

Reliefbildnis der Königin Luise von Preußen, nach dem 1798 angefertigten Entwurf von Heinrich Bettkober, Biskuitporzellan KPM Berlin, Ende 20. Jahrhundert
RUDOLF G. SCHARMANN
![]()


Reliefbildnis der Königin Luise von Preußen, nach dem 1798 angefertigten Entwurf von Heinrich Bettkober, Biskuitporzellan KPM Berlin, Ende 20. Jahrhundert
RUDOLF G. SCHARMANN

BeBra Verlag







„Louisens Lächeln heißt den Kummer scherzen / Vor ihrem Blick ist jedes Leid entflohn. / Sie wär’ in Hütten Königin der Herzen. / Sie ist der Anmut Göttin auf dem Thron.“
AUGUST WILHELM SCHLEGEL AM TAGE DER HULDIGUNG, 06. JULI 1798
Königin Luise, preußische Modeikone, eine Frau mit dem gewissen Etwas, von dem Philosophen August Wilhelm Schlegel „Königin der Herzen“ genannt – vielleicht war sie von allem etwas. Luise, deren Legende sie als fürsorglich und dem Volk zugewandt umschreibt, wurde von Napoleon als der „wahre Herrscher Preußens“ gelobt. Wie passt dies zusammen? Die beliebte Königin und Mutter von sieben Kindern brach von Anbeginn mit dem Hofzeremoniell, gab sich nahbar und wirklichkeitsnah. Ihr früher Tod im Alter von nur 34 Jahren veranlasste ihren Gemahl, König Friedrich Wilhelm III., den teils bis heute andauernden Luisenkult mit zahlreichen Gedenkstätten und vielfältigen Kunstwerken entstehen zu lassen.
Dieser Band zeigt die unterschiedlichen Bildnisse der „Herzenskönigin“, blickt auf ihr bewegtes Leben in Zeiten des Umbruchs, folgt ihrem Mythos, gibt Einblicke in die von ihr bewohnten, heute noch erhaltenen Schlösser und
Gärten und zeigt sie als modebewusste Repräsentantin einer gewandelten Monarchie.
O Herrscherin, die Zeit dann möcht ich segnen! Wir sahn dich Anmut endlos niederregnen, Wie groß du warst, das ahndeten wir nicht!
Dein Haupt schein Strahlen mir umschimmert; Du bist der Stern, der voller Pracht erst flimmert, Wenn er durch finstre Wetterwolken bricht!
HEINRICH VON KLEIST, AN DIE KÖNIGIN LUISE VON PREUSSEN , SONETT ZUR FEIER IHRES GEBURTSTAGS AM 10. MÄRZ 1810, 3. FASSUNG
Königin Luise war und ist die bekannteste Frau der preußischen Geschichte und neben Friedrich II., dem Großen, die herausragendste Persönlichkeit der brandenburgischen Hohenzollerndynastie. Bereits zu Lebzeiten wurde sie
verehrt – als schöne Frau, fürsorgliche Mutter und unkonventionelle preußische Herrschergemahlin, die ein Herz für ihre Untertanen gehabt habe. Gesichertes und Wahres wurden schon damals mit Sagenhaftem verwoben, Luises Leben dadurch mehr und mehr zur Legende. Ihr früher Tod 1810 verstärkte diese Tendenz. Und auch die politischen Umstände, unter denen sie



starb, trugen dazu bei: in Feindschaft zu Frankreich, in einem erniedrigten Preußen. Hof, Politik, Armee und Bürgertum begannen bald, Luise für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, indem sie eine Seite ihres Wesens oder eine ihrer tatsächlichen oder angeblichen Handlungen mythisch überhöhten. Diese Indienstnahme dauerte auch nach dem Ende der Monarchie 1918 bis weit ins 20. Jahrhundert fort. Heute ist es nicht leicht, Mythos und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden. Gerade diese beiden Seiten Luises aber sind es, die immer noch interessieren und nachwirken. Beide Aspekte bedingen ihre Zeitlosigkeit. Die „Schönste der Schönen“, die „beste Mutter aller Zeiten“, die „Todfeindin Napoleons“, der „Schutzgeist deutscher Sache“, die „stille Dulderin“ und „edelste Frau der Geschichte“, die „preußische Madonna“, die „Märtyrerin der Nation“, die „Mutter des Deutschen Reichs“ – wer war die Frau, die so hymnisch gefeiert wurde und deren Anziehungskraft so lange anhielt?
250 Jahre nach ihrer Geburt sollen die Rollen, die Luise im Leben wie im Mythos spielte und zu spielen hatte, betrachtet werden – und den Blick auf den Menschen dahinter öffnen..
Vollständig vergessen war Königin Luise nie. In preußisch-wilhelminischer Zeit wurde sie wie eine Heilige verehrt und häufig auch so dargestellt. Von den rührselig bebilderten Kinderbüchern, die ihre Tugenden schildern,
bis zu den steinernen Denkmälern, an denen die Untertanen ihrer gedachten, war Luise einst im deutschen Alltag gegenwärtig (Bilder S. 9, 99, 100, 110). Heute wirken diese Formen der kollektiven Erinnerung fremd und fern –fremder und ferner als Luise selbst. Trotzdem zählt sie noch zu den bekannteren Figuren der preußisch-deutschen Geschichte, auch wenn ihr Name langsam zu verblassen scheint. Worin begründet sich ihre Bedeutung, obwohl sie doch aus nationalgeschichtlicher und auch aus weltgeschichtlicher Sicht nur eine Randfigur war? Am Anfang der Bekanntschaft stehen ihre Bildnisse. Sie sind in Johann Gottfried Schadows Skulpturen überliefert: Ikonenhafte Porträts zwischen kindfraulicher Sinnlichkeit und klassizistisch geglätteter Hoheit. Nach der Begegnung mit ihren Bildnissen kommen die Legenden zu Wort und, undeutlicher schon, die historischen Fakten. Natürlich und unbefangen soll sie das steife preußische Hofzeremoniell missachtet und ihrem kronprinzlichen Gemahl Friedrich Wilhelm in der Hochzeitsnacht das vertrauliche „Du“ angeboten haben. Als treue Gattin und siebenfache Mutter führte sie in königlichen Schlössern eine bürgerliche Idealfamilie und versuchte als engagierte Anhängerin politischer Reformen, den ewig unentschlossenen König zu beeinflussen. Eine „blutrünstige Amazone“, wie Kaiser Napoleon sie vor ihrer persönlichen Begegnung in Tilsit nannte, wo sie vergeblich um mildere Friedensbedingungen für das französisch besetzte Preußen bat. Sich ihrer begrenzten politischen Einflussnahme bewusst, nutzte



