahren, die nun schrittweise inventarisiert und wissenschaftlich beschrieben werden. Mit Übernahme der Sammlung Kubinzky kam mit 100.000 Objekten die größte private Sammlung von Ansichtskarten und Fotografien zu Graz ins Haus. Als Spiegel der Stadtgeschichte ist sie regelmäßig Forschungsgegenstand auch externer Wissenschafter*innen. Mit den Projekten „Landesaufnahme 1“ und „Landesaufnahme 2“ wurden erstmals die historischen Film-, Foto- und Tonmaterialien in steirischen Stadt- und Gemeindearchiven sowie von steirischen Wirtschaftsbetrieben systematisch erfasst.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Auch künftige Forschungsvorhaben werden die eigenen Sammlungen zum Inhalt haben, die heute sachgerecht in Klimadepots in der Grazer Innenstadt lagern. Allein schon ob ihrer schieren Größe wird es dabei wichtig sein, externe Expert*innen für ihre Aufarbeitung und Beforschung zu gewinnen, sei es in Form von Drittmittelprojekten und Kooperationen oder im Rahmen universitärer Abschlussarbeiten: Aktuelles Beispiel hierfür ist eine derzeit entstehende Masterarbeit zum Filmschaffen von Hanns Wagula: Mehr als 100 Filmrollen aus dem

Bestand der MMS, die zentrale Dokumente zu Graz in der NS-Zeit enthalten, werden von einer jungen Historikerin am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz erforscht.

Unumgänglich wird auch die fortlaufende Forschung im Bereich der Medienkonservierung sein: Nur wenn man um die verwendeten Materialien und Herstellungsprozesse weiß, Veränderungen oder Schäden an Objekten fachgerecht bewerten und bearbeiten kann, ist es möglich, über deren optimale Lagerung zu befinden und sie für die Zukunft zu sichern.

Unumgänglich ist schließlich die Ausformulierung einer digitalen Sammlungsstrategie und damit die planmäßige Integration der mehr und mehr vorliegenden Born-Digital-Objekte ab den 2000er-Jahren.

Ziele und Nutzen

Die MMS beheimaten das „Bild- und audiovisuelle Gedächtnis der Steiermark“ und sind eine zentrale Quelle der Regional- und Landesgeschichtsforschung. Ziel ist es, die Sammlungen zu erhalten, weiter inhaltlich zu erschließen und sie über die eingangs genannten Kanäle der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Partner und Netzwerk

Das Team der MMS steht laufend mit regionalen Museen und Gemeinden, Vereinen und privaten Sammler*innen in Kontakt und arbeitet regelmäßig mit dem Steiermärkischen Landesarchiv sowie diversen Stadtarchiven, den steirischen Universitäten und anderen öffentlichen Institutionen zusammen. Selbstverständlich ist der regelmäßige Austausch mit Fachkolleg*innen in Österreich und im deutschsprachigen Raum.

Blick in die Depoträume der MMS Fotos: UMJ/N. Lackner

Steirische Akteurinnen der Fotografie

Das Forschungsprojekt widmet sich Spuren von Frauen in der Steiermark, die als Fotografinnen oder im Zusammenhang mit Fotografie tätig waren.

Schon ab der frühen Zeit des Mediums Fotografie waren viele Frauen im fotografischen Gewerbe beschäftigt – auch in der Steiermark. Sie traten als Atelier-Besitzerinnen ebenso in Erscheinung wie später als Chefinnen und Mitarbeiterinnen von Fotobetrieben oder als – meist voll involvierte – Ehefrauen von Berufsfotografen. In vielen Fällen ist ihre Geschichte noch ungeschrieben.

Ausgehend von den Beständen der Multimedialen Sammlungen und mit Blick auf regionale Sammlungen soll das Forschungsprojekt zur Sichtbarmachung von Frauen in der steirischen Fotografiegeschichte beitragen und dabei auch einen kritischen Blick auf historische Sammlungs- und Verzeichnungspraktiken werfen. Welche Fotografinnen blieben bisher aus den Sammlungen ausgeschlossen? An welchen Foto-Beständen waren weibliche Akteurinnen beteiligt, blieben aber ungenannt? Welche Tätigkeiten im vielschichtigen „Betriebssystem“ der analogen Fotografie haben sie übernommen? Dabei kommen auch Methoden der Oral History zum Einsatz, um Erinnerungen an verschiedene Frauengenerationen in der Fotografie der Steiermark zu sichern. Zugleich sollen Sammlungslücken identifiziert und entsprechende Erweiterungen der Sammlung vorgenommen werden.

Projektteam: Eva Tropper (Historikerin und Ausstellungskuratorin), Astrid Aschacher (Historikerin und Sammlungskuratorin)

Im Rahmen des Forschungsvorhabens wird jedes Jahr im Rahmen einer kleinen Foyer-Ausstellung und Video-Installation während des Frauenmonats März eine Akteurin der Fotografie vorgestellt. Langfristig zielt das Projekt auf eine Ausstellung sowie eine Publikation, um die Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Facts

→ Sichtbarmachung von Frauen in der steirischen Fotografiegeschichte

→ Kritischer Blick auf historische Sammlungs- und Verzeichnungspraktiken

Links: Die Pressefotografin

Erika Blaschka

Foto: UMJ/Multimediale Sammlungen/UMJ (Ausschnitt)

Rechts: Blick in die Depoträume der MMS

Foto: UMJ/N. Lackner

Forschungsstrategie Forschungsbeispiel

Abteilung Volkskunde

Volkskunde

Ausgangslage der Forschung

Die Abteilung Volkskunde im Universalmuseum Joanneum umfasst seit 2019 zwei Standorte, das Volkskundemuseum am Paulustor in Graz und das Österreichische Freilichtmuseum in Stübing. Die Vereinigung in einer Abteilung erlaubte eine stärkere Fokussierung der beiden Museen auf bestimmte Themenfelder, sodass insgesamt ein großer historischer Bogen und vertiefte Forschung in Bezug auf ländliches und urbanes Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft möglich ist.

Das Volkskundemuseum am Paulustor besteht seit 1913, die umfassende Sammlung (94.500 Objekte) sowie die Fachbibliothek (knapp 15.700 Bücher und Publikationen) widmen sich dem täglichen Leben und dokumentieren die Vielschichtigkeit menschlicher Lebensbiografien im historischen und gegenwärtigen Kontext, wobei zunächst lange zu den Themen Wohnen, Kleidung, Aberglauben, Brauch und Zeit mit dem Fokus auf die bäuerliche Gesellschaft vor den beiden Weltkriegen geforscht wurde. Seit der Neuaufstellung in den Jahren 2019–2021 nimmt das Museum vermehrt die Gegenwart als Ausgangspunkt für Ausstellungen zu alltagskulturellen Phänomenen in den Blick und fragt danach, wie und durch wen das Heute geworden ist. Ob Selbstbilder der Steiermark, Formen des Zusammenlebens oder der Alltagsbewältigung – das Museum beleuchtet seine Themen jeweils historisch wie gegenwärtig und arbeitet verstärkt partizipativ und inklusiv.

