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Dichtung und Literaturkritik

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JOHANN GEORG SULZER GESAMMELTE SCHRIFTEN 1 KURZER BEGRIFF ALLER WISSENSCHAFTEN Erste (1745) und zweite (1759) Auflage

2 SCHRIFTEN ZU PSYCHOLOGIE UND ÄSTHETIK 3 ALLGEMEINE THEORIE DER SCHÖNEN KÜNSTE 4 SCHRIFTEN ZU PHILOSOPHIE UND RELIGION 5 SCHRIFTEN ZU NATURKUNDE UND NATURPHILOSOPHIE 6 SCHRIFTEN ZUR PÄDAGOGIK 7 DICHTUNG UND LITERATURKRITIK 8 REISEBERICHTE, SCHRIFTEN ZUR GEOGRAFIE 9 LEBENSZEUGNISSE 10 JOHANN GEORG SULZER – JOHANN JAKOB BODMER. BRIEFWECHSEL

Band 7 der «Gesammelten Schriften» von Johann Georg Sulzer bietet erstmals eine philologisch zuverlässige Präsentation sowie eine detaillierte Kommentierung und Kontextualisierung von Sulzers Beiträgen zur Dichtung und Literaturkritik der Aufklärungsepoche. Abhandlungen, Vorreden und Rezensionen dokumentieren Sulzers vielfältige Partizipation an den literarischen Debatten seiner Zeit. Zugleich rückt Sulzer selbst als Dichter ins Blickfeld, der etwa die Erzählung «Damon oder die platonische Liebe» und das Schauspiel «Cymbelline» verfasste. Die versammelten literarischen und literaturkritischen Texte umfassen Sulzers gesamte Schaffensphase (1745–1779) und stellen eine entscheidende Schnittstelle zu weiteren Bänden der Edition dar, etwa zu den ästhetischen und philosophischen Schriften (Band 2, 3 und 4) und zu dem Briefwechsel Sulzers mit Johann Jakob Bodmer (Band 10). DIE BANDHERAUSGEBER Annika Hildebrandt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen; derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitation. Für ihre Dissertation (Die Mobilisierung der Poesie. Literatur und Krieg um 1750) erhielt sie 2018 den Wilhelm-Scherer-Preis. Ihre Schwerpunkte sind Literatur- und Gesellschaftskonzepte, Gattungstheorie und -geschichte, speziell Geschichte des populären Lieds. Steffen Martus ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2015 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seine Schwerpunkte sind Geschichte und Theorie der Geisteswissenschaften, Literaturgeschichte des 18.Jahrhunderts bis zur Gegenwart; zuletzt erschienen: Aufklärung. Das deutsche 18.Jahrhundert – ein Epochenbild.

JOHANN GEORG SULZER GESAMMELTE SCHRIFTEN

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JOHANN GEORG SULZER GESAMMELTE SCHRIFTEN BAND 7

DICHTUNG UND LITERATURKRITIK

ZUR AUSGABE Die Edition der Gesammelten Schriften Johann Georg Sulzers präsentiert sein Werk in philologisch zuverlässiger Form und mit fachkundiger Einleitung und Kommentierung. Die Ausgabe ist vom Bestreben geleitet, Johann Georg Sulzer (1720–1779) den ihm angemessenen Platz in der Aufklärung einzuräumen. Der Schweizer Aufklärer war lange als Pädagoge tätig und von 1750 bis zu seinem Tod führendes Mitglied der Académie Royale in Berlin. Die Perspektive, aus der heraus Sulzer bisher wahrgenommen wurde, gestattete es nicht, seiner Rolle als Aufklärer, der die Grenzen der Aufklärung als anthropologisches Faktum aufklärungskonstitutiv mitreflektierte, gerecht zu werden. Mit der Rekonstruktion seines Denkens im Kontext von Wissensund Wissenschaftsgeschichte, Philosophie, Erkenntnistheorie, Psychologie, Ästhetik und Pädagogik soll diese Edition zu einem differenzierteren Aufklärungsverständnis beitragen. Sulzer ist ein herausragendes Beispiel der Dialektik von Affirmation und Subversion in der Aufklärung. Darüber hinaus dokumentieren seine Schriften die grenzüberschreitende Wirkung aufklärerischen Denkens und Handelns und sind damit Teil des lebhaften europäischen Dialogs im 18. Jahrhundert. DIE HERAUSGEBER Hans Adler ist Halls-Bascom Professor em. an der University of Wisconsin-Madison. 1995 bis 1999 war er Präsident der Internationalen Herder-Gesellschaft, 2001 bis 2019 Herausgeber der Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur. Er ist Träger der Herder-Medaille (2012) und des Alexander von Humboldt-Forschungspreises (2016) und hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zu Literatur, Philosophie, Ästhetik und Theorie vom 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart veröffentlicht. Elisabeth Décultot ist seit 2015 Professorin für neuere deutsche Literatur an der Universität Halle. Zuvor war sie Directrice de Recherche im Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. 2015 wurde ihr eine Alexander von HumboldtProfessur verliehen. Sie hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Literatur und zum Kunstdiskurs des 18. und 19.Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des europäischen Wissenstransfers veröffentlicht.

