Rummelplatz Berlin (Leseprobe)

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HEINRICH MANN

Rumm e lplatz Berlin

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Ingrid Feix

BeBra Verlag

INHALT

An den Freund Ludwig Ewers 5

Die deutsche Geisteskultur 11

Berlin 25

Film und Volk 34

Jugend früher und jetzt 40

Varieté im Norden 46

Moderne Siedlungen 51

Feuerwerk und Schönheitskonkurrenz 56

Berliner Vorort Heringsdorf 61

Proben 66

Die Kriminalpolizei 77

Die Wege des Geschlechts 87

Ein Zeitalter wird besichtigt 91

Ein Wort an Berlin 115

Die geliebte Hauptstadt 123

Nachwort 132

Quellennachweis 137

Über die Herausgeberin 138

Weitere Bände der Reihe 139

Editorische Notiz 143

AN DEN FREUND LUDWIG EWERS

[Anfang April 1891]

[…] Wohnung gesucht, […] Heute eingezogen. Noch einmal, deutlich: W, Genthiner Straße 17 III. Noble Pension, Gesellschaft wird ich gleich, beim Essen, kennenlernen. Ziemlich wurscht, übrigens. Hauptsache: Berlin. Und nun wollen wie sehn. Und nochmals: Wann kommst Du nach.

Bis jetzt kennengelernt: Wallner- und Thomastheater. Café Bauer, Nationalgalerie, Schlösser, Denkmäler u. andere Kleinigkeiten. Furchtbar viel zu tun. Morgen Mittag stell ich mich Herrn Fischer vor. Österr. Jude, sehr zivilisiert und liebenswürdig, dem Vernehmen nach.

Nun Schluss wenigstens für jetzt.

1 ½ Stunden später.

Nun also das Resümee der Tischgesellschaft. Die Dame, einfach, liebenswürdig. Eine alte Jungfer, sehr frei; nahm gelegentlich Eugen Richters Partei. Schwiegersohn der Hausfrau und jüngerer Sohn, beide sehr gebildet; Literaturkenntnisse sogar. Sogar »Gesellschaft«. Tochter – schweigsam an den Geliebten gelehnt, wenn sie nicht den Braten tranchiert. Junger Engländer, wird jedes Mal, wenn er was sagt (nicht zu häufig), schallend gelacht. --- […]

Berlin, den 7. April 1891

Allerteuerster,

nichts für heute als meinen Gruß aus Berlin. Das lässt doch tief blicken?!

Willst Du mir gleich Deinen Glückwunsch schicken, so ist meine Adresse wie unten. Später noch unbestimmt; ich bin auf der Wohnungssuche – Wann kommst Du nach? Indiskrete Frage von Deinem

L. Heinrich Mann

Volontär i./H. S. Fischer Verlag

z. Z. Berlin W, Leipziger Hof, am Leipziger Platz.

Trotz der offenen Postkarte: Bitte Diskretion

Berlin, den 16. Mai 1891

[…] Ich bummle hier furchtbar viel, lumpe die halbe Nacht in den Cafés herum; bin die Abende meist in der Ausstellung, für die ich Passepartout mit geleistet habe. Zu Arbeiten, wenn welche vorliegen, habe ich morgens im Geschäft viel Zeit. Augenblicklich sollte ich mich nicht mit Dir, sondern mit Hrn. Zoozmann beschäftigen, der mich um einen Aufsatz gebeten hat über sich oder über sein neuestes Buch, »Seltsame Geschichten« (Gedichte) bei Schabelitz. Nun kann ich mich aber gar nicht für ihn und seine trotz aller Erotik furchtbar harmlose Poesie begeistern; was also tun! Hr. Z. meinte neulich, ich selbst müsse doch eigentlich auch schon genügend liegen haben, um ein Bändchen Verse herauszugeben. Ich weiß nicht, wann ich dazu kommen werde; auch erlaubt mir meine Selbstkritik von den Unmengen der vorhandenen bisher höchstens für 100 Druckseiten. Aber es scheint mir, dass ich in der Lyrik bei einem größeren Abschnitt angelangt bin; wenigstens hab ich hier (in B.) noch keinen wesentlich neuen Ton gefunden […]. Ich beschäftige mich in diesen Tagen also damit, die Sachen zusammenzustellen. […]

Berlin, den 8. August 1891

W Genthiner Str. 17 III

[…] Ich war dreimal im Theater und habe, da mein Chef sich in Heringsdorf wäscht, mit großer Muße und andauerndem Fleiß tagsüber gearbeitet. Frucht davon die beiden Skizzen, die ich Dir beifüge. »Das kranke Weinen« werde ich wohl der »Freien Bühne« einreichen; über »Im Sande« bin ich noch im Zweifel; die Schilderung scheint mir nicht ganz übel, aber das Sujet zu unbedeutend, so ganz ohne »Fabel«. Was meinst Du? Bitte um schleunige Rücksendung der Manuskripte. Außerdem hab ich meine Zoozmannschen Kritiken fertiggemacht und das Ganze an die Adresse befördert. Und dann noch Theaterkritiken. Ich bin nämlich Mitglied der Freien Volksbühne geworden; weniger aus Neigung als auch »Pflicht«-Eifer, um Conrad über alle interessanten Berliner Theatererscheinungen berichten zu können. Das war nachmittags halb drei bis gegen sechs. – Darauf irgendwo in der Friedrichstraße zu Mittag gegessen und dann sofort ins Lessingtheater, wo der neue Rosegger geboren wurde. – Ein ganz netter Sonntag, nicht […] Gestern dagegen war ich bei »Sodoms Ende« zugegen, ebenfalls Lessingtheater, momentan mein Lieblingsplatz in der Welt. Ich habe die Bemerkung gemacht, dass ich einen stärkeren, ungeteilteren Genuss habe von der Aufführung von Stücken, die ich vorher noch nicht gelesen. Ich nehme dann die charakterisierende Darstellung, wie sie mir die Schauspieler geben, als selbstverständlich hin, lebe mich hinein und stelle kritische Betrachtungen (war die Auffassung des Darstellers richtig?) höchstens nach der Vorstellung an, wenn ich das Stück im Zusammenhang kenne. […]

