Geradewegs demErdinnern zu
Erinnerungsskizzen
Mit einem Nachwortvon Beatrice Eichmann-Leutenegger
Vorwort
Ob manwilloderauchliebernicht:ImAlter kehren dieErinnerungenund damitdie altenSchmerzen zurück.Wennich mitten in derNacht erwache, dann staune ich, wieschmerzlich im TraumSituationen ausmeinerKindheitaufgetaucht sind,bin erschüttert,wie ichmichanmeinenElterngerächt habe, undbin erleichtert, wenn mein Traumversöhnlich gewesenist.
Meine Geschichten sind Erinnerungsskizzen,indenen ich mich an meine Eltern und an meine Kindheit undJugendjahre erinnere.Ich versuche, zu verstehen, was ich wo gelernt habe, und schaue auf mein langes Musikerleben zurück. Nein,ich will nicht behaupten: Genau so war es. Aber ich kann sagen: So erinnere ich mich. Meine Geschwister haben andere Erinnerungen an unsere Eltern,und meineFreunde sagen vielleicht: Ach, so ist bei Tinu Heiniger unsere Freundschaft, unsere Zusammenarbeit, unsere Bandvon damals gespeichert.
Ich schreibe gerneinder Schriftsprache. Mein Deutsch kommt aus dem Berndeutschen, so wiewir es im Emmental gesprochen haben. Wennich schreibe, dann übersetzeich ständig aus dem Dialekt – Dürrenmatt nennt ihn unsere Muttersprache – ins sogenannt Hochdeutsche, Dürrenmatt
nennt es die Vatersprache.Genau das macht dasErinnern und Aufschreiben der Geschichten so wunderbar anstrengend und spannend.
Mein Freund,der Hene
Hene war vier Jahre alt, als sein Vater starb. Vonda an lebte er mit seiner Mutter, die als Hebamme arbeitete und viel unterwegs war, an derBahnstrasse in Langnau.Wir beide, etwa zehnJahrealt, lernten uns in der Schule kennen. Vielleicht übertreibe ich, wenn ich sage:Eswar Liebe auf den ersten Blick. Wir habenamgleichenTag Geburtstag, auch das könnte ein Grund dafür sein, dass wirsoschnell und intensivFreundschaft geschlossen haben.Eine Freundschaft,die viele Jahre dauerte und damit endete, dass Hene geheiratethat undmit seiner Frau aufs Landgezogenist.Seine Heirat war für mich wie ein Verrat an unsererBeziehung. Jedenfalls hatmir mein Bruder Jörg einmal erzählt, erhabe an Henes Hochzeit gesehen, wie ich irgendwann am Tisch in Tränen ausgebrochen sei. Erst viele Jahrespäter, Hene war längstgeschieden, haben wiruns wieder getroffen. In unsererJugendzeithat ermichund unsere Familie beneidetund hat, wie er mir versicherte, gedacht:Ja, genau so, so sollte eineFamilie sein, die haben es gut. Ich hatte zwei Brüder undeinekleine Schwester, er war Einzelkind, hatte keinen Vater. Meinen Vater mochte Hene sehr, er wareiner, der wie Hene an Autos undMotoreninteressiert war, ein erwachsenerMann, der ihn respektierte und mochte.Damalshatte Hene ja nochkeine Ahnung,
wie dieser freundlicheGeschäftsmannund Autofan mich als Bub jeweils verprügelt hat. Er hätte mir das damals nicht geglaubt, hätte es nicht fürmöglichgehalten. Aber davonhabe ichihm wie auch meinen anderen Freunden erst nach dem Todmeines Vaters ein wenig erzählt.
Es gab viel, was unszwei verbunden hat. Wir spielten beide, leider nur in Nebenrollen, im Theater- und Kunstverein, spielten beide Eishockey, ich war schnell, aber zuleicht und zu klein,erein harter Verteidiger, aber zuschwer und zu langsam. Wir hockten gerne in der Beiz, konnten gut undgerne gross angeben undfies andere auslachen. Ausserdem waren wir scharf darauf, möglichst viele Frauen zu erobern, prahlten damit, schwiegen lieber, wenn wir abgewiesen wurden, hattenkaum Selbstzweifel und fanden generell,wir seienschlicht undergreifend saugut.
