BEYOND THE ORDINARY

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BEYOND THE ORDINARY

Ein G es pr äch über die Kraft des L ac hens und de n Gl au ben an die Zukunft
/ YUNGBLUD / MARIE BLOCHING
SEITEN ÜBER DIE FREUDE AM ANPACKEN

Every vision can become reality.

Tobias Moorstedt
Der Autor (u.a. „Die Zeit“, „Süddeutsche Zeitung“) schreibt über Innovationen, Gesellschaft und Sport. Für uns interviewte er Jürgen Klopp in der neuen Geschäftsstelle von RB Leipzig. Das ganze Gespräch ab Seite 38.

Amelia Pemberton
Die britische Fotografin ist spezialisiert auf verspielte und farbenfrohe Aufnahmen. Für uns lichtete sie Laura Crane ab, ebenfalls Britin und eine der besten Big-Wave-Surferinnen der Welt. Amelias eindrückliche Aufnahmen siehst du ab Seite 74.

Carl Cozier
lebt in Bristol, UK, und ist als Illustrator für seine positiven bunten Zeichnungen bekannt. Für uns bebilderte er einen Test, mit dem du deinen Optimismus-Typ entschlüsselst. Ab Seite 60
Eine ordentliche Portion Optimismus – mal ehrlich, wer könnte die derzeit nicht gebrauchen?
Gerade deswegen starten wir mit einer Ausgabe voller Aufbruchsstimmung ins neue Jahr. Dabei geht es nicht darum, die Welt durch die rosarote Brille zu sehen, sondern darum, sich daran zu erinnern, dass wir es selbst in der Hand haben, unser Leben zu verbessern – und manchmal auch die Welt. Oder wie Jürgen Klopp im Interview ab Seite 38 sagt: „Habt Mut und umgebt euch mit den richtigen Menschen. Dann kann es gut werden.“ So wie im Fall der acht Athleten in unserer Story ab Seite 22. Mit unbändigem Glauben an sich selbst loten sie die Grenzen ihrer Sportarten neu aus – vom Tunnel Durchflug im Stuntflugzeug bis zur BMXTrickSession 600 Meter über dem Boden. Und wovon träumst du für 2026?
Viel Freude mit dieser Ausgabe, die Redaktion

Balanceakt: Kaum eine Surferin beherrscht die Wellen wie die Britin Laura Crane.
OptimismusSpecial
Acht Athleten, die beweisen, dass Zuversicht das Unmögliche möglich machen kann.
Klopp 38
Über lebensverändernde Niederlagen, die Kraft eines Lächelns in der Kabine und den Glauben an die Zukunft.
Sechs Erfolgsstorys, die niemand kommen sah – und die überraschenden Rezepte dahinter.
Und du so?
Was für ein Optimismus-Typ bist du – und wie machst du das meiste daraus? Der große Selbsttest.
Rock
Weltweit ausverkaufte Hallen: Wie der UK-Musiker eine neue Ära der
einläutet.
Wave Surfing
Eine Surferin nimmt es mit Monsterwellen auf – die wahre Hölle durchlebte sie zuvor.





Die Arme ausgestreckt, der Blick konzentriert, die Beine angezogen: Fast scheint es, als schwebte Ryan Furia Jr in dieser Pose über dem Boden. Dieser befindet sich im Intuit Dome in Los Angeles, und der brasilianische Tänzer performt gerade in einer Vorrunde des Red Bull Dance Your Style World Finals. In der Street Dance Competition überrascht der DJ die Teilnehmenden mit einem Song, zu dem sie dann in ihrem ganz eigenen Stil tanzen – oder wie in Ryans Fall: abheben. Ganz oben landete am Ende Jaïra Joy aus den Niederlanden, die den Gesamtsieg holte.
Instagram: @ryanfuriajr_


Unten die staubigen Felsen, oben der blaue Himmel, mittendrin Jaxson Riddle, kopfüber samt Bike: ein typischer Moment bei Red Bull Rampage, dem spektakulärsten FreerideMountainbike-Contest der Welt, der 2026 sein 25-jähriges Jubiläum feiert. In den Sandsteinfelsen Utahs müssen die Fahrerinnen und Fahrer nicht nur anspruchsvolle Tricks zeigen, sondern im freien Gelände auch ihre eigene Linie finden. Besondere Ehre für Jaxson: Für seinen Backflip Heel Clicker – Rückwärtssalto mit kurzem Lösen der Füße von den Pedalen – bekam er den Best Trick Award. Instagram: @domen_skofic
Scan den Code und erleb Highlights von Red Bull Rampage 2025:


An sich sollte diese rote Rail keine große Herausforderung für Wakeboard-Pro und Snowboarder Felix Georgii sein. Nur: Unter ihr geht es 110 Meter in die Tiefe. „Eine riskante Landung ist hier nicht drin“, sagt der Allgäuer. Willkommen bei Slopestyle on the edge, einem abenteuerlichen Ride auf einem einzigartigen Kurs. 350 Meter lang und mit vielen Obstacles erstreckt sich dieser über einen nur wenige Meter schmalen Bergkamm. Mit Athleten wie Freeski-Pro Max Hitzig wagte Felix den Run entlang der Schlucht. „Hier kommt es darauf an, die Tricks so perfekt wie möglich zu per formen“, sagt Felix Georgii. Ergebnis: ein Balanceakt, den die Athleten so schnell nicht vergessen werden. Code scannen und Slopestyle on the edge erleben.


Dieser Gaming-Stuhl bewegt sich mit den Bewegungen des Spielers. Tech-Checker Kirafn sitzt schon mal Probe.
Das Teil
Der Roto VR Explorer dreht sich mit den Kopfbewegungen des Spielers. Möglich machen das ein Sensor an der VR-Brille und ein Motor im Sockel. Das soll ein geschmeidiges Bewegungsgefühl ermöglichen und Motion Sickness vorbeugen.
Der Hype
Kirafin heißt bürgerlich Jonas Willbold, ist 31 und unterhält seine 1,3 Millionen Follower auf TikTok mit ComedyFormaten. Nebenbei folgt er seiner Faszination für Tech-Produkte und -Trends. Für uns nimmt er aktuelle Hypes unter die Lupe.



Der Check
Videos sind zwar rar, weil das Teil zu sperrig für Content ist. Die vorhandenen gehen dafür zuverlässig viral. Etwa das TikTok von UFD Tech mit 1,3 Millionen Klicks und 103.000 Likes.
Vor allem für Hardcore-VRFans interessant, die keinen Platz für ein VR-Laufband haben oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Optimal für Rennsimulationen. Der Preis (ab ca. 700 Euro) ist auch okay. Wird aber trotzdem eher Nische bleiben.
MUST-HAVE-FAKTOR
Perfekt für …
… VR-Enthusiasten, die auch im Sitzen in Bewegung bleiben wollen.
Ungeeignet für …
… VR-Enthusiasten, die beim Bewegen auch ins Schwitzen kommen wollen –hallo VR-Laufband!

Bitte beschreib dich in 3 Emojis.

Wie entspannst du nach einem anstrengenden Stream?
Und wie geht’s dir, wenn du mal nicht zocken darfst?
Du liebst Snowboarden: Was macht ein Run durch frischen Powder mit dir?
Worin liegt noch mal der Reiz deiner Heimatstadt Erfurt?
Was liegt dir so gar nicht?
Was erwartet die Zuschauer in deinen Streams?
Welche Abenteuer willst du unbedingt noch erleben?
Dein Erfolgsrezept als „Valorant“-Spielerin?



will in „Marty Supreme“ mit Tischtennis die Welt erobern. Sechs Jahre lang
trainierte der
Golden-Globe-Gewinner für die Rolle des sportlichen Hochstaplers – und wurde dafür selbst zum Athleten.
Text Mariam Schaghaghi
Er schmettert, er schneidet, er drischt, er peitscht. Reckt sich in die absurdesten Winkel, febert dem Ball entgegen oder erwartet ihn mit liebevoller Geduld, um ihm dann mit einem entschiedenen Schlag wieder zu Tempo zu verhelfen. Es ist ein Spektakel mit verblüfenden Moves und Manövern, ein Tanz eines Spielers rund um den Tischtennistisch, was Timothée Chalamet da als Marty Supreme auf der Leinwand darbietet.
Der Hollywoodstar spielt alles selbst, ohne Stuntdoubles. Vorbild für den Ende Februar in den Kinos gestarteten Film war der (Über-)Lebenskünstler Marty Reisman, eine legendäre Figur der New Yorker Unterwelt der Fünfzigerjahre: ein Glücksritter, ein rastloses Genie, weniger Leistungssportler als Lebenskünstler, ein Schuhverkäufer und Spargeltarzan, der davon überzeugt war, mit Tischtennis die Welt zu erobern. Marty wirkte oft lächerlich – bis man ihn spielen sah. Doch noch mehr staunt man jetzt über Timothée. Er ist in dem Film Akteur und Athlet zugleich. Wie er das hingekriegt hat?
„Es war jede Menge Arbeit“, nickt Chalamet bei einem Termin mit der internationalen Presse, „und noch mehr Auswendiglernen von Bewegungssequenzen und Ballwechseln.“ Sechs Jahre lang hat der Schauspieler trainiert, allein fünf mit Gurus wie dem Schweizer Diego Schaaf, der schon Tom Hanks für „Forrest Gump“ ft machte. Mit Schaafs Frau Wei Wang, einer US-Olympionikin, studierte Chalamet historische Aufnahmen, Bewegungsabläufe, Griftechniken, Reaktionsmuster. Tischtennis wurde zu Timothées Alltag.
Geboren 1995 in New York City; hat einen amerikanischen und französischen Pass; ist seit drei Jahren mit Kylie Jenner zusammen, davor war er mit Lourdes Leon und Lily-Rose Depp liiert; spielte in der Kultserie „Homeland“ den Sohn des US-Vizepräsidenten
Ob an den Filmsets von „Wonka“ oder „Dune: Part Two“, bei sich in Los Angeles oder auf Reisen: Wo Timmy war, war auch eine Tischtennisplatte. Hotelmanager müssen sich an den Kopf gefasst und es für eine schräge Promi-Allüre gehalten haben. Dabei war es: Ernsthaftigkeit, Engagement und Job-Ethos à la Chalamet.
Odyssee eines Schelms
Seit seinem Durchbruch mit „Call Me by Your Name“ 2017 umweht Chalamet der Nimbus des mühelos Begabten. Das ist ein Irrtum: Kaum ein Schauspieler seiner Generation arbeitet so altmodisch feißig an seinem Handwerk. Für „Call Me by Your Name“ lernte der Franko-Amerikaner Italienisch, Klavier und Gitarre, für „Dune“ trainierte er physische Ausdauer, für seinen Bob Dylan in „Like a Complete Unknown“ nahm er Gesangsunterricht und lernte Mundharmonika. Sein Erfolg ergibt sich aus dem Willen, eine Fähigkeit so zu durchdringen, bis sie nicht mehr gespielt, sondern ganz selbstverständlich wirkt. So entsteht Perfektion.
Kurzgeschorene Haare, fese Brille, die auch von Marty sein könnte, Hemd, Krawatte, Oberlippenbärtchen. So präsentiert sich Chalamet vor dem Filmstart
der Presse. Sein Look stamme noch vom Dreh von „Dune 3“, entschuldigt sich der Modefreak lachend. Warum Chalamet die Odyssee eines Schelms über vier Kontinente so elektrisierte, erklärt er entwafnend ehrlich: „Ich sage das ohne Ironie: Ich war genau wie Marty, bevor ich Kar riere machte.“ Schon mit zehn Jahren wusste der gebürtige New Yorker, dass er Schauspieler werden wollte, erlebte Castingqualen, bis er mit achtzehn eine erste wichtigere Rolle in Chris Nolans „Interstellar“ bekam. Chalamet war überzeugt von seinem Weg: „Ich weiß, was es heißt, kein Nein als Antwort zu akzeptieren – und das in einer Branche, in der man so oft abgelehnt wird.“
Meisterschaft als Praxis
In seinen neun Jahren im Scheinwerferlicht hat Chalamet nicht nur Fleiß und Hingabe bewiesen. Sondern auch, dass er alles spielen kann. Er war der Jüngste, der je für einen Hauptrollen-Oscar nominiert wurde (für „Call Me by Your Name“). Eine zweite Nominierung erfolgte 2025 für sein berührendes Bob-Dylan-Porträt. Mit „Marty Supreme“ wird er jetzt wieder für einen Oscar gehandelt. Seinen ersten Golden Globe als „Bester Hauptdarsteller“ strich Chalamet mit der Rolle bereits ein – und vielleicht hält er ja am 16. März endlich auch die goldene Statue in Händen. Der Zeitpunkt für einen ersten Oscar würde passen. Es ist gar nicht so lange her, dass Chalamet dreißig geworden ist – ein Meilenstein, wie er fndet.
Neu ist, wie er mittlerweile jede Ablenkung am Set ausschaltet, sogar das Handy, weil er genießen möchte, „zwei Monate lang mal nur diese eine Figur zu sein. Als Schauspieler auf höchstem Niveau zu arbeiten, ist das Geschenk meines Lebens.“ Meisterschaft – das ist bei Chalamet kein großes Wort, sondern Praxis.
Sie entsteht aus dem Wissen, dass Glaubwürdigkeit erarbeitet werden muss – genauso entschlossen, wie Marty sein Glück herausfordert. „Ich fnde, dass Marty Supreme uns befügelt, unser Bestes zu geben, auch wenn das jetzt etwas klischeehaft klingt“, sagt er am Schluss des Pressetermins. Für ihn ist dieser Film kein Karriereschritt, sondern ein Bekenntnis: zu einem Kino, das Können zeigt, weil es Können voraussetzt.
Instagram: @tchalamet

