Karl Philipp Ellerbrock

![]()
Karl Philipp Ellerbrock


Schwabe Verlag
Dieses Buch wurde gefördert mit Mitteln des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung (ZKF) der Universität Konstanz
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar
© 2026 Schwabe Verlag Berlin GmbH
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Der Verlag behält sich das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG vor.
Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ist ohne Zustimmung des Verlags untersagt.
Abbildung Umschlag: Francesco Botticini, ca. 1446–1497. The Assumption of the Virgin (detail), ca. 1446–1497. © The National Gallery, London
Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen
Cover: icona basel gmbh, Basel
Layout: Andreas Färber, mittelstadt 21, Vogtsburg-Burkheim
Satz: Daniela Weiland, textformart, Göttingen
Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza
Printed in Germany
Herstellerinformation: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de
ISBN Printausgabe 978-3-7574-0170-2
ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0171-9
DOI 10.31267/978-3-7574-0171-9
Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.
rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Urban ist für uns ein Mensch dann, wenn er viele treffende Bemerkungen und Antworten liefert und wenn er in Unterhaltungen, Gesellschaften und festlichen Gelagen, ebenso in öffentlichen Versammlungen, kurz an jedem Platz Lachen erregen und gefällig reden kann.
Quintilian, Ausbildung des Redners, VI 3 105
Vorbemerkung
Einleitung: Wege in die Stadt
Bedeutung von inurbarsi
1. Ein fataler Satz
Vecchio , 1216
2. Formen der Zugehörigkeit
Baptisterium San Giovanni , 1266
3. Wie Beatrice begegnen?
Margherita dei Cerchi , 1283
4. Weltliche und religiöse Dichtung
, 1292
5. Die gerupfte Kommune
, 1302
6. Schreibende Kaufleute Palagio dell’Arte della Lana , 1308
7. Die Sprache der Laien Santa Maria Novella , 1348
8. Erzählen als caritas Loggia del Bigallo , 1360
9. Zeit der Lektüre
, 1373
10. Rückkehr und Kult der Dichter
Dieses Buch erkundet die Stadt Florenz auf eine andere als die gewohnte Weise. Es geht nicht in erster Linie um ihre Geschichte oder ihre Kunstdenkmäler, ebenso wenig steht die Epoche der Renaissance im Vordergrund. Auch ist das Buch kein literarischer Reiseführer im klassischen Sinn. Die folgenden Kapitel fragen vielmehr danach, mit welchen Augen die Dichter des Mittelalters auf die Stadt geblickt und welchen Beitrag sie zum städtischen Selbstverständnis geleistet haben.
Für die Entwicklung der Literatur kam den Kommunen in Oberitalien seit dem Mittelalter eine entscheidende Bedeutung zu. Im städtischen Raum experimentieren die Dichter mit neuen Ausdrucksformen und schaffen berühmte Werke, von denen die italienische und die europäische Literaturgeschichte ihren Ausgang nehmen. Florenz, wo sich im intensiven Austausch zwischen Poesie und Kunst eine Blüte literarischer Kultur entfaltet, ist eine solche Stadt der Dichter.
Das Buch begibt sich an die Schauplätze von Dantes Commedia und Boccaccios Decameron, aber auch von Werken weniger bekannter Autoren, um dem Echo nachzuspüren, das zehn beliebte Sehenswürdigkeiten in der mittelalterlichen Literatur gefunden haben. In den so entstehenden kleinen Ansichten tritt zutage, was die ferne Stadt mit unserer Gegenwart verbindet. Denn im Licht der städtischen Orte gelesen, werfen diese Texte grundlegende Fragen auf, die das Zusammenleben der Menschen betreffen.
Was ist ein Gemeinwesen? Worauf beruht gesellschaftliche Teilhabe? Wie lassen sich Konflikte bewältigen? Die Werke schaffen eine Balance zwischen Wirklichkeitsnähe und analytischer Distanz, um nach der Bedeutung ökonomischer Entwicklungen ebenso zu fragen wie nach dem Verhältnis weltlicher und religiöser Kultur oder dem Nebeneinander unterschiedlicher Sprachen. Als Medium
der Verständigung bewährt sich die Literatur gerade in Zeiten der Krise und erschließt dem städtischen Alltag wertvolle Gelegenheiten der Reflexion.