Berlin-Charlottenburg, den 31. Okt. 1906

Knesebeckstr. 76, Gartenhaus I

[…] Einen ganzen Roman hindurch würde ich Berlin vielleicht nicht ertragen; ich will es in ein einziges Kapitel meines nächsten Buches schließen. Sein Held soll der durchschnittliche Neudeutsche sein, einer, der den Berliner Geist in die Provinz trägt; vor allem ein Byzantiner bis ins allerletzte Stadium. Ich habe vor, dass er eine Papierfabrik haben soll, allmählich zum Fabrizieren patriotischer Ansichtskarten gelangt und den Kaiser auf Schlachtenbildern und in Apotheosen darstellt. Als Papierfabrikant ist er mit dem Regierungsblatt seines Kreises liiert. […]

Jetzt, da ich zum zweiten Mal nach Berlin kam, dachte ich mit Felix Salten von Dir zu sprechen. Leider ist er nach Wien zurück; er hat’s nicht ausgehalten. Und sonst kenne ich keinen Mann von Einfluss. Auch darf ich Dir nicht verheimlichen, dass es mir noch immer so schwerfällt wie mit 20 Jahren, mich an Menschen heranzumachen. Schüchternheit und Stolz ergänzen sich. Übrigens werde ich, trotz all meiner harten Arbeit, mir selbst immer nur wie eine Art spielerischer Junge vorkommen, kann mich nicht recht wichtig nehmen und habe darum kein Auftreten. Bei meinen hiesigen Anhängern habe ich wohl schon verloren, seit ich mich ihnen gezeigt habe, nicht bei der Vorlesung, die ich ganz ordentlich gemacht habe, aber im Café. Habe also Nachsicht mit mir, wenn ich noch immer nichts für Dich getan habe.

Meine Pläne (die Du hoffentlich für Dich behältst) würde ich Dir nicht mitgeteilt haben, wenn ich nicht wüsste, dass Du ähnlich empfindest. In einem Deiner immer bemerkenswerten Leitartikel sah ich einen Ausfall gegen den Massenbyzantinismus. – Hohen-

lohe und der Hauptmann von Köpenick sind auch nicht übel.

Schade, dass in meinem Roman der Hauptmann sich nicht gut hineindichten lässt: er ist schon zu »fertig«. Was für ein Zeichen der Zeit! […]

(Aus: Briefe an Ludwig Ewers 1889–1913, hrsg. von Akademie der Künste der DDR, Berlin 1980)

DIE DEUTSCHE GEISTESKULTUR

Auf der Treppe, die er zur Redaktion des »Berliner Nachtkurier« hinaufstieg, blendete den jungen Mann der ganz neue und doch bereits arg besudelte Teppich. Alles im Hause war reich und durch den regen Geschäftsbetrieb mitgenommen. Jünglinge mit kotbespritzten Beinkleidern, sonst sehr elegant, hasteten an dem Besucher vorüber. Droben in dem großen Wartezimmer schob sich eine beträchtliche Menschenmenge durcheinander. Andreas, der gegen die Wand gedrängt wurde, blickte durch eine Glasscheibe in einen langen kahlen Saal hinein, wo ungefähr dreißig junge Leute an Pulten saßen. Einige lasen Zeitungen, andere plauderten, indes sie Bleistifte spitzten oder ihre Nägel pflegten.

Eine Flügeltür ward aufgestoßen, und ein reich aussehender Herr mit rasierter Oberlippe und rotblonden Kotelettes, den Hut in der Stirn rief ins Vorzimmer hinein: »Kommt denn der Chefredakteur nicht?«

Der herbeieilende Redaktionsdiener verbeugte sich.

»Muss sofort da sein, Herr Generalkonsul!«

»Endlich, mein lieber Doktor!«, rief der Herr und streckte die Hand mit matter Anmut einem großen eleganten Manne entgegen, der von der Treppe her eintrat und dem Diener Hut und Paletot zuwarf. Bevor die beiden hinter der Flügeltür verschwanden, hörte man den Generalkonsul fragen: »Sie waren im Auswärtigen Amt? Nun, was sagt unser Minister?«

Andreas erschauderte vor Ehrfurcht, während er bedachte, welche Unendlichkeit von Macht und Ansehen diese Worte ahnen ließen. Wer hier im Vorzimmer des »Nachtkurier« stand, war gewis-

sermaßen in den Bereich einer Organisation eingetreten, die es an Ausdehnung und Festigkeit selbst mit der des Staates aufnahm. Doktor Bediener ging im Palais der Wilhelmstraße aus und ein wie der Staatssekretär selbst. Sein Kollege war ein Minister des Innern, dem kein Wille im Lande leichtfertig zuwiderhandelte. Die Ämter waren verteilt genau nach dem Vorbilde des Staates, von den Botschaftern in allen Hauptstädten der Welt bis hinab zu jener Schar von überschüssigen kleinen Beamten, unbezahlten Referendaren, die ihre Bleistifte spitzten und sich die Nägel pflegten. Hoch über dieser unpersönlichen Verwaltungsmaschine aber, hinter dem Gehege der Gesetze und gedeckt von der Verantwortlichkeit seiner Minister, die er berief und entließ, thronte der große Jekuser, der Besitzer des »Nachtkurier«, ein konstitutioneller Monarch. Von den Tagesmeinungen abhängig wie andere gekrönte Häupter, bewahrte er dennoch einen unbeschränkteren Einfluss als diese. Da er sogar die Volksvertreter vermöge seines »parlamentarischen Büros« zu zensieren und zu maßregeln vermochte. Und er war reicher als sie, denn von den Abgaben seines Volkes, von den fünfzehn Pfennigen, die Hundertausende von Lesern täglich erlegten, blieb der größte Teil in seiner Tasche zurück.