„Ich akzeptiere kein Nein als Antwort – und das in einer Branche, wo man so oft abgelehnt wird.“
Seit er zehn war, wusste Timothée Chalamet, 30, dass er Schauspieler werden wollte.
ist eine prägende Schauspielerin ihrer Generation. Ihr Rezept vor der Kamera und im Leben: Sie macht ihr Glück nicht davon abhängig, ob genug Menschen sie mögen.
Text Anne Waak Foto Elli Holste
Irgendwann mitten im Gespräch sagt Marie Bloching den Satz, der auf den Punkt bringt, wie sie zu ihrem Job steht: „Das Positive an der Unsicherheit im Schauspiel ist, dass man zwischen Projekten auch Zeit hat, um anderes auszuprobieren.“ In Blochings Fall zum Beispiel die Forstwirtschaft, die Arbeit mit Ton, Farbe oder Bauschaum. Die Schauspielerin ist der lebendige Beweis dafür, dass man sich einer Sache eben nicht vollkommen verschreiben muss, um damit erfolgreich zu sein.
Und erfolgreich ist sie: Bloching, 29, ist eine der beeindruckendsten jungen Schauspielerinnen ihrer Generation. In dem Ensemble freidrehender Charaktere in der ComedySerie „Die Discounter“ fungierte sie vier Stafeln lang als der Ruhepol – im wahrsten Sinne des Wortes. Blochings Figur Lia war dermaßen angeödet von ihrem Job als Kassiererin, dass sie die Waren schon mal mit einem Nackenkissen um den Hals über den Scanner zog, bereit, jeden Moment einzuschlafen. Wenn sie die sogenannte vierte Wand durchbricht, also direkt in die Kamera schaut – und damit in die Augen des Publikums –, ist da: Leere. Es ist nur schwer vorstellbar, dass es eine bessere Darstellerin für die Rolle gegeben hätte als Bloching. Ihre großen braunen Augen verleihen ihr etwas Kindliches, aber sie kann ihnen einen Ausdruck irgendwo zwischen Langeweile, Abgeklärtheit und totaler Desillusion verpassen.
Überzeugend ohne Worte
In ihrem neuesten Film „Schwesterherz“ spielt sie die Hauptrolle, Rose. Als eine andere junge Frau Roses Bruder Sam (Anton Weil) der Vergewaltigung be
Aufgewachsen bei Rosenheim; geboren 1996; lebt in Berlin; Durchbruch mit ihrer Rolle als Kassiererin Lia in der Serie „Die Discounter“; Preise: Deutscher Fernsehpreis für die Hauptrolle in „Angemessen Angry“; Instrumente: Klavier, Querflöte, Blockflöte, Ukulele
schuldigt, steht Rose vor der Entscheidung, entweder gegen ihren geliebten Bruder auszusagen oder ihn vor einer Strafe zu schützen und sich damit mitschuldig zu machen. Bloching schaft es, das Dilemma ihrer Figur fast ausschließlich über ihr nuanciertes Spiel zu erzählen, über ihr Gesicht, ihre Mimik und Gesten. Es gehört viel dazu, einen abendfüllenden Film nahezu allein zu tragen. Bei Marie Bloching wirkt es, als wäre nichts dabei. Bei ihrem kommenden Film „Fernlicht“, in dem sie eine Berliner Drogenkurierin spielt, ruht die Kamera sogar achtzig Minuten lang ausschließlich auf ihr.
Zweifel an der Berufswahl So talentiert, wie sie ist, könnte man erwarten, dass Bloching vollkommen in ihrem Beruf aufgeht. Stattdessen sagt sie: „Manchmal frage ich mich, ob es ein Fehler war, dass ich damit überhaupt angefangen habe.“ Sie fände es „ein bisschen gruselig“, sich erst einer Kamera und dann den Blicken des Publikums aussetzen zu müssen.
Aufgewachsen mit zwei älteren Brüdern in einer, wie sie sagt, „normalen bürgerlichen Familie“ in einem bayerischen Dorf, kam sie schon früh in Kontakt mit Filmen. Ihre Oma und ihre Großtante betrieben ein kleines, bis heute existierendes Programmkino. Was sie an Filmen interessiert hat und bis heute interessiert,
seien die vielen Orte und Leben, in die eine Geschichte sie transportieren könne. Sie erzählt vom Schlüsselmoment in ihrer Kindheit, in dem sie einen ihrer Brüder ansah und realisierte, dass sie niemals er sein kann. „Ich fand das schrecklich, weil ich die Sehnsucht hatte, auch jemand oder etwas anderes zu sein als ich selbst.“
Wunden aus Bauschaum basteln Mit 15 Jahren spielte sie in ihrem ersten Kurzflm; noch während sie in München die Schauspielschule besuchte, übernahm sie Rollen in Fernseh und Kinoflmen sowie am Theater. Spätestens seit „Schwesterherz“ 2025 auf der Berlinale lief, wird ihr auch internationale Aufmerksamkeit zuteil. Magnetisch sei ihr Spiel, so die Kritik, emotional kraftvoll.
Dennoch fühlt sich Bloching am wohlsten, wenn sie allein vor sich hin bastelt. Zu ihren liebsten Beschäftigungen gehört das Nachbilden möglichst realistischer Wunden mithilfe von Bauschaum; derzeit arbeitet sie außerdem an großformatigen Tonobjekten, malt und tuftet Teppiche. In ihrem Wohnzimmer hängt eine ihrer jüngeren Arbeiten: Die Malerei zeigt einen weiß gekachelten Raum, in dem an silbernen Haken Schweinehälften hängen. Die Innereien der Tiere hat Bloching mit langen Fäden gespickt. Aber nicht nur Kunst und Handwerk interessieren sie, sie hat auch schon Vorlesungen über Forstwirtschaft besucht und im Friseurladen gearbeitet. „Ich käme mir blöd vor, wenn ich in meinem Leben nur eine Sache machen würde“, sagt Bloching. „Die Filmwelt spiegelt nicht die Realität wider. Manche Leute denken, nur weil man manchmal im Scheinwerferlicht steht, wäre man mehr wert.“
Vielleicht ist genau diese Halbdistanz Marie Blochings Erfolgsgeheimnis. Sie hält gesunden Abstand zu ihrem eigenen Beruf und macht ihr Lebensglück nicht davon abhängig, ob genug Menschen sie mögen. Aber wenn es darauf ankommt, ist sie vollkommen präsent.
Instagram: @marie.bloching

„Ich käme mir blöd vor, wenn ich in meinem Leben nur eine Sache machen würde.“
Zwischen Drehs und Auftritten widmet sich Bloching etwa Kunst und Handwerk.
kündigte ihren gut bezahlten Job, um
DJ zu werden – ohne viel von der Branche zu wissen. Heute führt die Österreicherin ein Rockstar-Leben und teilt sich die Bühne schon mal mit David Guetta.
Text Lisa Hechenberger Foto Selina Jakob
„Wer auf die große Bühne will, muss erst durch den Dreck gehen.“ Das klingt hart. Was die österreichische Technound House-DJ Dominique Jardin damit aber meint: Einen Platz auf der Mainstage eines der wichtigsten EDM-Festivals Europas muss man sich hart erarbeiten –so wie es ihr 2025 beim Electric Love Festival in Salzburg gelang. Oder anders gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man über Nacht zur Sensation wird, ist gering. Doch der Reihe nach.
Dominique hat ihre mittlerweile knapp 15-jährige Karriere einer Kurzschlussreaktion zu verdanken: „Ich war auf Ibiza, David Guetta hat im Club aufgelegt, und ich konnte ihm dabei genau auf die Finger schauen. Da kam mir die Idee: Ich kündige meinen Job und mache genau das für den Rest meines Lebens.“ Ähnlich wie die Songs ihres Vorbilds klingt heute auch ihr eigener Sound: ein tanzbarer Mix aus Melodic House, Indie Dance und Techno.
Die Liebe zur Musik trägt die Niederösterreicherin von klein auf in sich – geprägt von ihrer Mutter, die beim Hausputz die Boxen immer auf volle Lautstärke drehte. „Egal ob es eine große Party oder private Feier war, ich war vorne beim DJ. Vermutlich bin ich einigen echt auf den Senkel gegangen, aber ich hatte das Gefühl, ich weiß, was die Leute hören wollen.“
Dennoch schlug Dominique zunächst einen anderen Karriereweg ein und landete im Controlling eines Hedgefonds. Ein gut bezahlter, respektabler Job. Entsprechend schockiert reagierten Freunde und Familie, als sie, zurück aus Ibiza, ihren Plan verkündete. „Alle haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.
Kommt aus Krems, Niederösterreich; lebt in Salzburg; heißt tatsächlich Dominique mit Vornamen; ist ein Morgenmensch und meistens schon gegen sieben Uhr früh munter; genießt nach einer Show die Stille im Hotelzimmer; liebt Pasta in allen Variationen
Aber ich wusste tief in mir, das ist mein Traum – und hab es durchgezogen.“ Zwei Jahre lang gab es für Dominique nur eins: üben, üben, üben. Mit Hilfe von Freunden, die selbst auflegten, und YouTubeVideos lernte das technische Know-how –bis sie sich bereit für ihren ersten Gig fühlte. „Es war eine Privatparty in Wien, irgendwo im ersten Bezirk, ganz klein, 200 Leute. Da war ich richtig aufgeregt.“
Kommt Geld, kommt Anwalt Es lief gut, die Gäste waren begeistert, Dominique euphorisiert. Doch die Euphorie verfog auch wieder schnell. „Ich hatte zwar einen kleinen Polster angespart, aber irgendwann wurde es fnanziell eng. Weil du natürlich nicht direkt die großen Gigs spielst und tausende Euros Gage bekommst. Das waren mal 250 Euro da, 150 Euro plus ein paar Getränke dort.“ Dominique gab nicht auf, auch wenn es immer wieder hart war: „Das Schlimmste ist, wenn du auflegst und das Publikum immer weniger wird. Aber das passiert jedem mal“, sagt sie. „Und jeder, der behauptet, dass es nicht so ist, lügt!“
Dennoch wurden die Shows mit der Zeit größer. 2013 erhielt sie den Austrian Dance Music Award für „Best Newcomer“ und knüpfte immer mehr Kontakte zu Musikern, DJs, Managements. Und zu
Anwälten. „Wenn es um Geld geht, ist es wichtig, dass du Leute um dich hast, die sich auskennen. Egal ob es um Songs, Labels oder Kooperationen geht, diese Verträge sind so wild geschrieben, da verkaufst du deine Seele direkt mit. Mein Tipp an alle Newcomer: Hol dir einen guten Anwalt – hat auch schon Taylor Swift gesagt!“ Besonders für Frauen kann das Musikbusiness erbarmungslos sein.
„Es gab anfangs Momente, in denen sich ein Mann statt mir aufgedrängt hat. Plötzlich bin ich aus dem Line-up gefogen oder habe einen schlechteren Slot bekommen“, sagt Dominique. Früher habe sie das überfordert. „Klar legt man sich nicht gerne mit Leuten an, aber heute gebe ich nicht nach. Nur so bekommt man den Respekt, den man verdient.“ Wobei Dominique betont, dass Gleichberechtigung mittlerweile ein größeres Thema sei als vor ein paar Jahren. Und dass Personality und Vibe für Fans am Ende sehr viel wichtiger seien als das Geschlecht. „DJs sind die neuen Rockstars – aber man muss es schafen, authentisch zu bleiben.“
Ein Rockstar-Leben führt Dominique allemal. Sie spielt Shows und Festivals überall auf der Welt, mit ihrem Idol David Guetta durfte sie sich bereits die Bühne teilen, und Star-DJs wie Tiësto und Meduza nutzen ihre Songs und Samples. „Von so etwas träumt man immer!“ Mit BON VOYAGE! gründete sie Anfang des Jahres sogar ihre eigene Marke. In erster Linie, um besondere Events auf die Beine zu stellen. „ BON VOYAGE! bedeutet in dem Sinne eine gute Reise an einen Ort, an den man normalerweise nicht hinkommt oder wo sonst keine Partys stattfnden dürfen. Alles sehr intim, sehr speziell, sehr cool!“ Unmittelbar vor größeren Auftritten, wie beim Electric Love Festival 2025, steigt die Aufregung merklich, gibt Dominique zu. „Ich bin zum Teil immer noch so nervös, dass alles an mir vorbeifiegt und ich erst danach checke, was passiert ist.“ Wenn sie daher einen Tipp für ihr jüngeres Ich hätte, wäre es folgender: „Versuch, dich zu entspannen und den Moment auf der Bühne voll zu genießen. Der Rest regelt sich.“
Insta: @dominiquejardin; @bonvoyage.ofc dominiquejardin.com; Infos und Tickets für das Electric Love Festival 2026 unter electriclove.at

„Wer auf die große Bühne will, muss erst durch den Dreck gehen.“
Dominique Jardin macht kein Geheimnis daraus, wie hart das DJ-Leben sein kann.

Mit dem Flieger durch gleich zwei Tunnel, mit dem Skateboard ein Hochhaus hinunter: Hier kommen acht Athleten, die beweisen, wie Zuversicht das Unmögliche möglich machen kann.

40

ermöglichten Darios Traum. So groß war das Team, das den Stunt ein Jahr lang gemeinsam mit dem Athleten vorbereitete. Vergleichsweise kurz wirkt da die eigentliche Flugdauer: 44 Sekunden.
blieben Dario, um die Flugrichtung seiner Maschine zu korrigieren – etwa wenn sich im Tunnel der Luftstrom änderte.

König der Lüfte: Dario Costa, 44, aus Bologna, Italien, ist einer der vielseitigsten Kunstflug und Stuntpiloten der Welt.
Wer sehnt in düsteren Zeiten nicht ein Licht am Ende des Tunnels herbei? Leider ist dieses selten so schnell zu sehen wie bei Dario Costas Kunstflug 2021 nahe Istanbul: Mit im Schnitt 245 Stundenkilometern düste Costa durch gleich zwei Tunnel ins Buch der Rekorde –wobei die Flügel seiner Zivko Edge 540 links und rechts nur je vier Meter Abstand zur Tunnelwand hatten. Selbst für einen
Kunstpiloten mit 20 Jahren Flugerfahrung eine riesige Herausforderung. Etwas Derartiges hatte kein Pilot zuvor je gewagt.
Am heikelsten waren, erzählt Costa, die 360 Meter im Freien zwischen den beiden Tunneln, wo er vom Seitenwind erfasst wurde – und den Flieger in Millisekunden zurück auf Kurs bringen musste.
„ALLESPASSIERTE SOSCHNELL.ICH VERLANGSAMTEMEINE WAHRNEHMUNG.“
Pilot Dario Costa über seinen ganz persönlichen Tunnelblick

Jetzt scannen und „Tunnel Pass“ erleben

Was verbindet Skifahren und die Formel 1? Erst mal gar nichts. Denn steile Abhänge, weite Sprünge und eisglatte Pisten sind nichts für einen Rennwagen. Aber dann kam Formel1 Größe Max Verstappen und fuhr 2016 in einem Red BullBoliden am legendären Hahnenkamm in Kitzbühel, Österreich, ein Wettrennen

gegen Skiprofi Aksel Lund Svindal. Und plötzlich erkannte man sie eben doch, die Gemeinsamkeiten: Höchstgeschwindigkeiten, ob auf Eis oder Teer; enorme g Kräfte, die auf den Körper einwirken; das Driften in den Kurven; und staunende Zuschauer am Pistenund Streckenrand.
„DUBRAUCHSTEXTREMVIEL
Max Verstappen über sein
Rennen auf einer etwas anderen Piste
betrug die Höhe des Rennstarts. Neben der steilen, eisigen Piste stellten auch die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt Material und Fahrer auf die Probe.
beschleunigten den Rennwagen. Spezielle Schneeketten und Spikes sorgten an den Reifen für Halt.

Eine Macht auf Asphalt: Vier Mal gewann der Niederländer Max Verstappen, 28, mit dem Team Oracle Red Bull Racing bereits die Formel 1.

Jetzt scannen und „Formel 1 vs. Streif“ erleben

So hoch auf einem BMX-Rad schwebte nicht mal E. T., der Außerirdische, in der legendären Filmszene des Kinoklassikers. 610 Meter über dem Boden von Malmesbury im Südwesten Englands flog Kriss Kyle hier 2022 – seine Airs in der weltweit ersten schwebenden Bowl nicht mitgerechnet. Dabei hat der schottische BMXProfi Höhenangst. Umso abenteuerlicher war für ihn das Hinunterklettern vom Ballonkorb an einem dünnen Seil zur Rampe. Unten angekommen, begann Kyle mit einem Wallride, zum Schluss zeigte er einen rückwärts angefahrenen Backflip.

Der Trickreiche:
BMX-Profi Kriss Kyle, 33, ist in der Szene für seinen extrem anspruchsvollen und kreativen Stunts bekannt.


Jetzt scannen und „Don’t look down“ erleben
8KILO
wog der Fallschirm auf Kriss’ Rücken – das stellte für ihn eine der größten Herausforderungen bei den Stunts im Himmel dar.

„DIESESKLEINEBIKE HATMICHHIERHER GEBRACHT.WIEIST DASPASSIERT?“
Manchmal kann Kriss selbst kaum glauben, was ihm Fantasie, Biss, detailversessene Planung und das richtige Team alles ermöglichen.
Die Tower Bridge in London wurde 2024 von circa 960.000 Menschen besucht. Nur zwei davon kamen im Wingsuit: Marco Fürst und Marco Waltenspiel. Die beiden Österreicher sprangen am 12. Mai gegen 5.20 Uhr früh aus einem Hubschrauber in 900 Meter Höhe, um dann zwischen den Türmen der Brücke hindurchzufliegen. Ein zwar 61 mal 58 Meter großes Zielfenster, bei rund 246 Stundenkilometern jedoch nicht so leicht zu treffen. Die beiden wirkten im Anflug, rote Rauchsäulen hinter sich herziehend, wie Jets – oder wie Superhelden.
Da eigens Luftraum und Schiffsverkehr gesperrt wurden, gab es nur einen Versuch –der klappte. Anders übrigens als die Landung auf eigens erbauten Plattformen auf der Themse: Marco Fürst verfehlte sie und ging baden.

Flug-Pioniere: Die Wingsuit-Athleten
Marco Waltenspiel und Marco Fürst aus Österreich sind
Teil des Red Bull Skydive Teams. Sie flogen bereits über New York und São Paulo.


„SOLCHESTUNTSSIEHT MANEIGENTLICH NURINKINOFILMEN“,
meint Wingsuit-Athlet Marco Waltenspiel. So etwas in der Realität umzusetzen, sei „einfach einzigartig“.
absolvierten die beiden Athleten als Vorbereitung. Auf einem eigenen Gelände simulierten dabei zwei Kräne die Tower Bridge.

Jetzt scannen und WingsuitFlug durch Tower Bridge erleben

Die Zeiten, in denen bei Linienflügen nach der Landung geklatscht wurde, sind vorbei. Łukasz Czepiela muss man zu seiner Punktlandung auf dem 27 Meter schmalen Helipad des Hotels Burj Al Arab in Dubai 2023 allerdings geradezu stürmisch applaudieren. Zwei Anflüge brach der polnische Pilot ab, beim ersten berührte nur ein Reifen die Plattform. „Ich bin mir nicht sicher, ob das klappt“, funkte er, worauf seine Frau noch besorgter blickte.
Doch im dritten Anflug setzte er am äußersten Rand der Plattform auf, um nach nur 20 Metern Bremsweg und in sicherem Abstand zum Abgrund zum Stehen zu kommen.

