PGH _ 5 Philharmonisches Konzert

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5. PHILHARMONISCHES KONZERT

theater-vorpommern.de

5. Philharmonisches Konzert

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

OuvertĂŒre (Orchestersuite) C-Dur BWV 1066

Ouverture

Courante

Gavotte I – Gavotte II

Forlane

Menuet I – Menuet II

BourrĂ©e I – BourrĂ©e II

Passepied I – Passepied II

– Pause –

Gustav Mahler (1860 – 1911)

Sinfonie Nr. 5

1. Abteilung

1. Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Streng. Wie ein Kondukt

2. StĂŒrmisch bewegt. Mit grĂ¶ĂŸter Vehemenz

2. Abteilung

3. Scherzo. KrÀftig, nicht zu schnell

3. Abteilung

4. Adagietto. Sehr langsam

5. Rondo-Finale. Allegro

Philharmonisches Orchester Vorpommern

Dirigent: GMD Florian Csizmadia

29.& 30. MĂ€rz 2023, Stralsund (Großes Haus)

Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die UniversitĂ€ts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-RĂŒgen.

Es wird gefördert durch das Ministerium fĂŒr Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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Liebe GĂ€ste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer AuffĂŒhrungen aus urheberrechtlichen GrĂŒnden untersagt sind. Vielen Dank.

Johann Sebastian Bach: OuvertĂŒre C-Dur BWV 1066

Zu den musikalischen Formen des Barock, die dieses Zeitalter nicht ĂŒberdauert haben, gehört die mehrsĂ€tzige OuvertĂŒre. Sie ist dadurch geprĂ€gt, dass auf die eigentliche OuvertĂŒre (die Bezeichnung steht also pars pro toto) eine Reihe von TanzsĂ€tzen folgt, deren Anzahl und Auswahl nicht normiert war. Die OuvertĂŒre ist dabei der lĂ€ngste Satz, der bei Bach – wenn man, wie wir heute, alle vorgeschriebenen Wiederholungen berĂŒcksichtigt – ungefĂ€hr die HĂ€lfte der Gesamtspieldauer einnimmt. Der bis heute oft verwendete Begriff „Orchestersuite“ stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist irrefĂŒhrend: Nicht nur gab es im Barock den Begriff „Orchester“ noch nicht, sondern die fraglichen Werke waren nicht fĂŒr Ensembles bestimmt, die wir heute als Orchester bezeichnen wĂŒrden. Dazu spĂ€ter mehr. Treffender ist die alternative Bezeichnung „OuvertĂŒren-Suite“, die sowohl der MehrsĂ€tzigkeit Rechnung trĂ€gt als auch der Struktur, denn es gibt im Barock auch Suiten ohne OuvertĂŒre.

Ihren Ursprung hat die OuvertĂŒren-Suite im Frankreich des 17. Jahrhunderts: Hier war es Mode, Ausschnitte aus Opern zu Suiten zusammenzustellen. Diese bestanden aus der OpernouvertĂŒre, gefolgt von TĂ€nzen aus dem spĂ€teren Verlauf der Oper. Untrennbar verbunden war diese Form mit dem französischen Komponisten Jean-Baptiste Lully. Ob Bach seine OuvertĂŒren kannte, ist fraglich, da er selbst (anders als manche seiner Zeitgenossen) nie in Frankreich war und Lullys Werke unter strengem Copyright standen und nicht exportiert werden durften. Die OuvertĂŒren-Suite als Kompositionsform wurde

aber zunehmend außerhalb Frankreichs bekannt und entwickelte sich dort zu einer eigenstĂ€ndigen Gattung. Insbesondere waren die SĂ€tze nicht mehr einer Oper entlehnt, sondern die Suiten waren nunmehr eigens fĂŒr Konzertzwecke komponierte Werke. Auch stilistisch lehnen sich deutsche Komponisten nicht exklusiv an den französischen Stil an, sondern lassen auch andere EinflĂŒsse erkennen, was ausdrĂŒcklich zu den Forderungen der damaligen Zeit zĂ€hlte und als „vermischter Geschmack“ bezeichnet wurde. Zu den maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligten Komponisten gehört der Bach-Zeitgenosse Georg Philipp Telemann, der als fĂŒhrender deutscher ReprĂ€sentant des französischen OuvertĂŒren-Stils galt. Da Bach und Telemann eng befreundet waren, verwundert es nicht, dass Bachs eigene OuvertĂŒren in Struktur und Stilistik von Telemann beeinflusst scheinen. Die Entstehung der im heutigen Konzert gespielten OuvertĂŒre C-Dur liegt im Dunkeln. Ein Autograph Bachs ist nicht erhalten; die Ă€lteste Quelle ist eine nicht von Bach hergestellte Abschrift von ca. 1724/25. Allerdings hatte Bach zu dieser Zeit keine Verwendung fĂŒr das Werk: Er war als Thomaskantor fĂŒr die Kirchenmusik zustĂ€ndig; weltliche Musik benötigte er erst wieder, als er 1729 zusĂ€tzlich die Leitung des Leipziger Collegium musicum ĂŒbernahm. Man geht deshalb davon aus, dass die Abschrift fĂŒr einen Kollegen erstellt wurde, der das Werk auffĂŒhren wollte. Nicht auszuschließen ist aber, dass Bach selbst das Werk bei einem nicht mehr zu ermittelnden Anlass verwendet hat. Die Komposition dĂŒrfte wohl bereits