Als ich mit zwanzig ins Lehrerseminar ging, verdiente Hene als gelernterKaufmann bereits und kauftesich einen gelben«Austin 1300 GT». Und dann fuhren wir mit diesem heissen Schlitten nach Mailand, um dort einen Weber-Vergaser einbauen zu lassen, damitmeinFreund undAutomoudi mit diesem geilenEngländernochmehr beschleunigen konnte. Wenn er vor unseremHaus losfuhr, drehten zuerst dieRäderund dann die Leute aufdem Trottoir durch. Und wenn er den schwarzen Gummi auf der Strasseliegenliess und lässig durchs offene Fenster winkend davonpreschte,dann nervte sich
meine Mutter grauenhaft. Sie hatte michschon immer vor ihm gewarnt und zu mirgesagt, der Hene sei vor allem eines,ein blöderWichtigtuer.Wir taten allerdingseiniges dafür, um im Dorf alseingebildete Angeber und Blöffsäcke zugelten.Und ja, stimmt,das waren wir auch.
Gewalt in der Schule
Hene und ich waren Dorfkinderinden Fünfzigerjahren, und da war Gewalt, dieser offensichtliche körperliche Missbrauch, in vielen Familien an der Tagesordnung. Ich habe nie verstanden,dass die Nachbarn,die dochmitbekamen, wennich und mein älterer Bruder vom Vater verprügelt wurden, nie etwas gesagthaben.Ganz sicher hörten sie, wie wir Buben jeweils schrien,und nie fragte jemand den Vater, was ereigentlichmit seinenBuben mache, dass die derart schrien, und dass das nicht gehe, seine Kinder zu schlagen.Untereinander sprachen diese netten und freundlichen Nachbarn bestimmt darüber, waren vielleichtsogar empört, dass dieser nette undfreundlicheGeschäftsmannseineKinder schlug. Ich habe späterinmeinen Liedtexten und Büchern immer wieder darüber geschrieben undgesungen, wiedas war, in dieserach so frommen Familie aufzuwachsen, wo die Prügelstrafe System hatte und die Eltern sagten,esstehe so in der Bibel: Wer seine Kinder liebe,der züchtige sie. Die Schwester meiner Mutter, meine Gotte, hat mich mehrmals aufgefordert, damit aufzuhören, solche unschönen Geschichtenübermeinen Vater zu verbreiten.
In der Schule wurden die Schläger und Sadisten damals leider auch nicht gestoppt. Ich hörte nie davon, dass ein Vater oder eine Mutterindie Schule
gegangen wäre und gefragt hätte,obder Lehrer eigentlich spinne, ihren Sohn zu schlagen. Ich erinnere michdaran,wie brutal solcheSchlägertypen in der Schule sein konnten.Wir waren ungefähr sechs Knaben, die irgendetwas angestellt hatten, die vielleicht auch wegen schlechter Noten bei diesem Lehrer in der Physik an einem freien Nachmittag nachsitzen mussten. Wir mussten, wie wires nannten,inden Arrest. Wir waren damals in der achten Klasse, hockten nachmittags um zwei bei schönstem Sommerwetter an unseren Pulten und warteten darauf, dassder Huber hereinkommen und uns irgendeine blöde Strafaufgabe austeilen würde. Und wie wir so dahocken,dageht doch Gilbert, der Sohn der Bäckerfamilie aus Trubschachen,wir nannten sie «Schächeler»,nach vorne an die Wandtafelund schreibt in Riesenlettern«Der Plimut istder grössteHeilandsdonner auf Gottes Erde». Plimut nannten wir Huber, weil seineOberzähne leicht überden Unterlippen vorstanden,was aussah wiedie Front einergrossen Amerikanerlimousine, eben wie ein Plymouth, auch Buick hätte gepasst.Was dann passierte,zeigte klar, dass der Huber wusste,wie er bei uns Schülern genannt wurde. Kaum hat Gilbert diesen ungeheuerlichen Satz an die Wandtafel geschrieben,dageht auch schon die Tür auf, und Lehrer Huber, wieimmer in seinem blöden, weissen Schurz, kommt herein, bleibt wie angewurzelt stehen, liest, was dort vorne weiss auf schwarz an der Tafel steht, und schreit:«Wer hat