Die Kapitel führen vom Ponte Vecchio , wo Anfang des 13. Jahrhunderts der Parteienstreit zwischen Guelfen und Ghibellinen entbrannte, zum Baptisterium San Giovanni als Ort der Selbstvergewisserung über unterschiedliche Formen der Zugehörigkeit. Die Kirche Santa Margherita dei Cerchi gilt als Ort der Begegnung Dantes mit der von ihm verehrten Beatrice. Wie sich die Liebesdichter zur Praxis religiöser Frömmigkeit verhalten, zeigen Fürbitten an das Madonnenbild des auch als Kornspeicher genutzten Oratoriums von Orsanmichele .
Mit dem alten Regierungssitz des Bargello , in dem Dantes Verbannung beschlossen wurde, führt der Parcours vom religiösen weiter in das politische Zentrum der Stadt, wo der Stadtrufer und Glockengießer Antonio Pucci den Bedrohungen des Gemeinwohls plastische Formen verleiht. Der Welt der Kaufleute als aufstrebender Gesellschaftsschicht und ihrem Beitrag zur Schriftkultur kann man im Umfeld des Palagio dell’Arte della Lana nachspüren, wo der Getreidehändler Domenico Lenzi sein mit literarischen Zitaten gespicktes Geschäftsbuch verfasst.
Die theologischen und philosophischen Debatten der Zeit ebenso wie ihre Vermittlung an ein neues Laienpublikum stehen in der Dominikanerkirche Santa Maria Novella , einem wichtigen Umschlagplatz der volkssprachlichen Predigt, mit ihrem monumentalen Höllenfresko im Mittelpunkt. An diesem Ort lässt Boccaccio seine lieta brigata beschließen, die von der Pest heimgesuchte Stadt vorübergehend zu verlassen und sich auf ihren Landsitzen an zehn Tagen einhundert Novellen zu erzählen.
Mit der Loggia del Bigallo , die auf karitative Funktionen der Literatur und des Erzählens hinweist, und der Badia Fiorentina geht es nach Florenz zurück. Im Schatten des Glockenturms dieser Abtei erklärt Boccaccio gegen Ende seines Lebens in kommunalem
Auftrag die Commedia und eröffnet im Rhythmus täglicher Vorlesungen der Beschäftigung mit Literatur neue Zeitspannen der Aufmerksamkeit. Das letzte Kapitel läuft auf die Dichterporträts im Gerichtssaal der Arte dei Giudici e notai zu und untersucht anhand der Novellen Franco Sacchettis das Nachleben der Werke im städtischen Raum.
Die Dichter stehen auf der einen Seite mit beiden Beinen im städtischen Leben. Sie kennen den Alltag in der Kommune genau und sind in der Lage, Phänomene des Zusammenlebens mit größter Präzision zu beschreiben. Auf der anderen Seite nehmen sie – ob aus dem Blickwinkel der Ewigkeit oder des toskanischen Umlands – Abstand zu den Dingen ein. Sie führen ein Gespräch am Rande der Stadt, das es ermöglicht, das Selbstverständliche aus bereichernden Perspektiven der Unvertrautheit zu betrachten.
In den ihnen zugeordneten Jahreszahlen, die sich auf äußere Daten ebenso beziehen können wie auf Ereignisse innerhalb der Werke, deuten die folgenden Kapitel eine Chronologie an, ohne aber dabei eine lineare Geschichte der Literatur im Florenz des Mittelalters erzählen zu wollen. Die Kapitel lassen sich auch unabhängig voneinander lesen und zu eigenen Rundgängen durch die Stadt zusammensetzen.

Dante und Beatrice blicken mit Cacciaguida aus dem Paradies auf Florenz
Padua, Biblioteca Antica del Seminario, Cod. 67, fol. 255v.
