Gerhard Mayer war Leiter eines Familienunternehmens, Honorarprofessor und Mitglied des Hochschulrates Die Kooperation der Herausgeber schließt an die Zusammenarbeit bei der Herausgabe des Rilke-Bandes ‚Mir zur Feier‘ an. Friederike Mehl ist Kulturwissenschaftlerin und Archivarin. Sie arbeitet im Alice Salomon Archiv der ASH Berlin.
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Rainer Maria Rilke —— Charlotte Hepner
Erich Unglaub ist Komparatist und Germanist an der Technischen Universität Braunschweig und langjähriges Mitglied der Rilke-Gesellschaft
Rainer Maria Rilke — Charlotte Hepner
Rainer Maria Rilke antwortet hier auf die Fragen, die die zweiundzwanzigjährige Charlotte Hepner zunächst nur zum Verständnis des 1910 erschienenen Romans ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ stellt. Die durchaus selbstbewusste junge Frau aus jüdischer Familie setzt den Briefwechsel fort, der schnell zu weiteren literarischen Themen führt, zu Rilkes Hinweisen auf die Erzählungen von Tolstoi und zu Thesen des Berliner Psychologen Wilhelm Fließ. Bei der ersten Ausgabe dieser Briefe (1933) wurde der Name der Briefpartnerin mit „L. H.“ verschlüsselt und seit 1996 mit „Lotte Heppner“ wiedergegeben. Mit der vollständigen Ausgabe der Korrespondenz wird dies korrigiert und auch Rilkes deutliche Briefbemerkungen zu ‚Heldentum‘ und ‚Krieg‘ erstmals zugänglich. Sie zeigen die kritische Position des Dichters zum Ersten Weltkrieg.
Unglaub | Mayer (Hg.)
Rainer Maria Rilke — Charlotte Hepner
Erich Unglaub Gerhard Mayer (Hg.)
Briefwechsel 1915 –1916
SV_ 978-3-7965-5491-9_Unglaub_Rainer_Rilke-Hepner_Druck | Seite 1 | 09.01.2026
SV_ 978-3-7965-5491-9_Unglaub_Rainer_Rilke-Hepner_Druck | Seite 2 | 09.01.2026
Rainer Maria Rilke Charlotte Hepner Briefwechsel 1915–1916
Herausgegeben von Erich Unglaub und Gerhard Mayer Mit einem Beitrag zur Biografie von Charlotte Hepner von Friederike Mehl
Schwabe Verlag
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Gefördert durch die Internationale Rilke-Gesellschaft
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ist ohne Zustimmung des Verlags untersagt. Abbildungen Umschlag: Rainer Maria Rilke. Porträt von Fritz Huf (1915). Kunstmuseum Winterthur & Porträt Charlotte Hepner. Alice Salomon Archiv der ASH Berlin (Signatur: 7-F-929). Korrektorat: Thomas Lüttenberg, München Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: Andreas Färber, mittelstadt 21, Vogtsburg-Burkheim Satz: Daniela Weiland, textformart, Göttingen Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Printed in Germany Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN Printausgabe 978-3-7965-5491-9 ISBN eBook 978-3-7965-5492-6 DOI 10.24894/978-3-7965-5492-6 rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
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Inhalt
Briefwechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Rainer Maria Rilke: Gedichte 1915 . . . . . . . . . . . . . . .
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Wer ist Lotte Hepner? Biografischer Versuch über eine Rilke-Leserin . . . . . . .
