Spielzeit
2024/25
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2024/25
von Petra WĂŒllenweber

âIch spĂŒre den Widerstand, der mich umgibt.
Beinschlag.
Beinschlag.
Und ich gleite
wieder.
Druck in meinen Ohren.
Verzerrte Laute.
Hier gibt es keine Sprache.
Nur GerÀusche,
die scheinbar unendlich langsam zu mir durchdringen.â
Janek
Liebe GĂ€ste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer AuffĂŒhrungen aus urheberrechtlichen GrĂŒnden untersagt sind. Vielen Dank.
von Petra WĂŒllenweber
Janek
Opa
Anna Regie
BĂŒhne & KostĂŒme
Dramaturgie
Regieassistenz & Abendspielleitung
Inspizienz
Soufflage
Jakob Schleert
Lutz Jesse
Paula Dieckmann
Arnim Beutel
Peter Sommerer
Nadja Hess
Wolf-Dietrich StĂŒckrad
Kerstin WollschlÀger
Nadim Hussain
Premiere in Greifswald am 02. Oktober 2024
Premiere in Stralsund am 15. November 2024
Premiere in Putbus am 20. Februar 2025
AuffĂŒhrungsdauer:
ca. 50 Minuten, keine Pause
AuffĂŒhrungsrechte:
TheaterstĂŒckverlag im DREI MASKEN VERLAG GmbH MĂŒnchen
Ausstattungsleiterin: Eva Humburg Technischer Direktor: Christof Schaaf Licht: Friedemann Drenck, Raik Motczinski BĂŒhnentechnische Einrichtung: Andreas Franke, Fred Schulz-Weingarten Toneinrichtung: Samuel Zinnecker Leitung BĂŒhnentechnik: Robert Nicolaus, Michael Schmidt Leitung Beleuchtung: Kirsten Heitmann Leitung Ton: Daniel Kelm Leitung
Requisite: Alexander Baki-Jewitsch, Christian Porm BĂŒhne & WerkstĂ€tten: Produktionsleiterin: Eva Humburg Tischlerei: Stefan Schaldach, Bernd Dahlmann, Kristin Loleit Schlosserei: Michael Treichel, Ingolf Burmeister Malsaal: Anja Miranowitsch, Fernando Casas Garcia, Sven Greiner Dekoration: Frank Metzner KostĂŒmwerkstĂ€tten: Gewandmeisterinnen: Carola Bartsch, Annegret PĂ€Ăler Modisterei: Elke Kricheldorf Assistenz: Dorothea Rheinfurth
Maske: Tali Rabea Breuer, Jill Dahm, Antje Kwiatkowski, Kateryna Maliarchuk, Ilka Stelter

Ihr könnt euch das Erinnerungsvermögen eines Menschen mit Demenz vielleicht ein bisschen vorstellen wie ein BĂŒcherregal. Ein billiges Regal aus Massenproduktion zum Selbstaufbauen. Dieses BĂŒcherregal entspricht eurem FaktengedĂ€chtnis. Auf dem obersten Brett â das ist das, wo sich manche schon auf die Zehenspitzen stellen mĂŒssen â stehen die jĂŒngsten Erinnerungen, zum Beispiel, was ihr heute Morgen zum FrĂŒhstĂŒck gegessen habt. Auf Schulterhöhe befinden sich die BĂŒcher aus eurer Lebensmitte, mit diesen BĂŒchern sind wir alle bestens vertraut, und wir sind es gewohnt, sie jederzeit aus dem Regal zu nehmen âmĂŒhelos, ohne jede Anstrengung. Auf
Kniehöhe befinden sich die BĂŒcher aus euren Zwanzigern. Und dann geht ihr in die Hocke und seht die BĂŒcher ganz unten im Regal. Dort, vor euren Zehenspitzen, findet ihr die BĂŒcher mit den Erinnerungen aus eurer Kindheit. Die Demenz jedoch rĂŒttelt euer Regal gehörig hin und her. Dabei purzeln die BĂŒcher aus den oberen Regalen als erste hinunter und werfen alles andere mit durcheinander. Etwas, das ihr fĂŒr eine ganz frische Erinnerung haltet, stammt also in Wirklichkeit aus einem der unteren Regale, aus einer frĂŒheren Zeit in eurem Leben. Ihr könnt euch dann zwar vielleicht ganz deutlich vorstellen, wie es war, zwischen den GitterstĂ€ben eures Laufstalls hindurchzu-

schauen, aber wisst nicht mehr, was ihr heute Morgen gefrĂŒhstĂŒckt habt.
