PGH _ 9. PhilharmonischesKonzert

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9. PHILHARMONISCHES KONZERT

theater-vorpommern.de

9. Philharmonisches Konzert

Johannes Brahms (1833 – 1897)

Konzert fĂŒr Violine und Orchester D-Dur op. 77

1. Allegro non troppo

2. Adagio

3. Allegro giocoso, ma non troppo vivace

– Pause –

Johannes Brahms

Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

1. Allegro non troppo

2. Adagio non troppo

3. Allegretto grazioso

4. Allegro con spirito

Solistin: Irmina Trynkos, Violine Philharmonisches Orchester Vorpommern

Dirigent: GMD Florian Csizmadia

Öffentliche Generalprobe

Mo 11.06.2024 , Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal

Konzerte

Di 11.06.2024 , Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal

Mi 12. & Do 13.06.2024 , Stralsund: Großes Haus

Fr 14.06.2024 , Putbus: Theater

Liebe GĂ€ste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer AuffĂŒhrungen aus urheberrechtlichen GrĂŒnden untersagt sind. Vielen Dank.

Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die UniversitĂ€ts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-RĂŒgen.

Es wird gefördert durch das Ministerium fĂŒr Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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IRMINA TRYNKOS

Die griechisch-polnische Violinistin Irmina Trynkos ist als „eine der aufregendsten Nachwuchssolistinnen der jĂŒngsten Zeit“ und „echter Geheimtipp“ gefeiert worden. Auf ihren bahnbrechenden Auftritt unter der Leitung von Neeme JĂ€rvi folgten DebĂŒts in der Berliner Philharmonie, der Wigmore Hall und der Queen Elizabeth Hall in London, dem Shanghai Oriental Art Center und dem Concertgebouw. Ihre erste CD mit dem Royal Philharmonic Orchestra geriet zum Bestseller und brachte ihr den Supersonic Award der Zeitschrift Pizzicato ein, und ihre Aufnahmen werden inzwischen von Rundfunksendern international ĂŒbertragen. Die Zeitschrift Jewish Renaissance kĂŒrte sie unlĂ€ngst

zur „KĂŒnstlerin des Jahres“, und ihr Auftritt auf BBC Xtra TV wurde live vor sechsunddreißig Millionen Zuschauern weltweit ausgestrahlt. Ihre Mentorin, die berĂŒhmte Geigerin Lydia Mordkovitch, erklĂ€rte: „Irmina ist eine ĂŒberaus natĂŒrliche Interpretin, die stets alles gibt und das Publikum mit ihrer Interpretation, WĂ€rme und SensibilitĂ€t beeindruckt. Sie liebt die KonzertbĂŒhne, was in ihrem Spiel und der Kommunikation mit dem Publikum zum Ausdruck kommt.“

Ihre Herkunft und ihr ungewöhnlicher Lebensweg haben Irmina Trynkos zu einer unvergleichlichen Botschafterin fĂŒr junges Publikum gemacht. Sie engagiert sich fĂŒr vernachlĂ€ssigte Violinwerke und arbeitet mit vielen zeitgenössischen Komponisten zusammen. Sie spielt Violinen von Jakob Stainer (1617) und Antonio Stradivarius (1728).

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„Im Allgemeinen sind ja leider die StĂŒcke von mir angenehmer als ich 
“
Johannes Brahms, 1885

Viel wurde schon ĂŒber Johannes Brahms geschrieben, den Hamburger, der 1863 nach Wien zog, den Musiker zwischen Romantik und Realismus, zwischen Beethoven und Schönberg, das Arbeitstier, dem Urlaub fremd zu sein schien – bis er 1877 Pörtschach am Wörthersee fĂŒr sich entdeckte. Die drei aufeinanderfolgenden Jahre, in denen er die Sommermonate hier verbrachte, trugen kompositorische FrĂŒchte. Hier entstanden unter anderem sein einziges Violinkonzert (1878) sowie seine zweite Sinfonie (1877).