Die Flügeltür öffnete sich halb, ohne dass jemand sichtbar wurde. Aber in der wartenden Menge pflanzte sich sogleich ein Stoß fort, den schließlich der gegen die Wand gedrückte Andreas vor die Brust erhielt. Er griff hastig in die Tasche, die seine Papiere enthielt. Glücklicherweise fand sich der Brief des Herrn Schmücke noch vor. Seit einem Jahre hatte der junge Mann nicht mehr des Empfehlungsschreibens gedacht, das ihm der alte Herr in Gumplach, der sich mit Literatur befasste, an den Doktor Bediener mitgegeben hatte. Andreas kam mit großer Ehrfurcht vor den Mächtigen der Erde nach Berlin, um sich gleich anfangs bis zu einem

Und dann führte er eine möglichst korrekte Verbeugung vor Doktor Bediener aus, der ihm lächelnd die Hand mit dem Brillanten entgegenstreckte.

»Sie sind mir als ein sehr aussichtsreiches Talent empfohlen, Herr – re…«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Herr Zumsee«, wiederholte Doktor Bediener.

Er wies auf einen Sessel, und Andreas, der dem Leiter des »Nachtkurier« gegenüber Platz nahm, sagte sich, dass der Empfang gar nicht günstiger hätte sein können. Doktor Bediener begann

13 von ihnen vordrängen zu wollen. Herr Schmücke war gewiss ein braver liberaler Bürger, aber ob der Chefredakteur des »Nachtkurier« auf seine Empfehlung großes Gewicht legen würde, war mehr als zweifelhaft. Um den Brief nicht unbenutzt zu lassen, übergab Andreas ihn einem vorübergehenden Diener, der mit einer Handvoll Depeschen das Erscheinen des Chefs erwartete. Gleich darauf verabschiedete sich der Generalkonsul, den Doktor Bediener bis zur Treppe begleitete. Andreas verfolgte mit scheuem Blick jede Bewegung des Mannes, von dem sein Schicksal abhing. Er sah ihn mit einigen jungen Leuten, die zunächst an seinem Wege standen, leise Worte wechseln und nachdenklich, die Hand, auf der ein großer Brillant blitzte, an seinen grauen Spitzbart, in seinem Kabinett verschwinden. Welche betäubende Fülle von Geschäften und wie wenig Hoffnung für einen bescheidenen Neuling, hier ans Ziel zu gelangen! Doch schon nach wenigen Minuten trat ganz unerwarteterweise derselbe Diener, dem Andreas seine Empfehlung anvertraut hatte, auf den jungen Mann zu, um ihn zum Eintritt in das Büro des Chefredakteurs aufzufordern. Andreas durchschritt blutübergossen die Reihen der Wartenden. Er meinte, die Bevorzugung, die ihm zuteil ward, müsse jemandem auffallen.

wieder: »Die Empfehlung, die Sie geltend machen, ist mir besonders wertvoll, weil sie von einem langjährigen, lieben Freunde kommt. Ich hoffe, es geht meinem alten Schmücke gut?«

Andreas erteilte befriedigende Auskunft über die Gesundheit des alten Herrn. Aber er erfuhr mit Erstaunen die nahen Beziehungen des Chefredakteurs zu Schmücke, der sich deren nie gerühmt hatte.

»Ich meine sogar, Ihren Namen schon irgendwo gefunden zu haben, Herr, Herr – re…«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Herr Zumsee«, wiederholte Doktor Bediener, und er strich mit zwei gespreizten Fingern suchend über seine hohe Stirn. Dachte er an den »Gumplacher Anzeiger«? Andreas hätte gern von seinen Erfolgen und Hoffnungen, von den Gedichten, der Novelle, Köpf, dem Café Hurra und Türkheimers des längeren gesprochen. Aber durch die ungeahnte Liebenswürdigkeit des mächtigen Mannes ward in ihm ein solches Entzücken erregt, dass er, minutenlang stumm und rot vor heftiger Schwärmerei, den Doktor Bediener ansah.

Nie im Leben hatte Andreas solche ausgesuchte Manieren kennengelernt, solche weltmännische Haltung, solche natürliche Glätte in jeder Bewegung, jedem Blick und jedem Worte. Doktor Bediener saß ein wenig seitwärts über die Lehne geneigt, auf die er einen Arm stützte. Mit dem andern beschrieb er zuweilen eine flüchtige, doch unnachahmlich runde Geste, die alles zu erklären schien, was er andeuten wollte. Sein Lächeln war offenbar so ganz für sein Gegenüber bestimmt, dass dieses sich nicht denken konnte, er werde je einem andern so viel Aufmerksamkeit schenken. Er sprach zögernd, mit leicht verschleierter Stimme und ließ das R weit hinten im Halse verschwinden, was distinguiert klang.

Er mochte mit einem armen jungen Mann noch so familiär tun, ohne es zu wollen, bewahrte Doktor Bediener in seinem ganzen

Wesen stets eine so vornehme Zurückhaltung, dass es Andreas vorkam, als steige er aus einer höheren Diplomatensphäre hernieder, wohin er jeden Augenblick entrückt zu werden drohte.

Er ließ die Frage, wo er Andreas’ Namen schon gefunden haben mochte, nach einiger Überlegung auf sich beruhen, um sich zu erkundigen: »Haben Sie schon literarischen Anschluss gefunden?«

»Es ist mit ganz unbekanntem Anfänger sehr schwergefallen«, erwiderte Andreas bescheiden. »Ich kenne ein paar Redakteure, zum Beispiel Doktor Pohlatz.«

»Oh, Pohlatz«, sagte Doktor Bediener mit einer Handbewegung, die nicht viel Hochachtung auszudrücken schien. Doch setzte er hinzu: »Ich schätze Pohlatz persönlich hoch, ich kann sogar sagen, dass wir recht gute Freunde sind.«

Schon wieder jemand, mit dem ich verkehrt habe, ohne zu wissen, dass er mit dem Chefredakteur des »Nachtkurier« befreundet ist, dachte Andreas.

»Nur möchte ich Ihnen davon abraten«, fuhr Doktor Bediener fort, »an seinem Blatte mitzuarbeiten. Es würde für Sie wenig Wert haben – dies unter uns.«

Andreas verbeugte sich, voll Vergnügen über die vertrauliche Mitteilung, deren er gewürdigt wurde. Wie gut, dass Pohlatz gar nicht daran gedacht hatte, ihn beim »Kabel« einzuführen! Er lauschte atemlos auf Doktor Bedieners Belehrung.

