5. Philharmonisches Konzert
Johann Sebastian Bach (1685âââ1750)
OuvertĂŒre (Orchestersuite) C-Dur BWV 1066
Ouverture
Courante
Gavotte I â Gavotte II
Forlane
Menuet I â Menuet II
BourrĂ©e I â BourrĂ©e II
Passepied I â Passepied II
â Pause â
Gustav Mahler (1860âââ1911)
Sinfonie Nr. 5
1. Abteilung
1. Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt
2. StĂŒrmisch bewegt. Mit gröĂter Vehemenz
2. Abteilung
3. Scherzo. KrÀftig, nicht zu schnell
3. Abteilung
4. Adagietto. Sehr langsam
5. Rondo-Finale. Allegro
Philharmonisches Orchester Vorpommern
Dirigent: GMD Florian Csizmadia
29.& 30. MĂ€rz 2023, Stralsund (GroĂes Haus)
Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die UniversitĂ€ts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-RĂŒgen.
Es wird gefördert durch das Ministerium fĂŒr Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
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Johann Sebastian Bach: OuvertĂŒre C-Dur BWV 1066
Zu den musikalischen Formen des Barock, die dieses Zeitalter nicht ĂŒberdauert haben, gehört die mehrsĂ€tzige OuvertĂŒre. Sie ist dadurch geprĂ€gt, dass auf die eigentliche OuvertĂŒre (die Bezeichnung steht also pars pro toto) eine Reihe von TanzsĂ€tzen folgt, deren Anzahl und Auswahl nicht normiert war. Die OuvertĂŒre ist dabei der lĂ€ngste Satz, der bei Bach â wenn man, wie wir heute, alle vorgeschriebenen Wiederholungen berĂŒcksichtigt â ungefĂ€hr die HĂ€lfte der Gesamtspieldauer einnimmt. Der bis heute oft verwendete Begriff âOrchestersuiteâ stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist irrefĂŒhrend: Nicht nur gab es im Barock den Begriff âOrchesterâ noch nicht, sondern die fraglichen Werke waren nicht fĂŒr Ensembles bestimmt, die wir heute als Orchester bezeichnen wĂŒrden. Dazu spĂ€ter mehr. Treffender ist die alternative Bezeichnung âOuvertĂŒren-Suiteâ, die sowohl der MehrsĂ€tzigkeit Rechnung trĂ€gt als auch der Struktur, denn es gibt im Barock auch Suiten ohne OuvertĂŒre.
Ihren Ursprung hat die OuvertĂŒren-Suite im Frankreich des 17. Jahrhunderts: Hier war es Mode, Ausschnitte aus Opern zu Suiten zusammenzustellen. Diese bestanden aus der OpernouvertĂŒre, gefolgt von TĂ€nzen aus dem spĂ€teren Verlauf der Oper. Untrennbar verbunden war diese Form mit dem französischen Komponisten Jean-Baptiste Lully. Ob Bach seine OuvertĂŒren kannte, ist fraglich, da er selbst (anders als manche seiner Zeitgenossen) nie in Frankreich war und Lullys Werke unter strengem Copyright standen und nicht exportiert werden durften. Die OuvertĂŒren-Suite als Kompositionsform wurde
aber zunehmend auĂerhalb Frankreichs bekannt und entwickelte sich dort zu einer eigenstĂ€ndigen Gattung. Insbesondere waren die SĂ€tze nicht mehr einer Oper entlehnt, sondern die Suiten waren nunmehr eigens fĂŒr Konzertzwecke komponierte Werke. Auch stilistisch lehnen sich deutsche Komponisten nicht exklusiv an den französischen Stil an, sondern lassen auch andere EinflĂŒsse erkennen, was ausdrĂŒcklich zu den Forderungen der damaligen Zeit zĂ€hlte und als âvermischter Geschmackâ bezeichnet wurde. Zu den maĂgeblich an dieser Entwicklung beteiligten Komponisten gehört der Bach-Zeitgenosse Georg Philipp Telemann, der als fĂŒhrender deutscher ReprĂ€sentant des französischen OuvertĂŒren-Stils galt. Da Bach und Telemann eng befreundet waren, verwundert es nicht, dass Bachs eigene OuvertĂŒren in Struktur und Stilistik von Telemann beeinflusst scheinen. Die Entstehung der im heutigen Konzert gespielten OuvertĂŒre C-Dur liegt im Dunkeln. Ein Autograph Bachs ist nicht erhalten; die Ă€lteste Quelle ist eine nicht von Bach hergestellte Abschrift von ca. 1724/25. Allerdings hatte Bach zu dieser Zeit keine Verwendung fĂŒr das Werk: Er war als Thomaskantor fĂŒr die Kirchenmusik zustĂ€ndig; weltliche Musik benötigte er erst wieder, als er 1729 zusĂ€tzlich die Leitung des Leipziger Collegium musicum ĂŒbernahm. Man geht deshalb davon aus, dass die Abschrift fĂŒr einen Kollegen erstellt wurde, der das Werk auffĂŒhren wollte. Nicht auszuschlieĂen ist aber, dass Bach selbst das Werk bei einem nicht mehr zu ermittelnden Anlass verwendet hat. Die Komposition dĂŒrfte wohl bereits
Ende der 1710er Jahre entstanden sein, als Bach Hofkapellmeister in Köthen war und fĂŒr diese Art Repertoire reichlich Verwendung gehabt hat.