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Ende der 1710er Jahre entstanden sein, als Bach Hofkapellmeister in Köthen war und fĂŒr diese Art Repertoire reichlich Verwendung gehabt hat.

Wir orientieren uns in der Interpretation an einigen historischen Erkenntnissen: In Köthen hat Bach das Werk mit Sicherheit in solistischer Besetzung aufgefĂŒhrt, das heißt mit neun Spielern. Mit RĂŒcksicht auf die GrĂ¶ĂŸe unseres Saals haben wir uns fĂŒr eine grĂ¶ĂŸere Besetzung entschieden, die mit 18 Musiker*innen ungefĂ€hr der der Leipziger Collegia musica zu Bachs Zeit entspricht und auch in zeitgenössischen Lehrwerken empfohlen wird. Die Aufstellung des Ensembles basiert auf einem historischen Sitzplan aus einer Leipziger Stadtchronik von 1746, der sich auch in anderen historischen Quellen findet. In der AusfĂŒhrung der TanzsĂ€tze halten wir uns grundsĂ€tzlich an die ĂŒberlieferten Charakteristika der TĂ€nze, berĂŒcksichtigen aber die Anweisung von Johann Mattheson (1717), dass ein Tanz, der im Konzert gespielt wird, nicht unbedingt an das originale Tanztempo gebunden ist („Eine Allemande zum Tanzen und eine zum Spielen sind wie Himmel und Erde unterschieden“).

Die Rahmenteile der Ouverture lassen den punktierten Rhythmus der französischen OuvertĂŒre anklingen, tragen aber die Charakteristik der Allemande in stilisierter Form. Die zentrale Fuge, stilistisch italienisch geprĂ€gt, hat konzertante Elemente und stellt die drei HolzblĂ€ser den Streichern gegenĂŒber. Von den zwei möglichen Varianten der Courante (italienisch und französisch) wĂ€hlt Bach die langsamere französische Courante. Die Gavotte ist ein lebhafter Tanz mit heiterem Charakter. In Teil II konzertieren die beiden Oboen vor einer fanfarenĂ€hnlichen Begleitung.

Die Forlane ist ein Tanz italienischen Ursprungs. Er wird in deutschen Suiten selten verwendet; es handelt sich hier um die einzige Forlane in den OuvertĂŒren und Suiten Bachs. FĂŒr das Thema in den 1. Violinen verwenden wir einen historischen Bogenstrich von Georg Muffat (1698), der dem wilden, ausgelassenen Charakter des Tanzes Rechnung trĂ€gt. Das Menuet ist ein vornehmer Tanz in gemessener Bewegung. Die BourrĂ©e Ă€hnelt im Charakter der Gavotte, soll aber zeitgenössischen Quellen zufolge schneller als diese gespielt werden. Teil II wird vom BlĂ€sertrio allein ausgefĂŒhrt. Die Suite schließt mit einem Passepied , einer schnelleren Art des Menuetts, der hier die Besonderheit aufweist, dass in Teil II das Thema von Teil I in der Mittelstimme wiederkehrt und diesen Teil als Variation erscheinen lĂ€sst.

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„Unsagbar ist, was ich von Bach lerne –freilich als Kind zu seinen FĂŒĂŸen sitzend.“
Gustav Mahler

An dieser Stelle könnte ein Artikel ĂŒber Gustav Mahlers 5. Sinfonie bereits enden – vielleicht sollte er es sogar, denn es stimmt: Alles, was man ĂŒber dieses Werk wissen muss, sagt die Musik selbst aus. Doch ist Mahlers Musik – und vor allem diese 5. Sinfonie – so beredt, dass die FĂŒlle von EindrĂŒcken vielleicht einer gewissen Einordnung bedarf, zumal der Komponist sich mit diesem Werk selbst auf neue Pfade begab. Und diesen Weg nachzuzeichnen, ist ein lohnenswertes Unterfangen.