C. Röchling, R. Knötel und W. Friedrich, Die Königin Luise. In 50 Bildern für Jung und Alt, Verlag von Paul Kittel, Berlin 1896
Luise jedoch auch ihre Stellung und den damit verbundenen Spielraum als Beraterin und Vermittlerin des Königs, um ihre Auffassungen zu vertreten und auf ihren Ehemann einzuwirken. Von ihren Zeitgenossen wurde Luise einhellig als „anmutig“ und „schön“ bezeichnet. Das besagt wenig, denn mit solchen Attributen wurde jede Königsgemahlin oder Prinzessin bedacht. Glaubwürdig erscheinen die historischen Überlieferungen aber nicht nur deshalb, weil Hofberichterstatter und Privatbriefschreiber von Luises äußerer Wirkung so unterschiedslos beeindruckt waren, dass ihre Schilderungen authentisch wirkten. Vor allem steht das Äußere Luises, wie es Schadows Skulpturen überliefern,

Büste der Kronprinzessin Luise, nach Johann Gottfried Schadow, 1797, Abguss der Gipsformerei Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, 2010
dem heutigen Idealtyp weiblicher Schönheit viel näher, als es die idealisierten Bildnisse aus der Barock- und Rokokozeit vermögen. Die Künstlerschar um Schadow brachte ein
von Herrschaftszeichen freies Bild von ihr in Umlauf – in den historischen Porträts erscheint keine Kronprinzessin oder Königin, sondern eine im Wortsinn für sich stehende Frau (Bild links). Diese Bildnisse haben den historischen Mythos von der „bürgerlich“-natürlichen Luise vielleicht stärker befördert und geprägt als die zugleich verbreiteten Anekdoten über ihre Verstöße gegen das einengende Hofzeremoniell. Im Gegensatz zu der befremdlichen Geschichte des wilhelminischen Luisenkults mit seinen verklärenden Darstellungen der Königin tragen ihre zeitgenössischen Bildnisse zu einer unmittelbaren persönlichen Annäherung bei. Mit dem Epochenwandel um 1800 kam auch die bürgerliche Vorstellung der Liebesheirat auf. Der Wunsch, „dem eigenen Herzen“ zu folgen, wie das in der empfindsamen Ausdrucksweise jener Zeit hieß, ließ sich schon im Alltag der Bevölkerung kaum verwirklichen, noch seltener aber in Herrscherhäusern. Auch die Ehe zwischen Luise und dem preußischen Kronprinzen entstand nicht aus Liebe. Vielmehr wurde sie von dessen Vater Friedrich Wilhelm II. als eine standesgemäße Verbindung arrangiert, mit der sich die Dynastie fortentwickeln sollte. Dass dabei Staatsräson und väterlicher Wille dem Liebesglück übergeordnet waren, zeigt die zeitgleich geschlossene, gleichgültigkonventionell verlaufende Ehe zwischen Prinz Ludwig, dem Bruder des Kronprinzen, und Luises Schwester Friederike, die bald durch den frühen Tod des Prinzen beendet wurde. Hingegen entwickelte sich zwischen dem
Thronfolger und Luise eine Zuneigung, die auch heutigen Ansprüchen an eine glückliche Ehe gerecht wird. Das kinderreiche Familienidyll, in dessen Mittelpunkt Luise stand, eignet sich noch immer als Projektionsfläche für die Sehnsucht
nach Geborgenheit, Verständnis und Harmonie. In ihren anrührenden Briefen an den Ehemann und die Kinder erscheint Luise menschlich nahe, ihre königliche Lebenswelt enthebt sie jedoch weit über den Alltag der Bevölkerung.
Elisabeth Vigée-Lebrun, Königin Luise von Preußen, Pastellkreide 1801. Die Bildnisstudie verwendete die Künstlerin für ihr 1802 entstandenes repräsentatives Ölgemälde der Königin, das sich heute auf der Burg Hohenzollern befindet (Bild S. 35).