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Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Verzeichnis der Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
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Briefwechsel
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Abbildung 1: Schloss Heidewilxen
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CHARLOTTE HEPNER AN RAINER MARIA RILKE Heidewilxen den 10. 10. 1915. Sehr geehrter Herr Rilke, Verzeihen Sie bitte, daß ich mich gerade zu dieser Zeit an Sie wende, da ich nicht weiß, ob die Anfrage gelegen kommt. Würden Sie wol die Liebenswürdigkeit haben, mir mitzuteilen, was Sie veranlasste, den Malte Laurit Brigge1 zu schreiben, was Sie dem Publikum gegenüber damit beabsichtigten. Ich kann damit absolut nichts anfangen & das quält. Ich bin ein langsamer Leser & habe noch nicht viel von Ihnen gelesen, doch gefallen mir die wenigen andern Bücher besonders gut; vorzüglich der Rodin.2 Ich wäre sehr dankbar eine Antwort von Ihnen über vorerwähntes Buch zu erhalten. Ihre sehr ergebene Lotte Hepner. Heidewilxen,3 b / Obernigk, Schlesien.
1 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Leipzig 1910. Rilke arbeitete an dem Roman von 1904 bis 1910. Vgl. Dorothea Lauterbach: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. In: Manfred Engel (Hg.): Rilke-Handbuch. Stuttgart 2004, S. 318–336. 2 Rainer Maria Rilke: Auguste Rodin. Berlin 1903, 1904, 1907 und Leipzig 1913. 3 Schloss Heidewilxen (Wilczyn), das familieneigene Gut der Hepners in Niederschlesien, Kreis Trebnitz.
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Abbildung 2: Von Rilke beschrifteter Briefumschlag [Umschlag:] I. H.4 Frau Lotte Hepner, Heidewilxen b / Obernigk. Schlesien. [Poststempel:] München 13. 10. 15
4 Abkürzung für ‹Ihre Hochwohlgeboren›, die damals übliche schriftliche
Adressierung an weibliche Personen.
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RAINER MARIA RILKE AN CHARLOTTE HEPNER z. Zt. München, Finkenstrasse 2 IV b / Albert.5 am 13. Okt. 1915 Es bedürfte, gnädige Frau oder gnädiges Fräulein, es bedürfte eines unbescheiden weiten Ausholens, wollte ich Ihren merkwürdigen Brief beantworten; ja vielleicht müßten Sie mich auch einige Grade mehr erkennen lassen, wer Sie sind, damit ich in meiner Antwort nicht nach allen Richtungen auseinandergehe, sondern wirklich auf Sie zu. Ihre kühle lebensgeläufige Schrift ist diesmal, das Einzige, woran ich mich orientieren darf –, aber vielleicht mache ich mich Ihnen, selbst bei so vaguen, möglicherweise beirrenden Voraussetzungen, verständlich, wenn ich Ihnen zunächst meine Verwunderung über denjenigen Ausdruck Ihres Briefes zeige, der mir am Meisten und Störendsten aufgefallen ist. Es sind die Worte «Dem Publikum gegenüber», sie fragten, was ich mit einem gewissen Buch «dem Publikum gegenüber beabsichtige»? Nichts, meine Gnädige. Ich bin Ihnen fast feind über diese leichtsinnige Zumuthung. Meinen Sie wirklich, daß eines meiner Bücher (ich denke an die, die ich gelten lasse, nicht an die unfreien und unechten Jugendarbeiten6) je hätte entstehen können, wenn mir der Gedanke, daß es etwas wie ein «Publi-
5 Rilke hatte im Juni 1915 in der Wohnung von Hertha Koenig in der Wi-
denmayerstraße vorübergehend als ‹Wächter beim großen Picasso› Unterschlupf gefunden. Am 11. Oktober zog er wieder in die Wohnung seiner abwesenden Freundin Loulou Albert-Lasard (1885–1969) in der ehemaligen Pension Pfanner. Dort hatte er schon seit dem Januar 1915 gewohnt. Das Atelier-Appartement befand sich im rückseitigen Dachgeschoß des Gebäudes am Wittelsbacherplatz, in dem auch der Callwey-Verlag seinen Sitz hatte. 6 Darunter die Sammlungen ‹Larenopfer› (1895) und ‹Traumgekrönt› (1896). Den Band ‹Mir zur Feier› (1899) schätzte Rilke als sein «eigentlich erstes Buch» ein.