Das Österreichische Freilichtmuseum wurde 1970 eröffnet und umfasst mittlerweile 103 historische Objekte aus ganz Österreich, vor allem Bauernhöfe, aber auch Wirtschafts-, Handwerks- und Sakralgebäude mitsamt ihrem Inventar oder Hausrat. Dementsprechend ist ein großer Forschungsschwerpunkt seit jeher die Hausforschung, die neben architektonischen und restauratorischen Disziplinen auch Agrarwissenschaft und Botanik umfasst. Außerdem werden Forschungen zu Bräuchen, Traditionen, Handwerk und Lebensalltag betrieben, die sich häufig nicht nur in wissenschaftlicher Aufarbeitung, sondern auch in praktischer Anwendung niederschlagen, wie bei den großen Veranstaltungstagen, in der Gartenwirtschaft und Kulinarik sowie in zahlreichen Vermittlungsangeboten.

Forschungsschwerpunkte

Durch die Zusammenführung der beiden Museen in eine Abteilung wurde im Sinne einer stärkeren Profilbildung eine Konzentration auf verschiedene Schwerpunkte möglich, um künftig Verdoppelungen zu vermeiden und die Sammlungen neuen Forschungsschwerpunkten entsprechend zu erweitern. Das Volkskundemuseum forscht zu kulturellen Phänomenen in Vergangenheit und Gegenwart mit dem Verständnis von Gesellschaft und Kultur in Veränderung. Weitere Schwerpunkte sind Forschungen zur Geschichte des Museums und Sammlungsforschung. Auch wird je nach Projekt mit Forschungspartnern zusammengearbeitet.

Das Österreichische Freilichtmuseum konzentriert sich weiterhin stark auf das bäuerliche Leben, ergänzt die bestehenden Forschungsschwerpunkte jedoch durch Bezugnahmen auf gegenwärtige Herausforderungen, die einen weiten Bogen von Architektur bis hin zu Nachhaltigkeitsfragen spannen. Ein besonderer Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der digitalen Möglichkeiten, die mit universitären Partnern möglich ist, zum Beispiel im Bereich der Hausvermessung und Erschließung der Obergeschosse historischer Objekte.

Beide Museen halten langjährige und intensive Kontakte mit Universitäten, einschlägigen Instituten und Forschungseinrichtungen sowie ein großes Netzwerk an Partner*innen, die wesentlich mit ihren Expertisen zu einer umfassenden Forschung beitragen. Das Volkskundemuseum verfügt über internationale wissenschaftlich-kuratorische Netzwerke und einen wissenschaftlichen Beirat, der begleitend Expertise aus namhaften Wissenschaftseinrichtungen zur Verfügung stellt.

Beide Häuser sind engagiert in der Einbindung von Zeitzeug*innen und Personen aus der Zivilgesellschaft, sodass in professionellen Settings auch ein lebendiger Austausch und Wissenserweiterung, die der Forschung dient, stattfindet. Dies entspricht auch der Grundhaltung, beide Museen als offene und gesellschaftsrelevante Orte zu betreiben.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Im Volkskundemuseum am Paulustor wird in regelmäßigen Abständen ein historischer Sammlungsbestand mit kulturwissenschaftlichen Zugängen neu beforscht (materielle Kulturforschung, Visuelle Anthropologie, Wissenschaftsgeschichte etc.), durch gezielte Sammlungstätigkeit ergänzt und unter Einbeziehung der erzielten Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. Ein weiterer Fokus liegt auf Citizen-Science-Projekten, die die Beteiligung verschiedener Personen(gruppen)

an Wissenschafts- und Forschungsprozessen vorsieht. Der Ansatz ist kollaborativ und stellt die Expertise derjenigen, die ihr persönliches Erleben und ihre Erfahrungen zu einem Thema einbringen, in den Vordergrund. Zugleich werden systematische Forschungsmethoden eingesetzt, sodass die Zusammenarbeit verschiedener Personen(gruppen) und Expert*innen sowie Wissenschafter*innen fundiert ausgewertet, dokumentiert und weiter beforscht werden kann. Im Österreichischen Freilichtmuseum liegt ein Fokus der Forschungsarbeit im Bereich der Digitalisierung. Nicht nur der Einsatz digitaler Medien, wie sie beispielsweise im Kulturpatenschaftstool angewandt werden, sondern vor allem die Erforschung der historischen Gebäude und deren Erschließung für Besucher*innengruppen steht im Mittelpunkt. Digitale Hausvermessungen sowie Materialforschung unter modernsten Gesichtspunkten versetzt das Freilichtmuseum in die Lage, inklusiver und als wichtiger Partner für diverse Wissenschaftseinrichtungen aufzutreten. Das Museum kann in diesem Zusammenhang auf langjährige Partnerschaften mit namhaften Institutionen verweisen.

Museum und Outreach ­ Pop ­ upAusstellung des Volkskundemuseums in seiner Nachbarschaft: Baba Tabak Trafik!, Paulustorgasse 2, 8010 Graz, 15.12.–31.12.2025
Kurator:innen: Birgit Johler, Joachim Hainzl – Verein Xenos
Fotos: UMJ/J.J. Kucek

Inszenierungen

Das Volkskundemuseum am Paulustor beherbergt einen der wenigen noch erhaltenen „Trachtensäle“.
Seit Kurzem präsentiert das Museum veränderte Lesarten und neue Inszenierungen für diese außergewöhnliche Zeitkapsel.

Stickmuster, Elise Dösinger, 1872, Sammlungskabinett, Volkskundemuseum am Paulustor Foto: UMJ/J.J. Kucek

Nach rund einem Jahr intensiver historischer Recherchen eröffnete das Volkskundemuseum am Paulustor 2022 einen neu inszenierten Trachtensaal. Die Forschungen beleuchteten wissenschafts- und kulturhistorische Entstehungskontexte, volkskundliche Deutungen, Netzwerke sowie die Biografien jener Personen, deren hölzerne Gesichter und Gestaltungen den Saal prägen. Die denkmalgeschützten Figurinen und Vitrinen blieben in ihrer historischen Aufstellung erhalten; ihre Geschichten erschließen sich nun über Texte und QR-Codes. Eine mehrteilige künstlerische Arbeit von Franz Konrad und eine Videoinstallation von Masoud Razavy Pour verbinden die historischen Inhalte mit gegenwärtigen Perspektiven auf Tracht und Trachtentragen. 2023 wurde der neue Trachtensaal in der Zeitschrift neues museum des Museumsbundes Österreich als Best-Practice-Projekt präsentiert. Regelmäßig finden hier Lehrveranstaltungen und Dialogführungen in Kooperation mit Universität Graz und FH Joanneum statt.