Am 7. Juli 1806 beendete die Königin von Preußen einen Brief an ihren Ehemann mit folgenden Worten: „Ja, lieber Freund, meine Liebe zu Dir ist ohnegleichen, dann kommen die Kinder und der Staat und mein Leben ist nichts, wenn ich euch glücklich machen könnte, wenn nur ein Vorteil für Dich, mein bester Freund, daraus entstehen könnte. Ich bin an Deinem Herzen und gottlob in Deinem Herzen auf ewig Deine Luise.“
In aller Kürze vermitteln Luises zahlreiche, meist auf Französisch geschriebene Briefe ihre persönliche Lebensphilosophie, in der das Wohlergehen des Königs, ihrer Kinder und des Staats – sprich: der Dynastie – an erster Stelle standen. Mit ihrem „bürgerlich“ anmutenden, harmonischen Ehe- und Familienleben und der stetig wachsenden Kinderschar hatte sich schon das junge Kronprinzenpaar überaus vorteilhaft von dem moralischen Verfall am Hof Friedrich Wilhelms II. distanziert (Bild links). Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. übernahm Luise zahlreiche Repräsentationsaufgaben, die dem oftmals gehemmt und schüchtern wirkenden König lästig waren. Von Naturell und Charakter höchst verschieden, verband das Herrscherpaar eine lebenslange tiefe Zuneigung und innige Liebe. Luise, die unbekümmert Heitere, fügte sich zumeist den Wünschen und Vorstellungen ihres Ehemanns, der über ihre kleinen Ober-
flächlichkeiten und Schwächen galant hinwegsah. Sein altpreußisches, nüchternes und ernstes Wesen bedurfte ihrer aufmunternden Unterhaltung und vertrauensvollen Nähe. Den vorsichtigen Bestrebungen seiner Gemahlin, sich weiterzuentwickeln und weiterzubilden, begegnete er dagegen verständnislos und misstrauisch.
Ihre unterschiedlichen Rollen in Staat und Gesellschaft, Ehe und Familie erfüllte Luise pflichtbewusst und zuversichtlich, da sie mit ihren inneren Überzeugungen vollkommen in Einklang standen. In der Sichtweise des bürgerlichen Zeitalters verkörperte sie den Idealtyp einer guten Ehefrau, fürsorglichen Mutter und verständnisvollen Ratgeberin. So entwickelte sich bereits zu Lebzeiten um die Königin ein Mythos, der nach ihrem frühen Tod noch um ein Vielfaches gesteigert wurde. Im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts umgab sie die Aura einer „Retterin Preußens“, die einen beherzten Kampf gegen Napoleon geführt und ihr Leben für die Freiheit des Vaterlandes geopfert habe. Dies ließ sie für Generationen zur „Luise. Herzenskönigin“ werden, wie es in einem Festgedicht vom 25. Mai 1807 hieß.
Luises kurzes Leben fiel in eine Epoche weitreichender politischer und gesellschaftlicher Um-
brüche. Dramatische historische Ereignisse wie die Französische Revolution von 1789 und der Untergang des Ancien Régime, die Koalitionskriege gegen Frankreich und der Aufstieg Napoleons bestimmten ihr persönliches Schicksal ebenso wie der Zusammenbruch Preußens 1806 und die Flucht der Herrscherfamilie, die französische Besatzung, einsetzender Widerstand und beginnende preußische Reformen.
Geboren wurde Luise Herzogin zu MecklenburgStrelitz – so ihr offizieller Adelstitel – am 10. März 1776 als die dritte Tochter aus der ersten Ehe des Erbprinzen, ab 1794 regierenden Herzogs Karl Ludwig Friedrich II. zu Mecklenburg-Strelitz und seiner Gemahlin Friederike Caroline Luise von Hessen-Darmstadt in Hannover im Alten Palais an der Leine. Dort diente ihr Vater bis 1787 in der englischen-hannoverschen Armee. Von den zehn Kindern, die die bereits 1782 verstorbene Erbprinzessin zur Welt gebracht hatte, waren nur fünf am Leben geblieben, darunter die 1778 geborene Friederike und der drei Jahre jüngere Georg, denen Luise besonders nahestand. Nachdem auch die zweite Gemahlin Karls, eine jüngere Schwester seiner ersten Frau, schon ein Jahr nach der Eheschließung 1785 bei der Geburt des Sohnes Karl starb, ließ der zweifache Witwer die drei jüngsten Töchter bei der Großmutter Marie Luise Albertine, genannt „Prinzessin George“, am landgräflichen Hof in Hessen-Darmstadt aufwachsen, während die Söhne bei ihm in Hannover blieben. Sich ihrer dort erhaltenen, eher oberflächlichen Erziehung und mangelhaften