Obwohl ihre Lebenslinien untrennbar mit Florenz verbunden sind, haben die sogenannten tre corone fiorentine eine gewisse Distanz zur städtischen Welt gemeinsam. Dante Alighieri lebte ab 1302 im Exil und starb in Ravenna , ohne in seine Geburtsstadt zurückgekehrt zu sein. Giovanni Boccaccio, der Florenz als junger Mann für eine kaufmännische Ausbildung in Neapel verließ, zog sich in seinen späteren Lebensjahren in sein Haus in Certaldo zurück. Francesco Petrarca schließlich liebte die Einsamkeit, wie er sie in der Vaucluse eher fand als am päpstlichen Hof in Avignon . Wenn es ihn doch in die Stadt zog, war er zufrieden, abseits des Zentrums und seines geschäftigen Treibens wohnen zu können. Epist Metr III 18 1 Die auf diese Weise gewonnenen Außenperspektiven1 prägen maßgeblich auch das literarische Schaffen der drei Dichter. Während Florenz im Exilwerk der Commedia aus dem metaphysischen Blickwinkel einer Reise durch das christliche Jenseits vor Augen tritt, werden die Novellen des Decameron – auch diejenigen des Sechsten Tages, die in Florenz spielen – vom Standpunkt des toskanischen Umlands aus erzählt. Dorthin hat sich die lieta brigata zurückgezogen, um der Pest zu entkommen. Im Canzoniere werden dagegen Aspekte des Urbanen nur höchst indirekt greifbar, wenn etwa von der Neugier der Menschen Rvf 35 6 die Rede ist, vor der das lyrische Ich in Landschaften der Innerlichkeit flieht.2 Amor
1 David Lummus, The city of poetry. Imagining the civic role of the poet in fourteenth-century Italy, Cambridge 2020 charakterisiert prägnant Dante als «Dichter ohne Stadt», Boccaccio als «Dichter für die Stadt» und Petrarca als «Dichter jenseits der Stadt».
2 Zur Landschaftserfahrung bei Petrarca vgl. Karin Westerwelle, Grün als Farbe der Landschaft in Petrarcas Canzoniere, in: Susanne Köbele, Bruno Quast (Hrsg.), Literarische Säkularisierung im Mittelalter, Berlin 2014, 285–310.
habe den in der Einsamkeit liebenden Petrarca zu einem «Bürger der Wälder» Rvf 237 15 gemacht, dem jeder besiedelte Ort Feind sei. Rvf 129 15–16 Dem Weg in die Stadt geht der Auszug aus der Stadt voraus.
Wenn alle drei Dichter die Stadt dennoch zum Thema machen und sich an ein urbanes Publikum wenden, so erscheint die städtische Welt in jeweils spezifischer Form auf Abstand gehalten oder gefiltert. Dem entspricht, dass Boccaccio für seinen Empfang Petrarcas im Oktober 1350 nicht etwa die Mitte, sondern den Stadtrand von Florenz wählt. Diese Geste Boccaccios, der seinem Gast «mit liebenden Gefühlen, die so etwas wie der Seele Schritte sind,» Fam XXI 15 entgegengeeilt sei, wertet Petrarca als emphatischen Freundschaftsbeweis. Es ist eine Hommage des urbanen Boccaccio, der auf das gesellige Treiben in der Stadt schwerlich verzichten kann, De casibus III xiv 5–8 an den Eigenwillen des verehrten Dichters, mit dessen etwa an Vergil und Horaz geschulten amor silvarum3 er als Biograph vertraut ist. Vita di Petrarca 76–77 Ähnlich wie die antiken Dichter-Seelen in Dantes Limbus pflegen die tre corone fiorentine mithin ein Gespräch am Rande der Stadt. Dabei begeben sie sich nicht etwa in jene Position von Marginalität, in die der Dichter in der platonischen Staatsauffassung gedrängt werden sollte. Der Staat X 605a–c Eher nehmen sie für sich ein Heraustreten aus dem gesellschaftlichen Alltag in Anspruch, wie es Lukian dem Historiker im Interesse größtmöglicher Objektivität empfiehlt. Wie man die Geschichte schreiben müsste 292 Dabei geht es den Literaten darum, die Peripherie – den von außen auf die Stadt gerichteten Blick – als einen bevorzugten Standpunkt der Dichtkunst zu entdecken, von dem aus sich neue Perspektiven auf das Vertraute gewinnen lassen.
3 Konrad Krautter, Die Renaissance der Bukolik in der lateinischen Literatur des XIV . Jahrhunderts. Von Dante bis Petrarca, München 1983, 112.
Es überrascht daher nicht, wenn die Annäherung an die Stadt von außen schon bei Dante als eigenständiges und strukturell bedeutsames literarisches Thema entwickelt wird. Dante, dem ein Bannspruch vom 10. März 1302 unter Androhung der Todesstrafe in kühler administrativer Diktion wie einem gänzlich Außenstehenden – als «einem solchen», der in das städtische Hoheitsgebiet «gelangen sollte» [talis perveniens] – CDD 219 das Betreten der Kommune untersagt, wendet sich in einem lateinisch verfassten Brief als «zu Unrecht ausgeschlossener» Bürger an die Florentiner «innerhalb der Mauern». Epist VI 1 Die Epistel verfasst er auf dem Monte Falterona , an der Quelle des Flusses Arno , dessen von den jeweils herrschenden politischen Verhältnissen unbeeindruckter Lauf die Botschaft des Briefes nach Florenz hineintragen soll.4 Anders als seine im Zuge des Streits zwischen Ghibellinen und Guelfen ↗1 immer wieder vertriebenen Vorfahren Inf X 49–51 kehrt Dante nach 1302 nicht mehr nach Florenz zurück. Auch wenn er selbst abwesend bleibt, so kann der von ihm verfasste Text seine Stimme im städtischen Raum vernehmbar machen.
