Die Lira Tron: Vorbild für viele –nur nicht für die Urheber Seite 64
Berlin-Auktion 437 28.Januar 2026 in Berlin
In dieser Ausgabe
Sammlerportrait: Dr. Friedrich-Karl Günther 16
Münzen aus dem Zeitalter 20 der „Nordischen Kriege“
Guinea: Wo Europas Gold herkam 30
Die ,Backbone‘-Prägungen der 34 Stadt Side in Pamphylien
„Am Ende triumphiert die gute Sache“ 46
Der Türkenkrieg, Wolf Dietrich von Raitenau 58 und die Turmprägungen
Die Lira Tron: Vorbild für viele – 64 nur nicht für die Urheber
Wallenstein in Mecklenburg 76
Die Pazzi-Verschwörung 78
Bergamo: Accademia Carrara 84
Historische
Impressum
Herausgeber
Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG
Nobbenburger Straße 4a · 49076 Osnabrück www.kuenker.de
Redaktion
Julia Kröner
Inja MacClure
Professor Dr. Johannes Nollé
Gestaltung
Helge Lewandowsky
Termine 2026
New York International 15.-18. Januar 2026 Numismatic Convention
Berlin-Auktion 437 28. Januar 2026
World Money Fair 29.-31. Januar 2026
eLive Auction 91 2.-6. März 2026
Numismata München 7.-8. März 2026
Frühjahrs-Auktionen 2026 16.-20. März 2026
eLive Auction 92 18.-22. Mai 2026
Sommer-Auktionen 2026 22.-26. Juni 2026
eLive Auction 93 20.-24. Juli 2026
Herbst-Auktionen 2026 21.-25. September 2026
eLive Auction 94 5.-9. Oktober 2026
eLive Auction 95 1.-4. Dezember 2026
Der Markuslöwe und darüber die Statue des Heiligen Markus Fassade der Basilica di San Marco, Venedig (Photo Ulrich Heide).
Fotos Auktionen 432, 434, 435, 436
Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG
Fotos Auktion 433
Lübke + Wiedemann KG, Leonberg
B.Seifert / O. Graf
V.i.S.d.P.
Dr. Andreas Kaiser
Druck
Druck- und Verlagshaus Fromm+Rasch GmbH & Co.KG www.frommrasch.de
ISSN 3052-0142
Liebe Kundinnen und Kunden, liebe Münzfreunde,
wir wünschen Ihnen ein glückliches und vor allem gesundes neues Jahr! Hoffentlich haben Sie die Feiertage in vollen Zügen genossen. Zum Jahresbeginn möchten wir uns bei Ihnen für Ihre Treue und Ihr stetiges Interesse an unserem numismatischen Angebot bedanken – es ist für uns eine große Freude, Sie auf diesem Weg begleiten zu dürfen. Ein herzliches Dankeschön gilt auch unserem engagierten Team, das mit Leidenschaft und Hingabe bei Künker arbeitet.
Wie gewohnt erwartet Sie bei Künker auch in diesem Jahr ein spannender Start: Wir sind erneut stolz, an der New Yorker Münzmesse (NYINC) im Januar teilzunehmen sowie die Berlin-Auktion 437 zu veranstalten, mit der wir am Mittwoch, dem 28. Januar 2026, den Auftakt zur World Money Fair im Berliner Hotel Estrel geben. Auf den folgenden Seiten finden Sie einen Überblick über unser Auktionsangebot, das wieder zahlreiche hochkarätige Objekte umfasst –von Brandenburg-Preußen über die deutschen Staaten bis hin zum Habsburgerreich sowie faszinierende numismatische Raritäten aus aller Welt und eine Auswahl seltener Orden und Ehrenzeichen.
Wir laden Sie herzlich ein, unser Auktions-Angebot in Osnabrück zu besichtigen, und ab dem 26. Januar haben Sie auch in Berlin die Möglichkeit, Stücke vorab zu studieren. Vom 29. Januar bis zum 31. Januar heißen wir Sie dann an unserem Messestand auf der World Money Fair herzlich willkommen, wo Sie eine Vielzahl an Münzen und Medaillen aus unserem Bestand finden werden. Selbstverständlich beraten wir Sie auch gerne rund um den Verkauf einzelner Stücke oder kompletter Sammlungen in unseren Auktionen. Wir freuen uns darauf, viele von Ihnen persönlich an unserem Stand begrüßen zu dürfen!
Unsere neueste Ausgabe ist wieder prall gefüllt mit spannenden Artikeln rund um die Numismatik. Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre und freuen uns auf Ihr Feedback, das für uns immer sehr wertvoll ist.
Dr. Andreas Kaiser Ulrich Künker
Paukenschlag zu Beginn des numismatischen Jahres: Unsere Berlin-Auktion
Wie gewohnt beginnen wir unser Auktionsjahr mit der Auktion im Rahmen der World Money Fair in Berlin. Seltenheiten aus Brandenburg-Preußen, dem Habsburgerreich und Altdeutschland dominieren die 437. Auktion.
Ganz gleich, welches Gebiet der Neuzeit Sie interessiert: Wenn Sie eine große Rarität in bester Erhaltung mit toller Provenienz ersteigern möchten, dann bietet unsere 437. Auktion am 28. Januar 2026 in Berlin eine hervorragende Gelegenheit dazu. Der Katalog ist gespickt mit außergewöhnlichen Stücken, von denen wir Ihnen die interessantesten in dieser Auktionsvorschau präsentieren.
Für den Auktionskatalog 437 und eine detaillierte Auktionsübersicht scannen Sie einfach nebenstehenden QR-Code.
Raritäten aus Brandenburg-Preußen
Die Auktion beginnt - wie passend für Berlin - mit einer Selektion von Münzen und Medaillen aus BrandenburgPreußen. Ein großer Teil davon stammt aus dem Besitz zweier bekannter Berliner Sammler.
Gunther Hahn ist unseren langjährigen Kunden bestens bekannt. Seine Sammlung wurde im Rahmen der Auktion 300 in Berlin aufgelöst. Damals mochte sich Herr Hahn nicht von allen Stücken trennen. Die, die er für sich zurückbehalten hat, gibt er nun in den Kreislauf des Sammelns zurück.
Volker Schwartz ist allen, die sich für den alten Fritz & Co. interessieren, ebenfalls wohl bekannt. Er redigiert seit 1990 die hochkarätigen „Beiträge zur Brandenburgisch/Preußischen Numismatik“, die als Publikationsorgan von Wissenschaftlern und Sammlern mit Leben gefüllt werden. In Auktion 437 kommt der erste Teil seiner umfangreichen Sammlung unter den Hammer unserer Auktionatoren. Teil 2 wird im Rahmen der eLive Auction 91 im März 2026 angeboten. Insgesamt 81 Lose umfasst die Partie. Sie enthält Münzen und Medaillen, deren zeitliches Spektrum mit einem Taler von Kurfürst Joachim II. Hector vom Jahr 1543 beginnt und bis zu den Vereinsmünzen Wilhelms I. aus dem Jahr 1866 reicht. Die Stücke sind ausnahmslos entweder spektakulär erhalten oder äußerst selten. Meistens sind sie sogar beides.
Liebhaber der Renaissancekunst werden sich an dem Porträt freuen, das Markgraf Johann von Küstrin auf einer goldenen Medaille im Gewicht von 21 g verewigen ließ. Wer sich für Wirtschaftsgeschichte interessiert, begeistert sich für die fabelhaft erhaltenen Guinea Dukaten von 1686 und 1690. Freunde des alten Fritz finden eine wunderbare Auswahl an einfachen und doppelten Friedrichs d‘ors. Besonders bemerkenswert sind die Taler, die Friedrich II. dezidiert für den Handel prägen ließ: Sie zeigen, welch weitgespannte Ambitionen der preußische König hegte. So entstand der Piaster für China, der Albertustaler für den Ostseehandel und der Levantetaler für die Levante.
Bemerkenswert sind auch die vielen schweren Goldmedaillen, die im 19. Jahrhundert als Prämien und Preise verliehen wurden. Ein gutes Beispiel ist eine
Los 2
Brandenburg. Markgraf Johann von Küstrin, 1535-1571. Goldene Gussmedaille 1569. Aus Sammlung Gunther Hahn. Äußerst selten. Kleine Henkelspur. Felder fein ziseliert. Vorzüglich.
Schätzung: 20.000 Euro
Los 26
Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm, 1640-1688. 2 Dukaten 1654, Berlin. Vermutlich das einzige sich im Handel befindliche Exemplar. Gutes sehr schön.
Schätzung: 25.000 Euro
Goldmedaille zu 30 Dukaten. Sie wurde den preußischen Hoflieferanten Hensel und Schumann zuerkannt. Das ist passend, denn Hensel und Schumann war eine Gold- und Silbermanufaktur, die damals weltweit zu den technologisch fortgeschrittensten Betrieben gehörte. Für wissenschaftliche Analysen nutzte die Königliche Akademie ausschließlich chemisch reines Gold und Silber von Hensel und Schumann. Verkaufsschlager war das Lyoner Gold- und Silber. Dabei handelt es sich um mit Metalldrähten umsponnenes Gespinst, wie es im 19. Jahrhundert für eine eindrucksvolle Uniform unabdingbar war. Übrigens gibt es aus der Sammlung Hahn noch eine zweite Goldmedaille zu 25 Dukaten, die ebenfalls diesem Unternehmen verliehen wurde. Auch sie ist äußerst selten: Nur 69 Exemplare wurden geprägt.
Los 3
Brandenburg. Johann Georg, 1571-1598. Reichstaler 1578, Berlin. Aus Sammlung Volker Schwartz. Sehr selten. Vorzüglich.
Schätzung: 12.500 Euro
Los 35
Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm, 1640-1688, auf den Tod Elisabeth Henriettes, seiner Schwiegertochter. 2 Dukaten 1683. Äußerst selten. Vorzüglich.
Schätzung: 25.000 Euro
Los 37
Brandenburg-Preußen. Friedrich III., 1688-1701. Guinea-Dukat 1690, Berlin. Aus Sammlung Gunther Hahn. Äußerst selten. Vorzüglich.
Schätzung: 20.000 Euro
Los 58
Brandenburg-Preußen. Friedrich II., 1740-1786. Albertustaler 1766, Magdeburg. Aus Sammlung Gunther Hahn. Äußerst seltener Jahrgang. Fast Stempelglanz.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 78
Brandenburg-Preußen. Wilhelm I., 1861-1888. 1/2 Vereinskrone 1866. Aus der Sammlung Volker Schwartz. Vorzüglich.
Schätzung: 2.000 Euro
Kabinettstückchen aus dem Habsburgerreich
Los 70
Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm III., 1797-1840. Goldene Preismedaille zu 30 Dukaten o. J. (1821), graviert 1827 für die Silber- und Goldmanufaktur Hensel und Schumann. Aus Sammlung Gunther Hahn. 2. bekanntes Exemplar. Vorzüglich.
Schätzung: 10.000 Euro
Wird während der Auktion der alte Antagonismus zwischen Preußen und Habsburg neu aufbrechen? Werden Sammler aus Wien und Berlin darum rangeln, ob eine österreichische oder eine preußische Münze das höchste Ergebnis bringt? Wir dürfen gespannt sein, denn auch die 99 Lose mit Habsburger Prägungen –inklusive österreichischer Bistümer und Standesherren –sind spektakulär.
Der größte Teil der Raritäten kommt aus der berühmten Sammlung von Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel, die in rund 60 Jahren aufgebaut wurde und als eine der bedeutendsten Münzsammlungen Österreichs
Los 336
Römisch-Deutsches Reich. Maximilian I., 1490-1519. Fünffacher Schauguldiner 1509, geprägt 1517 in Antwerpen. Aus der Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel, Wien. Erworben 1947 von Kralik. Äußerst selten. Gutes sehr schön.
Schätzung: 25.000 Euro
Los 342
Römisch-Deutsches Reich.
Ferdinand, 1564-1595. Dreikaiserprägung, dicker 1 1/2facher Reichstaler o. J. (um 1565-1580), Hall. Aus der Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel, Wien. Erworben im November 1951.
Äußerst selten. Vorzüglich.
Schätzung: 20.000 Euro
Los 362
Römisch-Deutsches Reich.
Ferdinand II., 1592-1618-1637.
5 Dukaten 1628, Breslau. Sehr selten. Gutes vorzüglich.
Schätzung: 20.000 Euro
Los 376
Römisch-Deutsches Reich. Leopold I., 1657-1705.
gilt. Herr Dr. Wenzel zählte zu den Persönlichkeiten, die nach dem Krieg die österreichische Wirtschaft wiederbelebten. Er bekleidete von 1951 bis zu seiner Pensionierung das Amt eines Generaldirektors der Radio-Austria A.G. Dieser Kommunikationsdienst hatte sich auf die Übermittlung von Telegramm und Telex spezialisiert. Dr. Wenzel gelang es, den Betrieb zu sanieren und die Aktienmajorität aus englischem Besitz in österreichisches Staatseigentum zu überführen. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem österreichischen Ehrentitel eines Kommerzialrats. Seit seiner Kindheit investierte Dr. Wenzel viel Zeit in den Aufbau einer Münzsammlung. Es gelangen ihm zahlreiche Ankäufe von extrem seltenen Stücken, die zum Teil seit mehr als einem halben Jahrhundert in seiner Sammlung ruhen.
Ein gutes Beispiel dafür ist eine spektakuläre Schauprägung von Maximilian I. mit dem Datum 1509 im Gewicht von fünf Gulden. Ein anderes beeindruckendes Stück ist der dicke anderthalbfache Reichstaler vom Typ „Dreikaiserprägung“, der vermutlich unter dem Tiroler Erzherzog Ferdinand II. zwischen 1564 und 1580 entstand. Unter Leopold I. wurde die mit 200.000 Euro am höchsten geschätzte Münze der Auktion 437 geprägt. Es handelt sich um einen Ehrenpfennig im Wert von 20 Dukaten aus Hall, der an den endgültigen Anschluss Tirols an die Habsburger Erblande im Jahr 1666 erinnert.
Im Jahr 1962 gelang es Dr. Welzel eine weitere Rarität zu erwerben, und zwar eine unter Karl VI. entstandene Goldmedaille, die an die Grundsteinlegung der Wiener Karlskirche von 1716 erinnert. Das Unikum ist vorzüglich erhalten.
Schätzung: 200.000 Euro 1,7:1
20 Dukaten o. J. (nach 1666), Hall, von M. König. Äußerst selten. Fast vorzüglich.
Los 391
Römisch-Deutsches Reich. Karl VI., 1711-1740. Goldmedaille zu 20 Dukaten 1716, auf die Grundsteinlegung der Wiener Karlskirche. Vermutlich Unikum. Aus Sammlung Kommerzialrat Dr. Herbert Wenzel, Wien. Erworben im Dorotheum 1962. Vorzüglich. Schätzung: 20.000 Euro
Los 423
Salzburg. Johann Ernst von Thun und Hohenstein, 1687-1709. 20 Dukaten 1687. NGC AU58. Äußerst selten. Vorzüglich. Schätzung: 125.000 Euro
Altdeutschland
Los 105
Bayern. Maximilian II., 1848-1864. Dukat 1855. Spätere Erinnerung an die Goldkronacher Ausbeute. Nur wenige Exemplare bekannt. Vorzüglich bis Stempelglanz. Schätzung: 50.000 Euro
Von Anhalt bis Würzburg reicht das geographische Spektrum der altdeutschen Prägungen, die wir in unserer Berlin-Auktion anbieten. Liebhaber perfekt erhaltener Großgoldmünzen haben hier die Qual der Wahl. Soll es ein Hamburger Bankportugalöser mit einer detaillierten Stadtansicht sein? Oder doch lieber ein als diplomatisches Geschenk geprägter 10-facher Dukat aus Nürnberg? Oder Regensburg? Nicht zu vergessen, jenes prunkvolle Beispiel eines der ersten in Deutschland geprägten Portugalöser, einer Münze, die Johann Adolf von Holstein-Gottorp
in Auftrag gab. Wer Ausbeutemünzen liebt, freut sich über einen äußerst seltenen Dukaten von 1855 aus Goldkronacher Gold. Und für die Freunde Braunschweiger Löser ist die Auswahl enorm.
Ob sächsische Münzen und Medaillen, ob Nürnberger Lammdukaten, ob seltene Taler oder Dukaten, ganz egal, für welches altdeutsche Gebiet Sie sich interessieren, Sie werden mit Sicherheit Ihr Traumstück finden!
Los 135
Braunschweig-Bevern. Ferdinand Albrecht I., 1667-1687. Löser zu 4 Reichstalern 1670, Clausthal, auf den Tod seines Sohnes Leopold Carl. Äußerst selten. Vorzüglich.
Schätzung: 125.000 Euro
Los 167
Hamburg. Bankportugalöser zu 10 Dukaten 1665 auf die großen europäischen Bankstädte Amsterdam, Hamburg, Nürnberg und Venedig. Sehr selten. Vorzüglich bis Stempelglanz.
Schätzung: 30.000 Euro
Los 184
Lippe. Friedrich Adolf, 1697-1718. 5 Dukaten 1711, Detmold. Einzig bekanntes Exemplar. Vorzüglich bis Stempelglanz. Schätzung: 100.000 Euro
Nürnberg. Lammprägung, doppelte Dukatenklippe 1700. Äußerst selten. Vorzüglich bis Stempelglanz. Schätzung: 10.000 Euro
Los 269
Sachsen. Friedrich August I., 1694-1733. 3 Dukaten 1696, Dresden. Sehr selten. NGC MS62. Vorzüglich bis Stempelglanz.
Schätzung: 40.000 Euro
Los 306
Schleswig-Holstein. Karl Friedrich, 1702-1739. 10 Dukaten 1711, Tönning. Zweites im Handel bekanntes Exemplar. NGC MS61 (Top Pop). Gutes vorzüglich. Schätzung: 50.000 Euro
Los 331
Deutsch-Neuguinea. 20 Neu-Guinea Mark 1895. NGC MS63. Nur 1.500 Exemplare geprägt. Vorzüglich bis Stempelglanz. Schätzung: 40.000 Euro
Los 256
Regensburg. 10 Dukaten o. J. (1793). Sehr selten. Vorzüglich. Schätzung: 60.000 Euro
Los 295
Holstein-Gottorp. Johann Adolf, 1590-1616. Portugalöser (10 Dukaten) o. J., Eutin. Äußerst selten. Fast vorzüglich.
Schätzung: 125.000 Euro
Ausländische Raritäten
Ein kleiner thematischer Schwerpunkt liegt auf den Prägungen der Anrainerstaaten der Ostsee wie Dänemark, Schweden, Polen und Russland. Etliche numismatische Kostbarkeiten entstanden während der Auseinandersetzungen um die Herrschaft über die Filetstücke dieses Handelsraums.
Aber auch die schon im Mittelalter industriell so weit entwickelten Gebiete Flanderns und der Niederlande, dazu Frankreich und England bzw. Großbritannien sind bestens vertreten. Wir stellen Ihnen einige besonders interessante Münzen und Medaillen vor, die lediglich einen kleinen Ausschnitt der großen Vielfalt an Raritäten bieten, die Sie in Auktion 437 erwarten.
Los 477
Dänemark. Christian VII., 1766-1808. Piaster 1771 (geprägt 1774), Kopenhagen, für Grönland. Geprägt von der Dänischen Asien-Kompanie. Sehr selten. PCGS AU58. Vorzüglich.
Schätzung: 35.000 Euro
Los 486
Frankreich. Louis XIII., 1610-1643. Huit Louis d‘or à la tête laurée 1640, Paris. Äußerst selten. Sehr schön.
Schätzung: 50.000 Euro
Los 485
Frankreich. Charles VII., 1422-1461. Silbermedaille o. J. (1454), auf die Vertreibung der Engländer und das Ende des Hundertjährigen Krieges. PCGS SP53. Äußerst selten. Originalprägung. Fast vorzüglich.
Schätzung: 40.000 Euro
Los 522
Frankreich / Lothringen. Anton, 1508-1544. Goldene Gussmedaille 1525. Vermutlich Unikum. Zeitgenössischer Guss. Sehr schön bis vorzüglich. Schätzung: 20.000 Euro
Portugal. Johann III., 1521-1557. Portugalöser (Portuguez) o. J., Lissabon. Äußerst selten. Gutes sehr schön.
Schätzung: 30.000 Euro
Los 651
Ungarn / Siebenbürgen. Georg Rakoczi II., 1648-1660. 10 Dukaten 1652, Nagybánya. Sehr selten. Fast vorzüglich.
Schätzung: 60.000 Euro
Los 530
Großbritannien. Charles I., 1625-1649. Pound zu 20 Shillings 1644, Oxford. Sehr selten. Sehr schön.
Schätzung: 25.000 Euro
1,7:1
Los 604
Polen / Danzig. 5 Dukaten 1656. Sehr selten. Vorzüglich.
Schätzung: 125.000 Euro
Orden und Ehrenzeichen
Last but not least endet unsere 437. Auktion mit 14 herausragenden Objekten und Objektgruppen der Phaleristik. Höhepunkt dieser kleinen, aber feinen Abteilung ist eine Kollane des höchsten russischen Ordens, des Kaiserlichen Ordens des hl. Apostels Andreas des Erstberufenen. Die Punzierung verrät, dass das Stück im Jahr 1864 vom Hoflieferanten Keibel gefertigt wurde.
Wir wissen nicht, wer einst den Orden trug, aber ein kleiner Blick auf die Liste derer, die 1864 mit ihm ausgezeichnet wurden, gibt uns einen Anhaltspunkt, aus welcher Gesellschaftsschicht sein Träger gestammt haben muss. Lediglich 13 Persönlichkeiten wurden in diesem Jahr mit ihm geehrt, darunter nicht nur russische Berühmtheiten, sondern auch die preußischen Prinzen Alexander und Georg, Erzherzog Stephan von Österreich, Großherzog Karl August von SachsenWeimar, Prinz August Ernst von Hannover, Kronprinz Wilhelm Christian von Dänemark und Herzog Napoleon August Lannes de Montebello.
Los 681
Bayern. Königlich Bayerischer Militärischer Hausritterorden vom heiligen Georg. Kollane mit Kleinod zum Großkreuz. Äußerst selten. I-II.
Schätzung: 25.000 Euro
Los 687
Russland. Kaiserlicher Orden des hl. Apostels Andreas des Erstberufenen. Kollane, 2. Modell ohne Kleinod. Sehr selten. I-II.
Schätzung: 100.000 Euro
Dr. Friedrich-Karl Günther
Portrait eines Münzensammlers
Von Roland Trampe und Fritz Rudolf Künker
Dr. Friedrich-Karl Günther wurde als einziges Kind der Eheleute Otto und Klara Günther fast am Ende der deutschen größten währungspolitischen Krise am 28.07.1922 in Berlin geboren. Er erlebte das Ende der Weimarer Republik und die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Mit dem sogenannten Notabitur, welches dem NS-Regime erlaubte, Heranwachsende bereits mit 18 Jahren zum Dienst an der Waffe zu verpflichten, schloss er seine schulische Laufbahn ab. Von der Wehrmacht wurde er dann in die Luftwaffe einberufen. Er wurde in der Stadt Petsamo am finnischen Eismeer, welches heute unter dem Namen Petschenga zu Russland gehört, stationiert. Hier infizierte er sich mit Tuberkulose, der lebensbedrohliche Krankheitsverlauf führte schließlich zu seiner Ausmusterung, und er konnte nach Berlin zurückkehren, wo er erste Erfahrungen mit Jura hatte und sich für das Studium interessierte. Im völlig zerstörten Berlin lernte er seine spätere Ehefrau Gisela Kathrin (geb. 25.09.1926 als geb. Jungkeit) kennen. Seine Ehefrau arbeitete als technische Zeichnerin in den Borsigwerken, welche zu dieser Zeit einen bedeutenden Beitrag in der Rüstungsindustrie leisteten. Schließlich heirateten beide in Reinickendorf, einem Teil von Berlin, der zum französischen Sektor gehörte, am 12.06.1945. Aus den Unterlagen des Standesamtes geht hervor, dass dies die erste Trauung in dem neu eröffneten Standesamt gewesen ist.
Nach der Heirat sollte sich keine Verbesserung der Lebenssituation einstellen, und so beschlossen sie gemeinsam, beeinflusst von den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und getrieben von Hunger und der Sehnsucht nach einem besseren gemeinsamen Leben, ihre Heimatstadt zu verlassen. Ihr Weg sollte sie zu Verwandten nach Badeborn bei Ballenstedt (Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt) führen. Die Lebenssituation empfanden die jungen Eheleute als erträglicher, und so konnten sie neuen Mut und Kraft für die Zukunft schöpfen. Dr. Friedrich-Karl Günther beabsichtigte nach intensiver Recherche Jura an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Georg-August Universität in Göttingen, die 1946 noch unter britischer Militärregierung stand, zu studieren.
Die Bundesrepublik Deutschland wurde am 23.05.1949 neugegründet, und ein freies Reisen und das Studium sollten möglich werden. Jedoch wurden diese Pläne durch eine weitere bedeutende geschichtliche Zäsur im Leben der Eheleute Günther zunichte gemacht. Mit der Gründung der DDR am 07.10.1949 sahen sich die beiden erneut gezwungen, ihre bis dato neue Heimat aufzugeben und den Harz bis auf Weiteres zu verlassen. Über die Naturgrenze verließen sie illegal die DDR.
In Göttingen angekommen, sind beide komplett auf sich allein gestellt gewesen. Dennoch konnte das Jurastudium fortgesetzt werden, und der Wille zum erfolgreichen Abschluss des Studiums und anschließender Promotion zum Dr. jur. im Jahre 1950 ermöglichte eine fundierte berufliche Perspektive. Das Wirtschaftswunder und der Mangel an Juristen in der
Dr. Friedrich-Karl Günther
Los 111
Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Julius, 1568-1589. Löser zu 2 Reichstalern 1574, Heinrichstadt (Wolfenbüttel), geprägt mit den Stempeln des Lösers zu 10 Reichstalern, im Gewicht von 2 Reichstalern. Von größter Seltenheit. Sehr attraktives Exemplar mit kräftiger Patina, sehr schön-vorzüglich.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 116
Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel. Friedrich Ulrich, 1613-1634.
Löser zu 4 Reichstalern 1624, Goslar oder Zellerfeld.
Selten, besonders in dieser Erhaltung. Sehr attraktives Exemplar mit herrlicher Patina, mit eingeritzter Wertzahl „4“, vorzüglich.
Schätzung: 6.000 Euro
Los 389
Römisch-Deutsches Reich. Karl (VI.) als Karl III. von Spanien, 1703-1711. Goldmedaille zu 10 Dukaten o. J. (1708-1711), unsigniert, von B. Richter, auf seine Gemahlin Elisabeth Christine und ihre Reise nach Spanien. In Gold von allergrößter Seltenheit. Attraktives Exemplar mit feiner Goldpatina, vorzüglich.
Schätzung: 10.000 Euro
Bundesrepublik Deutschland sorgte für eine berufliche Stabilität und eine Verbesserung der Lebenssituation, die den Eheleuten Günther den Mut gaben, eine Familie zu gründen. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor. Der Familienvater wurde Justiziar beim Deutschen Raiffeisenverband und später, im Jahr 1972 auch beim Dachverband in leitender Position. Nach dem Zusammenbruch der DDR und der daraus folgenden Wiedervereinigung im Jahr 1990 endete seine berufliche Laufbahn.
Die Familie Günther konnte im Naherholungsgebiet des Harzes, nicht weit von Hannover entfernt, ein Refugium erwerben. Von diesem aus konnte man seinerzeit Blicke auf Silbergruben erhaschen und das Interesse an Münzen und Medaillen, vor allem der Welfen und Bergbauprägungen war geweckt. Dies ist in Sammlerkreisen sehr ungewöhnlich, da doch fast jeder einen Sammler oder Münzenhändler als Mentor an seiner Seite hatte, der zum Sammeln oder Handeln von Münzen anregte. Sein Sammeln war von der Begeisterung der künstlerischen Vielfalt von Münzen begleitet, und diese Vielfalt sollte sich alsbald in einer stetig wachsenden Sammlung wiederfinden. Sein Interesse sollte aber nicht bei den welfischen Prägungen enden, und so sind auch die Prägungen des Römisch-Deutschen Reiches Objekt der Sammelbegierde gewesen. Sein unglaubliches Geschichtswissen über die einzelnen Verbindungen der Herrscher gaben ihm familienintern mit einem Augenzwinkern das Prädikat „Repräsentant des Bildungsbürgertums“. Die von Unsicherheit begleiteten ersten drei Jahrzehnte seines Lebens sollten ein glückliches Ende finden, und ein zufriedenes Familienleben war die Triebfeder für Beruf und Sammelleidenschaft.
Dr. Friedrich-Karl Günther lernte das neugegründete Unternehmen Künker anlässlich eines Sammlertreffens in Hannover 1971 kennen. Fortan tauschten wir uns intensiv über die Bergbauprägungen aus. Unser Sammler erwarb von der Firma Künker einen Löser zu 4 Reichstalern des Jahres 1654, der in unserer Berlin-Auktion 2026 unter der Losnummer 140 zur Versteigerung angeboten wird. Fortan war Herr Dr. Günther ein dem Hause Künker eng verbundener Kunde. Regelmäßig erwarb er aus den damals noch erschienenen Lagerlisten Münzen, und zu unserer ersten Künker-Auktion im Jahr 1985 besuchte er uns. Nach seinem Austritt aus dem Berufsleben rückten seine Interessen, wie das Wandern und das Hören von klassischer Musik, noch stärker in den Fokus.
90jährig und zurückblickend auf ein deutsch-deutsches Leben endete mit seinem Tod am 26.11.2012 seine fast sieben Jahrzehnte andauernde Ehe mit seiner Frau Gisela, die am 16.07.2025 verstarb.
Dr. Friedrich-Karl Günther bleibt mir und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Künker als lebensfroher, wissbegieriger, diskussionsfreudiger und überaus geschätzter Kunde in Erinnerung. Wir folgen nunmehr seinem Wunsch und dem seiner Kinder, dass diese Sammlung nun aufgelöst wird und die Münzen wieder zurück in den numismatischen Kreislauf gelangen. Für das von der Familie entgegengebrachte Vertrauen bedanken wir uns sehr herzlich, und wünschen unseren Münzliebhabern viel Freude bei der Lektüre des Kataloges und beim Bieten.
Südfassade der Aula am Wilhelmsplatz (2022) der Georg-August-Universität Göttingen. A.Savin, Wikipedia.
Los 127
Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel.
Rudolf August, 1666-1685. Löser zu 3 Reichstalern 1679, Zellerfeld. Sehr selten, besonders in dieser Erhaltung. Prachtexemplar. Herrliche Patina, vorzüglich-Stempelglanz.
Schätzung: 10.000 Euro
Los 140
Fürstentum Braunschweig-Lüneburg-Celle.
Christian Ludwig, 1648-1665.
Löser zu 4 Reichstalern 1654, Clausthal. Sehr selten. Attraktives Exemplar mit herrlicher Patina, sehr schön-vorzüglich.
Schätzung: 4.000 Euro
Münzen aus dem Zeitalter der „Nordischen Kriege“
Von Margret Nollé
In unserer Berlin-Auktion 437 bieten wir eine größere Anzahl von hochwertigen Münzen und Medaillen der Königreiche Schweden und Dänemark an. Der folgende Artikel wird anhand ausgewählter Stücke eine ereignisreiche Epoche der skandinavischen Geschichte beleuchten, die selbst vielen historisch Interessierten wegen der Ferne dieser Länder von Mitteleuropa und ihrer Komplexität nicht immer ganz präsent sein dürfte. Dabei geht es um das Ringen der nordischen Königreiche untereinander und gegen die Großmacht Russland um die Hegemonie im Ostseeraum – den Kampf um das „dominium Maris Baltici“ –, der im 16. und 17. Jhdt. mit großem Engagement auf allen Seiten geführt wurde (Abb. 1).
Abb. 1: Karte der Eroberungen des Deutschen Ordens im Baltikum.