Bildung durchaus bewusst, versuchte Luise in späteren Jahren, unterstützt von Vertrauten und dem Bruder Georg, ihr Wissen zu erweitern.
Nach einer zwanglosen, in ruhigen Bahnen verlaufenen und lediglich von kleineren Reisen in die ländliche Umgebung Darmstadts, an den Niederrhein, nach Mannheim, Karlsruhe und Straßburg unterbrochenen fröhlichen Kindheit und Jugend, erregten die Prinzessinnen Luise und Friederike 1792 in Frankfurt am Main während der Kaiserkrönung Franz’ II. erstes gesellschaftliches Aufsehen. Dort wurden sie bei einem zweiten Besuch im März 1793 dem preußischen König Friedrich Wilhelm II., der für seine beiden Söhne, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm (III.) und dessen jüngeren Bruder Ludwig auf Brautschau war, absichtsvoll vorgestellt. Er überließ es ihnen bei einer Zusammenkunft mit den Prinzessinnen, ihre Wahl zu treffen.
Anfangs eher unsicher, entschied sich der Kronprinz schließlich für Luise, während sein bereits anderweitig verliebter Bruder der anmutigen Friederike gleichgültig gegenüberstand.
Nach der offiziellen Verlobung am 24. April konnten sich die 17-jährige Braut und der als Augenzeuge der Koalitionskriege gegen das revolutionäre Frankreich meist im Feldlager stationierte Kronprinz nur selten sehen. Umso intensiver war ihr Briefwechsel, in dem sie versuchten, gemeinsame Anschauungen und Interessen zu entdecken. So schrieb Luise am 22. Oktober 1793: „Die Zukunft wird gewiß glücklich sein […] sicherlich ich hoffe es ganz gewiß; Sie
lieben mich, ich liebe Sie, ein wenig Nachsicht von beiden Seiten, und alles wird gut gehen. Ich habe meine Fehler, die Sie noch zu wenig kennen; […]. Aber wir werden doch glücklich sein. Ich bin ein wenig kühl von Natur, ich kann es nicht so zeigen, wenn ich jemand liebe, das wissen Sie, aber ich liebe Sie deswegen nicht weniger […]. Ich liebe Sie wahrhaft.“
Bereits Ende März 1793 hatte sie ihm anlässlich seines Porträtwunschs mit selbstironischen Betrachtungen über ihr Äußeres, das nicht gerade dem damaligen klassischen Schönheitsideal entsprach, verkündet: „Sie fragen mich, ob ich an das Bild gedacht habe; wie können Sie daran zweifeln? Ich habe Ihnen versprochen, es so schnell wie möglich machen zu lassen, und ich halte Wort. Der Mann der mich malt, gibt sich die größte Mühe, ich habe ihm schon dreimal gesessen und er hat mir erst die Größe der Augen (die, wie Sie wissen recht klein sind), den Umriß der Nase und des Mundes gemacht, aber bis jetzt gleicht es mir noch gar nicht. Das Bild hat die Größe, die Sie mir an meiner Hand angegeben haben; ich habe ihm gesagt, er soll mich ganz einfach malen, nichts auf dem Kopfe, weiß gekleidet; ich weiß, Sie lieben das Einfache, und glaubte Ihrem Geschmack zu entsprechen; teilen Sie es mir bitte mit, wenn Sie es anders wünschen.“ Albern scherzend – gesprochen hätte sie es wohl in südhessischer Mundart – meldete sie am 16. April: „Grüne Peterzielge, grüne Peterzielge, grüne Peterzielge und Krautsalat. Diese wenigen Worte mußte ich Ihnen unbedingt aufschreiben, trotzdem Fräulein Marico mir meine Haare dreht und mich hindert, einen Brief zu



