menschen | interview 26 |
| Nr. 29, 15. Juli 2013 | Migros-Magazin |
«Ich halte nicht viel von Untergangspropheten» Wohin steuert Europa? Ist das Modell EU überhaupt reformierbar? Das Migros-Magazin hat Hugo Brady, einen der ausgewiesensten Spezialisten in Sachen Europa, gefragt. Der Ire über Reformen in Zeiten der Krise und über die Schweiz als Vorbild der Grossen im Staatenbund.
Hugo Brady, auf dem ganzen Kontinent steigt die Skepsis gegenüber der EU, Grossbritannien etwa diskutiert offen über den Ausstieg, und die Schweiz ist froh, dass sie immer genügend Abstand gehalten hat. Ist das europäische Projekt noch zu retten?
Die EU steht an einem Scheideweg, allerdings tut sie das schon seit bald einem Jahrzehnt — seit damals bei Referendumsabstimmungen klar wurde, dass die EU als populäres Projekt wohl keine Zukunft hat. Aber als Projekt der Notwendigkeit vermutlich schon. Auf der Weltbühne werden nur jene Akteure respektiert, die wirtschaftlich stark sind. Und Europa kann nur gemeinsam die notwendige Stärke aufbringen, um in der Welt gehört zu werden. Und dazu braucht es auch den Euro?
Würde die Währung auseinander brechen, bekäme die ganze Welt die Schockwellen zu spüren. Wir müssen alles daran setzen, dass das nicht passiert. Wären die Konsequenzen wirklich derart dramatisch?
Es würde Jahre dauern, bis sich die Wirtschaft der Welt und Europas von einem Euro-Kollaps erholt hätte. Der Untergang Europas wäre es natürlich nicht, aber es würde die wirtschaftliche Integration des weltweit grössten Markts rückgängig machen, und es würde den Kontinent empfindlich schwächen. Die Euro-Krise ist allerdings auch eine Chance. Inwiefern?
Sie zwingt die EU zu nützlichen und wichtigen Reformen, die in ruhigeren Zeiten nicht zu machen wären. Eine existenzielle Krise wie diese könnte durchaus Auslöser eines weiteren grossen Integrationsschritts sein.
Oder politische Kräfte stärken, die den Abbruch des Experiments fordern.
Das glaube ich nicht. Es wird ja überall das Erstarken der extremen Rechten prophezeit, aber bisher zeigen sich die Europäer bemerkenswert widerstandsfähig. Klar, Protestparteien haben Zulauf, aber das ist weit entfernt von einem Zuspruch für Rechtsextreme. Mein Eindruck ist, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung Europas nicht an dem interessiert ist, was die extreme Rechte verkaufen will. Das politische Zentrum in der EU ist erstaunlich stabil. Die EU wird das alles also irgendwie überstehen und vorwärtsgehen?
Da bin ich mir ziemlich sicher. Keiner bestreitet, dass es eine Menge Probleme gibt, aber die EU ist noch immer besser als alle denkbaren Alternativen. Sie ist ein Friedens- und Freiheitsprojekt, keine Machtrepublik wie die USA. Aber sie kann damit nur erfolgreich sein, wenn sie wirtschaftlich gesund ist. Und es macht mir schon Sorgen, wie zögerlich und hilflos sich die europäischen Regierungschefs verhalten. Wie wahrscheinlich ist es, dass Grossbritannien aus der EU austritt?
Nicht allzu sehr. Letztlich werden die EU-Skeptiker einsehen, dass die Alternativen nicht sehr attraktiv sind. Und wenn der Abstimmungskampf mal läuft, werden viele Briten auch realisieren, dass das politische Personal der Euro skeptiker nicht sehr überzeugend ist. Eins aber ist klar, Grossbritannien wird nie ein begeistertes EU-Mitglied sein. Es wird die EU immer bestenfalls als notwendiges Übel ansehen. Diese Haltung vertreten die Briten gegenüber dem Kontinent schon seit Jahrhunderten.
Der irische Politexperte Hugo Brady ist trotz