das geschrieben?» Hubers Kopf ist weiss wieein Leichentuch, es isttotenstillimZimmer, die Sonne scheint schönund warm durchs Fenster auf unsere Pulte, wir Buben haltenden Ateman, und dann, das darf ja nichtwahr sein, dann strecktder Gilbert doch tatsächlich den Zeigfingerder rechten Hand ganz wenig, so, dassman es kaum sieht, in die Luft. Oh mein Gott,denke ich,das kommt nicht gut! Huber geht mitzwei langenSchritten aufihn zu, knallt ihm derart eine, dass es Gilbert von seinem Stuhl haut und er zu Boden fällt. Ich und meineKameradenwürden am liebstenwegschauen,was jetzt kommt,aber natürlich schauenwir hin, alsder Huber, völlig ausser sich,mit hochrotemKopf undso, dass man meinen könnte,dem platzten gleich alle Adern, mitvollerWucht auf den am Boden liegenden Gilbert eintritt.Ertritt ihn in den Bauch, ins Gesicht. Gilbert versucht vergeblich, sich mitArmen und Händen zu schützen, Huber hört nicht auf, ihn zu treten, er trittund tritt und stüpftund stüpft.
Um Gotteswillen, Huber, du Arschloch, jetzt hör doch endlich auf!Und dann, irgendwann ist das Arschloch endlich erschöpft, hat sich ausgetobt, und jetzt, ohne uns und seinamBoden liegendes Opfer anzusehen, schlägt Huberdie Tür zu, verschwindet und kommt Gott sei Danknichtwieder zurück. Wir helfen Gilbert,der währendder ganzen Tortur keinen Ton von sich gegeben hat, auf die Beine, setzen ihn auf seinen Stuhl, einertupftihm mit seinem dreckigenNastuch das Blut aus dem Gesicht, ein an-
derer geht nachvorne und putztmit demgrossen Schwamm die Wandtafel. Noch immer sagt keiner ein Wort, wir sind sprachlos, stehenunter Schock. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie gesehen, dass ein Menschderart brutal zusammengeschlagen wurde wie damals dort im Arrest unser Schulkamerad Gilbert. Solche Brutalität sieht man nicht einmal bei einem Boxkampf, auch nicht bei einem Eishockeyspiel, wo die Spieler zum Gaudi des Publikums manchmal mit den Fäusten aufeinander losgehen, einander den Helm vom Kopf reissen und versuchen, den andern auf den Rücken zu legen,als wäre man an einem Schwingfest auf der Lüderen.
Zu Hause hat keiner von uns Bubendavon erzählt,was wir gesehenund erlebt hatten, untereinander haben wir allerdings noch lange darüber gesprochen und wir waren, auch noch Jahre später, immer wieder neu empört darüber, dass so etwas menschenmöglich war, habenuns auch Vorwürfe gemacht, warum sich keiner von unsgewehrt undkeiner es gewagt hat,den durchgedrehtenHuber zu stoppen. Ich habe mich auch gewundert, warumdamals solche Gewalttaten fürSchlägertypen undSadisten, wieHuber einergewesen ist, nie irgendwelche Konsequenzen hatten.Erwar ja nicht der einzige Jähzornling in der Schule, aber ichnehme an, weder im Kollegium noch in den guten Stuben im Dorf war Gewaltgegen Kinder ein Thema. Wenn irgendwo doch darübergeredet wurde,dann vielleicht am Stammtisch im «Hirschen»oder im
«Bären». Ob esauchMütter oder sogarVäter im Dorfgab, die das nichtinOrdnung fanden?Bestimmt nur wenige, die Erwachsenenwaren in jener Zeit geübt darin, alles Unangenehme unter den Tisch zu wischen.