Facts

→ Kuratierung: Birgit Johler

→ Mitarbeit: Johannes Maier, Martina Edler, Alina Rettenwander, Silvia Stecher

→ Gestaltung: Michael Rieper, Heidi Pretterhofer, Benedikt Haid

Transforming Spaces: Klimaanpassungsfähige Architektur und immaterielles Kulturerbe

Dieses zweistufige HORIZON-Projekt des Österreichischen Freilichtmuseums untersucht Europas immaterielles Erbe der Bau- und Wohnkultur im Kontext ökologischer Krisen und gesellschaftlicherVeränderungen. Dabei wird deutlich, wie traditionelles sowie weiterentwickeltes Wissen zu klimaresilienten Lösungen beitragen kann.

Erforscht wird, wie Wissen über Materialien, Siedlungsstrukturen und Wohnpraktiken – von frühen naturnahen Siedlungen bis zu ökologischem Wohnen – Resilienz stärken kann. Analysiert werden funktionale, ökologische und sozioökonomische Prinzipien sowie ihre sozialen und psychologischen Wirkungen. Ein transdisziplinärer Ansatz entwickelt dafür Tools wie eine interaktive Modellkarte und VR-Erlebnisse, die Beziehungen zwischen traditionellen und zukünftigen Wohnmodellen sichtbar machen. Zudem thematisiert das Projekt das Potenzial traditioneller Bauweisen, die Wiederbelebung „verlorener Orte“ und neue gemeinschaftliche Wohnformen.

Partner

→ JOANNEUM RESEARCH Digital

→ Universität für Bodenkultur Wien

→ Universität Leiden

→ Freilichtmuseum Ballenberg

→ Delta Reality → Museus e Monumentos

→ Muzeul Astra National Museum → IAAC-Advanced Architecture Barcelona

Blick in den Trachtensaal und auf „Schicht um Schicht“ von Franz Konrad
Foto: UMJ/N. Lackner

Abteilung Schloss Stainz

Jagdkunde

Ausgangslage der Forschung

Die Geschichte der Jagdkundlichen Sammlung beginnt 1941 mit der Gründung des „Museums für Biotechnik und Jagdkunde“, dessen Bestände 1949 im Zuge der 25. Steirischen Jagdausstellung von Stift Rein nach Schloss Eggenberg übersiedelten. 1953 erfolgte auf Initiative von Philipp Meran die Eröffnung des ersten und größten Jagdmuseums Österreichs in Schloss Eggenberg, das bis 1998 an diesem Standort blieb. Nach einer Übersiedelung nach Schloss Stainz wurde dort 2006 das neue Jagdmuseum eröffnet.

Die Sammlung Jagdkunde umfasst derzeit knapp 7.000 Objekte, die systematisch in folgende Objektgruppen unterteilt sind: Historische Jagdwaffen, Jagdzeug, Falknerei und Kynologie, Jagdkunst, Jagddokumente (Fotografien und Archivalien), Dioramen, Jagdtrophäen der verschiedensten Art und Präparate. Eine Bibliothek mit rund 3.600 Einzelbänden einschlägiger Jagdliteratur steht für Forschungszwecke zur Verfügung.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit Im Rahmen von nationalen und internationalen Veranstaltungen (Symposien, Tagungen) kam es in der Vergangenheit zu vorgelagerten Forschungen im Zusammenhang mit ausgewählten Objekten der Sammlung Jagdkunde. Dazu gehörten zunächst die Erhebung von Basisinformationen, die kontextuelle Einordnung (z. B. kulturhistorisch, jagdpraktisch, ökologisch) und ebenso methodische Vorarbeiten (Objektver-

gleich, Literaturrecherche, Dokumentation), bevor das Objekt in einem größeren Forschungsrahmen diskutiert oder in facheinschlägigen Jagdzeitschriften publiziert werden konnte.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sammlung spiegelt sich kontinuierlich in den Ausstellungskonzepten wider. Dies zeigt sich exemplarisch in temporären Sonderausstellungen wie Hirsche weltweit (2008), Der Wolf (2016) und Die Jagd ist weiblich. Diana und Aktäon (2020) sowie in aktuellen Vermittlungsformaten.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Durch die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Forschungsinstitutionen soll das Jagdmuseum mit seiner renommierten Sammlung als Kompetenzzentrum für Fragen der Jagd etabliert werden. Langfristig besteht das Ziel, neben der dauerhaften Schausammlung in Teilbereichen des Depots eine Studiensammlung aufzubauen und systematisch zu erschließen. Diese soll als dynamischer Wissensspeicher dienen und eine Grundlage für angewandte Forschungsprojekte bilden. Ein Beispiel: Wildtierpräparate können als ‚genetisches und ökologisches Archiv‘ fungieren und einzigartige Einblicke in vergangene Lebensräume sowie die Biodiversität liefern. Damit wird der kulturhistorische Wert der Sammlung um eine wildbiologische und naturwissenschaftliche Dimension erweitert. Das Veranstaltungsformat von Symposien und Tagungen soll wieder

aufgegriffen werden. In Fachvorträgen renommierter Expert*innen werden aktuelle jagdwissenschaftliche Themen diskutiert. Im Fokus steht die Etablierung des Museums als zentraler Ort für Wissensvermittlung, Forschung und Austausch rund um das Thema Jagd. Ein dringliches Zukunftsthema ist die digitale Erfassung der jagdkundlichen Sammlungsobjekte und Integration in Datenbanksysteme. So können Objekte vergleichend analysiert und virtuelle Forschungszugänge für Wissenschafter*innen und die interessierte Öffentlichkeit geschaffen werden.