Johann Friedrich Tielker, Kronprinz Friedrich Wilhelm (III.) und Prinzessin Luise von MecklenburgStrelitz als Brautpaar, Miniatur, Elfenbein, um 1794
schreiben, wie es sich gehört; denn Sie müssen wissen: Ich schreibe auf meinen Knieen, auf die ich mein Buch gelegt habe; es ist zwar groß, bietet aber nicht genug Platz für meine beiden dicken Pfoten, die wie Sie wissen, sind die zierlichsten ihrer Art […].“
Dass Luise sich trotz Sehnsucht nach dem Bräutigam vor der Ankunft in Berlin und dem neuen Lebensabschnitt auch fürchtete, teilte sie dem Kronprinzen am 6. November 1793 mit:
August Christian Ginzrot/ Johann Christian Ginzrot d. J., Staatswagen
König Friedrich Wilhelms II. von Preußen, Straßburg 1789, erneuert 1861, 1899, 1905 und 1911

„Aller Augen warten auf die armselige Luise, wird es da heißen, und schon der Gedanke, so von allem und jedem beobachtet zu werden, ist ganz erschröcklich […].“
Am 22. Dezember 1793 zogen die beiden Schwestern in Berlin ein, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden. Sie saßen im prachtvollen Staatswagen Friedrich Wilhelms II., der bis zum Ende der Monarchie für Brauteinholungen und 1861 auch als Krönungswagen der Königin Augusta von Preußen, Gemahlin Wilhelms I., diente. Heute ist er mit
anderen Kutschen, Schlitten und Sänften des preußischen Herrscherhauses in der ehemaligen Scheune im Schloss Paretz ausgestellt. Ihren Eindruck von den beiden jungen Mecklenburgerinnen schilderte Prinzessin Luise, Nichte Friedrichs des Großen und spätere Fürstin Radziwill, 1794: „Niemals sah ich vorher und auch niemals nachher ein so entzückendes Wesen wie die Kronprinzessin. Von regelmäßiger und
edler Schönheit, verband sie mit dem reizenden Antlitz einen Ausdruck von Sanftmut und Bescheidenheit, der ihr aller Herzen gewann. Ihre Schwester war auch reizend, anmutig, elegant, […] aber ihre Züge waren denen ihrer Schwester nicht zu vergleichen. […] Friederike erschien sicherer und gewandter im Auftreten und in der Unterhaltung, aber die Ältere, schön in ihrer einfachen Schönheit, hatte eine schüchterne Miene, die ihren Reiz noch erhöhte.“
Am Heiligen Abend 1793 fand im Berliner Schloss die traditionelle Vermählungszeremonie Luises mit dem Kronprinzen statt; zwei Tage später heiratete Friederike dessen jüngeren Bruder Prinz Ludwig. Luises erhaltener Trauring trägt die Inschrift „FW. 24t Dec: 1793“. Bei ihrem Brautkleid aus Silber-Glacée ohne Stickereien handelte es sich vermutlich um eine Robe à la française, die gemäß des traditionellen Hofzeremoniells noch mit einem ansonsten längst aus der Mode gekommenen Reifrock und einer anknöpfbaren langen Schleppe vervollständigt wurde. Ihren Hals und das Korsett schmückten Brillanten, die Ohrgehänge bestanden aus acht großen, zehn mittleren und 35 kleineren Brillanten. Ein Brautkranz aus Myrthe und die nur zur Eheschließung getragene preußische Prinzessinnenkrone, besetzt mit 47 großen und fünf kleinen Brillanten sowie sechs Perlen-Pendeloques, eingefasst von kleinen Brillanten, zierte das aschblonde, ungepuderte Haar. Als Oberhofmeisterin und „Erzieherin“ in Fragen der Etikette begleitete fortan die 64-jährige, im preußi-

Trauring der Königin Luise, Gold, 1793
schen Hofdienst erfahrene Gräfin Sophie Marie von Voß, geborene von Pannwitz, die künftige Königin und sollte ihr eine kluge Ratgeberin und mütterliche Freundin werden (Bild S. 17).

Suzette Henry (zugeschrieben), Sophie Marie Gräfin von Voß, Aquarell mit Deckfarben, 1799
Carl Friedrich Hagemann nach Johann Gottfried Schadow,
Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen 1795, Ausformung nach 1870, Biskuitporzellan, KPM Berlin

Mit ihrer Unbefangenheit und Vergnügungssucht erregte Luise bald das Missfallen der Hohenzollernfamilie, die trotz herrschender Günstlings- und Mätressenherrschaft auf eine konservativ-patriarchalische Außenwirkung bedacht war. Getadelt wurde nicht nur ihre Tanzleidenschaft, der sie auf zahlreichen Bällen, Maskeraden und Festlichkeiten ausgiebig frönte, sondern auch die Eigenwilligkeit, mit der sie sich über die höfische Etikette sowie manche gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzte. So hatte sie ihrem Ehemann nach der Hochzeitsnacht das vertrauliche „Du“ angeboten, das er umgehend annahm.
Von den neuen Mitgliedern des preußischen Königshauses wurden alsbald Porträts verlangt. Die offenkundige Verschiedenheit der Schwestern in Rang und Wesen behutsam zu vergleichen, dürfte für die Zeitgenossen höchst reizvoll gewesen sein. Daher bot sich das Motiv einer gemeinsamen Gruppe als Inbegriff geschwisterlicher Zuneigung und Freundschaft an. Der Hofbildhauer
Johann Gottfried Schadow schuf von beiden jungen Frauen Büsten, die er 1795/1796 für sein lebensgroßes Doppelstandbild, die sogenannte Prinzessinnengruppe, weiterverarbeitete. Die in die-
Friedrich Georg Weitsch, Die Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen bekränzen die Büste Friedrich Wilhelms II. –Allegorie auf den Frieden von Basel 1795, Öl auf Leinwand, 1795



