5. Philharmonisches Konzert

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Spielzeit 2024/25

5. Philharmonisches Konzert

Werke von Zoltån Kodåly, Franz Liszt und Béla Bartók

5. Philharmonisches Konzert

ZoltĂĄn KodĂĄly (1882-1967)

TĂ€nze aus GalĂĄnta

Franz Liszt (1811-1886)

Konzert fĂŒr Klavier und Orchester Nr. 2 A-Dur

Adagio sostenuto assai – Allegro agitato assai –

Allegro moderato –

Allegro deciso – Marziale un poco meno allegro –

Allegro animato

Pause

Konzert fĂŒr Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur

Allegro maestoso

Quasi adagio –

Allegretto vivace – Allegro animato –

Allegro marziale animato

Béla Bartók (1881-1945)

Tanz-Suite

Solist: Dominic Chamot, Klavier

Philharmonisches Orchester Vorpommern

Dirigent: GMD Florian Csizmadia

Öffentliche Generalprobe

Mo 24.02.2025, Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal Konzerte

Di 25.02.2025, Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal

Mi 26. & Do 27.02.2025, Stralsund: Großes Haus

Das Konzert am 27.02.2025 wird vom NDR mitgeschnitten und am 06.04.2025 ausgestrahlt.

Liebe GĂ€ste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer AuffĂŒhrungen aus urheberrechtlichen GrĂŒnden untersagt sind. Vielen Dank.

Dominic Chamot

Der Pianist wurde 1995 in Köln geboren. Er gewann bisher ĂŒber dreißig Preise und Auszeichnungen und gehört damit zu den erfolgreichsten Pianisten seiner Generation. 2023 erhielt er den ersten Preis des Viotti-Wettbewerbs. Bereits als Jugendlicher startete er seine Karriere als „Nachwuchstalent“, indem er im Alter von nur zwölf Jahren in die Klasse von Prof. Sheila Arnold im Pre-CollegeCologne der HfMT Köln aufgenommen wurde, die ihm entscheidende musikalische Impulse gab. Bald darauf folgten internationale Auszeichnungen in Berlin, Zwickau, Enschede, Weimar, Köln usw. sowie Auftritte in großen SĂ€len wie der Berliner und Kölner Philharmonie, dem Wiener Musikverein und der Laeiszhalle Hamburg. Allerdings entschied Chamot, sich zunĂ€chst vom Konzertleben zurĂŒckzuziehen und bei dem renommierten PĂ€dagogen Claudio Martinez-Mehner in Basel zu studieren, um sein Spiel zu verfeinern. Sein Bachelor- und Masterstudium als Specialised Performance-Solist hat er jeweils mit Höchstnote und Auszeichnung abgeschlossen, und im Juni 2023 schloss er sein Studium in PĂ€dagogik bei Zoltan Fejervari ab. In dieser Zeit hat er sich einen Ruf als vielseitiger KĂŒnstler erworben, der ihn zu stĂ€ndig wachsenden Engagements auf verschiedenen Gebieten gefĂŒhrt hat. So trat er zuletzt

mehrfach in der Berliner Philharmonie auf, gewann einige der exklusivsten Stipendien der Schweiz und wurde vom WDR Sinfonieorchester als Solist in die Kölner Philharmonie eingeladen. Daraufhin folgten weitere Einladungen von Orchestern in ganz Deutschland. In New York begeisterte er das Publikum mit seinem Auftritt in der Steinway Hall im Rahmen des „Classical Bridge Festival“.

Von 2011-14 war Dominic Chamot Stipendiat der „JĂŒrgen Ponto-Stiftung“ und der „Deutschen Stiftung Musikleben“. Von 2018-20 erhielt er den Studienpreis des Migros-Kulturprozent, und 2020 wurde er fĂŒr das Stipendium der Lieven Piano Foundation ausgewĂ€hlt. Der Pianist und Kritiker Hannes Sonntag beschreibt ihn so: „Dominic Chamot erschafft jenes nachhaltige emotionale Erlebnis, um dessentwillen allein wir letztlich Musik machen oder hören!“

Dominic Chamot, der sein DebĂŒt am Theater Vorpommern in der Spielzeit 2023/24 mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 feierte, ist mit der Interpretation der beiden Klavierkonzerte von Liszt nun erneut als Solist mit dem Philharmonischen Orchester Vorpommern zu erleben.

Das heutige Konzertprogramm vereint Werke von drei ungarischen Komponisten aus zwei verschiedenen Generationen, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem kulturellen Erbe umgegangen sind.