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kum» gäbe, auch nur im Entferntesten gekommen wäre. Und nun noch gar Absicht! Da gehen unsere Auffassungen so weit auseinander, daß ich Ihnen, verzeihen Sie, meine Bücher einfach leise aus der Hand nehmen möchte, auch den Rodin, von dem Sie behaupten, daß er Ihnen «gefalle». Sie irren. Er muß Ihnen genau so unverständlich sein; bitte, verschenken Sie ihn auf der Stelle. Denn gerade dieses Buch handelt von jenem großen Meister, an dessen Werk mir, überzeugender als ich es noch wüßte, – gefühlt hab ichs immer – die Einsicht aufgegangen war (vor nun mehr als zwölf Jahren übrigens), daß Kunst, ihrer Natur nach, rücksichtslos sei, zu ermessen nur an dem innersten impulsiven Andrang, an dem Nicht-anders-können des Hervorbringenden, der ja seines Geistes und Wesens Geschöpf nicht unter die Leute stellt, damit sie ihm irgendwie begegnen und sich damit auseinandersetzen, sondern nur scheinbar unter und neben sie, insofern der Raum, in dem die höheren Wirklichkeiten sich aufhalten, ungefähr mit den bürgerlichen Räumlichkeiten zusammenfällt, in denen die neugierigen und nützlichen Realitäten sich abspielen. Wenn Eugène Carrière einmal wehmüthig von Rodin sagte: il n’a pas pu collaborer à la cathédrale absente:7 so hat er damit zugleich bewundernd jene reinste Eigenschaft des Rodin’schen Dinges ausgedrückt, daß es ein an mehr als nur menschlich-hiesige Zusammenhänge angeschlossenes sei, wie auch seine große Tragik angedeutet, diesen Anschluß nicht durch die Stelle, an der es steht, beweisen zu dürfen. So wie die Rodin’schen stehen alle Dinge der Kunst, absichtslos, kraft ihres ununterdrückbaren Ausbruchs (und darum in einem geläufigen Sinne überzählig) 7 Eugène Carrière (1849–1906), französischer Maler und Lithograf. Rilke
zitierte ihn am Ende seines Rodin-Buchs und übersetzte: «Er hat nirgends mitarbeiten können, und keiner hat mit ihm gearbeitet.» Rainer Maria Rilke: Werk. Kommentierte Ausgabe. Bd. 4 Schriften. Herausgegeben von Horst Nalewski. Frankfurt am Main, Leipzig 1996, S. 479 und 954 (Rilkes Quelle aus dem Ausstellungskatalog von 1900) Fortan: KA .
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unter den übrigen Gegenständen umher, nicht irgend eine Wirkung meinend, nicht auf sie angelegt, sondern seiend, jedes genau in einem imaginären Schnittpunkt übernützlicher Beziehungen aufgerichtet. (Daß keines noch je die Menschheit, von sehr Vereinzelten abgesehen, durch die Kraft seines absichtslos seienden Wesens erschüttert hat, dafür häufen sich, in diesen grausamen, grauenvollen Tagen, die Beweise.) Der Malte Laurids Brigge nun stellt, wenn Sie wollen, Lehrzeit und Untergang eines jungen Menschen dar, der die Hervor bringung solcher rücksichtslosen Dinge als seine eingeborene Aufgabe erkennt und daran zerbricht, daß die Vorbereitung zu solchen Leistungen in Einem das fühlendste und das härteste Herz verlangt. Denn es muß, im selben Athem, auch noch das Fürchterlichste bewundert und das Lieblichste im innigsten Verzicht aufgenommen sein. Wer leistet das unter den furchtbaren Menschen! R M Rilke
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Abbildung 3: München, Finkenstraße 2, Haus des Callwey-Verlags