S. Bollmann - Dieter Zimmerling, Der Deutsche Ritterorden. Düsseldorf, Wien, New York 21991.
CC BY-SA 3.0
Eine Klippe aus Zeiten größter Not –der letzte Ordensmeister Livlands wird Herzog von Kurland
Die einseitig gestempelte Vierteltalerklippe trägt das Wappen des letzten Hochmeisters des Livländischen Ordens, Gotthard Kettlers. Sie ist in dieser Form ein bisher unediertes Unikum und ein Zeugnis von den Kriegswirren, die das Ende des Ordens begleiteten, der über 300 Jahre die Hegemonialmacht im Baltikum war. Klippen, die in Notzeiten als Zahlungsmittel dienten, wurden später zumeist wieder eingeschmolzen – niemand erinnert sich gerne an Notzeiten –, so dass die Existenz eines solchen Geldstückes die absolute Ausnahme darstellt. Trotz aller Bemühungen lässt sie sich weder einem bestimmten Ort zuweisen noch zeitlich mit der gewünschten Präzision einordnen (Abb. 2).
Nach dem Zerfall der Kreuzfahrerstaaten hatte der Deutsche Orden seinen Handlungsschwerpunkt in das nordöstliche Europa verlegt. Bis etwa 1300 unterwarf und missionierte er Livland und weitere Gebiete. Nur das Großfürstentum Litauen blieb unabhängig und ging 1386 eine Union mit Polen ein. Der Livländische Orden wurde zu einem eigenständigen Teil des Deutschen Ordens. Über Livland verliefen wichtige Handelsrouten zwischen Westeuropa und Russland. Seit dem 15. Jhdt. aber wurde der Livländische Ordensstaat von inneren Streitigkeiten zerrissen und befand sich darüber hinaus im ständigen Kampf mit Litauen und Polen. Die Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg im Juli 1410 gegen ein polnisch-litauisches Heer unter König Jagiello läutete das Ende ein. Nach der Säkularisierung Preußens 1525 blieb der einstige Ordensstaat zunächst als geistliches Reichsfürstentum weiter bestehen. Seine bedeutenden und reichen Hafenstädte Riga, Reval und Danzig, die der Hanse angehörten, wurden für das benachbarte Russland, das schon länger einen Zugang zur Ostsee suchte, zu einem Objekt der Begierde.
Abb. 2: Künker-Auktion 437, Los 439. Baltikum. Livländischer Orden. Gotthard Kettler, 1559-1561. Einseitige Vierteltalerklippe o. J., geprägt während der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Livländischen Orden und Rußland. Von allergrößter Seltenheit. Vorzüglich. Schätzung: 15.000 Euro
In diesem Sinne schreibt im Jahr 1555 Joachim Burwitz, ein Agent im Dienst des schwedischen Königs Gustav I. Wasa, in seinem Bericht über die politische Stimmung in Livland an den König: „Aber es geht hier im Lande beinahe so zu, wie man im Sprichworte sagt: Was soll dem Kerzen oder Brill, der selbst nicht sehen will; und leben mittlerweile in großen Furchten vor jedermann, besorgen sich nicht wenig, dass Gott der Allmächtige ihre Regierung einmal stürzen werde und den umliegenden Nachbarn zum Raube geben“. Zar Iwan IV. Grosnyi, den die deutschsprachige Geschichtschreibung „den Schrecklichen“ nannte, wollte sich militärisch einen Zugang zu Ostsee verschaffen. Der Angriff kam nicht unerwartet, aber dennoch überraschend. Russische Truppen fielen 1558 in Livland ein und eroberten die Ordensfestung Narwa sowie die Städte Dorpat und Fellin; Riga und Reval hielten der Belagerung stand. Der Rigaer Erzbischof und der livländische Ordensmeister Ferdinand von Fürstenberg, die beiden einflussreichsten Fürsten der Livländischen Konföderation, riefen im April 1559 den Kaiser und das Reich um Hilfe an. In seinem flehentlichen Appell an Ferdinand I. nannte der Ordensmeister Livland die „Vormauer des Heiligen Reichs Deutscher Nation“ und bezeichnete die Russen als „Moskowiter“ und als „Erbfeind des christlichen Namens“. Solche starken Worte fanden beim Kaiser Gehör; sogleich forderte er Iwan IV. in schriftlicher Form zur Aufgabe aller Feindseligkeiten auf, der dieser natürlich nicht Folge leistete. Die nächste Ernüchterung für die verzweifelten Bittsteller war die Tatsache, dass die Reichsstände zwar erhebliche Finanzmittel zur Anwerbung von Söldnern bewilligten, aber keiner das Geld vorstrecken wollte. Alle Bemühungen, vom Reich Hilfe zu erlangen, blieben also erfolglos. Durch Vermittlung Gustavs I. Wasa und des dänischen Königs Christian III. gelang es dem Orden, einen sechsmonatigen Waffenstillstand mit den Russen auszuhandeln. Diese Zeit der relativen Ruhe galt es zu nutzen, um sich neue Verbündete zu suchen. 2,5:1
Erzbischof und Ordensmeister sahen sich gezwungen, Polen-Litauen um militärische Unterstützung gegen die immer weiter vorrückenden Russen zu bitten. Im September 1559 fanden geheime Verhandlungen mit dem Statthalter des polnischen Königs Sigismund August in Litauen, Fürst Nikolaus Radziwill, statt. Es zeigte sich schnell, dass Polen-Litauen die vollständige Unterwerfung, insbesondere auch der Metropole Riga, zur Voraussetzung für die aktive Verteidigung des Landes machte. Der Nachfolger Ferdinand von Fürstenbergs, der in russische Gefangenschaft geraten war, Großmeister Gotthard Kettler, erklärte sich schließlich bereit, mit dem Großfürstentum Litauen 1561 einen Vasallenvertrag abzuschließen. Die Ländereien des Livländischen Ordens wurden säkularisiert, ein Teil ging in den Besitz des litauischen Herzogtums über, aus dem Rest wurde das erbliche Herzogtum Kurland und Semgallen (heute Lettland) gebildet, dessen erster Herrscher der einstige Hochmeister Kettler wurde, der zum Protestantismus übertrat. Am 5. März 1562 leistete Kettler in Riga dem polnischen König den Treueeid und übergab die Symbole der Ordnungsmacht – Kreuz und Schlüssel –an den bevollmächtigten Vertreter des Königs.
Abb. 3: Wappen des Großmeisters Gotthard Kettler. WappenWiki.
So trat der letzte livländische Landmeister des Deutschen Ordens in den polnisch-litauischen Staat ein. Der polnische König machte dabei große Zugeständnisse: Er sicherte die Selbstverwaltung und die Besetzung von amtlichen Stellen aus den eigenen Reihen des deutschsprachigen kurländischen Adels und der einheimischen Beamtenschaft, sowie die freie Religionsausübung nach dem Augsburger Bekenntnis und die fortdauernde Anwendung deutschen Rechtes zu.
Abb. 4: Ansicht von Riga um 1610; Holzschnitt aus: Abraham Saur, Theatrum Urbium, Frankfurt 1593. Wikipedia, gemeinfrei.
Auf der vorliegenden Notklippe sehen wir das Wappen des Großmeisters Gotthard Kettler, der aus einem alten westfälischen Adelsgeschlecht stammte, das bei Arnsberg im heutigen Hochsauerlandkreis ansässig war (Abb. 3). Seit 1318 trat die Familie mit dem Beinamen Keteler oder de Keteler auf, was mit Kesselmacher zu übersetzen ist. Das erklärt auch die Darstellung der beiden Kesselhaken im Wappen. In den Ecken der das Wappen umgebenden Kartusche stehen die Buchstaben M(oneta) – L(ivlandiae) –G(otthardus) – Z(ettlerus = Cettlerus).
Riga unter schwedischer Herrschaft
Die wechselvolle Geschichte der Stadt Riga, der Hauptstadt Livlands (des heutigen Lettlands), beginnt um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Damals gab es schon einen Handelsplatz, der unweit der Stelle lag, wo der Fluss Daugava (auch „westliche Dvina“ oder „Düna“) in die Ostsee mündet. Zunächst waren es schwedische Händler von der Insel Gotland, die hier wirtschaftlich Fuß fassen wollten, dann folgten Kaufleute aus deutschen Gebieten. In kurzer Zeit nahm der Ort wegen seiner günstigen Lage einen rasanten Aufstieg, der 1201 in der Stadtgründung durch Bischof Albert von Buxthoeven seinen Höhepunkt fand. Wegen seiner überregionalen Bedeutung war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Riga 1282 der Hanse anschloss (Abb. 4).
Da der Deutsche Orden seine Macht seit dem 13. Jhdt. auch nach Livland ausdehnte, kam es bald zu zahlreichen Machtkämpfen mit den Erzbischöfen von Riga, die im Frieden von Wolmar 1491 beigelegt wurden. Im Jahr 1522 schloss sich Riga der Reformation an, wodurch die Herrschaft der Erzbischöfe zum Ende kam. Nach der Auflösung des Livländischen Ordens 1562 wollte sich die Stadt zunächst nicht Polen-Litauen unterwerfen, sondern wünschte sich den Status einer „Freien Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches“, der ihr aber verwehrt blieb. Angesichts der immer wiederkehrenden Bedrohung durch Russland beschloss Riga schließlich, sich unter den Schutz des polnischen Königs Stefan Báthory zu stellen, der im Gegenzug die Privilegien und Freiheiten der damals bedeutendsten Handelsstadt an der Ostsee durch das Corpus Privilegiorum Stephaneum von 1581 bestätigte. Die Entscheidung der Stadt für Polen sollte sich jedoch im Laufe der späteren Ereignisse als verhängnisvoll erweisen.
Nach dem Tod Stefan Báthorys wählte die polnische Adelsversammlung Sigismund III. Wasa zum neuen König. Sigismund war der Sohn des schwedischen Königs Johanns III. und dessen Frau Katharina Jagiellonica, die eine polnisch-litauische Prinzessin
aus dem Adelsgeschlecht der Jagiellonen und die Tochter König Sigismunds I. von Polen war. Nach dem Tod seines Vaters Johann sollte Sigismund in Personalunion Schweden und Polen regieren; vorgesehen war eine zeitlich unbegrenzte Vereinigung beider Königreiche, aber jedes sollte seine eigene Religion und eigenen Gesetze behalten. Obwohl Sigismund, der nach dem Tod Johanns 1592 den schwedischen Thron bestieg, in einem Eid versprach, dass allein das „Augsburger Bekenntnis“ für Schweden gültig sein solle, wurde er zugunsten seines Onkels, Herzogs Karl, abgesetzt. Sein Neffe Sigismund III. Wasa galt für die Polen aber immer noch als legitimer Erbe des schwedischen Throns. Der Versuch Sigismunds, die Personalunion aufrechtzuerhalten, scheiterte 1598 in der Schlacht bei Stångebro. Sigismund musste Schweden für immer verlassen. In der Folge kam es wieder häufig zu militärischen Konflikten zwischen Schweden und Polen, da Sigismund seine schwedischen Thronansprüche nicht aufgeben wollte. Die Schweden drangen dabei weit nach Livland vor, wagten aber nie, das stark befestigte Riga anzugreifen. Im Jahr 1611 bestieg mit dem 17jährigen Gustav II. Adolf ein tatkräftiger Mann den schwedischen Thron. Er beschloss 1620, Livland und vor allem Riga endgültig für die schwedische Krone zu gewinnen.
Im Juli 1621 schifften sich 14.000 schwedische Soldaten nach Livland ein, denen man zuvor noch die neuen Kriegsartikel vorgelesen hatte, nach denen sie sich „gottesfürchtig“ zu verhalten hatten, damit nicht eine wüste „Soldateska“ Gräueltaten verüben würde. Infolge der häufigen Kriegszüge Schwedens, die den Staat wiederholt in ernsthafte Finanznot gebracht hatten, bestand die Gefahr, dass Sold ausblieb. In solchen Fällen griffen die Soldaten zur „Selbsthilfe“, worunter die einheimische Zivilbevölkerung stark zu leiden hatte. Bei der Überfahrt nach Livland wurde die Flotte von einem Sturm in Mitleidenschaft gezogen. Am 4. August landeten die schwedischen Truppen nahe der Dünamündung, bezogen ein Lager und begannen mit der Einkesselung der damals 30.000 Einwohner zählenden Handelsstadt. Die Verteidigung lag in den Händen von etwa 3.000 Soldaten und einer fast ebenso starken Bürgermiliz. Obwohl die schwedische Artillerie die Stadt mit an die 1000 Schuss täglich unter Feuer nahm, wussten die polentreuen Rigenser sich zu wehren und fügten den Schweden schwere Verluste zu. Ein holländischer Ingenieur, der aus der Stadt entkommen war, verriet den Belagerern Einzelheiten über die Schwächen der Befestigungsanlagen von Riga. Trotz tapferer Gegenwehr konnte die Stadt sich nicht halten und musste am 15. September 1621 kapitulieren. König Gustav Adolf und sein Bruder Karl Philipp hatten an vorderster Front mitgekämpft, was ihnen größten Respekt bei ihren Soldaten einbrachte.
Die Einnahme von Riga war für das Vordringen der Schweden in den baltischen Raum von größter geopolitischer Bedeutung. Die Stadt, der Gustav Adolf die Beibehaltung ihrer alten Privilegien und Freiheiten zubilligte, war zur zweitwichtigsten Metropole nach Stockholm geworden und bildete den verlängerten Arm Schwedens nach Osteuropa. Die Schweden waren nach der Eroberung von Riga in der komfortablen Lage, den für Polen und Russland wichtigen Exporthandel zu kontrollieren, Zölle darauf zu erheben und notfalls sogar zu blockieren, da ein großer Teil der Getreideausfuhr Livlands und Litauens über den Hafen von Riga verschifft wurde.
Abb. 5: Künker-Auktion 437, Los 435
Baltikum. Stadt Riga unter Schweden. Gustav II. Adolf, 1621-1632. Reichstaler 1629. Sehr selten, sehr schön.
Schätzung: 10.000 Euro
Abb. 6: Künker-Auktion 437, Los 436 Baltikum. Stadt Riga unter Schweden. Christina, 1632-1654. Reichstaler 1639. Sehr schön-vorzüglich.
Schätzung: 10.000 Euro
Nicht nur Sigismund III. von Polen, auch König Christian IV. von Dänemark und sogar die Niederländer traf die Eroberung Rigas schwer, denn sie mussten erkennen, dass dies ein entscheidender Schritt in Richtung der Etablierung eines dominium Maris Baltici durch die Schweden bedeutete. Gustav Adolfs Kapitulationsbedingungen ließen keinen Zweifel daran, dass er die Stadt nicht für eine vorrübergehende Eroberung hielt, sondern das Ziel einer Eingliederung Rigas in das schwedische Imperium verfolgte. Entsprechend gewaltig fielen in den Folgejahren die Ausbauarbeiten am Schutzwall Rigas aus. Die Stadt glich nun eher einer Festung, gewappnet für russische Angriffe, die nicht lange auf sich warten ließen.
Im Russisch-Schwedischen Krieg (1656-1658) hielt Riga einer russischen Belagerung stand und bewahrte bis Anfang des 18. Jahrhunderts seine Stellung als eine der wichtigsten Städte Schwedens. Am Ende des „Großen Nordischen Krieges“ (1700-1721) besiegelte der Frieden von Nystad Russlands Hegemonie im Ostseeraum, und Riga wurde dem Zarenreich zugeschlagen.
Die drei unter schwedischer Herrschaft geprägten Reichstaler von Riga zeigen auf der Vorderseite das Bildnis des jeweiligen Herrschers: Gustav II. Adolf, seine Tochter Christina und Karl XI. (Abb. 5, 6 und 7).
Auf der Rückseite wird das Stadtwappen gezeigt: Dessen wichtigste heraldische Elemente waren das geöffnete Stadttor als Zeichen der Autonomie, die gekreuzten Schlüssel für den Schutzheiligen St. Peter, das darüber liegende Kreuz des Deutschen Ordens und der Löwenkopf im Torbogen für die Wehrhaftigkeit der Bürger (Abb. 8). Seit 1656 besaß Riga das Recht, auch die schwedische Krone abzubilden. Diese Auszeichnung wurde den Bürgern von Riga zuteil, weil sie die Stadt im russisch-schwedischen Krieg (1656-1658) während einer Belagerung durch die Russen tapfer verteidigt hatten. Darauf weisen auch Münzbild und Legende auf der Rückseite des Talers aus der Regierungszeit Karls XI. hin: CIVITATIS SVAE RIGENSIS FIDEM CORONAVIT („Er hat die Treue seiner Stadt Riga mit der Krone belohnt“).
Abb. 7: Künker-Auktion 437, Los 437 Baltikum. Stadt Riga unter Schweden. Karl XI., 1660-1697. Reichstaler 1660. Variante mit doppelten Wimpeln auf den Türmen. Vorzüglich.
Schätzung: 7.500 Euro
Abb. 8: Stadtwappen von Riga. Wikipedia, gemeinfrei.
Der Kampf um die Ostseeherrschaft zwischen Schweden und Dänen
König Christian IV.
König Christian IV. von Dänemark-Norwegen war während seiner langen Regierungszeit von 1596 bis 1648 bestrebt, seinem Reich wieder die Stellung einer Großmacht im Ostseeraum zu verschaffen, wobei er jedoch nicht immer erfolgreich war.
Der dänische Machtanspruch ging auf die „Union von Kalmar“ aus dem Jahre 1397 zurück, eines Reichsverbundes, den die große dänische Königin Margarethe I. (1353-1412) mit Schweden und Norwegen unter ihrer Führung begründet hatte. Die Union brach zusammen, als sich das schwedische Adelsgeschlecht der Wasa im Kampf gegen die unbeliebte dänische Oberherrschaft durchsetzte. Durch die Wahl Gustavs I. Wasa 1523 zum König erlangte Schweden schließlich die nationale Unabhängigkeit. Die Dänen aber gaben die Hoffnung nicht auf, die „Drei Kronen“ wieder in ihrer Hand zu vereinen.
Dabei konnte Christian IV. zunächst im sogenannten „Kalmarkrieg“ 1611 einen Erfolg verbuchen. Bei diesem ging es um den Besitz der Finnmark, ein Gebiet ganz im Nordosten von Norwegen, das beide Mächte kontrollieren wollten. Der Schwedenkönig Karl IX. hatte den jungen Dänenkönig durch sein aggressives Vorgehen in Nordskandinavien so lange herausgefordert, bis dieser ihm den Krieg erklärte, der
zu einem großen Misserfolg der Schweden führte: Sie mussten 1613 im Frieden von Knäred die Finnmark den Dänen überlassen.
Sehr viel folgenreicher war für Dänemark der sogenannte „Torstenssonkrieg“ (1643-1645), der im Zusammenhang mit den Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges wenige Jahre vor den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden stand. Nach der Niederlage des kaiserlichen Heeres bei Breitenfeld im November 1642 waren die schwedischen Truppen mit französischer Unterstützung weit in die habsburgischen Erblande vorgedrungen. Reichskanzler Oxenstierna sah jetzt die Gelegenheit gekommen, sich auch im Norden die endgültige Ostseehegemonie zu sichern und den alten Erzfeind Dänemark empfindlich zu schwächen. Zum einen drückte der „Sundzoll“, eine Abgabe, die alle nichtdänischen Schiffe, die den Öresund durchfuhren, an die Dänen zu entrichten hatten und die eine Belastung für den schwedischen Handel darstellte. Zum anderen wollte man während weiterer militärischer Operationen im Reich den Feind nicht im Rücken haben. Im Dezember 1643 drang der schwedische General Graf Torstensson mit einer Armee in Holstein ein unter dem Vorwand, ein Winterquartier für seine Truppen zu suchen. Im Januar erklärte er dann Dänemark offiziell den Krieg und besetzte in kürzester Zeit ganz Holstein. Zur größten Überraschung der Schweden stellte sich plötzlich das Reich auf die Seite Dänemarks, da Wien an einem Wiedererstarken der schwedischen Macht nicht interessiert war. Die Generäle Torstensson und Wrangel konnten jedoch den Unterstützungsfeldzug
Abb. 9: Die Seeschlacht bei Fehmarn, Zeichnung von Willem van de Velde der Ältere (1611-1693), Bleistift und Tusche, um 1650; Sammlung Schloss Skokloster, Schweden. Wikipedia, gemeinfrei.
der Kaiserlichen abwehren. Ende Oktober 1644 brachte die „Seeschlacht bei Fehmarn“, in der ein schwedischniederländisches Kontingent die dänische Flotte vernichtend schlug, das Ende (Abb. 9). König Christian IV. zeigte sich zu Verhandlungen bereit, um einer schwedischen Invasion zu entgehen. Am 23. August 1645 wurde der Frieden von Bromsebrö geschlossen. Dänemark zahlte einen hohen Preis für den Frieden: Es verlor das Jämtland in Norwegen, sowie die Inseln Gotland und Ösel an die Schweden, deren Schiffe auch keinen Sundzoll mehr zu zahlen brauchten. Der dänische Thronfolger Friedrich III., Administrator des Hochstiftes Bremen und des Erzstiftes Verden, musste seine Besitzungen an Schweden abtreten. Damit waren nicht nur die Hoffnungen der Dänen auf eine erneute Vormachtstellung in der Ostseeregion endgültig gescheitert, sondern das Königreich
Dänemark verlor auch seine Rolle als bedeutsame Macht auf der europäischen Bühne. Drei Jahre später starb König Christian IV., dessen letzte Regierungsjahre von Bitterkeit gezeichnet waren, in Kopenhagen.
Die hier angebotene seltene Silbermedaille, die Dänemark auf den Frieden von Bromsebrö schlagen ließ, zeigt auf ihrer Rückseite die personifizierten Gestalten der Justitia und der Pietas, die einen Baumstumpf flankieren, aus dem ein junger Trieb aufwächst (Abb. 10). Die Umschrift im Hexameter IUSTITIA ET PIETAS REGNORUM ROBORA FIRMAT („Gerechtigkeit und Frömmigkeit verstärken die Kräfte der Königreiche“) demonstriert, wie sehr die Kriegsparteien jetzt auf einen dauerhaften Frieden hofften.
Die Belagerung von Kopenhagen –der „Nordische Alexander“ Karl X. Gustav marschiert über den zugefrorenen Belt
Im Juli 1657 entstand eine politische und militärische Konstellation, die ihre Ursache in der Abdankung Königin Christinas von Schweden, der Tochter des großen Gustav Adolf, hatte. Am 6. Januar 1654 entsagte Christina in einem Abdankungszeremoniell im
Schloss von Uppsala zugunsten ihres Cousins Karl Gustav ihrer Herrschaft. Karl Gustav war bereits in den vierziger Jahren ihre Jugendliebe gewesen, der sie glühende Briefe schrieb. Den Quellen nach wurde diese Schwärmerei von ihrem Cousin offensichtlich erwidert, der zeitweilig sogar an eine Heirat mit der Königin dachte. Karls Mutter, Katharina Wasa, war die Tochter Karls IX. und hatte 1615 Johann Kasimir aus der protestantischen Wittelsbacher Linie von PfalzZweibrücken Kleeburg geheiratet. Karl X. beanspruchte als Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken nominell neben anderen auch die Titel „Pfalzgraf bei Rhein“ und „Herzog in Bayern“. Königin Christina hatte den „Pfälzer“ schon 1648 gegen den Widerstand des alten Reichskanzlers Axel Oxenstierna als Oberbefehlshaber der schwedischen Truppen in Deutschland eingesetzt. Sie sorgte auch dafür, dass Karl Gustav als Thronfolger durch die schwedischen Stände bestätigt wurde. Durch diesen Dynastiewechsel von den Wasa zu den Wittelsbachern im schwedischen Königshaus wurden die Ansprüche der polnischen katholischen Wasa-Linie
durch König Johann II. Kasimir wieder aktualisiert, der sofort Thronansprüche stellte. Zudem war Russland unter Zar Alexej I. Romanow (Zar von 1645-1676) wieder erstarkt, hatte die Ukraine erobert und war nach Polen vorgestoßen. Karl X., den man wegen seiner herausragenden strategischen Fähigkeiten auch den „Nordischen Alexander“ nannte, griff in den Krieg ein. Er rückte in Polen ein und errang schnell militärisch die Oberhand; König Johann Kasimir musste nach Schlesien fliehen. Im Juni 1657 nutzte Dänemark unter Frederik III. das Engagement Karls X. in Polen aus und erklärte Schweden den Krieg, um Gebiete zurückzugewinnen, die es im Frieden von Bromsebrö verloren hatte.
Der König von Schweden erkannte in der dänischen Kriegserklärung keine Gefahr, denn er wusste, der Feind bestand zum größten Teil aus nur ungenügend gerüsteten und schlecht ausgebildeten dänischen Rekruten, denen seine kriegserfahrenen Soldaten gegenüberstanden. Er führte seine Armee in Eilmärschen nach Jütland, stürmte im Oktober 1657 die wichtige Festung Frederiksodde, wodurch er in den
Abb. 10: Künker-Auktion 437, Los 453 Königreich Dänemark. Christian IV., 1588-1648. Silbermedaille 1645, von J. Blum, auf den Frieden von Bromsebrö am 13. August. Fast vorzüglich. Schätzung: 3.000 Euro
Besitz der dänischen Festlandsterritorien gelangte. Dann wandte er sich nach England an Cromwell und bat um Flottenunterstützung, weil er schnell Kopenhagen belagern wollte. Aber eine plötzliche eisige Kälte machte jede Schiffsbewegung unmöglich. Die Ostsee fror zu. Da entwickelte Karl Gustav einen tollkühnen Plan, vor dessen Ausführung seine Generäle zunächst zurückschreckten: mit einer viertausendköpfigen Armee mit Pferden, Wagen und Kanonen über den zugefrorenen kleinen und großen Belt nach Seeland zu marschieren (Abb. 11). Dieses Wagnis war ein unerhörtes Abenteuer in der gesamten europäischen Militärgeschichte. Wir lesen heute mit Schaudern den Bericht des französischen Gesandten Terlon, der zusammen mit dem König in einer Kalesche diesen Zug mitmachen musste: „Das war etwas Schreckliches in der Nacht über dieses zugefrorene Meer zu ziehen, wo das Getrampel der Pferde den Schnee aufgeweicht hatte, so dass das Wasser eine halbe Elle über dem Eis stand und man jeden Augenblick fürchten musste, an irgendeiner Stelle das Meer offen zu finden“. Die Temperaturen stiegen, und Sturm kam auf, was das Risiko der Eisüberquerung noch weiter erhöhte. Das Eis wurde so dünn, dass der König und sein französischer Gast aus Vorsicht die schwere Kalesche verließen. Kurz danach barst das Eis und die Kutsche samt Zugpferden verschwand in den eisigen Fluten. Gegen Mittag des 6. Februar erreichte die gesamte schwedische Armee unbeschadet die Insel Lolland. Der nicht wirklich ausreichend auf einen Krieg vorbereitete Däne Frederik III. fürchtete den Weitermarsch der Schweden auf Kopenhagen und bot Friedensverhandlungen an, die ihn teuer zu stehen kamen: Im Frieden von Roskilde am 24. Februar 1658 verlor Dänemark-Norwegen unter anderem Schonen und Bornholm. Hinzu kamen der Verlust von Trondheim und Romsdal in Norwegen, das dadurch zweigeteilt wurde. Umso bestürzter war man in Dänemark, als der schwedische Herrscher im Juli 1658 eine neuerliche Kriegserklärung an Kopenhagen sandte. Sein Ziel war eine vollständige Unterwerfung der „Jüten“ unter die schwedischen Großmachtziele. Im August besetzten die Schweden Insel für Insel und marschierten vor Kopenhagen auf. Die schwedische Flotte sperrte die Reede vor der Stadt. Karl Gustav griff nicht sofort an, sondern hoffte, die Verteidiger hinter ihren Wällen und Bastionen „auszuhungern“. Vermutlich rechnete er bei einem Sturm auf Kopenhagen mit hohen Verlusten bei seinen Truppen, die nicht so leicht zu ersetzen gewesen wären. Im Herbst 1658 siegte eine niederländische Flotte im Öresund über die Schiffe des schwedischen Generals Wrangels, erzwang so die Einfahrt in die Kopenhagener Hafengewässer und entsetzte die Stadt.
Dem Schwedenkönig blieb nun keine andere Wahl, als die Eroberung von Kopenhagen zu wagen. Am 11. Februar 1659 gab er den Befehl zum Angriff, scheiterte aber am Löwenmut der Verteidiger. Mehr als 1500 Schweden verloren ihr Leben. Karl X. Gustav musste sein großes Ziel, Dänemark in den schwedischen Reichsverband einzugliedern, aufgeben. Vielmehr blieb ihm jetzt nur noch die Hoffnung auf diplomatische Hilfe bei den anschließenden Friedensverhandlungen im niederländischen Haag. Zu seiner großen Erleichterung bestätigten im November 1659 die Großmächte England und Frankreich, die vor allem ein Erstarken der Niederländer im Ostseeraum verhindern wollten, im sogenannten Pyrenäenfrieden 1659 die Bedingungen der Vereinbarungen von Roskilde; Dänemark erhielt lediglich das norwegische Trondheim zurück. Einen glücklicheren Ausgang könnte sich der wagemutige Schwedenkönig, der ein Jahr später plötzlich starb, kaum gewünscht haben.
Der Goldabschlag zu 4 Dukaten (Abb. 12) in unserer Auktion demonstriert uns mit seinen Bildern, wie glücklich und dankbar König Frederik III. von Dänemark für die Errettung Kopenhagens war: Auf der Vorderseite ist das Monogramm des Königs zu sehen, das auf dem Stein Eben-Ezer, dem „Stein der Hilfe“ steht. Dieser Stein wurde nach einer Erzählung im Alten Testament (Sam. 7,12) von Samuel nach seinem Sieg über die Philister als Denkmal für die von Gott erhaltene Hilfe errichtet und benannt. Die Umschrift auf der Münze DOMINVS PROVIDEBIT 1659 („Gott wird vorsorgen“), zeugt vom Gottvertrauen des dänischen Königs in großer Gefahr. Die erfolgte Hilfe Gottes wird auf der Rückseite sehr anschaulich gezeigt, wo die aus einer Wolke kommende Hand Gottes mit einem Schwert die Hand des schwedischen Königs durchschlägt, die nach der dänischen Krone greift. Darunter das Datum „11. Februar“; die Umschrift lautet SOLI DEO GLORIA („Gott allein gebührt der Ruhm“).
Abb. 11: Der Marsch der Schweden über den Belt, Gemälde von Johann Philip Lemke (1631-1711). Wikipedia, gemeinfrei.
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Abb. 12: Künker-Auktion 437, Los 457 Königreich Dänemark. Frederik III., 1648-1670. Goldabschlag zu 4 Dukaten von den Stempeln der Krone 1659, Kopenhagen, auf die Vereitelung der Eroberung Kopenhagens durch die Schweden am 11. Februar. Von größter Seltenheit. Fast vorzüglich. Schätzung: 20.000 Euro
Guinea: Wo Europas Gold herkam
Goldmünzen erfreuen das Herz jedes Münzsammlers. Aber woher kam das Gold, aus dem die Münzen sind? Einige Stücke aus der kommenden Künker-Auktion 437 erzählen diese Geschichte.
Von Ursula Kampmann
Machterhalt notwendig war: Waffen und Metall. Die heute so umstrittenen Benin-Bronzen wurden aus dem Kupfer gegossen, das der Oba für den Verkauf von gefangenen Männern und Frauen der Nachbarstämme erhielt. Wir wissen das so genau, weil nur der Oba und die von ihm Beauftragten mit Sklaven handeln durften. Es war ein sorgsam gehütetes Privileg!
Benin-Bronze: Drei hohe Beamte des Oba beim Sklavenhandel. In den Händen halten die beiden links und rechts stehenden Männer so genannte Manillen, die als Zahlungsmittel beim Sklavenkauf eingesetzt wurden. Weltmuseum Wien. Foto: KW.
Weißes und schwarzes Gold, Elfenbein und Sklaven, das war das Gut, das ausländische Mächte in Guinea suchten. Und auch die afrikanischen Goldminen waren natürlich nicht zu verachten! Nicht umsonst teilte man den Golf von Guinea in die Elfenbein-, die Gold- und die Sklavenküste ein.
Es war ein lukratives Geschäft, das europäische Händler mit den einheimischen Herrschern betrieben, ein Geschäft, aus dem nicht nur die Europäer Nutzen zogen, sondern auch die afrikanische Aristokratie. Der Oba von Benin zum Beispiel organisierte die Sklavenbeschaffung und erhielt im Tausch dafür das, was für seinen
Und so arbeitete man einträchtig im Interesse des Profits zusammen. Die Ausländer bauten kleine Handelsforts an der Küste. Die lokalen Herrscher ließen ihre Waren zu diesen Sammelpunkten bringen, um sie dort gewinnbringend zu vermarkten.
