Rudolf Möckel
ZUHĂREN UND VERSTEHEN
Menschen zu Jesus begleiten
Rudolf Möckel
Zuhören und verstehen Menschen zu Jesus begleiten
Best.-Nr. 271886
ISBN 978-3-86353-886-6
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
Es wurden folgende BibelĂŒbersetzungen verwendet:
Altes Testament: Lutherbibel, revidierter Text 1984, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT). Neues Testament: Neue Genfer Ăbersetzung NT + PS, © Genfer Bibelgesellschaft, 1032 Romanuel-sur-Lausanne, Schweiz, Erste AuïŹage 2011 (NGĂ)
1. AuïŹage
© 2023 Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg www.cv-dillenburg.de
Satz und Umschlaggestaltung:
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg Umschlagmotiv: © Unsplash.com/frank mckenna
Druck: GGP Media GmbH, PöĂneck
Printed in Germany
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âIch
âWomit
âIch hasse diese Einsamkeit!â
7. Ohne Gott â ein Lebensentwurf mit Risiken.
EinfĂŒhrung
âMissionarische Seelsorgeâ ist in besonderer Weise mein Thema. Zum einen, weil ich als Seelsorger schon rein beruflich viele Jahre Menschen begleitet habe, die sich in einer Krisensituation befanden und Hilfe bei mir suchten. Ein ziemlich groĂer Teil meines Arbeitstages war von Begegnungen mit Menschen ausgefĂŒllt, die meinen Rat suchten und die ich zunĂ€chst einmal mit ihrer ganz besonderen persönlichen Situation und Not verstehen musste.
Zum anderen ist das Thema âMissionarische Seelsorgeâ auch deshalb mein Thema, weil ich mich viele Jahre in einem Umfeld bewegt habe, in dem die Bibel und die einfachsten Grundwahrheiten ĂŒber den Gott der Bibel schlichtweg unbekannt oder, was vielleicht noch problematischer ist, nur in sehr entstellter Form bekannt waren. Es blieb mir also gar nichts anderes ĂŒbrig, als zunĂ€chst einmal herauszuïŹnden, wer die Person war, die mir in meinem BĂŒro gegenĂŒber saĂ und sich in irgendeiner Weise Hilfe von mir erhoïŹte. Ich hatte schlicht keinen anderen Ansatzpunkt.
SchlieĂlich gibt es noch einen dritten Grund, warum das Thema âMissionarische Seelsorgeâ mein Thema ist: Ich habe in den letzten Jahren immer
wieder festgestellt, dass die Nachricht von Jesus, dem Retter, vor allem dann eine Chance hat, gehört zu werden, wenn sie prĂ€zise in die persönliche Lebenssituation eines Menschen hinein gesprochen wird. âMissionarische Seelsorgeâ ist also mein Thema. Ob es auch Ihr Thema ist, mĂŒssen Sie herausïŹnden.
Um MissverstĂ€ndnissen vorzubeugen, möchte ich betonen, dass die seelsorgerisch-missionarische Arbeit, die ich rund 22 Jahre getan habe, gewiss nicht die einzig mögliche Art und Weise ist, Seelsorge und/oder Evangelisation zu betreiben. Es gibt eine Vielzahl von Christen, die unter dem Segen Gottes arbeiten und die Botschaft von Jesus, dem Retter, weitergeben, ohne im Einzelnen auf die persönliche Not ihrer Zuhörer einzugehen. Durch ihr Zeugnis kommen Menschen zum Glauben und werden fĂŒr die Ewigkeit gewonnen. Das ist wunderbar und gut! Ich erhebe also gewiss nicht den Anspruch, das einzig wahre Konzept gefunden zu haben, wie man Menschen zu Jesus bringt. Alles, was ich dem Leser in diesem Buch vorstelle, sind Erkenntnisse, die ich im Laufe von mehr als 20 Jahren SeelsorgetĂ€tigkeit gewonnen habe, weil ich mich einer Herausforderung stellen musste, die mich dazu zwang, neue Wege zu ïŹnden und dann auch zu gehen.