Félicité Tassaert nach Johann Friedrich August Tischbein, Kronprinz Friedrich Wilhelm
und Kronprinzessin Luise von Preußen, Pastellkreide, 1798
sem Zusammenhang im Auftrag der Berliner Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) von dem Schadow-Schüler Carl Friedrich Hagemann angefertigte kleinformatige Statuette aus Biskuitporzellan erwies sich als großer Verkaufserfolg (Bild S. 18). Schadow hatte sich die Aufgabe gestellt, in der „Prinzessinnengruppe“ den vergänglichen Reiz der Jugend festzuhalten. Scheinbar mühelos verbindet sie ein klassisches Ideal mit realistischer Beobachtung. In ihr kommt ein neues Menschenbild zum Aus-
druck – souverän, entspannt und sinnlich –, das in Preußen bisher ohne Vorbild war, aber auch im europäischen Vergleich herausragte. Die werbende Wirkung, die von der Gruppe ausging, zeigte sich vor allem darin, dass die Schwestern als natürlich empfindende Wesen ohne fürstliche Standesattribute vorgestellt wurden und sich dadurch „dem Volk“ verbanden. Das bei der Büste der Kronprinzessin als modisches Accessoire verwendete dünne Schleiertuch um Frisur und Halspartie sollte zu einem unverwechsel-
baren ikonografischen Bestandteil zahlreicher früher Bildnisse Luises werden. Weder sie noch Schadow hatten jedoch diese Mode kreiert. Ein offizielles, lebensgroßes Doppelporträt der Prinzessinnen, die ihrem Schwiegervater Friedrich Wilhelm II. als Stifter des Basler Friedens vom 5. April 1795 huldigen, schuf der Braunschweiger Maler Friedrich Georg Weitsch im Auftrag der Berliner Akademie der Künste (Bild S. 19).
Als Kronprinzessin schmückt Luise, unterstützt von ihrer Schwester, die 1792 von Schadow geschaffene Marmorbüste des Monarchen, der sich für das vorläufige Ende von Preußens Beteiligung am Koalitionskrieg gegen Frankreich eingesetzt hatte, mit einem Olivenkranz. Die „Allegorie auf den Basler Frieden“ wurde bei der Eröffnung der Akademieausstellung am 25. September 1795, dem Geburtstag des Königs, der Öffentlichkeit präsentiert und ihm später als Geschenk überreicht. Eher privaten Charakter hatte dagegen das von Johann Friedrich August Tischbein angefertigte Brustbildnis der Kronprinzessin, das Königin Elisabeth Christine, Witwe Friedrichs des Großen, 1796 erwarb. Das verschollene Porträt und sein wohl als Gegenstück entstandenes Bildnis des Kronprinzen sind nur noch in qualitätvollen Pastellkopien erhalten, die die Malerin Henriette Félicité Tassaert 1798 angefertigt hatte (Bilder S. 20).
Fast alle Porträts Luises fanden auch in zahlreichen grafischen Reproduktionen weite Verbreitung. Immer wieder baten berühmte und weniger bekannte Künstler über den einflussreichen Kurator der Berliner Akademie der Künste und Präsidiumsleiter der Berliner Königlichen
Porzellan-Manufaktur (KPM), Minister Friedrich Anton von Heinitz, und die Oberhofmeisterin Gräfin von Voß um die Erlaubnis, die Kronprinzessin porträtieren zu dürfen. Als zumeist passives Objekt dieser ausufernden Bildproduktion schrieb Luise am 25. April 1797 ihrem Ehemann: „Denk nur, Heinitz war gestern bei der Voß und hat ihr gesagt, er wisse, daß es unhöflich sei, aber trotzdem würde er morgen mit diesem schwedischen oder dänischen Maler kommen und mich malen lassen, weil er, die Akademie, die Porzellanmanufaktur, kurz alle Welt danach begehre und schreie. Wohl oder übel muß ich armes Weibsen dran. Also morgen um 11 sitze ich da und blase höllisch Trübsal.“
Den ersten Sommer nach ihrer Vermählung verbrachte Luise in Potsdam. Zu den Frühjahrsmanövern umgezogen, meldete sie ihrem Bruder Georg am 4. April 1794: „[…] ein Soldatenweib muß ihrem Berufe nachgehen, und das tat ich. Ich esse Punkt zwölf, ich trinke Tee nach fünf […], und esse zu Nacht Punkt acht. Ich gehe zu Bett mit den Hühnern, Küken und Kikerikis und stehe mit höchstdenenselben wieder auf. Aber ich bin besser als sie, denn ich lese Geschichte […]; schreibe Dir und anderen und lebe zum Vergnügen meines Mannes.“ Der jedoch musste schon Mitte Mai seine schwangere Frau verlassen, um bei der 3. Polnischen Teilung die Interessen Preußens militärisch zu unterstützen.
Insgesamt brachte Luise zehn Kinder zur Welt, von denen zwei früh verstarben. Nachdem sie im Oktober 1794 eine Totgeburt erlitten hatte, kam ein Jahr später ihr ältester Sohn, der künftige König Friedrich Wilhelm IV. zur Welt. Am 22. März 1797 wurde Prinz Wilhelm, der 1861 seinem kinderlosen Bruder als preußischer König und ab 1871 als erster deutscher Kaiser folgen sollte, geboren. In den kommenden Jahren bereicherten noch weitere fünf überlebende Kinder den Geschwisterkreis und sicherten damit den Fortbestand der Dynastie: 1798 folgte als älteste Prinzessin Charlotte, die 1825 an der Seite Nikolais I. Kaiserin von Russland wurde. 1801 und 1803 kamen Prinz Carl und die nach dem russischen Kaiser Alexander I. benannte Prinzessin Alexandrine hinzu; 1808 schließlich die der Mutter gleichnamige Prinzessin Luise und 1809 als jüngster Sohn Prinz Albrecht. Alle