Hatte Mahler in den vorangegangenen Sinfonien 2 bis 4 seine Ausdruckspalette um die menschliche Stimme erweitert, so konzentrierte er sich in der FĂŒnften auf den reinen Orchesterklang. Auch entschied er sich bewusst gegen ein außermusikalisches Programm, das bislang alle seine Sinfonien begleitet hatte. Doch nun sprach er sich explizit dagegen aus.

Die Vehemenz, die aus Mahlers Äußerung spricht, scheint begrĂŒndet zu sein, schließlich suchen bis heute immer wieder Wissenschaftler und Literaten nach einem geheimen Programm, das dieser Sinfonie zugrunde liegen möge, womöglich getrieben von dem Wunsch, diese Ă€ußerst kontrastreiche und farbige Musik so besser (in Worte) fassen zu können.

„DIE MUSIK ENTSTEHT OHNE ÄU ß EREN ANLASS. SIE IST IN MIR. ICH ERGRÜNDE NICHTS UND WILL MIR SPÄTER NICHT BESCHEINIGEN

LASSEN 
, DASS ES ETWAS ANDERES

WAR. ‚ES‘ GEHT IN MIR UM. ‚ES‘ SOLL WERDEN. NICHTS ANDERES WIRD.

DAS MUSS SO SEIN. NIEMAND SOLL FRAGEN WARUM 
!“

In den Sommermonaten der Jahre 1901 und 1902 arbeitete Mahler an dem neuen Opus. Am 20. August 1902 verkĂŒndete er freudig: „Endlich bin ich fertig! Die 5. Sinfonie ist also auch da.“ Ja, „da“ war sie, aber fertig noch lange nicht. Schon unmittelbar nach AuffĂŒhrung der ersten Fassung nahm Mahler umfangreiche Änderungen an der Partitur vor. Viele weitere sollten folgen und so zog sich die Entwicklungsgeschichte der Sinfonie noch ĂŒber zehn Jahre und mutmaßlich neun Umarbeitungen hin, bis er im Februar 1911 in einem Brief an den Dirigenten Georg Gohler schrieb: „Die 5. Sinfonie habe ich fertig. Sie musste faktisch völlig uminstrumentiert werden. Es ist unfassbar, wie ich damals so völlig anfĂ€ngerhaft irren konnte. Offenbar hatte mich die in den ersten vier Sinfonien erworbene Routine hier völlig im Stich gelassen – da ein neuer Stil eine neue Technik verlangte.“ TatsĂ€chlich war Mahler erst mit der Zeit klar geworden, wie sehr sich seine 5. Sinfonie formal und musikalisch von den VorgĂ€ngerwerken unterschied und dass er – namentlich in der Instrumentierung – neue Wege einschlagen musste, um sein Ziel zu erreichen: musikalische Klarheit.

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„Es bedarf nicht eines Wortes, alles ist rein musikalisch gesagt.“
Gustav Mahler

Mahler, der sich wĂ€hrend der Sommermonate meist in die Abgeschiedenheit seines nur 20 mÂČ messenden „KomponierhĂ€uschens“ in Maiernigg am Wörthersee zurĂŒckzog, um dort zu komponieren, hatte zeitgleich mit der Entstehung der FĂŒnften an mehreren Liedern gearbeitet, die sich zum Teil im Themenmaterial der Sinfonie wiederfinden. Einen weitaus grĂ¶ĂŸeren Einfluss hatte aber die Tatsache ausgeĂŒbt, dass Mahler in seinem geistigen wie realen GepĂ€ck eine Ausgabe von Bachs „Kunst der Fuge“ mit sich trug. Das Verweben und Überlagern unterschiedlicher Themen war schon immer ein Kompositionsprinzip Mahlers gewesen, aber nun widmete er sich explizit polyphonen Strukturen, die zwar stark von Bachs Meisterschaft inspiriert waren, aber keinen bloßen RĂŒckgriff auf barocke Muster darstellten, sondern eine völlig neue Einbindung historischer Satzweisen in das sinfonische GefĂŒge zur Folge haben sollten und einen zentralen Gestaltungsgedanken dieser Sinfonie ausmachen.