Inwieweit man Franz Liszt tatsĂ€chlich als genuin ungarischen Komponisten ansehen kann, ist eine diffizile Frage, die sowohl aufgrund der wechselvollen Geschichte Ungarns als auch der notorischen Rast- und Heimatlosigkeit Liszts nicht einfach zu beantworten ist. Liszt wurde im burgenlĂ€ndischen Raiding geboren, das 1811 zu Ungarn gehörte, aber mehrheitlich deutschsprachig war. Bereits im Kindesalter lebte Liszt in Wien, als Jugendlicher dann in Paris. Französisch war fortan in Wort und Schrift die von ihm bevorzugte Sprache, Ungarisch hingegen hat er nie gelernt. Nach Ungarn reiste Liszt erstmals erst 1839, wo er schnell zum Nationalhelden avancierte. Es gehört allerdings zu den vielen RĂ€tseln um diesen enigmatischen Komponisten, dass man nicht recht erkennen kann, wieviel an seiner zunehmenden Profilierung als ungarischer Komponist echt war – und wie viel Selbstinszenierung.

Jedenfalls begann Liszt, sich mit der ungarischen Volksmusik zu beschĂ€ftigen – oder dem, was er (wie auch seine Zeitgenossen) dafĂŒr hielt: In seiner Schrift „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn“ (1859) ist Liszt der irrigen Ansicht erlegen, die Musik, die er in

Ungarn kennenlernte, verwendete und nachahmte, sei ungarische Folklore. In Wirklichkeit handelte es sich um eine volkstĂŒmliche Form der Kunstmusik, komponiert von Dilettanten und unbekannten Kleinmeistern, die das stereotype Bild der damals so genannten „Zigeunermusik“ prĂ€gte: in der Kunstmusik perpetuiert durch Liszts Ungarische Rhapsodien, Brahms‘ Ungarische TĂ€nze und einen bestimmten Typus der Wiener Operette (LĂ©har, KĂĄlman und andere) – und gleichzeitig in der volkstĂŒmelnden Restaurant- und CafĂ©hausMusik zum Klischee erstarrt.

Erst die wissenschaftlich fundierte ethnologische Forschung von BĂ©la BartĂłk und ZoltĂĄn KodĂĄly ab ca. 1905 erschloss die wirkliche ungarische Volksmusik. Wenn wir dennoch Liszt in einem ungarischen Konzertprogramm Raum geben, so geschieht das nicht, weil er bis heute durchaus auch im klischeehaften Sinn als ungarischer Komponist angesehen wird, sondern weil er auf seine Weise Teil der ungarischen Kulturgeschichte geworden ist. Es spricht fĂŒr gebildete MĂ€nner wie BartĂłk und KodĂĄly, dass sie dies erkannten und Liszt trotz aller WidersprĂŒche als Wegbereiter der Moderne ansahen und sich von

seinem Schaffen beeinflussen ließen. So sah Bartók in Liszt bis an sein Lebensende „trotz mancher mir weniger sympathischer Äußerlichkeiten“ eines seiner wichtigsten Vorbilder.

Es sollte erwĂ€hnt werden, dass BartĂłks und KodĂĄlys Forschung und die Verwendung der Ergebnisse in ihrer Musik keinen nationalistischen Hintergrund hatten. Ihr Bestreben war die Schaffung einer nationalen ungarischen Musik, und sie erkannten, dass sie dafĂŒr zu den kulturellen Wurzeln ihres Volkes zurĂŒckkehren mussten. Sie wussten aber auch, dass ein exklusiver Rekurs auf die ungarische Folklore einen guter Kunstmusik abtrĂ€glichen Provinzialismus zur Folge gehabt hĂ€tte und dass es deshalb darum gehen musste, die ungarische Musik in einem paneuropĂ€ischen Kontext zu sehen. KodĂĄly hat diesen Anspruch in die Worte gefasst: „Je mehr wir mit der europĂ€ischen Kultur verbunden sind, desto mehr wĂ€chst unsere eigene. Abgeschlossenheit von dieser Kultur wĂŒrde auch unsere nationalen ZĂŒge verkĂŒmmern lassen.“ Und BartĂłk ging es dezidiert um eine „VerbrĂŒderung der Völker“ und um „eine Synthese von Ost und West“.