Schwabe Verlag www.schwabe.ch

Schwabe_Sulzer_GS_Bd7_Umschlag.indd 1

ISBN 978-3-7965-3813-1

14.02.20 11:57


J O HA N N G E O R G S U L Z E R

G E S A M M E LT E S C H R I F T E N KO M M E N T I E RT E AU S G A B E

H E R AU S G E G E B E N VO N HA N S A D L E R U N D E L I S A B E T H D É C U LT O T

BA N D 7

S C H WA B E V E R L AG


J O HA N N G E O R G S U L Z E R

DICHTUNG UND L I T E R AT U R K R I T I K H E R AU S G E G E B E N VO N A N N I K A H I L D E B R A N D T U N D S T E F F E N M A RT U S

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2020

978 3 7965 3813 1 978 3 7965 4063 9 10 24894 978 3 7965 4063 9


Inhalt Zu dieser Ausgabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI Editorische Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XXV 1. Beantwortung der Critick, über Thyrsis und Damons Freundschaftliche Lieder, Welche in dem 200ten Stück des hamburgischen CORRESPONDENTENS vom Jahr 1745. anzutreffen ist. Verfasset von Damon und seinem Freunde (mit Samuel Gotthold Lange, 1746) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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2. Denckmal Der seltenen Verdienste um gantz Deutschland, welche Ihro Magnificenz und Hochedelgebl. Herr Johann Christoph Gottsched, öffentl. Lehrer der Weltweißheit und Dichtkunst zu Leipzig besitzet. Aufgerichtet von allen redlich gesinneten Deutschen. Nebst einem Merckwürdigen Anhange, unter dem Titel des Zweyten Theils (mit Samuel Gotthold Lange, 1746) . . .

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3. Vorrede (Freundschaftliche Briefe, mit Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Samuel Gotthold Lange, 1746) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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4. Erinnerung wegen dieser neuen Ausgabe (Johann Jakob Bodmer: Pygmalion und Elise, 1749) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

74

5. Damon. Oder die platonische Liebe (1749) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

77

6. An den Leser des Herausgebers (Johann Jakob Bodmer: Noah. Dritter Gesang, 1750) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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7. Vorbericht (Critische Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit, 1750) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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8. Daphnis an Silen (1750) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

98

9. Noah, ein Helden Gedicht. C’est-à-dire, Noé, Poëme Epique (1751) . . . . . 114 9.a. Übersetzung: Noah, ein Heldengedicht. Leipzig 1750 (2018) . . . . . . . . . 126


VI

Inhalt

10. Gedanken von dem vorzüglichen Werth der Epischen Gedichte des Herrn Bodmers (1754) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 11. Herr Prof. Sulzers Schreiben von dem Unterschiede seines Wörterbuchs der schönen Wissenschaften und des Gottschedischen Handlexicons (1760) . 153 12. Réfléxions philosophiques sur l’utilité de la poësie dramatique dramatique (1760) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 12.a. Übersetzung: Philosophische Betrachtungen über die Nutzlichkeit der dramatischen Dichtkunst (1773) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 13. Ueber Herrn Winkelmanns Anmerkungen über die Baukunst der Alten (1761) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 14. Vorrede (Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte, 1764) . . . . . . . . . 200 15. Cymbelline, König von Britannien. Ein Trauerspiel. Nach einem von Shakesspear erfundenen Stoff (1772) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 Herausgebereingriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451 Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 455 Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459 Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507