Schon die Ă€ußere Anlage der Sinfonie lĂ€sst aufmerken. Das fĂŒnfsĂ€tzige Werk ist gruppiert in drei Abteilungen, deren erste und dritte jeweils zwei SĂ€tze enthalten und sich um den zentralen Satz, das Scherzo, gruppieren. Dass ein Scherzo – historisch gesehen eher ein leichtfĂŒĂŸiger, nicht ganz so schwerwiegender Satz – hier den Dreh- und Angelpunkt bildet und tatsĂ€chlich mit seinen 800 Takten LĂ€nge das ausgedehnteste Scherzo der Musikgeschichte darstellt, ist das große Novum dieser Sinfonie.

„GERADE SO, VON GANZ VERSCHIEDENEN SEITEN HER, MÜSSEN

DIE THEMEN KOMMEN UND SO VÖLLIG UNTERSCHIEDLICH SEIN IN

RHYTHMIK UND MELODIK – ALLES

ANDERE IST BLOSS VIELSTIMMIG -

KEIT UND VERKAPPTE HOMOPHO -

NIE – NUR DASS SIE DER KÜNSTLER

ZU EINEM ZUSAMMENSTIMMENDEN UND KLINGENDEN GANZEN ORDNET UND VEREINT.“

Auch mag auffallen, dass der Sinfonie keine Tonart zugeschrieben ist. Gegen die Gepflogenheit, jeder Sinfonie nach der Tonart des ersten Satzes – in diesem Falle wĂ€re es cis-Moll – zu benennen, hatte sich Mahler ausdrĂŒcklich verwehrt. Aus gutem Grund, denn dieses Benennungssystem muss versagen bei einer Sinfonie, die im Verlauf von fĂŒnf SĂ€tzen vier Tonarten durchmisst und deren doppelte Strukturierung durch SĂ€tze und Abteilungen den ersten und zweiten Satz zu einer gedanklichen Einheit verbindet, die allein durch zwei Tonarten gekennzeichnet ist.

Also keine Tonart, kein programmatischer Beiname – dieses Werk kommt ganz pur daher als

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Sinfonie Nr. 5

Die Sinfonie wird mit einer Trompeten-Fanfare eröffnet. Doch der straffe militĂ€rische Ton bricht schnell in sich zusammen und weicht einem ausgedehnten Trauermarsch, der diesen ersten Satz bestimmt. Thematische AnklĂ€nge an die Lieder „Der Tambourg’sell“ und das Kindertotenlied „Nun will die Sonn’ so hell aufgeh’n“ lassen sich ausmachen. Im Mittelteil intensiviert sich der Ausdruck „leidenschaftlich, wild“, kurze, fast tröstliche Momente keimen in den Celli und HolzblĂ€sern auf, doch der tragische Grundton bricht sich immer wieder Bahn. Abschließende Fanfarenfragmente lassen den Marsch in scheinbarer Ferne verklingen.

Zwar deklariert Mahler diesen Trauermarsch als eigenstĂ€ndig, doch fasst er die ersten beiden SĂ€tze bewusst zu einer „Abteilung“ zusammen, sodass ZusammenhĂ€nge zum nun folgenden „stĂŒrmisch bewegten“ zweiten Satz sinnfĂ€llig sind: Hier scheint die Grundstimmung des Anfangs ĂŒbernommen zu werden,

auch motivisch verknĂŒpft Mahler beide SĂ€tze, indem er Themen des Trauermarsches in der DurchfĂŒhrung wieder aufgreift. Leidenschaftliche Passagen, die unerwartet von scharfen TrompeteneinsĂ€tzen und Schlagwerk abgerissen werden, bestimmen diesen Satz. Aus einem Klangdickicht polyphon geschichteter Ebenen erhebt sich nach mehreren dramatischen Steigerungen und plötzlichen ZusammenbrĂŒchen schließlich ein BlĂ€serchoral in strahlendem D-Dur. Doch Mahler gönnt den Hörer*innen keine erlösende Schlussapotheose, der Choral verebbt – und mit ihm der ganze Satz.

An zentraler Stelle folgt das Scherzo , das als einziger Satz eine Abteilung fĂŒr sich bildet. Ein ausgedehnter LĂ€ndler, der nur im ersten Moment vermag, den Eindruck einer Walzeridylle mit Solohorn zu vermitteln. Schon bald verschieben sich Akzente, verselbstĂ€ndigen sich Instrumentengruppen und eine ausgefeilte Kontrapunktik bestimmt den Fortlauf.