Überflieger: Łukasz Czepiela, 42, gewann 2018 als erster Pole beim Red Bull Air Race. Neben Shows und Stunts fliegt er heute auch als Kapitän A320-Passagiermaschinen.

Jetzt scannen und „Bullseye Landing“ erleben

schmal ist das ikonische Helipad des Burj Al Arab-Hotels. Um aggressiveres Bremsen zu ermöglichen, wurde der Tank des Flugzeugs nach hinten verlegt.
ragt der Landeplatz für Hubschrauber in die Höhe. Im Alltag steigen hier vor allem VIP-Gäste des Hotels ein und aus.

„DERDARTISTIM BULL’SEYE! WIRHABEN GESCHICHTE GESCHRIEBEN.“
Łukasz Czepiela per Funk zu seinem Team – kurz nach der Landung
Selten hatte FreestyleProfi Luc Ackermann so viel Respekt vor einer Landung wie vor dieser: mit seinem Motorrad, auf der Ladefläche eines fahrenden Lasters, auf der Autobahn. Und dann kam auch noch der Seitenwind. Intuitiv korrigierte er seine Flugbahn und landete am Rand der Ladefläche. Das haarscharfe Gelingen des Stunts im Sommer 2025 ist keineswegs ein Beleg für schlechte Planung, sondern vielmehr der Beweis, wie unglaublich schwer ein Tsunami Backflip, also ein Rückwärtssalto mit Körperstreckung, mit 74 Stundenkilometern über 40 Meter und ein Autobahnschild zwischen zwei fahrenden Lkws ist.

Jetzt scannen und Lucs Autobahn-Stunt erleben


Bike-Akrobat: Als Freestyle-Motocross-Profi ist der Thüringer Luc Ackermann, 28, mehrfacher Weltrekordhalter. Er tourt unter anderem mit der Show „Night of the Jumps“.
heißt der Sportwissenschaftler vom Red Bull Athlete Performance Center, der für Luc per mathematischphysikalischer Datenanalyse die optimalen Geschwindigkeiten und Abstände berechnete.
hoch war das Autobahnschild. Um es zu überwinden, mussten die Lkws konstant 20 km/h fahren. Luc beschleunigte auf 54 km/h und erreichte im Sprung 74 km/h.

„ICHBINHALB VERRÜCKT GEWORDEN ...
vor Freude“, berichtete Luc nach dem Sprung. Die knappe Landung hatte ordentlich Adrenalin in ihm freigesetzt.
Das Verwaltungsgebäude Centro Administrativo Fernando Ferrari in Porto Alegre, Brasilien, muss man nicht kennen. Und doch ist es unter Skateboardfahrern ein Begriff. Immer wieder vertaggten sie sich gegenseitig auf Social Media mit dem Gebäude – aus Spaß, weil es nun mal aussieht wie eine riesige Quarterpipe. Aber ein Drop-in vom 22. Stock? Das blieb lange nur ein Traum. Bis Brasiliens 50-jährige Skate -

board-Legende Sandro Dias das Haus 2025 in eine Rampe umbauen ließ. Wo andere nur tristen Beton sehen, einen Sportplatz zu erkennen – das ist der Zauber des Skatens und Dias’ Spezialität. Nur hat es in diesen Dimensionen noch niemand gewagt.
In Zahlen: Aus 70 Meter Höhe beschleunigte Dias auf 103 Stundenkilometer. 13 Jahre hat Dias davon geträumt, bis er in die Steilwand reindroppte.
dauerte der Umbau der Gebäudewand in eine Skateboardrampe. Nach dem Stunt wurden rund 115 Tonnen Material nachhaltig wiederverwertet.
hoch ist das Gebäude insgesamt. Die Dropins übte Dias auf einer Megarampe mit 40KiloWeste, die den Druck der Beschleunigung simulierte.

Steiler Typ: Brasiliens SkateLegende Sandro Dias ist 50 Jahre alt und als VertSkater auf große, fast senkrechte Rampen spezialisiert.

Jetzt scannen und „Building Drop“ erleben



Vom Aufstiegsdrama in Mainz bis zum Champions-League-Sieg mit Liverpool: Wo Jürgen Klopp war, weckte er in Spielern, Fans und ganzen Städten den Glauben an sich selbst. Hier spricht er über lebensverändernde Niederlagen, die Kraft eines Lächelns in der Kabine –und warum es wichtig ist, zwischendurch alles zu riskieren.
Menschen wirken im echten Leben oft kleiner als im Fernsehen. Für Jürgen Klopp gilt das nicht. Er wirkt auch in der Realität überlebensgroß. 1,90 Meter, schlank, kräftige Stimme, fester Händedruck. „Ich bin der Jürgen.“ Nicht: Mr. Klopp. Klar, ein Fotoshooting ist nicht vergleichbar mit einer Kabinensitzung vor dem Finale. Aber Klopp steht sofort im Mittelpunkt – nur nicht auf dem Podest. Er braucht keine VIP-Kabine, zieht die Klamotten direkt am Set um. Freundlich, unkompliziert, voller Energie.
the red bulletin: Jürgen, nur etwa die Hälfte der Menschen in Europa blickt aktuell optimistisch in die Zukunft. Wie geht es dir? jürgen klopp: Ich bin sehr optimistisch – und gehe auch so in die Zukunft. Aber das gilt natürlich nicht für alle Teilaspekte unseres Lebens und des Weltgeschehens. Alles verändert sich. Viele Ressourcen, die wir lange für unendlich hielten, werden aus unterschiedlichsten Gründen immer knapper und teurer. Und vieles kann man schlicht nicht kontrollieren. Und das ist der Punkt: Ich bin optimistisch bezüglich der Dinge, die ich beeinfussen kann. Und mit allen anderen Ereignissen und Trends muss man leben und irgendwie zurechtkommen.
Das sagt sich so einfach.
Natürlich leiden viele Menschen unter verschiedenen Dingen viel mehr als ich in meiner privilegierten Position. Das ist mir bewusst. Ich sitze heute hier mit 58 Jahren und hab ein Leben geführt, von dem ich als junger Kerl nicht gewagt hätte zu träumen. Da ist ziemlich viel ziemlich gut gelaufen. Aber ich war auch vor vierzig Jahren der gleiche Mensch mit den gleichen Werten. Das kannst du „grundlos optimistisch“ nennen. Ich glaube immer daran, dass es gut ausgeht.
Muss man als Leistungssportler vielleicht einfach auch Optimist sein? Du bist im Schwarzwald aufgewachsen, in der Provinz, einer von Millionen Jungs in Deutschland, die von der großen Fußballerkarriere träumen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt, geht ja leider gegen null … Ich habe das Spiel sehr, sehr geliebt und war auch in der Region einer der Besten. Aber der Realist in mir wusste damals schon: Ich bin nicht gut genug. Vielleicht hab ich mich ein wenig unterschätzt. Eine sehr, sehr durchschnittliche Profkarriere, die mir alles danach ermöglicht hat. Denn ich wäre sicher nicht der Trainer geworden, der ich bin, wenn ich mich nicht 325 mal durch deutsche Zweitligastadien gequält hätte. Man muss tatsächlich Optimist sein, um sich seine Träume zu erfüllen. Ich fnde, es macht
die Zeit während des TräumeErfüllens angenehmer. Aber ein realistischer Blick ist auch wichtig: Was sind meine Talente? Wo kann ich einen Unterschied machen? Mit Pessimismus allein kann ich gar nichts anfangen.
Warum?
Pessimismus basiert meistens auf der Erfahrung, dass Dinge in der Vergangenheit nicht so geklappt haben wie erhoft. Diese Erfahrung führt häufg dazu, dass man sich das, was in Zukunft passiert, nicht mehr zutraut. Für mich sind die Dinge, die in der Vergangenheit nicht funktioniert haben, nur eine Information, dass es nicht funktioniert hat. Aber dass mich das über das Scheitern hinaus noch weiter behindert, habe ich nie zugelassen.
Wahrscheinlich hat es im deutschen Fußball seit Franz Beckenbauer niemanden gegeben, auf den sich so dermaßen alle einigen konnten. Der erfolgreichste Trainer der letzten Jahre, mehrfacher Fernsehpreisträger, omnipräsent in der Werbepause. In einem TV-Spot tritt er als Bäcker, Zahnarzt und Pastor auf. Und irgendwie nimmt man ihm ab, dass er das auch super gemacht hätte. Fans bewundern nicht nur den Mann mit dem Pokal. Sie bewundern den Typen, der mit Campino von den Toten Hosen nach einem ungerecht verlorenen Finale singt: „Madrid had all the fucking luck. We swear we keep on being cool. We’ll bring it back to Liverpool.“ Ein Jahr später holten sie den Pokal tatsächlich. Wie bleibt man so lässig? Wie zündet man eine Mannschaft an, einen Verein, eine ganze Stadt? Wie geht das?
jürgen klopp: Alles hat seine Zeit. Die Trauer, die Wut, die Refexion. Die schlimmsten Niederlagen meines Lebens waren die verpassten Aufstiege mit Mainz 05. Wir hatten plötzlich die Chance, mit diesem kleinen Verein in die Bundesliga zu kommen – und scheiterten am letzten Spieltag wegen eines Punkts (2001/02; Anm.). Das war bis dahin der schlimmste Tag meines Lebens. Ich hatte gar keine positive Zukunftsvision in mir. Nach einer durchzechten Nacht sah die Welt wieder anders aus. „Einmal drüber schlafen“ – das ist wirklich ein Tipp, den ich allen geben würde, bevor man eine große Entscheidung trift.
Wie wirkt sich das aus?
Am nächsten Morgen dachte ich schon: Wir waren so gut, so nah dran, wir optimieren ein bisschen und schafen es nächstes Jahr. Und dann verpassten wir den Aufstieg wieder – wegen eines Tors (2002/03; Anm.). Da fühlte ich mich vom Fußballgott gemobbt. Das waren lebensverändernde Niederlagen.

„MEINEFRAUUND ICHWUSSTEN: WENNDASNICHT MÜSSENKLAPPT, WIR TAXIFAHREN LERNEN.“
Bevor Jürgen Klopp sich entschied, alles auf Fußball zu setzen, gab es Kassensturz mit seiner Frau Ulla.

Ich wusste: Wenn ich ein drittes Mal nicht aufsteige, war es das mit der großen Trainerkarriere. Aber dann haben wir es geschaft – und ich war gerettet. Die verlorenen Champions-League-Finals später (2013, 2018 und 2022; Anm.) fühlten sich nicht gut an. Aber ich wusste, das wird mein Leben nicht mehr verändern. Ein Luxusproblem. Ob da jetzt noch eine Trophäe rumsteht oder nicht, ist am Ende nicht so wichtig. Aber die frühen Niederlagen haben mich geprägt – eindeutig.
Die meisten Leute hätten ein Loch gegraben und sich reingelegt. Das ist in der Rolle nicht möglich. Spieler denken nur bis zum nächsten Training oder Spiel – kein Vorwurf, ich war nicht anders. Aber irgendjemand muss den Weg aufzeigen und das Gefühl erzeugen, dass die Ziele erreichbar sind. Nach dem zweiten verpassten Aufstieg mit Mainz stand ich auf einer Bühne und hab erzählt, dass der Fußballgott mit uns ein Experiment zu machen scheint: Ob man nicht nur einmal fällt und wieder aufsteht, sondern vielleicht sogar zwei- oder dreimal – und trotzdem stärker daraus hervorgeht. Und dann hab ich gesagt: Es gibt keinen besseren Club und keine bessere Stadt als Mainz für diesen Versuch. In diesem Moment haben die 25 Jungs, die 20.000 Leute vor der Bühne – alle –daran geglaubt. Und beim Trainingsstart waren

Viele Hochs: Mit Borussia Dortmund gewann Klopp unter anderem zweimal die Meisterschaft. Mit Liverpool sogar die Champions League.
10.000 Leute da und haben uns Schwung gegeben für die Saison. Optimismus für sich allein ist schön. Aber wenn man ihn mit anderen Menschen teilt, entfaltet man eine richtig starke Wirkung.
Bleiben wir noch kurz in Mainz. 2001 hat dich, lustigerweise an einem Rosenmontag, der damalige Sportdirektor Christian Heidel angerufen und gefragt, ob du als Spielertrainer übernehmen kannst. Woher nimmt man diese Zuversicht, derartige Challenges anzugehen?
Man könnte das unter der Überschrift „jugendlicher Leichtsinn“ zusammenfassen. Ich war 33 Jahre alt, hatte zwar ein abgeschlossenes Sportstudium, aber keine Erfahrung. Die Frage war nicht: Kannst du es den Rest der Saison machen? Sondern: Kannst du das Team auf Mittwoch vorbereiten? Und dann dachte ich: Ja, das schaf ich. Und dann haben wir von den ersten sieben Spielen sechs gewonnen – das war ein ordentlicher Start.

„WENNICHEINBUCH
Die Lektion: In kleinen Schritten denken, statt zu sagen, „oh Gott, das ist ja so ein Riesenschritt“? Genau. Im Fußball mögen es die Journalisten nicht, wenn man sagt: „Ich denke von Spiel zu Spiel.“ Aber es stimmt trotzdem. Es gibt keine Alternative. Sich das große Ziel stecken und dann bereit sein, jeden einzelnen notwendigen Schritt zu gehen – das ist die einzige Möglichkeit, erfolgreich zu sein.
Wissenschaftler haben untersucht, warum Menschen unterschiedlich optimistisch sind: 30 Prozent ist DNA, also wie schnell Neurotransmitter abgebaut werden. 20 Prozent ist Glück, positive Erfahrungen, die sich selbst verstärken. Gut die Hälfte ist ein gutes Umfeld, wo man das lernt. Warum bist du so, wie du bist?
Das sind schon die wichtigsten Faktoren. Vor allem prägt einen die Familie, in der man aufwächst. Ich war das dritte Kind meiner Eltern, fünf Jahre jünger, nach zwei Mädels endlich der Thronfolger. Ich hätte mich zu einem Riesenschwachkopf entwickeln können, die haben mich von vorne bis hinten verwöhnt. Aber das hat auch dazu geführt, dass ich absolutes Vertrauen in Menschen habe. Ich meine es ernst:
Ich trete Menschen positiv und absolut unvoreingenommen gegenüber und vertraue ihnen hundertprozentig. Falls man mich enttäuscht, kann ich mich später damit beschäftigen.
Haben deine Eltern dir diese Werte vermittelt?
Mein Vater kommt aus der Vorkriegsgeneration und war auch sehr fordernd. Hat er jeden Tag gesagt, dass er mich lieb hat? Nein. Aber ich spürte es. Er hat in mir den Kerl gesehen, der all das erreichen kann, was er nicht erreichen konnte – und mich gepusht. Ich weiß nicht, ob das an der Erziehung liegt, an der DNA oder ob es meine eigene Entscheidung ist. Aber wichtig ist: Ich möchte optimistisch durchs Leben gehen – und einen Mehrwert darstellen für die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Es ist nicht genug, wenn es nur mir gut geht. Das hängt mit meinem christlichen Glauben zusammen, mit meiner Erziehung. Es war nicht alles easy bei mir. Es gab Momente, wo man vom Weg hätte abkommen können
Zum Beispiel?
Ich bin ganz jung Vater geworden, habe damals auch nicht gedacht: Das ist ja großartig. Und heute ist es das Beste, was mir passieren konnte. Mein Sohn und der Sohn meiner Frau Ulla sind heute unsere besten Freunde. Ich sehe es als Auftrag, aus dieser Nummer hier das Beste zu machen. Und damit meine ich: aus dem Leben, das wir hier haben. Mehr ist es nicht.
Die Liverpool-Legende Steven Gerrard hat mal erzählt: „Jürgen Klopp hat immer gelächelt, wenn er die Kabine betreten hat.“ Stimmt das?