Zu dieser Aus gabe Die vorliegende Edition ausgewählter Schriften Johann Georg Sulzers hat den Zweck, dem Autor in der gegenwärtigen und zukünftigen Diskussion zum 18. Jahrhundert und zur Aufklärung den ihm angemessenen Platz einzuräumen. Herausgeberin und Herausgeber gehen davon aus, dass die Perspektive, aus der heraus Sulzer bisher mehrheitlich wahrgenommen wurde, es nicht gestattete, seiner symptomatischen Rolle als Aufklärer, der die Grenzen der Aufklärung als Bedingungen der Kultur und der Wissenschaften seiner Zeit reflektierte, gerecht zu werden. Als Grundlage für diese Neuperspektvierung werden hier philologisch zuverlässige Texte präsentiert, um sie durch detaillierte Kommentierung und Kontextualisierung in ihrem historisch-systematischen Profil sichtbar werden zu lassen. In ihrer Gesamtheit sollen die hier vorgelegten Schriften es ermöglichen, die Entwicklung von Sulzers Denken im Spannungsfeld von Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, Erkenntnistheorie, Psychologie, Ästhetik, Philosophie und Pädagogik zu rekonstruieren. Damit soll die vorliegende Edition auch dazu beitragen, überkommene und überholte Ansichten von der Aufklärung zu revidieren, und so die Tradition, die sich auf die Aufklärung beruft, kritisch zu beleuchten. Sulzers Schriften passen in ihrem Umgang mit Widersprüchen und Brüchen in der Wissensordnung der Zeit nicht nahtlos in das weitverbreitete Bild der Aufklärung als einer von einem einseitigen Rationalismus beherrschten Kultur. Sowohl Sulzers deutliche Verunsicherung gegenüber einem rationalistischen Reduktionismus als auch sein Versuch, die philosophischen Traditionen eher zu verbinden als gegeneinander auszuspielen, machen ihn zu einer interessanten Figur im komplexen Tableau der Aufklärung. An ihm zeigt sich geradezu exemplarisch, wie sich Aufklärung nach 1750 selbst thematisiert und problematisiert und sich in diesem Prozess der Selbstreflexion der hohen Komplexität des Vorhabens ‹Aufklärung› auch durch Ergründung der eigenen Grenzen stellt. Außerdem wird an und in Sulzers Schriften deutlich, wie sehr Aufklärung eine transnationale Bewegung mit bisweilen paradox erscheinenden nationalen Vorurteilen ist. Die Entscheidung, von den Akademie-Schriften weitgehend sowohl die französischen wie die deutschen Versionen aufzunehmen, soll in Erinnerung rufen, wie sehr die Berliner Akademie von der damaligen europäischen lingua franca, dem Französischen, geprägt war. Darüber hinaus sollen die französischsprachi-


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Zu dieser Ausgabe

gen Texte einen Beitrag zur Dokumentierung und Erforschung des deutschfranzösischen Wissenstransfers im 18. Jahrhundert liefern. Sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihrer Rezeptionsgeschichte können Sulzers Schriften als ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung in Deutschland, der Schweiz und Frankreich – und damit zum europäischen intellektuellen Dialog im 18. Jahrhundert – betrachtet werden. Im Februar 2019

Hans Adler (Madison, Wisconsin) Elisabeth Décultot (Halle/Saale)


Dank Wir danken Elisabeth Décultot und Jana Kittelmann, die ihr Wissen zu Sulzer großzügig geteilt und uns bei Recherchen sowie bei der editorischen Bearbeitung dieses Bandes unterstützt haben. Hans Adler und Martin Dönike haben uns viele wichtige Hinweise gegeben. Andrea Thiele und Martin Kühnel sind wir für die Transkription der Texte zu Dank verpflichtet, Dieter Hornig und Christian Helmreich für die Übersetzung der französischsprachigen Texte. Die studentischen Hilfskräfte der Alexander von Humboldt-Professur für neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer der Universität Halle Malte Apmann, Baptiste Baumann, Vincent Kleinbub und Lioba Theune haben zur Erstellung der Bibliografie und der Register beigetragen. Ronny Edelmann hat bei der Kollationierung und Formatierung der Texte umsichtig geholfen.