Vielbeschrieben ist das langjĂ€hrige Ringen des Komponisten um seine erste Sinfonie – sein Heraustreten aus dem Schatten des ĂŒbermĂ€chtig scheinenden Vorbild Beethovens bis hin zur UrauffĂŒhrung seiner ersten Sinfonie 1876.

Sinfonie Nr. 2 D-Dur

Und nun – nur ein Jahr spĂ€ter – folgte das zweite sinfonische Werk, geschrieben innerhalb weniger Monate, leichtfĂŒĂŸiger als die Erste und so melodienselig und im sommerlichen Pörtschach erdacht, dass der Vergleich zu Beethoven fast naheliegt. War doch auch bei diesem auf die große c-Moll-Sinfonie, die oft als „schicksalhaft“ betitelt wird, die naturverbundene „Pastorale“ gefolgt. Und so erkannte man auch bei Brahms Parallelen in der Aufeinanderfolge: Dessen Erste steht ebenso wie Beethovens FĂŒnfte in der Tonart c-Moll und nun die deutlich heiterere D-DurSinfonie, die daher schon bald ebenso als „Pastorale“ apostrophiert wurde. Doch mit derartigen Etikettierungen ist man schnell bei der Hand. Schaut man nĂ€her hin, löst sich der Klebstoff dieser Plakette schnell ab, denn der Vergleich hĂ€lt einer genaueren Betrachtung nicht stand. Weder liegt der Sinfonie irgendein außermusikalisches Programm zugrunde, noch hĂ€tte Brahms selbst sie je so betitelt. Es ist der im Vergleich zur Ersten gelöste Charakter sowie Entstehungsort und Zeit der zweiten Sinfonie, die den Vergleich zu Beethovens Sechster nahelegten.

Entstanden ist der grĂ¶ĂŸte Teil von Brahms' Zweiter in der „Sommerfrische“ von Pörtschach am Wörthersee. Man glaubt, dieser Sinfonie ebenso wie dem im Jahr darauf entstandenen Violinkonzert die sommerliche Entspanntheit anzumerken –tatsĂ€chlich versprach Brahms von Pörtschach aus seinem Freund und Kritiker Eduard Hanslick fĂŒr den kommenden Winter eine Sinfonie, die „so heiter und lieblich klingen [soll], dass Du glaubst, ich habe sie extra fĂŒr Dich oder gar Deine junge Frau geschrieben! Das ist kein KunststĂŒck, wirst Du sagen, Brahms ist pfiffig, der Wörther See ist ein jungfrĂ€ulicher Boden, da fliegen die Melodien, dass man sich hĂŒten [muss], keine zu treten“.

Dieweil kĂŒndigte er Clara Schumann eine Sinfonie „ganz elegischen Charakters“ an und empfahl seinem Verleger Fritz Simrock: „Die neue Sinfonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten. Ich habe noch nie so etwas Trauriges, Molliges geschrieben: die Partitur muss mit Trauerrand erscheinen. “

Die Ironie in dieser Empfehlung ist unĂŒberlesbar, und doch scheint sie der BefĂŒrchtung zu entspringen, man werde ĂŒber den heiteren Grundcharakter womöglich den Ernst des Werkes nicht wahrnehmen.

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TatsĂ€chlich hörte Brahms' Freund Theodor Billroth hier „blauen Himmel, Quellenrieseln, Sonnenschein und kĂŒhlen, grĂŒnen Schatten“, und auch der Musikwissenschaftler Philipp Spitta umschrieb das Werk mit „heller FrĂŒhlingssonnenschein bald in romantischer Waldfrische, bald auf freiem, festen Wanderpfad, bald lieblich schwebende Gestalten umfließend“.