Damit Sie ein wenig verstehen, was ich konkret damit meine, möchte ich Ihnen zunÀchst meinen Arbeitsplatz und meinen ganz normalen Arbeitsalltag beschreiben. Er ist aus vielerlei Facetten zusammengesetzt, aber es gibt auch einen roten Faden, der sich durch alles hindurchzieht.
Als Pastor war ich mit der Wahrnehmung von Seelsorge, Unterricht und Gottesdiensten in einer diakonischen Einrichtung in Norddeutschland beauftragt. Zu dieser diakonischen Einrichtung gehörten mehrere KrankenhĂ€user sowie Wohnheime und Wohngruppen fĂŒr Menschen, die irgendeine Art von Behinderung hatten und oft auf den Rollstuhl angewiesen waren. Des Weiteren gab es mehrere Schulen, zum Beispiel eine Förderschule. Hier wurden SchĂŒler unterrichtet, die irgendeine Art körperlicher oder auch psychischer Behinderung1 hatten. In dieser Schule unterrichtete ich das Fach Religion.
SchlieĂlich gab es auch einen ausgedehnten GebĂ€udekomplex, in dem ein Berufsbildungswerk untergebracht war. Hier bekamen junge Leute zwischen 17 und 24 Jahren eine Berufsausbildung, zum Beispiel im Metall- oder Elektrobereich, als BĂŒrokauïŹeute, Produktdesigner, Köche oder Hauswirtschafterinnen. Die Ausbildung sollte es ihnen ermöglichen, spĂ€ter eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt zu ïŹnden und so ein eigenstĂ€ndiges Leben aufzubauen. Etliche meiner GesprĂ€chspartner in der Seelsorge waren junge Auszubildende aus dem Berufsbildungswerk.
Auf Gott angesprochen, gaben mir viele von ihnen zu verstehen, âGott gebe es nicht und ĂŒberhaupt sei Religion unwissenschaftlichâ. Sie trugen die feste Ăberzeugung in sich, dass âReligion mit dem echten
1 Dazu gehören u. a. Autismus, ADHS und Lernbehinderungen.
Leben nichts zu tun habeâ und darum irrelevant sei. âReligionâ â so ihre Sicht â âhabe sich lĂ€ngst selbst erledigt.â Ihr Lebensentwurf war ein Lebensentwurf ohne Gott.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich diesen Lebensentwurf in seiner ganzen Tragweite begriïŹen hatte. Dann jedoch half mir das, Zugang zu der intellektuellen und emotionalen Welt zu ïŹnden, in der meine GesprĂ€chspartner sich in aller Regel bewegten. Eine detaillierte Analyse dieses âLebensentwurfs ohne Gottâ ïŹndet sich am Ende dieses Buches (Kapitel 7: Ohne Gott. Ein Lebensentwurf mit Risiken. Eine Analyse).
Die Frage, die mich von Anfang an in meiner Arbeit als Seelsorger am meisten bewegte, lautete: Was kann ich tun, um glaubensferne junge Menschen auf Jesus aufmerksam zu machen und sie auf dem Weg zu ihm zu begleiten? Was kann ich tun, um Zugang zu ihren Herzen zu ïŹnden und ihnen die rettende Nachricht von Jesus, dem Messias, nahezubringen?
Meine Antwort prĂ€sentiere ich in diesem Buch.2 Es ist vor allem fĂŒr Christen gedacht, die in ihrem Lebensumfeld mit Menschen zu tun haben, die dem Glauben an Jesus fernstehen und gleichzeitig bei ihnen Rat und seelsorgerische Hilfe suchen. Sofort stellt sich ja dann die Frage: Wie geht das? Wie
2 Grundlage dieses Buches sind VortrÀge, die im Rahmen einer Konferenz des Bibelbundes im Christlichen GÀstezentrum Westerwald (CGW) gehalten wurden.
kann ich als Christ Menschen, die dem Glauben fernstehen, seelsorgerisch begleiten? BeschrĂ€nkt sich die Seelsorge auf bloĂe Beratung oder ist doch noch mehr möglich? Lassen sich Seelsorge an Atheisten und Agnostikern einerseits und das missionarische Anliegen andererseits im seelsorgerischen GesprĂ€ch miteinander verbinden? Und falls ja, wie sieht das praktisch aus?