Wir orientieren uns in der Interpretation an einigen historischen Erkenntnissen: In Köthen hat Bach das Werk mit Sicherheit in solistischer Besetzung aufgefĂŒhrt, das heiĂt mit neun Spielern. Mit RĂŒcksicht auf die GröĂe unseres Saals haben wir uns fĂŒr eine gröĂere Besetzung entschieden, die mit 18 Musiker*innen ungefĂ€hr der der Leipziger Collegia musica zu Bachs Zeit entspricht und auch in zeitgenössischen Lehrwerken empfohlen wird. Die Aufstellung des Ensembles basiert auf einem historischen Sitzplan aus einer Leipziger Stadtchronik von 1746, der sich auch in anderen historischen Quellen findet. In der AusfĂŒhrung der TanzsĂ€tze halten wir uns grundsĂ€tzlich an die ĂŒberlieferten Charakteristika der TĂ€nze, berĂŒcksichtigen aber die Anweisung von Johann Mattheson (1717), dass ein Tanz, der im Konzert gespielt wird, nicht unbedingt an das originale Tanztempo gebunden ist (âEine Allemande zum Tanzen und eine zum Spielen sind wie Himmel und Erde unterschiedenâ).
Die Rahmenteile der Ouverture lassen den punktierten Rhythmus der französischen OuvertĂŒre anklingen, tragen aber die Charakteristik der Allemande in stilisierter Form. Die zentrale Fuge, stilistisch italienisch geprĂ€gt, hat konzertante Elemente und stellt die drei HolzblĂ€ser den Streichern gegenĂŒber. Von den zwei möglichen Varianten der Courante (italienisch und französisch) wĂ€hlt Bach die langsamere französische Courante. Die Gavotte ist ein lebhafter Tanz mit heiterem Charakter. In Teil II konzertieren die beiden Oboen vor einer fanfarenĂ€hnlichen Begleitung.
Die Forlane ist ein Tanz italienischen Ursprungs. Er wird in deutschen Suiten selten verwendet; es handelt sich hier um die einzige Forlane in den OuvertĂŒren und Suiten Bachs. FĂŒr das Thema in den 1. Violinen verwenden wir einen historischen Bogenstrich von Georg Muffat (1698), der dem wilden, ausgelassenen Charakter des Tanzes Rechnung trĂ€gt. Das Menuet ist ein vornehmer Tanz in gemessener Bewegung. Die BourrĂ©e Ă€hnelt im Charakter der Gavotte, soll aber zeitgenössischen Quellen zufolge schneller als diese gespielt werden. Teil II wird vom BlĂ€sertrio allein ausgefĂŒhrt. Die Suite schlieĂt mit einem Passepied , einer schnelleren Art des Menuetts, der hier die Besonderheit aufweist, dass in Teil II das Thema von Teil I in der Mittelstimme wiederkehrt und diesen Teil als Variation erscheinen lĂ€sst.
âUnsagbar ist, was ich von Bach lerne âfreilich als Kind zu seinen FĂŒĂen sitzend.â
Gustav Mahler
An dieser Stelle könnte ein Artikel ĂŒber Gustav Mahlers 5. Sinfonie bereits enden â vielleicht sollte er es sogar, denn es stimmt: Alles, was man ĂŒber dieses Werk wissen muss, sagt die Musik selbst aus. Doch ist Mahlers Musik â und vor allem diese 5. Sinfonie â so beredt, dass die FĂŒlle von EindrĂŒcken vielleicht einer gewissen Einordnung bedarf, zumal der Komponist sich mit diesem Werk selbst auf neue Pfade begab. Und diesen Weg nachzuzeichnen, ist ein lohnenswertes Unterfangen.