E inleitung Joha n n Georg Sulzer in den lite rarischen D iskursen des 18. Jahrhunderts Annika Hildebrandt und Steffen Martus Johann Georg Sulzers dichterische und literaturkritische Werke zählen zu den Gelegenheitsschriften des Gelehrten. Seine Artikel in Zeitungen und Journalen, seine literaturtheoretischen Stellungnahmen zu bestimmten Anlässen und seine punktuellen dichterischen Versuche begleiteten die literarischen Debatten des 18. Jahrhunderts eher, als dass sie diese entscheidend prägten: Überwiegend trugen diese Texte zu Kontroversen bei, die Sulzer nicht selbst anstiftete, sondern in denen er sich nur als eine Stimme unter anderen zu Wort meldete. Oft verdankten sie sich Publikationsmöglichkeiten, die der Schweizer nur kurzzeitig nutzte, wie die Berliner Critischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit (1750–1752), die Nouvelle bibliotheque germanique (1746–1759) oder die Briefe, die Neueste Litteratur betreffend (1759–1765). Und nicht selten dienten sie schlicht der Vorbereitung und journalistischen Begleitung von größeren Projekten, die Sulzers Arbeitskraft hauptsächlich in Anspruch nahmen – allen voran der Allgemeinen Theorie der Schönen Künste (1771–1774), die seit Mitte der 1750er Jahre im Zentrum seiner literaturtheoretischen Überlegungen stand.1 Besonders den poetischen Versuchen des Schweizers, der rasch als «Weltweiser» kanonisiert wurde, schrieben dabei schon die Zeitgenossen einen marginalen Status zu. So 1

Zur Entstehungsgeschichte der Allgemeinen Theorie vgl. Elisabeth Décultot: Johann Georg Sulzers «System der schönen Künste». In: Johann Georg Sulzer (1720–1779). Aufklärung zwischen Christian Wolff und David Hume. Hg. von Frank Grunert, Gideon Stiening. Berlin, Akademie-Verlag, 2011, S. 211–225, hier S. 219 f., sowie die Einführung zu WB in diesem Band. Erschienen ist Sulzers Enzyklopädie der Künste in den Jahren 1771 und 1774 (Johann Georg Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden, Artikeln abgehandelt, von Johann George Sulzer, Mitglied der Königlichen Academie der Wissenschaften in Berlin etc. Erster Theil, von A bis J. Leipzig, Weidemanns [sic] Erben und Reich, 1771; Zweyter Theil, von K bis Z. Leipzig, Weidmanns Erben und Reich 1774. Vgl. SGS, Bd. 3).


XII

Einleitung

formulierte Sulzers Freund und Biograf Hans Caspar Hirzel angesichts der Tragödie Cymbelline (1772) betont diplomatisch: «Diese Arbeit dient also zum Beweis, daß Philosophie und Geschmack Eigenschaften seien, die von dem poetischen Genie verschieden sind.» Auch wenn nicht davon auszugehen sei, dass die Dichter Sulzer «unter sich in den ersten Rang aufnehmen», so würden sie ihn stets als einen «Philosophen der Dichtkunst» verehren.2 Bereits die Rezipienten im 18. Jahrhundert zogen mithin eine klare Trennlinie zwischen Sulzers «großem» literaturtheoretischen Beitrag, der aus ihrer Sicht mit der Allgemeinen Theorie vorlag, und seinen kleineren Schriften zur Dichtung.3 An dieser Hierarchisierung hat sich seither wenig verändert. Bis in die Gegenwart wird das Korpus von Sulzers Dichtung und Literaturkritik in der Forschung weitgehend vernachlässigt oder sogar ausgeblendet. Dabei bieten diese Texte entscheidende Bezugspunkte, um Sulzers Beitrag zur Literatur- und Kunsttheorie in die literarischen Diskurse des 18. Jahrhunderts einzuordnen. Gerade aufgrund der situativen Motivationen lassen sich in ihnen besonders gut jene Eigenschaften erkennen, die seine Positionen zeittypisch machen: Im literaturkritischen Schlagabtausch treten die Vorbilder, Verbündeten und Gegner des Gelehrten prägnant hervor, seine Thesen werden in Relation zu konkurrierenden Ansätzen gesetzt und es erschließen sich die diskursgeschichtlichen Querverbindungen zwischen poetologischen, philosophischen und politischen Überlegungen, die auf den ersten Blick allenfalls lose Berührungspunkte aufweisen. Der Kommentar zum vorliegenden Band der Gesammelten Schriften setzt sich das Ziel, diese oft nur angedeuteten und für eingeweihte Zeitgenossen sichtbaren Verbindungen zu den literarischen Debatten der konfliktreichen Jahrzehnte in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu erschließen.⁴ Eine konzise Einführung scheint den vor allem situativ eingebetteten dichterischen und literaturkritischen Schriften dabei nur bedingt angemessen zu sein. Das Augenmerk wird in diesem Band mithin auf der genauen Erläuterung der einzelnen Texte im Kommentarteil liegen. Gleichwohl sollen an dieser Stelle drei Aspekte festgehalten werden, die 2 3 ⁴