Und wo bleibt die angekĂŒndigte Melancholie? Sicher trifft diese Bezeichnung eher auf die folgende, die dritte Sinfonie zu, und doch ist auch die Zweite nicht ganz frei davon, sodass Brahms' eigene Bezeichnung als „neues liebliches Ungeheuer“ dem Werk vielleicht am nĂ€chsten kommt. Denn ungeheuerlich ist das Unterfangen wahrlich, das der Komponist hier zum Klingen bringt.

Zu Beginn der Sinfonie stellen Celli und KontrabĂ€sse ein Dreitonmotiv (d – cis – d)  vor. Allzu schnell ĂŒberhört man diesen Takt, der die Keimzelle alles Folgenden bildet. Denn aus diesem winzigen Motivkern entwickelt sich im Grunde die ganze Sinfonie. Überall ist er Motiv-, Themen-, ja satzkonstituierend wiederzufinden. Es ist wie ein initialer Gedanke, der in unterschiedlicher Betrachtung, Spiegelung, Ausrichtung immer wieder neue Themen hervorbringt, verĂ€ndert und ĂŒber die Dauer der Sinfonie immer weiter wĂ€chst. Er findet sich im Hauptthema des ersten Satzes ebenso wieder wie im wiegenden Seitenthema, das an Brahms' Wiegenlied „Guten Abend, gut‘ Nacht“ erinnert – allerdings in der fis-Moll-Variante. TatsĂ€chlich hatte Brahms im Zuge der Entstehung dieses Satzes in der scherzhaften Art eines kinderlosen Junggesellen an seinen Verleger Simrock geschrieben: „Wie wĂ€r’s, wenn Sie vom Wiegenlied auch Ausgaben in Moll machten, fĂŒr unartige oder krĂ€nkliche Kinder?“

In der Coda des Allegro non troppo findet sich ein weiterer selbstreferentieller Hinweis, diesmal auf das Lied „Es liebt sich so lieblich im Lenze“. Doch so volksnah wie lieblich diese Verweise auch wirken – dem Lied geht ein langes, beinahe melancholisches Hornsolo voraus, das die Ernsthaftigkeit unter der heiteren OberflĂ€che immer wieder hervortreten lĂ€sst.

Das folgende Adagio gibt sich liedhaft sehnsuchtsvoll. Doch unter der melodiösen Linie der Celli und spĂ€ter der Violinen vollzieht sich kunstvoll Kontrapunktisches, das der Musikwissenschaftler Dietmar Holland als „janusköpfigen Habitus“ bezeichnete, indem Brahms hier einerseits „ganz ausdrĂŒcklich auf die Welt Bachs – doppelter Kontrapunkt des Hauptthemas – zurĂŒckgreift und zugleich, in der basslos schwebenden BlĂ€serstelle nach dem Hauptthema, einen jener tastenden ÜbergĂ€nge wagt, der schon die ‚Luft von anderem Planeten‘ atmet, die Schönberg rund dreißig Jahre spĂ€ter in seinem zweiten Streichquartett beschwören wird“.

Das zwischen behĂ€bigem LĂ€ndler und temperamentvollem Geschwindwalzer pendelnde Allegretto grazioso variiert das Thema, in welchem sich der motivische Grundbaustein ebenfalls wiederfindet, nach Scherzoart – tĂ€nzerisch, energiegeladen, eingĂ€ngig. Dass dieser Satz bei der UrauffĂŒhrung der Sinfonie unmittelbar wiederholt werden musste, ĂŒberrascht also nur insofern, als es mittlerweile unĂŒblich geworden ist, zwischen den einzelnen SĂ€tzen einer Sinfonie ĂŒberhaupt zu applaudieren.