Hatte Mahler in den vorangegangenen Sinfonien 2 bis 4 seine Ausdruckspalette um die menschliche Stimme erweitert, so konzentrierte er sich in der FĂŒnften auf den reinen Orchesterklang. Auch entschied er sich bewusst gegen ein auĂermusikalisches Programm, das bislang alle seine Sinfonien begleitet hatte. Doch nun sprach er sich explizit dagegen aus.
Die Vehemenz, die aus Mahlers ĂuĂerung spricht, scheint begrĂŒndet zu sein, schlieĂlich suchen bis heute immer wieder Wissenschaftler und Literaten nach einem geheimen Programm, das dieser Sinfonie zugrunde liegen möge, womöglich getrieben von dem Wunsch, diese Ă€uĂerst kontrastreiche und farbige Musik so besser (in Worte) fassen zu können.
âDIE MUSIK ENTSTEHT OHNE ĂU Ă EREN ANLASS. SIE IST IN MIR. ICH ERGRĂNDE NICHTS UND WILL MIR SPĂTER NICHT BESCHEINIGEN
LASSEN âŠ, DASS ES ETWAS ANDERES
WAR. âESâ GEHT IN MIR UM. âESâ SOLL WERDEN. NICHTS ANDERES WIRD.
DAS MUSS SO SEIN. NIEMAND SOLL FRAGEN WARUM âŠ!â
In den Sommermonaten der Jahre 1901 und 1902 arbeitete Mahler an dem neuen Opus. Am 20. August 1902 verkĂŒndete er freudig: âEndlich bin ich fertig! Die 5. Sinfonie ist also auch da.â Ja, âdaâ war sie, aber fertig noch lange nicht. Schon unmittelbar nach AuffĂŒhrung der ersten Fassung nahm Mahler umfangreiche Ănderungen an der Partitur vor. Viele weitere sollten folgen und so zog sich die Entwicklungsgeschichte der Sinfonie noch ĂŒber zehn Jahre und mutmaĂlich neun Umarbeitungen hin, bis er im Februar 1911 in einem Brief an den Dirigenten Georg Gohler schrieb: âDie 5. Sinfonie habe ich fertig. Sie musste faktisch völlig uminstrumentiert werden. Es ist unfassbar, wie ich damals so völlig anfĂ€ngerhaft irren konnte. Offenbar hatte mich die in den ersten vier Sinfonien erworbene Routine hier völlig im Stich gelassen â da ein neuer Stil eine neue Technik verlangte.â TatsĂ€chlich war Mahler erst mit der Zeit klar geworden, wie sehr sich seine 5. Sinfonie formal und musikalisch von den VorgĂ€ngerwerken unterschied und dass er â namentlich in der Instrumentierung â neue Wege einschlagen musste, um sein Ziel zu erreichen: musikalische Klarheit.
âEs bedarf nicht eines Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt.â
Gustav Mahler
Mahler, der sich wĂ€hrend der Sommermonate meist in die Abgeschiedenheit seines nur 20 mÂČ messenden âKomponierhĂ€uschensâ in Maiernigg am Wörthersee zurĂŒckzog, um dort zu komponieren, hatte zeitgleich mit der Entstehung der FĂŒnften an mehreren Liedern gearbeitet, die sich zum Teil im Themenmaterial der Sinfonie wiederfinden. Einen weitaus gröĂeren Einfluss hatte aber die Tatsache ausgeĂŒbt, dass Mahler in seinem geistigen wie realen GepĂ€ck eine Ausgabe von Bachs âKunst der Fugeâ mit sich trug. Das Verweben und Ăberlagern unterschiedlicher Themen war schon immer ein Kompositionsprinzip Mahlers gewesen, aber nun widmete er sich explizit polyphonen Strukturen, die zwar stark von Bachs Meisterschaft inspiriert waren, aber keinen bloĂen RĂŒckgriff auf barocke Muster darstellten, sondern eine völlig neue Einbindung historischer Satzweisen in das sinfonische GefĂŒge zur Folge haben sollten und einen zentralen Gestaltungsgedanken dieser Sinfonie ausmachen.