»Alle diese Blätter mit strenger Parteirichtung taugen nichts für ein aussichtsreiches Talent«, sagte der Chefredakteur. »Sie würden sich dort kompromittieren, ohne für den Verlust Ihrer Selbstständigkeit entschädigt zu werden. Bei uns dagegen, wissen Sie wohl,

behält der Mitarbeiter seine Eigenart. Der ›Nachtkurier‹ hat vor allen andern erkannt, dass die Parteipresse sich überlebt hat. Dass man eine gesunde liberale Wirtschaftspolitik vertritt, versteht sich von selbst; wir wären verrückt, wenn wir es nicht täten.« (Hier vollführte Doktor Bediener eine Armbewegung, die einer längeren Parenthese gleichkam.) »Im Übrigen betrachten wir uns als ein Organ der deutschen Geisteskultur.«

Doktor Bediener hielt an; er war beinahe warm geworden. Aber er erlangte sofort sein vornehmes Gleichgewicht wieder, dessen augenblickliches Abhandenkommen Andreas in seiner Hingerissenheit gar nicht bemerkt hatte. Der Chefredakteur betrachtete den Eindruck, den er auf den jungen Mann machte, mit Wohlwollen. Er lächelte sogar, denn er hatte die Bemerkung gemacht, dass Andreas’ Blick, der zwischen dichten und langen Wimpern hervorkam, in seiner Treuherzigkeit merkwürdig einschmeichelnd sei, und dass die bedingungslose Verehrung, die er ausdrückte, einer Dame überaus angenehm sein müsse. Flüchtig dachte er sogar an Frau Türkheimer. Er zögerte noch, denn der misslungene schwarze Rock, der dem gut gewachsenen Jüngling etwas Ungeschicktes gab, forderte zur Vorsicht auf. Das Haar war erbärmlich geschnitten, doch trug Andreas den Kopf recht gut. Dann entschloss sich Doktor Bediener.

»Sie sollten sich vor allem beim Theater einführen, ich meine in den Kreisen, die dem Theater nahestehen.«

Schon wieder das Theater, dachte Andreas. Es muss doch etwas damit los sein.

Er öffnete den Mund, aber Doktor Bediener schnitt seinen Einwand ab.« Sie werden noch nichts für die Bühne geschrieben haben, das tut nichts zur Sache. Man erobert die Welt nicht mehr von der Schreibstube aus. Auch der Schriftsteller muss heutzutage

mit seiner Person eintreten. Sie werden sich in der Gesellschaft umsehen müssen.«

Kommen jetzt Türkheimers?, fragte sich Andreas. Aber der Chefradakteur zögerte wieder.

»Halten Sie sich vorläufig an uns«, sagte er. »Unsere Sonntagsbeilage ›Die Neuzeit‹ steht den junge Talenten offen. Schicken Sie uns etwas, und nach zwei, drei Versuchen rechnen wir Sie zu unseren Hausdichtern, die bei den Bühnen natürlich einen Vorsprung haben. Das ist das, was ich Ihnen versprechen kann.«

Die letzten Worte sprach er langsamer, er schien auf etwas zu warten. Aber Andreas sah schon die Spalten des »Nachtkurier« zu seinem Empfange weit geöffnet. Seine sanguinischen Hoffnungen wurden alle wieder wach. Es ward ihm ganz heiß, und ohne sich zu bedenken, versetzte er: »Herr Doktor, ohne die große unverdiente Güte, die Sie mir entgegenbringen, würde ich nie gewagt haben, Sie darum zu bitten, verzeihen Sie, dass ich es jetzt wage: würden Sie mich als Volontär aufnehmen?«

Doktor Bedieners Miene drückte plötzlich tiefe Besorgnis aus.

»Sie irren sich«, sagte er. »Ich meine es mit den jungen Leuten, die mir empfohlen sind, zu gut, um sie auf die von Ihnen bezeichnete Art kaltzustellen. Haben Sie die dreißig Unglücklichen gesehen, die dort drüben die Zeit totschlagen?

Andreas begriff, dass das Fenster im Wartezimmer zu seiner und seinesgleichen Abschreckung angebracht sei.

»Wen Herr Jakuser dort hinsetzt, das geht mich nichts an«, fuhr Doktor Bediener fort. »Aber ich sehe, dass man dort durch das viele Herumlungern faul und unbrauchbar wird. Wer es am längsten ausgehalten hat, bringt es schließlich zu einer kleinen Anstellung bei einem Provinzblatt. Beschränken Sie Ihre Träume darauf? – Nein, mein Lieber«, so schloss der Chefredakteur, »wir

haben es besser mit Ihnen im Sinn. Was wir Ihnen versprechen können, habe ich schon gesagt. Sie wissen ja, welcher wirksamen Empfehlung Sie unser Wohlwollen verdanken.«

Bei jedem der von Doktor Bediener gebrauchten, geschäftsmäßig kühlen »wir« überrieselte es Andreas kalt. Er ward sich bewusst, dass seine persönliche Unterredung mit einem hohen Gönner beendet sei und dass er sich nur noch als namenloser Bittsteller einem Mächtigen gegenüber befinde. Und dies bloß infolge seiner plumpen Ungeschicklichkeit; weil er durch eine dumme Bitte den ganzen schönen Erfolg des bisherigen Gesprächs zerstört hatte! Nun fühlte er Doktor Bedieners Blick mit der deutlichen Ankündigung auf sich ruhen, dass die Audienz beendet sei. Und nun wandte sich der Chefredakteur ganz unverhohlen der Stutzuhr auf dem breiten Schreibtische zu. Der arme junge Mann biss sich auf die Lippen. Er war bleich und verwirrt, doch fest entschlossen, sich lieber vom Redaktionsdiener hinaussetzen zu lassen, als unverrichteter Dinge freiwillig zu gehen.