Ziele und Nutzen

Die Erforschung von Objekten verfolgt mehrere übergeordnete Ziele. Ganz klar steht die wissenschaftliche Erschließung im Vordergrund: Neben der Dokumentation soll durch Analyse möglichst viel über Material, Herstellungstechnik, Datierung etc. erfahren und schließlich das Objekt kontextualisiert werden. Daraus gewinnen wir neue Erkenntnisse über Jagd- und Kulturgeschichte, Wildbiologie und Ökologie. Uns geht es auch um die Wissensvermittlung als Bildungsmehrwert. So werden Forschungsergebnisse aufbereitet und den Besucher*innen im Rahmen von Ausstellungen, Führungen und Workshops nähergebracht. Der Nutzen der Organisation von Tagungen und der Digitalisierung unserer Inhalte liegt in der Erhöhung der Sichtbarkeit des Museums und seiner Relevanz in aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen, etwa zu Nachhaltigkeit, Wildtiermanagement und dem Verhältnis von Mensch und Natur.

Partner und Netzwerke

Junge Forscherinnen im Landwirtschaftsmusuem Schloss

Stainz

Foto: UMJ/Museen in Schloss

Stainz

Das Museum plant, seine Forschungsaktivitäten in den kommenden Jahren stärker auszubauen. Ziel ist es, sowohl innerhalb des Hauses als auch in Zusammenarbeit mit externen wissenschaftlichen Institutionen innovative Projekte zu entwickeln, die kulturhistorische, wildbiologische und jagdkundliche Fragestellungen verbinden. Als besonders wertvolle potenzielle Partner werden unter anderem BirdLife Österreich, das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (IWJ) der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und ebenso steirische Jagdvereine ins Auge gefasst. Durch diese Kooperationen möchte das Museum neue Impulse für die Forschung setzen, den wissenschaftlichen Austausch fördern und die Bedeutung seiner Sammlungen für die Gegenwart und Zukunft sichtbar machen.

Federwild: Zwischen Jagdrecht und Naturschutz

Eine repräsentative Sammlung von Präparaten heimischer Vogelarten und deren Erforschung aus kulturhistorischer und wildbiologischer Perspektive

Inv.­ Nr. 199, Präparat einer Großtrappe (Otis tarda) in Balzstellung, Jagdkundliche Sammlung

Foto: UMJ/Museen in Schloss Stainz

Der Bereich Federwild und Vögel nimmt in der Sammlung Jagdkunde einen relativ großen, aber bislang unerforschten Teil ein, da dieses Konvolut von Präparaten bis in die Mitte der 1990er-Jahre relativ unkoordiniert gesammelt wurde und nie Zeit investiert werden konnte, um sich ein klares Bild über diesen Sammlungsteil zu machen.

Bei der notwendigen wissenschaftlichen Grundlagenarbeit geht es vor allem um eine genaue Bestimmung der Tiere (männlich/weiblich/Alter) und die Beantwortung folgender Fragen: Wo wurden die Tiere aufgesammelt bzw. erlegt? Wo waren die Hotspots dieser Tiere in der Steiermark? Welche Bedeutung hatten sie damals/haben sie für die Jagd heute?

Facts

→ 3.000 Stopfpräparate von Wildtieren

→ Umfangreiche Sammlung von Federwildarten und anderen Vögeln

→ Wertvoller Wissensspeicher für künftige Forschungsvorhaben

Inv.­ Nr. 3917, Präparat einer Großtrappe (Otis tarda), Jagdkundliche Sammlung

Foto: UMJ/Museen in Schloss Stainz

Wie sieht derzeit die Bestandssituation in der Steiermark aus? Welche kulturhistorische Bedeutung kommt diesen Tieren zu?

Hervorzuheben sind etwa zwei qualitativ hochwertige, gut erhaltene Präparate der Großtrappe (Otis tarda), die in den 1960er-Jahren im Raum Weiz erlegt wurden. Im Landesjagdgesetz 1936 wurde die Großtrappe erstmals als jagdbares Wild angeführt und einige Jahrzehnte später in der Steiermark bereits als ausgerottet beschrieben. Heute gibt es erfolgreiche Projekte zur Schaffung von Lebensraum mit erstaunlichen Bestandszahlen in Niederösterreich und im Burgenland. Die Jagd auf die Großtrappe ist in Mitteleuropa mittlerweile verboten, zusätzlich ist diese Art nach der EU-Vogelschutzrichtlinie (RL 2009/147/EG) streng geschützt.

Dieses Projektvorhaben verfolgt unter anderem die gezielte Vervollständigung des bestehenden Bestandes unter Wahrung ethischer Standards. Durch das Schließen von Sammlungslücken sollen sowohl kulturhistorisch relevante Belege als auch wildbiologisch aussagekräftige Präparate ergänzt werden, um die Sammlung als Forschungsressource nachhaltig zu stärken. Im Fokus stehen auch Fragen der rechtlichen Stellung ausgewählter Federwild-Arten von der Bejagung hin zur „ganzjährigen Schonung“ und die Analyse ihres teilweise formalen Verbleibs in Jagdgesetzen.

Rosegger-Museum und RoseggerGeburtshaus

Ausgangslage der Forschung

Im Fokus der Forschung im Rosegger-Museum steht die Person Peter Roseggers und seine Einordnung in den zeitlichen Kontext der zweiten Hälfte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Als Zeitzeuge hat er den tiefgreifenden sozioökonomischen Wandel im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung kommentiert und das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land geschildert.

Die Steiermärkische Landesregierung übertrug 2013 die Gedenkstätten Geburtshaus und Landhaus mit Studierstüberl an das Universalmuseum Joanneum. Die heute als Rosegger–Geburtshaus und Rosegger-Museum bekannten Standorte beherbergen die Sammlung Rosegger. Diese umfasst ca. 8.000 Sammlungsobjekte und ca. 1.200 Objekte in der Fachbibliothek.

Die musealen Objekte setzen sich aus Möbeln, Einrichtungsgegenständen und Accessoires, Briefen, Ansichtskarten, Medaillen, textilen Objekten, Fotografien, Gemälden und anderen bildlichen Darstellungen, Büsten sowie Büchern, Zeitschriften und Autografen Peter Roseggers zusammen. Die Sammlung wird kontinuierlich durch Schenkungen (hauptsächlich Bücher und Rosegger-Autografen) erweitert. Vor allem die Autografen tragen wesentlich zu neuen Erkenntnissen über die Person Roseggers und sein Leben bei.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Zahllose Publikationen zu Peter Rosegger zeigen die intensive Beschäftigung mit dem steirischen Dichter und Schriftsteller durch die Jahrzehnte. Die Beforschung der Sammlung erfolgt seit 2013 vor allem hinsichtlich der Vorbereitungen von Dauer- und Sonderausstellungen wie Wem gehört der Großglockner. Rosegger zwischen Naturschutz und Fortschritt, Franz Josef Böhm. Fotopionier des Mürztales, wald.heimat. Roseggers Traum und Wirklichkeit, Wachsen hier die Dichter auf den Bäumen? Zu Besuch bei Peter Rosegger.