AuĂerdem gibt es noch einen weiteren Bereich des Gehirns, ein zweites BĂŒcherregal, nicht so wackelig wie das erste. Dieses Regal ist sehr massiv; es ist das BĂŒcherregal mit eurem emotionalen GedĂ€chtnis. Wenn die Demenz versucht, dieses Regal hin und her zu kippen, als wĂ€ren die zwei Versionen von euch â vorher und nachher â zwei aufeinanderstoĂende tektonische Platten, so erweist sich dieses zweite Regal als stĂ€rker, widerstandsfĂ€higer, und sein Inhalt ist lĂ€nger geschĂŒtzt. Auch wenn ihr möglicherweise vergesst, dass eure Familie oder Freunde erst kĂŒrzlich zu Besuch gewesen sind â denn dieses
Buch stammt aus eurem FaktengedĂ€chtnis, â bleiben von ihrem Besuch trotzdem GefĂŒhle von Liebe, GlĂŒck und Trost ĂŒbrig. Möglicherweise habt ihr zwar vergessen, was ihr getan habt, worĂŒber ihr gesprochen habt oder dass sie ĂŒberhaupt da gewesen sind, trotzdem vermittelt ihr Anblick euch ein GefĂŒhl von Freude und Sicherheit. Aus diesem Grund hört bitte niemals auf, Leute mit Demenz zu besuchen, auch wenn sie sich vielleicht hinterher nicht an euch erinnern können.
Wendy Mitchell
Anhand einer engen GroĂvater-Enkel-Beziehung erzĂ€hlt die Dramatikerin Petra WĂŒllenweber in âAm Horizontâ davon, was eine Alzheimer-Erkrankung fĂŒr die Betroffenen und ihre Familienangehörigen bedeuten kann. Was begeistert dich an diesem StĂŒck?
ZunĂ€chst begeistert mich, dass es ein schöner, kluger und dichter Text ist, der die Zuschauer*innen â egal ob jung oder alt â ernst nimmt. Der Text biedert sich nicht an, sondern schafft es auf eine poetische Weise, mit dem Thema umzugehen. Es wird nicht die Krankheit erzĂ€hlt, sondern die VerĂ€nderung einer Beziehung â und das macht es möglich, sich auf spielerische Weise dem Thema zu nĂ€hern.
Den GroĂvater und seinen Enkel Janek verbindet die Leidenschaft fĂŒr das Schwimmen â warum hat die Autorin ausgerechnet diese Sportart fĂŒr ihre beiden Figuren ausgewĂ€hlt?
Dazu muss ich etwas weiter ausholen, denn fĂŒr mich ist der Gedanke wichtig, dass jeder Mensch in seinem Kopf mit sich selbst allein ist, d. h. grundsĂ€tzlich hat jeder Mensch seine ganz eigene, individuelle Wahrnehmung von Welt. Was aber passiert, wenn diese innere Welt allmĂ€hlich verloren geht und fĂŒr den an Alzheimer erkrankten Menschen die gewohnte Welt- und Selbstwahrneh-
mung ins Wanken gerĂ€t, die Haltepunkte verloren gehen und letztlich vollends im Nebel versinken. Als Metapher dafĂŒr hat die Autorin das âWasserâ gewĂ€hlt, die sich motivisch durch das gesamte StĂŒck zieht â eine Metapher, die vor allem AssoziationsrĂ€ume zur Unterwasserwelt öffnet, also zu einer Welt, in der sich alles anders anfĂŒhlt, in der einen GerĂ€usche verlangsamt erreichen und Sprache nur noch wie verzerrte Laute wahrgenommen wird.