Ich habe nichts mehr zu riskieren, sagte sich Andreas. Gehe ich jetzt, so hinterlasse ich den denkbar schlechtesten Eindruck. –Ich muss die Empfehlung an Türkheimer haben, wiederholte er sich hartnäckig und starrte auf den hellgeblümten Teppich, der den Boden des Zimmers bedeckte. Er wollte ein niedrig hängendes Ölgemälde betrachten, doch versagte ihm der Mut. Sein Blick wagte sich nicht höher als bis zu Doktor Bedieners Lackschuhen und den weißen Gamaschen, über die das graue Beinkleid mit unsäglicher Eleganz herabfiel. Wäre der Chefredakteur nur ein beliebiges großes Tier gewesen, vor dem ein armer junger Mann wie Andreas im Staube kriechen musste! Aber er gebot ihm Achtung als Persönlichkeit; darin lag das Demütigende. Vor Erregung war Andreas von Ohrensausen befallen. Dazwischen hörte er Dok-

tor Bediener auf den Rand des Schreibtisches trommeln. Er warf einen ängstlichen Blick von unten herauf, die Situation war nicht länger haltbar. Aber zu seiner Verwunderung drehte der Chefredakteur Herrn Schmückes Brief in der Hand. Er sah sogar mit einem halben Lächeln darüber hinweg auf den jungen Mann, dessen Standhaftigkeit ihm schließlich vielleicht Achtung abgewann. Der schwarze Rock musste allerdings mit in den Kauf genommen werden. Dennoch überwog das Empfehlende in Andreas’ Erscheinung. Auch war Herr Schmücke Gumplachs gewichtigster liberaler Wähler.

»Die gesellschaftlichen Verbindungen«, sagte Doktor Bediener, »betrachte ich, wie gesagt, als eine Hauptsache. Ich bin auch gern bereit, Ihnen den Anfang zu erleichtern. Warten Sie, ich werde Sie an ein Haus empfehlen, wo die aussichtsreichen Talente stets mit Wohlwollen aufgenommen werden. Die Hausfrau sammelt die Blüte unserer kunstsinnigen Gesellschaft um sich, Sie werden einflussreichen Leuten begegnen. Profitieren Sie von dem Ton, der bei Türkheimers herrscht, lieber Freund!«

Damit übergab er Andreas die Visitenkarte, die er während des Sprechens mit ein paar Zeilen beschrieben hatte. Der junge Mann sprang auf. In dem Stolz, den er über die Erreichung seines Zieles empfand, steckte er den kostbaren Umschlag so flüchtig in die Brusttasche, als käme es ihm gar nicht darauf an. Dieser Zug mochte den Beifall des Chefredakteurs finden, der die Hand auf Andreas’ Schulter legte und ihn sehr freundlich zur Tür geleitete. Im Vorzimmer konnte jedermann hören, wie Doktor Bediener zu dem sich Verabschiedenden sagte: »Auf Wiedersehen, lieber Freund!«

Merkwürdig, dachte Andreas, der blind vor Glück die Treppe hinabeilte, ich meinte schon, es ganz mit ihm verdorben zu haben,

und jetzt bin ich gar sein lieber Freund, wie Schmücke und Pohlatz. Nur nicht ängstlich!, sagte er sich triumphierend, aber auf dem Treppenabsatz rannte er mit einem heraufstürmenden Menschen so heftig zusammen, dass beide sich aneinanderklammern mussten, um nicht umzufallen.

»Warum sagen Sie das nicht gleich?«, versetzte der Fremde, während sie sich umarmt hielten. Dann hob er die Blume auf, die seinem Knopfloch entglitten war.

Trotz ihrer stürmischen Begegnung empfing Andreas einen günstigen Eindruck von dem andern. Es war ein mittelgroßer untersetzter junger Mann, der einen Zylinder trug. Seine Kleidung war ziemlich elegant, von einer Allerweltseleganz, nichts Hervorstechendes, er konnte einen mit seinem forschenden Hundeblick ansehen und einem gerade unter der Nase umherschnüffeln, ohne dass man dies unverschämt fand. Er hatte etwas so Heiteres und Gutmütiges an sich, dass man ihn gewiss anstandslos überall einließ, ihm alles Mögliche anvertraute und dabei gar nicht auf ihn achtete. Was wäre für einen Reporter wünschenswerter? Schon wie er Andreas liebenswürdig beiseiteschob, um sich Platz zu machen, war es deutlich, dass er überall durchkommen und alles erfahren musste, was er wollte, ohne auf Hindernisse zu treffen. So unpersönlich wie er aussah, war ein Zusammenstoß mit ihm eigentlich gar keiner.

Er stieg zwei Stufen höher, kam aber eilig zurück und sagte: »Ach Pardon, hörensemal! Da wir nun doch Bekanntschaft gemacht haben, können Sie mir vielleicht sagen, ob der Chef guter Laune ist. Sie kommen doch vom Chef.«

»Ich war beim Doktor Bediener«, bestätigte Andreas.

»Können Sie mir sagen, was Sie da gemacht haben?«, fragte der andere, und schlug dabei einen so freundschaftlich zusprechenden

Ton an, dass Andreas sofort die Überzeugung gewann, er könne im eigenen Interesse nichts Besseres tun, als dem Fremden sagen, was er beim Doktor Bediener gemacht habe.

»Nun, ich war an den Chefredakteur empfohlen«, versetzte er.

»Aha, Sie sind wohl ein neuer Kollege. Sehr erfreut!«

Er schüttelte Andreas die Hand, verbeugte sich und sagte: »Kaflisch, vom ›Nachtkurier‹.«

»Andreas Zumsee.«

»Volontär, was?«

»Doch nicht«, sagte Andreas stolz ablehnend, als habe er nie den Wunsch gehegt, als Hilfsarbeiter in die Redaktion einzutreten.

»Dann hat er Ihnen wohl die Mitarbeit an der ›Neuzeit‹ angeboten?«

Andreas sah den schlau lächelnden Journalisten an. Kaflisch nahm die Überraschung des Neulings für eine Antwort und fragte weiter.

»Sagensemal, hat er Sie auch an Türkheimers empfohlen? Na, herzlichen Glückwunsch!«, sagte er, als Andreas bejahte. »Ein feines Haus und ’ne schöne Frau.«

Er schmatzte dabei so stimmungsvoll, dass Andreas plötzlich allerlei dunkle Begierden empfand.