Viele haben an dieser Stelle grundsĂ€tzliche Bedenken. Sie zögern, sich dem Arbeitsfeld der Seelsorge zu nĂ€hern, obwohl sie es eigentlich ganz gerne tun wĂŒrden. Sie befĂŒrchten, Seelsorge sei nur etwas fĂŒr Spezialisten, die ein Studium der Psychologie abgeschlossen oder wenigstens ein ZertiïŹkat in einem Seelsorgekurs erworben haben.
Daraus ergibt sich eine Verarmung. Die Seelsorge war schon zur Zeit der Urchristen einer von mehreren Diensten in der Gemeinde (Röm 12,8). Dieser Dienst wurde von ganz normalen Gemeindemitgliedern ausgeĂŒbt, die fĂŒr Seelsorge begabt waren, also die Geistesgabe des âErmahnens und Tröstensâ hatten. Psychologen, wie sie heute gang und gĂ€be sind, gab es damals nicht. Seelsorge fand aber trotzdem statt. Warum sollte das heute anders sein?
DarĂŒber hinaus kann Seelsorge auch auĂerhalb der Gemeinde gerade fĂŒr glaubensferne Menschen ein starkes Zeugnis fĂŒr Jesus, den Retter, sein. Sie kann Menschen nicht nur Hilfe in persönlichen Nöten bringen, sondern ihnen auch den Blick fĂŒr den Gott der Bibel öïŹnen, der sie lĂ€ngst sucht und liebt.
NatĂŒrlich hat der Dienst der Seelsorge Grenzen. Wenn es um schwerwiegende psychische Erkrankungen geht (wie z. B. Borderline-Störungen oder Psycho-Traumata), sind in der Tat Spezialisten gefragt, die damit in guter Weise umgehen können. Aber Seelsorge an glaubensfernen Menschen triïŹt gar nicht fortlaufend auf schwerwiegende psychische Erkrankungen. Sie stellt sich vielmehr den zahlreichen alltĂ€glichen Nöten, mit denen die Menschen im Laufe ihres Lebens zu tun bekommen.
Im Kern besteht das Konzept der missionarischen Seelsorge aus fĂŒnf Schritten bzw. Aspekten:
1. Zuhören
2. Begleiten
3. Verstehen
4. Strukturieren
5. Jesus bekennen
Jeder dieser fĂŒnf Schritte baut auf dem vorhergehenden auf. Startpunkt und unabdingbare Grundlage aller fĂŒnf Schritte ist aber das Zuhören. Darum möchte ich meine AusfĂŒhrungen mit einem Kapitel ĂŒber das Zuhören beginnen.

Zuhören
Es ist bezeichnend, wie viel Wert die Bibel auf das Hören legt. Und zwar nicht nur auf das Hören des Wortes Gottes, sondern auch auf das gegenseitige Zuhören unter Menschen.
Jesus hat gesagt:
âWer Ohren hat und hören kann, der höre zu!â (Mk 4,9.23)
âDie Menschen schlieĂlich, die dem guten Boden gleichen, hören die Botschaft und nehmen sie mit aufrichtigem Herzen bereitwillig auf.â
(Lk 8,15)
âJa, ⊠doch wirklich glĂŒcklich sind die Menschen, die das Wort Gottes hören und befolgen.â (Lk 11,28)
Jakobus schreibt:
âDenkt daran, meine lieben BrĂŒder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören bereit â zum Reden und zum Zorn, da lasse er sich Zeit.â (Jak 1,19)
Das Buch der SprĂŒche stellt fest:
âDas Ohr, das hört, das Auge, das sieht, Jahwe hat beide gemacht.â (Spr 20,12)
Was bedeutet es, einem Menschen in guter Weise zuzuhören? Was kennzeichnet gutes und weniger gutes Zuhören? Welche Hindernisse können gutes Zuhören beeintrÀchtigen? Und welche inneren Fehlhaltungen blockieren es? Als Antwort auf diese Fragen möchte ich Sie in mein Arbeitszimmer mitnehmen und Sie in ein typisches SeelsorgegesprÀch hineinnehmen.