Dass also gerade die Dichtung es erlaubt, die von den Stadtmauern markierte Grenze zwischen innen und außen zu durchdringen und in der Stadt auf Resonanz zu stoßen, reflektiert Dante in seiner canzone montanina. Nach dem Vorbild des aus Rom verbannten
Ovid Briefe aus der Verbannung I 1 sendet er im congedo dieser «Bergkanzone» das eigene Lied in die Stadt aus, um dort von dem Abwesenden zu sprechen:
Mein gebirgiges Lied, zieh’ aus, vielleicht wirst Du Florenz, meine Heimat, sehen, die mich aus sich ausschließt, ohne Liebe und des Mitleids bar. [vota d’amore e di pietate]
80 Solltest Du eintreten, verkünde: «Jetzt kann Euch mein Erschaffer nicht mehr schaden.
4 Claire Honess, Dante Alighieri. Four political letters, London 2007, 68, Anm. 43.
Dort, von wo ich komme, hält eine Kette ihn zurück, die so beschaffen ist, dass, auch wenn Eure Grausamkeit nachgibt, er nicht die Freiheit hat, hierher zurückzukehren.5 Canzone montanina 76–84
Im Gegensatz aber zu Ovid, dessen Botschaft in den Briefen aus der Verbannung auf Versöhnung und Heimkehr lautet, kündigt Dante hier sein dauerhaftes Fernbleiben an, das er mit neuen Bindungen außerhalb der Stadt begründet.6
In einem Brief schließt Dante jede andere als eine ehrenvolle Rückkehr aus und gelobt, er werde andernfalls «nie wieder in Florenz eingehen». Epist XII 8 Wie auch Boccaccio in der Lebensschilderung des Trattatello betont, konnte der offiziell gebilligte Weg, der an eine Gefängnisstrafe zur Tilgung von Korruptionsvorwürfen geknüpft gewesen wäre, für Dante nicht in die Stadt zurückführen. ↗5 Trattatello I 163 Damit schafft das Exil diejenige Perspektive, aus der heraus Dantes Hauptwerk, die Commedia, entsteht.7 Bis weit hinein in die dritte cantica hallt hier die Bergkanzone nach, Par XXV 1–9 wenn Dante sich als grausam Verstoßenen bezeichnet, um jetzt allerdings seine Rückkehr in der Rolle des Dichters anzukündigen. ↗2 Eine solche Rückkehr im Medium des Werks wird im Trecento, also im 14. Jahrhundert, durch das Bekanntwerden der – von Sacchetti metonymisch «il Dante» Trecentonovelle CXIV 3 genannten – Commedia in Florenz und durch den schnell einsetzenden Kult um den extra muros in Ravenna bestatteten Dichter vollzogen. ↗10 Dante stellt sein Los, Florenz verlassen zu müssen, der tragischen Geschichte des zu Unrecht
5 Sofern im Literaturverzeichnis unter den Textnachweisen keine deutsche Fassung angegeben ist, wurden die Zitate hier und im Folgenden durch den Verfasser übersetzt.