Guinea wurde zu einer wichtigen Station im so genannten Dreieckshandel. Dabei segelten europäische Schiffe zunächst nach Afrika. Sie waren beladen mit Feuerwaffen, Metall, grobem Tuch und Glasperlen, die man vor Ort gegen Sklaven eintauschte. Die Sklaven wurden in die Karibik gebracht – und das unter schrecklichsten Bedingungen. Viele starben, aber das machte die „Ware“ noch kostbarer. In der Karibik verlangten die Plantagenbesitzer ständig nach neuen Arbeitskräften. Sie bezahlten reichlich mit ihren Erzeugnissen dafür: Zucker, Rum, Tabak und Baumwolle. Das wiederum konnte in Europa gewinnbringend abgesetzt werden. Dieses Geschäft war so lukrativ, dass viele Nationen dabei mitmischten. Wir denken natürlich in erster Linie an die Briten, die Niederländer und die Franzosen, aber auch andere Herrscher investierten in den Dreieckshandel.
Handeisen der Fulani vor 1895. Stadtmuseum Wien. Foto: KW.
Die Afrikanische Compagnie, Groß Friedrichsburg und die Guinea-Dukaten
Ein in Deutschland wenig bekanntes Beispiel ist Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst von Brandenburg. Er ließ 1682 einen Handelsposten in Guinea gründen. Der wurde nach dem Herrscher Groß Friedrichsburg genannt und beherbergte eine Garnison von ca. 90 Europäern.
Friedrich Wilhelm persönlich stand an der Spitze der Afrikanischen Compagnie, die für ihn den Dreieckshandel abwickelte. Um die afrikanischen Sklaven besser in der Karibik absetzen zu können, arbeiteten die Preußen eng mit den Dänen zusammen. Die vermieteten ihnen sogar einen kleinen Teil ihrer Antilleninsel St. Thomas.
Eine in der Künker Auktion 437 angebotene Münze zeugt von diesem Engagement des großen Kurfürsten. Sie zeigt auf der Vorderseite den Herrscher im barocken Panzer und langer Lockenperücke. Auf der Rückseite segelt ein Schiff. DEO DUCE – mit Gott als Führer, so lautet die Inschrift. Und das Wirken Gottes ist tatsächlich zu sehen, wenn aus den Wolken ein kleiner Kopf günstigen Wind in die Schiffssegel bläst. Das Gold, aus dem dieser Dukat geprägt wurde, stammt aus Guinea, weshalb dieser Münztyp in der Numismatik als Schiffsdukat oder Guineadukat bekannt ist.
Noch seltener ist ein Guinea Dukat seines Nachfolgers um 1690, den Adolph Meyer in seinem Buch über die „Prägungen Brandenburg-Preussens, betreffend dessen afrikanischen Aussenhandel 1681-1810“ für ein Unikum hielt.
Die Nachfolger des großen Kurfürsten unterstützten das afrikanische Engagement nur halbherzig. Ohne ausreichende Mittel setzte der wirtschaftliche Niedergang ein. Friedrich I. erklärte im Jahr 1711 den Bankrott der Kolonie und verkaufte sie 1717 an die Niederländer für 7.200 Dukaten und 12 Sklaven.
Holztür der Yoruba. Im unteren Feld rechts sind Träger mit Handeisen aneinander gefesselt. British Museum. Foto: KW. 2:1
Friedrich Wilhelm, 1640-1688. Guinea-Dukat 1686, Berlin. Äußerst selten. Aus der Sammlung Gunther Hahn, Berlin. Fast Stempelglanz. Künker-Auktion 437, Los 36. Schätzung: 20.000 Euro.
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Friedrich III., 1688-1701. Guinea-Dukat 1690, Berlin. Äußerst selten.
Aus der Sammlung Gunther Hahn, Berlin. Vorzüglich. Künker-Auktion 437, Los 37. Schätzung: 20.000 Euro.
Frederik IV., 1699-1730.
Doppelter Guinea-Dukat 1701, Kopenhagen.
Aus Sammlung Münzen und Medaillen aus adligem Privatbesitz.
Sehr selten. Gutes vorzüglich.
Künker-Auktion 437, Los 469. Schätzung: 5.000 Euro.
Christian V., 1670-1699.
Doppelter Guinea-Dukat 1699, Kopenhagen.
Aus Sammlung Münzen und Medaillen aus adligem Privatbesitz.
Sehr selten. Sehr schön bis vorzüglich.
Künker-Auktion 437, Los 467. Schätzung: 5.000 Euro.
Frederik V., 1746-1766.
Doppelter Dukat 1746, Kopenhagen. Geprägt mit Gold aus China.
Aus Sammlung Münzen und Medaillen aus adligem Privatbesitz.
Sehr selten. Fast vorzüglich.
Künker-Auktion 437, Los 474. Schätzung: 5.000 Euro.
Christiansborg und die dänischen Guinea-Dukaten
Die Dänen waren mit ihrem Engagement wesentlich erfolgreicher als die Preußen. Sie hatten in den 1660er Jahren ein Fort an der Küste des heutigen Ghana erbaut, das sie nach Christian V. Christiansborg nannten. Es wurde zur Hauptstadt dessen, was heute die dänische Goldküste heißt.
Dieses Fort mit dem darüber wehenden Danebrog ist auf der Rückseite eines prachtvollen Doppeldukaten aus dem Jahr 1701 zu sehen, der aus Gold geprägt wurde, das aus Guinea stammt. Die Münze ist – wie der preußische Guineadukat – ein Zeugnis der engen Verstrickung von König und Handel. Christian V. hatte der Westindien-Guinea-Kompanie am 11. März 1671 ein Privileg erteilt, das sie zum Handel in der Karibik und in Afrika ermächtigte. Und der König griff noch weiter ein. Die königliche Marine bot der Handelsflotte Schutz vor den Angriffen ausländischer Kaperfahrer.
Bereits dieser Christian V. hatte mit der Prägung von Guinea-Dukaten begonnen. Wir sehen hier einen Dukaten des Jahres 1699, der auf der Rückseite detailliert ein stolzes Schiff mit offenen Geschützluken zeigt, das in den Hafen von Christiansborg einfährt. Wieder sieht man deutlich den Danebrog über der Stadt wehen.
Guinea war nur ein Teil des dänischen Handelsimperiums. Wichtig war vor allem Dänisch-Westindien, der Stützpunkt in der Karibik, wo die in Afrika gekauften Sklaven wieder abgesetzt werden konnten.
Tranquebar und die dänische Ostindien-Kompanie
Wurden diese beiden Gebiete von der WestindienGuinea-Kompanie kontrolliert, sorgte die Dänische Ostindien-Kompanie dafür, dass die Schätze Asiens nach Europa fluteten und Kopenhagen zu einer Drehscheibe für asiatische Waren wie Gewürze, Tee und Seide wurde. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass dänische Kaufleute im 17. Jahrhundert mehr Tee nach Europa brachten als die britische Konkurrenz. Auch wenn man natürlich zugeben muss, dass England Teetrinker-Nation Nr. 1 blieb: 90 % der dänischen Importe wurden sofort weiter nach England geschmuggelt.
Wichtigster Seehafen der Ostindien-Kompanie war Tranquebar, von wo aus die Schiffe nach Indien, China und zu den Gewürzinseln fuhren. Dort besaßen die Dänen eine kleine Inselgruppe, die sie Neu-Dänemark nannten, und die wir heute als Nikobaren kennen.
Der Doppeldukat 1746 aus Kopenhagen erinnert an die dänische Ostindien-Kompanie. Er zeigt auf der Rückseite im antiken Stil eine Prora, auf der ein Banner an einem Dreizack weht. Erinnert der Dreizack an die Herrschaft über das Meer, erkannten die dänischen Wirtschaftsbosse die Abkürzung auf dem Banner sofort KODAC stand für Kongelig Oetroyeret Dansk Asiatisk Compagnie. In lateinischer Sprache war hinzugefügt, dass diese unter königlichen Auspizien fuhr und diese Münze aus chinesischem Gold geprägt wurde. Ob das Stück tatsächlich für Tranquebar gedacht war, wie in numismatischen Katalogen zu lesen, darf man ruhig bezweifeln. Viel eher wurde es produziert, um an die Anteilinhaber der Companie verteilt zu werden.
Wie eine Münze aussehen musste, die in China gerne genommen wurde, zeigt die oben abgebildete Silbermünze. Dort nahmen nämlich die Geldwechsler am liebsten die spanischen 8 Reales-Stücke entgegen – und das mit gutem Grund. Ihr gleichbleibender Feingehalt von 935/100 entsprach nahezu dem chinesischen Standard „wenyin“ von 937/1000.
Deshalb imitierten die dänischen Stempelschneider die wichtigsten ikonographischen Details der spanischen Pillar Dollars und passten sie an dänische Verhältnisse an. Statt des spanischen Wappens erscheint nun das dänische auf der Vorderseite. Die Umschrift nennt den dänischen König mit seinen Titeln. Auf der Rückseite der Münze sind die berühmten Säulen des Herakles abgebildet mit den Schriftbändern PLUS ULTRA –darüber hinaus. Während das spanische Vorbild nur zwei Weltkugeln auf einem Berg dazwischen zeigt, präsentiert die dänische Variante noch einmal Teile des Wappens sowie als Inschriften auf dem Berg: ISLAND – GRONLAND – FERÖ, also die ersten drei Kolonien von Dänemark, dank derer die Dänen sich als eine der ältesten Kolonialmächte Europas bezeichneten: Sie waren um 1380 unter dänische Kontrolle gekommen.
1771 wurden lediglich 543 Piaster als Test geprägt. Die Münzen scheinen zunächst auf Akzeptanz gestoßen zu sein, denn 1774 wurden mit den Stempeln von 1771 44.900 Piaster ausgeprägt. Im Mai 1777 gab es eine zweite Ausgabe in Höhe von 50.000 Stücken, diesmal
Christian VII., 1766-1808. Piaster 1771 (geprägt 1774), Kopenhagen im Auftrag der Dänischen Asien Kompanie. AU58. Sehr selten. Vorzüglich.
Künker-Auktion 437, Los 477.
Schätzung: 35.000 Euro.
mit neuen Stempeln. Allerdings sprechen zeitgenössische Quellen davon, dass diese nur mit Schwierigkeiten platziert werden konnten, da die Chinesen die Stücke für zu leicht hielten.
Als die Briten sich immer stärker in Afrika, Indien und China engagierten, konnte das kleine Dänemark nicht mehr mithalten. 1845 verkaufte es seinen indischen Hafen Tranquebar an England, 1850 überließ es Christansborg für 10.000 Pfund ebenfalls den Briten. Nach und nach gab es die meisten seiner Häfen und Handelsposten auf.
Die letzten dänischen Kolonien
Die letzte überseeische Kolonie war Dänisch-Westindien, wozu die Jungferninseln, St. Thomas, Saint John und Saint Croix gehörten. Sie blieb durch ihre Zuckerproduktion auch nach der Abschaffung des Sklavenhandels in Dänemark am 1. Januar 1803 rentabel.
Doch Anfang des 20. Jahrhunderts suchten Unwetter und Trockenheit die Plantagen heim. Die Steuereinnahmen brachen ein und standen mit dem Aufwand in keinem Verhältnis. So versuchte die dänische Regierung, den Kostenfaktor Kolonie für 5 Millionen Dollar an die USA zu verkaufen. Doch das Oberhaus erhob Einspruch. Das Geschäft scheiterte. Erst der Erste Weltkrieg machte endgültig klar, dass Dänemark schlichtweg nicht in der Lage war, seine karibische Kolonie zu regieren. So wurde wieder mit den USA verhandelt – sehr zum Ärger der dänischen Nationalisten, die es verwerflich fanden, dieses letzte Zeugnis der einstigen dänischen Großmacht auch noch aufzugeben. Um sich abzusichern, führte die Regierung deshalb die erste dänische Volksabstimmung der Geschichte durch, in der die Mehrheit der dänischen Bürger den Verkauf zustimmten. Am 1. April 1917 traten die Dänen für 25 Millionen Dollar Dänisch-Westindien an die USA ab.
Das war noch nicht das Ende der dänischen Kolonialgeschichte. Das kam erst mit dem 5. Juni 1953, als die letzte Kolonie Grönland zu einem gleichberechtigten Teil Dänemarks wurde. Und dass diese Geschichte immer noch nicht bewältigt ist, lesen Sie am besten in dem bekannten Krimi Fräulein Smillas Gespür für Schnee.
Zu den ,Backbone‘-Prägungen der Stadt Side in Pamphylien: Die Athena- und Apollon-Münzen der Stadt, Teil 1
Die Anfänge der sidetischen Münzprägung und ihre Entfaltung bis hin zu Alexander dem Großen
Von Johannes Nollé Feriştah und Hüseyin Alanyalı –ein neues Bild von Side entsteht
Abb. 1: Pamphylien (Ausschnitt aus dem Barrington Atlas, Karte 65).
Side ist besonders! Die am östlichen Ende der pamphylischen Küstenebene auf einer flachen Halbinsel gelegene Stadt (Abb. 1 und 2) bietet ihren Besuchern unvergesslich eindrucksvolle Ruinen, da Side bereits im Mittelalter verlassen und somit nicht massiv überbaut wurde. Erst im frühen 20. Jhdt. siedelten sich
muslimische Fischer aus Kreta auf der Landzunge an, doch haben deren kleine, in die Ruinen hineingebauten Häuschen den antiken Überresten verhältnismäßig wenig Schaden zugefügt. Das änderte sich nach dem 2. Weltkrieg, als in der 2. Hälfte des 20. Jhdts. und zu Beginn des 21. Jhdts. der Tourismus sich explosionsartig entwickelte und überall im Stadtgebiet Ferienhäuser, Pensionen, Geschäfte und Hotels entstanden. Nur das Eingreifen der türkischen Antikenverwaltung
– besondere Nennung verdient das energische Engagement des damaligen Museumsdirektors Orhan Atvur – verhinderte das Schlimmste.
Ein nachvollziehbares Konservierungskonzept für die gesamte antike Stadt, tiefschürfende archäologische Forschungsarbeiten und völlig neue Erkenntnisse über die Geschichte von Side sind seit nunmehr 10 Jahren einem engagierten Archäologenehepaar und seinen
Mitarbeitern zu verdanken, den an der Universität Eskişehir lehrenden Professores Feriştah und Hüseyin Alanyalı (Abb. 3). Ziel der beiden Gelehrten ist, die Interessen der Menschen, die heute in Side leben, die Anforderungen des Denkmalschutzes und eine attraktive Stadtästhetik wohltariert in Einklang zu bringen. Ihre Vorgehensweise wird als Modell für den Umgang mit anderen historischen Stätten dienen.
Abb. 2: Die Halbinsel von Side (Drohnenphoto von Gökçen Tunç, iStock-1489666660).
Abb. 3b: Professor Feriştah Soykal Alanyalı (r.) diskutiert mit Mitgliedern ihres Grabungsteams das weitere Vorgehen (JN).
Abb. 3a: Professor Hüseyin Alanyalı inmitten der Ausgrabungen (JN).
Die noch aufrecht stehende hellenistische Mauer sowie die bei der mittelalterlichen Verkleinerung der Stadt später eingezogene Stadtmauer, ein grandioser Prunkbrunnen aus severischer Zeit, das Theater (Abb. 4), mehrere Thermen, ganze Häuserviertel, zahlreiche Mosaikböden und viele andere erhaltenswerte Reste des antiken Side wurden freigelegt, gesichert, teilweise rekonstruiert und in ihren historischen Zusammenhang gestellt. Die wissenschaftliche Auswertung hat bereits eingesetzt, mehrere Publikationen sind schon erschienen und präzisieren oder ändern unser Wissen über Side.
Zahlreiche Tiefgrabungen (Abb. 5) zeigen, dass die Stadt auf der Halbinsel nicht so alt ist, wie die antike Überlieferung uns bisher glauben gemacht hat. Die Geschichte der Stadt auf der Landzunge setzt erst auf dem Höhepunkt der griechischen Kolonisation um 700 v. Chr. ein.
Sides eigene Schrift und Sprache
Neue Funde griechischer Inschriften 1 erlauben uns tiefere Einblicke in das antike Stadtleben. Besonders interessant ist ein in Stein gemeißelter Brief (Abb. 6), den Kaiser Gallienus (253–268) im Jahre 267 n. Chr. den Sideten geschrieben hat, um sie bei einem Getreideengpass zu unterstützen.2
Abb. 5: Professor Feriştah Soykal Alanyalı bei einer der vielen Tiefgrabungen in Side (JN).
1 Zu ihnen vgl. J. Nollé, Side im Altertum. Geschichte und Zeugnisse I und II (IK 43 und 44), Bonn 1993 und 2002; F. Soykal Alanyalı, Side’nin Erken Dönemleri/The Early Periods of Side, in: A. Özdizbay – İ. Dağlı (Hrsg.), Pamphylia. Bereketli Ovada Halkların Ahengi/Harmony of the Peoples on the Fertile Plain, İstanbul 2024, 424–441.
2 J. Nollé, Ein Brief des Kaisers Gallienus an Side. Herrscherliche Hilfe bei einer Versorgungskrise, Chiron 47, 2017, 303–337.
Abb. 4: Blick von der Agora auf das Theater von Side (JN).
Sensationell sind mehrere Funde langer Inschriften in sidetischer Sprache, denn eine Besonderheit Sides ist, dass die Stadt eine eigene, nur dort gesprochene Sprache verwendete, die mit eigenen Buchstaben geschrieben wurde. Wir kannten bisher nur wenige kürzere sidetische Inschriften (Abb. 7), von denen einige eine Übersetzung in die griechische Sprache bieten – also Bilinguen sind – und damit ansatzweise verständlich sind. Es bleibt zu hoffen, dass es den Kennern der kleinasiatischen Sprachen gelingen wird, auch die neuentdeckten langen Texte zu entziffern und verstehbar zu machen, auch wenn bisher keine griechischen Paralleltexte, die vielleicht einmal existiert haben, gefunden werden konnten. Es ist eine große Herausforderung für die mit diesen Inschriften befassten Wissenschaftler, eine sonst unbekannte Schrift, von welcher der Lautwert mehrerer Zeichen noch immer nicht sicher ermittelt werden konnte und die ohne Spatien – d. h. fortlaufend ohne Trennfuge zwischen den einzelnen Wörtern – geschrieben wurde, richtig zu lesen. Extrem schwierig wird es sein, die dann erstellten Texte in einer weitgehend unbekannten Sprache zu verstehen. Nur die intime Kenntnis der kleinasiatischen Sprachen – des Hethitischen und Luwischen sowie der sidetischen Schwestersprachen (Karisch, Lykisch, Lydisch) – kann zu einem Erfolg führen.
Von einer eigenen sidetischen Schrift und Sprache hätten wir schon lange vor den ersten inschriftlichen Funden wissen können, wenn wir die antike Überlieferung ernst genommen hätten. Der griechische Historikers Arrian (ca. 85/90 – 150 n. Chr.) berichtet uns davon, dass im Jahre 334 v. Chr. Alexander der Große nach Side kam. Er wunderte sich, dass in der Stadt nicht nur Griechisch, sondern auch eine einheimisch-
Abb. 7: Sidetisch-griechische Bilingue: In der ersten Zeile steht der sidetische Text, darunter der griechische. Es handelt sich um die Weihung einer Statue an alle Götter; ganz unten die Signatur des Künstlers (JN).
Abb. 6: Stele mit dem Brief des Kaisers Gallienus an Side (JN).
kleinasiatische Sprache gesprochen wurde. Überall in der Stadt wird sein Auge auf die sidetischen Inschriften gefallen sein. Wie zur Entschuldigung für die sichtbare Existenz oder gar Dominanz einer kleinasiatischen Sprache in ihrer Stadt erzählten ihm die Sideten, dass einst Griechen von der Westküste Kleinasiens aus der Stadt Kyme nach Side gekommen seien. Nachdem sie gelandet waren, hätten sie angefangen, in einer eigenen Sprache, die sonst nirgendwo gesprochen wurde, zu reden.
Es ist nicht daran zu zweifeln, dass hinter dieser Wundergeschichte die Tatsache steht, dass die Kymäer – die an der Südküste Kleinasiens Kolonien oder auch nur Handelsstationen gründeten – nur in kleiner Zahl gekommen waren. Die Gründung einer städtischen Siedlung auf der Landzunge von Side war jedoch ohne den Einbezug der luwischen Bevölkerung und ohne ihre Unterstützung nicht möglich. Um eine Stadt zu bauen, waren die wenigen Griechen von Kyme auf die Unterstützung der Einheimischen angewiesen. Die kymäischen Siedler, die Side gründeten, waren in der Überzahl Männer. Für sie gab es, wenn sie Kinder zeugen wollten, keine andere Möglichkeit, als einheimische Frauen zu heiraten. So entstand auf der Halbinsel von Side, d.h. im äußersten Osten Pamphyliens, eine Mischkultur, in der die endemische, d.h. anatolische Sprache über die ersten vier Jahrhunderte ihrer Existenz eine wichtige, zu manchen Zeiten vielleicht sogar führende Rolle spielen konnte. Dennoch konnten die Griechen, vor allem durch den Zuzug weiterer Griechen und die Attraktivtät ihrer zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften Side
Abb. 8: Luftbild von Side: Der Athena- und Apollontempel am südwestlichen Ende der Halbinsel: landeinwärts der Apollontempel, in den eine Kirche eingebaut wurde, zur See hin die Teilrekonstruktion des Athenatempels (Drohnenphoto von efired, iStock-1994043032).
immer mehr zu einer griechischen Stadt werden lassen, bis dann mit der Eroberung der Stadt durch Alexander den Großen aus Side eine griechische Stadt mit immer stärker schwindenden anatolischen Traditionen wurde, so dass im Laufe der hellenistischen Zeit die Kenntnis des Sidetischen vollends verloren ging.
Sides erste Münzen
Ein Vortrag in Mainz: Sides Backbone-Prägungen
Legenden in sidetischer Schrift und Sprache finden sich auf den frühen Münzen von Side, und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Beitrags. Im Rahmen der ,Künker-Vorträge‘ hatten die Mainzer Münzfreunde und ihr engagierter Vorsitzender Professor Karl Ortseifen mich zum 10. Oktober 2025 zu einem Vortrag nach Mainz eingeladen und gebeten, über die Münzprägung der Stadt Side vorzutragen. Karl Ortseifen ist ein ausgezeichneter Kenner sowohl der antiken Münzprägung – insbesondere der Seleukidenmünzen – als auch der Mainzer Geschichte und ihrer Münzen. Zudem hat der gelehrte Amerikanist zusammen mit zwei Kollegen ein von mir sehr geschätztes Buch über die Rheinreisen von Amerikanern geschrieben.3
Da ich das Corpus der kaiserzeitlichen Münzen Sides vorbereite, das im nächsten Jahr veröffentlicht werden soll, kam ich dem Themenvorschlag sehr gerne nach. Selbstverständlich reichte die mir zur Verfügung stehende Zeit nicht dazu aus, alle Aspekte der sidetischen Münzprägung zu erörtern. Ein solches Unterfangen würde Tage in Anspruch nehmen. Deshalb wählte ich am Beispiel von Side den Aspekt der
Abb. 9: Aufgerichtete Säulen der Peristasis des Athenatempels. Die Identifizierung mit dem Athenatempel wird durch den Gorgonenfries gesichert (JN).
Abb. 10: Die Halbinsel von Phaselis aus der Luft; vor uns der Haupthafen der Stadt, die noch weitere Häfen und Reeden besaß (Drohnenphoto von bfk 92, iStock-1611310951).
,Backbone-Prägungen‘ aus, der in den allermeisten Münzemissionen griechischer Städte der Antike zu beobachten ist: Vom Beginn ihrer Prägetätigkeit bis zu deren Ende – dabei handelt es sich nicht selten um viele Jahrhunderte – platzierten griechische Städte der Antike kontinuierlich die Bilder oder Attribute ihrer wichtigsten Schutzgottheit auf ihren Münzen, um ihre Heimatgemeinde unter deren göttliche Fürsorge zu stellen. Solche Gottesbilder nehmen den größten Teil der Prägungen einer Stadt ein und sind damit identitätsstiftend. Sie bilden, um es anders auszudrücken, das Rückgrat einer städtischen Prägung, so dass ich sie deshalb gerne als ,Backbone-Prägungen‘ bezeichnen möchte.
Der Prägebeginn
Side prägte vom Beginn seiner städtischen Münzprägung gegen Ausgang des 6. Jhdts. v. Chr. bis hin zu deren Ende während der Regentschaft des Kaisers Aurelian (270–275) über einen Zeitraum von etwa 800 Jahren eigene Münzen. 4 Während dieser langen Zeit sind es kontinuierlich die Bilder von Athena und Apollon, die auf den sidetischen Münzen erscheinen. Während sehr viele Städte bei ihren ,BackbonePrägungen‘ nur eine Gottheit herausstellten, sind es im Falle von Side zwei. Athena und Apollon-Münzen ziehen sich wie das Rückgrat im menschlichen Körper durch die Prägegeschichte Sides. Side ist besonders!
Auch im Stadtbild des antiken Side fand diese Verbindung der beiden Schutzgottheiten einen sichtbaren Ausdruck. Ihre Kultstätten lagen
nebeneinander auf der Spitze der Halbinsel über dem Hafen (Abb. 8). Eine Ecke der Peristasis (d.h. des Säulenumgangs) und die Frontsäulen des Athenatempels wurde von der Archäologin Jale İnan (1914–2001) aufgerichtet und markieren heute den wichtigsten Kultplatz der antiken Stadt (Abb. 9). Dort kam es, wie wir noch sehen werden, zur ersten Begegnung von Athena und Apollon.
Es ist noch immer umstritten, weshalb und wann genau Side mit den Prägungen eigener Münzen begann. Ich halte es für recht wahrscheinlich, dass Side seine Prägungen um 500 v. Chr. aufnahm; Datierungen um die Mitte des 5. Jhdts. v. Chr. sind in jedem Fall zu spät, da die frühesten Münzen Sides nicht dem Stil dieser Zeitperiode entsprechen.
Anregungen zur Aufnahme einer eigenen Münzprägung dürfte die Stadt wahrscheinlich durch Geldstücke von Phaselis (Abb. 10) erhalten haben, das damals eine pamphylische und noch nicht eine lykische Stadt war und ebenso wie Side am Pamphylischen Meer (heute Antalya Körfezi) auf einer Halbinsel lag.
3 K. Ortseifen – W. Herget – H. Lamm (Hrsg.), Picturesque in the highest degreee ... Americans on the Rhine. A Selection of Travel Accounts, Tübingen 2015.
4 Grundlegend für die frühe Münzprägung ist noch immer S. Atlan, Sidenin milattan önce V. ve IV. yüzyıl sikkeleri üzerinde araştırmalar/Untersuchungen über die sidetischen Münzen des V. und IV. Jahrhunderts v. Chr., Ankara 1967.
Während Phaselis’ auf einem Kap am Südwestrand dieser Meeresbucht von Rhodiern gegründet worden war, lag die Halbinsel von Side am Nordostrand des Pamphylischen Meeres. Side und Phaselis waren durch eine direkte Seeroute miteinander verbunden, die das Pamphylische Meer diagonal durchschnitt und wesentlich kürzer war als die Fahrt an der Küste vorbei. Münzfunden zufolge begann Phaselis gegen Ende des 6. Jhdts. v. Chr. – nach 520 ? – mit der Prägung eigener städtischer Münzen. Side, dessen Kaufleute mit denen von Phaselis in Konkurrenz standen, muss kurz darauf mit seiner Münzprägung begonnen haben, da Sides Handel ohne das wirtschaftlich vorteilhafte neue Zahlungsinstrument der Münze gegenüber Phaselis ins Hintertreffen geraten wäre.
Die Sideten prägten als Statere – d.h. als Einheitsmünzen ihres Nominalsystems – Silberstücke, die das Gewicht von 2 persischen Sigloi hatten und damit um die 11,2 g wogen. Da Side zum Reich der Achämeniden gehörte, war die Wahl eines solchen Gewichtstandards entscheidend für die Vereinfachung des Handels mit der Levante und Ägypten, die ebenfalls unter der Herrschaft der Perserkönige standen.
Aspekte der Ikonographie früher sidetischer Statere: Die Athena und Apollon gewidmeten Attribut-Prägungen und der Übergang zu Kopfbildern
Die ersten Münzen Sides zeigen ein erstes Herantasten an die Bildgestaltung von Münzen. Sie sind Athena und Apollon gewidmet, doch erscheinen zunächst die Bilder dieser Gottheiten noch nicht auf den Münzen, sondern lediglich deren Attribute. Bis auf den Granatapfel beruhen alle diese Attribute allein auf griechischen Traditionen. Die Entscheidung für Attribute und nicht für Götterbilder hat offensichtlich damit zu tun, dass die Stempelschneider in Side bei Aufnahme der Münzprägung sich nicht daranwagten, menschengestaltige Götterbilder zu produzieren.
Die ersten Münzen Sides tragen keine Legenden. Der Granatapfel war für die Menschen im östlichen Mittelmeerraum ein hinreichendes Indiz, um eine mit dem Bild dieser Frucht geschmückte Münze mit Side in Verbindung zu bringen.
Die weibliche Schutzgottheit von Side war anscheinend die Verschmelzung einer lokalen
Abb. 11a: Granatapfelblüte (JN).
Abb. 11b: Granatapfelfrucht (JN).
Abb. 12a: Stater von Side, Beginn des 5. Jhdts. v. Chr.: Granatapfel // Delphin und Auge in Inkusum (Auktion Roma E-Sale 52, 10.1.2019, Los 321).
Abb. 12b: Stater von Side, frühes 5. Jhdt. v. Chr.: Granatapfel auf Platte (?), Prüfhieb // Delphin n. r., darüber und darunter sidetische Schrift (Auktion Heritage, Long Beach Signature Sale 32076, 5.9.2019, Los 30173).
kleinasiatischen Göttin mit der griechischen Athena. Bei diesem Ineinanderfließen von griechischen und kleinasiatischen Zügen blieb das Griechische dominant. Der sidetische Name der Stadtgottheit – wahrscheinlich Thana – war fraglos eine Ableitung des griechischen Götternamens. Sides Thana war wie Athena eine wehrhafte Göttin mit Helm und Lanze. Abwehrbereit und eine Vorkämpferin musste die Schutzgöttin der leicht angreifbaren Landzunge – die wie auf einem Präsentierteller in das östliche Mittelmeer hineinragte und an einer vielbefahrenen Schifffahrtsroute lag – auch sein: Die Siedlung auf der flachen Landzunge konnte plötzlichen Angriffen von See her ausgesetzt sein. Es gab keine Akropolis, auf die man sich hätte zurückziehen können, und ohne die griechische Überlegenheit zur See hätte die fortdauernde Existenz einer Siedlung in solcher Lage nicht gesichert werden können. Neben den üblichen griechischen bzw. athenischen Attributen der Athena – Helm, Lanze, Ölzweig, Steinkauz, Schlange – war die Athena der Sideten mit einem Granatapfel verbunden. Der Granatapfel war die bildliche Umsetzung des Stadtnamens. Die Siedlung bzw. Stadt Side ist mit dem vorgriechischen, d.h. mediterranen Wort σίδη, d.h. Granatapfel, benannt worden. Die aus dem Norden in den Mittelmeerraum vorstoßenden Griechen hatten es aus einer mittelmeerischen Sprache übernommen, da in ihren ursprünglichen Lebensräumen diese Pflanze nicht
existierte. Auch in der mutterländischen Landschaft Boiotien gibt es eine Stadt, die Side heißt und durch ihre Existenz belegt, dass dieser Pflanzenname nicht auf Kleinasien beschränkt war und ganz offensichtlich nicht von dort herrührte. 5 Nach unseren neuen Kenntnissen über die Gründung des pamphylischen Side, dürften es die Kymäer gewesen sein, die der Stadt auf der Halbinsel nach der reichlich auf ihr wachsenden Pflanze den Namen Side, d.h. Granatapfel(stadt), gaben (Abb.11a und 11b). Möglich ist, dass auf der Landzunge schon vor Ankunft der Kymäer eine einheimische Schutzgottheit mit einer Beziehung zum Granatapfelstrauch verehrt wurde, möglich aber auch, dass erst die Benennung der griechischen Landzungensiedlung mit dem Namen Side die kleinasiatische Schutzherrin der Halbinsel zu einer Granatapfelgöttin machte. Wie dem auch immer gewesen sein mag, schon auf den frühesten Münzen von Side konnte der Granatapfel die lokale Schutzgöttin der Halbinsel bzw. der auf ihr errichteten Siedlung repräsentieren (Abb. 12a).