»Und besten Dank, sehr geehrter Herr. Wenn der Alte einen zu Türkheimers schickt, dann ist er unfehlbar guter Laune. Dann kann ich ihm mit meinen Geschichten kommen. Es ist ja ’n Elend, nie mehr als zehn Pfennige für die Zeile und dabei noch den Staat erhalten! Jetzt will ich vor den Gerichtsvollziehern nach Breslau flüchten, wissense, wo jetzt der Lustmordprozess anfängt. Bediener gibt mir die Berichterstattung, passense mal auf. Wenn er zu Ihnen so nett ist und Sie zu Türkheimers schickt, dann tut er mir auch ’ne Liebe. Na, Mahlzeit, und viel Vergnügen. Auf Wiedersehen.«

Er war schon droben im Vorzimmer verschwunden, als Andreas ihm noch nachschaute. Dieser Kaflisch befremdete ihn zwar etwas, aber sein Wesen war nicht gerade abstoßend. Er versöhnte mit seiner zudringlichen Neugier dadurch, dass er auch in seinen eigenen Angelegenheiten keine Diskretion kannte.

Auf der Straße wandte sich Andreas um und sah zur Fassade des Hauses empor, über die die Inschrift »Berliner Nachtkurier« in mächtigen Relieflettern quer hinüberlief. Der Augenblick schien ihm feierlich, er fühlte, dass hier die ihm vorgeschriebene Laufbahn begann.

Zu Hause ging er sofort an die Sichtung seiner Garderobe. Es hatte seine Schwierigkeit, einen passenden Visitenanzug zusammenzustellen, da jedes der hellen Beinkleider den einen oder anderen Mangel aufwies. Seufzend entschloss sich der arme junge Mann zu der Frackhose, die zusammen mit dem verunglückten schwarzen Rock schon dem Doktor Bediener unvorteilhaft aufgefallen war. Andreas hatte dies wohl bemerkt. Er besaß ein angeborenes Verständnis für gute Kleidung, das sich in Berlin rasch ausgebildet hatte. Sooft er über die Friedrichstraße ging, fing er den wohlwollenden Blick irgendeines hübschen Mädchens auf, den sie aber eilig zurückzog, sobald sie den Rock des jungen Mannes abgeschätzt hatte. Diese schlanken blonden Mädchen, die am Arm kleiner geschniegelter Herren mit blanken Zylindern auf schwarzgelockten Häuptern dahinwandelten, ahnten nicht, wie tief sie Andreas verwundeten. Heute, wie schon oft, studierte er lange in seinem Rasierspiegel, und er sah besser als jeder andere, warum der Anzug, der doch wenig getragen war, ihm so etwas traurig Ungeschicktes verlieh. Der Gedanke, dass in ganz Berlin kein Schneider auf sein Glück und Talent vertrauen und ihm Kredit geben würde, drückte ihn tief danieder und hielt ihn zwei Tage von dem Besuche bei Frau Türkheimer ab.

Mit dem Mute der Verzweiflung schlug er endlich den Weg in die Potsdamer Straße ein. Er ging die Königin-Augusta-Straße entlang und bog entschlossen in die Hildebrandt-Privatstraße ein, eine stille, mit Sand bestreute Allee, die an beiden Enden durch ein Gitter abgeschlossen war. Das Palais Türkheimer fiel als das großartigste unter den Gebäuden jedem Passanten auf. Es war in einem deutschen Renaissancestil erbaut, den man auf seine Echtheit nicht näher ansehen durfte. Andreas schellte an dem reichen bronzenen Gartentor, und es öffnete sich ohne das Erscheinen eines Menschen. Einsam wie der Märchenprinz, der ein verwunschenes Schloss erobert, schritt der junge Mann über eine Art von Burghof, betrat eine majestätische Freitreppe und stand vor der eleganten Glastür, die in die Wölbung des kunstvoll gemeißelten Portals von profanen Händen eingefügt schien.

Die Tür ging auf, doch der grün-silberne Lakai, der Andreas entgegentrat, besaß die Macht, den mutigen Eroberer von der Schwelle seines Paradieses zurückzuscheuchen. Er sagte, dass die gnädige Frau nicht zu Hause sei. Unter dem ersten Eindruck dieser Nachricht übergab ihm der junge Mann seine Karte und das Billett des Doktor Bediener. Gleich darauf fiel ihm ein, dass er dies nicht hätte tun sollen. Er blickte bleich vor Wut dem Diener in das unverschämte Gesicht und stand im Begriffe, einen Schlag hineinzuversetzen. Wenn es nicht meinem Interesse zuwiderliefe, sagte er sich, würde ich es tun. Übrigens kann ich ihm seine Unverschämtheit nicht nachweisen, sie ist versteckt wie immer bei solchen Menschen.

Er ging mit der Last seiner vernichteten Hoffnung auf der Brust die Straße zu Ende und befand sich am Tiergarten. Zwei Stunden lang trieb ihn sein enttäuschter Ehrgeiz in den entlaubten Wegen umher. Er fühlte sich so leer und ziellos wie an dem Tage, als er

mit dem Café Hurra zu brechen beschloss. Aber inzwischen hatte er Schritte getan, die nicht so leicht zu wiederholen waren. Wenn nun der freche Lakai, der ihn wie einen stellungsuchenden Kandidaten gemustert hatte, die Karte des Chefredakteurs nicht abgab?

Aber schon am folgenden Morgen erhielt Andreas mit der Post eine Einladung zum Abend des zehnten November, von Frau Adelheid Türkheimer.

(Aus: Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten, 1900)

BERLIN

Ankunft in Berlin, Oktober 1921. Das Hotel ist verdunkelt und von Streikposten belagert. Weit und breit nur ein einsamer Direktor, der sagte: »Bringen Sie sich Papier mit und überziehen Sie Ihr Bett!« Eines Tages streiken dann auch noch die Autos. – Es sind die Tage, in denen das halbe Oberschlesien verloren geht: was nicht hindert, dass jeder um sein Besonderes weiterkämpft, zäh, unverwüstlich – und trotz allem mit einem eisernen Bestand guter Laune.