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Der Finalsatz verweist in Tonart (D-Dur) und Thematik wieder auf den Anfang und immer wieder auf Beethoven. Auch hier erwachsen Haupt- als auch Seitenthema aus der anfĂ€nglichen motivischen „Keimzelle“, die ihrerseits immer wieder beschworen wird. Ein jubelndes Allegro con spirito, das sich zu den Sternen aufschwingt. Die kraftvoll ĂŒberbordende Schaffenslust scheint sich nur wĂ€hrend des Tranquillo-Teils zu mĂ€ĂŸigen, bevor die Sinfonie ihrem Ende entgegendrĂ€ngt und in strahlendem D-Dur endet.

Noch im September 1877 hatte Brahms am Erfolg der Sinfonie gezweifelt und an Simrock geschrieben: „Sie wird jedenfalls gehörig durchfallen, und die Leute werden meinen, diesmal hĂ€tte ich mir’s leicht gemacht.“

Wie nahezu immer bei Brahms' Äußerungen, ist auch diese doppelbödig zu verstehen. TatsĂ€chlich irrte er sich in der Annahme, die Sinfonie werde durchfallen. Ganz im Gegenteil: Die UrauffĂŒhrung am 30. Dezember 1877 im Wiener Musikverein geriet zu einem der grĂ¶ĂŸten Erfolge seiner Laufbahn. Doch mag dieser spontane Erfolg eben auf den heiteren Grundcharakter der Sinfonie zurĂŒckzufĂŒhren sein, der allzu leicht fehlenden Tiefgang impliziert. Aber eben darin liegt die GrĂ¶ĂŸe dieses Werkes: Hier ist nichts oberflĂ€chlich, alles durchdacht, und doch erscheint es wie von leichter Hand niedergeschrieben: Diese Sinfonie ist wahrhaftig ein „liebliches Ungeheuer“.

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Konzert fĂŒr Violine und Orchester D-Dur

Seit 25 Jahren verband Brahms und den Violinsolisten Joseph Joachim eine herz liche Freundschaft – und beinahe ebenso lang wartete der Geiger darauf, dass der Komponist einmal ein Violinkonzert schreiben wĂŒrde und nun, am 21. August 1878, schreibt Brahms aus Pörtschach eine Postkarte, in der er kurz und lakonisch „eine Anzahl Violinpassagen“ ankĂŒndigt. Welche Untertreibung! Schon im tags darauf folgenden Brief entpuppen sich die Passagen als ausgewachsenes Konzert:

„Lieber Freund, Jetzt, wo ich sie ausgeschrieben habe, weiß ich doch eigentlich nicht, was Du mit der bloßen Stimme sollst. Ich wollte Dich natĂŒrlich bitten zu korrigieren, meinte, Du solltest nach keiner Seite eine Entschuldigung haben –weder Respekt vor der zu guten Musik, noch die Ausrede, die Partitur lohne der MĂŒhe nicht. Nun bin ich zufrieden, wenn Du ein Wort sagst, und vielleicht einige hineinschreibst: schwer, unbequem, unmöglich usw.

Die ganze Geschichte hat vier SĂ€tze; vom letzten schrieb ich den Anfang –damit mir gleich die ungeschickten Figuren verboten werden! Es ist doch schade, dass ich nicht in Berchtesgaden wohne. GrĂŒĂŸe die Deinen alle schönstens, und das Weitere warte ich ab.

Herzlich Dein J. Br.“

„Gestern Abend kehrte ich von Hamburg zurĂŒck 
 Johannes war auch da, und wir haben einige sehr gemĂŒtliche Stunden zusammen verlebt; seine Symphonie war, wie in DĂŒsseldorf, die Krone des Festes. Er hat mir den ersten Satz eines Violinkonzerts gezeigt, Joachim hat es mir auch einmal gespielt, Sie können sich wohl denken, dass es ein Konzert ist, wo sich das Orchester mit dem Spieler ganz und gar verschmilzt, die Stimmung in dem Satz ist der in der zweite Symphonie sehr Ă€hnlich, auch D-Dur 
“

Clara Schumann an den Dirigenten Hermann Levi, 3. Oktober 1878

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„Lieber Freund, ich wĂŒsste gern, wie lange Du dort bleibst, und schicke Dir gern eine Anzahl Violinpassagen! Die dazu gehörige Bitte brauche ich kaum auszusprechen, und es frĂ€gt sich nur, ob du nicht so versunken in Mozart und vielleicht Joachim selbst bist, dass Du dafĂŒr ein StĂŒndchen Zeit hast!