Sammlungszugänge, insbesondere durch Schenkungen privater Personen, enthalten immer wieder Rosegger-Autografen. Diese wurden und werden transkribiert, inventarisiert und ihr Inhalt in den Rosegger-Kontext eingeordnet.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft

Die Aufarbeitung, Digitalisierung und Erforschung der Sammlung ist noch nicht abgeschlossen und stellt einen wesentlichen Teil der aktuellen Forschungsarbeit dar. Der größte Teil des Rosegger-Nachlasses wird in der Steiermärkischen Landesbibliothek verwahrt. Eine Zusammenarbeit hinsichtlich Digitalisierung, Transkription und Auswertung dieses Nachlasses soll angeregt werden. Dadurch kann der

Links: Manuskript „Ein Gelegenheitsstück

Lebensbekenntnisse aus meinem Weltleben“.

Von P. K. Rosegger

Foto: UMJ/B. Russ­ Panhofer

Rechts: Ansicht Dauerausstellung im Rosegger­ Museum in Krieglach Foto: UMJ/N. Lackner

Zugang zu diesem Nachlass erleichtert und eine intensivere Erforschung des Nachlasses möglich gemacht werden.

Weiters soll die Bedeutung von Peter Roseggers Leben und Werk im Hinblick auf gegenwärtige gesellschaftliche Fragen (u. a. Naturbewusstsein, Umweltschutz, Bildung und soziale Gerechtigkeit) untersucht werden.

Ziele und Nutzen

Das Rosegger-Museum sieht sich als Ort des Sammelns, Erforschens und Vermittelns des Lebens und des Werkes des für die Steiermark so bedeutenden, international bekannten Dichters. Seine Person, seine Zeit und seine Heimat sollen anhand aktueller Fragestellungen beforscht und vermittelt werden.

Das Ziel wäre die Digitalisierung und Aufarbeitung des gesamten Rosegger Nachlasses, um Möglichkeiten zu schaffen, Roseggers Nachlass

immer wieder anhand zeitgemäßer Fragestellungen zu untersuchen und so tiefere Erkenntnisse zur Person Roseggers und zu seiner Zeit zu gewinnen.

Partner und Netzwerk

Neben der Zusammenarbeit mit privaten Personen aus dem familiären Umfeld Roseggers ist die Steiermärkische Landesbibliothek als Bewahrerin des größten Teiles des RoseggerNachlasses ein wichtiger Kooperationspartner. Auch der Roseggerbund Krieglach, der sich die Bewahrung des Andenkens Peter Roseggers und seines Werkes zum Ziel gesetzt hat, ist ein wichtiger Partner im Austausch rund um Roseggers Leben und Wirken in der Region.

Autografen Peter Roseggers

Ein Manuskript Peter Roseggers und weitere Autografen fanden durch eine Schenkung ihren Weg in die Sammlung des Rosegger­ Museums in Krieglach.

Das Rosegger-Museum erweitert seine Sammlung vor allem durch Schenkungen von Privatpersonen. Von besonderer Bedeutung sind diese, wenn sie Rosegger-Autografen beinhalten. Diese Schriftstücke werden transkribiert, inventarisiert und mit dem Leben und Werk Roseggers kontextualisiert.

Im September 2025 wurde dem Museum ein Schenkungskonvolut übergeben. Es umfasst ein Rosegger-Manuskript, Korrespondenzund Ansichtskarten von Peter Rosegger an seinen Schwager Karl Knaur, von Rosegger für denselben signierte Bücher, Fotografien mit uns bislang nur teilweise bekannten Personen vor allem aus der Familie Knaur, einen Zeitungsartikel über die Grundsteinlegung der Waldschule und Schriftstücke seiner Frau Anna Rosegger, geb. Knaur.

Das bedeutendste Stück dieses Konvoluts ist ein Manuskript mit dem Titel Ein Gelegenheitsstück – Lebensbekenntnisse aus meinem Weltleben. Von P. K. Rosegger im Quartformat, bestehend aus einem Bifolium und fünf Einzelblättern, insgesamt 7 Blatt, foliiert. Es ist mit der für Rosegger üblichen lila Tinte geschrieben und mit zahlreichen Korrekturen des Autors versehen. Veröffentlicht wurde das Schriftstück mit demselben Titel im 12. Jahrgang des Heimgartens, S. 222–224.

Ziel der Aufarbeitung dieses Konvoluts ist die Transkription der Rosegger-Autografen und die Überprüfung des Inhaltes der Schriftstücke auf Relevanz für die weitere Rosegger-Forschung.

Die Personen auf den Fotografien, die wahrscheinlich mit Rosegger verwandt sind, sollen identifiziert und benannt werden. Weiters soll der Versuch unternommen werden, den Weg der Bücher und Autografen von Peter Rosegger über Karl Knaur bis hin zur heute in den USA lebenden Schenkungsgeberin nachzuvollziehen, um mögliche familiäre oder amikale Beziehungen aufzuzeigen, die wiederum in die Rosegger-Forschung einfließen können.

Links: Foto: UMJ/R. Schoettl

Rechts: Foto: UMJ/B. Russ­ Panhofer

Facts

→ Teil des Schenkungskonvolutes, bestehend aus Büchern mit handschriftlicher Widmung Roseggers an Karl Knaur

→ Eine Fotografie und zwei Korrespondenz-Karten Roseggers an Knaur

→ Manuskript Ein Gelegenheitsstück – Lebensbekenntnisse aus meinem Weltleben. Von P. K. Rosegger

Abteilung Schloss Trautenfels

Schloss Trautenfels

Ausgangslage der Forschung

Der Mensch mit seinen Lebensäußerungen und seinem Lebensumfeld steht im Mittelpunkt der musealen Arbeit im Schloss Trautenfels. Partizipatives Arbeiten, Provenienzforschung und der regionale Schwerpunkt der Sammlung prägen das Museum seit der Gründung im Jahr 1959. Mit dem Auftrag, die Kultur und Natur des Bezirkes Liezen zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln, ergibt sich ein breiter Fächer von Themenstellungen, die seit der Gründung des Museums in unterschiedlichen Formen und Möglichkeiten bearbeitet und bis heute dokumentiert werden: Es sind Aufzeichnungen zu kulturellen Ausdrucksformen – von Bräuchen und Ritualen, Handwerk, verschiedenen Berufsgruppen, vieles aus dem bäuerlichen Arbeitsleben, von Tätigkeiten im Alltag, der Nahrungszubereitung, vom Leben in und mit der Natur, landeskundliche Bestandsaufnahmen und Feldforschungen. Die Dokumentationen erfolgen seit den 1950er-Jahren nach den jeweils technischen Möglichkeiten in Form von Fotografien, Tonbandaufnahmen, Interviews, Filmaufnahmen und/oder professionellen Videos. Arbeiten zur Geschichte des Gebäudes und der Besitzerfamilien stehen ebenso im Zentrum der Forschungsarbeit mit verschiedenen Projektpartner*innen. Im Jahr 2009 fand das Symposium mit dem Titel „50 Jahre Landschaftsmuseum in Schloss Trautenfels“ statt, in dessen Rahmen Forschungen zur Geschichte der Institution eingebracht werden konnten.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