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„Ich bleibe bei meinem Prinzip, dass sich nichts wiederholen darf, sondern sich alles aus sich selbst heraus weiterentwickeln muss. Es ist durchgeknetet, dass auch nicht ein Körnchen ungemischt und unverwandelt bleibt“, schildert Mahler das Prinzip, das er hier im Verlauf von Scherzo, Trio und erneutem Scherzo so weit ins Rauschhafte steigert, dass es eine Herausforderung darstellt, diesem Satz nicht zu nehmen, was er so unbedingt braucht: Durchsichtigkeit.

Es ist das polyphone Geflecht vor allem dieses Scherzos, das Mahler dazu veranlasste, die Sinfonie mehrfach zu ĂŒberarbeiten und die Instrumentierung den BedĂŒrfnissen der Musik anzupassen. Und doch bleibt dieser Satz eine Herausforderung – fĂŒr Musiker und Dirigenten.

„DAS SCHERZO IST EIN VER-

DAMMTER SATZ. DIE DIRIGENTEN WERDEN IHN FÜNFZIG JAHRE LANG

ZU SCHNELL NEHMEN UND EINEN

UNSINN DARAUS MACHEN, DAS PUBLIKUM – O HIMMEL – WAS SOLL

ES ZU DIESEM CHAOS, DAS EWIG

AUFS NEUE EINE WELT GEBÄRT, DIE

IM NÄCHSTEN MOMENT WIEDER ZU -

GRUNDE GEHT, ZU DIESEN URWELTSKLÄNGEN, ZU DIESEM SAUSENDEN, BRÜLLENDEN, TOSENDEN MEER, ZU

DIESEN TANZENDEN STERNEN, ZU

DIESEN VERATMENDEN, SCHILLERN-

DEN, BLITZENDEN WELLEN FÜR EIN

GESICHT MACHEN? 
 O KÖNNT ICH

MEINE SINFONIEN FÜNFZIG JAHRE

NACH MEINEM TOD AUFFÜHREN!“

TatsĂ€chlich ist dieses Scherzo von der Art „Zukunftsmusik“ gewesen, die 1911 noch weitgehend auf UnverstĂ€ndnis stieß. Theodor Adorno sollte den Satz als „Novum des DurchfĂŒhrungsscherzos“ betiteln und Mahler klagte, seine 5. Sinfonie sei „ein verfluchtes Werk. Niemand kapiert sie“. Eine pauschale Äußerung, die schon damals so nicht stimmte. Denn der folgende Satz, Adagietto , wurde mit ziemlicher Sicherheit als das verstanden, was er war: eine musikalische Weltflucht und eine LiebeserklĂ€rung an die Musik und an Mahlers Ehefrau Alma, die er zum Zeitpunkt der Entstehung der Sinfonie gerade erst kennengelernt hatte. Nur von Streichern und einer Harfe ausgefĂŒhrt, ist das Adagietto ein vertrĂ€umtes Lied ohne Worte, in dem AnklĂ€nge an das RĂŒckert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ zu finden sind. Die nahezu unendliche Melodie steuert im Zentrum des Satzes auf ein Zitat aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ zu, das sogenannte (Liebes)blick-Motiv, eine musikalische Botschaft an Alma, die deren Bedeutung durchaus verstand.

Anders als bei den beiden ersten SĂ€tzen, erfolgt der Übergang vom Adagietto in den Finalsatz fließend. Mahler wĂ€hlt hier die Rondoform, erweitert sie aber in seinem Sinne, sodass der Satz als großer Schmelztiegel aus Themen und Motiven der vorangegangenen SĂ€tze und zahlreichen fugierten Abschnitten fungiert. Thematische Grundlage ist hier der Choral vom Beginn der Sinfonie, flankiert von einem Teil der Adagiettomelodie als Seitenthema. Der etwas verhaltene Beginn nimmt bald Fahrt auf, und der Satz gipfelt schließlich in dem erneuten Aufgreifen des strahlenden D-Dur-Chorals aus dem zweiten Satz. Auf eine jubelnde Stretta folgt ein abrupter Schluss.