Schon die Ă€uĂere Anlage der Sinfonie lĂ€sst aufmerken. Das fĂŒnfsĂ€tzige Werk ist gruppiert in drei Abteilungen, deren erste und dritte jeweils zwei SĂ€tze enthalten und sich um den zentralen Satz, das Scherzo, gruppieren. Dass ein Scherzo â historisch gesehen eher ein leichtfĂŒĂiger, nicht ganz so schwerwiegender Satz â hier den Dreh- und Angelpunkt bildet und tatsĂ€chlich mit seinen 800 Takten LĂ€nge das ausgedehnteste Scherzo der Musikgeschichte darstellt, ist das groĂe Novum dieser Sinfonie.
âGERADE SO, VON GANZ VERSCHIEDENEN SEITEN HER, MĂSSEN
DIE THEMEN KOMMEN UND SO VĂLLIG UNTERSCHIEDLICH SEIN IN
RHYTHMIK UND MELODIK â ALLES
ANDERE IST BLOSS VIELSTIMMIG -
KEIT UND VERKAPPTE HOMOPHO -
NIE â NUR DASS SIE DER KĂNSTLER
ZU EINEM ZUSAMMENSTIMMENDEN UND KLINGENDEN GANZEN ORDNET UND VEREINT.â
Auch mag auffallen, dass der Sinfonie keine Tonart zugeschrieben ist. Gegen die Gepflogenheit, jeder Sinfonie nach der Tonart des ersten Satzes â in diesem Falle wĂ€re es cis-Moll â zu benennen, hatte sich Mahler ausdrĂŒcklich verwehrt. Aus gutem Grund, denn dieses Benennungssystem muss versagen bei einer Sinfonie, die im Verlauf von fĂŒnf SĂ€tzen vier Tonarten durchmisst und deren doppelte Strukturierung durch SĂ€tze und Abteilungen den ersten und zweiten Satz zu einer gedanklichen Einheit verbindet, die allein durch zwei Tonarten gekennzeichnet ist.
Also keine Tonart, kein programmatischer Beiname â dieses Werk kommt ganz pur daher als
Sinfonie Nr. 5
Die Sinfonie wird mit einer Trompeten-Fanfare eröffnet. Doch der straffe militĂ€rische Ton bricht schnell in sich zusammen und weicht einem ausgedehnten Trauermarsch, der diesen ersten Satz bestimmt. Thematische AnklĂ€nge an die Lieder âDer Tambourgâsellâ und das Kindertotenlied âNun will die Sonnâ so hell aufgehânâ lassen sich ausmachen. Im Mittelteil intensiviert sich der Ausdruck âleidenschaftlich, wildâ, kurze, fast tröstliche Momente keimen in den Celli und HolzblĂ€sern auf, doch der tragische Grundton bricht sich immer wieder Bahn. AbschlieĂende Fanfarenfragmente lassen den Marsch in scheinbarer Ferne verklingen.
Zwar deklariert Mahler diesen Trauermarsch als eigenstĂ€ndig, doch fasst er die ersten beiden SĂ€tze bewusst zu einer âAbteilungâ zusammen, sodass ZusammenhĂ€nge zum nun folgenden âstĂŒrmisch bewegtenâ zweiten Satz sinnfĂ€llig sind: Hier scheint die Grundstimmung des Anfangs ĂŒbernommen zu werden,
auch motivisch verknĂŒpft Mahler beide SĂ€tze, indem er Themen des Trauermarsches in der DurchfĂŒhrung wieder aufgreift. Leidenschaftliche Passagen, die unerwartet von scharfen TrompeteneinsĂ€tzen und Schlagwerk abgerissen werden, bestimmen diesen Satz. Aus einem Klangdickicht polyphon geschichteter Ebenen erhebt sich nach mehreren dramatischen Steigerungen und plötzlichen ZusammenbrĂŒchen schlieĂlich ein BlĂ€serchoral in strahlendem D-Dur. Doch Mahler gönnt den Hörer*innen keine erlösende Schlussapotheose, der Choral verebbt â und mit ihm der ganze Satz.
An zentraler Stelle folgt das Scherzo , das als einziger Satz eine Abteilung fĂŒr sich bildet. Ein ausgedehnter LĂ€ndler, der nur im ersten Moment vermag, den Eindruck einer Walzeridylle mit Solohorn zu vermitteln. Schon bald verschieben sich Akzente, verselbstĂ€ndigen sich Instrumentengruppen und eine ausgefeilte Kontrapunktik bestimmt den Fortlauf.