In den vergangenen 60 Jahren ist Schloss Trautenfels mit dem Museum zu einem Ort der aktiven Auseinandersetzung mit Europäischer Ethnologie, Geschichte, Kunst, Kultur und Natur sowie zu einer Institution geworden, in der Vergangenes und Gegenwärtiges Platz findet sowie diskutiert, kritisch aufgearbeitet und bewahrt wird. Die Identität der Region des Bezirkes Liezen betrachten wir als etwas Dynamisches und als permanenten Prozess mit den Zielen, die Aspekte des Historischen mit Elementen der gegenwärtigen Perspektive und der Zukunftsorientierung zu verbinden, um diese im Rahmen des Museums auf europäischer Ebene zu positionieren.

Für die Forschungsarbeit sind die Kombination von historischen und aktuellen Dokumentationen sowie teilnehmende Beobachtung und Kontextualisierung wesentlich, gerade wenn es sich um Arbeiten im Bereich des immateriellen Kulturerbes handelt.

Zu unseren maßgeblichen Zielen gehört es, Schloss Trautenfels als Kulturkompetenzzentrum des mittleren Ennstals weiterzuentwickeln und mit dem Schwerpunkt „Alpine Lebensformen“ als Archiv der Region neu zu positionieren. Partizipation und Zusammenarbeit mit den umfassenden Netzwerken sowie Offenheit in der Kommunikation von europäischen Themen sollen weiter forciert werden, um das Museum der

Region des Bezirkes Liezen – das aufgrund seines facettenreichen Sammlungsspektrums auch als „Joanneum im Kleinen“ bezeichnet wird – als Projekt mit europäischem Beispielcharakter zu entwickeln und junge Menschen miteinzubeziehen.

Digitalisierung

Mit dem Projekt „Digitales interaktives Ausstellungsarchiv (DIA)“ sind analoge sowie hybride Ausstellungen nach ihrer Beendigung gesamtheitlich (inhaltlich, räumlich) und vollumfänglich (kontextbasiert mit Erzählsträngen, wie von Kurator*in und Gestalter*in entwickelt) abbildbar und erlebbar (www.schloss-trautenfels.at).

Mit dem Einsatz immersiver 3D-Technologien als Gamechanger in der Kuratierung, Umsetzung, Ausstellungsarchivierung und -nachnutzung können erstmals alle inhaltlichen Elemente, Geschichten und Erzählstränge von kuratierten Ausstellungen auch nach deren Abbau der Öffentlichkeit sinngemäß und zusammenhängend erlebbar präsentiert werden. Die gesamtheitliche Archivierung einer Ausstellung als Gesamtwerk dient weiters als wissenschaftliche Referenz und Basis für neue Ansätze und Annäherungen an komplexe Themenstellungen.

Links: Thomasnikolo Gams bei Hieflau, Dokumentation, 21.12.2023

Foto: M. Huber

XR Archive ist ein digitales Archivierungssystem, das den gesamten Lebenszyklus einer Ausstellung begleitet

Screenshot: NEED immersive reality GmbH

Die Zugänglichkeit zu umfassendem Wissen wird erleichtert. Durch die hohe Übertragbarkeit erfolgt eine Erweiterung der Zielgruppen. Besuchsanalysen ermöglichen eine zielgruppengenaue Aufbereitung von weiteren Ausstellungsprojekten. Der öffentliche Auftrag zur Wissensvermittlung kann somit effizienter erfüllt werden.

Ziele und Nutzen

Neben dem Auftrag des Museums, die Kultur und Natur des Bezirkes Liezen zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln, ergeben sich vielfältige Aufgabenfelder und Kooperationen in der Region. Mit der transdisziplinären Aufbereitung von Sonderausstellungen werden Kontexte auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene geschaffen.

Partner und Netzwerk

Im Rahmen der Kooperation zwischen Museum, Verein Schloss Trautenfels und weiteren Kooperationspartner*innen werden Veranstaltungsreihen zu spezifischen Themen der Region oder Rahmenprogramme zu Sonderausstellungen, teilweise über geförderte Projekte, organisiert und durchgeführt. So ist es möglich, internationale Expert*innen zu Vorträgen einzuladen oder Exkursionen durchzuführen.

Die Zeitschrift „Da schau her. Die Kulturzeitschrift aus Österreichs Mitte“ wird vom Verein Schloss Trautenfels herausgegeben und erscheint seit dem Jahr 1980 viermal pro Jahr. Sie versteht sich mittlerweile als Lexikon zur Kultur und Natur des Bezirkes Liezen. Die Schriftleitung und die redaktionellen Tätigkeiten sind seit Beginn mit der Museumsleitung verankert und ermöglichen es, wissenschaftliche Arbeiten zu Themen der Region oder Forschungsprojekten vorzuschlagen, zu koordinieren und zu publizieren sowie Themen des Museums zu kommunizieren.

Die „Blaue Stube“

Schloss Trautenfels als Abteilung des Universalmuseums Joanneum steht für die Kultur und Natur des Bezirkes

Liezen. Ein besonderes kulturhistorisches Objekt ist die

„Blaue Stube“ von

Zlem, datiert 1780 und 1804.

Die sogenannte „Blaue Stube“ vom Hof vulgo Gasteiger in Zlem, Wörschachwald in der Gemeinde Stainach-Pürgg gilt in der Überlieferung als „geheimer protestantischer Betraum“. Die Wand- und Deckenbalken wurden Anfang des 21. Jahrhunderts abgebaut und von der Familie im Dachboden aufbewahrt. Im Rahmen der Sonderausstellung Gott und die Welt. Woran glauben wir? im Jahr 2017 konnte ein Teil dieses Ensembles als Leihgabe ausgestellt und mit ersten Forschungen vor allem zum Themenbereich Gegenreformation begonnen werden. Ein Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Steiermärkischen Landesarchiv wurde durchgeführt. Der Ankauf für die Sammlung Schloss Trautenfels erfolgte 2018.