„ICHMÖCHTEEIN PARTNERSEIN, DENESIMWELTFUSSBALL SONST NICHTGIBT.“
„DASISTMEINTHRILLIMNEUENJOB:
Und hast du das Lächeln bewusst angeknipst, bevor du die Tür geöfnet hast?
Das war mir nicht bewusst. Aber klar, wenn du in die Kabine kommst, musst du dein Team so gut wie möglich auf ein Spiel vorbereiten. Es geht darum, dass dieser Haufen, der da sitzt, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, stärker ist als davor. Ich fordere viel von meinen Spielern: Mut, Kreativität, Einigkeit. Wahrscheinlich ist Lächeln der einzige Gesichtsausdruck, der das möglich macht.
Du hast mal gesagt: „Wenn man das, was ich vor dem Spiel spüre, in Flaschen abfüllen und verkaufen könnte, dann wäre es illegal.“
Was würde auf der Flasche stehen?
„Lust auf den Erfolg“, „Lust auf den Wettkampf“, „Lust auf das Spiel“, „Lust auf das, was man beeinfussen kann“. Sag mir eine Sache im Leben, die man besser machen kann, wenn man miesepetrig ist.
Hast du einen Tipp, wie man das vermeidet?
Schwierig, Leuten Ratschläge zu geben, die ich nicht kenne. Aber ich versuch es mal so: Meine Kar riere ist optimal gelaufen, auch wenn ich nicht alle Spiele gewonnen habe. Es gibt Menschen, die sagen: Der hat dreimal das ChampionsLeagueFinale verloren. Das ist legitim. Aber wie dämlich wäre ich, wenn ich das so sehen würde? Ich denke nicht jeden Tag daran, dass Real Madrid absurde Tore gegen uns geschossen hat. Ich denke aber auch nicht jeden Tag an die Momente, in denen ich den Pokal hochgehoben habe. Es liegt in meiner Hand, wie ich mit den Dingen umgehe, die im Leben passieren. Wenn du ein Spiel verlierst, kannst du sagen: „Die Spielidee war falsch. Zurück auf null.“ Oder du sagst: „Die Idee war gut, aber die Ausführung nicht optimal. Das Timing, die Präzision.“ Und schon hat man die Möglichkeit, beim nächsten Mal besser zu sein.
Alles zu geben, bedeutet nicht, dass du alles bekommst. Es ist aber die einzige Chance, überhaupt etwas zu bekommen.
Im Sport gibt es dieses Phänomen, wenn ein Team plötzlich „on fre“ ist, krass an sich glaubt und alles wegräumt. Wie zündet man das an?
Wie fühlt sich das an?
Wir hatten eine Phase in Liverpool, in der wir über zweieinhalb Saisons nur fünf oder sechs Punkte zu Hause abgegeben haben. Völlig verrückt! Leider sind wir in dieser Zeit nur einmal Meister geworden. (Lacht.) Von außen denkt man: Denen gelingt alles, das ist leicht. Aber wenn man drinsteckt, steigt der Druck, das Ding am Laufen zu halten. Man gewinnt ein Spiel, freut sich kurz. Geil. Drei Punkte. Und
dann schaust du dir deinen Kader an: Wie geht’s den Jungs? Wen muss man runterholen? Wen aufbauen?
Auf wen aufpassen? Drei Tage bis zum nächsten Spiel. Du gewinnst wieder. Wahnsinn. Was ist jetzt zu tun? In einer Siegesserie zu sein, hat nichts mit Genuss zu tun. Es ist Anstrengung, Erleichterung, Anstrengung, Erleichterung – und je länger die Serie dauert, desto mehr steigt der Druck. Das überbordende Gefühl war maximale Erleichterung. So sehr, dass ich fast Probleme hatte, mich auf den Füßen zu halten. Okay, die Box ist getickt, weiter geht’s. Es geht ja immer weiter.
Das klingt mehr als nur ein bisschen stressig. Gibt es in deinem neuen Job auch solche Extremzustände?
Also erst mal: Ich vermisse das Adrenalin nicht. Und grundsätzlich bin ich dem Spielgeschehen natürlich immer noch verbunden – vielleicht in abgeschwächter Form, weil ich nicht direkt am Platz stehe. Aber ich febere mit unseren Teams und Trainern mit. Bin nicht mehr der Fahrer, sondern eher ein Mitfahrer. Schau mir die Sache an und freue mich, wenn wir ankommen. Ich habe total Lust auf meinen Job, auf die Gespräche mit Menschen in unterschiedlichen Positionen, in unterschiedlichen Ländern, mit ständigem Austausch. Ich lerne jeden Tag dazu. Und das ist mein Thrill. Dass ich meine Neugierde auf die Welt endlich stillen kann.
Jürgen Klopp sitzt in der brandneuen Geschäftsstelle von RB Leipzig, die Ende 2025 eröffnet wurde. Ein offenes Foyer. Eine Treppe über vier Stock werke nach oben, breit, einladend, wie eine Tribüne. Es riecht nach Holz. Über 2500 Kubikmeter wurden verbaut. Alles ist offen, hell, transparent – selbst jetzt im Winter. In den Arbeitsbereichen gibt es kaum feste Wände. Alle Büros sind flexibel vergrößerbar. Selbst das Management hat nur eine Schreibtisch-Insel. Klopp blickt nicht sehnsüchtig auf die Rasenplätze draußen. Er hat als Trainer alles erreicht. Und sich entschlossen, den Gipfel nicht zu verteidigen, sondern weiter nach oben zu klettern. Neue Abenteuer zu suchen. Als Head of Global Soccer verantwortet er sportliche Leitlinien für Klubs auf vier Kontinenten. New York, Leipzig, Brasilien, Japan. Was hat sich verändert in seiner neuen Rolle? Und was ist vielleicht gleich geblieben?
„ICHVERMISSEDIEKABINENICHT.DAWARICH
jürgen klopp: Ich vermisse die Kabine nicht. Da war ich oft genug. Und es riecht da auch nicht besonders toll. Das erste Jahr bei Red Bull war super intensiv. Wir haben viele Dinge angeschoben und Muster aufgebrochen. Genau wie in meinen bisherigen Vereinen bin ich nicht hergekommen und hab den Leuten am ersten Tag gesagt, was sie anders machen müssen. Ich möchte erst wissen, mit wem ich zu tun habe, was gemacht wird und warum. Dann kann man über Veränderungen und Verbesserungen sprechen.
Ich stelle mir so einen Global-Ofce-Job als Gegenteil der Kabine vor. Man macht ganz viel über Videocalls und Slack. Man ist sich fern. Die Leute machen was anderes. Wie stellt man hier Nähe her und motiviert?
Es ist eine Einstellungssache: Nur Videocalls, ohne die Leute je getrofen zu haben, ist schwierig. Aber ich hab jeden zweimal getrofen, und dann geht es. Es ist so persönlich, wie du es machst. Ich steh morgens auf und hab fünf Calls, spreche mit den Leuten über die wichtigen Dinge – und bin regelmäßig vor Ort, um neue Eindrücke zu sammeln.
Was ein Trainer macht, ist klar, aber was macht ein Global Head of Soccer?
Ich möchte ein Partner sein, den es im Weltfußball sonst nicht gibt. Ein Asset, das niemand außer den RB-Trainern hat. Ein Cheftrainer im modernen Proffußball hat niemanden im Verein, dem er eine Frage stellen kann. Alle denken: Das muss er doch am besten wissen. Und wenn jetzt einer von unseren Trainern ein Problem hat, kann er mich anrufen –und ich kenne vielleicht eine Antwort, weil ich selber in den Schuhen gesteckt habe.
Du bist also auch ein Sparringspartner – was fragen die Trainer vor oder am Spieltag? Ich bin mit all unseren Trainern in ständigem Kontakt. Es geht darum, eine Gesprächsbasis zu entwickeln und neue Ideen einzubringen, die man so nicht hatte. Eine Frage, die immer wiederkehrt, ist: Wie schätzt man Dinge ein? Der größte Treiber im Sport ist der öfentliche Druck. Wie geht man damit um? Wenn ich ein Buch schreiben würde, dann dar über. Es wär auch kurz: „Einfach ignorieren.“ Ein Satz, auf 200 Seiten. Trainer machen sich genug Druck. Wie reagiert man auf eine öfentliche Debatte? Gar nicht. Das kann man von mir lernen. Wir wollen den bestmöglichen Fußball spielen und unsere eigenen Ziele erfüllen. Nicht fremdbestimmt sein. Wir sind meistens nicht der größte Fisch im Teich, sondern müssen neue und besondere Lösungen fnden. Und den Leuten helfen, mutig zu sein und mutig zu bleiben – das ist eine reizvolle Aufgabe.
Du hast dich relativ häufg in deiner Karriere an Reboots beteiligt: in Mainz, in Dortmund und in Liverpool. Und jetzt hatte RB Leipzig auch einen großen Umbruch vor dieser Saison. Woher nimmt man den Optimismus, dass der Neustart klappt?
Krise als Chance. Man muss nach negativen Eindrücken zügig eine Entscheidung trefen. RB war ein erfolgsverwöhnter Verein, der sich als neuer Verein in der Champions League etabliert hatte – eine echte Erfolgsgeschichte, die selten ist in Europa. RB ist jung, lebendig. Und das hat nicht mehr ganz gepasst. Stecker raus. Neustart. Zurück auf Anfang. Frisches Blut in ein funktionierendes System, und genau das haben wir gemeinsam mit dem Klub getan – und haben wieder den jüngsten Kader der Liga. Am Fußball muss man weiterfeilen, aber das ist normal.
Du warst lange in der Bundesliga, lange in der Premier League. Jetzt bist du zeitgleich in sechs, sieben, acht Profligen. Was lernst du dadurch über den Fußball?
Was Intensität angeht, ist die Premier League kein Vergleich. Die besten Spieler, top trainiert, hundert Prozent Einsatz. Zwei Pokalwettbewerbe, größere Liga. Wahnsinn. Frankreich – das ist die Liga der Talente. Japan ist eine ganz spannende Liga, ganz anders aufgebaut, weil die Talente dort noch an den Unis sind und erst mit 23 in die Liga kommen. Menschlich gereift. Es sind einfach andere, spannende Systeme. Deswegen wollen wir nicht immer den Bundesliga- oder Premier-League-Deckel draufsetzen, sondern angepasst an die jeweiligen kulturellen Voraussetzungen einen Weg fnden, dieses wundervolle Spiel im richtigen Licht erscheinen zu lassen.
Du hast vorhin über die Ungeduld der Öfentlichkeit gesprochen. Wie gelingt unter diesen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung?
Du musst natürlich die unmittelbaren Probleme lösen. Aber ich bin bei meinen Positionen immer davon ausgegangen, dass ich lange da sein werde – nicht, weil ich meine Chancen so optimistisch einschätze, sondern weil das meine Denkweise ist. Ich bin kein Springer. Ich möchte Leute kennenlernen, Dinge verstehen, Einfuss nehmen – und dann hofentlich Erfolg haben. Eine Entwicklung braucht Zeit. Den Start haben wir bei RB vollzogen. Und jetzt schauen wir, wie viel Zeit wir brauchen. Sieben, zehn, zwölf Jahre. Ganz egal.


„MENSCHEN,

Du hast vor einem Vierteljahrhundert deinen ersten Trainerjob begonnen. Wenn man sich heute Spiele aus den Nullerjahren anschaut, denkt man: Hab ich jetzt Zeitlupe eingeschaltet? Was sind die Change Driver des Fußballs in den kommenden Jahren?
Als ich in den Neunzigern Prof war, haben wir vor dem Training Salztabletten bekommen und durften nichts trinken. Wir haben komplett dehydriert trainiert. Seitdem hat sich viel getan, taktisch, Trainingslehre. Mein Job hat sich wahnsinnig verändert. Wenn ich in Mainz am Anfang eine Schraube in die Wand gedreht habe, dann hab ich am Ende in Liverpool ein Space Shuttle gesteuert. Aber es gibt Limits. Biomechanisch. In den letzten Jahren ist die Laufleistung nicht von 100 auf 150 Kilometer explodiert. In dem Moment, wo man den Protagonisten Zeit gibt, zu performen, zu regenerieren und zu trainieren, wird der Fußball den nächsten Schub kriegen.
Deutschland ist schon lange nicht mehr Exportweltmeister. Aber deutsche Fußballlehrer sind seit Klopps Zeit in England ein gefragtes Gut. Menschenführung, Taktikpräzision. Der Weltmarkt ist sein Zuhause als Global Head of Soccer. Er kennt die Laufwege auf den Flughäfen. Verbringt viel Zeit in den USA, in Japan, Brasilien und EUStaaten. Wie schätzt er die Stimmung in seiner Heimat ein?
Eigener Kosmos: Auch in seiner neuen
Rolle brennt Jürgen Klopp dafür, Talente zu stärken. RB Leipzig etwa hat den jüngsten Kader der Liga.
jürgen klopp: Ich lebe in Mainz, in Gonsenheim. Ich mache keine Umfragen, aber ich reise viel und höre zu. Die Stimmung ist nicht besonders gut, das weiß ich. Aber es gab auch früher Probleme – man vergisst sie nur schnell. Die aktuellen scheinen immer die größten und unlösbarsten zu sein. Ein paar Dinge sind neu und unerwartet: Dass wir in Europa wieder Krieg haben. Dass politische Gesinnungen, die nicht meine sind, populärer werden. Ich beneide Politikerinnen und Politiker wirklich nicht.
Wieso?
Es ist unmöglich, es allen recht zu machen. Egal was du entscheidest – eine Fraktion schreit auf: „Seid ihr verrückt geworden?!“ Menschen, die sich trotzdem engagieren und sich diesem Gegenwind aussetzen, haben meinen Respekt. Solange ich erkenne, dass sich jemand wirklich bemüht, das Richtige zu tun, bin ich nicht kritisch. Denn immer das Richtige zu tun, ist praktisch nicht möglich. Ich bin ein Verfechter von gesundem Menschenverstand – die Dinge noch mal beleuchten, noch mal nachdenken. Und da kommen wir wieder zum Optimismus: Der Glaube an die Zukunft hilft dabei, sich vorzustellen, wie es im positiven Fall aussehen kann. Und das führt dazu, dass man daran arbeiten will, dass es auch so wird.
Kann man Optimismus trainieren? Gibt es ein Trainingsprogramm?
Meine Lebenseinstellung basiert auf dem Nachdenken über die Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind. Mir hat nie jemand gesagt: Mit Gegenwind und Niederlagen musst du so oder so umgehen. Das war meine Entscheidung. Wenn man sich anguckt, wo ich herkomme und wo es karrieretechnisch hingeführt hat, denk ich mir: Das ist eigentlich nicht möglich. Und ich würde jetzt gern so tun, als hätte ich bei jeder Kreuzung oder Krise gewusst, was der richtige Weg ist. War aber nicht so. Ich habe gehoft, dass es die richtige Entscheidung ist. Und beim nächsten Mal war ich wieder bereit, alles zu riskieren.
Wie sieht das konkret aus?
Ich will jungen Leuten kein Rezept verkünden. Ich kann nur sagen: Bei mir hat es geklappt. Mein Berufsleben war ungefähr um 90.000 Prozent besser, als ich jemals gedacht hätte. Aber es gab auch andere Momente, als ich mit meiner Frau Ulla am Küchentisch saß und Kassensturz gemacht habe: Können wir es uns leisten, dass ich alles auf Fußball setze?
Wir wussten: Wenn das nicht klappt, müssen wir
Taxi fahren. Und dann haben wir gemeinsam Gas gegeben. Und am Ende hat es geklappt. Es war ein cooler Weg, und unterwegs haben mir ganz viele Leute geholfen. Vielleicht ist das die Botschaft: Habt Mut und umgebt euch mit den richtigen Menschen. Dann kann es gut werden.

Von Basketballern mit radikalem Teamgeist über eine Ballerina, die Mut macht, bis zum jungen Retter der Ozeane. Sechs Erfolgsstorys, die niemand kommen sah –und die Rezepte dahinter.

DIEBASKETBALL-WELTEROBERTE


Alle für alle: Vor der WM in Manila schwor
Trainer Gordon Herbert (rechts) seine Spieler auf bedingungslosen Zusammenhalt ein. Kapitän Dennis Schröder (links) wuchs über sich hinaus.
ute Basketballspieler brachte Deutschland schon immer hervor, Schrempf, Nowitzki, Schröder. Um diese Spieler herum aber ein Team zu formen, das die großen Basketballnationen fordern kann, schien lange Jahre aussichtslos. Der letzte Titel lag 30 (!) Jahre zurück. Als der kanadische Coach Gordon Herbert das Team 2021 übernahm, forderte er von seinen Spielern deshalb vor allem: radikale Verfügbarkeit und die viel lukrativeren Vereinskarrieren hintanzustellen für Länderspiele und Qualifikationsturniere, die kaum jemanden interessierten. Das Motto: Berücksichtigt wird nur, wer alles gibt – und zwar jederzeit. Eine absolute Anomalie, keine andere Nationalmannschaft hatte ähnlich strenge Regeln. Doch so wurde aus begabten Individualisten eine Maschine, so gelang dem Team bei der WM 2023 in Manila die Sensation: In einem historischen Spiel schlug das von Kapitän Dennis Schröder angeführte Team den ewigen Topfavoriten aus den USA im Halb
„JEDERHATSEINEGOZURSEITE GESCHOBENUNDGESAGT:‚WIR WOLLENGEWINNEN.‘WIRHABENES EINFACHGENOSSEN,JEDEEINZELNE MINUTEZUSAMMENZUSEIN.“ KAPITÄNDENNISSCHRÖDER
finale. Dieser Triumph ebnete den Weg, Deutschland wurde erstmals Weltmeister. Mit dem EMTitel 2025 hat diese Generation von Spielern bestätigt, dass der Erfolg kein Zufall war – und Basketball zum HypeThema im gesamten Land gemacht.
Das Learning: TeamPower sticht SoloPerformance.