âIch bleibe bei meinem Prinzip, dass sich nichts wiederholen darf, sondern sich alles aus sich selbst heraus weiterentwickeln muss. Es ist durchgeknetet, dass auch nicht ein Körnchen ungemischt und unverwandelt bleibtâ, schildert Mahler das Prinzip, das er hier im Verlauf von Scherzo, Trio und erneutem Scherzo so weit ins Rauschhafte steigert, dass es eine Herausforderung darstellt, diesem Satz nicht zu nehmen, was er so unbedingt braucht: Durchsichtigkeit.
Es ist das polyphone Geflecht vor allem dieses Scherzos, das Mahler dazu veranlasste, die Sinfonie mehrfach zu ĂŒberarbeiten und die Instrumentierung den BedĂŒrfnissen der Musik anzupassen. Und doch bleibt dieser Satz eine Herausforderung â fĂŒr Musiker und Dirigenten.
âDAS SCHERZO IST EIN VER-
DAMMTER SATZ. DIE DIRIGENTEN WERDEN IHN FĂNFZIG JAHRE LANG
ZU SCHNELL NEHMEN UND EINEN
UNSINN DARAUS MACHEN, DAS PUBLIKUM â O HIMMEL â WAS SOLL
ES ZU DIESEM CHAOS, DAS EWIG
AUFS NEUE EINE WELT GEBĂRT, DIE
IM NĂCHSTEN MOMENT WIEDER ZU -
GRUNDE GEHT, ZU DIESEN URWELTSKLĂNGEN, ZU DIESEM SAUSENDEN, BRĂLLENDEN, TOSENDEN MEER, ZU
DIESEN TANZENDEN STERNEN, ZU
DIESEN VERATMENDEN, SCHILLERN-
DEN, BLITZENDEN WELLEN FĂR EIN
GESICHT MACHEN? ⊠O KĂNNT ICH
MEINE SINFONIEN FĂNFZIG JAHRE
NACH MEINEM TOD AUFFĂHREN!â
TatsĂ€chlich ist dieses Scherzo von der Art âZukunftsmusikâ gewesen, die 1911 noch weitgehend auf UnverstĂ€ndnis stieĂ. Theodor Adorno sollte den Satz als âNovum des DurchfĂŒhrungsscherzosâ betiteln und Mahler klagte, seine 5. Sinfonie sei âein verfluchtes Werk. Niemand kapiert sieâ. Eine pauschale ĂuĂerung, die schon damals so nicht stimmte. Denn der folgende Satz, Adagietto , wurde mit ziemlicher Sicherheit als das verstanden, was er war: eine musikalische Weltflucht und eine LiebeserklĂ€rung an die Musik und an Mahlers Ehefrau Alma, die er zum Zeitpunkt der Entstehung der Sinfonie gerade erst kennengelernt hatte. Nur von Streichern und einer Harfe ausgefĂŒhrt, ist das Adagietto ein vertrĂ€umtes Lied ohne Worte, in dem AnklĂ€nge an das RĂŒckert-Lied âIch bin der Welt abhanden gekommenâ zu finden sind. Die nahezu unendliche Melodie steuert im Zentrum des Satzes auf ein Zitat aus Richard Wagners Oper âTristan und Isoldeâ zu, das sogenannte (Liebes)blick-Motiv, eine musikalische Botschaft an Alma, die deren Bedeutung durchaus verstand.
Anders als bei den beiden ersten SĂ€tzen, erfolgt der Ăbergang vom Adagietto in den Finalsatz flieĂend. Mahler wĂ€hlt hier die Rondoform, erweitert sie aber in seinem Sinne, sodass der Satz als groĂer Schmelztiegel aus Themen und Motiven der vorangegangenen SĂ€tze und zahlreichen fugierten Abschnitten fungiert. Thematische Grundlage ist hier der Choral vom Beginn der Sinfonie, flankiert von einem Teil der Adagiettomelodie als Seitenthema. Der etwas verhaltene Beginn nimmt bald Fahrt auf, und der Satz gipfelt schlieĂlich in dem erneuten Aufgreifen des strahlenden D-Dur-Chorals aus dem zweiten Satz. Auf eine jubelnde Stretta folgt ein abrupter Schluss.