Mit schönstem Gruß allseits

Dein J. Br.“

Da war es nun – das lang ersehnte Violinkonzert. Aber es war nicht das, was  Joachim, was die Konzertwelt des 19. Jahrhunderts erwartet hatte. In einer Zeit, in der gleichermaßen dem Genie wie dem Virtuosen gehuldigt wurde und in der KĂŒnstler wie Franz Liszt oder NiccolĂČ Paganini glamourös beides verkörperten, hatte sich Johannes Brahms angeschickt, ein Werk zu komponieren, das die Violine ganz in den Dienst des Konzertierens im ursprĂŒnglichen Sinne stellen sollte, bei dem sich Orchester und Soloinstrument gegenseitig Themen zuspielen, aufeinander reagieren, miteinander konzertieren. Und das alles mit nicht zu unterschĂ€tzenden technischen Schwierigkeiten, die aber nicht immer von der Zuhörerschaft wahrgenommen werden, da sie nie virtuoser Selbstzweck sind, sondern sich immer in den Dienst des musikalischen Dialogs stellen.

Dieses Konzert also schickte Brahms seinem Freund Joachim mit der Bitte, die  Solostimme mit den Augen des Fachmanns zu begutachten und – wo notwendig – KorrekturvorschlĂ€ge zu unterbreiten. Vielleicht ist es dem zweiten Sommeraufenthalt in Pörtschach am Wörthersee zu verdanken, dass Brahms hier Zeit und Energie fand, konzertantes Neuland zu betreten, denn er selbst beherrschte das Geigenspiel nicht. Im Jahr zuvor war hier die zweite Sinfonie entstanden, nun wuchs das Violinkonzert heran. Ein reger Austausch zwischen Joachim und Brahms begann und mit ihm ein hartes Ringen um das Werk. Der Ton in den wechselseitigen Briefen verschĂ€rfte sich, der Eindruck, dass hier wahre Schlachten geschlagen wurden, drĂ€ngt sich auf. Im November 1878 schrieb Brahms: „Die MittelsĂ€tze sind gefallen – natĂŒrlich waren es die besten! Ein armes Adagio aber lasse ich dazu schreiben.“ Die Entscheidung war endgĂŒltig: Aus dem ursprĂŒnglich geradezu sinfonischen viersĂ€tzigen Konzert wurde ein dreisĂ€tziges. Die beiden gestrichenen MittelsĂ€tze verschwanden in der Schublade. Möglicherweise flossen sie in das drei Jahre spĂ€ter vollendete zweite Klavierkonzert ein.

Das Konzert erlebte in der dreisĂ€tzigen letztgĂŒltigen Form am 1. 1. 1879 in Leip zig seine UrauffĂŒhrung. Joseph Joachim war der Solist des Werkes, das seitens des Publikums ebenso wie der Kritik nur auf verhaltenen Beifall stieß. Der Musikkritiker und erste Brahms-Biograf Max Kalbeck bemerkt, das Publikum habe das Konzert „mit Respekt“ angehört, „ohne eine Spur von Enthusiasmus“. TatsĂ€chlich sollte es das Konzert zunĂ€chst schwer haben: Es entsprach nicht den allgemeinen Erwartungen und steckte voller technischer Schwierigkeiten, die jedoch nicht dazu angetan waren, den Solisten virtuos brillieren zu lassen. Und so war sich die Musikwelt nahezu einig. Hans von BĂŒlow nannte es ein „Konzert gegen die Geige“, Kritiker Hanslick bezeichnete es als ein Werk „von etwas spröder Erfindung“ und auch Max Kalbeck kritisierte die „bis zur Entsagung gehende Unterordnung“ des Soloinstrumentes unter die motivisch-thematische Arbeit – und lag damit gar nicht ganz so falsch, denn tatsĂ€chlich verweigert sich Brahms dem virtuosen Selbstzweck zugunsten des konzertanten Gedankens.