Auch das BĂŒhnenbild weckt Wasser-Assoziationen â was fĂŒr einen Raum hast du gemeinsam mit dem BĂŒhnenbildner Peter Sommerer entwickelt?
Die Herausforderung an das BĂŒhnenbild ist, dass sich das StĂŒck aus vielen kurzen Szenen zusammensetzt und stĂ€ndig die Spielorte gewechselt werden â vom Schwimmbad in die Wohnung, dann in die Schule, zurĂŒck ins Schwimmbad usw. Also haben wir einen offenen Raum erfunden, der es ermöglicht, diese Ortswechsel nur durch das Spiel und minimale Requisiten zu erzĂ€hlen. Es ist ein BĂŒhnenbild entstanden, das durch das Aufnehmen der Schwimmbad-Architektur mit Sprungturm und Beckenrand zugleich an die Kernmetapher der Unterwasserwelt anknĂŒpft â und damit auch fĂŒr die Innenwelt der Figuren stehen kann.

Die emotionale NĂ€he zwischen Kindern und GroĂeltern bleibt von einer Demenz unberĂŒhrt. Eine Voraussetzung dafĂŒr ist die Haltung der Eltern, die hier Vorbild fĂŒr Kinder sind. Ist diese von WertschĂ€tzung und liebevoller Zuneigung getragen, dann nehmen Kinder demenzbedingte VerĂ€nderungen manchmal mit Erstaunen, aber wertfrei wahr. Sie bleiben im Kontakt und kommunizieren auf ihre Art.
Kinder sind unvoreingenommen. Sie kommunizieren im Tun, auch wenn es mit der Sprache nicht klappt. KörperberĂŒhrung ist Teil dieser Kommunikation und fĂŒr Menschen mit Demenz eine Ausdrucksmöglichkeit, wenn die Worte nicht mehr flieĂen wollen. Trotz aller EinschrĂ€nkungen ist der emotionale Zugang zu Menschen mit Demenz intakt. HierfĂŒr sind alle Register der nonverbalen Kommunikation bedeutsam, die Kinder sowieso beherrschen: KörpernĂ€he, Mimik, Gestik, Sprachmelodie etc.
Kinder hören gerne Geschichten. Wenn die Sprache noch flieĂt, dann sind die lange zurĂŒckliegenden Erinnerungen eine Quelle fĂŒr ErzĂ€hlungen. Auf Wortsalat reagieren Kinder gelassen und nehmen ihn spielerisch auf. Wenn Menschen mit Demenz z. B. das letzte
Wort eines Satzes wiederholen, dann kann sich daraus ein Dialog entwickeln, in dem die Worte variiert werden oder Reimworte aneinandergereiht werden.
Wenn Kinder bei ihren GroĂeltern VerĂ€nderungen bemerken und den Eltern ihre Beobachtungen mitteilen und nachfragen, dann brauchen sie eine wahrheitsgemĂ€Ăe Antwort. Eine Verharmlosung oder eine Dramatisierung sind fehl am Platz. Eine ErklĂ€rung wie âeine Demenz ist wie Schmetterlinge im Kopfâ schafft SpielrĂ€ume. Dann flattern die Erinnerungen davon und Worte, Namen, Ereignisse, FĂ€higkeiten etc. werden vergessen. Nur manchmal bringt ein Schmetterling wieder etwas zurĂŒck.