Auf Tuchfühlung: In Zukunft möchte Copeland, 43, eigene Shows umsetzen –gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern, die sie bewundert.
In einer Welt, in der viele Ballerinen im gleichen Alter beginnen, auf den Zehenspitzen zu stehen, war Misty Copeland eine Spätberufene: Sie wuchs in Kansas City in einfachen Verhältnissen auf, weit weg von den großen Bühnen an den US-Küsten. Ballett schien für sie kaum erreichbar. Doch Copeland holte auf. 2001 wurde sie Mitglied des Ensembles des American Ballet Theatre (ABT). „In den ersten zehn Jahren war ich die einzige schwarze Frau bei ABT“, schrieb sie später. Isolation als Alltag. Copeland hatte definierte Muskeln, eine andere Hautfarbe, einen anderen Körper – und passte nicht ins Bild der traditionellen Ballerina. 2010 wurde sie aus dem Cast einer Neuverfilmung von „Schwanensee“ gestrichen – weil sie „das ästhetische Bild ruinieren“ würde. „Ich dachte daran, aufzugeben – aber ich blieb dabei.“ Ihr Medium war ihr Talent. Aber erst als sie aufbegehrte, als sie laut wurde, wurde man auf sie aufmerksam. 2015 wurde sie die erste afroamerikanische Primaballerina in der 75-jährigen Geschichte des ABT. Seit 2025 setzt Copeland ihre Mission im Stiftungsrat der Institution fort und öffnet einer neuen, vielfältigen Generation Türen in die Welt des Balletts.
Das Learning: Stilles Talent ist nicht alles. Nur wenn man laut ist, werden die Menschen aufmerksam.

„DERWEGZUDEINEMERFOLGIST WENIGERSTARR,ALSDUDENKST.“
ine gute Idee ist manchmal nicht genug. Als drei amerikanische Indie-Spieleentwickler 2018 ihren neuesten Titel veröffentlichten, interessierte das zunächst kaum jemanden. Die Welt hatte nicht auf sie gewartet. Nie spielten mehr als 50 User gleichzeitig auf dem Server: Das hätte die Geschichte von „Among Us“ sein können. Doch dann kamen die weltweiten Lockdowns ab 2020, die Menschen saßen einsam vor ihren Endgeräten und sehnten sich nach Gemeinschaft und neuen Impulsen.
Und plötzlich begannen Twitch-Streamer, das „Werwolf“-ähnliche Rätselspiel, bei dem die Spieler einen Verräter in den eigenen Reihen ausfindig machen müssen, wieder aus der Vergessenheit zu holen. Mit seiner simplen Grafik und einfachen Spielmechaniken war „Among Us“ für eine große Zielgruppe attraktiv: Nicht nur Gamer, sondern jeder konnte durch „Among
Us“ die triste Gegenwart für einen kurzen Augenblick vergessen und Spaß mit Freunden haben. Aus einer schnell umgesetzten Idee wurde ein Trend, und die Nutzerzahlen stiegen steil an. „Among Us“ wurde zum globalen Gaming-Phänomen, hielt Einzug in die Meme- und Popkultur des Internets und hatte zwischenzeitlich mehr als 500 Millionen aktive Nutzer pro Monat.
Das Learning: Manchmal verleiht dir das Schicksal einen Turbo-Boost.
Die Bilder sind eine Hommage an „Among Us“. Die Macher des Games veröffentlichten 2025 eine 3D-Version des Spiels – auch von einer geplanten animierten TV-Serie ist die Rede.

WIEBOYANSLATDIEWELTMEERESÄUBERT
Großsaubermacher: der Niederländer Boyan Slat (oben) mit seinem innovativen Plastiksammelsystem vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Boyan Slat war schon vieles, bevor er sich 2012 auf eine Bühne stellte, um seine große Idee vorzustellen. Als kleines Kind ein Tüftler. Als Teenager ein Loser, der beim Sport nie mitspielen durfte. Und – spätestens seit er beim Tauchen im Mittelmeer mehr Plastikmüll als Fische sah – ein junger Mann mit Überzeugung. Und so erzählte der Niederländer 2012 dem Publikum auf der TEDKonferenz von seinem Plan, eine kilometerlange schwimmende Barriere auf die Meeresoberfläche zu setzen, die den Abfall aus dem Wasser filtert. Viele klatschten, kaum jemand glaubte an seinen Erfolg. Die Herausforderung schien: zu groß, zu komplex, zu global. Es folgten lange Jahre, in denen Boyan Prototypen entwickelte und um die Welt reiste, um Sponsoren zu überzeugen. Als Einziger im kleinen Team seiner Organisation „The Ocean Cleanup“ besaß er keinen Uni-Abschluss. 2018 wurde das „System 001“ im Pazifik ausgesetzt, und Slats Organisation hat mittlerweile bereits mehr als 45 Millionen Kilo Müll aus den Meeren gefischt. Damit aber nicht genug: Mittels Interceptor-Systemen will Boyan verhindern, dass der Plastikmüll aus Flüssen ins Meer gelangt. Seit 2025 hilft die Technik dabei, die Wasserwege von 30 Städten zu reinigen –um so dem Traum von plastikfreien Ozeanen ein Stück näherzukommen.
Das Learning: Beharrlichkeit und Überzeugung sind manchmal wichtiger als ein Uni-Abschluss.


„ESGIBTKEINSCHÖNERESGEFÜHL,
ALSEINEIDEEZUHABENUNDZUSEHEN, WIESIEGESTALTANNIMMT.“BOYANSLAT
Ihr Motto lautet „Sei offen für Neues“: Kurzzeitig war Mira Murati sogar Übergangs-CEO von OpenAI. Später gründete sie ein eigenes Start-up.
Als Mira Murati 1988 in Albanien auf die Welt kam, brach um sie herum gerade alles zusammen – das Wirtschaftssystem und die Weltordnung. Und vielleicht ist das auch schon die erste Lektion, die man aus ihrer Biografie lernen kann: Du kannst dich nur auf dich selbst und deine Fähigkeiten verlassen. Mit nur 16 Jahren verließ sie ihre Heimat, um mit Vollstipendium in Kanada zu studieren – und ergriff auch im Anschluss konsequent jede Chance: Erst machte sie ein Praktikum als Investmentbankerin, wechselte dann in die TechBranche – und mischte bei Zukunftstechnologien mit. Mira stürzte geradezu nach oben, war immer zur rechten Zeit am rechten Ort: zunächst als Produktmanagerin bei Tesla, dann als Vizepräsidentin eines VirtualRealityStartups und schließlich bei OpenAI. Dort stieg sie bis zur Technikchefin auf, leitete die Teams, die ChatGPT, DALLE und Sora entwickelten. Kurz darauf verließ Mira OpenAI, um ihr eigenes KIStartup Thinking Machines Lab (TML) zu gründen. Innerhalb weniger Monate sammelte sie zwei Milliarden US Dollar an Finanzierung. Ihr Ziel: eine KIRevolution, „die für alle Menschen funktioniert“, wie es auf der Website heißt. Im Herbst 2025 veröffentlichte TML das erste Produkt, mit dem auch Forschende, Startups und Kreative außerhalb von OpenAI und Google große, generative LLMs trainieren können.
Das Learning: Erkenne (und nutze) den richtigen Augenblick für einen Wechsel.


„ICHBINMEINERNEUGIERGEFOLGTUND HABEDASGETAN,WASMIRAMWICHTIGSTEN ERSCHIEN.“MIRAMURATI
Schnell aus dem Block: Letsile
Tebogo holte nicht nur als erster Läufer aus Botswana
Olympia-Gold über 200 Meter, sondern sogar als erster Afrikaner.

Wenn’s einmal läuft: Auch bei der LeichtathletikWM 2025 in Tokio gewann Tebogo Gold – mit der Staffel über 4 × 400 Meter.

Der Junge wuchs in einem kleinen Dorf in Botswana auf, dann zog die Familie in die große Stadt. Während seine Freunde begannen, auf den Straßen Mist zu bauen, blieb Letsile Tebogo in der Schule – und vor allem auf der Laufbahn. „Ich will gar nicht wissen, wo ich gelandet wäre, hätte ich den Sport nicht gehabt“, sagt er heute. Letsile erinnerte sich an die Werte, die man ihm beigebracht hatte. An den Glauben an die Gemeinschaft. „Botho“ heißt das in der Landessprache Botswanas: Es zählen Respekt und Empathie. Eine vollständige Persönlichkeit wird man erst durch andere Menschen. Seine alleinerziehende Mutter „stellte sicher, dass wir nicht hungrig ins Bett gehen mussten“. Letsile zeigte eine ähnliche Disziplin und verpasste kein Training. Obwohl er eine Reihe von Medaillen bei Leichtathletik-Juniorenwettbewerben gewann, nahm er das Sprinten erst ab 2019 wirklich ernst. 16 war er damals, und wenn er auf dem Treppchen stand, dann nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Stolz und die Ehre seiner Familie und seiner Gemeinschaft. 2024 starb seine Mutter Seratiwa. Trotzdem zündete er 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris den Turbo – und holte sensationell Gold über 200 Meter und

„ICHBINEINGANZNORMALERMENSCH. WENNICHABERAUFDERBAHNSTEHE,WERDEICH ZUJEMANDANDEREM.“LETSILETEBOGO
Silber mit der Staffel über 400 Meter. Die erste olympische Goldmedaille für Botswana machte ihn zum Nationalhelden. Bei seiner Rückkehr wurde er mit Paraden gefeiert, mit Häusern, Autos und Kühen beschenkt. Doch das ist ihm nicht wichtig. Er sagt: „Ich laufe für meine Mom.“
Das Learning: Vertrau deinen Nächsten und lass dich von ihrem Glauben an dich stärken.
Was erhoffst du dir von KI? Wie rettest du versalzene Bolognese? Welche Songzeile würdest du dir tätowieren? Hier findest du heraus, was für ein Optimismus-Typ du bist – und wie du das Beste daraus machst.
Text Tobias Moorstedt
Illustration Carl Cozier / Holy Moly
1
Du erwartest Besuch und hast stundenlang Bolognese eingeköchelt. Kurz bevor die Gäste eintrefen, stellst du fest, dass du sie ganz schön versalzen hast. Was tust du?
A. Shit happens, schnell Pizza für alle bestellen, wird trotzdem ein guter Abend.
1 Punkt
B. Mehr passierte Tomaten unterrühren, bisschen Zucker rein, dann schmeckt’s.
2 Punkte
C. Halb so wild, mit der richtigen Soßen-Pasta-Ratio merkt niemand was.
3 Punkte
2
Wie viele der Erwachsenen in Deutschland gaben 2024 in etwa Geld für gemein nützige Zwecke aus?
A. jeder Vierte
1 Punkt
B. jeder Dritte
2 Punkte
C. jeder Zweite
3 Punkte
3
Laut Umfragen blicken aktuell fast die Hälfte der Menschen in Deutschland pessimistisch in die Zukunft. Passiert es dir häufger als früher, dass du dich runterziehen lässt?
A. leider ja 1 Punkt
B. ein bisschen schon
2 Punkte
C. nein!
3 Punkte
Angenommen, du musst dir eine der folgenden Songzeilen aus den 2020ern auf den Körper tätowieren – welche wäre es?
A. „Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch, aber alles wird gut.“ Kummer feat. Nina Chuba, „Der letzte Song“
1 Punkt
B. „Alle mal’n schwarz, ich seh die Zukunft pink.“ Peter Fox, „Zukunft Pink“
2 Punkte
C. „Hello to tomorrow, can’t wait to get started.“ John Legend & Nas, „Tomorrow“
3 Punkte
Du bist im Sommer am nächsten Tag mit Freunden am See verabredet. Kurz vorm Ins-Bett-Gehen ploppt eine Nachricht in der Gruppe auf: „Schon ge sehen? 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit morgen.“ Welche der folgenden Ant worten stammt von dir?
A. Oh no, hat wer von euch eine zusätzliche Strandmuschel für unsere Sachen?
1 Punkt
B. Es hat die ganzen letzten Tage nicht geregnet, wird auch morgen gutgehen.
2 Punkte
C. Na und? Wird so oder so ein grandioser Tag.
3 Punkte
3 Punkte 5
Das Weltwirtschaftsforum sagt voraus, dass bis 2030 weltweit neun Millionen der heutigen Jobs durch künstliche Intelligenz und datenverarbeitende Technologien ersetzt werden. Wie viele neue Arbeitsplätze sollen im selben Zeitraum entstehen?
A. 7 Millionen
1 Punkt
B. 11 Millionen
2 Punkte
C. 18 Millionen
Alles geht den Bach runter? Hier eine kleine Sammlung positiver Schlagzeilen aus dem Jahr 2025. Wie viele davon sind echt?
„Erster Astronaut mit Beinprothese zugelassen“ – „Die Zeit“
„Größte Kartoffelernte seit 25 Jahren erwartet“ –„Tagesschau“
„Trotz Papst Kritik: Bischöfe für Segnung homosexueller Paare“ – „ZDFheute“
„Bundestagswahl: Höchste Wahlbeteiligung seit der Wiedervereinigung“ – „Stern“
„Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse steigt deutlich“ – „Deutsche Welle“
„Binnen zehn Jahren: Frauenanteil in Aufsichtsräten hat sich verdoppelt“ – „Der Spiegel“
A. 2 1 Punkt
B. 4 2 Punkte
C. alle 3 Punkte
3 Punkte 8
„Die kleinen Entscheidungen, die wir jeden Tag trefen, können dazu beitragen, eine Welt zu erschafen, wie wir sie uns wünschen.“ – Das hat die im vergangenen Jahr verstorbene britische Verhaltensbiologin und UN-Friedensbotschafterin Jane Goodall gesagt. Wie sehr stimmst du ihr zu?
A. einigermaßen
1 Punkt
B. weitestgehend
2 Punkte
C. voll und ganz
Optimismus ist schon ewig Gegenstand philosophischer Betrachtungen. Mit welchem dieser drei großen Denker würdest du am liebsten in den Urlaub fahren?
A. „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.“
Ernst Bloch, 1885–1977
1 Punkt
B. „Optimismus ist Pflicht. Man muss sich auf die Dinge konzentrieren, die gemacht werden sollen und für die man verantwortlich ist.“
Karl Raimund Popper, 1902–1994
2 Punkte
C. „Wir leben in der besten aller möglichen Welten.“
Gottfried Wilhelm Leibniz, 1646–1716
3 Punkte
Im Jahr 2015 hatten die Sportvereine in Deutschland rund 27,3 Millionen Mitglieder. Wie viele sind es zehn Jahre später?
A. 27,5 Mio.
1 Punkt
B. 29,3 Mio.
2 Punkte
C. 30,5 Mio.
3 Punkte
Wo bist du gelandet? Zähl deine Punkte zusammen und erfahr mehr zu deinem Optimismus-Typ.
chen Menschen unterhält, die sich irgendwann getraut haben, den ersten Schritt zu gehen. Falls du den nicht eh schon hörst
3 Punkte 11
So ziemlich jeder Sportpsychologe betont, wie wichtig es ist, nach schmerzhaften Niederlagen schnell konstruktiv nach vorne zu blicken. Tja, leichter gesagt als getan. Wie lange brauchst du, bis du wieder Optimismus verbreitest?
A. Boah, das kann bei mir schon mal einige Tage dauern.
1 Punkt
B. Eine Nacht grübeln, dann bin ich wieder fokussiert.
2 Punkte
C. Einmal kurz abduschen, und die Sache ist erledigt.
12
Vor einiger Zeit untersuchten Forschende in Boston, wie sich mentale Haltung auf die Gesundheit auswirkt. Für ihre Studie nutzten sie eine Datenbank, in der die Gesundheitszustände und Einstellungen von rund 70.000 Pfegekräften über einen langen Zeitraum dokumentiert wurden. Um wie viel Prozent lebten die Optimisten länger als die Pessimisten?
A. 5
1 Punkt
B. 10
2 Punkte
C. 15
3 Punkte
Ob sich dein Glas eher halb voll oder eher halb leer anfühlt, schwankt bei dir. Du willst positiv sein, glaubst irgendwie schon an das Gute, aber manchmal fällt’s auch ganz schön schwer. Ein Optimismus mit Handbremse, den es in jedem Meeting braucht: Irgendwer muss die Dinge ja auch mal realistisch-kritisch betrachten! Solltest du dich jedoch danach sehnen, diese Rolle mal zu verlassen und unbefangener optimistisch voranzugehen, solltest du die Grundlagen stärken: Auf der Welt läuft neben all den Krisen nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich ziemlich vieles in die richtige Richtung. Ein gutes aktuelles Buch hierfür ist „Hofnungslos optimistisch“ von Dirk Steffens (Penguin Verlag, 20 Euro).
Glückwunsch, dein Glas ist ziemlich gut gefüllt. Von halb leer kann jedenfalls keine Rede sein! Es mangelt dir nicht an Ideen für neue Projekte. Während um dich herum noch genörgelt oder diskutiert wird, arbeitest du im Kopf bereits an der Lösung. In die Pilotphase schafen es deine Visionen dann aber doch eher selten –die Realität funkt dazwischen mit einem „Aber“ oder „Andererseits“. Verlier ruhig häufger mal die Bodenhaftung! Empowern kann dich vielleicht der Podcast von OMR-Gründer Philipp Westermeyer, der sich mit erfolgrei-
Willkommen im Oberhaus! Du gehst mit einem unbeirrbaren Optimismus durchs Leben, den man sich in keinem Coaching dieser Welt antrainieren kann (Credits an die lieben Eltern!). Sehr gut für dich und deine Umwelt. Es hängt jedoch vom Grad der Segnung ab: Ist bis zum Glasrand noch ein wenig Platz, musst du dir keinerlei Gedanken machen. Mach nur weiter so. Ist es allerdings randvoll befüllt, kann’s gefährlich werden, Stichwort: Toxic Positivity. Sehr starker Optimismus kann leichtsinnig machen und mehr Enttäuschungen bereithalten, als gesund sind. Einen kleinen wohltuenden Dämpfer kann dir Guillaume Paolis interessantes Büchlein „Etwas Besseres als Optimismus“ verschafen – eine kritische Auseinandersetzung mit der Optimismus-Theorie ( Matthes & Seitz, 12 Euro).
Auch wenn es in diesem Test um deine Haltung und nicht um Faktenwissen geht: Hier die richtigen Antworten auf die Schätzfragen.
Frage 12: C
Frage 7: C Frage 10: B
Frage 2: A Frage 5: B