Dabei ist eines vorweg sehr wichtig: Das, was ich Ihnen in diesem Buch an GesprĂ€chsdetails aus SeelsorgegesprĂ€chen schildere, geht nicht auf GesprĂ€che zurĂŒck, die real so stattgefunden haben. Ich stehe als Seelsorger unter dem Seelsorgegeheimnis. Das heiĂt, ich kann und will Details aus GesprĂ€chen, die ich gefĂŒhrt habe, nicht preisgeben, auch nicht in anonymisierter Form. Details aus GesprĂ€chen, die ich Ihnen in diesem Buch schildere, sind also allesamt ïŹktiv. Sie wurden so nie gesagt. Trotzdem sind sie nahe an der Wirklichkeit.
Sie sind realistische Illustrationen fĂŒr Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich im Laufe der Jahre in unzĂ€hligen GesprĂ€chen mit jungen, nicht mehr ganz so jungen und alten Menschen gewonnen habe.
Sprechen wir also ĂŒber das Zuhören.
Ein Ratsuchender sitzt in meinem Zimmer. Er hat mich um ein GesprĂ€ch gebeten. Nun ergibt sich sofort eine Schwierigkeit: Mein Arbeitstag ist gut gefĂŒllt. Ich weiĂ, dass ich in 90 Minuten einen weiteren Termin habe. Meine Zeit ist also begrenzt. Ich muss die Zeit im Auge behalten. Eines aber geht gar nicht: Dass ich zwischendurch mit einer raschen Bewegung auf meine Armbanduhr schaue. Ratsuchende bemerken den raschen Blick auf die Armbanduhr sofort.
Die Wirkung: Sie verschlieĂen sich. âMĂŒssen Sie bald weg?â, fragen sie vielleicht. Vielleicht sagen sie auch nichts, haben aber den Eindruck, dass ich irgendwie in Eile bin. Schlechte Voraussetzungen fĂŒr ein seelsorgerisches GesprĂ€ch.
Meine Lösung fĂŒr dieses Problem: Ich habe an zwei Stellen in meinem Zimmer zwei kleine Tischuhren platziert, von denen ich immer eine sehen kann. So kann ich die Zeit im Auge behalten, ohne auf die Armbanduhr zu schauen.
âWie kann ich Ihnen helfen?â, frage ich. Oder: âWas kann ich heute fĂŒr Sie tun?â Oder: âWorĂŒber sollen wir heute sprechen?â Oder: âIrgendetwas quĂ€lt Sie. Was ist es? Können Sie darĂŒber reden?â So oder so Ă€hnlich eröïŹne ich das GesprĂ€ch. Und dann beginnt das Zuhören.
Mein GegenĂŒber beginnt zu sprechen. Es ist fĂŒr mich, als betrĂ€te ich unbekanntes Land, einen weiĂen Fleck auf der Landkarte. Ein Mensch öïŹnet mir sein Leben, und ich muss lernen, mich in diesem Leben zurechtzuïŹnden. Das braucht auf alle FĂ€lle eines: Zeit â viel Zeit.
Wie ist das, wenn ein Ratsuchender mir vorsichtig StĂŒck fĂŒr StĂŒck sein Leben und seine Not offenbart? Es ist wie das Zusammensetzen eines groĂen Mosaiks oder eines Puzzles mit 1000 Teilen. Hinzu kommt, dass die Informationen, die ich höre, in aller Regel ungeordnet prĂ€sentiert werden. Der Ratsuchende nĂ€hert sich oft in langen Schleifen oder auf Umwegen seinem eigentlichen Thema. Er lĂ€sst vielleicht auch RĂŒckblicke auf weiter in der Vergangenheit liegende Phasen seines Lebens einïŹieĂen. Er schweift möglicherweise auch unabsichtlich ab und verliert sich in weniger wichtigen Details. Er gibt mir Mosaiksteinchen seines Lebens. Und ich stehe vor der Aufgabe, die zugrunde liegende Ordnung (das System) unter all den Mosaiksteinchen zu erkennen und herauszuïŹnden, was wohin gehört. Aber das ist alles andere als einfach! Es prasseln viele kleine Informationen auf mich ein, die ich unmöglich alle sofort richtig einordnen kann, denn ich habe ja noch keinen Ăberblick ĂŒber das groĂe Ganze. Eine schwierige Situation!