BartĂłk und KodĂĄly waren fast gleich alt und eng befreundet, entwickelten aber dennoch sehr unterschiedliche musikalische Sprachen, sodass die Kombina-

tion mit Werken von Liszt einen Konzertabend garantiert, der alles andere als monoton ist.

ZoltĂĄn KodĂĄly: TĂ€nze aus GalĂĄnta

„Wenn Sie mich fragen, in welchen Werken der ungarische Geist am vollkommensten zum Ausdruck gebracht wurde, kann ich Ihnen darauf nur die Antwort geben: in den Werken Kodálys. Diese Werke sind das Glaubensbekenntnis der ungarischen Seele.“

Béla Bartók, 1928

KodĂĄlys „TĂ€nze aus GalĂĄnta“ entstanden 1933 zum 80. Geburtstag der Budapester Philharmonischen Gesellschaft. Der Komponist hatte in seiner Kindheit sieben Jahre in GalĂĄnta gelebt, einer damals ungarischen Kleinstadt in der heutigen Slowakei. Alle Themen stammen aus einer um 1800 veröffentlichten Sammlung mit Musik der lokalen „Zigeuner“-Kapelle, sind also keine genuine Volksmusik, sodass das Werk Liszts Ungarischen Rhapsodien nahesteht. FĂŒr das Werk eines Musikethnologen mag dies auf den ersten Blick verwundern, kann aber daraus erklĂ€rt werden, dass die Komposition ein GegenstĂŒck zu den „MarosszĂ©ker TĂ€nzen“ (1927/30) ist, die auf originaler transsilvanischer Volksmusik basieren. Mit diesen zwei Werken hat KodĂĄly beide Entwicklungsströme ungarischer Musiktradition, die „echte“ Volksmusik sowie die volkstĂŒmliche Unterhaltungsmusik, sinfonisch genutzt.

Die „TĂ€nze aus GalĂĄnta“ bestehen aus einer Einleitung, fĂŒnf TĂ€nzen und Finale, die ohne Unterbrechung ineinander

ĂŒbergehen, wobei die refrainartige Reminiszenz des ersten Tanzes das Werk gliedert und ihm eine rondoĂ€hnliche Struktur verleiht. Die Form ist damit derjenigen von BartĂłks Tanz-Suite eng verwandt.

Die langsame Einleitung prĂ€sentiert ein Melodiefragment nacheinander in Celli, Horn und HolzblĂ€sern, alternierend dazu erklingen irisierende, impressionistisch wirkende Streicherfigurationen. Die Klarinette exponiert nach einer Solo-Kadenz sodann das Thema des melancholischen ersten Tanzes, der an den langsamen ersten Teil eines CsĂĄrdĂĄs erinnert. Eine kurze Beschleunigung fĂŒhrt zum zweiten Tanz, in dem die Flöten prominent hervortreten; trotz des bewegteren Tempos bleibt die Musik charakterlich noch eingedunkelt und in Moll. Auf die vom vollen Orchester gespielte Reminiszenz an den ersten Tanz schließt sich der im Tempo noch weiter gesteigerte dritte Tanz an, dessen rustikale Melodie durch die Verwendung der Oboe und einer ostinaten Beglei-

tung der Streicher dudelsackĂ€hnlichen Charakter erhĂ€lt. Nach der nĂ€chsten Reminiszenz an den ersten Tanz, wiederum im vollen Orchester, erklingt in abermalig gesteigertem Tempo der vierte Tanz, der durch die fast durchgehende Verwendung von Synkopen einen mitreißenden rhythmischen Sog entwickelt und mit einer nochmaligen Temposteigerung einem Höhepunkt zustrebt. Der humorvolle fĂŒnfte Tanz

ist demgegenĂŒber in Tempo und Ausdruck wieder etwas zurĂŒckgenommen und verklingt allmĂ€hlich in der Ferne, worauf sich nahtlos das Finale anschließt. Eine virtuose Steigerung fĂŒhrt zu einem scheinbar unĂŒberbietbaren Höhepunkt – an dem die Musik jedoch ĂŒberraschend abreißt: Die HolzblĂ€ser spielen eine vertrĂ€umte letzte Reminiszenz an den ersten Tanz, ehe das Werk in ekstatischem Taumel ausklingt.