Ein Rocker, der Ballett liebt und Hallen auf der ganzen Welt füllt: Yungblud läutet mit seinen Botschaften von Liebe und Respekt eine neue Ära ein. Wir haben ihn getroffen.
Yungblud, 28, auf seiner „Idols“-Tour in Berlin im Oktober 2025

Der große Traum? „Stadionrock. Immer schon“, sagt Yungblud, während er sich im Zenith, einer Konzerthalle in München, auf seinen Auftritt vorbereitet. Hätte Dominic Harrison aus Doncaster im Norden Englands vor sieben Jahren ein solches Ziel formuliert, man hätte ihn belächelt.
Heute, mit 28, ist Yungbluds erster Auftritt in einem Megastadion eine Frage der Zeit: 2025 stand er mit Aerosmith und dem im Sommer verstorbenen Ozzy Osbourne auf der Bühne. Kein Wunder, dass er sich Ende des Jahres eine kleine Auszeit nahm.
Im Gespräch erzählt er von Body Positivity, dem Umgang mit Kritik –und davon, was Rock ’n’ Roll mit Theater zu tun hat.

Die Rock-Community tut sich manchmal schwer, etwas Neues, anderes zu akzeptieren. Doch Yungblud liebt es, am Status quo zu kratzen. Er möchte die Generationen zusammenbringen.

Tthe red bulletin: Du bist gerade auf Welttournee.
Bist du schon ein Prof, was das Leben aus dem Koffer betrifft? Jede Nacht ein anderes Hotel … yungblud: Hotels kommen für mich nicht infrage –die machen mich wahnsinnig! Ich lebe in meinem Tourbus, genauer gesagt, in einem Raum ganz hinten im Bus. Den habe ich mir mit allem eingerichtet, was ich brauche: Bett, PlayStation, Gitarren, Kerzen, Räucherwerk. Das Beste am Unterwegssein ist jedoch etwas ganz anderes: dass mein Team aus meinen Freunden besteht. Wir touren gemeinsam, um die Welt zu erobern.
Wenn man auf die Charts und Ticketverkäufe der letzten Jahre blickt, scheint das mit dem Welterobern ganz gut zu funktionieren. Was ist das Geheimnis deines Erfolgs?
Was Yungblud ausmacht, haben von Anfang an die Fans bestimmt. Billie Eilish, Lil Peep, Mac Miller und Lil Nas X sind Teil einer Generation, die verstanden hat, wie mächtig – im Guten wie im Schlechten –Smartphones, Twitter, Instagram, TikTok sind. Wir sind damit aufgewachsen, dass jeder eine Stimme hat. Während sich Künstler früher an ihrer Radiopräsenz oder ihren Verkaufs- und Streamingzahlen gemessen haben, hat uns von Anfang an die Community interessiert, ihre Kultur, ihre Identität. Zu Beginn hat es sich fast so angefühlt, als wäre die Community wichtiger als die Musik. Erst jetzt, mit 28, geht es bei mir mehr um die Musik, um Kunst, Kreativität.
Du hast mal gemeint, dein jüngstes Album „Idols“ soll ein Album sein, mit dem sich auch ein älteres Publikum identifzieren kann, nicht nur die Gen Z. Ja. Und ich fnde großartig, wie viele verschiedene Altersgruppen mittlerweile zu einer Yungblud-Show kommen. Es gab eine ziemlich harte Zeit, das war nach dem Release meines dritten Albums („Yungblud“, 2022, Anm.), weil ich zu viele Meinungen an mich rangelassen habe, vom Label, den Medien, den Fans. Gefühlt hatte die ganze Welt eine Meinung zu allem, was ich tat und wie ich es tat. Ein schreckliches Gefühl.
Mit Verlaub: Du wusstest aber schon, dass du ein Star bist und in der Öffentlichkeit stehst?
Klar, aber wenn du 18 bist, erwartest du doch nie, dass das Ding so groß wird. Du träumst zwar davon, aber du rechnest nicht damit.
2022 warst du immerhin schon 25 … und auch ganz anders drauf als damals, als ich angefangen habe. Mit 18 war ich irgendein Kerl aus dem Norden Englands, extrem politisch, laut, rotzig. Dann kam die Zeit, in der ich begann, meinen Namen nicht mehr zu mögen. In der ich unsicher wurde, weil ich im Internet Kommentare las, zu meiner Musik, meiner Authentizität, meinem Körper. In der Öffentlichkeit aufzuwachsen, ist verrückt, und es verschiebt die Wahrnehmung. Yungblud war in sieben Ländern auf Platz eins, und ich war trotzdem enttäuscht! Doch diese harten Zeiten hatten sehr viel Gutes: Sie haben dazu geführt, dass ich „Idols“ gemacht habe – und dass ich jetzt so richtig zufrieden, geerdet und dankbar bin.
Du hattest Kunst als Leistungskurs, bist als Schauspieler in Serien aufgetreten, malst. Warum bist du bei der Musik gelandet – und dort geblieben?
Ich liebe jede Form von künstlerischem Ausdruck, Theater, Pantomime, Tanz, Ballett – alles. Das wird ja auch manchmal gegen mich verwendet, vor allem in der Rock-Community. Da heißt es: „Wie kann ein Typ, der Theater liebt, ein Rockstar sein?“ Aber denk doch an Iggy Pop, Lou Reed, David Bowie oder an Freddie Mercury: Ihre Kunst hatte ihre Wurzeln und ihre Einfüsse in den verschiedensten Disziplinen. Die künstlerische Ausdrucksfreiheit einzuengen, ist das Unrock ’n’ rolligste überhaupt. Rock ’n’ Roll bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem du deine Fantasien ausleben kannst.
Siehst du dich eher als Fackelträger des Classic Rock oder vielmehr als Wegbereiter für eine neue Art Rockstar?
Ich bin ein Produkt meiner Idole, so wie meine Idole ein Produkt ihrer Idole waren. Classic Rock wurde lange als ein bisschen peinlich und altbacken gesehen. Zu Unrecht! Ich möchte junge Bands dazu inspirieren,
„Yungblud bin nicht nur ich. Yungblud ist eine
Tour-Essentials?
Bier, Inhalator, pinke Socken.
Aktuelle Playlist?
Vor allem 1970er-ClassicRock, Outlaw Country – Hank Williams, Johnny Cash, Led Zeppelin, The Allman Brothers Band – und 1980er-Rock: Guns N’ Roses und so Zeug.
Wie viele Tattoos hast du?
Keine Ahnung. Elf? Zwölf?
Ich liebe es, mir Tattoos stechen zu lassen, weil dein Körper danach nie wieder derselbe ist. Es ist wie eine Wiedergeburt: Es tut richtig weh, doch danach bist du ein anderer Mensch.
Eine Rock-Ikone, tot oder lebendig, die du treffen möchtest?
David Bowie. Ich würde gern mit ihm über jede seiner Phasen reden – und darüber, was sie mit ihm gemacht haben.



Lampenfieber?
Im Gegenteil. Nicht das kleinste bisschen Angst. Die Bühne ist mein Lieblingsort auf der Welt.
Was macht Menschen attraktiv?
Wenn jemand einfach er selbst ist. Es gibt nichts, was so sexy ist, wie authentisch zu sein.
Welche Rolle könnte dich zurück zur Schauspielerei bringen?
Eine richtig komplexe Rolle, in die ich mich wirklich reinbeißen kann, etwas von Tim Burton oder aus dem Superhelden-Universum.

„Rock ’n’ Roll bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem du deine Fantasien ausleben kannst.“
auf Queen, Led Zeppelin, Oasis, Joy Division, The Cure, The Who, The Allman Brothers Band zu referenzieren, nur eben auf eine Art, die neu und frisch klingt. Am Ende entscheiden die Leute, was groß wird. Natürlich ist manches von früher überholt, „Wie viel kann ich trinken?“, „Wie viele Groupies kann ich mit auf Tour nehmen?“ Diese Sachen sind mit den Achtzigern gestorben. Heute geht es um Liebe, Zusammenhalt und Freiheit, um Meinungsfreiheit und Positivität.
Liebe, Zusammenhalt und Freiheit als Pfeiler einer neuen Rock-Ära?
Für mich: ja! Ich liebe es, Grenzen zu verschieben. Gerade mit dem neuen Album habe ich meine Sexualität wirklich erforscht, meine Körperlichkeit. Ich trainiere viel, bin ft geworden. Als Teenager hatte ich Probleme mit meinem Körperbild. Nun habe ich diese sexuelle Seite an mir entdeckt, genieße das und fnde es vor allem extrem befreiend. Das alles kommt aus dieser neuen Haltung, in Abgrenzung zu diesem Old-School-Klischee vom Rockstar, der viel zu junge Frauen datet. Es kommt aus einem Gefühl von Befreiung. Ich glaube, wir sind in einer neuen Phase von Liebe, Body Positivity und Respekt angekommen. Auch im Rock. Vielleicht gerade im Rock.
Glaubst du, dass junge Menschen heute mehr emotionale Unterstützung als früher brauchen?
Stichwort: Internet.
Das Internet ist ein sehr seltsamer Teil unseres Lebens. Du hast dich schon vor dem Frühstück mit 15 Leuten verglichen, die du nicht kennst. Du hast eine eigene Meinung zu einem Thema? Dann wird’s gefährlich. Das Internet zwingt uns, einen neuen Weg zu fnden, wie wir miteinander existieren. Wir müssen lernen, Meinungsverschiedenheiten als etwas Positives, Bereicherndes zu betrachten. Ich vermisse die Zeit, in der man sich mit jemandem mit komplett anderen politischen Ansichten an einen Tisch setzt. Das sollte okay sein, denn genau das ist Demokratie! Wir müssen auch wieder lernen, Dinge in ihrer Komplexität zu sehen. Das Internet vereinfacht alles, und nichts im Leben ist einfach. Das Internet zu benutzen, um den Leuten zu sagen, sie sollten sich für ein paar Stunden verdammt noch mal vom Internet abmelden – das versuche ich.
Du thematisierst in deiner Musik deine Probleme sehr offen. Zugleich klingen deine Songs so aufbauend, positiv. Wie geht sich das für dich auch innerlich aus?
Nach außen wirke ich extrem aufgekratzt und extrovertiert. Aber in mir ist es oft sehr dunkel. Meine Kunst, vor allem jetzt auf „Idols“, beschreibt auch meine Suche nach dem Licht, das diese Dunkelheit besiegt. Du darfst dich nicht nur mit Schmerz und Depressionen beschäftigen. Schau ihnen ins Gesicht

Sprung in die Vergangenheit: Was seine Posen auf der Bühne betrifft, bedient sich Yungblud gern bei den Legenden der Rockmusik – hallo Van Halen!
und sag: „Fuck you, ich werde euch besiegen.“ Mach dir bewusst, dass atmen, vor die Tür gehen, auf zwei Beinen laufen können, dass das alles Geschenke sind. Alles in diesem Leben ist ein Geschenk, unser ganzes Leben ist es. Wenn wir uns in der Dunkelheit suhlen und dabei vergessen, wie viel Licht um uns herum ist: Das ist der Kern von „Idols“ für mich.
Woher kommt der Name des Albums? Es ist ein völlig schräges Konzept, aus ganz normalen Leuten Idole zu machen. Wir vergöttern Menschen nur deswegen, weil wir nicht den Mut haben, zu uns selbst zu stehen – zu unserer eigenen Geschichte, unserem eigenen Überleben, unserem eigenen Weg. Dieses Album ist eine Art Wendepunkt in meinem Leben, weil ich meine Vorbilder losgelassen und stattdessen an mich selbst geglaubt habe. Der Effekt war verrückt: Plötzlich wurden aus früheren Idolen KollabPartner. Als hätte sich wie von selbst eine Tür geöffnet. Die letzten Monate waren einfach verrückt.
Klingt so, als wären weitere Kollaborationen wie zuletzt jene mit Aerosmith geplant? Auf jeden Fall. Ich liebe mehr denn je, was ich tue. Einfach Musik machen, mit diesen fantastischen Leuten ins Studio gehen. Es läuft wie von selbst, ich fühle mich inspiriert. Rockmusik ist im Mainstream wieder willkommen – also die Musik, die ich liebe. Teil zwei von „Idols“ ist so gut wie fertig. Ich platze vor Energie!
Instagram: @yungblud
Auch ein Rocker muss mal durchschnaufen. Die letzten Auftritte des Jahres 2025 sagte Yungblud ab, um Kräfte zu sammeln - für die nächsten wilden Shows.

„Wir sind in einer neuen Phase von Liebe, Body Positivity und Respekt angekommen. Auch im Rock.“

EINE NEUE GENERATION AN BIG-WAVE-SURFERINNEN
NIMMT ES MIT DEN MONSTERWELLEN AUF. LAURA CRANE IST EINE VON IHNEN. SIE MUSSTE FÜR IHREN TRAUM ERST DURCH DIE HÖLLE GEHEN.
Text Jessica Holland

Power
Es ist ein stürmisch grauer Februartag in Nazaré, Portugal, der Heimat der größten Wellen der Welt. Die Surferin, die sich draußen von einem Jet-Ski durch die Gischt ziehen lässt, in Richtung der haushohen Wasserwände vor der Küste, ist Laura Crane, 30. Sie nimmt an diesem Februartag 2025 zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren an einem Contest teil. Sie ist die erste Britin, die sich je für ein Top-Event der World Surf League (WSL) qualifiziert hat. Genau genommen ist sie als Frau noch immer die absolute Ausnahme in den Monsterwellen. BigWave-Athletinnen wie die Französin Justine Dupont, die Hawaiianerin Annie Reickert oder auch die Bremerin Lena Kemna sind gegenüber ihren männlichen Kollegen deutlich in der Unterzahl. Ein Umstand, den Crane ändern möchte. Crane klammert sich am ruckelnden Seil fest, jederzeit bereit, loszulassen für den sogenannten „Drop“. Sie spürt diese ganz eigene Mischung aus Angst und Vertrauen, wenn man sich auf eine extreme Herausforderung penibel vorbereitet hat. „Wenn die Angst kommt“, wird sie später sagen, „kannst du nur vertrauen. Darauf, dass du hart und gut genug trainiert hast. Dass du unter Wasser lange genug die Luft anhalten kannst. Dass du in jeder Situation intuitiv richtig reagierst, egal was passiert.“ Wenn man mit dem Tempo eines Autos auf der Autobahn übers Wasser schießt, angeschoben von der ganzen Energie, mit der der Atlantik gegen Europas Westküste kracht, verschwindet die Angst wie von allein, wird Crane später erzählen. „Dann kommt pure Euphorie. Du bist völlig präsent in diesem Moment.“

„WIR TRAINIEREN UNSEREN KÖRPER, KLAR, ABER VOR ALLEM TRAINIEREN WIR UNSERE PSYCHE.“
Für Nazaré-Verhältnisse sind die Wellen heute nicht riesig – man könnte sagen: mehr Einfamilienhaus als Wolkenkratzer –, aber das Wasser ist ruppig genug, um die Weltbesten zu fordern. Der Contest läuft gut an für Crane, da rollt eine neue Welle heran, noch größer als die bisherigen. Crane surft eine waghalsige Linie und steuert direkt in den kritischsten Teil der Welle, während die Gischt über ihrem Kopf zusammenschlägt. Sogar von der Küste aus erkennt man
Cranes Kraft und Athletik. Doch plötzlich trifft sie beim zweiten Turn eine Backwash-Welle, sie verliert die Kontrolle, fliegt durch die Luft. Ihr vorderer Fuß steckt fest im Strap. Sie spürt, wie ihr Knöchel bricht, kämpft sich aber instinktiv an die Oberfläche, wo sie ihr Wettkampfpartner Tony Laureano mit dem Jet-Ski rettet.