Auf der Rückseite solcher frühen Münzen sind griechische Apollon-Symbole zu finden: Delphin und ein Auge (Abb. 12a). Apollon galt in Side als jener Gott, der die griechischen Kolonisten aus Kyme heil auf die pamphylische Halbinsel gebracht hatte. Apollon wurde in seiner Funktion als Schützer der Seefahrt – vielleicht auch als der Orakelgott von Delphi, den Auswanderer vor ihren gefährlichen Kolonisationsunternehmungen um Rat zu fragen pflegten – als Apollon Delphinios verehrt. 6 Die seeerfahrenen Griechen wussten, dass Delphine nur bei ruhiger See erscheinen und mit lustigen Sprüngen Schiffe begleiten. Insofern waren Delphine für die Seefahrer ein ersehntes Zeichen für gutes Wetter. Ein seltener sidetischer Stater zeigt einen springenden Delphin, über und unter dem sidetische Schriftzeichen stehen (Abb. 12b). Apollon war aber nicht nur ein Meeresgott, sondern wurde auch als Sonnengott verehrt. Deshalb glaubte man, dass er vom Himmel aus alles sehen könne, und so evoziert ihn auch sein waches Auge (Abb. 12a).
5 K.T. Witczak – M. Zadka, Ancient Greek σίδη as a borrowing from a pre-Greek substratum, Graeco-Latina Brunensia 19.1, 2014, 113–126. 6 Zu Apollon Delphinios vgl. F. Graf, Apollon Delphinios, MH 36, 1979, 1–22.
Auf einer späteren Emission sidetischer Statere sind der Granatapfel und der Delphin miteinander kombiniert, während auf der incusen Rückseite der Kopf der Athena mit Ölbaumkranz und einem attischen Helm (ohne Wangenschutz) dargestellt ist (Abb. 13a). Die Stempelschneider Sides wagten sich nach den reinen Attribut-Prägungen an die Darstellung anthropomorpher Göttergestalten heran, doch ist der Kopf Athenas häufig kein Meisterwerk griechischer Glyptik. Oft ist die Nase missglückt, das Auge überdimensioniert (Abb. 13b). Aus unserer heutigen Sicht bedurfte das Götterbild auf den sidetischen Münzen der Weiterentwicklung durch die griechische Kunst der Klassik.
Eine spätere Münzemission Side zeigt die Kombination von Granatapfel und Löwenkopf. Der Löwe mit seinem gelben Fell galt im Altertum als ein Tier des Sonnengottes Apollon und als ein Zeichen für die Sonne. 7 Auf der incusen Rückseite erscheint Athena mit einem korinthischen Helm, der hochgeschoben ist und das Gesicht freilässt (Abb. 14). Der korinthische Helm stellte gegenüber dem attischen Helm eine massive Verbesserung des Kopfschutzes für Krieger dar.
Es gibt allerdings auch Statere, die nur der Athena gewidmet sind. Sie zeigen auf der Vorderseite einen Granatapfel im Perlkranz, auf der Rückseite einen mit dem korinthischen Helm geschützten Athenakopf im Incusum (Abb. 15a). Dieser Typus gehört, wie wir jetzt wissen, zu den häufigsten Prägungen dieser Zeit. Immer wieder ist vor Athena auch ein Ölbaumzweig mit Olive zu sehen (Abb. 15b). Side war ein bedeutender Produzent von Olivenöl. Die Hügelketten hinter der Stadt bzw. vor dem Taurosgebirge waren dicht mit Ölhainen bestanden. Das Öl war mit Sicherheit in der Taurosgebirgsregion und in Ägypten, wo der Ölbaum nicht gedieh, begehrt. Wie die Athener wussten auch die Sideten davon, dass Athena den Menschen den Ölbaum geschenkt hatte. Eine seltene Variante des Athenastaters mit korinthischem Helm bildet vor dem Athenakopf im Incusum einen Delphin ab und evoziert wiederum den göttlichen Partner der Athena (Abb. 15c).
Nicht nur der Kopf der Athena, sondern auch der des Apollon im Incusum erscheint schon auf den frühen Stateren Sides. Die Identifikation mit Apollon wird auch durch den Lorbeerkranz auf seinem Kopf gestützt (Abb. 16).
Abb. 13a: Stater von Side, frühes 5. Jhdt. v. Chr.: Granatapfel, darunter Delphin // Kopf der Athena mit attischem Helm und Ölbaumkranz n. r. in Incusum (Auktion Hirsch 375, 22.9.2022, Los 1165).
Abb. 13b: Stater von Side, frühes 5. Jhdt. v. Chr.: dto. (Auktion CNG ElAuct 587, 21.4.2025, Los 301).
Abb. 14: Stater von Side, 1. Hälfte des 5. Jhdts v. Chr.: Granatapfel, rechts oben Löwenkopf mit aufgerissenem Maul // Kopf der Athena mit korinthischem Helm in Incusum (Auktion Hirsch 378, 15.2.2023, Los 1130).
7 Vgl. J. Nollé, Kleinasiatische Losorakel. Astragal- und Alphabetchresmologien der hochkaiserzeitlichen Orakelrenaissance (Vestigia 57), München 2007, 171.
Erst verhältnismäßig spät aufgetaucht und selten, aber von großer historischer Bedeutung ist ein früher Stater, den wir wahrscheinlich in die frühere 1. Hälfte des 5. Jhdts. v. Chr. datieren dürfen (Abb. 17). Das dreistrichige griechische Sigma ist ein Indiz für die frühe Prägung dieser Münze. Es steht nämlich ϟΙΔΗ neben dem Granatapfel. Auf der Rückseite der Münze ist der Rabe des Apollon mit glatten Flügeln und einem geschuppten Federkleid über seinem Leib abgebildet. Über dem Vogel und unter ihm stehen sidetische Schriftzeichen. Die Münze zeigt nicht nur erneut das Nebeneinander der Attribute von den beiden
Abb. 15a: Stater von Side, Mitte des 5. Jhdts. v. Chr.: Granatapfel // Kopf der Athena mit korinthischem Helm (Auktion Leu, WebAuct 28, 9.12.2023, Los 1491).
Abb. 15b: Stater von Side, Mitte des 5. Jhdts. v. Chr.: Granatapfel // Kopf der Athena mit korinthischem Helm in Incusum, vor ihr Ölbaumzweig mit Olive (Auktion NAC 154, 19.5.2025, Lot 1288).
Abb. 15c: Stater von Side, frühes 5. Jhdt. v. Chr.: Granatapfel mit zwei Blättern // Kopf der Athena mit attischem Helm und Wangenklappen n. r., vor ihr Delphin (Auktion Nomos 19, 17.11.2019, Los 170).
Haupt- und Schutzgöttern Sides, sondern auch das Nebeneinander von Griechisch und Sidetisch im 5. Jhdt. v. Chr. Aus den langen sidetischen Inschriften und der von Arrian überlieferten Lokaltradition dürfen wir nicht zu dem Fehlschluss gelangen, dass einzig und allein das kleinasiatische Sidetisch in Side gesprochen worden sei. Obschon die sidetischen Statere der Klassischen und Nachklassischen Epoche nur sidetische Legenden tragen, muss allein schon wegen der westlichen Nachbarstädte Aspendos und Perge, in denen pamphylisches Griechisch gesprochen wurde, die Kenntnis und Beherrschung des Griechischen auch im
äußersten Osten Pamphyliens konstatiert werden. Ohne Griechisch wäre auch der Kontakt mit den griechischen Kaufleuten, die aus dem Westen nach Osten fuhren sowie deren Kolonien und Emporien –etwa mit dem nahen Phaselis, aber auch mit den kilikischen und zyprischen Städten – nicht möglich gewesen. Überdies bezeugen schon die wenigen bisher bekannten sidetischen Inschriften ein massives Eindringen griechischer Wörter in das Sidetische: Für diesen Prozess ist die Geläufigkeit der griechischen Sprache die unbedingte Voraussetzung.
Abb. 16: Stater von Side, 1. Hälfte des 5. Jhdts. v. Chr.: Granatapfel // Kopf des Apollon n. r. (Auktion Leu WebAuct 28, 9.12.2023, Los 1490).
Abb. 17: Der ϟΙΔΗ-Stater, 1. Hälfte des 5. Jhdts v. Chr.: ϟΙΔΗ; Granatapfel // Rabe n. r., darüber und darunter sidetische Legenden (Auktion Roma 13, 23.3.2017, Los 370).
Aspekte der Ikonographie hoch- und nachklassischer sidetischer Statere: Ganzkörperbilder von Athena und Apollon
Schon die frühen Statere Sides wurden, wie wir heute wissen, in verhältnismäßig großer Stückzahl geprägt, so dass darauf zu schließen ist, dass der Handel von Side in den 200 Jahren von der Gründung der Stadt bis zur Klassischen Zeit einen enormen Aufschwung nahm. Die mutterländischen Städte Argos, Korinth und Athen, aber auch kleinasiatische Städte aus der Äolis und Ionien dürften mit ihren Unternehmungen im Bereich des östlichen Mittelmeerbeckens dazu beigetragen haben. Im Laufe des 5. und 4. Jhdts. erreichte der Ausstoß an sidetischen Stateren einen so großen Umfang, dass daraus zu schließen ist, dass Side bis dahin zu einer bedeutenden Wirtschaftsmacht in der Region geworden war. Die sidetischen Statere waren eine wichtige und geläufige Währung im Ostmittelmeerraum. Davon zeugt der Erhaltungszustand der Stücke, die häufig Prüfhiebe aufweisen und zumeist stark abgenutzt sind, da sie lange und auch fernab von Side überall im Ostmittelmeerraum umliefen. Gut erhaltene Stücke sind selten.
Sides wirtschaftlicher Aufschwung geht auch auf die intensiven Wirtschaftsbeziehungen mit dem Inneren Kleinasiens bzw. der Taurosregion zurück. Nicht umsonst wurde Side als Tochter des Tauros bezeichnet. Viele Produkte aus dem Taurosgebirge waren besonders in Ägypten gesucht. Ein Stater von Side gelangte sogar in das afghanische Kabul.
Die hoch- und nachklassischen Statere Sides reflektieren in ihrer Ikonographie die Fortentwicklung der griechischen Kunst. Die für Side arbeitenden Stempelschneider kamen durch sie in die Lage, die Vorder- und Rückseiten der sidetischen Statere mit schönen Ganzkörperdarstellungen der beiden Schutzgottheiten auszustatten.
Auf einem schönen Stater tritt Athena, einen korinthischen Helm mit beeindruckendem Helmbusch tragend, im Peplos auf (Abb. 18). Sie verharrt in Schrittstellung, hält mit der gesenkten Linken ihren Rundschild; ihre Lanze ist kunstvoll zwischen ihrem rechten Standbein und ihrem linken Arm vorbeigeführt. Rechts von ihr windet sich eine Schlange, die mit der Erechthonios-Schlange oder aber mit dem Taurosgebirge, das sich in Schlangenwindungen durch Kleinasien zieht, identifiziert werden kann. Auf der vorgestreckten Rechten hält Athena eine Nike, die sich anschickt, die Göttin zu bekränzen. Auf der Rückseite der Münze ist Apollon in einem kurzen Chiton und mit umgelegten Mantel zu sehen. Mit seiner Linken fasst er einen Lorbeerstab, aus dem Triebe mit Blättern
Abb. 18: Stater von Side, ausgehendes 5. Jhdt. v. Chr.: Athena im Peplos mit korinthischem Helm, Schild und Lanze n. l. gewandt, auf der vorgestreckten Rechten Nike haltend, die die Göttin bekränzen will, neben ihr geringelte Schlange, hinter ihr drei sidetische Buchstaben // Apollon in kurzem Chiton mit umgehängtem Mäntelchen n. l. gewandt, mit der erhobenen Linken Lorbeerstab fassend, in der vorgestreckten Rechten Patera, aus der er auf den vor ihm stehenden Altar mit lodernden Flammen eine Opfergabe ausgießt oder -schüttet, an seinem Rücken ein Köcher (Auktion Nomos 24, 22.5.2022, Los 216). 3:1
Abb. 19: Stater, Ende 5./Beginn des 4. Jhdts v. Chr.: Athena mit einem Kauz auf der vorgestreckten Rechten, vor ihr großer Grantapfel, hinter ihr Rundschild und Lanze // Nackter Apollon mit umgehängtem Mäntelchen, in der ausgestreckten Rechten Lorbeerstämmchen, in der gesenkten Linken Bogen, vor ihm Altar mit lodernder Flamme, hinter ihm Rabe, sidetische Legende (Auktion Roma 22, 7.10.2021, Lot 370).
ausschlagen. In der rechten Hand hält er eine Opferschale (Patera), mit der er eine Opfergabe (Weihrauch oder Wein?) über einem kleinen Altar mit lodernder Flamme ausgießt. Das Opfer, das Apollon darbringt, ist offensichtlich das Landungsopfer, das für alle Seefahrer nach einer erfolgreichen Seereise geradezu als Pflicht galt. Als Führer und Schützer der Siedler aus Kyme wurde Apollon Delphinios zum eigentlichen Gründer der Stadt – zum Apollon ktistes oder Apollon Sidetes –, und so wird er auch in einigen Inschriften Sides genannt.
Die Statere mit den Ganzdarstellungen von Athena und Apollon unterscheiden sich in Details. Athena kann statt der Nike einen Steinkauz halten, Apollon kann nackt dargestellt sein und hält in seiner Rechten ein Lobeerbäumchen und in seiner Linken einen Bogen (Abb. 19).
Die sidetischen Statere werfen Fragen auf, die wir zur Zeit nicht beantworten können: Die Darstellungen der beiden städtischen Schutzgottheiten auf ihnen sind ganz und gar dem griechischen Kunstschaffen (Tracht und Bewaffnung der Athena; Nacktheit des Apollon) verpflichtet, und die Attribute dieser Göttergestalten (Eule, Nike, Ölbaum und Schlange im Falle Athenas; Lorbeer, Delphin, Rabe und Bogen bei Apollon) setzen die intime Kenntnis griechischer Göttermythen voraus. Begleitet aber werden diese Münzbilder von Legenden in sidetischer Sprache. Nur zu gerne möchten wir mehr über die Identitäten und Mentalitäten der Stadt in Archaischer, Klassischer und Nachklassischer Zeit wissen. Side ist besonders! Es bleibt zu hoffen, dass die langen sidetischen Texte auf Stein entziffert werden können und diese dann Schlaglichter auf das Innenleben der Stadt in der Zeit von 700–300 v. Chr. werfen.
„ Am Ende triumphiert die gute Sache“
Die Wahl des Kölner Erzbischofs 1688 und der Beginn des Pfälzischen Erbfolgekrieges
Von Hertha Schwarz
In der Künker Auktion 319 kam am 12. März 2019 unter der Losnummer 3695 eine von Philipp Heinrich Müller geschaffene Medaille auf die Wahl des bayerischen Prinzen Joseph Clemens (1671–1723) zum Erzbischof und Kurfürsten von Köln zur Versteigerung (Abb. 1b). Die Vorderseite der 44,43 mm großen und 29,88 g schweren Silbermedaille zeigt den siebzehnjährigen Erzbischof von Köln im Profil und – wie es für hohe Geistliche des 17. Jahrhunderts durchaus üblich war –ohne Allongeperücke (Abb. 2). Die lockigen, bis zu den Schultern reichenden Haare umrahmen ein fein modelliertes Gesicht, das bereits die charakteristischen Züge aufweist, die später das Antlitz des erwachsenen Mannes prägen werden (Abb. 5). Die Legende nennt Namen, Rang und Titel des Dargestellten: IOSEPH(us) • CLEMENS • D(ei) • G(ratia) • ARCHIEP(iscopus) • COLON(iensis) • ELEC(tor) • & DVX VTR(iusque) • BAVAR(iae) • Joseph Clemens, von Gottes Gnaden Erzbischof von Köln, Kurfürst und Herzog beider Bayern. Gewandet ist der Jüngling in ein reich besticktes Wams mit geschlitzten Ärmeln. Ein großer flacher Spitzenkragen bedeckt die Schulter- und Halspartie; über diesem fast schon altertümlich anmutenden Kleidungsstück sitzt das Beffchen, eine ca. 10 bis 15 cm lange, aus zwei Streifen bestehende Halsbinde. Auf der Brust prangt ein großes, an einem breiten Band befestigtes Kreuz. Die Signatur Philipp Heinrich Müllers – PHM – schmiegt sich unauffällig an den Rand der Büste.
Das Bild der Rückseite (Abb. 3) dominiert ein auf den Hinterpranken stehender Löwe. Auf dem Haupt trägt er den hermelinbesetzen Kurfürstenhut; die rechte Vorderpranke legt er besitzergreifend auf einen Schild, während er in der Linken ein erhobenes Schwert schwingt. Der Schild zeigt das geständerte, d.h. mit Stäbchen besetzte, schwarze Kreuz (Abb. 8) des Erzbistums Köln auf silbernem Grund, auf dem ein Bischofshut bzw. eine Mitra steht. Hinter Schild und Mitra ragt der Krummstab des Erzbischofs hervor. Eine von links heranschwebende Nike – man kann die geflügelte Figur aber auch als Engel interpretieren –
Abb. 01: Philipp Heinrich Müller, Silbermedaille auf Joseph Clemens von Bayern, 1688: (a) Künker-Auktion 229, 13.3.2013, Los 5567.
bekränzt den Löwen mit einem Lorbeerkranz, dem Symbol des Sieges. In der Linken hält sie einen Palmwedel, ein Symbol des Friedens, aber auch des Sieges und Triumphes.
Die Interpretation des gleichermaßen kämpferischen wie triumphierenden Löwen ist schon allein wegen der Abkunft des jungen Erzbischofs offensichtlich: Es ist der bayerische Löwe, dass Wappentier der Wittelsbacher, der hier den diesem Haus entstammenden Joseph Clemens versinnbildlicht. Der bayerische Löwe hat sich den Kölner Bischofsstuhl und den Kurhut erkämpft, und, damit erst gar keine Zweifel an der Identität des Löwen aufkommen, bilden die bayerischen Rauten, Raumtiefe schaffend, den Boden, auf dem sich die Szenerie abspielt.
Unter dem Löwen liegt eine nackte, ausgemergelte Gestalt mit wirren Haaren, in denen sich kleine Schlangen ringeln; eine große Schlange windet sich um ihren linken Arm, mit dem sie sich auf dem Boden abstützt. Deutlich erkennbar beißt sie in ein Herz; damit wird diese grausige Erscheinung als der personifizierte Neid, die Invidia, erkennbar. Auf unserem Medaillenbild ist nur schwer auszumachen, ob Philipp Heinrich Müller den Neid als Mann oder Frau darstellt; traditionell wird die Invidia analog zum Geschlecht des lateinischen Substantivs weiblich dargestellt (Abb. 4). Ganz gleich, ob man Neid männlich oder weiblich personifiziert: Neid ist ein äußerst gefährlicher Feind, denn er zerfrisst das Herz des Neiders – hier versinnbildlicht durch das buchstäbliche Auffressen des eigenen Herzens –, weil er sich aus dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit speist und anderen ihren Besitz, ihre Charaktereigenschaften und ihren Erfolg nicht gönnt. Diesen Neid, der Bayern und dem jungen Erzbischof gleichermaßen galt, hat der Löwe niedergerungen. Nach der Lehre der katholischen Kirche gehört der Neid zu den Hauptlastern des Menschen und ist der Ursprung weiterer schwerer Sünden. Die ganze Situation zusammenfassend stellt die Aufschrift am oberen Medaillenrund fest: TANDEM BONA CAUSA TRIUMPHAT Am Ende triumphiert die gute Sache.
Abb. 02: Philipp Heinrich Müller, Avers der Silbermedaille auf Joseph Clemens von Bayern, 1688. Vergrößerung der Abb. 1b.
Abb. 03: Philipp Heinrich Müller, Revers der Silbermedaille auf Joseph Clemens von Bayern, 1688. Vergrößerung der Abb. 1b.
Abb. 04: Jacques Callot, Invidia (Neid). Federzeichnung, um 1620. Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Joseph Clemens Kajetan von Bayern
Der am 5. Dezember 1671 in München geborene Joseph Clemens Kajetan von Bayern (Abb. 5) war das sechste von insgesamt sieben Kindern des bayerischen Kurfürsten Ferdinand Maria (1636–1679) und seiner Gemahlin Henriette Adelaide von Savoyen (1636–1676). Von ihren vier Söhnen erreichten nur Maximilian II. Emanuel (1662–1726) und Joseph Clemens das Erwachsenenalter. Letzterer war als nachgeborener Sohn zwar von vornherein für den geistlichen Stand bestimmt, gleichzeitig sollte er aber auch den Bestand des Hauses sichern, falls sein älterer Bruder Max Emanuel kinderlos bleiben oder frühzeitig versterben würde. Daraus ergab sich wie in vielen anderen Fällen die Situation, dass er von frühester Jugend an höchste geistliche Würden bekleidete, die Priester- und daran anschließend die Bischofsweihe aber erst 1706 bzw. 1707 erhielt.
Das Leben des Joseph Clemens von Bayern ist wie die Biografien vieler anderer Persönlichkeiten der Frühen Neuzeit nie einer eingehenden Untersuchung gewürdigt worden. 1 Jede Beurteilung seiner Person und seiner Handlungen steht daher unter dem Vorbehalt, dass ein gründliches Quellenstudium das Bild, das die
Abb. 05: Joseph Clemens Kajetan von Bayern, Kurfürst und Erzbischof von Köln.
Zweite Hälfte 18. Jahrhundert, Bayerische Staatsgemäldesammlungen –Alte Pinakothek München, URL: https://www.sammlung.pinakothek.de/de/ artwork/8MLv98jxz3
CC BY-SA 4.0
Forschung bislang von ihm gezeichnet hat, grundlegend verändern könnte. Trotz dieser gebotenen Vorsicht wird der Eindruck aber nicht ganz falsch sein, dass Joseph Clemens zeitlebens im Schatten seines Bruders Max Emanuel stand und durchgehend ein fremdbestimmtes Leben führte. Es begann 1683 damit, dass er im Alter von nur 12 Jahren Koadjutor des Bischofs von Freising wurde und bereits ein Jahr später, 1684, zum Bischof von Regensburg und zum Propst von Berchtesgaden gewählt wurde. Geistliche Neigungen hatte er keine, und seine spätere Lebensführung kam noch nicht einmal in die Nähe des bischöflichen Ideals. Mit seiner Geliebten Constance Desgroseilliers hatte er zwei Söhne, die er anerkannte und legitimierte. Obwohl er nach seiner Priesterweihe 1707 vorgab, fortan ein frommes, einem Geistlichen angemessenes Leben führen zu wollen, trennte er sich nicht von seiner Geliebten und Lebensgefährtin. Sein Wunsch soll es ursprünglich gewesen sein, Offizier zu werden, ein Wunsch, der durchaus glaubhaft erscheint, wenn man bedenkt, dass sein Bruder Max Emanuel ab 1683 im Großen Türkenkrieg (1683–1697) einen Triumph nach dem anderen feierte (Abb. 6). Ob sein Naturell der harten Welt der Feldlager gewachsen gewesen wäre, sei dahingestellt. Seinem Hause hätte er aber nicht mit militärischen Heldentaten gedient, denn die wichtigste Aufgabe, für die Joseph Clemens durch Geburt und Abstammung bestimmt war, bestand darin, Erzbischof und Kurfürst von Köln zu werden.
1 M. Braubach, Joseph Clemens, Herzog von Bayern, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 622–623. [https://www.deutsche-biographie.de/sfz57278.html#ndbcontent].
Abb. 06: Hans Jakob Wolrab, Silbermedaille auf den Entsatz Wiens 1683.
Auf dem Avers der bayerische Kurfürst Max Emanuel von Bayern mit dem Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen, König Jan Sobieski von Polen und Kaiser Leopold I., 1683. (Künker, eLive Premium Auction 401, 5.2.2024, Los 1401. Schätzung: 500 Euro; Zuschlag: 3.600 Euro)
Erzbistum und Kurfürstentum von Köln
Im Laufe des Mittelalters gelang es einigen Bischöfen, neben ihrer geistlichen Macht auch weltliche Rechte auszuüben, weil zum Beispiel der König ihnen diese Rechte verlieh oder sie sich selbst solche Rechte ‚sicherten‘. Für das Erzbistum Köln, eines der ältesten in Deutschland, galt dies in ganz besonderem Maße. So entwickelte sich neben dem eigentlichen Bistum, der Diözese, auch ein weltliches Territorium, das sich zwar zum Teil mit dem des Bistums überschnitt, aber nicht gänzlich mit diesem identisch war (Abb. 7). In diesem weltlichen Teil übte der Erzbischof von Köln wie ein ‚normaler‘ Reichsfürst die weltliche Macht aus. Als sich im 13. Jahrhundert das aus
Abb. 07: Erzbistum (Diözese) Köln und Kurfürstentum Köln, schematische Übersichtskarte auf der Grundlage von: G. Droysens Historischer Handatlas, Bielefeld/Leipzig 1886, S. 42–43, Karte Deutschlands zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges.
Erzbistum Köln
Kurfürstentum Köln (Kurköln).
sieben Reichsfürsten bestehende Kurfürstenkollegium (Abb. 8) etablierte, wurden die Fürstbischöfe von Mainz, Köln und Trier feste Mitglieder dieses Gremiums. Neben ihnen gehörte noch der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg diesem Kollegium an, das allein zur Wahl von Königen und Kaisern berechtigt war. Als der Pfalzgraf bei Rhein, Friedrich V. nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg 1620 der Pfälzer Kurwürde verlustig ging, wurde diese auf die Herzöge von Bayern übertragen. Damit stellten die bayerischen Wittelsbacher fortan zwei Kurfürsten, denn Ernst von Bayern (1554–1612), ein Sohn Albrechts V. war seit 1583 Erzbischof und Kurfürst von Köln (Abb. 9). Dies kam einer Verdoppelung des bayerischen Einflusses im Reich gleich, denn im Jahre 1595 hatte Ernst seinen Neffen Ferdinand von Bayern (1577–1650) zum Koadjutor bestellt. Dieser war der Sohn seines Bruders Wilhelm und ein Bruder des späteren Kurfürsten Maximilian I. von Bayern. Ein Koadjutor wurde einem Bischof als Beistand und Hilfe zur Seite gestellt, vor allem aber konnte ihm durch diese Hilfstätigkeit das Recht auf Nachfolge zugebilligt werden. Auf diese Weise wurde Ferdinand von Bayern (Abb. 10) 1612 Erzbischof und Kurfürst von Köln und machte seinerseits 1642 seinen Neffen Maximilian Heinrich von Bayern (1621–1688), den Sohn seines Bruders Albrecht, zum Koadjutor. 1650 folgte ihm Maximilian Heinrich auf dem Erzstuhl
Abb. 08: Codex Balduineus, das Kurfürstenkollegium bei der Wahl Heinrichs von Luxemburg zum König, um 1340. Von links nach rechts: Die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen, kenntlich durch ihre Wappen. Wikimedia Commons, gemeinfrei.
(Abb. 11). Damit hatten sich Kurköln und das Erzbistum Köln als bayerische Sekundogenitur etabliert. Max Emanuel konnte im Hinblick auf diese Tradition erwarten, dass auch Maximilian Heinrich einen bayerischen Prinzen zum Koadjutor bestellen und so die bayerische Macht über Erzbistum und Kurfürstentum Köln sichern würde. Die Stadt war jedoch Freie Reichsstadt und weder der Macht des Erzbischofs noch des Kurfürsten unterworfen. Maximilian Heinrich war in jungen Jahren aber nicht allein von Bayern nach Köln gekommen. In seinem Gefolge befand sich sein Jugendfreund Franz Egon von Fürstenberg-Heiligenberg (1626–1682), der bald als sein Erster Minister Karriere machte und seinen jüngeren Bruder Wilhelm Egon (1629–1704) an den kurkölnischen Hof zog. Die beiden Brüder begannen selbst, geistliche Würden anzuhäufen – Franz Egon wurde u.a. Bischof von Straßburg, Wilhelm Egon Bischof von Metz –, vor allem aber gelang es ihnen, die Politik Kurkölns in ihrem Sinne zu gestalten. Dies war hochproblematisch, da
Abb. 09: Reichstaler 1608. Ernst von Bayern als Erzbischof und Kurfürst von Köln, Bischof von Lüttich, Administrator von Hildesheim, Münster und Freising, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Bayern, Engern, Westfalen und Bouillon. (Künker-Auktion 305, 20.3.2018, Los 3695. Schätzung: 12.500 Euro; Zuschlag: 24.000 Euro)
Abb. 10: Reichstaler 1631. Ferdinand von Bayern als Erzbischof von Köln, Administrator von Hildesheim, Paderborn und Lüttich. (Künker-Auktion 316, 31.1.2019, Los 306. Schätzung: 3.000 Euro; Zuschlag: 4.400 Euro)
Abb. 11: Reichstaler ohne Jahr. Maximilian Heinrich von Bayern als Erzbischof und Kurfürst von Köln, Bischof von Hildesheim und Lüttich, Abt von Stablo. (Künker-Auktion 358, 26.1.2022, Los 118. Schätzung: 10.000 Euro; Zuschlag: 10.000 Euro)
beide Fürstenberger überzeugte Parteigänger Ludwigs XIV. waren. Bei der Kaiserwahl 1658 in Frankfurt unterstützten sie zusammen mit ihrem am Münchner Hof wirkenden Bruder Hermann Egon (1627–1674) die Kandidatur des französischen Königs gegen den Habsburger Kandidaten, den späteren Kaiser Leopold I. (1640–1705). Da die Fürstenberger sehr erfolgreich unter den deutschen Fürsten für die französische Sache warben – es gab nur wenige deutsche Fürsten, die nicht vorübergehend den französischen Verlockungen erlagen –, erhob Kaiser Leopold I. 1664 alle drei in den Fürstenstand. Wenn der Kaiser sich davon
Abb. 12: Wilhelm Egon von Fürstenberg-Heiligenberg als Kardinal und Bischof von Straßburg. Kupferdruck von Cornelis M. Vermeulen 1692, nach einer Vorlage von Nicolas Colombel. Wikimedia Commons, gemeinfrei.
versprochen haben sollte, die Fürstenberger von ihrer französischen Agenda abzubringen, sah er sich bitter getäuscht. Die Fürstenberger betätigten sich nicht nur als französische Agenten, es gelang ihnen auch, das kurkölnische Territorium während des FranzösischHolländischen Krieges (1672–1679) als Nachschub- und Aufmarschgebiet für die französischen Heere zur Verfügung zu stellen. Damit begnügte sich Ludwig XIV. jedoch nicht, sondern besetzte und zerstörte dabei weitere deutsche Städte und neutrale Gebiete. Der französische Marschall Turenne überschritt 1673 zudem den Rhein und operierte im Vest Recklinghausen und im Herzogtum Westfalen – beides kurkölnische Territorien. Eine Schneise der Verwüstung hinter sich herziehend rückte er im Sommer und Herbst von dort bis nach Franken vor.
Wilhelm Egon von Fürstenberg
Der Architekt dieser fatalen kurkölnischen Politik war Wilhelm Egon von Fürstenberg (Abb. 12). 2 Als sich der Kaiser, Spanien und die Niederlande 1673 zu einer antifranzösischen Allianz formierten und den Kampf gegen Ludwig XIV. aufnahmen, ließ Leopold I.