Dies ist das Auffallendste, wenn jemand nach drei Jahren wiederkehrt, die gute Laune Berlins, eine Art Heiterkeit, die aus Rücklagen von Kraft kommt. Jedem muss dies ins Auge springen, vor allem dem Bewohner entfernter Reichsteile, die über ihre unliebsamen Erlebnisse hinweggekommen, es hat sie verarbeitet. Man muss glauben, dass seine geistige Verdauung schneller ist als die der entfernten Reichsteile. Es hat schon wieder gesittete Formen, sein Ton ist sogar höflicher als 1918, ja, als 1913.

Wie sieht es aus? Zugegeben, nicht schöner als 1913 oder selbst 1918, – wenn Schönheit nur Glanz und Fülle wäre. Die Straße ist als Bild viel ärmer geworden. Zwischen den stehengebliebenen Dekorationen der reichen Zeiten bewegt sich ein im Ganzen missfarbenes Gewimmel ohne alle Üppigkeit an Gliedern, Wangen und Bekleidung. Umhaucht wird das Gewimmel von den Ausströmungen der großartigen Privatautos, die heutzutage wie alter Schweiß riechen: wohl der Schweiß, mit dem sie verdient wurden … Die Schaufenster zeigen gewohnheitsgemäß große Aufmachung; näher betrachtet aber sind auch die anspruchsvollen noch bescheiden.

Was verschlagen am Ende die paar tausend Schieber. Anderswo prägen sie die Stadt.

Äußere Schönheit wird auch dadurch nicht gefördert, dass neue Rummelplätze entstanden sind, zuweilen an den unerwartetsten Stellen, zum Beispiel mitten in der Friedrichstraße, als wäre sie die Hauptverkehrsader einer Wildweststadt. Rummelplätze und Likörstuben, letztere mit Versuchen einer eigenen Stilisierung ihres Rahmens, sind im Straßenbild eine Überraschung. Der Drang nach Schwindelgefühlen muss das neu geschichtete Volk mit Macht befallen haben, dass es so viele Karussells benötigte und so viel Sprit. Was aber die mehr in das Geistige hineinspielenden Freuden angeht, sie werden nicht verschmäht; Kinos sind immer voll, Theater meistens. Nur hat das Gebotene sich anzupassen an den Zustand von Menschen, die zu viel erlebten letzthin. Neu darf es sein, vorausgesetzt, dass es rein äußerlich bleibt. Stark darf es sein unter der Bedingung, dass es sich aufdrängt. Fein – sei es lieber nicht.

»Wir sind verdammt durcheinander gemischt worden in jedem Sinn. So plötzlich reich ist noch schwerer zu ertragen als so plötzlich arm, am schwersten das Beisammenleben der Vertauschten. So plötzlich und oft so früh den Trieb befreit von Bedenken, ist auch keine üble Leistung. Ungerechnet, dass wir auf dem Vulkan leben, zumindest an seinem Fuß. Wie lange ist es her, dass wir Minenwerfer gegeneinander richteten und einen Hass, gegen den der Hass auf England geschminkt aussah. Was will man mehr von uns, wir halten durch, noch ganz anders als im Krieg: halten die ganze Unsicherheit des heutigen Daseins durch, den tiefen Sturz des öffentlichen Selbstgefühls und den öffentlichen Ruin, der doppelt quält, weil er nie, nie sich offen erklärt; ertragen uns selbst und einander, ja, sind noch gut gelaunt. Nur nicht mehr neue

Zumutungen! Schon gar nicht geistige! In unserer Lage können sämtliche geistige Fähigkeiten nur ein Ziel haben: vergessen. Wir sind Bewohner der Stadt, die seit langen Jahren heftiger erschüttert wird als irgendein anderer Menschenort.« – Dies ist der Zustand.

Daher auf den Bühnen der Theater die vielen Treppenbauten und das viele Geschrei, genau wie auf den Bühnen des Lebens. Ob politisches, metaphysisches, soziales oder wirtschaftliches Bedürfnis, jedes befriedigt am besten der, der den steilsten Standpunkt einnimmt und der Lauteste ist. Heftig gepackt werden und aus allen Nöten sein! Nichts anderes fühlten sie gewiss, die zu Wulle und Klante liefen. Käme aber im Gegenteil ein großer Heiliger, der für Menschenliebe und Verabscheuung des Geldgewinnes würbe, er hätte noch dichteren Zulauf – eine Weile. Wir sind niemals lange aus der Not.

Sie wissen 1921 nicht mehr, wohin mit sich. Das ist es: sie haben zu zweifeln angefangen. Nichts aber fördert mehr das gesittete Zusammenleben als der Zweifel. Er macht duldsam. Wer starke Erlebnisse gehabt hat, die einander widersprachen – und dies ist unser Fall, – verträgt endlich Widerspruch. Auch die andern dürfen nun da sein, sich äußern, sogar handeln. In den Häusern Berlins begegnen einander kaiserliche Exzellenzen und sozialistische Würdenträger: Menschen, die vor längerer oder kürzerer Zeit sich gegenseitig als Verräter abgetan haben würden. Jetzt fallen ihre Reden und Gegenreden, ohne Unheil anzurichten; zuweilen sind sie schon einer Meinung oder wissen selbst nicht mehr, welcher. Genau so spielt in den Theatern ein Stück, aus dessen hübschen Bildern jählings die soziale Revolte den Arm über das Parkett hinstößt, – und morgen ein anderes, das ganz und gar nur nationaler Schwung ist. Sehr feindliche Stücke, aber dasselbe Parkett, vielseitig, duldsam und abgekämpft, beklatscht beide.