Ein schrecklicher Traum
«Nein, dass ich jesoetwas träume, dashabe ich wirklich nichterwartet», sage ich zu Hene beieinem unserer letzten Treffen in einer Beiz in Zürich. Bevor ich diesen schrecklichen Traum gehabthabe, war ich überzeugt, ich hätte nun das Thema Vater und Mutter und Gewaltinder Familie in einem Alter,indem mehrals ein Viertelunserer ehemaligen Schulkameraden bereits tot ist, hinter mir, ein für alle Mal erledigt.Abereben, es ist nicht das erste Mal,dass ich in meinemLeben gemeint habe, nun sei etwas erledigt,nun habe michdas Schwere, das Unangenehme,das Schmerzliche,das Traumatische verlassen,habe sich auf Nimmerwiedersehen davongemacht. Und dann ist es, gross und stark, plötzlich wieder da. «Ja», sage ich zu Hene, «esist einmal mehr aus dem Schatten aufgetaucht, ist ausdem Nebel hervorgekrochen undhat sich laut unddeutlich und voller Hohn und Spott mit einemblöden Grinsen im Gesicht gemeldet: ‹Hallo,bin immer noch da!›»
Hene kennt mich und weiss, dass ich nicht zu stoppen bin, wenn ichauf dieses Thema zu sprechen komme, und er weiss auch, worum es jetzt wieder geht:ummeine Eltern und darum,dass ichals Kind vom Vater geschlagenwurde. Hene ist ein aufmerksamer und geduldiger Zuhörer. Jedes Mal, wenn ich davon rede, fallen mir neue Einzelheiten dazu ein
und ich erzähle, was derVater, bevor er mich bestrafthat, zu mir sagte,nämlich:«Gang ga brünzle.» Das sagte er, weil ich jedes Mal vorlauter Panik in die Unterhosepisste.Natürlich kam in meiner panischenAngst kein Tropfenindie WC-Schüssel. Oder dann sage ich demHene, dass ich nochimmer nicht verstehenkönne, warum die Mutter den Vater in seiner brutalen Erziehungsmethode unterstützt hat.
«Ja, okay, und was ist jetztmit deinem schrecklichen Traum?», unterbrichtmichmein Freund.
«Zuerst muss ich dir aberetwas über meine Angstträume erzählen.Interessiert es dich?»
«Ja, klar, nurzu»,sagt Hene.«Ich weiss nicht, ob ich überhaupt noch träume, und wenn, dann vergesse ichdie Träume gleichwieder.»
«Ich träume in letzter Zeit viel und oft, häufig erinnereauch ich michnichtmehr daran undwenn doch, dann sind es immer wieder Träume, in denen ich den Weg verloren habe und glaube, ihnwiederzufinden, dann aber dochnichtfinde.Träume, in denen ich bodenlosverzweifelt bin, in einer mir fremden Stadt umherirre, nicht weiss, wo ich das Auto abgestellt habe, und niemand mir beimeiner Suche hilft. Oder ich träume davon, dassich ein Konzert gebensoll, aberdie Gitarre zuerst noch flicken muss, oderdassich irgendetwas Wichtiges im Hotelzimmer liegen gelassen habe, es holen muss, dann das Konzertlokal nicht mehr finde, undwenn ich es gefunden habe,kommen mirdie Zuschauerin-
nen und Zuschauerentgegen, ich versichere ihnen, ich würde gleich mit demKonzertbeginnen, doch sie beachten michnichtund gehen nach Hause. Aber jetzt habe ich einen viel schlimmerenTraum gehabt:Meine Mutter hat in der Küche am Herd gestanden,der Vater hat in der Stube auf dem Sofa gelegen und geschlafen. Ichgehe wildentschlossen in dieKüche, packedie Mutterund trage sie mit ausgestreckten Armenhoch über mir in die Stube undknalle sie dort mit vollerWucht hinunter auf den Vater, undgleichnocheinmal, und dann noch einmal, und noch einmal, ichkanngar nicht aufhören damit, immer wieder schlage ich mit der Mutter auf den Vater ein. Erst wenn ichvöllig erschöpft, fix und fertig bin, erwacheich, bin in Schweiss gebadet und kann nicht mehreinschlafen, bin völlig erschüttert und durcheinander, weil ichalles so realerlebt habe und nicht wie in einem Traum.»