Hans Caspar Hirzel: Hirzel an Gleim über Sulzer den Weltweisen. 2 Bde. Bd. 2, Zürich, Winterthur, Füessli und Steiner, 1779, S. 195. Zur Fokussierung der Sulzer-Rezeption auf die Allgemeine Theorie vgl. Elisabeth Décultot: J. G. Sulzer – Leben und Werk. In: SGS, Bd. 1, S. XIII–LV, hier S. XIII f. Zum Zeitraum um 1750 als Phase der literaturtheoretischen und -politischen Dynamisierung in der deutschsprachigen Aufklärung vgl. die Einleitung in Annika Hildebrandt: Die Mobilisierung der Poesie. Literatur und Krieg um 1750. Berlin, Boston, De Gruyter, 2019, S. 1–19.


Einleitung

XIII

für Sulzers dichtungstheoretisches Werk insgesamt charakteristisch sind: erstens sein symptomatischer Status für die Pluralisierung des literarischen Feldes im 18. Jahrhundert, zweitens seine zeittypische Frage nach einem «Wesen der Poesie» und drittens seine Suche nach einer – mehr oder weniger – stimmigen Synthese von traditionellen und innovativen Ansätzen in den poetologischen Diskursen des 18. Jahrhunderts.

1. Pluralisierung des literarischen Feldes um 1750 Bei der Formulierung seiner literaturtheoretischen Positionen war Sulzer mit einer spezifischen Herausforderung konfrontiert, die seine Schriften besonders erhellend für die Logiken der literarischen Kommunikation im 18. Jahrhundert macht. Als Schweizer, den es 1743 ins preußische Magdeburg verschlagen hatte,⁵ musste er sein Leben lang zwischen mehreren Loyalitäten vermitteln. Bei seinem Aufbruch hatte er dem Zürcher Literaturpapst Johann Jakob Bodmer zugesichert, ihn fortan über die «kritische[n] Streitigkeiten mit der Gottschedischen Schule»⁶ auf dem Laufenden zu halten. In Preußen angekommen, knüpfte er jedoch Kontakte zu jungen Autoren, die sich mit der Zeit immer weniger auf die starren Dualismen dieses «Dichterkriegs» festlegen ließen.⁷ Sulzers Standpunkt zwischen zwei Orten entwickelte sich damit bald zu einem Standpunkt zwischen zwei Dich-

⁵

⁶ ⁷

Dort nahm Sulzer eine Hauslehrerstelle bei dem Kaufmann Heinrich Wilhelm Bachmann an. Vgl. den autobiografischen Bericht in Johann Georg Sulzer: Kurze Nachricht von meiner Herkunft und von den wichtigsten Umständen meines Lebens. In: Johann George Sulzer’s ehedem Professors zu Berlin und Mitgliedes der Königlichen Akademie der Wissenschaften Lebensbeschreibung von ihm selbst aufgesetzt. Aus der Handschrift abgedruckt, mit Anmerkungen von Johann Bernhard Merian und Friedrich Nicolai. Berlin, Stettin, Nicolai, 1809, S. 7–68, hier S. 22 f. Vgl. SGS, Bd. 9. Ebd., S. 23. Zu dieser zentralen Konfliktgeschichte der literarischen Aufklärung vgl. Jürgen Wilke: Der deutsch-schweizerische Literaturstreit. In: Kontroversen, alte und neue. Bd. 2: Formen und Formgeschichte des Streitens. Der Literaturstreit. Hg. von Franz Josef Worstbrock, Helmut Koopmann. Tübingen, Niemeyer, 1986, S. 140–151, sowie Detlef Döring: Der Literaturstreit zwischen Leipzig und Zürich in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Neue Untersuchungen zu einem alten Thema. In: Bodmer und Breitinger im Netzwerk der europäischen Aufklärung. Hg. von Anett Lütteken, Barbara MahlmannBauer. Göttingen, Wallstein, 2009, S. 60–104.