Franz Liszt: Klavierkonzerte

„Liszt sagt in seinen Werken, verstreut zwischen vielen Schablonen, mehr Neues als viele andere Komponisten, die das Durchschnittspublikum hĂ€ufig höher schĂ€tzt.“

Béla Bartók, 1911

Nach Jahren als reisender Klaviervirtuose, in denen Liszt weitgehend ohne festen Wohnsitz tausende Konzerte in ganz Europa gegeben und vorrangig hochvirtuose Klaviermusik geschrieben hatte, ließ er sich 1848 als Hofkapellmeister in Weimar nieder, wo er fĂŒr ein Jahrzehnt vergleichsweise sesshaft wurde. Hier setzte er sich als Dirigent insbesondere fĂŒr die Moderne ein, und auch wenn er sein Ziel nur bedingt erreichte, Weimar zu einem musikalischen GegenstĂŒck zur literarischen Weimarer Klassik zu machen, so war doch entscheidend, dass diese Zeit fĂŒr ihn eine Hinwendung zum Orchester mit sich brachte. In Weimar entstand der Großteil seiner Orchesterwerke, darunter fast alle Sinfonischen Dichtungen, die beiden Sinfonien und auch die zwei Klavierkonzerte.

Mit der Sinfonischen Dichtung schuf Liszt eine neue musikalische Gattung, als deren Errungenschaft seit jeher angesehen (und oft kritisiert) wurde, dass sie außermusikalische Anregungen verarbeitet, deren eigentliche musikalische

Errungenschaft jedoch darin besteht, dass sie komplexe formale Neuerungen enthĂ€lt, die sich Ă€hnlich auch in den Klavierkonzerten finden. Dass diese in Weimar und nicht wĂ€hrend Liszts Virtuosen-Jahren entstanden, hatte Auswirkungen auf die Gestaltung der Werke: Anders als man es von einem Klaviervirtuosen vielleicht erwarten wĂŒrde, rĂ€umt Liszt dem Orchester eine wichtige Position ein. Es ist nie in reiner Begleitfunktion eingesetzt, sondern agiert mit dem Solisten auf Augenhöhe. Dies zeigt sich insbesondere an den zahlreichen kammermusikalischen Partien, in denen nicht selten das Klavier Solo-Instrumente des Orchesters begleitet. Dass die strikte Trennung in Tutti und Solo aufgehoben ist, zeigt sich sofort am Beginn beider Konzerte, die das jeweilige Hauptthema in enger Interaktion von Klavier und Orchester prĂ€sentieren; und auch wenn es beiden Werken nicht an technischen Schwierigkeiten fĂŒr den Solisten mangelt, findet sich – anders als in der Mehrzahl romantischer Konzerte – kein Platz fĂŒr eine ausgedehnte Solo-Kadenz.

Beide Konzerte verwirklichen auf unterschiedliche Weise das von Liszt maßgeblich entwickelte Konzept, die einzelnen SĂ€tze oder Abschnitte eines großformatigen Werkes zusammenzuziehen und auf gemeinsamem Material aufzubauen, wobei dieses durch bestĂ€ndige Variation und Transformation weiterentwickelt wird. Liszts Vorbilder hierfĂŒr sind bekannt: Carl Maria von Webers KonzertstĂŒck (1821) und Franz Schuberts „Wanderer-Fantasie“ (1822). Auf Liszts Ausformung und Weiterentwicklung der sogenannten „zyklischen Form“ beriefen sich zahlreiche Zeitgenossen und spĂ€tere Generationen, darunter neben den Komponisten der Zweiten Wiener Schule auch BartĂłk, der Liszts 1. Klavierkonzert bezeichnete als „die erste vollkommene Verwirklichung der zyklischen Sonatenform, mit gemeinsamen Themen, die nach dem Variationsprinzip gehandhabt sind“.

Beide Klavierkonzerte entstanden zeitgleich: Nr. 1 basiert auf Skizzen von 1830 und wurde ab 1849 ausgearbeitet; die UrauffĂŒhrung fand 1855 in Weimar statt mit Liszt am Klavier und Hector Berlioz am Dirigentenpult. Nr. 2 wurde bereits 1839 begonnen, jedoch erst 1857 in Weimar uraufgefĂŒhrt; Liszt ĂŒberließ den Solopart seinem SchĂŒler Hans von Bronsart, wĂ€hrend er selbst dirigierte. An die jeweiligen UrauffĂŒhrungen schloss sich ein Revisionsprozess an,

sodass man streng genommen nicht von einem frĂŒheren und einem spĂ€teren Werk sprechen kann, sondern eher von zwei gleichzeitig unternommenen und durchaus unterschiedlich ausgefallenen Versuchen, das romantische Instrumentalkonzert neu zu prĂ€gen. Aufgrund ihrer KĂŒrze – auch dies ein auffallendes Merkmal – ist es nicht nur möglich, sondern sogar sinnvoll, sie gleichsam als zwei Seiten einer Medaille im selben Konzert zu prĂ€sentieren.