«Und jetzt?Fühlst du dichschuldig?», fragt mich der Hene.
«Nein, überhaupt nicht», sageich. «Irgendwie bin ichrichtig erleichtert.»
Hene muss dringendscheissen
Wenn Hene wieder einmal in derSchweiz war, trafen wir uns in Bern, Zürich oder Olten in einer Beiz, wo wir uns bis Beizenschluss darüberaustauschten, was seit unseremletzten Treffen im Leben passiert war. Dabei waresoft so,dass Hene mich ausfragteund ich gerne und ausgiebig darüber redete, was bei miramLaufenwar. Mir war bewusst, wie einseitigoft diese Gesprächeverliefen,und trotzdem hatte ichdas Bedürfnis, ihmnoch mehr zu sagen, ich hätte gerne von ihmgewusst, wieerdas und jenes sah und wie er es sich erklärte, dass wir uns immer wenigerverstanden haben,und auch, ob er sich an diesen Abend damals, vor Jahren in Burgdorf,erinnere. Für mich,und vermutlich auch für ihn, war es das vorläufige Ende unsere Freundschaft. Dass die Begegnung in Olten unsere letzte sein würde, konnten wirnichtwissen, allerdings habe ich es irgendwie, irgendwo,ich weiss auch nicht wieso, geahnt. Nachdem NachtessenineinerBeiz in der Altstadt begleitete ich ihnzuseinem Auto.Bis dorthin waren es ein paar Hundert Meter zu Fuss, über die alte Holzbrücke, dann entlang der Aare und beim Bahnhof rechtsdurch die Unterführung. Ich wusste nicht, wie mühsam das Gehen für den übergewichtigenHene war, und er tat so, alsobdiese Strecke für ihn kein Problem wäre. Er hatte, wie meistens, zu viel gegessenund getrunken,liess sich
aber nichts anmerken,war fröhlich unterwegsund guter Dinge,und ichwar es auch. Wir mussten also durchdie Unterführungauf die andere Seite des Bahnhofs,woHene seinen SUV geparkt hatte. Und jetzt, dort in der Unterführung, sagt er plötzlich: «Du, imuess dringendschysse!»
«Ja, okay», sage ich,«am Ende der Unterführung hat es links nachder Treppe ein Hotel, dort kannst du bestimmt die Toilette benutzen.»
«Nein, ich mussjetzt!Hier und jetzt!»
«He, spinnst du, wo willst du jetzt hier scheissen?», frage ich entsetzt.
Aber Hene siehtvorne rechts in der Unterführung eine Baustelle,biegt ab, lässt die Hose runter, kauert sich im Halbfinstern nebeneinerBaumaschine aufden Bodenund scheisst. Als hätte er diese Aktion geplant oderdamit gerechnet, dass es passieren könnte,holt er diePapierservietten, die er sich in der Beiz eingesteckt hat, aus der Manteltasche, putztsich den Arsch und sagt:«So, Tinu, das hätte mir.»
Dass Heneschon lange mit demHerzen Probleme und bereits zwei Herzoperationen hinter sich hatte, das wussteich,aberdass auch seineVerdauung, wie ich sehen undriechenkonnte,eineBaustelle war, daswar mir neu.