Und diesmal ist die Freude ungebrochen. So dĂŒster die Sinfonie begonnen hat, so sehr scheint sie nun âper aspera ad astraâ (âdurch MĂŒhsal zu den Sternenâ) angekommen zu sein. Die zahlreichen ErstauffĂŒhrungen der verschiedenen Fassungen in Köln (1904), Hamburg (1905), StraĂburg, Triest, Wien, Breslau, Antwerpen (1906), Amsterdam, Rom (1907) und St. Petersburg, die Mahler selbst dirigierte, stieĂen auf ein gemischtes Echo, das vom Vorwurf eines âkĂ€rglichen Eklektizismusâ bis hin zum ungezĂŒgelten Lob der âĂŒberwĂ€ltigenden FĂŒlle von Schönheitenâ reichte. Und tatsĂ€chlich war es der kĂŒrzeste Satz, das vertrĂ€umte Adagietto, das dieser Sinfonie auf einen Schlag zu Weltruhm verhalf. Als Luchino Visconti seiner Verfilmung von Thomas Manns Novelle âDer Tod in Venedigâ dieses Adagietto als Filmmusik unterlegte, wĂ€hrend er dem Protagonisten Gustav von Aschenbach die ZĂŒge Gustav Mahlers verlieh, wirkte sich das auch auf die KonzertsĂ€le aus. Die Sinfonie wurde zu einer der meistgespielten. Jedoch â und das ist die tragische Note â ist das Adagietto seitdem untrennbar mit den Bildern Viscontis verbunden, mit einem Programm, das Mahler in dieser Sinfonie so sehr hatte vermeiden wollen.
Ich bin der Welt abhanden gekommen, Mit der ich sonst viele Zeit verdorben, Sie hat so lange nichts von mir vernommen, Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben! Es ist mir auch gar nichts daran gelegen, Ob sie mich fĂŒr gestorben hĂ€lt, Ich kann auch gar nichts sagen dagegen, Denn wirklich bin ich gestorben der Welt. Ich bin gestorben dem WeltgetĂŒmmel, Und ruhâ in einem stillen Gebiet! Ich lebâ allein in meinem Himmel, In meinem Lieben, in meinem Lied!
Friedrich RĂŒckert
Vorschau
6. Philharmonisches Konzert Sibelius-Zyklus IV
âEine Sinfonie ist keine âKompositionâ im normalen Sinn. Sie ist vielmehr ein Glaubensbekenntnis in verschiedenen Lebensabschnitten.â
Jean Sibelius
Nigel Westlake: âOut of the Blueâ fĂŒr Streichorchester Deutsche ErstauffĂŒhrung
BĂ©la BĂĄrtok: Konzert fĂŒr Klavier und Orchester Nr. 3
Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63
Solistin: EloĂŻse Bella Kohn, Klavier
Philharmonisches Orchester Vorpommern Dirigent: GMD Florian Csizmadia
18., 19. & 20. April 2023, 19.30 Uhr, Stralsund (GroĂes Haus)
Weiterhin im Programm
6. Philharmonisches Konzert
18., 19. & 20.04. / 19.30 Uhr
Theater Stralsund: GroĂes Haus
7. Kammerkonzert
Werke von Schönberg, Debussy, Bernstein u. a.
06.04. / 19.30 Uhr
Greifswald: Aula der UniversitÀt
08.04. / 18.00 Uhr
Stralsund: Löwenscher Saal im Rathaus
Herausgeber:
Theater Vorpommern GmbH, Stralsund â Greifswald â Putbus, Spielzeit 2022/23
GeschĂ€ftsfĂŒhrung:
Ralf Dörnen, Intendant
Peter van Slooten, Verwaltungsdirektor
Textnachweise:
Impressum
Redaktion: Katja Pfeifer
Gestaltung:
giraffentoast
Bei dem Text ĂŒber Bachs OuvertĂŒre C-Dur BWV 1066 handelt es sich um einen Originalbeitrag fĂŒr dieses Heft von Dr. Florian Csizmadia. Bei dem Text ĂŒber Mahlers 5. Sinfonie handelt es sich um einen Originalbeitrag fĂŒr dieses Heft von Katja Pfeifer.
Bildnachweise:
S. 3: gemeinfreies Foto von inspiredimages auf pixabay; S. 5: JĂŒrgen Ludwig: Arnstadt, Denkmal fĂŒr Johann Sebastian Bach, 1985 auf wikimedia; S. 6: Katja Pfeifer: Gustav Mahler, Graffito in Opatija, Kroatien, 2021; S. 9 gemeinfreies Foto von David Schwarzenberg auf pixabay; S. 11: gemeinfreies Foto von Eberhard Grossgasteiger auf pexels; S. 12: gemeinfreies Foto von Limat MD Arif auf pixabay.