Datiert ist diese Stube mit den Jahreszahlen 1780 und 1804. Die damaligen Besitzer*innen des Hofes, Martin und Eva Loresser, waren evangelisch und mussten in der Gegenreformation unter Zurücklassung ihrer Kinder im Jahr 1752 nach Iklad/Ungarn emigrieren. Zum Thema Zwangsemigration von Protestant*innen aus Tauplitz in der Zeit der Gegenreformation gibt es bereits zahlreiche Unterlagen und Publikationen.

Die Bemalung der Stube zeigt verschiedene Medaillons mit Darstellungen aus dem Neuen Testament, Heilige, die vier Elemente, die vier Erdteile und den Vulkan Ätna. Die Jahreszahlen 1780 auf dem Mitteltram und 1804 auf der Stubentür weisen auf die Zeit vor und nach dem Toleranzpatent Josephs II. (1781) hin.

Facts

→ Forschung zur Gegenreformation

→ Wand- und Deckenbalken, Deckentram, Stubentür

→ Bemaltes Holz

→ Deckentram mit Zachariassegen (Segen zur Abwendung der Pest)

→ Zlem, Wörschachwald, Stainach-Pürgg, dat. 1780, 1804

In der Sonderausstellung Mensch, Welt und Ding. Eine Region erzählt wurden Teile dieser „Blauen Stube“ – die Wandbalken mit den Darstellungen der vier Erdteile (Weltteile) Europa (Eiroba), Afrika (Aferik), Amerika (Amerik), Asien (Asya) die Heiligen Isidor (Isidor) und Notburga (Noppurg) sowie die Darstellungen Christi Geburt, Auferstehung und Heilige Dreifaltigkeit (TRINITAS) – im Auffindungszustand präsentiert.

Konservatorische Maßnahmen

Alle Wand- und Deckenbalken sowie alle weiteren Teile der „Blauen Stube“ wurden im Jahr 2017 einer thermischen Behandlung (Thermo Lignum) unterzogen. Im Sommer 2024 konnte die Stabilisierung der durch Holzwurmfraß stark beeinträchtigten konstruktiven Teile der Stube durchgeführt werden. Für den Innenbereich wurde Holzfestigungsmittel mittels Injektionsspritzen eingebracht (Polyvinylacetat 60 % – Ethylalkohol, 3:1-Mischung; sehr gute Eindringtiefe, schnelle Aushärtung).

Ziel

Ziel des Projektes ist es, weitere Informationen zu diesem besonderen kulturhistorischen Objekt, zur Geschichte von Reformation und Gegenreformation im mittleren Ennstal und auch zu den ausführenden Künstler*innen zu gewinnen.

In der Barockzeit finden sich häufig Darstellungen der Allegorien der vier Erdteile. In ihnen manifestieren sich Vorstellungen von der damaligen Welt, ihrer politischen, sozialen und spirituellen Ordnung sowie vom Fremden und Bekannten.

Ausstellungsansicht „Gott und die Welt. Woran glauben wir?“, abstrakte Installation der sogenannten „Blauen Stube“ im Raum „Glaube und Macht“ Foto: UMJ/N. Lackner

Abteilung für Besucher*innen

Besucher*innen im Fokus

Ausgangslage der Forschung

Die Besucher*innenforschung hat sich aus der Erkenntnis heraus etabliert, dass Museen ihre Ziele in den Bereichen Vermittlung, Bildung, Partizipation und Inklusion nur dann nachhaltig erfüllen können, wenn sie die Bedürfnisse, Erwartungen, Motive und Demografie ihres Publikums kennen und verstehen. Während anfangs vor allem Besucher*innenzahlen als Erfolgsindikator dienten, steht heute eine multiperspektivische, datengestützte Analyse der Besucher*innen im Mittelpunkt der Publikumsforschung.

Forschungsgeschichte und Schwerpunkte in der Vergangenheit

Ausgehend von punktuell durchgeführten, allgemeinen Besucher*innenstromanalysen und vereinzelten Erhebungen zu bestimmten

Ausstellungen liegt der Fokus am Universalmuseum Joanneum seit den letzten Jahren auf der kontinuierlichen Erforschung von Aspekten wie Besuchsmotivation, Zufriedenheit mit dem Besuch im Allgemeinen, aber auch auf spezifischen Bereichen der Ausstellungsgestaltung und deren Inhalte sowie der Orientierung in den Museen bis hin zur Wirkung von Vermittlungsprogrammen.

Die jüngere Vergangenheit ist durch Kooperationen mit nationalen und internationalen Netzwerken geprägt. Einen Meilenstein stellt die Teilnahme am europaweiten Publikumsforschungsprojekt „Sentomus“ in den Jahren 2023 und 2024 dar. „Sentomus“ ermöglichte ein

europaweites Benchmarking der Besucher*innenstruktur, der Nutzungsmotive sowie der Wahrnehmung und Bewertung von Museumsangeboten durch die Gäste.

Forschungs- und Themenschwerpunkte heute und in der nahen Zukunft Aspekte wie die Förderung von Teilhabe, Diversität und Inklusion sowie die Steigerung der Wohlfühl- und Aufenthaltsqualität zählen derzeit zu den zentralen Themen in der internationalen Museumslandschaft. In diesem Zusammenhang verschiebt sich in der Besucher*innenforschung der Fokus von der Erhebung bloßer Besucher*innenzufriedenheit hin zur Evaluierung von Partizipationsmaßnahmen, der Erreichbarkeit bisher unterrepräsentierter Gruppen sowie der Entwicklung neuer Formate, die diesen erweiterten Ansprüchen entsprechen. Ergänzend werden mittels Wirkungsanalysen Veränderungen im Publikum, etwa in Bezug auf Einstellungen und Vorstellungen zu spezifischen Themen infolge des Ausstellungsbesuchs, untersucht.

Zukünftig sollen durch kontinuierliches Monitoring, das auf vorhandenen Besucher*innenstruktur-Daten und digitalen Feedbackinstrumenten basiert, demografische Trends, der Einfluss neuer Technologien sowie gesellschaftliche Transformationsprozesse (z. B. Klimawandel, Nachhaltigkeitsziele) berücksichtigt werden. Themen wie die ökologische Ausrichtung des Museumsbetriebs, barrierefreie Teilhabe, soziale Integration und die Stärkung des

Museums als demokratischer Ort sowie seine Funktion als „Dritter Ort“ gewinnen dabei weiter an Bedeutung. Besucher*innenforschung entwickelt sich zunehmend zur Managementaufgabe und bleibt zugleich Basis für Innovation im Museumswesen. Durch kontinuierliche Besucher*innenforschung werden neue Trends erkannt und in die Praxis umgesetzt.