Noch lange sitzenwir im Finstern nebeneinander in seinem grossenAuto.Und jetzt erzählt Henemir davon, wie er eigentlichgerne seinem zweiten Sohn sein Käse-Exportgeschäftübergebenhätte. Wie er
ihn mit nach Sizilien genommen und ihn dort seinen Geschäftsfreundenvorgestellt habe.Wie weh es ihm tue und er es nicht verstehen könne, dass dieser kein Interesse daran habe, all das weiterzuführen, was er dort aufgebaut habe. Alldas, wasihn steinreich gemacht habe.
Ein paar Tage später schrieb ich ihm einen langen
Brief:
Lieber Hene
Die Begegnung mit dir vor ein paar Tagen in Olten hat mich noch lange beschäftigt.Als stünde ich unter einem Wasserfall, sind viele Erinnerungen an unsere Freundschaft auf mich heruntergestürzt. Einedavon will ichaufschreiben und sie dir schicken.
Ich erinnere michdaran, wiedu, vor etwa dreissig Jahren, eines Tagesbei mirvor der Tür gestanden und gesagt hast:«Imuess mit dir rede!»Wir haben die Jahre zuvor keinen Kontakt mehr gehabt, und dann tauchst du plötzlich auf, bistoffensichtlich völlig verzweifelt und willst mitmir reden. Wir sitzen bis zum Morgengrauendort in der Küche dieserBlockwohnung inBurgdorfbei Wein und Schnaps,und so vieles, was indeinem schweren Körper sichangestaut hat,leerst du in diesen Stunden aufden Küchentisch. DeineStaumauerist gebrochen, derStausee leert sich.Nichtnur du konntest mir immer gut zuhören, auch ich kann es.Du
erzählst, wie du mitdeiner Frau und deinem Freundnach Kanadageflogen bist,umdir jene grosse Farm anzuschauen, diedukaufen wolltest. Dein italienischer Freund und Geschäftspartner ist bereit, alles zu finanzieren. Für ihn istdas kein Problem,erhat Kohle biszum Gehtnichtmehr. Und jetzt, wo du allesschön eingefädelthast, fliegt ihr zu dritt nach Kanada, längst ist definitiv abgemacht, dass deine Frau und deinFreund bei diesem Projektdabei sind.Duhast dirdie Farm vorher einmal mit deinem Geldgeber angesehen, du hell begeistert undder Italienerüberzeugt davon, seine Kohle seibei dir und eurerFarmgut angelegt. Jetzt wolltihr euch also zu dritt diesenvollautomatisierten Bauernhof dort drübenansehen und dann gleich denKaufvertrag unterschreiben. Für dich ist klar, auch deine Frau und deinFreundsind, wie du schon lange, Feuerund Flamme fürein neues Leben auf einer GrossfarminKanada. Und eure beidenBuben werdenimfernen, weiten Kanada als Cowboys in freier Naturaufwachsen. Für dich, aber auch für sie soll es heissen: ab aus der Enge des Emmentals in die endlose Weite Kanadas.
Du kennst aberauch den Satz, den deine Mutter gesagt hat: Erstens kommt esanders, und zweitens als man denkt. Wie wahr!Bereitsnach der ersten Nachtdort drüben in einemHotel kommt es faustdickfür dich. Wer wann in welchem Zimmerübernachtethat, ob deine Frau und deinFreund auch dortindieser Nacht, oderbereitsseit Wochen und
Monaten, zusammen geschlafenhaben, das hastdu damals nicht gewusst.Und so bist du nach dieser ersten Nacht im Hotelbeim gemeinsamen Frühstück ausallen Wolkengefallen, und all deine Träume habensich im Nichts aufgelöst. Was diese zwei dir eröffnen, das haut dich aus den Socken,das bringt dich gewaltig ins Schleudern, das verschlägt dir, wieessichdann zeigt, im wahrsten Sinn des Wortes dieSprache. Denn als sie dort bei Kaffee und Gipfeli zu dir sagen, sie zwei seienverliebt, und das nicht nur ein wenig, sondern total, und das schonseitWochen, und zwar gleich so, dass sie nun auch beschlossenhätten, zusammenzuziehen und logo bei diesem Projekt auszusteigen. Und dann sagen sie auch noch, das seijavon Anfang an nicht ihr Projekt gewesen, sondern deine Idee, dein Furz, undder sei schliesslichauf deinem Mistgewachsen. Nachdemdudir das allesangehört hast, stehstdu auf und sagst von da an keinWort mehr zu ihnen. KeinWort zu deiner Frau, keinWort zu deinem Freund, kein Wort zu niemandem im Flugzeug. Zu Hause packst du deine Sachen, verlässtFrau undKinder und euer Haus, und wiedu, so drehen einmal mehrdie Räderdeines Wagens durch, und du fährst aufNimmerwiedersehen davon.