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So beginnt das Werk mit einer ausgedehnten Orchestereinleitung, bevor die Vio line kraftvoll, ja beinahe schroff einsteigt. Nach der Vorstellung des ersten Themas durch das Orchester beginnt ein konzertanter Wettstreit, wobei der Solopart von energetischen OktavsprĂŒngen, gebrochenen Akkorden und rhythmischer PrĂ€gnanz bestimmt wird. Es scheint, als mĂŒsse sich die Solovioline ihren Platz im konzertanten GefĂŒge erst erobern. Doch einmal geschehen wird das zweite, lyrische Thema ganz der Violine ĂŒberlassen. Schon hier wird ersichtlich, wie sehr es Brahms um ein echtes Konzertieren zu tun ist, um das Wechselspiel gleichberechtigter Partner ganz im Gegensatz zur klaren Rollenverteilung im Virtuosenkonzert, bei der dem Orchester eindeutig die untergeordnete Rolle zukommt, wĂ€hrend der Solist dominiert.

Dies eingedenk verwundert es nicht, dass Pablo de Sarasate, einer der großen Geigenvirtuosen seiner Zeit, eine geradezu körperliche Abneigung gegen den zweiten Satz des Konzertes ausprĂ€gte und sich weigerte, es zu spielen. Er wolle doch nicht „seelenruhig mit der Geige in der Hand zusehen, wie im Adagio die Oboe die einzige Melodie des ganzen StĂŒckes vorspielt“. TatsĂ€chlich hat sich die Oboe bereits im Verlauf des ersten Satzes als Dialogpartner etabliert und stellt nun im Adagio das lyrische Thema vor. „Bei dem Adagio ging ihm wohl auch eins seiner Lieder durch den Sinn, das er im Mai 1878, unmittelbar ehe er das Violinkonzert begann, in Pörtschach komponiert hatte, Heines ‚DĂ€mmernd liegt der Sommerabend ĂŒber Wald und grĂŒnen Wiesen‘“, bemerkt Max Kalbeck dazu. In diese beinahe pastorale Stimmung hinein begibt sich die Solovioline und greift das Thema ebenso lyrisch auf. Das Wechselspiel hat begonnen und endet in einem echten Dialog zwischen Orchester und Violine, im gegenseitigen Geben und Wiederaufnehmen des Themas.

Ein temperamentvolles Rondo mit allen Finessen bildet den Abschluss des Konzertes. Das zĂŒndende Thema und die Rasanz des Satzes gemahnen an den Brahms der Ungarischen TĂ€nze. Und auch die VirtuositĂ€t kommt hier nicht zu kurz –hier wird im olympischen Stil gewetteifert und dem Finale entgegengejagt.

Doch trotz dieses Ă€ußerst wirkungsvollen Finales fand das Konzert zunĂ€chst nur wenige Freunde. Selbst Joseph Joachim bekannte, das Werk erst mit der Zeit schĂ€tzen gelernt zu haben. So rĂ€umte er erst im April 1879, nachdem er es in London aufgefĂŒhrt hatte, ein, dass ihm das Konzert „namentlich der erste Satz, mehr und mehr“ gefalle.