Korruption? Verfall der Gesinnung? Berlin ist nicht schläfrig, nicht unkritisch, das droht ihm nicht. Aber jeder sieht neben dem, was seine eigenen Augen ihm zeigen, auch noch die Tatsache, dass andere da sind, die das Gegenteil sehen. Der Mann mit bürgerlichen Begriffen findet keinen Grund, warum Katastrophen der Wirtschaft hereinbrechen müssten, solange noch ein Arm da ist, der Noten druckt. Aber er überzeugt sich täglich, dass Katastrophen schon herandrängen in Gestalt derer, die sie wollen. Er ist entschlossen, sie nicht heranzulassen; die andern wieder haben fest vor, ihn abzuschaffen. Inzwischen aber lebt man und paktiert. Vor dem großen Café stehen nebeneinander ein Streikposten und ein Sipomann. Der Streikposten richtet das Wort an den Nachbarn, und der Sipomann antwortet ihm, obwohl er bestellt ist, ihm den Weg zu verlegen. Sie unterhalten sich brüderlich, mitten im Klassenkampf: ein neues, ganz neues Bild.

Schranken sind gefallen. Die Revolution mag schwach und von kurzem Atem gewesen sein, Schranken sind dennoch gefallen, die Klassen sind sich näher. Berlin, wo sie, auf ihrem Kampffeld eng zusammengedrängt, sich genauer beobachten als irgend sonst, hat Klassen, die einander zu kennen angefangen haben. Wie neu! Auch die Reichen wissen häufig von dem Leben der Armen; schon viele von ihnen sind überzeugt von der Notwendigkeit eines Ausgleichs. Die Wandlung des Klassenbewusstseins, seine Nachgiebigkeit, das Merkmal jeder reiferen Gesittung, zeigt sich zuerst in Berlin. Nur in Berlin ist es möglich, einen der größten Inhaber von Bodenschätzen sagen, wenigstens sagen zu hören: die Bodenschätze müssten sozialisiert werden. Man sehe doch dagegen die Herren vom Rhein, die im Gegenteil auch das noch in ihre unersättliche Privathand bringen möchten, was schon bisher der Allgemeinheit gehörte!

Unmögliche Unternehmungen, nur erklärlich aus der Naivität robuster und unkomplizierter Provinzialen, werden am ehesten durchschaut und durchkreuzt werden von der mehr vorgeschrittenen Natur Berlins. Die große Stadt ist tiefer eingefühlt in die Zeit als die Länder, ist zugleich nachgiebiger und stärker. Trotz ihrer Vielfältigkeit und wenn auch mancher Irrsinn sie beleckt, bleibt sie das stärkste Bollwerk unserer Vernunft.

Die große Stadt ist wesentlich vernünftig. Die geistigen Epidemien, die sie heftig durchmacht und schnell übersteht, sind nur das Gegengewicht gegen Nüchternheit und Müßigkeit, gegen die Nötigung der Norm. Katastrophen, die sie heimsuchen, nutzen sich bald an ihr ab; die Norm des überall gleichen Trottoirs, dieser endlosen, mit steinernen Engpässen bedeckten Ebene ist stärker als jede große Ausnahme des Erlebens. Hier sind Millionen Menschen, soviel wie ein mittleres deutsches Land zählt, von der Erde losgemacht und auf sich selbst gestellt. Zu ihnen sieht kein Land mehr hinein, und sie begegnen keinem Bauern. Ihr Acker liegt nicht mehr unter dem Himmel, sie bebauen nur noch den Menschen und ziehen aus ihm, was er irgend trägt. Und diese Welt Gleichlebender liest täglich dasselbe, hat dieselben Schauspiele vor Augen, im Ohr dieselben Laute. Unermüdlich beurteilt einer den andern, beim Vorübertreiben im Meer der Straßen, – bis alle einander ähneln in ihren verfeinerten, kritischen und tapferen Gesichtern, bis alle die unverkennbare, besondere Sprache sprechen, die man nirgends im Land spricht: eine überaus durchgebildete Schriftsprache, zugleich höflich und unerbittlich scharf, geschärft an Menschenbeobachtung. Neue Worte entstehen eben hier, wie der Mensch. Gebildete Wendungen, Literatur, wie man sagt, finden sich im Alltagsgebrauch selbst der kleinen Leute. Überall blüht die eigentlich menschliche Form, Eindrücke zu überwinden: die Ironie.

Die Wirkung der großen Stadt auf ihr Land ist immer zwiespältig, die große Stadt ist verdächtig, und sie lockt. Berlin wird entfernten Reichsteilen noch lange verdächtig sein, aber Reiz und Werbekraft werden fortwährend zunehmen: der Reiz des neuen Berlin auf das neue Deutschland.

Deutschland sah früher in Berlin vor allem eine Verstärkung, fast eine Verzerrung seiner eigenen Eigenschaften: Tüchtigkeit und Selbstgefühl. Verdient wurde nie genug und der eigene Wert nie dick genug aufgetragen. Da das ganze Deutschland früher beides übertrieb, sah es sich in Berlin entlarvt und liebte es nicht, trotz Bewunderung. Jetzt liegt alles anders. Wir finden, als gestürztes und leidendes Land, eine Hauptstadt, die zu leiden weiß und im Sturz eher größer wird als kleiner. Wo sind noch Prahlerei, Schneidigkeit und blinder Hochmut, wo blieb die töricht prunkende Fassade? Ernst und Selbstprüfung haben angefangen. Der Zweifel kam, erworben ward das Bewusstsein der dauernden Gefahr; das Zeitweilige, die mühselige Übereinkunft unseres Daseins und Bestandes ward begriffen. Aber das Zeitweilige und die Übereinkunft des Lebens begriffen zu haben, ist erst wahre Zivilisation. Auf solchem Grund erst gedeiht das gereinigte Wesen der großen Stadt, ihre eigenste Schönheit.

Berlin, heute ohne Glanz und Fülle, ist unvergleichlich schöner als vor den Katastrophen. Man muss es ihm leise sagen: das Schöne ist, dass es nichts davon ahnt. Die Katastrophen erlösten es, indem sie es entblößten. Die große Stadt war früher eingeengt in den eisernen Gürtel Militarismus. Die Monarchie stand Wache vor ihrer »guten Stadt«, die große Stadt lebte scheinbar von Gnaden der Monarchie. Jetzt lebt sie aus eigener Kraft und auf ihre eigene Verantwortung. Was sie erfuhr letzthin, war weder glorreich noch dekorativ. Kaiser und großer Kanzler verschafften ihr vor Zeiten

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