Und jetzt, wo du am Arsch bist,dabin ich dir in den Sinn gekommen, und jetzt hast du mir das alles erzählt, manchmal einwenig dabei geflucht, gegen SchlussunseresZusammenseinssogar ein wenig geheult.
Ich war damals ganz andersunterwegs alsdu, habe bei den Linken und beiden Anti-AKW-Demonstrationengesungen, und ich und meine Gesinnungsfreunde, um nicht zu sagen: meine Genossen, warenschwer antikapitalistisch unterwegs, meine Frau und ich waren immer knapp beiKasse, und ichträumte und sang von der Befreiung des Systems durchdas Proletariat. Wiehätte ich für deine Geschäftsidee Verständnishabenkönnen?Vielleicht wollte ich sogar, nachdem dumit dieser Farm so grandios gescheitert warst,dir unsere linke Ideologie schmackhaft machen. Du warst überzeugt:Mit deinem Käsehandel in Italien und Sizilien,wodubeste Geschäftsbeziehungen hattest,würdestdueines Tages mindestens eine Million machen. Ich habe dich ausgelachtund behauptet, es sei doch nicht erstrebenswert,Geld zu scheffeln. Gegen Morgen warenwir beide ziemlichbetrunken, und ich sagte, du könntesthier übernachten. Aberduwolltest nach Hause, wo immerdas damals war.Und dann, bevor du in dein grossesAutosteigst, sagst du mir dort im Morgengrauenunterder Haustür voller Trotz jenenSatz, den ichnicht vergessen habe: «U die Millionmacheni gliich!» Und ja, dieseMillion hast du dann schon bald einmalgemacht. Im Lauf derJahre, in denen wiruns nicht mehr gesehen haben, sind noch ein paar weitereMillionen dazu gekommen, weil du es gutkonntest mit den Menschen, weil du ein witziger und geselliger Typ und ein cleverer Geschäftsmann gewesen bist, der im
Unterschied zu mir gewusst hat,wie manGeldausgibt,und noch besser, wieman es einnimmt.
Weisst du,Hene, ichwollte das auch für mich aufschreiben. Ich versuche zu verstehen,wie wir damals ganz anders unterwegs waren, versuche zu verstehen, warumunsere Freundschaft nach diesem Abend bei mir während Jahrenwieder völligbedeutungslos gewordenist. Wirhabenuns überhaupt nicht verstanden und könnennur staunen, wie und dass wir, Jahre später, wieder zueinander gefunden haben.
Dein alter Freund! Tinu
Und darunter schrieb ich:
Ich freuemich auf deinen Briefoderauch aufunser nächstes Treffen.
Aber ich wusste,dasswir uns damals in Olten voneinander verabschiedet hattenund dass wir uns nie mehr wiedersehen würden, und so habe ich diesen Brief auch nieabgeschickt. Ein paar Wochen später fandman Hene tot in seinerWohnungimTessin.