Blick auf die Praia do Norte im portugiesischen Nazaré, wo Laura eine der ikonischen Big Waves surft.

Die meisten Menschen würden in so einer Situation nur noch ans Ufer wollen. Crane nicht. Sie besteht darauf, mit Laureano zu tauschen und ihn in ein paar Wellen zu ziehen. Einen Jet-Ski unter diesen Bedingungen zu fahren, ist mindestens so schwer wie das Surfen selbst. „Ich schaffe noch fünf Minuten“, brüllt sie durch den Sturm. „Ich bringe dich in eine gute Welle und sammle dich dann wieder ein. Davor gehe ich verdammt noch mal nirgendwohin.“ Mit zerschmettertem Fuß über den Ozean zu brettern, war „die Hölle“, sagt Crane danach. Trotzdem zählt sie diesen Tag zu den besten ihres Lebens.
Ihr Umgang mit dem lebensgefährlichen Zwischenfall vor Nazarés Küste erzählt viel über Laura Crane, über ihre positive Einstellung, Entschlossenheit und psychische Widerstandskraft. Die kann man sich erarbeiten, sagt sie, zum Beispiel mit täglichen Eisbädern um fünf Uhr morgens und mit Workouts von sadistischer Brutalität. „Big-Wave-Training bedeutet, sich selbst durch die Hölle zu jagen“, sagt sie. „Wir trainieren unseren Körper, klar, aber vor allem trainieren wir unsere Psyche darauf, sich selbst in unangenehmen Situationen wohlzufühlen.“
Bereits mit zwölf wurde Crane britische Meisterin. Aber ihre weitere Surfkarriere „nahm nicht wirklich den Weg, von dem ich geträumt hatte“, sagt sie heute. „Professionelle Surferin zu sein, das hieß damals: Wenn du nicht gut aussiehst, vergiss es. Und wenn du gut aussiehst, dann musst du Haut zeigen. Je weniger Klamotten, desto besser. So war das

damals. Ich war zwölf! Innerhalb von drei Jahren wurde ich von einer Hochleistungssportlerin zu einem InstagramBikinimodel. Der Deal war klar: Um eine Chance zu haben, musst du wahnsinnig viele Dinge akzeptieren, die du eigentlich nicht akzeptieren möchtest. Das zerstört mit der Zeit deine Träume. Was noch dazukam: Die Surf-Szene gab dir als Mädchen das Gefühl, du solltest dankbar sein, überhaupt einen Platz in diesem
Crane meistert eine Welle bei einer
Freesurf-Session im Big-Wave-Mekka Nazaré.

Unter Monstern: Laura Crane surft am Fuß einer großen Welle in, na klar, Nazaré.
Sport zu haben. Das hat mich gebrochen. Ich entwickelte eine Essstörung, die mein Leben 15 Jahre lang bestimmt hat.“ Crane beschreibt das Ende ihrer Surfkarriere mit 21: „Ich war komplett am Ende. Ich musste mich jeden Tag übergeben, sechs, sieben, acht Mal. Mein Körper konnte keine Nahrung mehr bei sich behalten.“
Auf der Suche nach einer neuen Identität zog Crane nach London, trat in der DatingReality-Show „Love Island“ auf und arbeitete als Sport-TV-Moderatorin. 2018, Crane war 23, die nächste schwere Krise nach einer Operation: „Ich bin damals fast gestorben“, sagt sie. „Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Der einzige Mensch, der weiß, was gut für mich ist, bin ich selbst. Ich habe den ganzen TV-Scheiß hingeschmissen und bin nach Devon zurück. Dann habe ich mir endlich Hilfe für meine Essstörung geholt. Und damit hat sich alles verändert. Ich habe angefangen, mir meine Kraft zurückzuholen.“
Zu Hause in Devon begleitete Crane ihren kleinen Bruder an den Strand. „Ich sah zu, wie er sich über lächerlich kleine Wellen freute – und seine Begeisterung brachte mich langsam zurück ins Wasser.“ Ein gemeinsamer Trip zu „The Cribbar“, einer seltenen, kräftigen Big Wave in Cornwall, entfachte neue Leidenschaft für die Big-Wave-Szene in ihr. Der Ex-Prof Éric Rebière bot an, ihr Tow-in-Surfen beizubringen, also jene Technik, bei der man nicht selbst in die Welle paddelt, sondern von einem Jet-Ski hineingezogen wird. Sie sei, meinte er, wie gemacht für diese Disziplin. „Es war das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie ein Mann in der Surfszene meinen Körper für seine Stärke wertschätzt und nicht für den Look“, sagt Crane. „Ich merkte, dass ich vielleicht doch einen Platz in dieser Welt habe.“
Crane war aufgeregt wie seit ihrer Kindheit nicht mehr. Sie beschloss, die 40.000 Pfund, die sie durch die TV-Arbeit

„WENN DIE ANGST KOMMT, KANNST DU NUR DARAUF VERTRAUEN, DASS DU INTUITIV RICHTIG REAGIERST.“
angespart hatte, ins Surfen zu investieren, und sie ging all in: Sie verlegte ihren Lebensmittelpunkt nach Nazaré, kaufte einen Jet-Ski „und schwor mir: Ich werde mir von niemandem etwas sagen lassen. Es war ab dem ersten Moment meine eigene Reise – nur meine. Zum ersten Mal in meiner Surfkarriere war ich wirklich stolz auf mich.“
Einfach war der Weg dennoch nicht. Die Zahl der Frauen im Big-Wave-Surfen auf höchstem Niveau ist winzig, und es
gibt noch viele Kämpfe um Anerkennung und Gleichberechtigung auszufechten. Während des Contests in Nazaré hört man im Livestream der World Surf League einen Kommentator sagen – er weiß nichts von Cranes gebrochenem Knöchel –, es müsse als Frau eine „riesige Herausforderung“ sein, den Jet-Ski für ihren Partner sicher durch die Wellen zu manövrieren. „Seht mal, wie souverän ihr das gelingt!“ Es fällt ihm nicht mal auf, wie abwertend das klingt.
Laura Crane weiß, dass frühere Generationen von Big-WaveFrauen noch härter kämpfen mussten, um ernst genommen zu werden. Den aktuellen Weltrekord für die größte je von einer Frau gesurfte Welle hält Maya Gabeira, die im Februar 2020 in Nazaré eine 73,5-Fuß-Welle (22,4 Meter) ritt. Dieser Erfolg stellte sich ein, sieben Jahre nachdem die Brasilianerin am selben Ort das Bewusstsein verloren hatte und fast ertrunken wäre – kurz danach schickte Surf legende Kelly Slater ihr eine Direktnachricht, in der er ihr nahelegte, sie solle lieber aufhören, Big-Wave-Surfen sei einfach zu gefährlich für sie. Doch es kam –Stichwort Weltrekord – ein wenig anders. Im Dezember 2025 ritt Laura Crane während der Nazaré Big Wave Challenge übrigens eine Welle, die womöglich sogar noch größer war als jene von Maya Gabeiro – eine offizielle Bestätigung dafür steht aber noch aus.
Zu Laura Cranes Zielen gehört ganz klar, den Contest in Nazaré einmal zu gewinnen, sagt sie – aber ebenso wichtig ist ihr, dass die Big-Wave-Szene der Frauen weiter wächst. Dass sich endlich mehr Mädchen an die großen Wellen trauen, ist einer der Gründe, warum sie ihre Geschichte erzählen will, mit allen Tiefen und Höhen: „Ich will, dass junge Surferinnen nach mir genau so sein können, wie sie sind. Keine Verstellung, keine Verwirrung mehr. Geht einfach raus und lebt euren Traum!“
Die Kalifornierin Linda Benson, damals erst 15, surft eine 20-FußWelle (6 Meter) in Oahu, Hawaii, und wird damit eine der ersten dokumentierten Big-WaveSurferinnen.
Paige Alms wird bei der Pe‘ahi (Jaws) Challenge auf ihrer Heimatinsel Maui zur ersten BigWave-Weltmeisterin gekrönt.
Die WSL führt gleiches Preisgeld für Männer und Frauen in allen Divisionen ein.
Die Brasilianerin Maya Gabeira stellt in Nazaré einen Weltrekord auf: Sie surft eine 73,5-FußWelle (22,4 Meter).
Premiere für Red Bull Magnitude in Hawaii, den ersten reinen Frauenbewerb im Big-WaveSurfen. Keala Kennelly aus Kauai gewinnt beide Awards: Biggest Wave und Overall.
Die Australierin Laura Enever paddelt eine 43,6-Fuß-Welle (13,3 Meter) an den Außenriffen von Oahus North Shore an: neuer Paddle-in-Rekord.
„LENA“ erscheint, eine Doku über Deutschlands erste Big-Wave-Surferin: Lena Kemna.
Als sie zum ersten Mal nach Nazaré kam, proftierte Crane von der Unterstützung durch die Frauen, die dort bereits surften – jetzt will sie diese Unterstützung an die nächste Generation weitergeben. „Ich bin so stolz, wie wir in unserer kleinen Big-Wave-Mädels-Crew zusammenhalten. Ja, wir sind Athletinnen, Konkurrentinnen, wir sind kompetitiv, aber wenn’s drauf ankommt, passen wir aufeinander auf. Wir haben unsere eigenen Stimmen, jede für sich und wir alle gemeinsam. Niemand kann uns jetzt noch aufhalten.“
Instagram: @lauraloucrane
Groß denken: Nach Platz drei in Nazaré im vergangenen Februar ist Crane „super hungrig“ darauf, den Contest bald zu gewinnen.

„ICH WILL, DASS JUNGE SURFERINNEN NACH MIR GENAU SO SEIN KÖNNEN, WIE SIE SIND: GEHT RAUS UND LEBT EUREN TRAUM!“

Reise / Musik / Mindgame

500 Höhenmeter, 50 Grad Steigung, eine
Rinne: Der Autor Hugh Francis Anderson
segelt gemeinsam mit einem Skifahrer und einer Fotografin in Norwegen nach Loppa –auf der Suche nach einer steilen Traumlinie.


Meine Beine brennen wie Feuer, der Schweiß rinnt den Nacken runter, mit jedem Schritt versinke ich hüfttief im Pulverschnee. Über uns peitschen Windböen über den Berggrat. Ich drehe mich zu Paul de Groot und Agathe Ledoux um. Der niederländische Ski-Profi und die französische Fotografin grinsen breit. „Unglaublich, dass wir jetzt wirklich hier sind“, keuche ich. Nach einer Woche mit rauer See, kaputtem Equipment und Lawinenwarnungen stehen wir endlich an unserem Ziel: in einer Rinne, weit abgelegen im Norden Norwegens, 400 Kilometer nördlich des Polarkreises. Nur noch 200 Meter trennen uns vom Gipfel und damit vom Höhepunkt unserer Reise. Dass wir hier gelandet sind, mitten im Nirgendwo, verdanken wir einer Verkettung glücklicher Zufälle. Vor Monaten kauften meine Freundin Camilla und ich in Oslo die „Delfin“ – ein 45 Jahre altes 7,6-Meter-Segelboot. Auf dem Weg nach Tromsø, unserer Wahlheimat im Norden, begann in Kristiansand der Motor zu streiken. Nichts Dramatisches, aber wenn man 1400 Kilometer durch die Norwegische See vor sich hat, geht man lieber auf Nummer sicher. Also schraubte ich im Hafen von Kristiansand am Motor herum, als mir Paul de Groot über den Weg lief, ein Freeskier und Segler, den ich schon lange bewundere. Er war gerade mit seiner Familie unterwegs.
Jenseits des Polarkreises Wir tranken Wein, redeten, und irgendwann nach ziemlich viel Alkohol und tiefen Gesprächen kamen wir auf etwas ganz anderes zu sprechen. De Groot zeigte mir ein Foto einer unwirklich schönen Rinne, die er im Winter davor auf einem Segeltrip entdeckt hatte.
„Als hätte ein skiverrückter Gott die Linie mit dem Messer in den Hang geritzt.“

JEDEN PREIS WERT Frischer, unverspurter Powder als Belohnung für einen stundenlangen fast senkrechten Aufstieg.

ARKTISCHE IMPRESSIONEN Anderson und de Groot kämpfen sich bergauf.
„Meine absolute Traumlinie“, sagte er. Diese Traumlinie liegt auf einer Insel in der Barentssee, bereits in der Arktis. Die Insel heißt Loppa, ist nur per Boot erreichbar und besteht aus ein paar verlorenen Dörfern; Straßen gibt es keine. Skifahrer verirren sich so gut wie nie dorthin. Die Rinne zieht sich über die Ostflanke eines tausend Meter hohen Grats, der sich hufeisenförmig um einen Fjord legt.
Um sie zu erreichen, muss man einiges auf sich nehmen: Man ankert in diesem Fjord, quert ein unwegsames Tal, arbeitet

TRAININGSFAHRT
Anderson (links) und de Groot bei der Abfahrt ins kleine Fischerdorf Bergsfjord. Zwischen Fjord und Gletscher testen sie ihre Ausrüstung, bevor es nach Loppa weitergeht.
„Der Wind pfeift über den Grat, das Meer glitzert weit unter uns.“
sich in Serpentinen einen 30 Grad steilen Anstieg empor, ehe man sich der eigentlichen Herausforderung stellen darf: die 500 Meter lange Rinne hinauf, bei 50 Grad Steigung. (Zum Vergleich: Die berühmte Kitzbüheler Mausefalle bringt es auf 40 Grad.)
Acht Monate später, in einer Marina bei Tromsø: Ich stehe an Deck der „Delfin“ und schippe Schnee. Drinnen stopft de Groot Skiausrüstung in jeden Winkel, den er finden kann. Ledoux sortiert Proviant. Die Berge ringsum sind eingepackt in dicke Schneedecken. Es ist April, Morgengrauen nach einer Polarnacht, goldenes Licht flutet bald die gefrorene
Landschaft. Das Wetter hier oben ist unberechenbar, aber es ist ein kleines Schönwetterfenster angekündigt, stabil und lang genug für die 20 stündige, 185 Kilometer lange Fahrt ins Fischerdorf Bergsfjord. Dort können wir den nächsten Sturm abwarten, ehe es das letzte Stück weiter nach Loppa geht. Um Mitternacht legen wir ab, eingemummt in mehrere Daunenschichten. Die arktische Kälte kriecht trotzdem bis unter die Haut. Die Segel blähen sich, als wir an Tromsø und den Lyngenalpen vorbeiziehen. Der Motor stottert und spuckt mehr, als er sollte, aber die Stimmung ist bestens. In Bergsfjord ergattern wir einen Liegeplatz zwischen Dutzenden Fischerbooten. Wir warten den nächsten Sturm

Wie du hingelangst
Loppa liegt auf 70 Grad Nord, also bereits nördlich des Polarkreises.
Anreise mit dem Flugzeug nach Alta, dann per Auto nach Øksfjord, mit der Fähre nach Bergsfjord – und von dort noch weiter mit dem Boot.
Wo du unterkommst
Die nächste Unterkunft ist die Bergsfjord Lodge von Bergführer
Morten Christensen und seiner Partnerin Mathilda Nyquist. bergsfjordlodge.com
ab, ehe es das letzte Stück weiter nach Loppa geht. Als sich dann der Himmel öffnet, sehen wir sie: die Rinne, schmal und steil wie ein Schnitt im Berg. Als hätte ein skiverrückter Gott sie mit dem Messer in den Hang geritzt. De Groot hatte recht. Es ist eine Traumlinie.
Drei Stunden später stehen wir am Fuß der Talfurche. Für den fast senkrechten Aufstieg in frischem, tiefem, aber zum Glück stabilem Schnee ziehen wir uns bis aufs Baselayer aus. Ein Schritt nach dem anderen. Die Beine brennen, wir keuchen tief, und obwohl wir nur eine dünne Schicht Kleidung tragen, fließt der Schweiß in Strömen.
Nach vier Stunden Aufstieg sind wir am Gipfel. Was vor uns liegt, ist die Erfüllung eines acht Monate alten Traums. Wir wissen: Dieser Moment wird nach ein paar Schwüngen in wenigen Augenblicken vorbei sein. Wir ziehen uns an und steigen in die Bindungen. Ich blicke hinunter zum Fjord. Als winzigen weißen Punkt auf dunklem Wasser sehen wir die „Delfin“, das alte Sommersegelboot aus Oslo, das eine Metamorphose zum WinterExpeditionsschiff hinter sich gebracht und uns so tapfer hierher gebracht hat. Wir jubeln in den heulenden Wind. Ledoux und ich nicken de Groot zu. Er zählt den Countdown: „Drei, zwei, eins dropping!“ Dann verschwindet er in einer Wolke aus seidigem Pulver in die beste Linie seines und unseres Lebens.
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Meike Koch
Pelle Almqvist, Sänger von The Hives, kürt sich auf jedem Konzert selbst zum König des Rock. Den passenden Soundtrack liefert er gleich mit.