Wenn Kinder merken, dass sich ihre GroĂeltern verĂ€ndern, dass sie Dinge vergessen (vielleicht sogar den eigenen Geburtstag, der Oma doch immer so wichtig war), dann kann dies zu Traurigkeit, Wut, Angst oder auch RĂŒckzug fĂŒhren. Wenn Oma oder Opa die Enkelkinder/Kinder nicht mehr erkennt, tut das zunĂ€chst mal weh. Eltern helfen ihren Kindern, indem sie eine vertraute AtmosphĂ€re schaffen, in der sie ihre GefĂŒhle zeigen können. Eltern sind auch die Kinder ihrer Eltern, die mit den VerĂ€nderungen zurechtkommen
mĂŒssen. Zu den eigenen GefĂŒhlen zu stehen, zu zeigen, dass man traurig ist, dass auch mal TrĂ€nen flieĂen können, das zeugt von innerer StĂ€rke. Hier können Kinder lernen, dass es auch Zeiten gibt, wo man traurig sein darf.
Christina Kuhn & Anja Rutenkröger
FrĂŒher, erzĂ€hlt Opa, sei sein Kopf ein riesiger Palast gewesen mit vielen GemĂ€chern: âKleinen und groĂen, in denen wunderbare Erinnerungen verborgen sind. Jetzt sind viele von den RĂ€umen verschlossen. Und ich finde auch keinen SchlĂŒssel, um sie aufzuschlieĂen.â
Ich erzĂ€hle ihm eine Geschichte von Oma. Da weint Opa wieder. Dieses Mal aber vor GlĂŒck, und er bedankt sich, dass ich ihm eins seiner Kopf-GemĂ€cher geöffnet habe.
Rolf Barth
âIch kann manchmal einfach nicht mehr denkenâ
In jĂŒngsten Interviewstudien schildern Menschen mit Demenz, dass sie
â keine Entscheidungen mehr treffen können, weil ihnen die Vorstellungskraft fehlt, die sie brĂ€uchten, um zu erkennen, welche der zur Auswahl stehenden Alternativen sie lieber hĂ€tten,
â keine Probleme mehr lösen können, selbst wenn es sich um ganz alltĂ€gliche âProblemeâ handelt, wie z. B. das Ăffnen der SchiebetĂŒr am Kleiderschrank
â ihre persönlichen Dinge wie SchlĂŒssel, Portemonnaie, Versichertenkarte oder wichtige Unterlagen stĂ€ndig verlegen
â nicht mehr aus dem Haus gehen wollen, weil sie fĂŒrchten, auf Bekannte zu treffen, die sie nicht mehr wiedererkennen,
â Unterhaltungen anderer Menschen nicht mehr folgen können


Ein Mensch mit einer Demenz leidet unter einer Gehirnerkrankung, in deren Verlauf seine geistigen FÀhigkeiten allmÀhlich verschwinden. Doch eine Demenz beeintrÀchtigt nicht nur den Bereich der geistigen LeistungsfÀhigkeit, sondern alle Bereiche, die das Menschsein ausmachen.
Das menschliche Gehirn besteht aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen. Bei der neurodegenerativen Form der Demenz beginnen im mittleren bis spÀteren Lebensalter Nervenzellen im Gehirn abzusterben.
Die Ursache des Zellsterbens liegt dabei in der Bildung schwer löslicher EiweiĂablagerungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns und unterschiedlich zusammengesetzter EinschlĂŒsse innerhalb dieser Zellen. Diese Ablagerungen und EinschlĂŒsse fĂŒhren dazu, dass die Kontaktstellen zwischen den Gehirnzellen, die sogenannten Synapsen funktionsuntauglich und schlieĂlich zerstört werden. In Folge sterben schlieĂlich die Gehirnzellen selbst ab. Wenn 10% aller Nervenzellenkontaktstellen im Gehirn zerstört sind, treten die ersten wahrnehmbaren Krankheitszeichen, meistens zuerst Vergesslichkeit, auf. Die Demenz vom âAlzheimer-Typâ ist die hĂ€ufigste Unterform der neurodegene-
rativen Demenzen, die der Psychiater Alois Alzheimer Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte.
