Steffen Klatt und warum nicht alle etwas davon haben
Warum die Schweiz so reich ist

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ISBN :978-3-7296-5215-6
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Steffen Klatt
Warum die Schweiz so reich ist
und warum nicht alle etwas davon haben
Sachbuch
Inhalt
Vorbemerkung:Neue Zeiten verlangen ein neues Geschäftsmodell ................................
I. Willkommen im Grandhotel Switzerland: Ein Land auf der Sonnenseite des Lebens ......... 11
II. Die kluge Mechanik im Innern: Der Wohlstand muss verteilt werden ..............
III.Der Preis der Globalisierung: Die Feinverteilung stockt ...........................
IV. Absicherung nach innen:Das Luxusresort als politisches Produkt ...............................
V. Absicherung nach außen:Der große Spagat ..... 91
VI. Ende der Saison:Das Luxusresort zeigt Verschleißspuren ................................ 105
VII. WolkenamHorizont:Die Supermächte greifen nach dem Superwohlstand ............... 118
VIII. Wetterfest in die Zukunft: Die Schweiz muss sich auf ihre Stärken besinnen ........... 135
Nachbemerkung:Vom Luxusresort zum hippenQuartier der Welt ........................... 152
Vorbemerkung :Neue Zeiten verlangen einneues Geschäftsmodell
Die Schweiz hat einige der besten Jahrzehnte ihrer Geschichte hinter sich. Ob es die letzten guten Jahre gewesen sein werden, hängt nicht nur von ihr ab – dazu ist der Umbruch in der Welt zu groß. Aber wie die Schweiz mit diesem Umbruch umgeht, das hängt allein von ihr ab.
Es ist rundgelaufen für die Schweiz. Eigentlich schon in der ganzen Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz gehörte zu den Gewinnerinnen des Kalten Krieges – und prosperierte erst recht in den drei Jahrzehnten der Globalisierung, die sich an den Kalten Krieg anschlossen. Die Schweiz zählt längst zu denreichsten Ländern der Welt. Sie gehört auch zu den innovativsten Ländern der Welt, zu den wettbewerbsfähigsten, zu denen mit der höchsten Lebensqualität. Die Schweiz ist so etwas wie eine Insel der Ruhe in einer unruhigen Welt – gewesen.
Diese Ruhe war so etwas wie ein Markenzeichen der Schweiz, und sie wurdeauchkräftig vermarktet. Die Schweiz ist in den Jahrzehnten der Globalisierung auch dank dieser Ruhe und Sicherheit eine Art Grandhotel der Weltwirtschaft geworden:ein Luxusresort für Vermögen und Vermögende aus aller Welt auf der Suche nach einem Ruhepunkt abseits der Hektik des Alltags, für Unternehmenauf der Suche nach einemmilden Steuerklima und Talenten, fürUnternehmerinnen und Unternehmer aufder Suche nach kurzen Wegen zu den Behörden, für Forschendeauf der Suche nach dem gut ausgestatteten Forschungslabor und fürdie vielen anderen, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Die Schweiz als Spitzenadresse der Weltwirtschaft, ein wenig abgelegen in den Bergen mit gediegener Einrichtung und zuvor-
kommender Bedienung. Ein Wohlstandsidyll mit Echtheitszertifikat – und entsprechenden Einnahmen.
Der Wohlstand floss gleichsam von allein, er kamsozusagen kofferweise. Fürdas Land hat sichdiese Rolle gelohnt: Die Schweiz kommt doppelt so wohlhabend aus der Globalisierung heraus, wie sie hineingegangen ist.
Aber eben:Sie kommt heraus. Diese Welt ist Vergangenheit. Künftige Historikerinnen und Historiker können darüber streiten, ob die russische Annexionder Krim2014 der Auslöser waroder die Corona-Pandemie ab 2019, der russische Überfall auf die Ukraine 2022 oder der Wiedereinzug
Donald Trumps ins Weiße Haus zwei Jahrespäter. Oder die Einführungvon Zöllen von mindestens 10 Prozent aufalle amerikanischen Importe – zunächst 39 Prozent, später 15 Prozent auf Importe aus der Schweiz – durch Präsident Trump 2025, eine Umkehrung des Trends zur Senkung von Zöllen seit dem Endedes Zweiten Weltkrieges.
Egal seit wann:Esist vorbei.