Manchmal berichtet mein GegenĂŒber von Dingen, die schrecklich falsch gelaufen sind. Dann bin ich versucht, sofort einzugreifen und auf diesen
oder jenen haarstrĂ€ubenden Fehler hinzuweisen. Das kann ich natĂŒrlich tun, aber damit unterbreche ich mein GegenĂŒber in dem, was er oder sie mir eigentlich sagen will. Ich ïŹxiere ihn oder sie auf Dinge, die ihm momentan gar nicht so wichtig sind, auch wenn sie vielleicht wirklich haarstrĂ€ubend falsch waren. Also diszipliniere ich mich und höre zu. Ich behalte aber die betreïŹenden Dinge im Hinterkopf, um sie in einem spĂ€teren GesprĂ€ch ansprechen zu können.
Oft ist es auch so, dass der Ratsuchende umstĂ€ndlich erzĂ€hlt. Das lĂ€sst mich nach einer Weile ungeduldig werden. Aber ich hĂŒte mich, meine Ungeduld zu zeigen. Das wĂŒrde mein GegenĂŒber sofort verunsichern und verschlieĂen. Also höre ich weiter zu und mache mir klar, wie verletzt ich selbst wĂ€re, wenn ein Seelsorger mir mit Ungeduld begegnen wĂŒrde.
Zuweilen höre ich auch Dinge, die mir nur mĂ€Ăig interessant erscheinen oder mich schlicht langweilen. Dann höre ich bewusst noch genauer zu und mache mir klar, dass ich ĂŒberhaupt nicht wissen kann, welche Details im Laufe des GesprĂ€chs noch wichtig werden können.
Ich gebe dem anderen Raum in meiner Seele und höre und höre und höre. Manchmal frage ich nach, wenn ich etwas nicht verstehe. Aber in aller Regel kommentiere ich an dieser Stelle noch nicht. Ich versuche, mich im Leben des anderen zurechtzuïŹnden und damit vertraut zu werden. Und das geht nur, wenn ich höre und höre und höre. Und so diene ich meinem GegenĂŒber.
Lassen Sie mich dafĂŒr ein Bild gebrauchen: Das Leben eines Ratsuchenden ist fĂŒr mich wie ein groĂer, unbekannter Garten. In diesem Garten gibt es Wege, BĂ€ume und StrĂ€ucher. Es gibt gepïŹegte Beete, aber auch verïŹlztes Unterholz und von Unkraut ĂŒberwucherte Stellen. Es gibt einen Weiher, einen Platz fĂŒr Gartenmöbel, einen GerĂ€teschuppen, weite Wiesen, eine Wasserpumpe und ein GewĂ€chshaus.