Von der Krankheit betroffen sind zunÀchst nur bestimmte Gebiete des Gehirns, z. B. die beiden Hippocampi, die tief im Inneren des Gehirns jeweils an den Innenseiten der beiden GehirnhÀlften liegen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei GedÀchtnisprozessen.
Daneben sind auch Gebiete der GroĂhirnrinde sehr frĂŒh betroffen. Diese nur wenige Millimeter dicke Ă€uĂerste Schicht des Gehirns ist wesentlich an der DurchfĂŒhrung höherer geistiger Aufgaben beteiligt, also Sprache, Denken, Orientierung, Urteilen, GedĂ€chtnis, Rechnen und Schreiben.
Prof. Dr. Sabine Engel
Aktuell leben rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung in Deutschland. HĂ€ufigste Ursache ist die Alzheimer-Krankheit. Die ĂŒberwiegende Mehrheit der Erkrankten (knapp 70%) lebt in Privathaushalten und wird von Familienangehörigen gepflegt, so dass Kinder oft sehr direkt den Verlauf der Krankheit mitbekommen.

âMeine Oma Anni vergisst zum Beispiel, wie man Kaffee kocht. Jedenfalls weiĂ sie nicht mehr, wo sie das Wasser einfĂŒllen soll, wenn sie vor der Kaffeemaschine steht. Sie weiĂ aber noch, wie man Kaffee mit einem Filter ĂŒber der Tasse mit der Hand aufbrĂŒht, so wie sie das frĂŒher vor fĂŒnfzig Jahren gemacht hat. Das finde ich komisch.â
Dagmar H. Mueller
Leichte Demenz
Im frĂŒhen Krankheitsstadium stehen BeeintrĂ€chtigungen des KurzzeitgedĂ€chtnisses im Vordergrund. Die Erkrankten können sich den Inhalt von GesprĂ€chen nicht einprĂ€gen oder finden abgelegte GegenstĂ€nde nicht mehr wieder. ZusĂ€tzlich bestehen Störungen des planenden und organisierenden Denkens, Wortfindungs- und Orientierungsstörungen. Menschen mit Demenz erleben in diesem Stadium oft bewusst, dass sie etwas vergessen. Sie sind verwirrt, weil andere Menschen Dinge behaupten, an die sie sich nicht erinnern können. Dies wirkt bedrohlich fĂŒr sie und es kommt vermehrt zu peinlichen Situationen. Je nach Persönlichkeitsstruktur reagieren die Erkrankten depressiv, aggressiv, abwehrend oder mit RĂŒckzug. Sie versuchen, eine âFassadeâ aufrechtzuerhalten.
Mittelschwere Demenz
Die EinschrĂ€nkungen von GedĂ€chtnis, Denkvermögen und OrientierungsfĂ€higkeit nehmen allmĂ€hlich zu und erreichen einen Grad, der die selbststĂ€ndige LebensfĂŒhrung nicht mehr zulĂ€sst. Viele Erkrankte können keine vollstĂ€ndigen SĂ€tze mehr bilden und sind dadurch schwer zu verstehen. Die Erinnerungen an lang zurĂŒckliegende Ereignisse verblassen ebenfalls. Sie wis-
sen nicht mehr, wen sie geheiratet oder welchen Beruf sie ausgeĂŒbt haben, wie ihre Kinder heiĂen oder wie alt sie sind.
Schwere Demenz
Im fortgeschrittenen Stadium besteht ein hochgradiger geistiger Abbau, die Sprache beschrĂ€nkt sich nur noch auf wenige Wörter oder versiegt ganz. Die Demenzerkrankten sind bei allen Verrichtungen des tĂ€glichen Lebens auf Hilfe angewiesen. Die Alzheimer-Krankheit selbst fĂŒhrt nicht zum Tod. Die hĂ€ufigste Todesursache ist eine Infektionskrankheit wie eine LungenentzĂŒndung oder eine EntzĂŒndung der Harnwege.
www.deutsche-alzheimer.de
Ich war von meinem Schreibtisch aufgestanden, genau wie immer; und stand plötzlich ganz allein auf dem Gipfel dieses Berges, von Wolken umhĂŒllt, die so dicht waren, dass ich nichts mehr erkannte: nicht meinen Tisch, nicht mein Telefon, meinen Tacker, meinen Namen an der TĂŒr und auch nicht meine Kollegen. Also wartete ich ab. Einfach sitzen bleiben und warten, bis der Nebel im Kopf sich lichtet.