For Those About to Rock (We Salute You) (1981)
„Den Song habe ich entdeckt, als ich sechs war. Er gab mir das Gefühl, zu den Leuten zu gehören, die auf wirklich coole Musik stehen. Einfach weil sie aufregend ist und man dazu headbangen kann. Es gibt auch eine Coverversion von meinem Bruder Nicholaus und mir – purer Krach!“
Warum kleckern, wenn man auch klotzen kann? Diese Maxime verfolgt Sänger Per Almqvist alias Howlin’ Pelle mit seiner Band The Hives. Das Quintett aus dem schwedischen Fagersta steht für ruppigen Garagenrock, hymnische Melodien und geballtes Selbstbewusstsein. Ein Ansatz, der funktioniert: Die Skandinavier gelten als grandiose Live-Band.


Astro Zombies (1981)
„Ich habe lange nach einer Band gesucht, die so cool aussieht wie Kiss, aber so heftig rockt wie AC/DC. Das sind die Misfits. Sie haben mir gezeigt, dass Musikalität nicht das Wichtigste bei einer Band ist, sondern Attitude. Diesen Ansatz haben wir für The Hives aufgegriffen.“

Das jüngste Album der Band heißt: „The Hives Forever Forever the Hives“.

Sabotage (1994)
„Das war ein Hit, der von Punk wie von Hip-Hop beeinflusst war und den jeder toll fand – obwohl er so hart und dreckig daherkam. Die Beasties haben da eine Art Code geknackt. Genau das wollten auch wir: einfach nur heftig klingen, aber trotzdem von jedermann geliebt werden.“
Lucille (1957)
„Als Kind habe ich mich durch die Sammlung meiner Eltern gehört. ‚Lucille‘ zählt zu den Kronjuwelen des 50er-Jahre-Rock. Der Song hat fast einen Punk-Beat, er ist schnell, Little Richard schreit sich die Seele aus dem Leib. Er ist der König des Rock ’n’ Roll –bis wir das Zepter übernommen haben.“



Willkommen zu einer RätselChallenge, die deine mentale Fitness trainiert. Folge 6: Bestimme die Fahrtrichtung der Räder.
Hier siehst du zwei neuartige Antriebe: Schau sie dir genau an und finde heraus, in welche Richtung es geht, wenn du vorwärts trittst. Tipp: Mit Stift kommst du schneller ans Ziel.

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VERWUNSCHEN
Als Ausgangspunkt jeder Story verwendet
Leif Randt ein Handyfoto von seinen Reisen. Aktuelles Motiv: ein Waldweg im Nebel auf Rügen – für uns kunstvoll in Szene gesetzt von Fotograf Klaus Pichler.

Vor dem Ausfugslokal Zur Hungrigen Gans kam der selbstfahrende Mietwagen wie vereinbart zum Stehen. Das Restaurant hatte Ruhetag, mindestens das, eher Betriebsferien. Dunkelbraune Rollläden verdeckten die Fenster, die Terrasse war unbestuhlt, und ein Schild, das mit den Wochengerichten einer nicht datierten Woche beschriftet war, lag umgeweht im Kies (Rehrücken, Käsespätzle, Gemüsecurry). Auf dem Parkplatz stand ein einziges anderes Auto, ein alter weißer Kombi voller Blütenstaub, den man sehr wahrscheinlich noch manuell steuern und mit Benzin betanken musste. Und zwischen den Bäumen hing Nebel.
„Okay … ich fnd’s ziemlich gruselig hier“, sagte Maria. Trotz milder Temperaturen zog sie sich Handschuhe an, aus Angst vor Dornen, erklärte sie, denn Dornen gebe es in Wäldern schließlich viele. Luna wusste um die Phobien ihrer ehemaligen Kollegin und Teilzeit-Mitbewohnerin und beinahe besten Freundin. Die beiden waren für sieben Wochen getrennt gewesen. Während Luna zunächst allein und wenig später mit ihrer Afäre Samy durch Japan und Indien gereist war, hatte sich Maria in Frankfurt dafür entschieden, nicht auf Basisgeld zu wechseln, sondern berufstätig zu bleiben, obwohl das erhebliche fnanzielle Einbußen bedeutete. Eine exzentrische Entscheidung, die in Lunas Augen aber durchaus zu Maria passte.
Auf der eineinhalbstündigen Anreise hätten sich die beiden eigentlich viel zu erzählen gehabt. Doch waren sie auf der immer nebliger werdenden Landstraße, auf der es nur ein einziges Mal zu Gegenverkehr kam – von einem selbstfahrenden Auto, in dem eine Seniorin schlief –, ungewöhnlich schweigsam gewesen. Es war, als würde Maria darauf warten, dass Luna den ersten Schritt machte. Doch würde Maria überhaupt zuhören, wenn Luna ihre Konfikte mit Samy umriss? Und war sie ihrerseits ofen dafür, sich von Maria ein Start-up-Konzept pitchen zu lassen?
Maria fürchtete sich vor dem Odenwald, so wie andere sich vor dem Frankfurter Bahnhofsviertel fürchteten. Sie glaubte, dass Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu Waldgebieten lebten, zwangsläufg wunderlich werden mussten. Luna hingegen war als Kind manchmal mit ihrem neunzehn Jahre älteren Cousin Ludwig auf die Jagd gegangen und hatte diese Sommernächte im erstaunlich kühlen Wald als abenteuerlich empfunden. Cousin Ludwig hatte einen Jagdschein, aber schoss niemals auf Tiere, sondern saß lediglich bei Abend- oder Morgendämmerung auf dem Hochsitz und beobachtete mit seinem Infrarot-Fernglas Hirsche, Rehe, Hasen und Wildschweine. In der Rückschau zweifelte Luna ein wenig an der Integrität ihres schweigsamen Cousins, der mittlerweile nach Kanada ausgewandert war. Im Familien-Chat kursierte das Gerücht, dass er sich in den Rocky Mountains einer radikalen Tierschutzsekte angeschlossen und deshalb den Kontakt zum Rest der Familie abgebrochen habe.

LEIF RANDT
Geboren 1983 in Frankfurt am Main. Er gilt als Vertreter einer neuen Generation der Popliteratur. Sein neuer Roman „Let’s talk about feelings“ erschien im September. 2026 kommt die Verfilmung seines Bestsellers „Allegro Pastell“ ins Kino.
Luna, die Maria gleich am Tag nach ihrer Rückkehr eine Waldwanderung vorgeschlagen hatte –wie ihr neuer Partner Samy argumentierend, dass man seine Ängste und Ressentiments konfrontieren müsse, um sie zu überwinden –, hatte sich von ihrem KI-Assistenten Kenny-Systems eine Route mit mittlerem Schwierigkeitsgrad auswählen lassen und geglaubt, dass es sich dabei eher um einen Waldspaziergang als um einen echten Hike handeln würde. Wanderwege wurden schließlich für rüstige Senioren konzipiert und nicht für sportliche Frauen in ihren Dreißigern.
Nach den ersten sechzig Minuten auf dem Waldweg lagen Luna und Maria schon gut zwanzig Minuten hinter der von Kenny prognostizierten Zeit. Das war teilweise mit der fehlenden Sicht zu erklären –seit dem Besuch in einer Darmstädter Nebeldisko vor ungefähr fünfzehn Jahren hatte Luna nicht mehr so wenig weit schauen können –, aber teilweise auch mit ungeahnten Steigungen. Lunas Oberschenkel brannten. Maria ging blass neben ihr her. Sie trug ihr neues BonnyUNIVERSAL -Headset, das fligran, aber wegen seiner violetten Farbe eben doch jederzeit sichtbar war. „Ich habe Hunger“, sagte sie.
Luna holte einen Energieriegel aus ihrem Rucksack. Sie hatte sich um alles Organisatorische gekümmert, auch lauwarmes Wasser und eine Powerbank mit eingepackt. Maria verzog beim Kauen das Gesicht, der Riegel war ihr entweder zu süß oder zu bitter, doch sie ließ nichts davon übrig. „Und du bist sicher, dass ich nach dieser Nummer hier den Wald ins Herz schließen werde?“
Luna sagte: „Ich hatte auch mit etwas besserem Wetter gerechnet.“
Maria sagte: „Und du wärest sowieso lieber mit Samy hier unterwegs.“
Luna log: „Nein, ich freue mich, dass wir mal einen Ausfug machen. Wir haben uns viel zu selten Zeit für so was genommen.“
An einer Weggabelung wartete Luna auf Meldung von Kenny. Sie tippte wiederholt auf den Knopf in ihrem Ohr, der grau und unauffällig war, bis sie widerwillig fragen musste: „Hat Bonny hier noch Empfang? Kenny ist verschwunden.“ In den sieben Wochen ihrer Reise war gefühlt ganz Europa von diversen anderen Assistenzsystemen auf BonnyUNIVERSAL umgestiegen, wegen einer angeblich besseren Netzabdeckung, wegen neuer Features oder aus reinem Anpassungsdruck. Luna war davon genervt, sie würde vorerst nicht wechseln. Schließlich hatte ihr Kenny durch interessierte Nachfragen über die Trennung von Ben hinweggeholfen, und es wäre
Als Maria den Bildschirm betastete, baute sich ein Hologramm vor den beiden auf. Eine animierte Figur, die halb Mensch und halb Reh war, begann auf Mandarin zu erzählen.
ihr undankbar vorgekommen, so rasch ein anderes Assistenzsystem zu abonnieren.
Marias subtiles Grinsen war nur schwer zu ertragen in diesem Moment. Sie betätigte ihr violettes Headset und hörte Bonny zu. „Beide Wege gehen klar. Links ist kürzer, aber anstrengender. Rechtsrum ist weiter, aber großteils fach.“
Luna ging fest davon aus, dass Kenny sie nach links geschickt hätte.
„Bonny empfehlt, rechts abzubiegen und zwischendurch am Infopoint zu pausieren“, sagte Maria. Da sie nun indirekt das Kommando über die Wanderung übernommen hatte, begann sie sogleich ihre Start-up-Idee zu pitchen, einen inofziellen Nachfolger zum Freizeit-Netzwerk Open Wish Society, das in den letzten Monaten wegen zahlloser Trickbetrügereien in Verruf geraten war. Die Verabredungen zum kreativen Rollenspiel sollten in diesem neuen Portal ausschließlich analog überwacht werden, von sogenannten friendly bouncers, die durch ihr Charisma auch Starpotenzial entfalten könnten, so wie einst die Infuencer in den sozialen Medien der Vergangenheit. Maria sagte, sie habe in ihrem direkten Umfeld schon mit dem Casting begonnen, und nannte drei Namen, die aber Luna gar nichts sagten. Luna waren die Teilnehmer an der Open Wish Society ohnehin suspekt, spätestens seit sie gehört hatte, dass ihr Exfreund Ben sich für dieses Netzwerk registriert und die oftmals skurrilen Situationen dreist in seinen Kurzflmen ausgewertet hatte. Eigentlich wollte Luna mit diesem Milieu, das sich über analoge Realitätsfucht defnierte, keinesfalls etwas zu tun haben, weder privat noch beruflich. Auf Marias Nachfrage hin, was sie über die Idee denke, sagte Luna ohne jede Begeisterung in der Stimme: „Klingt interessant. Könnte funktionieren.“
Dass sich der Nebel nach einigen Höhenmetern, die sie bergab spaziert waren, etwas auflöste und die Sicht besser wurde, hob die Stimmung der beiden Freundinnen nur bedingt. Luna erzählte von Samys Unbehagen darüber, zurück in Deutschland zu sein. In Indien hatte er noch behauptet, dass er sich einen Umzug ins Rhein-Main-Gebiet mit Luna vorstellen könne, hatte diesen Gedanken aber schon nach dem ersten Wochenende in Frankfurt wieder verworfen. Er war dann leicht widerwillig zu seinen Eltern an den Bodensee gereist, nur auf Zwischenstopp, wie er
sagte, um zeitnah von München aus wieder ins Ausland zu fiegen. Luna sei herzlich dazu eingeladen, ihn zu begleiten, doch ihr Fernweh hielt sich vorerst in Grenzen. Maria sagte ohne viel Empathie in der Stimme: „Klingt nicht, als gäbe es da eine einfache Lösung.“
Wenig später erreichten sie den Infopoint, der aus einer Sitzmöglichkeit und einem wasserdichten Touchscreen bestand. Als Maria den Bildschirm betastete, baute sich ein Hologramm vor den beiden auf. Eine animierte Figur, die halb Mensch und halb Reh war, begann auf Mandarin zu erzählen, bis Maria am Touchscreen die Sprache auf Deutsch umswitchte. Die Figur stellte sich als Rupy vor und hieß die Gäste in ihrem Wald willkommen. Sie sprach dabei in einem Dialekt, der wie ein Hybrid aus Hessisch, Schwäbisch und Nordbairisch klang. Wahrscheinlich, so dachte Luna, hatte die künstliche Intelligenz diesem Maskottchen drei Dialekte auf einmal zugeordnet, da sich der Odenwald über drei Bundesländer erstreckte. Die zweibeinige Rehfgur Rupy war die ganze Zeit in Bewegung, während sie sprach, sie rannte in den Wald und brachte Comic-Nüsse und Comic-Pilze mit an den Infostand. Die Figur biss knackend in eine Comic-Nuss und nannte eine abstrakt hohe Zahl von Tieren, die gemeinsam glücklich im Odenwald lebten. Luna fand all das infantil und ermüdend. Bis plötzlich ein Schuss zu hören war und die Rupy-Figur blutend zu Boden ging. Das Tageslicht-Hologramm fackerte vor den Augen der beiden Freundinnen und verschwand. „Der klang ziemlich echt“, sagte Maria, die neben Luna zusammengezuckt war. Die beiden hörten die Rupy-Figur röcheln, was sich geschmacklos und wie ein Fehler im Programm anfühlte. Luna tippte auf den Screen. MOVE ON stand dort zunächst in Großbuchstaben und kurz darauf die Info, dass das Restaurant Zur Hungrigen Gans nur fünfzehn Gehminuten entfernt sei. Maria grif an ihr Headset. „Bonny sagt, wir sollen uns beeilen.“ Luna wollte wissen, weshalb. Maria lief davon.
Sie erreichten den Parkplatz in weniger als zehn Minuten. Der Mietwagen grüßte per Lichthupe, das andere Auto war verschwunden. „Was ist los?“, fragte Luna atemlos. Maria sagte: „Eine halluzinierende KI hat das Waldsystem gehackt.“ Luna verstand kein Wort. „Bonny sagt, im Odenwald spinnen sie alle.“
Der Mietwagen fuhr nun deutlich schneller.
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Ich begrüße jeden im Team mit einem Lächeln, versuche ihm zu entlocken, wie es ihm geht. So erarbeite ich mir mit allen eine gute Connection.
Fußball ist mehr als ein Spiel. Als Kind war mir der Spaß mit meinen Freunden am wichtigsten. Auch als Profi mag ich das Drumherum, das Kabinenleben, das Scherzen mit Mitarbeitern.
About David Geboren 1998 in Nürnberg, gewann er mit dem deutschen U21Nationalteam die EURO und qualifizierte sich zuletzt mit der ANationalmannschaft für die WM 2026 in Nordamerika. Mit RB Leipzig gewann er den DFBPokal, den Supercup und führt das Team aktuell als Kapitän an. Auf dem Bild trägt David das neue Sondertrikot mit leuchtenden Details, in dem RB Leipzig am 21. Februar Borussia Dortmund empfängt. Infos zum neuen Trikot: rbleipzig.com/glow
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