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CHARLOTTE HEPNER AN RAINER MARIA RILKE Heidewilxen den 15. 10. 15. Sehr geehrter Herr! Es tut mir sehr leid, Sie verletzt zu haben, was meine Absicht durchaus nicht war. Doch hat dieser Umstand Sie scheinbar direkt auf das zusteuern lassen, worauf es mir ankam. Da sind Menschen, wie Ruskin8, die schreiben zwar, weil sie müssen, aber nur, um auf ihre Leser ihren Einfluss auszuüben. Doch konnte ich sie auch nie als Dichter empfinden. Der Malte Laurids Brigge ist zwar ganz anders, aber ich konnte eben nicht ausfindig machen, ob er als Ding an sich gedacht war, oder ob er als Bejahung des Vorhandenseins von umgehenden Geistern9 gemeint war. Diese Geister, an deren Vorhandensein ich nicht zu glauben im Stande bin, hatten meinen sehr engen Gedankenkreis einige Monate nutzlos beschäftigt; und da fand ich es das Einfachste, mich direkt an ihren Urheber zu wenden. Für Ihre Antwort danke ich Ihnen. Sie hat mir schon etwas geholfen. Ich hatte absichtlich nicht persönlicher geschrieben, weil ich nicht aufdringlich sein wollte. Es kam mir auch gar nicht der Gedanke, daß Sie meine Auffassung der Kunst – die durchaus noch keine bestimmte oder gar reife ist – oder irgend einer Suche, benötigen würden, um meine Frage zu beantworten.
8 Gemeint ist der englische Maler und Kunstschriftsteller John Ruskin
(1819–1900), dessen Werke auch Rilke kannte. Vgl. KA 4, S. 231 und 275. 9 Vgl. dazu Priska Pytlik: Okkultismus und Moderne. Ein kulturhistori-
sches Phänomen und seine Bedeutung für die Literatur um 1900. Paderborn 1995, S. 175–182.
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Jedoch will ich nur gleich sagen, um weitere Mißverständnisse zu verhüten: für mich ist Kunst immer absichtslos & eruptiver Natur – sonst ist es eben keine – aber durchaus nicht überzählig oder zu entbehren. Alles «Nützliche» wäre dann ebenso entbehrlich. Und wenn Sie mir nun noch zumuten, jene Bücher wegzugeben, so werde ich mich sehr energisch zur Wehr setzen! Da kann ich Ihnen nur sagen, ich denke ja garnicht daran! Ihren Rodin mag ich, weil Sie «den Rodin» darin so wundervoll aufgefasst haben, wie er aufgefasst werden mußte, & wie ich ihn mir wünschte, um so viel mir möglich, über jenen Meister & seine Werke (die ich fast ausnahmslos liebe, soweit ich sie kenne) zu erfahren. Und Rodin ist auch einer von den Wenigen, die voll & ganz leisten, was Sie in Ihrem letzten Satz10 verlangen: Denn es muß im selben Athem, auch noch das Fürchterlichste bewundert & das Lieblichste im innigsten Verzicht aufgenommen sein. Falls Ihnen das Vorhergehende nicht genügen sollte, will ich, anschließend an Ihren Brief, noch Nachstehendes hinzufügen. II . Die Natur ist für menschliche Begriffe grausam. Wenigstens habe ich sie bisher immer so gefunden. Und was ist denn der Krieg anderes, als natürliche Selbsthilfe der übervölkerten Erde! Ich habe mich über das Vorhandensein dieser Grausamkeit mit ihrer scheinbaren Notwendigkeit abzufinden gesucht; aber es bleibt doch unbegreiflich, warum das alles erst nötig wird. Übrigens bin ich ein Mädchen & nur 22 Jahre. Letzteres entschuldigt vielleicht vieles, auch das geringe Verständnis für die Dinge der Kunst & des Lebens.
10 Rilkes Brief vom 13. Oktober 1915.
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