Fächer mit einer Darstellung der königlichen Familie
Friedrich Wilhelms III., Material: Elfenbein, Seide, Pailletten, silbern, um 1800
wuchsen nahe bei den Eltern auf. Dies war für den Fürstenstand ebenso ungewöhnlich wie der vertrauliche Umgang des Königspaares miteinander. Daher sah man die Ehe im bürgerlichen Sinn als mustergültig an. Das Familienleben bot ideale Anknüpfungspunkte für die spätere Legende: „Mutterliebe“ habe sie „treu geübt, zum nachhaltigen, weitgreifenden Segen für die eigene Familie wie für Deutschlands glorreiche Zukunft“, hieß es dazu ab 1871 im Kaiserreich. Die Nationalbewussten sahen in Luise gern die fürsorglich-vorausschauende Mutter ihrer beiden ältesten Söhne, der Herrscherbrüder Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. Das im preußischen Königshaus ungewöhnlich glücklich anmutende Familienidyll ist von mehreren Künstlern, darunter Heinrich Anton Dähling und Johann Daniel Laurens d. J., überliefert worden. Dählings 1806 entstandene Gouache zeigt eine Begebenheit vom 15. Oktober 1805 im Berliner Königlichen Palais Unter den Linden, als der König seiner Gemahlin den zehnjährigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (IV.) als neuen preußischen Offizier in Uniform vorstellt. Dabei schauen seine jüngeren Brüder Wilhelm (I.) und Carl in das Offizierspatent, während ihre Schwestern Charlotte und Alexandrine bei der Mutter verweilen (Bild S. 12). Als Medium propagandistischer Bildpolitik fanden die Familienporträts in grafischen Reproduktionen weite Verbreitung und wurden selbst auf Alltagsgegenständen wie Fächern und Schnupftabaksdosen verewigt. Von dem innigen Verhältnis Luises zu ihren Kindern zeugen Briefe, in denen sie freigiebig lobte, anspornte und ermahnte. Aus dem Exil im ostpreußischen

Runde Schnupftabaksdose: Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise von Preußen mit zwei ihrer Kinder, vermutlich Friedrich Wilhelm (IV.) und Charlotte, Papier-maché, Lackmalerei, vergoldete Metallmontierung, Manufaktur Stobwasser, Berlin, um 1800
Madonna“ Raffaels aus der Dresdener Gemäldegalerie. Sie fand ihren Platz im Roten Eckzimmer des Berliner Königlichen Palais Unter den Linden über dem Schreibpult Friedrich Wilhelms III., der wie der Kronprinz ein großer Verehrer Raffaels und Sammler seiner Werke war. 1858 gelangte das Gemälde mit weiteren Kopien nach Werken des italienischen Meisters in den „Raffael-Saal“ des Orangerieschlosses im Park von Sanssouci.
Königsberg schrieb sie am 8. April 1808 ihrem Vater Herzog Karl II. zu Mecklenburg-Strelitz: „Unsere Kinder sind unsere Schätze, und unsere Augen ruhen voll Zufriedenheit und Hoffnung auf ihnen.“ Ein anrührendes Zeugnis für die liebevolle Verbundenheit Luises mit ihrer Familie ist eine kleine, eher unscheinbare Zeichnung, die sie im Schreibzimmer ihrer Wohnung im Neuen Flügel von Schloss Charlottenburg aufbewahrte. Als Geburtstagsgeschenk für Friedrich Wilhelm III. zum 3. August 1801 angefertigt, zeigt sie die Augen der Königin und ihrer vier ältesten Kinder Friedrich Wilhelm, Wilhelm, Charlotte und Carl. Ein weitaus großzügigeres Geschenk Luises zum Geburtstag des Königs 1804 war eine von Friedrich Bury angefertigte Kopie der „Sixtinischen










Unbekannter Zeichner, Die Augen von Königin Luise und ihrer vier ältesten Kinder, Zeichnung, nach 1801
WOHNORTE
Der Alltag in den Schlössern und Gärten von Berlin, Charlottenburg sowie Potsdam und Umgebung verlief gleichmäßig. Seit der Vermählung 1793 bewohnte die wachsende kronprinzliche Familie in der Haupt- und Residenzstadt Berlin im Winter ein ehemaliges barockes Privathaus gegenüber dem Zeughaus, das bereits 1732 bis 1733 für den späteren König Friedrich II. als Kronprinzenpalais Unter den Linden um-
gebaut worden war. Es sollte auch nach der Regierungsübernahme Friedrich Wilhelms III. als Königliches Palais der familiäre Hauptwohnsitz bleiben. Mitte des 19. Jahrhunderts bereits architektonisch verändert, wurde das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude 1968 bis 1970 im spätklassizistischen Stil vereinfacht wiederaufgebaut. Im ersten Obergeschoss ließen sich Friedrich Wilhelm III. und Luise einige Räume instand setzen und neu einrichten, darunter 1805 das im


Friedrich Wilhelm Klose, Schlafzimmer der Königin Luise im Königlichen Palais, Aquarell, um 1840
repräsentativen napoleonischen Empirestil ausgestattete, zweigeteilte Schlafzimmer der Königin. Seine Decken waren mit Arabesken bemalt, während die Wände mit lila „Gros de Naples“, der oben mit Festons in Chamoisseidenzeug geziert war, drapiert wurden. Luises frei im Raum stehendes Baldachinbett in Form eines „lit bateau“ aus Mahagoni und antikisierenden Bron-
zeapplikationen war symmetrisch à l’antique auf einer Estrade platziert und von zwei Nachtschränkchen mit schlanken Alabastervasen als dezente Beleuchtungsquellen flankiert. Zu der prachtvollen Ausstattung gehörte Luises silbervergoldetes Toilette-Service, das der Potsdamer Hofgoldschmied Johann Jacob Müller um 1805 angefertigt hatte und das heute im Schloss Pa-
Johann Jacob Müller, Silbervergoldetes Toilette-Service der Königin Luise, Silber, vergoldet, gegossen, gedrückt, getrieben, graviert, punziert, Potsdam, um1805