StĂŒck fĂŒr StĂŒck lerne ich nun diesen groĂen Garten kennen. Mit der Zeit ïŹnde ich heraus, wo welche BĂ€ume stehen, welche StrĂ€ucher sich in welchem Abschnitt des Gartens beïŹnden, wo Pumpe, GewĂ€chshaus und GerĂ€teschuppen platziert sind, wo das Unterholz sich ausbreitet, wo die Rosenbeete sind und welche Gartenwege wohin fĂŒhren. Auch den Weiher entdecke ich irgendwann. Ich kann nicht den ganzen Garten sofort ĂŒberblicken. Ich muss mich von meinem GegenĂŒber an die Hand nehmen und durch den Garten fĂŒhren lassen. So lerne ich alles StĂŒck fĂŒr StĂŒck kennen und werde allmĂ€hlich mit dem Garten vertraut. Aber das geht nur, wenn ich meinem GegenĂŒber die Zeit gebe, mir in Ruhe alles zu zeigen. Greife ich zu frĂŒh lenkend in das GesprĂ€ch ein, werde ich die volle GröĂe und vielleicht sehr wichtige Teile des Gartens möglicherweise nie kennenlernen. Und weil das so ist, ermuntere ich mein GegenĂŒber zu sprechen. Und ich höre zu. Ich leiste den Dienst des Zuhörens. Aus Erfahrung weiĂ ich, dass es nur wenige Menschen gibt, die bereit sind, lĂ€nger zuzuhören. Die allermeisten Menschen sind eher daran interessiert,
selbst zu reden, als einem anderen zuzuhören. Aus Erfahrung weiĂ ich aber auch, wie schön es ist, wenn mir jemand gespannt und konzentriert ĂŒber lĂ€ngere Zeit hinweg zuhört und mich nicht unterbricht. Ich fĂŒhle mich dann angenommen und irgendwie wertvoll. Konzentriertes Zuhören öïŹnet also die Herzen.
Und das ist fĂŒr jedes seelsorgerische GesprĂ€ch absolut grundlegend.
Zuhören ist also ein Dienst, und zwar ein sehr wertvoller! Man kann diesen Dienst nur dann tun, wenn man bereit ist, sich selbst zurĂŒckzunehmen und dem GegenĂŒber viel Zeit und Raum zu geben. Und zwar auch dann, wenn man mit manchem, was der Ratsuchende oïŹenbart, vielleicht durchaus nicht einverstanden ist.
Viele Ratsuchende sind zunĂ€chst sehr vorsichtig. Sie wissen nicht, wie viel sie mir zumuten und was sie von mir erwarten können. Sie fragen vielleicht nach: âRede ich zu viel?â Oder: âLangweile ich Sie?â
Dann antworte ich: âBitte sprechen Sie weiter. Sie haben mein ganzes Ohr! Sie dĂŒrfen sich auch gern wiederholen. Ich weiĂ, dass es Dinge im Leben gibt, die sind so groĂ, dass man sie vielleicht 96-mal erzĂ€hlen muss, weil man sie anders nicht verarbeiten kann.â
Und so höre ich lange zu. AllmĂ€hlich wird mein GegenĂŒber sicherer. Die Worte fangen an und sprudeln aus seinem Mund. Und schon dieses ErzĂ€hlendĂŒrfen und Gehörtwerden hat eine erste heilende Wirkung. Das, was vielleicht lange in Dunkelheit verschlossen und verborgen war, darf nun hinaus ans Licht.
Ein junger Auszubildender bittet mich um ein GesprĂ€ch. Er beklagt sich darĂŒber, dass die Ausbildung ihn ĂŒberfordere: Die Ausbilder seien fordernd, hart und unfreundlich. Die Mitauszubildenden wĂŒrden sich nicht um ihn kĂŒmmern und seien nur mit den eigenen Problemen beschĂ€ftigt. Er fĂŒhle sich alleingelassen und ĂŒberbelastet und spiele mit dem Gedanken, die gesamte Ausbildung hinzuwerfen. Im Laufe der GesprĂ€che stimmt er diese Klage immer wieder an.
WĂ€hrend ich dem jungen Mann zuhöre, wird fĂŒr mich sehr bald spĂŒrbar, dass mit seiner Darstellung der Probleme etwas nicht ganz stimmen kann: Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass er ausschlieĂlich von unfreundlichen, harten und gleichgĂŒltigen Menschen umgeben ist. Aber was ist dann der Grund fĂŒr seine Klagen? Wie kommt es, dass er seine Umwelt derart feindselig erlebt? Ich weiĂ es nicht und möchte auf keinen Fall spekulieren. Also ermutige ich ihn, mir mehr zu erzĂ€hlen. Ich frage nach, wie sein Alltag aussieht, welchen Menschen er begegnet und wie sich diese Begegnungen gestalten. Ich höre weiter zu und lerne so den Garten seines Lebens immer besser kennen.