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Und diesmal ist die Freude ungebrochen. So dĂŒster die Sinfonie begonnen hat, so sehr scheint sie nun „per aspera ad astra“ („durch MĂŒhsal zu den Sternen“) angekommen zu sein. Die zahlreichen ErstauffĂŒhrungen der verschiedenen Fassungen in Köln (1904), Hamburg (1905), Straßburg, Triest, Wien, Breslau, Antwerpen (1906), Amsterdam, Rom (1907) und St. Petersburg, die Mahler selbst dirigierte, stießen auf ein gemischtes Echo, das vom Vorwurf eines „kĂ€rglichen Eklektizismus“ bis hin zum ungezĂŒgelten Lob der â€žĂŒberwĂ€ltigenden FĂŒlle von Schönheiten“ reichte. Und tatsĂ€chlich war es der kĂŒrzeste Satz, das vertrĂ€umte Adagietto, das dieser Sinfonie auf einen Schlag zu Weltruhm verhalf. Als Luchino Visconti seiner Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ dieses Adagietto als Filmmusik unterlegte, wĂ€hrend er dem Protagonisten Gustav von Aschenbach die ZĂŒge Gustav Mahlers verlieh, wirkte sich das auch auf die KonzertsĂ€le aus. Die Sinfonie wurde zu einer der meistgespielten. Jedoch – und das ist die tragische Note – ist das Adagietto seitdem untrennbar mit den Bildern Viscontis verbunden, mit einem Programm, das Mahler in dieser Sinfonie so sehr hatte vermeiden wollen.

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Ich bin der Welt abhanden gekommen, Mit der ich sonst viele Zeit verdorben, Sie hat so lange nichts von mir vernommen, Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben! Es ist mir auch gar nichts daran gelegen, Ob sie mich fĂŒr gestorben hĂ€lt, Ich kann auch gar nichts sagen dagegen, Denn wirklich bin ich gestorben der Welt. Ich bin gestorben dem WeltgetĂŒmmel, Und ruh’ in einem stillen Gebiet! Ich leb’ allein in meinem Himmel, In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich RĂŒckert

Vorschau

6. Philharmonisches Konzert Sibelius-Zyklus IV

„Eine Sinfonie ist keine ‚Komposition‘ im normalen Sinn. Sie ist vielmehr ein Glaubensbekenntnis in verschiedenen Lebensabschnitten.“

Jean Sibelius

Nigel Westlake: „Out of the Blue“ fĂŒr Streichorchester Deutsche ErstauffĂŒhrung

BĂ©la BĂĄrtok: Konzert fĂŒr Klavier und Orchester Nr. 3

Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63

Solistin: EloĂŻse Bella Kohn, Klavier

Philharmonisches Orchester Vorpommern Dirigent: GMD Florian Csizmadia

18., 19. & 20. April 2023, 19.30 Uhr, Stralsund (Großes Haus)

Jetzt Tickets sichern! THEATER STRALSUND Mi., 29. MĂ€rz 2023 / 19.30 Uhr Do., 30. MĂ€rz 2023 / 19.30 Uhr
Termine

Weiterhin im Programm

6. Philharmonisches Konzert

18., 19. & 20.04. / 19.30 Uhr

Theater Stralsund: Großes Haus

7. Kammerkonzert

Werke von Schönberg, Debussy, Bernstein u. a.

06.04. / 19.30 Uhr

Greifswald: Aula der UniversitÀt

08.04. / 18.00 Uhr

Stralsund: Löwenscher Saal im Rathaus

Herausgeber:

Theater Vorpommern GmbH, Stralsund – Greifswald – Putbus, Spielzeit 2022/23

GeschĂ€ftsfĂŒhrung:

Ralf Dörnen, Intendant

Peter van Slooten, Verwaltungsdirektor

Textnachweise:

Impressum

Redaktion: Katja Pfeifer

Gestaltung:

giraffentoast

Bei dem Text ĂŒber Bachs OuvertĂŒre C-Dur BWV 1066 handelt es sich um einen Originalbeitrag fĂŒr dieses Heft von Dr. Florian Csizmadia. Bei dem Text ĂŒber Mahlers 5. Sinfonie handelt es sich um einen Originalbeitrag fĂŒr dieses Heft von Katja Pfeifer.

Bildnachweise:

S. 3: gemeinfreies Foto von inspiredimages auf pixabay; S. 5: JĂŒrgen Ludwig: Arnstadt, Denkmal fĂŒr Johann Sebastian Bach, 1985 auf wikimedia; S. 6: Katja Pfeifer: Gustav Mahler, Graffito in Opatija, Kroatien, 2021; S. 9 gemeinfreies Foto von David Schwarzenberg auf pixabay; S. 11: gemeinfreies Foto von Eberhard Grossgasteiger auf pexels; S. 12: gemeinfreies Foto von Limat MD Arif auf pixabay.

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