Das 2. Klavierkonzert, das wir aus dramaturgischen GrĂŒnden zuerst spielen, besitzt eine einsĂ€tzige Struktur, die keine tradierte Form mehr erkennen lĂ€sst. Das gesamte Werk basiert auf vier Themen, die sukzessive exponiert und sodann variiert und transformiert werden. Formale ZĂ€suren, die die Struktur in (je nach Auffassung) vier oder sechs Teile gliedern, lassen das Werk nicht als Zusammenschluss traditionell gestalteter EinzelsĂ€tze erscheinen, sondern ergeben eher das Bild einer völlig individuell entwickelten Form.

Das 1. Klavierkonzert hingegen lĂ€sst in seiner einsĂ€tzigen Struktur die traditionellen EinzelsĂ€tze klar durchscheinen, allerdings nicht die drei SĂ€tze des klassischen Konzerts, sondern – auch das eine Neuerung – die vier SĂ€tze der Sinfonie, die nahtlos ineinander ĂŒbergehen: Auf einen knapp gestalteten

Kopfsatz folgt der langsame Satz. Das Scherzo fĂ€llt auf durch den prominenten solistischen Einsatz der Triangel, der den Wiener Kritiker-Papst Eduard Hanslick dazu veranlasste, dem Werk den (abwertend gemeinten) Beinamen „Triangel-Konzert“ zu verleihen. Dies sagt allerdings weniger ĂŒber Liszt aus als ĂŒber die damals schwelenden GrabenkĂ€mpfe in der Musikpresse, denn Hanslick beschwerte sich keineswegs ĂŒber die Triangel in Robert Schumanns erster oder Johannes Brahms‘ vierter Sinfonie. Das Finale rekapituliert das Material der vorangegangenen SĂ€tze, wobei (wie auch im 2. Konzert und in beiden FĂ€llen fĂŒr den Hörer kaum erkennbar) das martialische Hauptthema aus dem Thema des langsamen Satzes gewonnen ist.

Béla Bartók: Tanz-Suite

„Bartók ‚bearbeitet‘ die Volksmelodien nicht als Themen, sondern dringt in ihren Geist ein und bildet aus ihnen wie aus einer formlosen Materie seine eigene Musik.“

ZoltĂĄn KodĂĄly, 1921

Wie KodĂĄlys „TĂ€nze aus GalĂĄnta“, so war auch BartĂłks Tanz-Suite ein Auftragswerk zu einem JubilĂ€um, in diesem Fall 1923 der 50. Jahrestag der Vereinigung der StĂ€dte Buda und Pest zur Hauptstadt Budapest (KodĂĄly steuerte zu diesem Anlass ĂŒbrigens mit dem „Psalmus hungaricus“ eines der bedeutendsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts bei).

Ein Gelegenheitswerk durfte man von BartĂłk nicht erwarten; stattdessen schrieb er ein ebenso farbiges wie virtuoses KonzertstĂŒck, das beeinflusst ist von seiner Volksmusik-Forschung.

Gleichwohl ist keines der Themen folkloristischen Ursprungs, sondern BartĂłks eigene Erfindung, inspiriert nicht nur von seiner Kenntnis der ungarischen, sondern auch der rumĂ€nischen und arabischen Folklore – eine „imaginĂ€re Volksmusik“ (S. Moreux), in der mit den Mitteln der Kunstmusik die Volksmusik „nachgebildet, im Geiste neu geschaffen“ wird (B. Szabolcsi). BartĂłk hat seinen eigenen Anspruch wie folgt formuliert: „Die [
] höchste Stufe ist erreicht, wenn der Komponist weder ‚echte‘ noch ‚imitierte‘ Bauernmelodien