Wendy
Mitchell

Zu den Symptomen der Demenz gehören auch verschiedene typische Verhaltensweisen und Handlungsmuster der Betroffenen. Die Ursachen liegen zum GroĂteil im Verlust von GedĂ€chtnis und Erinnerungsvermögen und in der UnfĂ€higkeit, logische VerknĂŒpfungen herzustellen. Dazu zĂ€hlt man u. a. das Wiederholen immer gleicher Fragen und Handlungen und eine steigende innere Anspannung und NervositĂ€t, die sich durch einen ausgeprĂ€gten Bewegungsdrang Ă€uĂern kann.
Menschen mit Demenz verhalten sich manchmal verbal oder körperlich aggressiv.
Sie schreien und beschimpfen die betreuenden Personen oder â was allerdings seltener vorkommt â schlagen oder werfen mit GegenstĂ€nden. Auslöser fĂŒr WutausbrĂŒche und aggressives Verhalten sind weniger krankheitsbedingte VerĂ€nderungen im Gehirn als vielmehr die erschwerten Lebensbedingungen und die daraus resultierende Angst der Betroffenen. Sie leben in

einer Welt, die sich fĂŒr sie dauernd verĂ€ndert, und sind deshalb stĂ€ndig beunruhigt, weil sie nicht wissen, was sie als NĂ€chstes erwartet.
Es kann aber auch zu SinnestÀuschungen, Halluzinationen und wahnhaften Handlungen kommen.
Die eingeschrĂ€nkte FĂ€higkeit der Betroffenen, Situationen und Wahrnehmungen richtig zu deuten, fĂŒhrt hĂ€ufig zu ErklĂ€rungsversuchen, die nicht mit der Wirklichkeit ĂŒbereinstimmen. So
beschuldigen sie beispielsweise ihre Angehörigen, Geld gestohlen zu haben, oder halten Verwandte fĂŒr verkleidete Fremde. Sie erkennen den âalten Menschenâ im Spiegel nicht und fĂŒrchten sich vor Bildmotiven oder Teppichmustern.
bundesgesundheitsministerium.de

âIch liebe es Geschichten zu erzĂ€hlen â Geschichten, die uns zum Lachen, Weinen und vor allem zum Nachdenken bringen. Und am liebsten tue ich das im Theater. Vor einigen Jahren suchte ich als Regisseurin zusammen mit einem kĂŒnstlerischen Leiter ein TheaterstĂŒck zum Thema Alzheimer, doch wir fanden keines. Deshalb schrieb ich âAm Horizontâ â die Geschichte eines Jungen, der seinen Opa allmĂ€hlich an die Krankheit verliert. Es folgten weitere SchreibauftrĂ€ge von anderen Intendanten. Mir ist es wichtig, als Theatermacherin âam Puls der Zeitâ zu sein und mit den Zuschauern in einen Dialog zu kommen. Denn diese Möglichkeit bietet uns das Theater â also, nutzen wir sie!â
Petra WĂŒllenweber, 1971 in SaarbrĂŒcken geboren, studierte von 1992 bis 1996 Regie an der Theaterakademie in Ulm und ging anschlieĂend von 1997 bis 2000 als Regieassistentin an die Vereinigten StĂ€dtischen BĂŒhnen Krefeld/Mönchengladbach. Seit Herbst 2000 arbeitet sie freischaffend als Regisseurin und Autorin an verschiedenen deutschsprachigen Theatern. Neben ihren eigenen StĂŒcken v. a. fĂŒr das Kinder- und Jugendtheater (u. a. 2011 âZur Zeit nicht erreichbarâ, 2013 âNetboyâ, 2015 âUnd morgen?â, 2016 âAuf Eisâ, 2018 âDie WeiĂe Roseâ) hat sie auch zahlreiche BĂŒhnenadaptionen von Romanen und klassischen Stoffen entwickelt. Neben ihrer freischaffenden TĂ€tigkeit am und fĂŒr das Theater arbeitet sie zudem erfolgreich im Coaching-Bereich.