Die warmen Brüder
Zuerst habe ich überhaupt nicht kapiert, was das soll. Wenn ich in meinemersten Stiftijahr am Morgen in der Garderobe derLehrwerkstätte in Bern eingetroffen bin, um die gestreiftenSchreinerhosen anzuziehen, kam es immer wieder vor,dass einer der älteren Stifte lauthals verkündete:«Chöit dHeizig abstelle, dä vo Langnouisch cho!» Ich verstand nur Bahnhof, ging diesem eigenartigenSpruch, oder vielleicht war es auchein Witz,nach undfand irgendwann seineHerkunft heraus. In den Fünfzigerjahren wurde LangnaudurchMedienberichte bekannt,weil dort ein Prozessgegenhomosexuelle Männer stattgefunden hatte.
Bei einer Probe im Theater- und Kunstverein erfuhr ich etwas mehr davon. Mark Kobel, ein Primarlehrerund ein grossartigerSchauspieler,der jeweils eine der Hauptrollen spielte und der, wäre er in Hollywood aufgewachsen, dort bestimmt Karriere gemacht hätte, erzählte mir,wie damals in Langnau alle Männer überdreissig Jahre und unverheiratet verdächtigtwurden, schwulzusein.Und Schwulsein,das war damals ein Verbrechen. Die Polizei hatte Listen von Homosexuellen, oder wie mein Vater sie nannte, von «warmenBrüdern». Unddawurden in Langnau einige Männerverhaftet undinUntersuchungshaftgesteckt, die über dreissig Jahre alt und noch ledig waren – und zwar von jenem Ge-
richtspräsidenten des AmtesSignau, der auch meinen Vater verdächtigthatte, er habe Versicherungsbetrug begangen, und der auch ihn in Untersuchungshaft genommen undihm gesagt hatte, er habe drei Minuten Zeit, alles zuzugeben. Bei meinem Vater gab es aber gar nichts, waserhätte zugeben müssen,und nachein paar Stundeninder Zelle, wo er seinen Lebenslauf aufschreiben musste, war er auch wieder zu Hause. Vermutlich auch darum, weil mein Grossvater, Mitglied bei der BGBund beiden Werktagsschützen, am Mittag im Amtshaus auftauchte und dem GerichtspräsidentenHess ausrichten liess, wenn der Heiniger Paul bis am Abend nicht wieder daheim sei, dannkäme er, der Schär Ernst,Wachtmeisterinder Schweizer Armee, nochmals vorbei, diesmal mit seinem Länggewehr.
Jener Amtsrichter Hess, der im Chehr unten wohnteund der, wie einer seiner Nachbarn mir erzählte, jeweils seinen Hund, einen Boxer, im Garten züchtigte, plagteund schlug, war einrichtiger Schwulenjäger. Und derKobelMark erzählte mir auch,dass unserRegisseur, derDoktor Friederich, der ledig war und derauch in Verdacht stand, schwul zu sein,dassdieserkleine undfeine, sympathische Hausarzt an einemMontagmorgen,als die halbe Schweiz wusste, dass in Langnau im Emmental ein Schwulennestausgehoben worden war, mit seiner Arbeit beginnen wollte. Als er das Wartzimmer seiner Praxis öffnet, um mit dem ersten Patienten anzufangen, stellt er fest:Das Wartzimmer ist
leer. Seine Patienten wollenmit einemschwulen
Arzt, ob tatsächlich schwulodernur unter Verdacht stehend, nichts mehr zu tun haben.
« Ja, diese Geschichten legen Narben bloss, lassen uns einen anderen Tinu Heiniger entdecken. Seine radikale Ehrlichkeit gegenüber sich selbst ist entwaffnend, erzählt doch hier einer von all seinen Wegen und Irrwegen. Wir folgen den Zickzack-Linien seiner künstlerischen und geistigen Entwicklung – oft atemlos, oft verwundert. Tinu Heiniger erzählt temporeich, rhythmisiert seine Sätze und durchsetzt sie mit Ausdrücken aus der kraftvollen Berner Mundart. Sie prasseln los und können vor Wut schnauben, aber sie erfrischen auch. Und kein Zweifel: Unterhaltung ist garantiert. »
Aus dem Nachwort von Beatrice Eichmann-Leutenegger
ISBN 978-3-7296-5213-2