XIV

Einleitung

tungsprogrammen.⁸ Dementsprechend dokumentieren die Schriften zur Literatur, die im Laufe seiner gelehrten Biografie entstanden, sowohl die Synergien als auch die Bruchlinien, die sich über die Jahrzehnte zwischen der lange etablierten Literaturpartei in Zürich und den poetologischen Projekten der neu entstehenden literarischen Zentren in Halle und Berlin ergaben. Diese Konstellation bildet den Ausgangspunkt für Sulzers Werk: Von Beginn an kann das Korpus seiner dichtungstheoretischen Schriften als eine Art Seismograf für die Pluralisierung des literarischen Feldes angesehen werden, die schon aus Sicht der Zeitgenossen ein wesentlicher Faktor für die intellektuelle Dynamik um 1750 war.⁹ Die scheinbar dichotome Teilung der literarischen Aufklärung in zwei Lager, die sich im Wesentlichen Johann Christoph Gottsched in Leipzig oder Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger in Zürich zuordnen lassen, konnte nur für eine bestimmte Phase des «Dichterkriegs» die Vielfalt an Positionen verdecken.1⁰ Mit dem Auftreten einer neuen Generation von Autoren sowie durch die Profilierung von Halle und Berlin als eigenständigen Diskursorten verkomplizierte sich die Situation erheblich.11 Vor diesem Hintergrund ist es symptomatisch, dass Sulzers literaturkritisches Œuvre mitten in einer komplexen Streitkonstellation einsetzte: mit der «Beantwortung» einer «Critick» der Freundschaftlichen Lieder von Immanuel Jacob Pyra und Samuel Gotthold Lange (BC).12 Die Polemik, 1746 als Einzeldruck erschie⁸

Zur Relevanz von lokalen Bezugsräumen in der Literatur des 18. Jahrhunderts vgl. Annika Hildebrandt, Charlotte Kurbjuhn, Steffen Martus: Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung. Einleitung. In: Topographien der Antike in der literarischen Aufklärung. Hg. von dens. Bern, Peter Lang, 2016, S. 9–21, bes. S. 16–21. ⁹ Vgl. Karl Siegfried Guthke: Literarisches Leben im 18. Jahrhundert in Deutschland und in der Schweiz. Bern, München, Francke, 1975, S. 21–23. 1⁰ Zu dieser Polyzentralität der literarischen Aufklärung vgl. ausführlich Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild. Berlin, Rowohlt, 2015, S. 507–515. 11 Die Bedingungen, unter denen sich seit den 1740er Jahren eine empfindsame Poesie in Halle formierte, rekonstruiert Theodor Verweyen: «Halle, die Hochburg des Pietismus, die Wiege der Anakreontik». Über das Konfliktpotential der anakreontischen Poesie als Kunst der «sinnlichen Erkenntnis». In: Halle, Aufklärung und Pietismus. Hg. von Norbert Hinske. Heidelberg, Schneider, 1989, S. 209–238. Zu den Grundlagen einer Berliner Aufklärung vgl. Ursula Goldenbaum: Der «Berolinismus»: Die preußische Aufklärung als ein Zentrum geistiger Kommunikation in Deutschland. In: Die Aufklärung in Berlin. Hg. von Wolfgang Förster. Berlin, Akademie-Verlag, 1989, S. 339–362. 12 Burkhard Dohm: Pyra und Lange: Zum Verhältnis von Empfindsamkeit und Pietismus in ihren «Freundschaftlichen Liedern». In: Dichtungstheorien der deutschen Frühauf-


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