Bei allem Zuhören steht mir stets vor Augen, dass ich es sehr wahrscheinlich mit einem verlorenen Menschen zu tun habe, der Jesus, den Retter, dringend braucht. Aber ich nehme mir die Zeit und lerne den Garten seines Lebens kennen. Die ganze FĂŒlle seiner Erfahrungen â seine Freuden, Fragen, Niederlagen,
Siege, Nöte, Zweifel, Verletzungen, Ausweglosigkeit, Bitterkeit und Selbstverliebtheit, sehr wahrscheinlich auch handfeste Fehler, alles kommt zur Sprache. Ich lerne den individuellen Lebensgarten dieses einen Menschen kennen. Und ich warte darauf, dass mir klar wird, wo das Evangelium von Jesus in seinem Leben greifen könnte. Ich werde ein Hörender.
Seelsorge hat viele Aspekte. Aber die Disziplin des Zuhörens ist ihre Grundlage. Wer ein Hörender sein will, muss bereit sein, sich selbst fĂŒr begrenzte Zeit loszulassen und dem anderen mit dem Dienst des Zuhörens zu dienen. Nur so erschlieĂt sich der Garten des Lebens, den mein GegenĂŒber mir schildert. Je lĂ€nger ich zuhöre, umso besser lerne ich diesen Garten kennen. Ich begreife, wie mein GegenĂŒber âticktâ. Und ich kann immer besser einschĂ€tzen, wo und wie ich diesem besonderen Menschen mit seinem besonderen Leben Jesus bekennen muss.
Manchmal stockt der Ratsuchende. Der RedeïŹuss bricht ab. Dann frage ich mich, warum das wohl so ist. Steht mein GegenĂŒber vielleicht jetzt gerade an einer Stelle, wo ihm das Reden schwer wird? Kann es sein, dass er jetzt an Dinge rĂŒhrt, die schmerzhaft, peinlich, dunkel oder schlicht unbegreiïŹich sind? Dann versuche ich, mein GegenĂŒber dort abzuholen. Ich sage vielleicht: âKann es sein, dass Sie von etwas sprechen wollen, was Sie zutiefst aufwĂŒhlt? Fehlen Ihnen die Worte? Oder befĂŒrchten Sie, ich könnte mich von Ihnen abwenden? Seien Sie unbesorgt! Sprechen Sie ruhig ungeordnet, umstĂ€ndlich oder
auch ein bisschen wirr. Ich ïŹnde mich schon zurecht!
Und im Ăbrigen: Mir ist nichts Menschliches fremd, egal wie dunkel oder hĂ€sslich es aussehen mag. Ich falle bestimmt nicht in Ohnmacht! Ich bin ganz dicht an Ihrer Seite!â
Meist geht das GesprĂ€ch dann weiter. Die Ermutigung greift. Gemeinsam erforschen wir weiter den Garten des Lebens meines GegenĂŒbers. Ich höre und höre. Und ich staune immer wieder, wie unglaublich verschieden und vielfĂ€ltig der Lebensgarten jedes einzelnen Menschen ist. Es gibt nur Originale.

Begleiten
Seelsorge hat eine kleine Schwester: die Langsamkeit. Wer Seelsorge schnell und effizient ĂŒber die BĂŒhne bringen will, hat es schwer! Nichts geht schnell in der Seelsorge. Sie braucht ihre Zeit und lĂ€sst sich nicht einfach beschleunigen.
Das hĂ€ngt mit der Machart von uns Menschen zusammen. Unser Verstand kann schnell, vielleicht sogar sehr schnell sein. Aber alles, was mit unseren inneren Entwicklungen und den damit verbundenen GefĂŒhlen zu tun hat, vollzieht sich mit einer gewissen Langsamkeit. Wer Menschen seelsorgerisch begleiten will, muss sich auf diese Langsamkeit einstellen.
Maschinen sind immer gleich. Sie sind berechenbar. Man kann sie vergleichsweise leicht bedienen. Ein Knopfdruck oder das Umlegen eines Hebels reichen meist aus. Aber Menschen sind keine Maschinen. Menschen sind Menschen. Die Bewegungen