6 Michelangelo Picone, Sulla canzone «montanina» di Dante, L’Alighieri 19, 2002, 105–112, 110.
7 Karlheinz Stierle, Dante Alighieri. Dichter im Exil, Dichter der Welt, München 2014, 37.
aus Athen vertriebenen Hippolytos gegenüber. Par XVI 46–48 Anstatt aber der Stadt im Affekt den Rücken zu kehren, Metamorphosen XV 506 gelingt Dante die Verarbeitung des Exils gerade durch die Hinwendung zu Florenz als literarischem Gegenstand –unter der Voraussetzung, dass er ihn mit Abstand behandeln kann. Schon in der früheren romanischen Literatur, im altfranzösischen Roman de la rose, hatte das Verlassen des städtischen Raums («Hors de vile oi talent d’aller») den Impuls für die poetische Schöpfung geliefert. Roman de la rose 94–97
Die Idee eines allmählichen, mit dichterischen Mitteln erschriebenen Wiedereintritts in die Stadt grundiert die von Dante erzählte Reise durch das Jenseits. Die Commedia erzählt einen Aufstieg aus der stadtfernen Wildnis bis hinauf in die Gottesstadt und vollzieht dabei exemplarisch einen Prozess der Einbürgerung in die christliche Gemeinschaft.8 Die Hölle als Stadt der Schmerzen weicht im Purgatorio positiv besetzten Vorstellungen vom Himmelsstaat, den der Pilger zuletzt mit eigenen Augen erblicken darf. Diese allmähliche Umwertung bleibt über die drei cantiche hinweg mit Florenz eng verbunden. Wird die zeitgenössisch tief gespaltene «città partita» Inf VI 61 im Inferno als Hort der Sünde gebrandmarkt und zum Gegenstand ironischer Schmähreden gemacht, ↗5 so hebt das Purgatorio die Unfähigkeit von Florenz hervor, sich zum Guten zu bekehren. Purg VI 149–150 Noch im Paradiso erscheint das zeitgenössische Florenz als Saat des Teufels, Par IX 127–128 im Zeichen des Hochmuts seiner Familien Par XVI 110–111 oder in der Metapher des Schiffs, das durch die Boshaftigkeit seiner Insassen zum Sinken gebracht zu werden droht. Par XVI 96 Zugleich liefert aber der Rückblick auf die ehemals in Frieden und Tugend liegende Stadt das Modell für eine ideale Ordnung. Par XV 97–99
8 Claire Honess, Politics, in: Zygmunt G. Barański, Simon Gilson (Hrsg.), The Cambridge Companion to Dante’s Commedia, Cambridge 2019, 192–207, hier 192.
Der dem Pilger abverlangte Umweg auf seiner Reise zu Gott führt ihn allerdings zunächst hinab in die Höllenstadt. Elemente urbaner Topographie wie Mauern, Gräben und Tore tragen zum Realismus9 von Dantes Jenseitsschilderung bei. Eine wie über einem Stadttor angebrachte Inschrift weist den Weg in den für die Lebenden unzugänglichen Höllenraum. Inf III 1–12 Als Parodie öffentlicher Epigraphik10 führt sie nicht in den Geltungsbereich städtischer Werte, sondern in eine Sphäre der negativen Identifikation. Dante, der seine ehemaligen Mitbürger andernorts als «O Ihr nur zum Übel Einträchtigen» adressiert, Epist VI 12 verleiht der Hölle florentinische Züge, um sie als hässliches Zerrbild des Städtischen und als Perversion des Gemeinwesens darzustellen. Hierzu trägt die Evokation konkreter Orte wie der Befestigung des Gardingo Inf XXIII 108 oder von Ereignissen der Stadtgeschichte wie der Schlacht von Montaperti bei. Inf XXXII 80–81 Der Pilger ist begierig, das Schicksal seiner Mitbürger zu erfahren. Unter den Verdammten erkennt ‹Dante›, den seine Kleidung Inf XVI 8–9 und seine Rede Inf XXXIII 11–12 als Landsmann ausweisen, einzelne Florentiner an ihren Worten und ihren Strafen Inf X 64 oder an heraldischen Zeichen. Inf XVII 56 Vergeblich suchen einzelne Florentiner sich vor ‹Dante› zu verbergen, Inf VIII 39 der im Diesseits von ihnen Zeugnis ablegen will. Inf XXXII 93 Einigen wendet sich der Pilger mit verbaler oder körperlicher Gewalt zu, Inf XXXII 97 in anderen Fällen wird er dagegen von Zuneigung, Ehrfurcht oder heimatlicher Nächstenliebe ergriffen. Inf XIV 1–3
Das Betreten der Stadt ist für Dante eine so bedeutsame Vorstellung, dass er ein eigenes Wort dafür erfindet. In einer Terzine des
9 Erich Auerbach, Dante als Dichter der irdischen Welt, 2. Auflage mit einem Nachwort von Kurt Flasch, Berlin / New York 2001.
10 Lucia Battaglia Ricci, A proposito di una porta che parla (Inf III , 10–12), in: Alfonso Paolella, Vincenzo Placella, Giovanni Turco (Hrsg.), Miscellanea di Studi Danteschi in memoria di Silvio Pasquazi, Neapel 1993, I, 129–152.