2 Max Braubach, Wilhelm von Fürstenberg (1629–1704) und die französische Politik im Zeitalter Ludwigs XIV. (Bonn 1972).
Wilhelm Egon von Fürstenberg im Februar 1674 in Köln auf offener Straße entführen und nach Wien schaffen. Er bezichtigte ihn reichsfeindlicher Aktivitäten und des Aufruhrs gegen den Kaiser. Lange schwebte Wilhelm Egon in Gefahr, wegen Hochverrats hingerichtet zu werden. Es ist wohl nur dem unermüdlichen, sie selbst beschädigenden Einsatz seiner Schwester Anna Maria, verheiratete Reichsgräfin von Löwenstein-WertheimRochefort zu danken, dass Wilhelm Egon die ersten kritischen Monate überlebte. Ferner machte die französische Diplomatie Fürstenbergs Freilassung zur Grundvoraussetzung aller Verhandlungen. Insgesamt verbrachte Wilhelm Egon mehr als vier Jahre in kaiserlicher Haft in Wiener Neustadt. Im Rahmen des Friedens von Nimwegen wurde er im Mai 1679 wieder in seine Rechte eingesetzt und kehrte nach Köln zurück.
Die Wahl des Kölner Erzbischofs 1688
Als das kaiserliche Heer 1673 Bonn, die Residenzstadt der Kurfürsten von Köln,3, belagerte, floh Franz Egon von Fürstenberg in die Festung Kaiserswerth. Der Kurfürst selbst, Maximilian Heinrich, zog sich nach Köln ins Kloster St. Pantaleon zurück; er machte richtigerweise die beiden Fürstenberger für diese Katastrophe verantwortlich, doch er entzog nur seinem Jugendfreund Franz Egon Vertrauen und Freundschaft. Wilhelm Egon hingegen, den eigentlichen Urheber des ganzen Schlamassels, nahm er nach dessen Freilassung aus kaiserlicher Haft nicht nur wieder in Gnaden auf, sondern machte ihn, der 1683 in der Nachfolge seines 1682 verstorbenen Bruders Franz Bischof von Straßburg und 1686 auf französisches Betreiben Kardinal geworden war, sogar zu seinem Koadjutor. Diese Koadjutor-Wahl erfolgte am 7. Januar 1688; obwohl das Domkapitel Wilhelm Egon mehrheitlich zum Koadjutor wählte, verweigerte Papst Innozenz XI., formale Gründe vorschützend, die Anerkennung der Wahl. Ludwig XIV., dessen Politik der eigentliche Grund für die Verweigerungshaltung des Papstes war, drohte für den Fall, dass sein Protegé nicht als Koadjutor anerkannt würde, mit einem großen europäischen Krieg. Noch bevor der Streit beigelegt werden konnte, verstarb Maximilian Heinrich am 3. Juni 1688. Da das Domkapitel und der Papst Fürstenberg kein Nachfolgerecht zubilligten, wurde für den 19. Juli 1688 die Neuwahl des Erzbischofs angesetzt. Als Kandidaten stellten sich Wilhelm Egon von Fürstenberg und der siebzehnjährige Joseph Clemens von Bayern zur Wahl. Keiner von beiden war Mitglied des Domkapitels, weshalb sie zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinen mussten, um die Wahl rechtmäßig zu gewinnen. Von den 24 Stimmen des Domkapitels entfielen bei der Wahl 13 auf Fürstenberg, neun auf Joseph Clemens, und je eine auf den Grafen von Reckheim und Ludwig Anton von Pfalz-Neuburg. Damit hatten beide Kandidaten
Abb. 13: Reichstaler 1583, sog. Protestantischer Trutztaler. Gebhard I. Truchsess von Waldburg-Trauchburg als Erzbischof und Kurfürst von Köln.
(Künker-Auktion 313, 9.10.2018, Los 3624.
Schätzung: 7.500 Euro; Zuschlag: 20.000 Euro)
die erforderliche Zweidrittelmehrheit verfehlt. Dessen ungeachtet erklärte sich Wilhelm Egon im Kölner Dom zum Kurfürsten und Erzbischof und bezog den Palast in Bonn. Die Gegenpartei wiederrum erklärte Joseph Clemens zum Sieger. Die in Rom zur Klärung der Kölner Frage einberufene Kongregation erklärte am 15. September 1688 die Proklamation Fürstenbergs für nichtig und die Wahl des Wittelsbachers für rechtskräftig. Das war nicht unproblematisch, denn Joseph Clemens hatte das kirchenrechtlich vorgeschriebene Alter für die Bischofswürde noch gar nicht erreicht. Dennoch bestätigte der Papst das Votum der Kongregation und drohte Fürstenberg, ihm die Kardinalswürde zu entziehen für den Fall, dass er den Schiedsspruch nicht akzeptiere. Das Kurfürstenkollegium folgte dem Papst und erkannte Joseph Clemens als Kurfürsten von Köln an.
Tandem bona causa triumphat
Philipp Heinrich Müllers Medaille auf Joseph Clemens ist zwar nicht ausdrücklich durch Aufschrift datiert, das jugendliche Porträt und die Devise der Rückseite – Am Ende triumphiert die gute Sache – lassen aber kaum eine andere Datierung als die in das Jahr 1688 zu, in dem Joseph Clemens durch päpstlichen Schiedsspruch zum Erzbischof und Kurfürsten von Köln wurde. Da der Kampf um den Kölner Bischofstuhl der Anlass
3 Köln gehörte seit der Schlacht von Worringen 1288 de facto nicht mehr zum Kurstaat, sondern wurde zur Freien Reichsstadt, womit der Bischof von Köln die Herrschaft über seine eigene Stadt verlor. Rechtlich gesehen ist Köln erst seit 1475 Freie Reichsstadt. Lange zuvor schon hatten die Bischöfe teils in Bonn residiert, das 1597 offiziell zur kurkölnischen Haupt- und Residenzstadt wurde.
für die Prägung der Medaille war, so stellt sich umso dringender die Frage, wen die Invidia, der Neid, auf dem Revers der Prägung symbolisieren soll. Man ist aufgrund der geschilderten Ereignisse versucht, in dieser miserablen Gestalt Wilhelm Egon von Fürstenberg selbst oder den französischen König zu sehen. Beides halte ich aber für unwahrscheinlich, denn es wäre ein Angriff ad personam, und ein solcher wäre in den Kreisen des Hochadels nicht nur ungewöhnlich, sondern höchst töricht, da man schon bei nächster Gelegenheit vielleicht auf das Wohlwollen des Geschmähten angewiesen war. Hinzu kam noch, dass Joseph Clemens älteste Schwester Maria Anna (1660–1690) Dauphine von Frankreich war; sie hatte 1680 den französischen Thronfolger geheiratet und war damit die Schwiegertochter des französischen Königs. Der frisch gekürte Kurfürst würde selbst eines Tages der Schwager eines französischen Königs sein. Den entscheidenden Hinweis, wie die Medaille ‚gelesen‘ werden sollte, enthält meiner Ansicht nach die Devise: TANDEM BONA CAUSA TRIUMPHAT Am Ende triumphiert die gute Sache war die Devise des Kölner Erzbischofs Gebhard I., Truchsess von WaldburgTrauchburg, gegen den Ernst von Bayern, der erste Wittelsbacher auf dem Kölner Bischofsstuhl, 1577 erfolglos kandidiert hatte (Abb. 13). Gebhard trat nach seiner Wahl aber zum Protestantismus über, heiratete und wollte Kurköln protestantisch werden lassen. Dem widersetzte sich die Mehrheit des Domkapitels, und als Gebhard im Zuge des Kurkölnischen bzw. Truchsessischen Krieges (1583–1588) von Papst und Kaiser abgesetzt wurde, wählte das Domkapitel 1583 Ernst von Bayern zum Erzbischof, womit, wie weiter oben schon dargelegt wurde, die Wittelsbacher Sekundogenitur in Köln etabliert wurde. 1688, hundert Jahre später, hat aus bayerischer Sicht wieder ein Unwürdiger nach dem Kölner Kurhut gegriffen, was einem Angriff auf Bayern gleichkam. Nachdem sich Teile des Domkapitels erfolgreich dagegen gewehrt hatten und die Kurwürde samt Bischofsitz bei Bayern verbleiben würde, nahm man die Devise des Häretikers Gebhard, drehte sie um und münzte sie auf den eigenen Erfolg, denn schließlich hatte die gute Sache am Ende ja gesiegt, 1583/88 gegen einen vom wahren Glauben Abgefallenen, 1688 gegen die Partikularinteressen Einzelner, die sich von französischem Geld für den falschen Kandidaten hatten kaufen lassen. Im Reich machte das arg übertreibende Gerücht die Runde, drei Tonnen Gold hätten die Herzen der Domherren für den Kandidaten des französischen Königs erweicht. Die Invidia mag daher stellvertretend für diejenigen Mitglieder des Domkapitels stehen, mithin also für eigene Standesgenossen, die für Geld das große Ganze verrieten und im konkreten Fall sogar noch das Reich schädigten. Damit wird aber auch deutlich, dass Müllers Medaille eine Prägung war, die sich an ein Publikum
Abb. 14: Ludwig XIV., Silbermedaille 1688 auf die Einnahme von 20 Städten am Rein innerhalb eines Monats. Der Dauphin überreicht dem König Mauerkronen, als Symbol der eingenommenen Städte. (Künker-Auktion 387, 20.6.2023, Los 535. Schätzung: 320 Euro; Zuschlag: 2.200 Euro)
richtete, das die Devise und ihre Implikationen sofort verstehen und richtig einordnen konnte. Mit anderen Worten: Die Medaille war nicht für breite Schichten bestimmt. Als Auftraggeber kommt daher nur Joseph Clemens selbst oder der kurbayerische Hof in Frage.
Der große europäische Krieg
Bereits bei der Koadjutorwahl hatte Ludwig XIV. einen großen Krieg in Aussicht gestellt, wenn sein Kandidat scheitern sollte; der Kaiser seinerseits hatte vor der Bischofswahl gedroht, die Kur vom Erzstuhl zu trennen, falls Fürstenberg obsiegen sollte. Wilhelm Egon hatte 1688 unmittelbar nach der Wahl die Macht an sich gerissen; Joseph Clemens war zwar bestätigter Erzbischof und Kurfürst, konnte sein Amt aber vorerst nicht ausüben, denn Ludwig XIV. schickte seinem Kandidaten nicht nur Truppen, um sich in Kurköln zu behaupten, er überquerte am 24. September 1688 mit 40.000 Mann den Rhein bei Straßburg und fiel ins Deutsche Reich ein. Eine französische Medaille prahlte damit, dass innerhalb eines Monats 20 Städte am Rhein vom Dauphin, dem französischen Thronfolger, eingenommen worden seien (Abb. 14). Sie verschweigt natürlich, dass der Erfolg darauf beruhte, wehrlose Städte und Dörfer zu überfallen, ohne ihnen zuvor den Krieg erklärt zu haben. Wenn man sich noch ins Gedächtnis ruft, dass 1688 wie in den Jahren zuvor und danach die meisten Regimenter der deutschen Fürsten und die kaiserlichen Kontingente in Ungarn gegen die Osmanen kämpften, wird die Perfidie des Sonnenkönigs mehr als deutlich. Weniger als ein Jahr später mussten seine Truppen jedoch ihre Eroberungen wieder preisgeben, sogar das stark befestigte Bonn konnten sie nicht halten. Unter der Führung von
Friedrich III. von Brandenburg hatte sich die Gegenwehr im Reich formiert, die zu einer schnellen Vertreibung der Franzosen führte. Wilhelm Egon von Fürstenberg verließ Bonn und floh nach Paris. Wie schon 1674 ging er all seiner Würden und Besitzungen im Reich wieder verlustig. Obwohl er 1697 im Frieden von Rijswijk erneut rehabilitiert wurde, kehrte er nicht mehr nach Deutschland zurück. Er verschwand endgültig von der politischen Bühne.
Befreit von französischer Tyrannei
Auf die Vertreibung der Franzosen sowie auf die Befreiung der besetzten kurkölnischen Festungen Bonn, Kaiserswerth und Rheinberg wurden 1689 mehrere Medaillen geprägt. Eine unsignierte, sehr wahrscheinlich von Georg Hautsch geschaffene Medaille (Abb. 15), zeigt auf dem Avers das Porträt Friedrichs III. von Brandenburg, dessen Truppen 1688 die Freie Reichsstadt Köln geschützt hatten und unter dessen Führung die genannten Festungen befreit wurden. Die Prospekte der befreiten Festungen –Kaiserswerth, Rheinberg und Bonn – sind auf dem Revers der Medaille dargestellt. Die Legende im Abschnitt gibt wieder, wie man im Deutschen Reich die Aggressionen des französischen Königs bewertete: A TYRANNIDE GALL(ica) • LIBERATAE • 1689 • Befreit von französischer Tyrannei 1689
Dieser Rückseitenstempel mit den Stadtansichten bildet auch den Revers einer weiteren Prägung (Abb. 16). Deren unsignierte, aber höchst wahrscheinlich ebenfalls von Georg Hautsch stammende Vorderseite zeigt durch die Legende im Abschnitt an: DIOECESIS COLONIEN(sis) | RESTITVTA • | 1689 • Diözese Köln wiederhergestellt 1689, und stellt damit die Verbindung zwischen Vorderund Rückseite der Medaille her.
Das Medaillenrund der Vorderseite (Abb. 17) wird ganz von einer Szenerie ausgefüllt, deren Mittelpunkt ein in antike Gewänder gehüllter Mann mit Mitra auf dem Kopf bildet. Hinter ihm sind Zelte sichtbar, während vor ihm ein Knäuel aus stürzenden Menschen samt Fahnen und Räuchergefäßen im Boden zu versinken scheint. Unmittelbar hinter diesen Unglücklichen lodern Flammen hoch und dichter Rauch steigt zum Himmel. Der Mann, offenbar ein Bischof oder ein Priester, hält in der Linken ein qualmendes Räuchergefäß, während er mit der angewinkelten Rechten gen Himmel zeigt. NE QVISQ(uam) SIBI SVMAT HONOREM, SED QVI VOCATVR A DEO TAMQ(uam) AARON. HEB. 5. Und keiner nehme sich selbst die Würde, sondern der, welcher von Gott berufen wird wie Aaron. Heb(räer) 5 mahnt die Aufschrift, welche die Szenerie einrahmt. Kapitel 5 des „Briefes an die Hebräer“, dem das Zitat entnommen ist, handelt vom Hohepriester und seiner Einsetzung. Wenn
Abb. 15: Georg Hautsch, unsignierte Silbermedaille auf die Befreiung der Städte/Festungen Bonn, Kaiserswerth und Rheinberg von den Franzosen durch Friedrich III. von Brandenburg, 1689. (Künker-Auktion 422, 19.3.2025, Los 3501, Schätzung: 1.000 Euro; Zuschlag: 1.100 Euro)
Abb. 16: Georg Hautsch, unsignierte Silbermedaille auf die Befreiung der Städte/Festungen Bonn, Kaiserswerth und Rheinberg und den Kampf um das Kölner Erzbistum, 1689. (Münzhandlung Sonntag, Auktion 28, 4.6.2018, Los 1073. Schätzung: 1.250 Euro; Zuschlag: 1.600 Euro)
es sich nicht um Jesus selbst handele, sondern wenn der Hohepriester „von den Menschen genommen wird“, dann darf sich niemand, wie es die Medaille verkündet, selbst diese Würde nehmen, sondern er muss wie Aaron von Gott berufen werden.
Aufgrund dieser Legende wird der Priester allgemein als Aaron interpretiert und die ganze Prägung auf die Investitur Joseph Clemens als Erzbischof von Köln bezogen. Auf den ersten Blick erscheint diese Deutung plausibel, ihr haftet aber der Makel an, dass die dargestellte Szene in keiner Weise zur Erwählung Aarons passt. Gott hatte befohlen, dass für jeden der zwölf Stämme Israels je ein Stab auf die Bundeslade gelegt werde. Auf den Stab des Stammes Levi sollte der Name Aarons geschrieben werden. Den Mann, den sich Gott als Hohepriester erwählen wolle, dessen Stab würde austreiben. Am nächsten Tag hatte der Stab Aarons ausgebtrieben, „blühte und trug Mandeln“ (Mos. 4,17). Wenn die Legende der Medaille auf das Bild bezogen sein sollte, würde man entsprechend eine Darstellung des Aaronstabes erwarten. Stattdessen aber stellt der Medailleur eine Szene dar, die der Wahl Aarons vorangegangen war.
Die Rotte Korachs
Abb. 17: Georg Hautsch, unsignierte Silbermedaille auf die Befreiung der Städte/Festungen Bonn, Kaiserswerth und Rheinberg und den Kampf um das Kölner Erzbistum, 1689. Vergrößerung der Abb. 16. 2,5:1 „AM
Nachdem Moses die Israeliten aus Ägypten in die Wüste geführt hatte, erhob sich Korach aus dem Stamme Levi zusammen mit weiteren 250 Männern gegen Moses und dessen Bruder Aaron. Man warf den beiden Brüdern vor, sich über alle anderen zu erheben, obwohl alle gleich seien, und alle Ehren, vor allem den Zugang zu Gott, für sich allein zu reklamieren. Diesem Vorwurf begegnete Moses durch die Ankündigung eines Gottesurteils: Jeder solle ein Rauchopfer darbringen, und der Herr selbst würde zeigen, wer zu ihm gehöre und wer sich ihm nähern dürfe. „Wenn diese“, d.h. die Rotte Korachs, „sterben, wie alle Menschen sterben“, verkündete Moses, „und wenn sie heimgesucht werden, wie alle Menschen heimgesucht werden, dann hat der Herr mich nicht gesandt. Wenn aber der Herr etwas Unerhörtes erschafft und der Erdboden seinen Rachen aufreißt und sie verschlingt, zusammen mit allem, was ihnen gehört, und wenn sie lebend in die Unterwelt hinabfahren, dann werdet ihr erkennen, dass diese Leute den Herrn verachtet haben“ 4 (Mos. 4,16). Kaum hatte Moses diese Worte gesprochen, „spaltete sich der Erdboden unter ihnen und die Erde eröffnete ihren Rachen und verschlang sie samt ihren Familien und allen Menschen, die zu Korach gehörten“ (Mos. 4,16). Zudem schickte der Herr ein Feuer, dass die 250 Männer vernichtete, die das Rauchopfer dargebracht hatten. Diesen Augenblick der Vernichtung Korachs und seiner Genossen, der gleichzeitig der Triumph des Moses ist, hat Hautsch auf dem Avers seiner Medaille dargestellt. Bei dem Mann mit der Mitra und dem Rauchgefäß kann es sich deshalb nur um Moses handeln, denn sonst ergibt die Darstellung keinen Sinn. Da sowohl Avers wie auch Revers auf die „Wiederherstellung“ der Diözese Köln, was hier als Rückgabe verstanden werden muss, bzw. die Befreiung von der Tyrannei verweisen, steht auf dem Medaillenbild die Rotte Korachs stellvertretend für die frevelhaften französischen Anmaßungen. Ludwig XIV. hat durch seinen Übergriff wie Korach in der Wüste ein Gottesurteil herausgefordert, als er Anspruch auf das Bistum Köln erhob. Derjenige, der wie Moses Gott anrief und um sein Urteil bat, ist der vom Papst bestätigte
4 Mos. 4,16, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 2016, ebenso die Übersetzung des folgenden Zitates.
Abb. 18: Georg Hautsch, signierte Silbermedaille auf Joseph Clemens von Bayern und den Kampf um das Erzbistum Köln, 1689. (Künker-Auktion 229, 13.3.2013, Los 5568. Schätzung: 250 Euro; Zuschlag: 220 Euro)
Abb. 20: Mit „F“ signierte Silbermedaille auf die Gräuel der Türken 1683 an der Donau und die der Franzosen 1689 am Rhein, 1689. (Künker, Auktion 289, 14.3.2017, Los 1671: Schätzung 2.000 Euro; Zuschlag 2.800 Euro) [Dm. 49,98 mm]
Joseph Clemens. Wie Korach hat Gott die Widersacher des jungen Erzbischofs zerschmettert; dazu bediente er sich der Heere deutscher Reichsfürsten, die die französischen Besatzer und ihre deutschen Handlanger vertrieben. Die Legende NE QUISQ(uam) SIBI SUMAT HONOREM, SED QUI VOCATUR A DEO TAMQ(uam) AARON Und keiner nehme sich selbst die Würde, sondern der, welcher von Gott berufen wird wie Aaron legt den Grund für die Verdammnis der Franzosen und ihrer Helfershelfer offen: Sie strebten nach dem Amt des Hohepriesters bzw. des Erzbischofs, ohne dazu von Gott wie Aaron auserwählt worden zu sein.
Joseph Clemens hingegen hat vor den Augen des Herrn Gefallen gefunden und wurde von ihm durch seinen Stellvertreter auf Erden, den Papst, bestätigt. Man wir nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass diese Medaille die damalige Stimmung im Deutschen Reich in Bildern und Gleichnissen prägnant zusammenfasste. Anders als die Prägung Philipp Heinrich Müllers richtete sie sich an ein breites Publikum.
Eine weitere von Georg Hautsch geschaffene und signierte Medaille (Abb. 18) bestätigt diese Annahme: Die Vorderseite zeigt einen etwas pausbäckigen Jüngling in einem reich verzierten Wams. Auch wenn das Porträt bei weitem nicht die Qualität des von Philipp Heinrich Müller geschaffenen Bildes erreicht, so zeigen Kleidung und Darstellung doch größte Ähnlichkeiten mit Müllers Medaille. Die Aufschrift betätigt die Identität des Dargestellten: IOSEPH(us) • CLEMENS • D(ei) • G(ratia) • ARC(hiepiscopus) • COLON(iensis) • PRIN(ceps) • EL(ector) • Joseph Clemens, von Gottes Gnaden Erzbischof von Köln, Kurfürst. Als Rückseite benutzt Hautsch den Stempel, der die Vernichtung der Rotte Korachs in Szene setzt. Die Randschrift, die dem vierten Buch Mose (Numeri) entnommen ist, bekräftigt nochmals, dass sich nur der dem Herrn nähern darf, den er sich erwählt hat: QVEM SIBI ELEGERIT DOMINVS, APPROPINQVABIT EI • NVM • XVI,5 • Wen sich der Herr erwählt, der wird sich ihm nähern. • Num(eri) • XVI,5 •.
Weitaus schlimmer als die Türken
Als Ludwig XIV. 1688 ins Reich einfiel, hatte er offenbar nur mit einem kurzen Waffengang gerechnet und darauf vertraut, dass die vermeintliche französische Stärke Eindruck machen würde. Das Gegenteil trat ein: Die französische Aggression rief im Deutschen Reich wie auch in anderen europäischen Ländern Abscheu und Empörung hervor. Am 15. Februar 1689 erklärte das Deutsche Reich dem französischen König den Krieg. Diesem Reichskrieg schlossen sich auch die Niederlande an. Dort, wo seine Truppen nicht vertrieben wurden, zog Ludwig XIV. sie zurück, um sie an einigen wenigen strategisch wichtigen Punkten zu konzentrieren.
Abb. 19: Das brennende Baden-Baden am 24. August 1689, zeitgenössischer Kupferstich nach 1689. Gemeinfrei. „AM
Doch noch bevor der Reichskrieg erklärt worden war, begannen die Franzosen auf ihrem Rückzug vor allem die Pfalz und die Markgrafschaft Baden zu verwüsten. Sie vertrieben die Bevölkerung und zündeten Städte und Dörfer systematisch an (Abb. 19). Häuser, Kirchen, Burgen und Schlösser – alles fiel dem Zerstörungswerk der Franzosen zum Opfer, das sich über das ganze Jahr 1689 hinstreckte. Man verglich die Gräuel der Türken 1683 an der Donau mit denen der Franzosen 1689 am Rhein und kam zu dem Schluss, dass die der Franzosen weitaus schlimmer seien (Abb. 20). Diese Barbarei und die nicht weniger barbarische Behandlung der französischen Protestanten brachte letztlich alle gegen Frankreich und seinen König auf, der sich infolgedessen einer großen europäischen Allianz gegenübersah. Für diesen Krieg, der 1688 begann, gibt es je nach Standpunkt verschiedene Bezeichnungen: Pfälzischer Erbfolgekrieg, Orléanscher Krieg, Krieg der Augsburger Allianz oder einfach Neunjähriger Krieg. Als Auslöser werden zum einen Forderungen Frankreichs an die Kurpfalz angeführt, die allerdings privatrechtlicher Natur waren, und zum anderen das Ergebnis des hier skizzierten Kölner Bistumsstreites. Letzterer diente Ludwig XIV. nach außen tatsächlich als Vorwand, und wie die Medaillenbilder zeigen, hat man dies
weitgehend auch geglaubt. In Wirklichkeit aber versteckte sich hinter diesen Aggressionen die Absicht, auf militärischem Wege vom Deutschen Reich die Anerkennung jener ‚Erwerbungen‘ zu erpressen, die sich Ludwig XIV. im Rahmen seiner Reunionspolitik 5 gewaltsam angeeignet hatte. Doch statt der erhofften Legitimierung seiner Beute trieb Ludwig XIV. Frankreich durch seine Feldzüge in Not und Zahlungsunfähigkeit.
Im Rahmen des Friedens von Rijswijk musste Ludwig XIV. 1697 alle Reunionen mit Ausnahme des Elsass und der Freien Reichsstadt Straßburg zurückgeben.
5 Unter diesem Begriff wird die Politik Ludwigs XIV. verstanden, der in der zweiten Hälfte des 17. Jhs. Gebiete des Deutschen Reiches annektierte, die seiner Meinung nach rechtlich mit Territorien verbunden wären oder gewesen sein sollen, die unter französischer Souveränität stehen, und mit diesen ‚wiedervereint‘ werden müssten. Zur Durchsetzung seiner Ansprüche führte Ludwig XIV. zwischen 1667 und 1697 vier, teils sehr lang andauernde Kriege gegen Spanien, die Niederlande und das Deutsche Reich. Zur Kriegspolitik siehe: M. Wrede, Ludwig XIV. Der Kriegsherr aus Versailles (Darmstadt 2015).
Der Türkenkrieg, Wolf Dietrich von Raitenau und die Turmprägungen
Jede gute Sammlung von Salzburger Münzen enthält die berühmten Turmprägungen von Wolf Dietrich von Raitenau. Sie werden häufig mit den Türkenkriegen in Verbindung gebracht. Zu Recht? Wir werfen einen neuen Blick auf diese interessanten Münzen.
Von Ursula Kampmann
Wolf Dietrich von Raitenau.
Reichstaler 1594.
Aus der Sammlung Lambert.
Sehr schön bis vorzüglich.
Künker eLive Premium Auction 431, 21./22. Oktober 2025, Los 4256.
Schätzung: 2.000 Euro. Zuschlag: 2.700 Euro
Am 21. und 22. Oktober 2025 versteigerte Künker in seiner eLive Premium Auction 431 die Sammlung Gerhard Lambert mit Münzen und Medaillen von Salzburg. Auch sie enthält wie jede gute SalzburgSammlung gleich mehrere Exemplare der berühmten Turmprägungen. Unter Turmprägungen versteht man eine umfangreiche Emission von aufwändig gestalteten Münzen, denen ihre Rückseitendarstellung den Namen gegeben hat. Sie zeigt einen starken befestigten Turm auf einer meerumschlossenen Insel, gegen den die vier Winde von allen Seiten anstürmen. Aus dem dicht verhangenen Himmel fällt ein schwerer Hagelsturm.
Dieses Motiv wird mit zwei unterschiedlichen Vorderseitendarstellungen und zwei verschiedenen Rückseitenaufschriften kombiniert. Der erste Typ präsentiert den Titel des Prägeherrn zusammen mit den beiden Bistumsheiligen, die zwischen sich das persönliche Wappen des Fürsterzbischofs halten, das von einem Kardinalshut überragt wird. Auf diesen Stücken lautet die Rückseiteninschrift IN DOMINO SPERANS NON INFIRMABOR (= Auf den Herrn hoffend werde ich nicht schwach werden). Münzen diesen Typs wurden in den Jahren 1590 und 1594 geprägt.
Der zweite Typ zeigt auf der Vorderseite nur den hl. Rupert mit dem persönlichen Wappen des Bischofs und der Aufschrift SANCTVS RVDBERTVS EPS SALISBV (= hl. Rupert, Bischof von Salzburg). Die Rückseitenumschrift lautet dort RESISTIT MDXCIII IMMOTA (= Er [der Turm] bleibt 1593 unbewegt).
Ein weiterer Typ, der in der Sammlung Lambert zu sehen ist, kombiniert die Darstellungen und Umschriften, zeigt auf der Vorderseite den hl. Rupert, auf der Rückseite die Inschrift IN DOMINO SPERANS NON INFIRMABOR, nennt aber kein Jahr.
Wolf Dietrich von Raitenau. Doppelter Reichstaler 1593. Aus der Sammlung Lambert. Sehr schön bis vorzüglich.
Künker eLive Premium Auction 431, 21./22. Oktober 2025, Los 4264.
Schätzung: 4.000 Euro. Zuschlag: 4.900 Euro
Die Münzen mit der Turmdarstellung wurden in vielen Nominalen und großen Mengen geprägt und werden in Katalogen zumeist in einen Topf geworden. Man behauptet, sie seien alle geprägt worden, um die Salzburger Truppen für ihren Einsatz im Türkenkrieg zu entlohnen. Das kann so nicht stimmen, schon allein deshalb nicht, weil der Türkenkrieg erst im Jahr 1592 begann, also zwei Jahre nach der Prägung der ersten –sehr seltenen – Turmprägungen aus dem Jahr 1590.
Prunkentfaltung im Zeichen der Gegenreformation
Wolf Dietrich von Raitenau. 1/2 Reichstalerklippe o. J. (1593). Aus der Sammlung Lambert. Fast vorzüglich.
Künker eLive Premium Auction 431, 21./22. Oktober 2025, Los 4273.
Um auf die Idee zu kommen, eine repräsentative Prägung mit dem Motiv des sturmumtosten, vom Meer umgebenen Turm zu schmücken, brauchte es keine Türken. Wir haben die klassische Form eines verkürzten Emblems vor uns, wie es auf Dutzenden von Münztypen der Zeit erscheint. Es besteht aus einer Allegorie und einer Devise, wie auf unserer Rückseite.
Solche Embleme wurden nicht nur auf Münzen benutzt. Sie dienten in der Bauplastik dazu, die Haltung eines Fürsten hervorzuheben, und wurden auf (heute längst vergangenen) Livreen und Dekorationen eingesetzt, um das Fürstenlob zu intensivieren.
Schätzung: 300 Euro. Zuschlag: 550 Euro
Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau war ein prunkliebender Mann, der gleich nach seinem Regierungsantritt als Herr über Salzburg begann, die Neue Residenz zu bauen. Er nutzte exakt dieses Motiv für den Schmuck der Hauptstiege, wie bei Martin (1911), S. 238, Anm. 16 zu lesen.
Das Motiv fällt dabei in keiner Hinsicht aus dem Rahmen. Es kommt in unzähligen Abwandlungen in den Emblem-Büchern der Zeit vor. Solche Kataloge lieferten ideenlosen Adligen ihre Inspiration für ein eigenes Emblem. In den EmblemBüchern symbolisiert der Turm wenig überraschend die Standhaftigkeit. Das stürmische Meer und die tosenden Stürme stehen für die Anfechtungen des Lebens, die den wahren Fürsten nur noch standhafter machen.
Türken brauchen wir dafür nicht. Die Emission von 1590 passt hervorragend zu den vielen anderen Münzen von hohem Wert, die hohe Herren als diplomatische Geschenke anfertigen ließen, um bei Geburtstagen und zum Jahreswechsel als Gaben verteilt zu werden. Diese Ausgaben mit dem Türkenkrieg zu verbinden, hat also keinerlei historische Basis.
Die Anfangsphase des Krieges
Dann begann 1592 der so genannte „Lange Türkenkrieg“. Er entstand aus ständigen Grenzscharmützeln. Sie zeigten der osmanischen Zentralregierung, dass die Habsburger militärisch nicht in der Lage waren, ihre Grenze zu halten: Zeit, das osmanische Herrschaftsgebiet ein wenig auszudehnen. Wie weit, das würde sich zeigen, je nach dem, wie groß der Widerstand sein würde.