retz präsentiert wird. Es stand auf einem Tisch aus vergoldeter Bronze, dessen kostbare Porzellanplatte von vier vollplastisch geschnitzten Greifen getragen wurde. Von dem ursprünglich 32 Teile umfassenden Service sind 18 erhalten, darunter der Standspiegel, eine Helmkanne mit Lavoir, ein Leuchter, eine Dochtschere, eine Unterschale, ein kleines Gestell mit Nadelkissen, ein ovaler Unterteller, ein Deckel mit Schale, zwei Dosen, eine Bürste und drei ovale Deckeldosen. Zarte Gravuren umschließen auf allen Stücken das weich geschwungene Monogramm der Besitzerin. An der Spiegelbekrönung und auf einem der Deckel weisen Adler auf die königliche-preußische Provenienz.
Im traditionsreichen barocken Berliner Schloss nutzte allein Luise – wenn auch äußerst selten – nach dem Tod ihres Schwiegervaters zwei Räume der repräsentativen frühklassizistischen Königskammern Friedrich Wilhelms II. Dagegen hielt sie sich gern und oft in den ebenfalls noch für ihn eingerichteten sogenannten Winterkammern im Neuen Flügel des Charlot-
tenburger Schlosses auf. Mit ihrer Familie verbrachte sie hier regelmäßig die Sommermonate, zumal der weitläufige Garten mit seinen Landschafts- und Wasserpartien mannigfaltige Zerstreuung bot. In der Potsdamer Nebenresidenz lebte sie während der Frühjahrs- und Herbstmanöver im barocken Stadtschloss. Sanssouci mit seinen umgebenden Gartenanlagen gehörte ebenfalls zu ihren Lieblingsorten, wie Friedrich Wilhelm III. in seinen Aufzeichnungen, die er

Johann Friedrich Nagel, Schloss Charlottenburg, Deckfarben, 1788. Ganz rechts der von Königin Luise bewohnte
Neue Flügel

Friedrich Nagel, Ansicht des Potsdamer Stadtschlosses von der Lustgartenseite, Federzeichnung aquarelliert, um 1800
unmittelbar unter dem Eindruck des plötzlichen Todes seiner Ehefrau begonnen und bis 1816 fortgeführt hatte, überlieferte (Bild S. 29). Heinrich Otto Meisner veröffentlichte sie 1926 unter dem Titel Vom Leben und Sterben der Königin Luise. Dort heißt es rückblickend über Luises Potsdamer Aufenthalt: „So wurde im letzten Frühjahr [1810] fast täglich in Sans-souci und gewöhnlich unter der Treillage im Freyen gespeist. Nach Ti-
sche arbeitet sie, oder ließ sich durch ihren Bruder Karl oder Ancillon [Johann Peter Friedrich A., Prediger der französischen Gemeinde in Berlin, Erzieher des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (IV.)] oder sonst Jemand vorlesen, wo sie sich denn auf der Seite der Terrasse vor dem Schlosse etablirte, fast immer vor dem zweiten Fenster, dem ersten des sogenannten Konzertzimmers Friedrichs II. Hier blieb sie bis zur Theezeit, oder


wir fuhren nach der Orangerie oder der Bibliothek des Neuengartens, um ihn dorten, auch ein paar mal auf dem Thurm des Brauhausberges zu trinken. Nach dem Thee ging sie mit der Gesellschaft etwa eine halbe Stunde, selten länger, spatzieren, wo sie dann manchmal recht fröhlich gelaunt und alsdann wohl gar durch Dick
und Dünn durchdrang, obgleich sie in der Regel schnell ermüdete und sich gerne oftmals ausruhte. In der schönen Jahreszeit liebte sie sehr die Potsdamsche Gegend, vorzüglich aber Sans-souci. Wir hatten selbst die Absicht dort bisweilen zu wohnen und da uns der Neue Garten in diesem Frühjahr ganz besonders wohlgefiel, auch

Unbekannt, Schloss Pfaueninsel, Gouache, vor 1807
den einen Flügel des Marmorpalais einfach ausbauen zu lassen. Wer hätte damals nur geahnt, daß nach wenigen Wochen von dergleichen nie mehr die Rede seyn würde, statt dessen für Särge und Begräbnißplätze würde Sorge getragen werden müßen?!“ Bereits 1795 hatte der Kronprinz Friedrich Wilhelm das westlich von Potsdam gelegene Landgut Paretz erworben (Bild S. 28). Das schlichte, nach Entwürfen David Gillys errichtete Herrenhaus nutzte das Königspaar meist im Spätsommer zur Erntezeit. Auch die in der Havel gelegene Pfaueninsel bot mit ihrem pittoresken Schloss und der Meierei einen idealen Rückzugsort für den ländlichen Sommeraufenthalt der Familie.

Friedrich Wilhelm Delkeskamp, Meierei, Kuhstall und Remise auf der Nordspitze der Pfaueninsel, Kupferstich koloriert, nach 1801