Offen ist auch, wie die neueWelt aussehen wird – sie bildet sich erst.Wahrscheinlich wird Politik wieder eine wichtigere Rolle spielen als die Wirtschaft; Macht eine wichtigere als Recht. Eng verstandene eigene Interessen werden vermutlich gegenüber gemeinsamen Werten an Gewicht gewinnen.
Vielleicht ist es fürdie Schweiz sogar ein Glücksfall, dass die Globalisierung scheinbar abrupt geendet hat. Denn das Geschäftsmodell, das die Schweiz während der Globalisierung gepflegt hat und dank dessen sie zu den Gewinnerinnen zählte, wäre nicht mehr lange zu halten gewesen. Es waraufgebaut auf einem Gesellschaftsvertrag, der nicht mehr eingehalten wurde. Es beruhte aufeiner innenpolitischen Akzeptanz, die bereits erodierte. Dieses Geschäftsmodell setzte an einem System der Feinverteilung des Wohlstandes an, dasesselbst
zunehmend außer Kraftsetzte. Das Grandhotel zeigt nach Jahrzehnten intensiver Nutzung Verschleißspuren.
Die Schweiz braucht ein neuesGeschäftsmodell. Dasist nichts Ungewöhnliches – die Geschäftsmodelle von Unternehmen ändern sich ständig, diejenigen ganzer Länder immerhin alle paar Generationen. Solche neuenGeschäftsmodelle fangen auch nie bei null an:Sie setzen immer an dem an, was am vorausgehenden Geschäftsmodell zukunftsfähig ist, und sie werfen über Bord,was nicht funktioniert hat. Das ist bei Ländern nicht anders als bei Unternehmen.
Wie aber hat das Geschäftsmodell der Schweiz in den Jahrzehnten der Globalisierung funktioniert?Was hat an ihm versagtund was istzukunftsfähig?
Darum geht es in diesem Buch:Was hat die Schweizso wohlhabend gemacht? Warum istdieserWohlstand nicht bei allen angekommen?Was muss geändert werden, damitdie Erosion im Innern gestoppt und der Zusammenhalt des Landes wieder gestärkt wird?
Das sind zuerst Fragen an die Wirtschaft – nur sie kann Wohlstand erzeugen.
Aber der Wohlstand eines Landes – und erst recht eines global so exponierten Landes wie der Schweiz – hängt nicht in erster Linie vom Fleiß seiner Bewohnerinnen und Bewohner ab. Er ist nicht in erster Linie das Ergebnis eigener Arbeit. Der Wohlstand eines Landes leitet sich von seinem Platz in der globalen Wertschöpfungskette ab. Im Fall der Schweiz wardieser ziemlich weit oben.
Da kommt die Politik ins Spiel:Sie bestimmt nach außen diesen Platz in der Welt maßgeblich mit, und sie ist nach innen für die Pflege des Gesellschaftsvertrages zuständig,mit dem dieser Platz und die mit ihm verbundenen Anforderungen im Innern abgesichert werden. Mit beidem wardie
Schweizer Politik in der Endzeit der Globalisierung zunehmend überfordert.
Die Globalisierung ist vorbei, das Neuekommt erst – die Zukunft ist offen. Sie wird geschaffenvon denen, die sie gestalten wollen – in der Schweiz und in der Welt. Nur wer nichts tut, hat schon verloren. Wer auf einbloßes «Weiter so»setzt, ebenfalls.
I. Willkommen im Grandhotel Switzerland : Ein Land aufder Sonnenseitedes Lebens
1
Die Schweiz ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Jede Politikerin, jeder Politiker müsste froh sein, hier Sonntagsreden halten zu dürfen. Bessere Zahlen finden sich nicht oft auf der Welt:Die Wirtschaftsleistung wächstfast jedes Jahr, und meist schneller alsinanderen reichen Volkswirtschaften der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen wächst ebenfalls, wenn auch langsamer. Arbeitslosigkeit ist hier in denvielen guten Jahren individuelles Schicksal, aber kein gesellschaftliches Problem;inden allermeisten Jahren herrscht Vollbeschäftigung. Die Preise sind stabiler als in den meisten anderen wohlhabenden Ländern. Die öffentlichen Haushaltesind gesund,die Schulden von Bund,Kantonenund Gemeindengering; ihre Kreditwürdigkeit aufden Finanzmärkten ist hoch, die Schweizer Währung stark.