Bei einem Angriff auf die Reichsgrenze griff die Reichsexekutionsordnung. Aber dieser Angriff war noch gar nicht erfolgt. Es ging um Siebenbürgen, Ungarn, Kroatien und Slawonien. Natürlich grenzte der österreichische Reichskreis mit Krain und Steiermark an die umkämpften Gebiete. Aber zwischen dem eroberten Raab und der steirischen Hauptstadt Graz lagen immerhin noch rund 180 Kilometer. Und selbst bei einem Angriff auf Krain oder Steiermark hätte der Reichstag nichts unternehmen müssen. Die Reichsexekutionsordnung schrieb vor, dass der betroffene Reichskreis erst einmal selbst die Verteidigung seiner Grenzen in die eigene Hand nahm. Damit war der Erzherzog von Österreich gefordert, die Abwehr seines Reichskreises zu organisieren, und das war im Jahr 1592 niemand anderer als Kaiser Rudolf II.
Der Heerzug von Wolf Dietrich von Raitenau
Salzburg gehörte dem Bayerischen Reichskreis an. Es hätte also für Wolf Dietrich von Raitenau keinerlei Verpflichtung bestanden, 1592 ein Heer zu schicken.
Aber das Erzbistum Salzburg besaß ausgedehnte Besitzungen in Kärnten und in der Steiermark. Und es war immer gut, sich mit dem Kaiser gutzustellen. Wolf Dietrichs Vater Hans Werner war ein erfahrener Militär genau wie sein Bruder Jakob Hannibal. Wieso also nicht 1.000 Mann an die Front schicken, um sich den Kaiser zu verpflichten und Ruhm für die eigene Familie zu gewinnen? Ein Salzburger Fürsterzbischof konnte sich das leisten.
Das Projekt endete in einem Debakel. Was die beiden erfahrenen Militärs aus dem Haus Raitenau an Unfähigkeit ihrer kaiserlichen Vorgesetzten erlebten, spottete jeder Beschreibung. Aus den Briefen, die Jakob Hannibal an seinen Bruder schrieb, können wir das Drama erahnen. Am 16. Dezember 1592 berichtete der Obrist, dass - mitten im Winter - wegen der desaströsen Vorbereitung an der Front äußerster Mangel an Proviant und Kleidung herrsche, so dass „unter 100 nicht der 10. oder 12. Knecht ist, der nicht ohne Schuh und barfuß gehen muss, allein wegen schlechter Planung, so dass von 2.700 Mann nur noch 1.800 überlebt haben, von denen höchstens 300 gegen den Feind zu gebrauchen wären.“ Dass die Strapazen nicht nur die einfachen Soldaten betrafen, wissen wir, weil Hans Werner von Raitenau am 4. April 1593 an Erschöpfung starb.
Natürlich war Wolf Dietrich von Raitenau aufgebracht. So würde der Kaiser keinen Krieg gegen die Türken gewinnen, und so war jede Unterstützung des Herrschers pure Verschwendung. Wolf Dietrich setzte zusammen mit anderen Reichsfürsten durch, dass Kaiser Rudolf II. im Herbst 1593 einen Reichstag nach
Das Panorama von Salzburg zeugt noch heute davon, wie reich und mächtig die Salzburger Fürsterzbischöfe waren. Foto: KW.
Regensburg einberief. Dort sollte der Kaiser ein Konzept für den Türkenkrieg vorlegen. Die Reichsstände würden eine eventuelle finanzielle Unterstützung davon abhängig machen, wie glaubhaft die kaiserliche Strategie sein werde.
Die Rückkehr des Heeres
Im Frühjahr 1593 kehrte das geschlagene Salzburger Heer in die Heimat zurück. Immer wieder zitieren Numismatiker eine ominöse zeitgenössische Quelle laut der die Salzburger Soldaten mit Turmprägungen entlohnt wurden. Trotz eine längeren Suche war es nicht möglich, diese Quelle ausfindig zu machen. Keiner der Autoren, die von ihr sprechen, gibt einen Hinweis darauf, wo sie zu finden ist. Man ist versucht, sich zu fragen, ob es diesen zeitgenössischen Bericht gibt.
Allerdings hat Karl Roll darauf hingewiesen, dass die Emission von Salzburger Turmtalern aus dem Jahr 1593 mit ihren vielen auch kleineren Stückelungen durchaus in den Kontext einer Geldverteilung an die Truppen passen könnte. Auch die leicht abgewandelte Umschrift wäre damit erklärt. War die Devise der ersten Turmprägungen - Auf den Herrn hoffend werde ich nicht schwach werden - ein Postulat für die Zukunft, drückte die Emission von 1593 die Tatsache aus, dass Wolf Dietrich diese Absicht erfüllt hatte und 1593 nicht schwach geworden war.
Ein Blick auf die Decke der Sala Terrana in der Residenz von Salzburg. Foto: Matthias Kabel, cc-by 3.0.
In dieser Funktion hatte Wolf Dietrich von Raitenau einen enormen Einfluss, den er sehr zum Ärger vor allem des bayerischen Herzogs nicht dazu einsetzte, den Kaiser zu Zugeständnissen zu zwingen. Im Gegenteil, Wolf Dietrich von Raitenau war instrumental daran beteiligt, dass eine Mehrheit im Reichstag der Zahlung von Subsidien zustimmte. Kaiser Rudolf II. erhielt Gelder in Höhe von 84 Römermonaten. Ein Römermonat entsprach 277 Mann zu Fuß, 60 Reitern oder einer Barzahlung in Höhe von 1.828 Gulden.
Am 7. Juli 1594 endete der Reichstag. Vom 24. August 1594 datiert das Diplom, in dem Kaiser Rudolf II. der Familie Raitenau Standeserhöhung und zusätzliche Privilegien gewährt. Ein Schelm, der Übles dabei denkt und einen Zusammenhang sieht.
Salzburger Bischof und Calvinisten: Das seltsamste Bündnis im Reich
Es ist also durchaus plausibel, dass die Münzen des 2. Typs für die Salzburger Truppen geprägt wurden. Allerdings sollte man bei der großen Zahl an erhaltenen Stücken auch überlegen, ob Wolf Dietrich von Raitenau nicht kurzfristig die Münzbilder seiner Umlaufmünzen ändern ließ, um seine Teilnahme am kaiserlichen Feldzug in ein gebührendes Licht zu stellen.
Wolf Dietrich von Raitenaus Auftritt in Regensburg
Was ist nun mit den Turmprägungen des Jahres 1594? Sollten die Truppen damit noch einmal entlohnt werden? Natürlich nicht. Diese Münzen stehen in einem anderen Zusammenhang. Schließlich hatte Kaiser Rudolf II. im Herbst 1593 einen Reichstag einberufen, der im Frühjahr des Jahres 1594 zustande kam. Wolf Dietrich von Raitenau nahm daran selbst mit einem großen und prächtigen Gefolge teil. Im Rahmen so eines Reichstages kam es zu einem verstärkten Austausch von diplomatischen Geschenken, und wir dürfen annehmen, dass der Salzburger Erzbischof dafür sorgte, dass er einen großen Vorrat davon hatte. Dafür griff er auf die Devise von 1590 zurück.
Wolf Dietrich von Raitenau spielte eine große Rolle während des Reichstages. Er war als Fürsterzbischof von Salzburg der ranghöchste geistliche Fürst und leitete abwechselnd mit dem Erzherzog von Österreich, also dem Kaiser bzw. seinem Vertreter, die Versammlung der geistlichen Fürsten.
Aber bei diesem guten Einvernehmen blieb es nicht. Der Kaiser (bzw. seine Verwaltung) und Wolf Dietrich von Raitenau zerstritten sich gründlich. Zunächst über die Taxe, die für das Diplom zu zahlen war. Eine Gebühr zu zahlen, war üblich. Die Höhe dieser Gebühr wurde jedes Mal neu verhandelt. Und die 1.500 Gulden, die die kaiserlichen Beamten forderten, schienen Wolf Dietrich unverschämt.
Dann weigerte er sich auch noch, seinen Anteil an den Subsidien für den Kaiser zu zahlen. Wolf Dietrichs Argument: er habe schließlich bereits 1592 mehr als seinen Teil freiwillig beigetragen. Die Fronten verhärteten sich derart, dass Wolf Dietrich während der kommenden Reichstage von 1598 und 1603 auf der Seite von Protestanten und Calvinisten stand, die sich weigerten, den Beschluss der katholischen Mehrheit für sich zu akzeptieren. Ihre Argumentation ging dahin, dass man einen Reichsstand, der sich gegen eine Subsidienzahlung ausgesprochen habe, nicht zwingen könne, diese zu zahlen, auch wenn die Mehrheit sich einverstanden erklärt habe.
Der Salzburger Fürsterzbischof unterstützte die reformierte Position mit all seiner Autorität – ein ungewöhnliches Bündnis, das erahnen lässt, warum es Maximilian von Bayern, dem engsten Verbündeten der Habsburger im 30jährigen Krieg, so problemlos gelang, den kaiserkritischen Fürstbischof im Jahr 1611 abzusetzen.
Prag, um 1603. KHM / Wien. Foto: KW.
Porträt des Wolf Dietrich von Raitenau aus dem Jahr 1597.
Literatur
Reinhard R. Heinisch, Türkenkrieg und Biblische Kriegsordnung. In: Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau. Gründer des Barocken Salzburg. Salzburger Landesausstellung 1987, S. 66-69
Franz Martin, Beiträge zur Geschichte Erzbischofs Wolf Dietrich von Raitenau. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 51 (1911), S. 209-336
Die Lira Tron: Vorbild für viele –nur nicht für die Urheber
Von Ulrich Heide
Abb. 1: Blick vom Campanile der Kirche San Georgio Maggiore auf das historische Zentrum von Venedig, im Hintergrund die Alpen. An der Wasserfront von links: Gebäude der Zecca (Münze), Biblioteca Nazionale Marciana, Piazzetta und dahinter Piazza di San Marco mit dem Campanile, Dogenpalast (dahinter die Kuppeln der Basilica di San Marco) und Prigioni (Gefängnis) (Photo UH).
Diese Münze und ihre Geschichte stehen gleichermaßen für die geldpolitische und wirtschaftliche Innovationskraft wie für das verfassungsrechtliche Beharrungsvermögen der Republik Venedig (Abb. 1).
Eine höchst innovative, aber für Venedig sehr kurzlebige Münze: Die Lira Tron
Keine andere relevante venezianische Münzprägung war von so kurzer Dauer wie die der Lira Tron, und nur wenige andere hatten einen größeren (auch internationalen) Nachhall. „In der zweiten Hälfte des 15. Jh. ging mit den Testonen die Entwicklung noch schwererer und damit werthöherer Silbermünzen als der Groschen ebenfalls von Italien aus. Venedig ist in dieser Beziehung mit seiner Lira Tron wiederum Vorreiter.“ 1
So beschreibt Bernd Kluge eine numismatische Innovation, die dem Münzsammler und anderen Kunstinteressierten ausnehmend schöne Renaissance-
Münzen bescherte. Wie Bernd Kluge zurecht feststellt, ist die Lira Tron die Vorreiterin zahlreicher (zunächst) italienischer Prägungen, die gemeinhin als Testonen bezeichnet werden. Sie alle zeigen den Herrscher oder (weit seltener) die Herrscherin im Profil und viele dieser Münzen zählen zu den schönsten Prägungen der frühen Neuzeit. 2 War die Lira Tron also das ikonografische Vorbild für zahlreiche Münzprägungen in Europa, so blieb sie in Venedig solitär.
Auch deshalb ist die Prägung der Lira Tron und die weitere Entwicklung dieses Münzentyps gleich unter mehrerlei Gesichtspunkten bemerkenswert. Der weitere Umgang mit dieser Münzinnovation in Venedig lässt tiefe Einblicke in die Staatsidee und die Verfassungswirklichkeit der Republik Venedig, der Republik des Heiligen Markus, zu. Gleichzeitig ist die Lira Tron aber auch aus einer engeren geldgeschichtlichen Betrachtung bemerkenswert.
Mit der Lira Tron wurde erstmals aus der seit der Münzreform Karl des Großen (768-814) als Rechnungseinheit bzw. Rechnungsmünze existierenden Lira eine real geprägte wertige Silbermünze. 3 Gleichzeitig war die Lira Tron die erste und (fast) einzige Porträtmünze Venedigs 4 und die erste Porträtmünze der Renaissance überhaupt (Abb. 2 und 3).
Frühere Darstellungen von Herrscherpersönlichkeiten auf Münzen im Mittelalter, wie das Bildnis des staufischen Königs von Sizilien und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Friedrichs II. auf den römische Goldprägungen aufgreifenden Augustalen, waren idealisierte Darstellungen, die wenig mit realistischen Porträts gemein hatten.
Mit der Einführung der Lira Tron am 27. Mai 1472 wurde eine Münze in Umlauf gebracht, die den –auch außerhalb des Fernhandels – gewachsenen geldwirtschaftlichen Ansprüchen der damals prosperierendsten und reichsten Stadt Europas entsprach. Im selben Kontext wurden durch den mächtigen „Rat der Zehn“, der die Neuregelung des Münzwesens erst am 13. Mai übernommen hatte, weitergehende Beschlüsse auch hinsichtlich einer Neufestlegung des Soldino und zur faktischen Abschaffung des Grosso als Umlaufmünze getroffen. 5
Die neu geschaffene Lira-Münze hatte ein Gewicht von 6,52 Gramm bei einem Feingehalt von 948/1000 Silber und entsprach somit 6,18 Gramm reinem Silber. Sie zeigt auf der Vorderseite das Profilbild des Dogen mit der Umschrift: NICOLAVS TRONVS DVX. Die Rückseite bildet den geflügelten Markuslöwen im Schild mit der Umschrift: SANCTVS MARCVS ab. Der Wert der Münze wurde mit 20 Soldi festgelegt.
Offenbar entsprach die Lira-Münze dem wirtschaftlichen Bedarf und wurde rasch akzeptiert. „Die Prägung scheint bei der Bevölkerung sofort Anklang gefunden zu haben; schon Dokumente des folgenden Jahres erwähnen ihren volkstümlichen Namen Trono, ein Name, der sich über Jahrhunderte erhalten hat, …“ 6 – eine Aussage, die für die Ikonografie dieser interessanten Münze eindeutig nicht zutrifft, zumindest nicht für weitere Prägungen der Republik Venedig.
Das republikanische Selbstverständnis Venedigs
Die Porträtdarstellung des Dogen auf einer venezianischen Münze widersprach dem Selbstverständnis der Republik und der sie tragenden venezianischen Aristokratie. Diese hatte seit dem 12. Jahrhundert alles darangesetzt, die Herrschaft einer einzelnen Familie und damit die Etablierung
1,5:1
Abb. 2: 1 Lira (Lira Tron), o. J. (1472-1473), 28 mm, 6,5 g: NICOLAVS TRONVS DVX; Büste des Dogen n. l., darunter drei Blüten // SANCTVS MARCVS; Markuslöwe sitzend (Sammlung UH).
1,5:1
Abb. 3: 1 Bagattino, o.J. (1471-1473), 19 mm, 2,75 g: NICOLAVS TRONVS DVX, Kopf des Dogen n. l.// SANCTVS MARCVS; Markuslöwe n. l. schreitend mit Fahne (Sammlung UH).
1 B. Kluge, Numismatik des Mittelalters. Handbuch und Thesaurus Nummorum Medii Aevi, Berlin/Wien 2007, 124.
2 Vgl. Kluge (Anm. 1), 370 f.
3 Vgl. H. Kahnt, Das große Münzlexikon, Regenstauf 2005, 257.
4 Die Lira Tron ist die einzige in Umlauf gebrachte silberne Porträtmünze der Republik Venedig. Unter dem Dogen Nicolò Tron wurde daneben eine Kupfermünze mit seinem Porträt, der Bagattino geprägt. Eine Bagattino-Prägung mit Porträt gab es schon bei seinem Vorgänger Christoforo Moro (1462 – 1471), dies aber wohl nur als Probe. Ebenfalls nur als Probe existiert eine halbe Lira mit Tron-Porträt.
5 Vgl. R. Paolucci, Le monete dei dogi di Venezia, Padova 22001, 44.
6 E. E. und V. Clain-Stefanelli, Münzen der Neuzeit, München 1978, 32.
einer (Erb)-Monarchie zu verhindern. Und dies war ihr im Gegensatz zu allen anderen mittelalterlichen Stadtrepubliken Italiens auch gelungen. Weder konnte sich in Venedig eine Familie zur herrschenden aufschwingen, noch gelang es einer anderen italienischen oder gar außeritalienischen Macht, Venedig zu unterwerfen.
Hierfür dürften nicht zuletzt die Staatsidee und die Verfassung, wie man es heute nennen würde, ausschlaggebend gewesen sein. Dabei gilt, dass „Venedig … kein geschriebenes Grundgesetz, keine schriftlich in einem einzigen Dokument niedergelegte Verfassung, mit der alle anderen Gesetze übereinzustimmen hatten, (besaß). Am nächsten kam ihr noch in der Frühzeit die Promissione, der Amtseid des Dogen. … Man kann jedoch von der venezianischen Verfassung in der gleichen Art sprechen wie von der britischen, die ebenfalls nicht in einem einzigen Dokument niedergelegt ist, sondern sich in verstreuten Gesetzen und zum Teil in Bräuchen und Gewohnheiten findet, die seit langem beobachtet werden. Die Gewohnheit war in gleicher Weise bedeutend bei der Definition der Machtbefugnisse und Verfahrensweisen der verschiedenen Regierungsorgane Venedigs. … Mit einigen wenigen Hinzufügungen und einer Tilgung wurden die Grundlinien, die sich bereits im dreizehnten Jahrhundert klar erkennen lassen, bis 1797 beibehalten“. 7
Zu diesen Grundsätzen zählte die formale Gleichheit aller adligen Familien. Alle männlichen Mitglieder der dem Adel angehörenden Familien zählten ab ihrem 25. Lebensjahr zu den Mitgliedern des Großen Rates, des Maggior Consiglio. Dieses damit naturgemäß größte Gremium der Republik (Abb. 4) wählte den Dogen, die politischen Räte und den Großkanzler, einen bürgerlichen Cittadino originaro. 8 Die Botschafter im Ausland wurden vom Großem Rat ebenso bestimmt wie der Oberbefehlshaber der Marine. Der Große Rat konnte Gesetze erlassen und musste bei allen Gesetzesvorhaben beteiligt werden. Trotz der real vorhandenen erheblichen Unterschiede zwischen verschiedenen adligen Familien hinsichtlich ihrer Abstammung, hinsichtlich ihres (teils extremen) Reichtums und hinsichtlich ihres Einflusses (etwa, weil die Familie schon Dogen gestellt oder regelmäßig andere Spitzenpositionen bekleidet hatte) führte diese formale Egalität fast so etwas wie ein demokratisches Element in die venezianische Verfassungswirklichkeit ein. Schließlich zählten zu unterschiedlichen Zeiten zwischen tausend und mehr als zweitausend Mitglieder zu diesem erlauchten Kreis des Großen Rates. Für mittelalterliche (und frühneuzeitliche) Verhältnisse war dies eine erstaunliche Partizipationsquote. 9
Und gerade bei den einflussreichsten aristokratischen Familien scheint es seit dem 12. Jahrhundert einen breiten Konsens in der Ablehnung jeder Form von
Abb. 4: Saal des Großen Rates (Sala del Maggior Consiglio) im Dogenpalast; hinten das Podest mit den Plätzen des Dogen und seiner sechs Ratgeber, dahinter das Gemälde ,Das Paradies‘ von Jacobo Tintoretto (Photo UH).
1,5:1
Abb. 5: Silbermedaille aus dem Jahr 1791 von Antonio Schabel, 41 mm, 28,7 g; BENIGNA EST, OMNIA SVSTINET ([Die Liebe] ist gütig, sie erträgt alles). Im Abschnitt: A(ntonio) SCHABEL F(ecit); Eine weibliche Figur, die die Nächstenliebe darstellt, sitzt n. r. blickend links. Sie hält im linken Arm ein stillendes Kind und umarmt mit der rechten Hand ein weiteres; ein drittes Kind rechts hält das Symbol der Scuola // CONIVRATORVM MANV A(nno) MCCCX AD FORVM
LVCAE S(ancti) FVGATA (Nachdem die Schar der Verschwörer im Jahre 1310 beim Forum des Heiligen Lukas in die Flucht geschlagen wurde), im Abschnitt: VIVIANO CONSTANTINIO M(agno) PRAEF(ecto) (Unter dem Großmeister Vivianus Constantinius); Blick auf den Campo San Luca, auf dem Boden liegen die von den Verschwörern zurückgelassenen Waffen; in der Mitte des Platzes ein Fahnenmast mit dem Banner der Scuola Grande di Santa Maria della Carità. (Sammlung UH).
Alleinherrschaft gegeben zu haben. Historisch sind jedenfalls danach nur zwei ernsthafte Putschversuche gegen die verfassungsmäßige Ordnung aus der großen Gruppe der Adligen bekannt geworden.
Nur zwei Angriffe auf die republikanische Ordnung Venedigs von innen
Der erste Versuch im Jahre 1310 wird vor allem mit Baiamonte Tiepolo verbunden. Er stammte aus einer der sogenannten apostolischen Familien Venedigs, die bereits seit Jahrhunderten zu den angesehensten und einflussreichsten Familien zählten. Sein Urgroßvater Jacopo Tiepolo war ebenso Doge (1229 – 1249) gewesen wie sein Großvater Lorenzo Tiepolo (1268 – 1275).
Nach dem Tod des Dogen Giovanni Dandolo (1280 – 1289) 10 galt auch sein Vater Giacomo Tiepolo als aussichtsreicher Kandidat, nicht zuletzt, weil die beiden vorausgegangenen Dogen der Familie auch in der Bevölkerung sehr beliebt gewesen waren. Den einflussreichen Familien schien allerdings Pietro Gradenigo der geeignetere Kandidat, ebenfalls aus einer der apostolischen Familien stammend. Jedenfalls wurde Pietro Gradenigo (1289 – 1311) am 25. November 1289 zum Dogen gewählt. In seiner Regierungszeit wurde 1297 die Serrata (die Schließung des Großen Rates) beschlossen und damit die politische Herrschaft dauerhaft einer nun festgeschriebenen Gruppe adliger Familien vorbehalten. Damit wurde ein faktisch längst eingeführtes Prinzip formal bestätigt und erhielt Verfassungsstatus.
7 F.C. Lane, Seerepublik Venedig, München 1980, 154 f.
8 Ebd. 234 und 274.
9 Venedig hatte eine Gesamtbevölkerung von ca. 150.000 Einwohnern. Es darf unterstellt werden, dass 50 Prozent der Bevölkerung weiblich und ein erheblich größerer Teil als heute jünger als 25 Jahre alt war. Daraus lässt sich schließen, dass gut fünf Prozent der männlichen Bevölkerung über 25 Jahren in die politischen Entscheidungsprozesse eingebunden gewesen sein dürften.
10 In der Regierungszeit Giovanni Dandolos wurde der venezianische Ducato eingeführt. Der entsprechende Beschluss des Großen Rates datiert vom 31. Oktober 1284, die ersten Ducati-Prägungen erfolgten aber wohl erst im Frühjahr 1285. Vgl. Paolucci (Anm. 5), 22.
Neben internen Konflikten wegen der Serrata, gegen die sich noch weitere Jahre Widerstand erhob, führten äußere Konflikte zunächst mit Padua und dann mit Ferrara und dem Papst zu Spannungen, die in der Einführung einer Erbmonarchie hätten münden können. Anführer des Umsturzversuches waren neben Baiamonte Tiepolo, der sich in der Stadt großer Beliebtheit erfreute und den Beinamen „der große Ritter“ trug, dessen Schwiegervater Marco Querini und Mitglieder der Familie der Badoer. Unterstützt wurden sie von einer Gruppe der Popolanen, die beim vorherigen Wahlmodus durch Akklamation der Volksversammlung (Arengo) an der Dogenwahl beteiligt waren und die sich jetzt von der Teilnahme an der Macht ausgeschlossen sahen.
Der Doge hatte aber frühzeitig von der Verschwörung erfahren und konnte Gegenmaßnahmen einleiten. Ein Unwetter am Festland und über der Lagune verhinderte das Eintreffen von Mitverschwörern Tiepolos. Neben den offiziellen Polizeikräften der Republik kämpften auch Bürger wie Mitglieder der Scuola Grande della Carità (Abb. 5) gegen die Verschwörer, und das tatkräftige Eingreifen einer nahe des Markusplatzes wohnenden
Abb. 6: Halbskulptur der in der Überlieferung Giustina Rossi genannten Hausfrau mit Steinmörser in der Merceria hinter dem Uhrturm, Venedig (Photo UH).
Hausfrau (Abb. 6), die den Fahnenträger Tiepolos mit einem Küchenmörser niederstreckte, tat ein Übriges. 11 Kurzum, der Putschversuch scheiterte, Marco Querini wurde bei den Kämpfen getötet, Badoero Badoer wurde gefangen genommen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Baiamonte Tiepolo selbst erging es besser, er wurde nebst anderen Mitgliedern des Großen Rates nur ins Exil geschickt, wo er nach zahlreichen weiteren Versuchen, in Venedig zu intrigieren, 1328 vermutlich keines natürlichen Todes starb.
Von der Revolte blieb auf Dauer vor allem die Einrichtung des Rates der Zehn (Consiglio dei Dieci). Ursprünglich als temporärer Sondergerichtshof zur Aburteilung der Verschwörer gedacht, blieb das Gremium als eine Art Staatsgerichtshof mit deutlich exekutiven Aufgaben bis zum Ende der Republik 1797 bestehen, also bescheidene 487 Jahre: ein schönes Beispiel für das Beharrungsvermögen einmal eingeführter bürokratischer Strukturen.
Die zweite Verschwörung gegen die Verfassung der Republik im 14. Jahrhundert war die des Dogen Marino Faliero (1354 – 1355) im Jahr 1355. Wohl eher aufgrund persönlicher Kränkungen, die nach privater Rache schrien, als mit besonnenem Kalkül auf Errichtung einer Alleinherrschaft strebte auch Faliero einen Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung an. Sein Versuch scheiterte ebenso kläglich wie der Tiepolos. Faliero wurde noch am Tage der Entdeckung seines Plans hingerichtet.12
Sein Putschversuch wird auch heute noch nahezu allen Besuchern des Dogenpalastes in Erinnerung gerufen. Im Fries mit den Dogenporträts im Saal des Großen Rates sieht man bis heute gegenüber dem herausgehobenen Platz des Dogen und seiner Ratgeber ein aufgemaltes schwarzes Tuch (Abb. 7) mit der Schrift: „HIC EST LOCVS MARINI FALETRO DECAPITATI PRO CRIMINIBVS (Dies ist der Platz von Marino Faliero, der für seine Verbrechen enthauptet wurde).
Der Staat des Heiligen Markus und die von ihm abgeleitete Macht des Dogen
So viel zum letzten ernsthaften Versuch von Mitgliedern des venezianischen Adels, eine Alleinherrschaft zu etablieren. Der weitgehende Verzicht auf das in anderen Stadtrepubliken vorherrschende Machtstreben einzelner Familien wurde offensichtlich auch durch die Staatsidee gezügelt. Denn nach dieser war der Evangelist Markus als Stadtpatron (Abb. 10) der eigentliche Herrscher Venedigs und der Doge „nur“ sein irdischer Repräsentant. Diese Staatsidee wurde bis zur Prägung der Lira Tron gerade durch die wichtigsten Münzprägungen der Republik (den Grosso seit dem Ende des 12. Jahrhunderts und insbesondere durch den Ducato seit 1285) bildlich herausgestellt. Auf der Avers-Seite beider Münzen wird die Investitur des Dogen, des Repräsentanten der venezianischen Adelsrepublik, durch den Staatsheiligen, den Heiligen Markus, dargestellt (Abb. 8 und 9). Die Idee eines unmittelbaren Treue- und Legitimationsverhältnisses
Abb. 7: Fries mit den Porträts von 76 Dogen, überwiegend von Domenico Tintoretto im Saal des Großen Rates im Dogenpalast. Ausschnitt mit dem Dogen Andrea Dandolo und einem schwarzen Tuch, das auf Marino Faliero hinweist (Photo UH).
Abb. 8: 1 Grosso / Matapan des Dogen Pietro Ziani (1205-1229) o. J., 20 mm, 2,1 g: + P ZIANI DVX S. M.VENETI; St. Marcus (rechts) übergibt dem Dogen (links) die Herzogsfahne // Thronender Christus mit Christus-Monogramm IC XC (Sammlung UH).
zwischen Venedig und seinem Stadtheiligen findet hier ihre bildhafte Ausgestaltung. Die Amtseinführung des Dogen durch den Heiligen wird durch das reversseitige Christusbild nochmals erhöht und führt zur Inanspruchnahme des christlichen Glaubens durch bzw. für den Staat. 13 Durch die Evozierung des Christusbildes wird die Anwesenheit des Gottessohnes bei der Einsetzung des Dogen unterstellt. Stadt und Staat stehen also nicht nur unter dem besonderen Schutz des Evangelisten Markus. „Der Doge erhält, stellvertretend für die Republik, seine Autorität direkt von Christus, … Der Staat des Heiligen Markus befindet sich also unmittelbar zu Gott“. 14
Abb. 9: 1 Dukat des Dogen Pietro Gradenigo (1289-1311) o.J., 20 mm, 3,55 g: PE GRADONICO D/V/X S M VENETI; Der Doge kniet vor San Marco // Christus in Mandorla (5 [4 sichtbar] Sterne rechts, 4 Sterne links), Umschrift: SIT T(ibi) XP(rist)E DAT(us), Q(uem) TV REGIS, ISTE DVCAT(us). (Es sei Dir, Christus, dieses Herzogtum, das Du regierst, anvertraut). (Sammlung UH)
11 Vgl. hierzu: A. Zorzi, Venedig. Die Geschichte der Löwenrepublik, Hildesheim 21992, 169 ff. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte der Hausfrau mit dem Steinmörser, der immer noch mit einem Halbrelief hinter dem Uhrturm gedankt wird.
12 Vgl. Zorzi 1992 (Anm. 11), 206 ff.
13 Eine gute Darstellung dieses Zusammenhangs findet sich in C. Fritsch, Der Markuskult in Venedig. Symbolische Formen politischen Handelns in Mittelalter und früher Neuzeit, Berlin 2001, 163 ff.
14 Ebd. 175.
Abb. 10: Der Markuslöwe und darüber die Statue des Heiligen Markus bekrönen das mittlere Portal der Fassade der Basilica di San Marco, Venedig (Photo UH).
Abb. 11: Marcello oder Mezza Lira des Dogen
Nicolò Marcello (1473-1474), o.J., 25 mm, 3,03 g:
NI MARCELL D/V/X S M VENETI; Doge kniet vor San Marco, Titelumschrift:, im Feld Z(uanne) T(ojapira) // TIBI LAVS GLORIA (Dir sei Lob und Herrlichkeit); auf Thron sitzender Christus (Sammlung UH).
Abb. 12: Marcello oder Mezza Lira des Dogen
Pietro Mocenigo (1474-1475), o. J.; 26 mm; 3,25 g:
PE MOCENIGO D/V/X S M VENETI; Doge kniet vor San Marco, im Feld P(aolo) M(alipiero) // TIBI SOLI GLORIA (Dir allein gebührt der Ruhm); auf Thron sitzender Christus (Sammlung UH).
Abb. 13: Probe einer Lira unter dem Dogen
Nicolò Marcello (1473-1474), o. J.; 29 mm, 6,4 g: NI MARCELL D/V/X S M VENETI retrograd; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco. // TIBI LAVS ET GLORIA (Lob und Ruhm sei Dir!); thronender Christus (Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Münzkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, 18204425).
Diese Staatsidee, die in den Münzen – als den am weitesten verbreiteten Bildmedien – einen frühen und deutlichen Ausdruck fand, dürfte zudem einen maßgeblichen Beitrag zur sozialen Stabilität der Commune Venetiarum geleistet haben. San Marco war der Staatsheilige aller Venezianer. Und alle, die Handwerker, die Händler, die Patrizier und der Doge selbst, huldigten gemeinsam dem Heiligen –und nicht die Untertanen dem Dogen (Herzog).