Ziele und Nutzen

Die Ziele der Besucher*innenforschung am UMJ sind:

→ Transparenz über das Publikum, seine Struktur, seine Erwartungen und Bedürfnisse

→ Fundierte Entscheidungsgrundlagen für die Weiterentwicklung von Ausstellungen, Servicequalität und Vermittlungsprogrammen

→ Qualitätskontrolle und Sicherung der Relevanz des Museumsangebots

→ Erweiterung der Reichweite durch gezieltes Ansprechen bisher unerreichter Zielgruppen

→ Benchmarking im nationalen und internationalen Kontext (insbesondere über Projekte wie „Sentomus“)

Nutzen:

→ Optimierung der musealen Angebote und der Infrastruktur unserer Standorte nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Gäste

→ Etablierung eines Wissenstransfers innerhalb des Unternehmens sowie mit externen Partnern

Partner und Netzwerke

Das UMJ ist in nationale und internationale Netzwerke der Besucher*innenforschung eingebunden. Zentrale Partner im Bereich der Publikumsforschung sind:

→ Netzwerk Besucher*innenforschung: Junges, internationales Netzwerk im zur Förderung von Besucher*innen-, Publikums- und Bildungsforschung an Museen sowie des internationalen wie interdisziplinären Austausches.

→ „Sentomus“: Kooperation von sechs Universitäten, Museumsverbänden und weiteren Kulturinstitutionen aus ganz Europa.

→ Forschungs- und Technologiepartner: Für die Unterstützung in der Datenanalyse sowie dem Einsatz von innovativen Methoden (z. B. digitale Befragungssysteme)

→ Museumsbund Österreich und ICOM Austria: Wissenstransfer innerhalb des Museumssektors

Fotos: UMJ/O. Wolf

Forschen für Vermittlung

Zwischen Praxis, Archiv und Innovation forschen Kulturvermittler*innen, um Methoden zu evaluieren sowie Qualität und Entwicklung zu forcieren.

Kulturvermittlung ist längst mehr als ein praktisches Tätigkeitsfeld im Museum – sie hat sich zu einem eigenständigen Forschungsgebiet entwickelt. Während im deutschsprachigen Raum an Universitäten in Zürich oder Wien spezialisierte Ausbildungen entstanden sind, wächst in Graz die Forschung vor allem aus der Praxis am Universalmuseum Joanneum (UMJ) heraus. Die besonderen Spezifika musealer Vermittlungsarbeit werden durch die Forschung der Vermittler*innen interdisziplinär reflektiert und weiterentwickelt, wodurch Innovation für die Arbeit mit dem Publikum möglich wird. Ein Meilenstein war die Gründung des BANG – Bildungsarchivs der Neuen Galerie Graz, das historische Dokumente, Schriften und Archivalien zur Kunst- und Kulturvermittlung sammelt und öffentlich zugänglich macht. Es bietet nicht nur Einblicke in die Geschichte der musealen Bildungsarbeit, sondern dient auch aktuellen Forschungsprojekten – etwa einem Methodenbuch zur personalen Vermittlung im Museum, das in Kooperation mit dem Haus der Geschichte Österreich und dem Technischen Museum in Wien entstand.

Facts

→ Das Bildungsarchiv in der Neuen Galerie Graz (BANG) widmet sich der Dokumentation von musealer Bildungsarbeit und Vermittlung ab 1970 im deutschsprachigen Raum

→ Gesammelt werden Projektbe richte, Dokumentationen, Tools und Methoden aus der Praxis

Zentral sind zudem Praxis- und Aktionsforschung: Methoden und Formate werden beobachtet, reflektiert und weiterentwickelt. Nur durch Analyse, Dokumentation und Evaluation können Qualität und Innovation langfristig gesichert werden. Auch kulturwissenschaftliche, partizipative und interdisziplinäre Forschungsansätze erweitern den Blick: Besucher*innen, Studierende oder Communities werden aktiv eingebunden. Zentrale Anliegen sind dabei vor allem die Förderung der kulturellen Teilhabe unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und die Stärkung des Museums als sozialer Ort.

Das Ziel aller Forschungsaktivitäten am UMJ ist klar: Professionalisierung, Qualitätssicherung und Innovation – damit Kulturvermittlung als lebendiger, reflektierter und zukunftsorientierter Teil der Museumsarbeit sichtbar wird.

Herausgeber, Eigentümer und Verleger

Universalmuseum Joanneum GmbH

Mariahilferstraße 2–4

8020 Graz

Redaktion

Michael Petrowitsch, Angelika Vauti

Texte

Stefan Albl

Ulrich Becker

Hans-Peter Bojar

Renate Einsiedl

Gernot Friebes

Ingomar Fritz

Maria Froihofer

Martin Gross

Johanna Gunczy

Bettina Habsburg-Lothringen

Monika Holzer-Kernbichler

Birgit Johler

Katharina Krenn

Karin Leitner-Ruhe

Leonardo Loof

Gabriele Mackert

Marko Mele

Daniel Modl

Barbara Müller

Wolfgang Paill

Peter Peer

Karl Peitler

Barbara Porod

Bianca Russ-Panhofer

Romana Schauer

Josef Schrammel

Paul Schuster

Eva Tropper

Claudia Unger

Kurt Zernig

Fotos

M. Friebes

M. Huber

NEED immersive reality GmbH

S. Knaus

S. Oberhöfer

Steiermärkisches Landesarchiv (StLA)

UMJ/H.-P. Bojar

UMJ/K. Fetko

UMJ/Fotoarchiv Archäologie und Münzkabinett

UMJ/G. Friebes

UMJ/I. Fritz

UMJ/M. Gross

UMJ/J. Gunczy

UMJ/B. Habsburg-Lothringen

UMJ/M. Hall

UMJ/M. Holzer-Kernbichler

UMJ/S. Kiszter

UMJ/J. Kraschitzer

UMJ/J.J. Kucek

UMJ/N. Lackner

UMJ/B. Leikauf

UMJ/K. Leitner-Ruhe

UMJ/G. Mackert

UMJ/D. Modl

UMJ/H. Müller

UMJ/Multimediale Sammlungen

UMJ/Museen in Schloss Stainz

UMJ/W. Paill

UMJ/H. Pilgram

UMJ/E. Reichenfelser

UMJ/B. Russ-Panhofer

UMJ/R. Schoettl

UMJ/K. Strohriegl

UMJ/N. Winkler

UMJ/O. Wolf

Lektorat

Jörg Eipper-Kaiser

Grafische Gestaltung

Daniela Gruber

Druck

Medienfabrik Graz

ISBN 978-3-903179-89-9

Graz 2026

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