Brahms war offensichtlich seiner Zeit voraus gewesen. Er hatte ein Werk geschrie ben, das sich erst einige Jahre spĂ€ter seinen Platz unter den großen Violinkonzerten erobern konnte, wiewohl Eduard Hanslick bereits nach der UrauffĂŒhrung mutmaßte:

„Brahms'

Violin-Concert darf wohl von heute ab das bedeutendste heißen, was seit dem Beethovenschen und Mendelssohnschen erschien.“

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Spielzeit 24/25 Vorschau

1. Philharmonisches Konzert

„Die Seele der Bruckner’schen Musik ist Gesang.“

Franz Schalk

Sebastian Hilli: „Miracle“ (Deutsche ErstauffĂŒhrung)

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107 zum 200. Geburtstag des Komponisten am 4. September

Philharmonisches Orchester Vorpommern Dirigent: GMD Florian Csizmadia

Öffentliche Generalprobe

Mo 02.09.2024, 19.00 Uhr , Greifswald: Stadthalle / Kaisersaa l

Konzerte

Di 03.09.2024, 19.30 Uhr , Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal

Mi 04. & Do 05.09.2024, 19.30 Uhr , Stralsund: Großes Haus

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Vorschau Spielzeitsaison 2024/25

1 . PHILHARMONISCHES

WERKE VON HILLI UND BRUCKNER

03.09.2024 Greifswald

04. & 05.09.2024 Stralsund

2. PHILHARMONISCHES KONZERT

WERKE VON MENDELSSOHN, BARHOLDY, STANFORD, ELGAR

08.10.2024 Greifswald

09. & 10.10.2024 Stralsund

3 . PHILHARMONISCHES

WERKE VON DELIUS UND DVOƘÁK

27.02.2024 Greifswald

28. & 29.02.2024 Stralsund

4 . PHILHARMONISCHES KONZERT

WERKE VON BERNSTEIN, KOUSSEVITZKY UND BARBER

14.01.2025 Greifswald

15. & 16.01.2024 Stralsund

5 . PHILHARMONISCHES KONZERT

WERKE VON KODÁLY, LISZT UND BARTÓK

25.02.2025 Greifswald

26. & 27.02.2025 Stralsund

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6 . PHILHARMONISCHES KONZERT WERKE VON MUSSORGSKIJ, RIMSKIJ-KORSAKOW, WAGNEIN UND DE FALLA

25.03.2025 Greifswald

26. & 27.03.2025 Stralsund

7. PHILHARMONISCHES KONZERT WERKE VON LUDWIG VAN BEETHOVEN

15.04.2025 Greifswald

16. & 17.04.2025 Stralsund

8 . PHILHARMONISCHES KONZERT WERKE VON PARRY, BRAHMS/PFEFFER UND MOZART

20.05.2025 Greifswald

21. & 22.05.2025 Stralsund

23.05.2025 Putbus

9. PHILHARMONISCHES KONZERT WERKE VON WAGNER, ELGAR, BRITTEN UND KORNGOLD

17.06.2025 Greifswald

18. & 19.06.2025 Stralsund

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www.theater-vorpommern.de VON ANGESICHT ZU ANGESICHT. Das neue Spielzeitheft 2024/25

Herausgeber:

Theater Vorpommern GmbH, Stralsund – Greifswald – Putbus, Spielzeit 2023/24

GeschĂ€ftsfĂŒhrung: AndrĂ© Kretzschmar

Redaktion: Katja Pfeifer

Gestaltung: giraffentoast Impressum

Textnachweise: Bei den Texten handelt es sich um OriginalbeitrĂ€ge von Katja Pfeifer fĂŒr dieses Heft.

Bildnachweise: S. 3: Irmina Trynkos, Foto von Agata Preyss; bei allen weiteren Fotos handelt es sich um gemeinfreie Bilder; S. 7 und 11: Blick auf Bootshaus und Wörthersee von der Johannes-Brahms-Promenade in Pörtschach aus; S. 9: Pörtschach am Wörthersee, historische Postkarte; UmschlagrĂŒckseite: Brahms auf dem Weg zum Roten Igel, Karikatur von Otto Böhler, 1890.

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