Der venezianische Umgang mit der revolutionären Lira Tron
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welchen Bruch mit der bisherigen Münzprägung der Republik und damit dem ikonografisch vielfach dokumentierten Selbstverständnis des Staates die Prägung der Lira Tron darstellte. Dies wirft die Frage auf, wie es überhaupt zu dieser Prägung hat kommen können. Es ist eine Frage, zu der der Autor bislang allerdings keine befriedigende Antwort gefunden hat. Natürlich wird beständig darauf hingewiesen, dass es nach Nicolò Tron keine weiteren Porträtdarstellungen von Dogen auf Münzen mehr gab und man ikonografisch auf die drei bzw. zwei Jahrhunderte zuvor eingeführten Grossi bzw. Ducati zurückgriff. „Kurz nach Trons Tod beschloss man, dass der Doge nur unpersönlich – als eine symbolische Figur, vor dem Heiligen Markus kniend – auf Münzen erscheinen durfte“. 15 Berücksichtigt man das zum Staatverständnis und zur früheren Münzprägung der Serenissima Gesagte, kann diese Entscheidung nicht verwundern, sie ist im Rahmen der Verfasstheit der Republik nur logisch und konsequent.
Gleichzeitig steht die Beibehaltung der Lira-Prägung für den Realitätssinn und Pragmatismus der Entscheidungsträger der Republik. Die schwerere Silbermünze „Lira“ hatte sich schon nach kurzer Zeit als sinnvoll erwiesen, also wurde ihre Prägung nicht als bedauerlicher Irrtum eingestellt oder gar verdammt. Vielmehr kombinierte man die wirtschaftlich notwendige und sinnvolle neue Münze mit den eingeführten und bewährten Münzbildern.
Abb. 14: Mocenigo oder Lira des Dogen Pietro Mocenigo (1474-1475), o. J.; 31,5 mm, 6,5 g; PE(tro) MOCENIGO D/V/X S MARCVS V; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco // TIBI SOLI GLORIA (Die allein gebührt der Ruhm); stehender Christus, darunter F(ranceso) B(uffo). (Sammlung UH).
15 E.E. und V. Clain-Stefanelli (Anm. 6) 32.
Abb. 15: Mocenigo oder Lira des Dogen Andrea Vendramin (1476-1478), o.J. (1476); 32 mm, 6,3 g: AND VENDRAMINVS D/V/X SANCTVS MARCVS V; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus, darunter M(arco) P(izzamano) (Sammlung UH).
Abb. 16: Mocenigo oder Lira des Dogen Giovanni Mocenigo (1478-1485), o. J.; 31 mm, 6,4 g; IO(hannes) MOCENIGO D/V/X S M VENETI; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco. // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus (Sammlung UH).
Bereits unter dem unmittelbaren Nachfolger Trons, dem Dogen Nicolò Marcello (1473 – 1474), wurde eine halbe Lira (Mezza Lira auch unter dem Namen Lira Marcello bekannt) eingeführt, als neue Standardmünze konzipiert und offenbar so häufig geprägt, dass sie –im Gegensatz zur Lira Tron und erst recht zur nur als Probe realisierten halben Lira Tron – auch heute häufig zu finden ist (Abb. 11 und 12). Diese Münze hatte ein Gewicht von 3,26 Gramm bei einem Feingehalt von 948/1000 Silber und entsprach somit 3,09 Gramm reinen Silbers. Auf der Avers-Seite kniet der Doge rechts vor dem stehenden San Marco, der ihm den Vessillo als Zeichen der Herrschaft überreicht. Die Umschrift: NI MARCELL DVX S. M. VENETI (bzw. später die Namen weiterer Dogen) – Nicolò Marcello, Doge, Heiliger Marcus von Venedig – verweist auf den jeweiligen Dogen und auf den Heiligen Markus als Patron und eigentlichen Herrscher Venedigs. Diese Seite entspricht im Bildaufbau der Vorderseite des 190 Jahre zuvor eingeführten Ducato, der mit dieser Bildsprache bis 1797 geprägt wurde. Die Revers-Seite zeigt frontal Christus auf dem Thron sitzend und entspricht ikonografisch der Revers-Seite des Grosso, wie er seit 1195 geprägt wurde.
In der kurzen Regierungszeit Nicolò Marcellos gab es bereits Überlegungen zu einer neuen Lira-Prägung, die allerdings nicht über das Stadium von Proben hinausgelangte. Das einzige bekannte Exemplar einer
solchen Probe befindet sich im Münzkabinett im Bode-Museum in Berlin (Abb. 13).
Neue, aber republikkonforme Lira-Münzen Venedigs
Die ersten neuen Lira-Münzen für den Umlauf wurden (bekannt als Lira Mocenigo) unter Nicolò Marcellos Nachfolger geprägt, dem Dogen Pietro Mocenigo (1474 – 1476). In Gewicht und Feingehalt entsprachen sie exakt der Lira Tron. Die Zaine wurden aber offensichtlich etwas dünner geschlagen, denn die Lira MocenigoMünzen sind größer als ihr Vorgänger. Die Lira Tron hatte in der Regel einen Durchmesser von 28 mm, die Lira Mocenigo einen von 32 mm und mehr.
Wie die Lira Marcello zeigt die Lira Mocenigo auf der Avers-Seite den knienden Dogen rechts vor dem links stehenden San Marco, der dem Dogen den Vessillo überreicht (Abb. 14). Die Umschrift: PE MOCENIGO DVX S MARCVS V(eneti) verweist wiederum auf den Dogen und den Heiligen Markus. Die Revers-Seite variiert die Revers-Seite des Ducato. Wie dort sehen wir einen frontal stehenden Christus, allerdings nicht in der Mandorla. Der Erlöser segnet mit der rechten Hand und hält einen Kreuzglobus in der Linken. Die Umschrift: TIBI · SOLI · GLORIA führt aus, dass allein Christus Ruhm und Ehre gebühren.
Mit der Lira Mocenigo und der halben Lira Marcello wurde dem wirtschaftlichen Bedarf entsprochen und gleichzeitig zur tradierten Ikonografie der ersten venezianischen Standardmünze Grosso und insbesondere zum Ducato zurückgekehrt, der 512 Jahre mit der immer gleichen Bildsprache geprägt wurde (vgl. Abb. 9). Der Doge wird nicht mehr porträtiert, vielmehr erscheint er als Symbolfigur, die vor dem Heiligen Markus kniet und von diesem den Vessillo als Zeichen der Herrschaft erhält. Auf der ReversSeite beider Münzen ist Christus dargestellt, auf der Lira stehend segnend, auf der halben Lira thronend segnend. Christus segnet also wieder die Einsetzung des Dogen durch den Evangelisten Markus und damit natürlich auch das Herrschaftsgebiet des Dogen, die Republik des Heiligen Markus.
Man könnte also sagen: Alles wieder in bester Ordnung. Und so kann es auch nicht verwundern, dass der Münztypus der Lira Mocenigo gut 100 Jahre geprägt wurde, von 1474 bis zum Dogen Alvise I. Mocenigo (1570 – 1577) (Abb. 14-21). Nur drei (mit einer Gesamtregierungszeit von fünf Jahren) der sechzehn Dogen, die in diesen 100 Jahren regierten, ließen keine Lira-Münzen prägen, wobei die Prägezahlen nach der Einführung einer ersten Taler-Münze unter dem Dogen Gerolamo Priuli (1559 – 1567) deutlich zurückgingen.
Zum späteren Umgang mit der Lira Tron: Einzug oder Weiterverwendung?
Aber noch einmal zurück zur Lira Tron und der zumindest von Clain-Stefanelli aufgestellten Behauptung: „diese Münze (wurde) nach dem Tod des Dogen aus dem Verkehr gezogen …: das Bildnis des Dogen auf Münzen galt als Verstoß gegen die freiheitsliebende Tradition des Staates“. 16 Angesichts der Staatsidee und der daraus folgenden Entscheidungen zur Veränderung der Lira Prägung könnte man dies zwar vermuten, aber es gibt keine belastbaren Belege wie zum Beispiel Anordnungen oder Beschlüsse über eine Einziehung der Lira Tron, zumindest werden sie von Clain-Stefanelli nicht angeführt, und der Autor hat solche auch an keiner anderen Stelle gefunden.
Aber nicht nur fehlende Belege sprechen gegen die Vermutung, die Lira Tron sei „aus dem Verkehr gezogen“ worden. Zwar zählt die Lira Tron mit dem Seltenheitsgrad R (raro) nicht zu den häufigen Münzen,17 von denen es in der langen und reichen Prägegeschichte
Abb. 17: Mocenigo oder Lira des Dogen
Agostino Barbarigo (1486-1501), o. J. (1498-1499); 33 mm, 6,4 g: AVG(ustus) BARBADIGO D/V/X S MARCVS VENET; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus, darunter M(arco) C(igigna) (Sammlung UH).
Abb. 18: Mocenigo oder Lira des Dogen
Leonardo Loredan (1501-1521), o. J. (1508-1509); 33 mm, 6,3 g: LEONAR LAUREDAN D/V/X S M VENET; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus, darunter ST(efano) L(oredan) (Sammlung UH).
Venedigs etliche gibt. Nicolò Tron regierte aber nur von Ende November 1471 bis Ende Juli 1473 gerade einmal 20 Monate, wobei die Lira Tron nur knapp 14 Monate geprägt wurde. Dies dürfte – bei aller Popularität der Münze – die Prägezahlen begrenzt haben. Der Ducato Nicolò Trons wird im Übrigen in beiden aktuellen Katalogen von Paolucci und Montenegro mit R3 angegeben und ist damit deutlich seltener als die Lira Tron.
Schließlich finden sich keine Hinweise darauf, dass Nicolò Tron Ambitionen hinsichtlich einer Alleinherrschaft – deren ikonografischer Ausdruck die Porträtmünze hätte sein können –gehabt habe. Vielmehr beschreibt Alvise Zorzi die politischen Ambitionen Trons und seiner unmittelbaren Nachfolger als eher gering. „Auf dem Dogenthron lösten sich nach dem Tod … (Christoforo Moros) uralte und steinreiche Edelleute von geringem politischem Einfluss ab. Nach der vierunddreißigjährigen Herrschaft Francesco Foscaris zog es das Patriziat vor, diejenigen vom höchsten Amt fernzuhalten, die es versucht und verstanden hätten, mit Hilfe des Amtes ihre eigenen Ideen durchzusetzen, sowie auch diejenigen, die zu jung und bei zu guter Gesundheit waren und einen möglichen Wechsel an der Spitze des Staates zu lange hätten blockieren können. … So sehen wir wie …(auf) Cristoforo Moro Nicolò Tron nachfolgte, der zweiundsiebzigjährige Vater jenes Giovanni, den die Türken in Negroponte bei lebendigem Leib hatten entzwei sägen lassen, und auf Tron folgte Nicolò Marcello, ein sehr erfahrener Finanzmann …. Nach dem Tode Marcellos wurde Pietro Mocenigo zum Dogen gewählt, ein greiser und tapferer Admiral, und nach dessen Tod, kaum zwei Jahre später, sogar ein Dreiundachtzigjähriger, Andrea Vendramin. All diese vier ehrwürdigen Herren haben großartige Grabmäler (Abb. 22 bis 25) hinterlassen, die gleichermaßen ihren Reichtum und ihren guten Geschmack sowie den ihrer Nachkommen bezeugen“. 18
Was Zorzi mit diesem wohldosierten Lob vor allem sagen will: Nicolò Tron und seine Nachfolger dachten nicht im Traum daran, eine der Verfassung widersprechende Alleinherrschaft anzustreben. Weshalb hätte man also die Erinnerung an ihn, z.B. durch die Einziehung seiner Münzen, schmälern sollen?
Ein letztes Argument gegen die Einzugsthese stellen die für Zypern gegengestempelten Lira Tron-Münzen dar, die einen Rückschluss auf die Dauer des Umlaufes dieser Münze zulassen. Kurz zum Hintergrund: 1489 hatte die aus einer der reichsten adligen venezianischen Familie stammende Catarina Corner (oder Cornaro) zugunsten der Republik Venedig auf den Thron von Zypern verzichtet, den sie im Juli 1473 nach dem Tod
Abb. 19: Mocenigo oder Lira des Dogen
Andrea Gritti (1523-1538), o. J. (1536-1538); 33 mm, 6,4 g: ANDREAS GRITI D/V/X S M VENET; der Doge kniet vor dem links stehenden San Marco // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus, Umschrift: TIBI SOLI GLORIA, darunter A(ntonio) Z(orzo) (Sammlung UH).
Abb. 20: Mocenigo oder Lira des Dogen
Pietro Lando (1539-1545), o. J. (1539-1540); 33 mm, 6,4 g:
PETRVS LANDO D/V/X S M VENET; der Doge kniet vor San Marco // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus, darunter *V(ettor) S(alomon)* (Sammlung UH).
Abb. 21: Mocenigo oder Lira des Dogen
Lorenzo Priuli (1556-1559), o. J. (1556-1558); 33 mm, 6,4 g: LAVRENTIVS PRIOLVS D/V/X S M VENET; der Doge kniet vor San Marco // TIBI SOLI GLORIA; stehender Christus, darunter I(acopo) M(orosini) (Sammlung UH).
22a: Grabmal des Dogen
16 Ebd. 32.
17 Vgl. u.a.: Paolucci 2001, 44 f. oder auch Eupremio Montenegro, I dogi e le loro monete, Torino 2012, 75 f.
18 Zorzi 1992, 302.
Abb.
Nicolò Tron in der Apsis der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig (Photo UH).
Abb. 22b: Detail (Photo UH).
ihres Gatten Jakob II. (1460–1473) bestiegen hatte. Um die auf Zypern umlaufenden Gros-Münzen der Lusignan-Dynastie durch venezianische Nominale zu ersetzen, wurden stark umgelaufene und/oder beschnittene Lira- und Halb-Lira-Münzen nach Zypern transportiert. Bevor sie dort in den Umlauf gelangten, wurden die Münzen aber mit einer neuen korrekten Wertangabe gegengestempelt. 19
Unter den nach Zypern transportierten venezianischen Lira-Münzen befanden sich auch Lira Tron (Abb. 26). Da dieser Transfer sicher erst nach der Rückkehr Catarinas nach Venedig und der Übergabe der Krone Zyperns an den Dogen Agostino Barbarigo (1486–1501) erfolgte, kann dies frühestens 1489 gewesen sein. Paolucci vermutet den Transfer sogar Jahre später: „Es ist wahrscheinlich, dass die nach Zypern exportierte Währung hauptsächlich aus abgenutzten alten Münzen bestand, deren Gegenstempelung (die wohl in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts vorgenommen worden ist) sowohl die Echtheit als auch den Wertverlust gegenüber dem inneren Originalwert kennzeichnen sollte.“ 20 Demnach gab es mindestens 16 oder – folgt man Paolucci – auch mehr als 25 Jahre nach dem Tode Trons noch Lira Tron-Münzen im Umlauf oder in Gelddepots der Republik. Wären sie eingezogen und –wie dies beispielsweise für die Ducati des Dogen Marino Faliero angenommen wird – eingeschmolzen worden, hätten sie nicht nach Zypern transportiert und dort in Umlauf gebracht werden können.
Alle für Zypern gegengestempelten Lira- und HalbLira-Münzen sind sehr selten. So geben Paolucci und Montenegro für die von ihnen gelisteten gegengestempelten Lira-Münzen R4 an, für die Halb-Lira-Münzen R3. 21 An dieser Stelle dienen die gegengestempelten Lira Tron-Münzen und die daraus abgeleitete Annahme, dass diese Münzen in Venedig und seinem Herrschaftsgebiet auch zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch umliefen, aber vor allem als Beleg gegen die Einzugs-These von Clain-Stafanelli.
Unbeschadet davon bleibt die schon aufgeworfene Frage: Wie kam es zu der Entscheidung, über einen kurzen Zeitraum von circa 14 Monaten (und auch nur für diesen kurzen Zeitraum!) eine Münze zu prägen, die so eindeutig mit der tradierten Ikonografie venezianischer Münzprägungen brach? Diese Tatsache ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet der Rat der Zehn diese Entscheidung traf – im Rahmen der von ihm am 13. Mai 1472 übernommenen Regelung aller Geldangelegenheiten. 22 Jenes mächtige und bisweilen geheimnisumwitterte Gremium der Republik, das geschaffen worden war, um insbesondere gegen alle Tendenzen zur Änderung der Verfassung – die schnell im Verdacht des Hochverrats standen – vorzugehen.
1,3:1
sowie vier Punzen zur seitlichen Markierung für den Umlauf auf Zypern (Photo UH).
19 Ausführlich sind die historischen Hintergründe und die geldgeschichtlichen Abläufe zu den gegengestempelten Lira- und Halb-Lira-Münzen beschrieben in U. Heide, Auf Zypern gegengestempelte venezianische Lira- und Halb-Lira-Münzen, Münzen & Sammeln 11/2015, 30 ff.
20 R. Paolucci, La zecca di Venezia 2. Padova 1991, 188.
21 R. Paolucci 1991, 188 f. und Montenegro 2012, 815 ff. Paolucci benennt mit C (comune), R, R2, R3, R4, R5 und R6 sieben Seltenheitsgrade, verwendet R6 aber vor allem für Münzen, von denen nur zwei, drei Exemplare bekannt sind bzw. bei denen es sich um Unikate handelt. Montenegro benennt mit C (comune), R, R2, R3, R4 und R5 sechs Seltenheitsgrade und verwendet dabei R5 ebenfalls nur für äußerst seltene Münzen.
22 Paolucci 2001, 44.
Abb. 23: Grabmal des Dogen Nicolò Marcello im linken Seitenschiff der Kirche Santi Giovanni e Paolo, Venedig (Photo UH).
Abb. 26: 1 Lira (Lira Tron), 28 mm, 6,3 g: Gegenstempel XX
Abb. 24a: Grabmal des Dogen Pietro Mocenigo an der inneren Portalseite der Kirche Santi Giovanni e Paolo, Venedig (Photo UH).
Abb. 24b: Detail (Photo UH).
Abb. 25a: Grabmal des Dogen Andrea Vendramin in der Apsis der Kirche Santi Giovanni e Paolo, Venedig (Photo UH).
Abb. 25b: Detail (Photo UH).
DIE
Wallenstein in Mecklenburg
Jeder, der den Namen Wallenstein hört, denkt unwillkürlich an den machtbesessenen Feldherrn des Dreißigjährigen Krieges. Kaum jemand weiß jedoch, dass er auch Herzog von Mecklenburg war. Denn im Jahr 1629 belehnte ihn der Kaiser mit dem Herzogtum im Nordosten des Alten Reiches. Vom neuen Landesherrn wurden vielfältige Reformen initiiert, die das Land umfassend modernisieren sollten. Er plante auch große Umbauarbeiten in seinem Residenzschloss in Güstrow. Nach seinem Abzug wurden allerdings diese Maßnahmen von den aus dem Exil zurückkehrenden alteingesessenen Herzögen von Mecklenburg wieder zurückgenommen. Wallenstein betrieb eine umfangreiche Münzprägung. Seine Devise lautete: „Laßt stark münzen“. Und die Begründung lieferte er auch: „Jedoch tue ich dies nicht um des Nutzens Willen, sondern für die Reputation.“ Deshalb setzte er alles daran, dass sein neuer Titel als Herzog von Mecklenburg sofort auf den Münzen erschien.
Neben den großen Münzkabinetten Berlin und Prag verfügte das Schweriner Museum bis 1945 über die größte Sammlung an Wallensteinmünzen, die jedoch
seitdem als kriegsbedingt vermisst gelten. Heute sind seine Münzen äußerst selten und stellen eine numismatische Kostbarkeit dar. Warum? Da man nach seinem Sturz die Erinnerung an ihn auslöschen wollte, wurden die meisten Gepräge eingeschmolzen.
Im vergangenen Jahr 2024 ergab sich nun die seltene Gelegenheit, dass in unserer Herbst-Auktion 410 ein Wallensteintaler von 1632 mit der Losnummer 428 zum Ausruf kam (Abb. 1). Es gelang dem Museum mit unserer Unterstützung, dieses Exemplar zu erwerben. Wir freuen uns, damit einen weiteren Teil zur Förderung der Numismatik in Deutschland beigetragen zu haben. Sowohl historisch als auch numismatisch gehört ein solches Stück zweifellos in die Schweriner Sammlung. Schließlich sind die Münzen Wallensteins Geschichtsquellen von nationalem und internationalen Rang. Aus Böhmen stammend, wurde er zur tragischen Figur im Dreißigjährigen Krieg, der ganz Europa erfasste. Noch heute ist sein Name untrennbar mit Schillers Drama verbunden. Wallenstein steht aber genauso für gesellschaftlichen Fortschritt, der nur im Frieden gedeihen kann. Schließlich sollte Mecklenburg seine Terra felix werden.
Abb. 1: Der Wallensteintaler aus unserer Herbst-Auktion 428.
Abb. 2: Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, lässt sich im Schweriner Museum von Torsten Fried die neue Münzpräsentation erklären.
Der Wallenstein-Taler von 1632 verschwand nun keineswegs im Museumsdepot, sondern avancierte zu einem Highlight der neuen Dauerausstellung im Schweriner Museum. Nach vierjähriger Umbauzeit wurde das Haus am Alten Garten am 30. Oktober 2025 wiedereröffnet. Die Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, ließ sich vom Leiter des Münzkabinetts, Prof. Dr. Torsten Fried, die neue Präsentation der Münzen und Medaillen erläutern (Abb. 2). Unser Geschäftsführer Dr. Andreas Kaiser reiste zur Eröffnung, um das Stück an seinem neuen Standort zu bewundern (Abb. 3).
Prof. Torsten Fried und Dr. Andreas Kaiser vor dem Wallensteintaler.
Die Pazzi-Verschwörung: Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance
Eine Ausstellung des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin
Von Ursula Kampmann
DIE PAZZI-VERSCHWÖRUNG
Bronzemedaille des Bertoldo di Giovanni auf die Pazzi-Verschwörung von 1478.
Public Domain Mark 1.0. Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen, 18216319.
Aufnahme durch Reinhard Saczewski.
Porträt des Giuliano de’ Medici von Sandro Botticelli, nach 1478. Academia Carrara / Bergamo. Foto: KW.
Bilder sind mächtig. Bilder formen unsere Vorstellung von Geschehenem wesentlich intensiver als jeder geschriebene Text. Bilder sind das Ausgangsmaterial für eine „gefühlte“ Geschichte, für die Geschichte, die jeder kennt oder – sagen wir besser – zu kennen glaubt, und die niemand hinterfragt.
Ein Meister der gefühlten Geschichte war Lorenzo de’ Medici. Er unterhielt eine ganze Schar von herausragenden PR-Experten, die wir heute zu den größten Künstlern und Humanisten ihrer Epoche zählen. Mit ihnen inszenierte er das Geschehen seiner Zeit derart erfolgreich, dass die Medici noch heute den Ruf haben, das Beste gewesen zu sein, was Florenz hat passieren können. War das wirklich so? Moderne Historiker mahnen zur Vorsicht und weisen nach, wie Lorenzo de’ Medici die öffentlichen Steuern seiner Mitbürger dafür nutzte, die durch wirtschaftliche Fehlinvestitionen entstandenen Löcher der Medici-Bank zu stopfen.
Wir wissen nicht, ob die Pazzi uneigennütziger agiert hätten. Denn ihre Verschwörung wurde niedergeschlagen. Sie kostete alle männlichen Familienmitglieder das Leben. Das Vermögen der Pazzi wurde eingezogen, ihr Wappen zerstört, ihre Frauen verbannt.
Jeder Besucher von Florenz kennt das Geschehen des Attentats; keiner von ihnen weiß um die brutale Strafaktion und den Krieg mit Papst Sixtus IV., der daraus entstand. Wie gelang es Lorenzo de’ Medici und seinen Nachkommen, die öffentliche Meinung derart erfolgreich zu beeinflussen? Karsten Dahmen, Direktor des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin, lässt uns einen Blick in die PR-Werkstatt der Medici werfen. Er hat rund um die Pazzi-Verschwörung des Jahres 1478 eine Ausstellung errichtet, in deren Mittelpunkt eine äußerst bemerkenswerte RenaissanceMedaille steht.
Der Mord auf der Medaille
Bertoldo di Giovanni gestaltete im Jahr 1478 eine Medaille, die zeigt, was am 26. April des Jahres 1478 geschah. Sie ist nicht, wie wir es sonst von Renaissancemedaillen kennen, in Vorderseite (Porträt) und Rückseite (Imprese, Wappen oder ähnliches) geteilt, sondern besitzt zwei völlig gleichberechtigte Seiten, die ihrerseits in oben und unten gegliedert sind.
Detail der Bronzemedaille des Bertoldo di Giovanni von Abb. 1.
Traditionell, aber völlig grundlos, gilt die Seite mit dem kleinen Porträt des Lorenzo de’ Medici als Vorderseite. Ihre untere Hälfte steht unter dem Motto SALVS PVBLICA – öffentliches Wohlergehen – und zeigt, wie Lorenzo den von den Pazzi gedungenen Mördern entkommt. Er zieht das Schwert, (das er während einer Messe eigentlich gar nicht dabei hätte haben sollen), kämpft gegen seine Angreifer und bringt sich mit einem kühnen Sprung über die Chorschranken in Sicherheit. Sein Bruder Giuliano hatte dagegen keine Waffen mitgebracht und erliegt so seinen Angreifern. Wir sehen ihn links von den Attentätern umringt, während er rechts am Boden liegt, um von 19 Stichen durchbohrt zu werden. LVCTVS PVBLICVS – öffentliche Trauer –lautet die Überschrift.
Man gustiere nur einen kurzen Moment, wie es gelingt, durch diese Aufschriften so zu tun, als handle es sich nicht um eine Auseinandersetzung zwischen zwei um die Macht in Florenz konkurrierende Familien. Das
Gregorsmesse.
Flügelretabel des Braunschweiger Doms. Herzog Anton Ulrich Museum um 1506. Foto: KW.
Wörtchen PVBLICVS assoziiert, dass es hier um das Staatswohl, nicht um die Medici geht.
Reißen wir unseren Blick los vom dramatischen Geschehen und betrachten wir die Szene, die gleich zweimal auf der Medaille dargestellt ist. Denn der Künstler Bertoldo di Giovanni scheint die Ereignisse unter der berühmten Kuppel des Florentiner Doms geradezu im fotorealistischen Stil wiederzugeben. Das Attentat wird direkt vor die Chorschranken verlegt, die den für die Geistlichkeit und die Durchführung der Heiligen Messe reservierten sakralen Raum von den profaneren Teilen der Kirche abgrenzten.
Die Betonung muss allerdings auf dem Wörtchen „scheint“ liegen, denn natürlich handelt es sich nicht um eine realistische Abbildung, sondern um eine gestaltete, die exakt die Sichtweise aufgreift, die wir auch bei Angelo Poliziano finden. Wir dürfen hinter beiden Werken eine genau festgelegte Linie vermuten, mit der die Medici das Attentat bestmöglich propagandistisch ausschlachteten.
Dafür war der Zeitpunkt des Attentats von entscheidender Bedeutung. Betrachten wir also, was uns die Medaille darüber verrät. Wir sehen den Hauptzelebranten mitten im Geschehen der Messe. Er hat sich dem Altar zugewandt. Hinter ihm stehen Konzelebranten, während im Chorgestühl weitere Geistliche gebannt auf das Geschehen blicken.
Die Darstellung erinnert an die sogenannte Gregorsmesse, ein beliebtes Motiv der Zeit, das das zentrale Geschehen jeder Messe thematisiert: Es visualisiert den Moment, in dem nach katholischem Glauben aus Brot und Wein Leib und Blut Christi werden. Die Wandlung, so wird dieser Moment genannt, war zur Zeit der Renaissance jedem Gläubigen heilig, und zwar in einem Ausmaß, das sich unsere säkulare Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen kann.
Bronzemedaille des Bertoldo di Giovanni auf die Pazzi-Verschwörung von 1478. Public Domain Mark 1.0. Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen, ID67412. Aufnahme durch Karsten Dahmen.
Manipulation?
Nun gibt es bis heute zwei Versionen darüber, wann das Attentat stattgefunden haben soll. Angelo Poliziano, Sprachrohr der Medici, behauptet während der Wandlung. Medici-Gegner schreiben, dass der Entlassungsruf des Priesters „Ite, missa est“ das Signal für die Attentäter gewesen sei.
Was uns heute als ein unwesentliches Detail erscheint, war für die Zeitgenossen zentral. Politische Morde gab es im Italien des ausgehenden 15. Jahrhunderts ständig. Das war nichts besonderes und nicht ehrenrührig. Wer ermordet wurde, hatte sich eben nicht genug vorgesehen. Ein Mord während einer Messe, ja während der Wandlung war dagegen eine unverzeihliche Sünde gegenüber Gott.
Deshalb ist die Darstellung des zum Hochaltar gewendeten Priesters auf der Medaille von eminenter Bedeutung: Sie bestätigt im Bild die Schilderung von Angelo Poliziano. Hätte der Künstler den Moment des Entlassungsrufes dargestellt, würde sich der Hauptzelebrant mit erhobenen Händen der Gemeinde zuwenden. Mit dem Entlassungsruf wäre die Messe beendet gewesen. Das Attentat wäre also „nur“ ein politischer Mord, kein Sakrileg gewesen. Die Medaille betont aber und zwar auf beiden Seiten, dass der Angriff nicht nach dem „Ite, missa est“, sondern während der Wandlung stattfand.
Es ist spannend, dass populäre Quellen bis heute ungeprüft die Wandlung als Zeitpunkt des Attentats angeben. Alternative Versionen finden sich nur in der wissenschaftlichen Literatur. Die Propagandamaschine von Lorenzo de’ Medici war der seiner Gegner um Längen überlegen.
Wozu dienten die Medaillen?
Lorenzo de’ Medici hielt nach dem Attentat ein Blutgericht, das die Gepflogenheiten seiner Epoche weit hinter sich ließ. Als besonders verwerflich galt es, dass er den Erzbischof Francesco Salviati hängen und von der in Kardinalsgewänder gehüllten Leiche ein Schandbild an die Wand des Justizpalastes malen ließ. Darüber hinaus nahm er den an der Verschwörung wohl unbeteiligten Kardinal Raffaele Riario, einen Großneffen des Papstes, in Geiselhaft.
Nun unterstanden Geistliche im 15. Jahrhundert nicht der weltlichen, sondern der kirchlichen Rechtsprechung. Eine Bestrafung hätte alleine in der Hand des Papstes gelegen, was diesem die Möglichkeit gab, gegen Florenz das Interdikt auszurufen.
Das Interdikt war die härteste Strafe, die der Papst im 15. Jahrhundert verhängen konnte. Damit war jede geistliche Handlung auf Florentiner Boden verboten. Kinder durften nicht getauft, Sterbenden nicht die Beichte abgenommen werden; keinem Priester war es erlaubt, die Messe zu lesen. Gleichzeitig brachte der Papst eine breite Koalition zusammen, deren Heer im so genannten Toskanischen Krieg Florentiner Gebiet überfiel, um die Medici zu stürzen.
Vor diesem Hintergrund müssen wir die Medaille sehen. In ihr verteidigt sich Lorenzo de’ Medici und erklärt, warum seine brutale Rache angemessen war. Er ließ sie an alle schicken, die irgendeine Verbindung zu den Medici oder der Medici-Bank hatten. Er tat dies nicht nur mit der Medaille. Wir dürfen davon ausgehen, dass auch Polizianos Buch die wichtigsten Protagonisten der italienischen Politik erreichte.
Medaille des Niccolò Fiorentino auf Angelo Poliziano, um 1494. Public Domain Mark 1.0. Berlin, Münzkabinett der Staatlichen Museen, 18216334. Aufnahme durch Reinhard Saczewski.
Das berühmte Porträt des Giuliano de’ Medici, das Sandro Botticelli 1578 malte, existiert heute in drei einander völlig gleichenden Versionen. Das lässt vermuten, dass besonders wichtige Politiker so ein Bild als diplomatisches Geschenk erhielten. Immerhin war Sandro Botticelli im Jahr 1578 bereits ein in ganz Italien bekannter Maler, dessen Werke gesammelt wurden. Allerdings war so ein Bild teuer. Auch wenn Botticelli eine Werkstatt betrieb, die ihn bei der Herstellung der Porträts unterstützte, dauerte es, bis ein Bild fertig war. Die Medaille dagegen konnte - genau wie das gedruckte Buch Polizianos - jederzeit kostengünstig repliziert werden. Sie erreichte also wesentlich mehr Menschen als die kostspieligen Porträts.