in seiner Musik ‚bearbeitet‘, sondern so schreibt, daß seine Musik die gleiche AtmosphĂ€re schafft wie die echte Volksmusik.“ FĂŒr ihn waren es die Werke KodĂĄlys, „die dafĂŒr die schönsten Beispiele bieten“, was aber nur ein Beleg fĂŒr BartĂłks sprichwörtliche Bescheidenheit ist, denn seine eigenen Werke und nicht zuletzt die Tanz-Suite sind herausragende Beispiele fĂŒr eine nicht minder kreative und wirkungsvolle Weiterentwicklung folkloristischer EinflĂŒsse. Die Suite besteht aus fĂŒnf SĂ€tzen, die mit einer Ausnahme ohne Unterbrechung aufeinander folgen. Nr. 1 und 2 sowie Nr. 4 und 5 werden durch eine „Ritornello“ (Refrain) bezeichnete Passage getrennt; abgeschlossen wird die Suite durch ein Finale. Eine ZĂ€sur nach Nr. 3 gliedert das Werk nach dem Prinzip des Goldenen Schnitts. Der Orchesterklang wird unter anderem geprĂ€gt durch die Einbeziehung von Klavier und Celesta sowie durch eine geradezu konzertante Behandlung des Klangkörpers, die auf BartĂłks Meisterwerk aus spĂ€teren Jahren, das Konzert fĂŒr Orchester (1943), vorausweist.

saune geprĂ€gt. Die Melodie des Ritornells erklingt erstmals in den Violinen. Die stĂŒrmische Nr. 2 ist von ungarischer Folklore beeinflusst, wĂ€hrend sich in Nr. 3 „ungarische, rumĂ€nische und selbst arabische EinflĂŒsse“ (BartĂłk) mischen und die Musik zu einem ersten virtuosen Höhepunkt gefĂŒhrt wird. Nach der ZĂ€sur folgt mit Nr. 4 ein arabisch inspirierter Tanz, dessen Melodik sich durch die Verwendung entsprechender Tonleitern deutlich vom westeuropĂ€ischen Dur-Moll-System unterscheidet. In Nr. 5 liegt das Hauptaugenmerk nicht auf der Melodik, sondern insbesondere auf der Rhythmik. Es schließt sich das Finale an, in dem mit Ausnahme von Nr. 4 die Themen aller TĂ€nze rekapituliert werden und die Musik sich furios steigert. Ähnlich wie in den „TĂ€nzen aus GalĂĄnta“ ist eine zarte Reminiszenz an das Ritornell eingeschoben, bevor das Werk ebenso virtuos wie wirkungsvoll endet.

zur vordersten Front der musikalischen Avantgarde und stieß mit seiner Musik zumeist auf UnverstĂ€ndnis (ganz besonders in seiner Heimat, wo er eher respektiert als verehrt wurde), so war ihm hier ein Werk gelungen, das ungleich „populĂ€rer“ ist, dabei aber gleichwohl in der Verwendung der Mittel nicht hinter den scheinbar avantgardistischeren vorausgehenden Werken zurĂŒckbleibt.

Vorschau

6. Philharmonisches Konzert

„Musik ist hörbare Farbenvielfalt.“ Georg-Wilhelm Exler

Modest Mussorgskij

„Eine Nacht auf dem kahlen Berge“

Bearbeitung von Nikolai Rimskij-Korsakow

André Waignein

Rhapsodie fĂŒr Alt-Saxophon und Orchester

Manuel de Falla

Suite Nr. 2 aus dem Ballett „El sombrero de tres picos“ („Der Dreispitz“)

Nikolaj Rimskij-Korsakow

„Scheherazade“ op. 35

Solist: Roman Markelov, Saxophon

Philharmonisches Orchester Vorpommern

Dirigent: José María Moreno

Konzerte

Di 25.03.2025, 19.30 Uhr Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal

Mi 26. & Do 27.03.2025, 19.30 Uhr Stralsund: Großes Haus

Impressum

Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH

Stralsund – Greifswald – Putbus

Spielzeit 2024/25

GeschĂ€ftsfĂŒhrung: AndrĂ© Kretzschmar

Textnachweise:

Redaktion: Stephanie Langenberg

Gestaltung: Öffentlichkeitsarbeit TVP / Bartels

1. Auflage: 500

Druck: Flyeralarm www.theater-vorpommern.de

Bei den Texten handelt es sich – sofern nicht anders vermerkt – um OriginalbeitrĂ€ge von Dr. Florian Csizmadia.

Bildnachweise: Cover: Philharmonisches Orchester Vorpommern © Peter van Heesen; S. 2: Dominic Chamot © privat. Alle ĂŒbrigen Fotos sind rechtefreie Bilder der Websites Pixabay, Unsplash und Wikimedia Commons.

Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die UniversitĂ€ts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-RĂŒgen

Es wird gefördert durch das Ministerium fĂŒr Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

VON

BANKSY. BACH

Kulturpartner des Theater Vorpommerns

www.theater-vorpommern.de

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