âAm Horizontâ kam am 24.05.2009 zur UrauffĂŒhrung am Theater Ăberzwerg in SaarbrĂŒcken und ist seitdem vielfach an deutschsprachigen und auch internationalen BĂŒhnen aufgefĂŒhrt worden. 2008 wurde es in den StĂŒckepool von Kaas & Kappes aufgenommen und 2010 erhielt es den 3. MĂŒlheimer KinderStĂŒckePreis.
Man muss erst beginnen, sein GedĂ€chtnis zu verlieren, und seiâs nur stĂŒckweise, um sich darĂŒber klar zu werden, dass das GedĂ€chtnis unser ganzes Leben ist. Ein Leben ohne GedĂ€chtnis wĂ€re kein Leben, wie eine Intelligenz ohne Ausdrucksmöglichkeit keine Intelligenz wĂ€re. Unser GedĂ€chtnis ist unser Zusammenhalt, unser Grund, unser Handeln, unser GefĂŒhl. Ohne GedĂ€chtnis sind wir nichts.
Luis Buñuel
Impressum
Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH
Stralsund â Greifswald â Putbus
Spielzeit 2024/25
GeschĂ€ftsfĂŒhrung: AndrĂ© Kretzschmar
Literaturnachweise:
Redaktion: Nadja Hess
Gestaltung: Wenzel Pawlitzky
1. Auflage: 500
Druck: Flyeralarm www.theater-vorpommern.de
Besondere Verhaltensweisen bei Demenzkranken, unter: www.bundesgesundheitsministerium.de Barth, Rolf / Bunge, Daniela: Mein Andersopa. MĂŒnchen 2018.
Buñuel, Luis: Mein letzter Seufzer. Königstein/Ts. 1983.
Engel, Prof. Dr. Sabine: Alzheimer und andere Demenzen. Die Methode der einfĂŒhlsamen Kommunikation. Stuttgart 2021.
âIch kann manchmal einfach nicht mehr denkenâ â aus: Engel, Prof. Dr. Sabine: Alzheimer und andere Demenzen. Stuttgart 2021. Kuhn, Christina/Rutenkröger, Anja/Czolnowska, Magdalena (Illustr.): Oma Luise und die Schmetterlinge im Kopf. Ein Kinderfachbuch ĂŒber Demenz. Frankfurt/Main 2021.
Mitchell, Wendy: Der Mensch, der ich einst war. Mein Leben mit Alzheimer. Hamburg 2019. Mueller, Dagmar H.: Herbst im Kopf. Meine Oma Anni hat Alzheimer. Mit Illustrationen von Verena Ballhaus. Wien â MĂŒnchen 2006. Wie verlĂ€uft die Demenz-Erkrankung?, unter: www.deutsche-alzheimer.de WĂŒllenweber, Petra: Am Horizont. MĂŒnchen 2007.
Petra WĂŒllenweber: âIch liebe es Geschichten zu erzĂ€hlen...â, unter: www.fabulamundi.eu/de/petra-wullenweber-2 âDrei Fragen an den Regisseur Arnim Beutelâ ist ein Originalbeitrag fĂŒr dieses Heft von Nadja Hess.
Bildnachweise:
Das Coverfoto (U1) und die Fotos auf den Seiten 2, 3, 5, 8, 9, 11, 13, 14 und 15 stammen von Peter van Heesen.
Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die UniversitĂ€ts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-RĂŒgen
Es wird gefördert durch das Ministerium fĂŒr Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.