Wie diese Medaillen genutzt wurden, darauf weisen die kleinen Löcher hin, die eines der beiden Exemplare des Berliner Münzkabinetts aufweist. Medaillen wurden nämlich nicht nur in Schränken aufbewahrt, sondern gerne in kleinen Räumen wie dem Studiolo aufgehängt. So gab der Besitzer eines Studierzimmers dem Besucher auf den ersten Blick zu verstehen, mit welch hohen Leuten er verkehrte und wem seine Loyalitäten galten.
Renaissancemedaillen weisen häufig solche Löcher auf. Sie werden nicht als wertmindernd betrachtet. Im Gegenteil. Sie zählen zu den untrüglichen Merkmalen, dass es sich um einen frühen Guss handelt.
Übrigens war es dann tatsächlich nicht das Militär, sondern die Diplomatie, die den Medici den Hals rettete. Es gelang Lorenzo, den neapolitanischen Herrscher und damit den mächtigsten Verbündeten des Papstes von seiner Position zu überzeugen und auf seine Seite zu ziehen. Lorenzo musste das Schandbild des Erzbischofs entfernen, und danach konnten die Friedensverhandlungen beginnen.
Eine großartige Ausstellung rund um das Florenz der Medici
Wir können Ihnen die großartige Ausstellung rund um die Pazzi-Verschwörung und das Florenz der Medici nur empfehlen! Karsten Dahmen und Neville Rowley haben hier eine Schau konzipiert, die mit Objekten der staatlichen Museen zu Berlin das Geschehen in seinen Zeithintergrund einordnet. In 14 Vitrinen finden sich größtenteils Münzen und Medaillen der Epoche. Dies ist eine wunderbare Gelegenheit, einen Blick in die reichhaltige Sammlung des Berliner Münzkabinetts von Testoni und Renaissance-Medaillen zu werfen.
Angelo Poliziano
Ausgestellt ist zum Beispiel die sehr seltene Medaille auf Angelo Poliziano, also auf jenen Humanisten, dessen Bericht über die Pazzi-Verschwörung heute noch unser Geschichtsbild prägt.
Sie zeigt auf der Vorderseite das Porträt des Mannes. Auf der Rückseite lesen wir das Wort STVDIA, ein Begriff, der zur Zeit der Renaissance wesentlich mehr umfasste, als das deutsche Wort „Studien“ ausdrückt. Im lateinischen Studia schwangen der Eifer und die Bemühungen mit, durch die erfolgreich Wissen erworben wurde. Es hing eng zusammen mit dem Ideal des nach Bildung strebenden Humanisten. Darauf ist die Abbildung abgestimmt. Hier reicht ein geflügelter Genius einer weiblichen Gestalt einen Lorbeerzweig –und sofort erinnert man sich an das Ideal des Poeta laureatus, an den mit Lorbeer bekränzten Dichter. Diese Sitte wurde mit Petrarca in Italien populär und findet bis heute eine Fortsetzung, wenn Absolventen mit großen Lorbeerkränzen feiernd durch die Gassen italienischer Universitätsstädte ziehen.
Aber zurück zu Angelo Poliziano, denn seine Biographie ist wichtig, um zu verstehen, dass er uns keinesfalls einen neutralen Bericht des Attentats hinterlassen hat. Sein Vater Benedetto wurde 1464 von politischen Gegnern der Medici ermordet (politischer Mord war damals wirklich an der Tagesordnung). Damit fiel die Verantwortung für den Haushalt des Verstorbenen an die Medici. Sie holten den elfjährigen Angelo nach Florenz, wo er zusammen mit Giuliano und Lorenzo ausgebildet wurde. Vielleicht verliebten sich Lorenzo und Angelo ineinander; das will zumindest die us-amerikanische Historikerin Karen Burch herausgefunden haben. Immerhin rettete Poliziano an jenem schicksalhaften 26. April Lorenzo unter Einsatz des eigenen Lebens.
Noch im Jahr des Attentats verfasste Poliziano seine dramatische Verteidigungsschrift Pactianae coniurationis commentarium. Sie nahm zahlreiche Anleihen aus Sallusts De coniuratione Catilinae, um die Pazzi als degenerierte Feinde der Florentinischen Republik abzuwerten. Sie ist alles andere als sachlich und darf sicher nicht als einzige, weil ausführlichste Quelle zum Geschehen des Attentats gelesen werden.
Noch bis zum 20. September 2026
Das Münzkabinett hat abgesehen von eigenen Beständen aus den benachbarten Museen etliche spannende Objekte erhalten, die das Geschehen illustrieren. Dazu gehören zum Beispiel ein Marmorrelief mit dem Porträt Giulianos und der Abguss einer Terrakotta-Büste Lorenzos. Lorenzo ließ nämlich nach der Pazzi-Verschwörung mehrere lebensgroße Wachsporträts von sich anfertigen, die in Florenz und Assisi ausgestellt wurden. Damit bewies er, dass er nicht nur am Leben, sondern weiterhin an der Macht war. Haltbarere Objekte bestanden aus Terrakotta. Eines von ihnen wurde 1839 abgeformt, um in die Skulpturensammlung der Berliner Museen verbracht zu werden.
Andere wirklich beeindruckende Objekte sind Abgüsse und Bilder des Skeletts von Giuliano de’ Medici, an denen noch die Spuren des Mordes zu erkennen sind, sowie ein zeitgenössischer Dolch, wie ihn die Attentäter verwendet haben dürften.
Versäumen Sie also nicht, die Ausstellung zu besuchen. Vielleicht kommen Sie ja sowieso zur KünkerAuktion nach Berlin. Planen Sie dann unbedingt einen Abstecher ins Bode-Museum ein, wo im Raum für Sonderausstellungen des Münzkabinetts diese bemerkenswerte Präsentation noch bis zum 20. September 2026 zu sehen ist.
Ein lesenswerter Katalog
Für all diejenigen, die es nicht nach Berlin schaffen: Das Münzkabinett hat einen lesenswerten Katalog zur Ausstellung herausgegeben. Er ist überall im Buchhandel oder direkt über den BattenbergBayerland Verlag für 39,90 Euro erhältlich.
Er enthält neben dem Katalog der ausgestellten Objekte drei interessante Aufsätze:
• Kay Usenbinz, Neid, Hass, Mord, Rache, Krieg und die Kunst als Versöhnung.
Die Pazzi-Verschwörung im Spiegel ihrer Bildpolitik
• Karsten Dahmen, Bertoldo di Giovanni und die Verschwörung der Pazzi, Struktur und Funktion einer außergewöhnlichen Medaillenarbeit für Lorenzo de’ Medici
• Wilhelm Bode und die Pazzi-Verschwörung. Eine verflochtene Geschichte
Nebenstehender QR-Code führt Sie zur Internetpräsenz des Münzkabinetts der Staatlichen Museen zu Berlin.
Bergamo: Accademia Carrara
Die Accademia Carrara von Bergamo ist ein Geheimtipp, besonders für Numismatiker.
Denn Sie finden hier nicht nur erstklassige Gemälde der italienischen Renaissance, sondern auch eine Sammlung von Renaissance-Medaillen, die ihresgleichen sucht.
Von Ursula Kampmann
Haben auch Sie genug von den endlosen Schlangen kunstbeflissener Touristen, die in die Uffizien drängen, um ein Selfie vor der schaumgeborenen Aphrodite zu machen? Dann möchte ich Ihnen die Accademia Carrara ans Herz legen. Sie befindet sich am Fuße der Altstadt von Bergamo und ist etwas ganz Besonderes. Sie ist das einzige Museum Italiens, dessen Bestände AUSSCHLIESSLICH aus Schenkungen privater Sammler stammen!
Am Beginn steht Giacomo Carrara, ein reicher Bürger Bergamos, der sein Vermögen in eine beeindruckende Kunstsammlung investierte. Er plante, eine Schule für Maler und eine öffentliche Galerie für seine Sammlung zu gründen. Dafür erwarb er 1766 ein Gebäude, das zum Kern der heutigen Accademia Carrara wurde. Nach seinem Tod im Jahr 1796 hinterließ er darüber hinaus seine gesamte Sammlung der Heimatstadt. Er war der erste von vielen Kunstsammlern, deren Schätze wir heute in Bergamo besichtigen können. So schön das auch ist, wäre es kein Grund, das Museum an dieser Stelle zu präsentieren, hätte nicht der Bergamo eng verbundene Mario Scaglia seine einzigartige
Sammlung von Renaissance-Medaillen im Jahr 2022 der Accademia Carrara geschenkt. Sie ist auf mehrere Räume der Accademia verteilt und einen Besuch wert.
Ingenieur und Mäzen: Mario Scaglia
Der 1934 geborene Mario Scaglia hat seine Wurzeln in der Provinz Bergamo, und zwar in dem idyllischen Val Brembilla. Dort, wo bis in die frühe Neuzeit Schäfer ihre Herden hüteten, verarbeiteten seine Vorfahren im 18. Jahrhundert das reichlich vorhandene Holz. Im 19. Jahrhundert hatte ein geschäftstüchtiger Vorfahr eine moderne Fabrik errichtet, die Knöpfe fertigte und Holzspulen für die Maschinen der Textilindustrie.
Mario Scaglia trat 1960, nach einem Studium des Maschinenbaus, in das Familienunternehmen ein, das er radikal umgestaltete. Er mag bereits 1960 geahnt haben, dass sich die italienische Textilindustrie angesichts der internationalen Konkurrenz nicht würde halten können. So entwickelte sich aus der Knopffabrik ein Unternehmen, das heute als weltweiter Marktführer für manuell gesteuerte Systeme zur Handhabung
Medaille des Antonello Gagini(?) mit dem Porträt des Matteo Barresi di Pietraperzia. Foto: KW.
Medaille des Pietro de Fano auf die Dogaressa Giovanna Dandolo. Foto: KW.
Stehvitrine mit zur Epoche passenden Medaillen aus der Sammlung Scaglia. Foto: KW.
schwerer Lasten gilt. Mario Scaglia wurde vom italienischen Staatspräsidenten im Jahr 2013 mit dem Titel eines Cavaliere del Lavoro, eines Ritters der Arbeit, ausgezeichnet.
In seiner Freizeit beschäftigte sich der Unternehmer bereits seit den 1960er Jahren mit dem Sammeln. Zu Beginn seiner Karriere ärgerte er sich über die phantasievollen Geschichten, mit denen ihn Münzhändler zum Kauf verführen wollten. Deshalb entschied er, die alte Sammlerregel zu beherzigen: Kaufe erst das Buch und dann die Münze (resp. die Medaille). Er legte sich eine umfassende Fachbibliothek zu und entwickelte sich zu einem der großen Kenner der Materie.
Berühmt war Mario Scaglia für sein unbestechliches Auge, mit dem es ihm gelang, die Qualität eines Stücks einzuschätzen. Renaissancemedaillen gelten nämlich als schwieriges Gebiet, da nicht nur die Erhaltung in Betracht gezogen werden muss, sondern auch die Frage, ob es sich um einen frühen oder einen späten Guss handelt. Die schönsten Objekte wurden nämlich immer wieder, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts für Sammler abgegossen. Mario Scaglia entwickelte durch seine technische Ausbildung eine besondere Expertise, was die Qualität des Gusses betraf. In dieser Hinsicht verstand er mehr von der Materie als viele Kunsthistoriker und Numismatiker. Deshalb gehört seine Sammlung zum Besten, was man finden kann. Sie besteht aus rund 500 Medaillen von Renaissance bis Barock, aus ca. 450 Plaketten und rund 150 weiteren Objekten.
2022 schenkte Mario Scaglia der Accademia Carrara diese Sammlung, und zwar nicht nur die Objekte, sondern auch seine Fachbibliothek. Sein Ziel ist es, aus Bergamo ein Zentrum für das Studium der Renaissancemedaille zu machen.
Das Medaillenkabinett
Viele Medaillen und Plaketten aus der Sammlung Scaglia sind in die Dauerausstellung der Accademia Carrara integriert. Man findet sie nicht nur in dem reich ausgestatteten Medaillenkabinett, sondern auch in Tisch- und Stehvitrinen passend ausgewählt zu den im Saal präsentierten Gemälden.
Wir möchten Ihnen einige wenige herausragende Exemplare der Sammlung vorstellen.
Das Prunkstück:
Die Medaille auf Matteo Barresi di Pietraperzia
Prunkstück der Sammlung ist eine Medaille mit einem schier unglaublichen Relief, das den Kopf des Matteo Barresi di Pietraperzia (1471-1531) in Frontalansicht zeigt. Kunsthistoriker haben es eine Kleinskulptur genannt. Tatsächlich illustriert dieses Kunstwerk, was im Bereich der Medaille möglich war.
Auftraggeber war wahrscheinlich Matteo Barresi selbst oder seine Erben direkt nach seinem Tode. Auch wenn nur die wenigsten von uns jemals von diesem Mann gehört haben, gehörte er zu seiner Zeit zu den mächtigsten Adligen Siziliens. Er verfügte über reiche Besitzungen in der sizilischen Provinz Enna und unterstützte Kaiser Karl V., der ihn dafür mit dem Titel eines Marchese (= Markgraf) belohnte.
Matteo Barresi errichtete in Pietraperzia einen prachtvollen Renaissance-Palast, der Künstler und Humanisten aus ganz Italien anzog. Einer von ihnen war Antonello Gagini, der unter anderem das Mausoleum für den Marchese und seine Gemahlin schuf. Dieser ursprünglich aus einer Schweizer Bildhauerdynastie stammende Künstler wird von den Kunsthistorikern zu den „Meistern der Skulptur des sizilianischen Cinquecento“ gezählt. Seine Arbeiten und die seiner Werkstatt schmücken viele Kirchen Siziliens. Ob die Medaille wirklich von ihm stammt? Wir wissen es nicht. Sie ist nicht signiert. Aber der ehemalige Direktor der Accademia Carrara, Francesco Rossi, war auf Grund stilistischer Überlegungen überzeugt, dass Antonello Gagini ihr Urheber ist. Damit wäre die Arbeit die einzige Medaille des Künstlers.
Sie hat übrigens eine bemerkenswerte Provenienz. Sie stammt aus der Sammlung Chigi, deren Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Die Renaissancemedaillen wurden 1974 und 1975 bei Sotheby versteigert. Scaglia, der während der Auktion nur ein einziges Stück erwarb, erkannte die Bedeutung der Sammlung und fahndete systematisch nach den damals verkauften Losen. Was er finden konnte, erwarb
des
er, so dass heute etliche Stücke aus der Chigi-Sammlung in seiner eigenen liegen. So auch die Barresi-Medaille, die er 2014 erwerben konnte.
Die Dogaressa Giovanna Dandolo
Ein weiteres, hinsichtlich seiner Qualität äußerst beeindruckendes Stück ist eine meisterhafte Medaille, die Pietro de Fano um 1460 mit dem Porträt der Dogaressa Giovanna Dandolo schuf. Auf den ersten Blick mögen die herben Züge der Frau abstoßend und fremd wirken. Giovanna war zum Zeitpunkt, als das Porträt entstand, bereits um die 60 Jahre alt und hatte – wie ihr Porträt deutlich enthüllt – alle Zähne verloren. Auch die hohe, haarlose Stirn wirkt auf uns befremdlich. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Dogaressa nicht unter Haarausfall litt, sondern sich wie viele vornehme Zeitgenossinnen die Stirnhaare auszupfen ließ, um so den modisch hohen Haaransatz zu erzielen.
Medaille des Sperandio Savelli auf Giovanni II. Bentivoglio. Foto: KW.
Eines sollten wir uns auf jeden Fall vor Augen halten: Dies ist eines von nur drei weiblichen Porträts, die uns auf Medaillen aus der Epoche der frühen Renaissance, also vor dem 16. Jahrhundert, überliefert sind.
Die Dogaressa muss eine spannende Persönlichkeit gewesen sein. Sie stammte aus einer alten Patrizierfamilie: Die Dandolo hatte bereits vier Dogen gestellt, als Giovannas Ehemann Pasquale Malipiero 1457 zum Dogen gewählt wurde. Ihr Mann war ebenfalls außergewöhnlich, und das nicht nur weil er während seiner Herrschaft den Frieden bewahrte. Malipiero initiierte den Bau des Arsenals, wo die Venezianer in den folgenden Jahrhunderten ihre mächtigen Schiffe bauen sollten. Und er ließ seiner Frau die Freiheit, als eigenständige Mäzenin aufzutreten. Man schreibt ihr die Förderung der Klöppelindustrie auf Burano und Pellestrina zu. Außerdem soll sie als Mäzenin der gerade erst entstehenden Buchindustrie Venedigs gewirkt haben, die sich in den kommenden Jahrzehnten zu einem einträglichen Wirtschaftszweig entwickelte. So widmete Giovanni Spira ihr 1469 das erste in Venedig gedruckte Buch.
Cross over: Medaille vs. Terrakotta
Besonders faszinierte Mario Scaglia die Verbindung der Medaillenkunst zu anderen Kunstformen. So ergriff er die Gelegenheit, Kunstwerke aus verschiedenen Materialien zu kaufen, wenn sie das gleiche Motiv wie eine seiner Medaillen zeigten. Ein hervorragendes Beispiel ist das Porträt von Giovanni II. Bentivoglio, das Sperandio Savelli zwischen 1462 und 1464 anfertigte. Es ist zeitlich gesehen das mittlere der drei Porträts, die der Künstler im Auftrag des Herrschers von Bologna schuf. Das Terrakotta-Bildnis des Fürsten erlaubt uns einen direkten Vergleich.
Plaketten als Vorbilder für Kunstwerke
Noch näher stehen sich eine Plakette der Kreuzigung, die Galeazzo Mondella, genannt Moderno, schuf, und das kleine Bild einer Kreuzigung, wie sie zu Tausenden für den Hausgebrauch reicher Katholiken in Italien angefertigt wurden. Auch wenn das Bild
Porträt
Giovanni II. Bentivoglio aus Terrakotta, unbekannter Künstler, nach 1497. Foto: KW.
Plakette mit Kreuzigungsszene des Galeazzo Mondella, genannt Moderno. Foto: KW.
Ölgemälde, dessen Aufbau von der Plakette des Galeazzo Mondella inspiriert ist: KW.
selbstverständlich keine exakte Wiedergabe der Plakette ist, gibt es zu viele Hinweise darauf, dass die Plakette die Gestaltung des Künstlers nachhaltig beeinflusst hat. Solche Fragen interessierten Mario Scaglia. Sie führten ihn mitten hinein in die Kunstproduktion der Renaissance.
Wir sollten an dieser Stelle nicht vergessen, dass man im 15. und 16. Jahrhundert unsere hehren Ideale vom Originalkunstwerk gerade erst zu entwickeln begann. Nur einige wenige Maler wie Leonardo da Vinci oder Bildhauer wie Michelangelo verstanden sich als etwas Besonderes. Die meisten ihrer Zeitgenossen agierten als reine Handwerker, die einen Bedarf deckten, um Geld zu verdienen, und zu diesem Zweck möglichst effizient arbeiteten. Sie hatten wie Galeazzo Mondella eine Werkstatt, in der unterschiedlich begabte Männer die unterschiedlichen Aufgaben übernahmen. Mondella arbeitete dafür unter anderem mit seinem Sohn und seinem Neffen zusammen. Die führten nach seinem Tod die Werkstatt weiter und verkauften noch viele Jahre Mondellas Plaketten.
In der Lombardei leisteten sich viele diese relativ günstigen Kunstwerke. Besonders Maler erwarben sie gerne, weil sie ihnen als eine Art Musterbuch dienten. Schließlich enthielten sie gut konstruierten Szenen, die sich mit relativ wenig resp. gar keinem Aufwand in ein Gemälde umsetzen ließen. Unser Beispiel setzt wesentliche Elemente der Plakette (Gruppe der trauernden Frauen im linken Eck; Reiter unter dem Kreuz Christi und den die Keule schulternden Krieger zur Rechten) exakt um, während sich der Künstler in Kleinigkeiten die Freiheit nahm, das Bild anders zu gestalten. So ist der Soldat, der zwischen den beiden
Gebäude der ehemaligen Münzstätte von Bergamo. Foto: KW.
Schildträgern auf der rechten Seite steht, nicht nackt – wie bei Mondella –, sondern bekleidet, um nur ein Beispiel zu nennen.
Dies waren nur einige wenige Beispiele aus der Fülle des Materials, das Sie in der Accademia Carraca zu sehen bekommen.
Die Münzstätte von Bergamo
Übrigens, sollten Sie das schöne Bergamo besuchen, versäumen Sie es auf keinen Fall, bei Ihrem Bummel in der Oberstand einen Abstecher zum Palazzo Pacchiani Rivola in der Via Gaetano Donizetti zu machen. Dort wurden, wie eine Aufschrift mitteilt, im 12. und 13. Jahrhundert die Münzen der Stadt Bergamo geprägt.
Eine Besichtigung des Inneren ist nur nach Voranmeldung möglich. Das „Museo Cividini nella Antica Zecca“ ist nämlich kein echtes Museum, sondern ein privates Unternehmen, das sich der Herstellung eines der ältesten Souvenirs Italiens widmet. Hier werden immer noch Gipsabgüsse der berühmtesten Statuen des Landes gefertigt, und das nach Formen, die zum Teil bereits über zwei Jahrhunderte alt sind und selbst in ein Museum gehören. Jüngst gab es Gerüchte über eine endgültige Schließung, aber aktuell ist immer noch Telefonnummer und Internet-Adresse zu sehen, unter der man sich anmelden kann: info@ museocividini.com
Künker: Ihr Partner, wenn es um Anlagen in historischen Goldmünzen geht
Wussten Sie, dass es zahlreiche historische Goldmünzen gibt, die Sie zum reinen Goldpreis erwerben können? Wenn Sie Gold nicht nur als Wertanlage, sondern auch als historisches Kulturgut schätzen, sind Sie bei uns in den besten Händen.
Unsere Goldabteilung: Mehr als 40 Jahre Erfahrung
Anfang der 1980er Jahre, als der Silberboom langsam abebbte, kam Fritz Rudolf Künker auf die Idee, in den Goldhandel einzusteigen. Damals war der Erwerb von Goldmünzen und -barren nahezu ausschließlich Banken und Sparkassen vorbehalten. Gemeinsam mit seinem Bruder Horst-Rüdiger Künker, der während des Silberbooms bereits wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte, entschloss er sich, eine eigene Goldabteilung aufzubauen.
Der Zeitpunkt hätte kaum günstiger sein können: Politische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten führten zu einer steigenden Nachfrage nach Gold. Gefragt waren nicht nur moderne Barren oder Münzen im Unzengewicht, sondern vor allem die historischen Massenprägungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – ein Bereich, der bis heute zu unseren Kernkompetenzen zählt. Inzwischen blicken wir auf über 40 Jahre Erfahrung im internationalen Goldhandel zurück.
Historische Goldmünzen als Anlage
Unsere Expertinnen und Experten aus dem GoldTeam sind die idealen Ansprechpartner für alle, die historische Goldmünzen ab 1800 – in größeren oder kleineren Mengen – kaufen oder verkaufen möchten. Und nicht nur das: Auch bei Talern oder amerikanischen Silberdollars können wir Ihnen mit einem umfangreichen Angebot und fundierter Beratung weiterhelfen.
Eike Geriet Müller, Leiter der Goldabteilung, beschreibt unser breites Spektrum:
„Wir verfügen in nahezu allen Bereichen über große Stückzahlen. Unser Schwerpunkt liegt auf Goldmünzen ab 1800, doch auch bei Talern oder antiken Prägungen können wir umfangreiche Partien anbieten. Selbst ausgefallene Wünsche sind bei uns gut aufgehoben.“
Eike Geriet Müller, Leiter Goldhandel (links) und Horst-Rüdiger Künker, Gründer der Abteilung.
Was ist der Reiz historischer Anlagemünzen?
Warum in historische Goldmünzen investieren, wenn jedes Jahr neue Bullionmünzen erscheinen? Die Antwort ist einfach: Historische Anlagemünzen verbinden Sachwert mit Geschichte – und das meist ohne Aufpreis. Sie besitzen Charakter, Patina und eine Geschichte, die moderne Prägungen so nicht bieten können.
Begegnen Sie den großen Herrschern des 19. und 20. Jahrhunderts in den Münzbildern: etwa mit dem preußischen 20-Mark-Stück von 1872, geprägt kurz nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Diese Münze überstand Weltkriege, Inflation, Währungsreformen und politische Umbrüche – und bewahrte dennoch ihren Wert. Wer mag sie alles in den mehr als 150 Jahren in Händen gehalten haben? Vielleicht diente sie in schwierigen Zeiten sogar dazu, das tägliche Überleben zu sichern.
Mit einer historischen Anlagemünze erwerben Sie somit immer auch ein Stück Geschichte – ohne dafür tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Zudem bieten historische Goldmünzen eine große Vielfalt an Stückelungen und Legierungen und ermöglichen so eine unkomplizierte Diversifikation Ihres Portfolios.
Lohnt sich ein Investment in Gold (-münzen)?
Ob sich ein Investment in Gold lohnt, hängt von der individuellen Strategie ab. Vergleicht man beispielsweise über einen längeren Zeitraum die Performance von Aktienindizes wie dem DAX mit der Entwicklung von Gold, schneiden Aktienmärkte in Phasen wirtschaftlicher Stabilität oft besser ab – hinzu kommen Dividenden und Zinsen.
Gleichzeitig ist der Aktienmarkt anfällig für starke Schwankungen. Gold dagegen gilt traditionell als „sicherer Hafen“. In Zeiten von geopolitischen Krisen, hoher Inflation oder instabilen Finanzmärkten steigt häufig die Nachfrage nach physischem Gold. Oft lässt sich eine gegensätzliche Entwicklung von Börsenkursen und Goldpreis beobachten, was Gold zu einer sinnvollen Beimischung im Depot macht. Ein weiterer Vorteil: Physisches Gold ist bei einem seriösen und fairen Händler unkompliziert veräußerbar. Und nach einer Haltedauer von einem Jahr sind Gewinne aus dem Verkauf von physischem Gold in Deutschland aktuell steuerfrei. Zudem hat Gold historisch betrachtet noch nie dauerhaft seinen Wert verloren – im Gegensatz zu vielen Papierwerten. Unser Fazit: Gold kann eine stabile und sinnvolle Ergänzung im Anlagedepot sein.
Eine maßgeschneiderte Lösung
Ganz gleich, ob Ihr Interesse historischer Natur ist oder Sie Ihr Portfolio diversifizieren möchten: Bei uns erhalten Sie eine individuelle und transparente Beratung. Besuchen Sie gerne unseren Onlineshop auf kuenker.de. Sollten Sie dort nicht fündig werden oder eine persönliche Beratung bevorzugen, stehen wir Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.
Ein fairer Partner – auch beim Verkauf
Künker begleitet Sie nicht nur beim Kauf, sondern selbstverständlich auch beim Verkauf Ihrer Münzen. Bei uns können Sie Gold in Form von Münzen, Barren, Schmuck und Zahngold sowie alle weiteren Edelmetalle sicher und zum fairen Preis verkaufen. Sie können sich dabei jederzeit auf unsere Expertise und Fairness verlassen. Zunächst prüfen wir, ob einzelne Stücke aufgrund ihrer Seltenheit oder ihres Erhaltungsgrades besser für eine Auktion geeignet sind.
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Ein seltenes 20-Mark-Stück von 1872 (aus Sachsen-Coburg und Gotha):
Was mag es seit seiner Prägung nicht alles erlebt haben?
1,5:1
Hätten Sie’s gewusst: Dieser Krügerrand ist nicht nur sein Gewicht in Gold wert, sondern viel mehr.
Denn 1967 wurden nur 50.000 Krügerrands geprägt. Und es gibt noch seltenere Jahrgänge, die unter Sammlern sehr gesucht sind.
Wir beraten Sie gerne!
Gerade bei historischen Münzen vor 1945 erleben unsere Kunden hier immer wieder positive Überraschungen. Aber auch im Bullionbereich gibt es Prägungen, die sich aufgrund niedriger Auflagen oder besonderer historischer Umstände zu begehrten Sammlerstücken entwickelt haben. Umso wichtiger ist es, einen fachkundigen Partner an seiner Seite zu wissen, der sowohl Sammler- als auch Anlagemünzen kompetent beurteilen kann.
Auktion oder Direktverkauf?
Fairness und Transparenz stehen bei uns an oberster Stelle. Wir beraten Sie offen darüber, ob in Ihrem Fall eine Einlieferung in die Auktion oder ein Direktverkauf wirtschaftlich sinnvoller ist.
Nicht immer ist eine Auktion die beste Lösung, denn die anfallenden Gebühren schmälern den Erlös. Gerade bei klassischen Bullionprägungen mit geringer Marge ist ein Verkauf meist die bessere Alternative. Daher prüfen wir jeden Fall individuell – mit dem Ziel, für Sie das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
Die Künker-Garantie
Seit über 50 Jahren steht der Name Künker für Kompetenz, Zuverlässigkeit und Integrität im Münzhandel. Aus einem kleinen Ein-MannUnternehmen ist ein weltweit anerkannter Marktführer entstanden – möglich gemacht durch das Vertrauen und die Treue unserer Kundinnen und Kunden.
Unsere vier Grundprinzipien sind dabei sprichwörtlich geworden:
Die Künker-Qualität: Verlässliche und transparente Beschreibungen
Die Künker-Garantie: Echtheitsgarantie über die gesetzlichen Pflichten hinaus
Der Künker-Service: Persönliche Betreuung und sichere, schnelle Lieferung
Die Künker-Kulanz: Ihre Zufriedenheit hat bei uns oberste Priorität
Künker ist aus der Welt der Münzen nicht wegzudenken. Profitieren Sie von der Erfahrung, dem Wissen und dem internationalen Netzwerk eines Global Players und Marktführers.
Investition oder Hype: Sammlermünzen im Portfolio
Immer wieder werden wir gefragt, ob sich Sammlermünzen als Investment eignen. Eine pauschale Antwort gibt es darauf nicht. Angesichts der teils enormen Preise für Spitzenstücke in bester Erhaltung ist die Versuchung groß, auf weitere Wertsteigerungen zu spekulieren.
Eine Ausnahme: Der Markt für US-Münzen
In den USA haben sich historische Münzen des eigenen Landes als anerkannte Anlageklasse etabliert. Möglich wurde dies durch standardisierte Systeme zur Bewertung des Erhaltungsgrades sowie durch transparente Preislisten wie das sogenannte „Greysheet“, das regelmäßig aktualisierte Marktpreise veröffentlicht. Dadurch ist der Markt für Anleger vergleichsweise gut nachvollziehbar.
Der europäische Münzmarkt: Ein Markt für Sammler
In Europa sieht die Situation anders aus. Ob römischer Aureus, Taler oder Renaissance-Medaille – hier entscheiden persönliche Vorlieben, historische Bedeutung und ästhetische Wirkung. Der Markt ist daher stärker von subjektiven Einschätzungen geprägt und entsprechend volatiler.
Berühmte Beispiele einzelner Großsammler, die ein Marktsegment durch ihr Bietverhalten nach oben trieben und nach ihrem Rückzug wieder zum Einsturz brachten, zeigen, wie sensibel dieser Bereich reagieren kann.
Sammeln aus Leidenschaft – nicht aus Kalkül
Wer sich in der Welt der Numismatik bewegt, tut dies meist nicht aus reinem Renditegedanken. Sammler investieren Zeit, Wissen und Leidenschaft, tauschen sich in Vereinen und Foren aus, besuchen Auktionen und verfolgen Marktentwicklungen. Im Mittelpunkt steht dabei fast immer die Freude am Objekt: ein Stück Geschichte in den eigenen Händen zu halten und die Kunstfertigkeit vergangener Epochen zu bewundern.
Münzen als Anlage? Eine realistische Einschätzung
Zwar erzielen über viele Jahre aufgebaute Sammlungen bei späteren Verkäufen oft hohe Preise. Inflationsbereinigt zeigt sich jedoch nicht selten, dass andere Anlageformen rentabler gewesen wären. Zudem sind Sammlermünzen in der Regel weniger liquide und eignen sich nur bedingt für eine kurzfristige, flexible Geldanlage.
Daher unser Rat:
Wenn Sie primär investieren möchten, setzen Sie auf Edelmetalle, ob in Münz- oder Barrenform. Wenn Sie jedoch eine Leidenschaft für Geschichte und schöne Objekte haben, beginnen Sie zu sammeln – denn diese Freude ist eine Rendite ganz eigener Art. Künker ist Ihr Partner für beides. Für eine solide Goldanlage. Und für die Faszination der Numismatik.
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