Purgatorio stellt er sich den Bergbewohner vor, der erstmals in die Stadt gelangt und dem es die Sprache verschlägt:
Nicht anders steht der Bergbewohner fassungslos und stumm vor Staunen da, wenn er zum ersten Mal aus seinen 69 Wäldern in die Stadt kommt. [rozzo e salvatico s’inurba]
Purg XXVI 67–69
Das wortlose Staunen des Bergbewohners kontrastiert mit Dantes elegant latinisierender Wortschöpfung s’inurba. Der Neologismus, den Jacopo della Lana mit «entra nella città», also dem Eintreten in die Stadt, glossiert, Jacopo della Lana zu Purg XXVI 67–70 verweist auf die Eloquenz und den Ausdrucksreichtum des Dichters,11 wie sie sich gerade unter urbanen Bedingungen entfalten können. Der mit inurbarsi begrifflich erfasste dynamische Vorgang des Eintretens in die Stadt gilt Dante nicht nur, wie er im Convivio Conv IV xxiv 11 und für das nobile castello des Limbus Inf IV 110 festhält, als Eingang in eine von ethischen Maßstäben und Tugenden bestimmte Ordnung, sondern auch als zivilisatorischer Schritt in den Raum sprachlich geprägter Kultur.
Auf die eminente Bedeutung der Stadt für die Entwicklung einer dichterischen Hochsprache macht Dante aufmerksam, wenn er den in seinen Sitten noch ungeschliffenen Bergbewohner («rozzo», V. 69) in den urbanen Raum eintreten lässt («s’inurba», V. 69). Dasselbe Begriffspaar gebraucht er in seiner Schrift über die Volkssprache, um die Wirkung der von Begegnung und Austausch geprägten Stadt auf das volgare herauszustellen: «Wie aus so vielen rohen [rudis] italienischen Wörtern ein so urbanes [urbanum] Resultat entstanden ist». DVE I xvii 3 Der Eintritt in die Stadt bewirkt hiernach die sprachliche Verfeinerung der Rede. Schon in der antiken Rhetorik hatte Quintilian rusticitas und urbanitas einander gegenübergestellt, um auf eine «städtische Eleganz des Stils» hinzu-
11 Paola Manni, La lingua di Dante, Bologna 2013, 122.
weisen.12 Ausbildung des Redners VI 3 17 In der Sala dei Nove des Palazzo Pubblico von Siena hat der Maler Ambrogio Lorenzetti auf seinem Fresko zu den Auswirkungen guten Regierens diesen Aspekt in Gestalt zweier Bauern ins Bild gesetzt, die – in ein lebhaftes Gespräch vertieft – auf die Stadt als Sphäre des Gesprächs und der Aushandlung sprachlicher Gepflogenheiten zustreben (Taf. I).13 Mehrfach nutzt auch Petrarca das Bild von dem noch ungeschliffenen, rohen Gedicht – «O armes Lied, wie bist du ohne Kunst» [O poverella mia, come se’ rozza] – Rvf 125 79 das sich, metaphorisch gesprochen, stadtfein machen müsste, bevor es «den Wald verlassen, unter Menschen leben» könne [uscir del bosco e gir in fra la gente]. Rvf 126 78
Um die Mitte des Trecento knüpft Giovanni Boccaccio an Dantes Reflexion über die Bedeutung von inurbarsi an, um sie – wenngleich unter neuen Vorzeichen – weiterzuführen. Wie die Commedia geht auch die Novellensammlung des Decameron zunächst von der Notwendigkeit aus, der Stadt den Rücken zu kehren. In der Einleitung zum Ersten Tag, mit der die Rahmenhandlung (ital. cornice, novella portante) beginnt, wird geschildert, wie sieben junge Frauen und drei junge Männer, die sich während der 1348 in Florenz wütenden Pestepidemie zufällig in der Kirche Santa Maria Novella begegnen, den Entschluss fassen, dem von Pampinea in komplexer philosophischer Argumentation begründeten Vorschlag zu folgen und sich für eine gewisse Zeit auf ihre Landsitze zurückzuziehen. ↗7 In Begleitung ihrer Dienerschaft begeben sie sich, weil auch ihnen der direkte Rückweg nach Florenz versperrt scheint, auf die Reise. Dec I Intro 89 Der in der Buchmalerei verbildlichte
12 Christoph Leidl, Urbanitas, in: Gert Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 10, Darmstadt 2012, 1344–1364.
13 Patrick Boucheron, Gebannte Angst. Siena 1338. Essay über die politische Kraft der Bilder, aus dem Französischen von Sarah Heurtier und Sebastian Wilde, Berlin 2017, 182–183.