Diese Erfolgsgeschichte der Schweiz hält schon so lange an, dass sich kaum ein lebender Mensch mehr an etwas anderes erinnern kannals an Aufstieg und Erfolg. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es faktisch nurnoch bergauf gegangen, erst rasant, dann etwas langsamer, aber immer nach oben. Die wenigen Anpassungskrisen schlugen in der Schweiz meist weniger hart zu und waren schneller wieder vorbei als bei den Nachbarn.
2
Es gibt ein paar Gründe, an denen der Schweizer Wohlstand nicht liegen kann. Zum Beispiel nicht an irgendwelchen Bodenschätzen:Die Schweiz hat sie nicht. Anders alsNorwegen im kalten Norden oder Dubai am heißen Golf konnte die
Schweiz ihren Aufstieg nicht mit der Förderung von Öl und Gas finanzieren.
Es kann auch nicht an den Banken oder am Finanzsektor insgesamtliegen. Dessen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung ist seit der weltweiten Finanzkrise von 2008/2009 stetig gesunken, aufzuletzt unter ein Zehntel. Bei den sehr sichtbaren Großbanken ist der Schrumpfprozessnoch eindrücklicher:von drei in den Neunzigerjahren aufnur noch eine seit 2023. Die verbliebene UBS ist zwar ein Riese für die Schweiz – und vielleicht sogar zu groß fürsie –,aber ein Mittelgewicht in der Welt. Und vielleicht bald auch nicht mehr in der Schweiz.
Ein damit verbundener und einst viel zitierter Grund, der angeblich den Wohlstand erklären sollte und es eben nicht tut,ist nur noch eine Fußnote der Geschichte:Der Schweizer Wohlstand kann keine Folge des Bankgeheimnisses und der Steuerhinterziehung sein. Denndas Bankgeheimniswurde 2009 aufDruck der USA faktischaufgehoben;wegen der vielen Bußen, die Schweizer Banken in Amerika für Beihilfe zur Steuerhinterziehung zahlen mussten, könnte der Schweizer Finanzplatz unter dem Strich im Geschäftmit der Steuerhinterziehungsogar Geld verloren haben.
Der große Wohlstandkann auch nicht an den persönlichenEigenschaften der Schweizerinnen und Schweizer liegen, an ihrem Fleiß, der Effizienz und ihrem starken Unternehmergeist. Da stehen ihnen die unmittelbaren Nachbarn in Baden-Württemberg, Vorarlberg und Tirol, Oberitalien oder Savoyen in nichts nach.
Der Erfindergeist kann es auch nicht sein. Schweizer mögen Ricola erfunden haben und vieles andere mehr vom Klettverschluss bis zu LSD. Aber in absoluten Zahlen wurde anderswo mehr erfunden – und die wichtigsten Erfindungen
der Gegenwart werden anderswo gemacht, im Silicon Valley oder in Boston oder in China.
Auch der vergleichsweise unbürokratische und wirtschaftsfreundliche Schweizer Staat kann sich den Wohlstand nicht als eigenen Erfolg an dieBrust heften. Denn seine Wirtschaftsfreundlichkeitbesteht ja geradedarin, sich möglichst herauszuhaltenaus der Wirtschaft.
3
Ebenso wenig erklärt dieNicht-Teilnahme am Zweiten Weltkrieg den heutigen Überwohlstand der Schweiz. DasLand hattezwar einen Startvorteil in der Nachkriegszeit. Aber viele Länder, die vom Weltkrieg direkt betroffenwaren, gehören heute zu den reichen und superreichen Ländern der Welt, von Luxemburg und Norwegen bis Singapur und Japan. Andere heute superreiche Länder wie die Emirate und Irland waren auch in der Nachkriegszeit noch mausarm.
Umgekehrt gehört es zu den Besonderheiten des Schweizer Wohlstandes, dass er schon sehr lange anhält. Die Schweiz gehört seit Jahrhunderten zu den wohlhabenden Ländern Europas.
Schoninden Zeiten derAlten Eidgenossenschaftbewunderten Reisende diewohlhabenden Bauern und dieschönen kleinenStädtezwischendem Boden- unddem Genfersee. Und im 19.Jahrhundert gehörtedie Schweizzuden raschaufsteigenden neuenIndustrieländern – ohne die sozialen Probleme, dieder Manchesterkapitalismus in Englandund dieTextilindustrie in Deutschlandmit sich brachten.Wenndamalsein einzelnerBodenschatz denSchweizer Wohlstandbefördert hat, dann waresdie Wasserkraft: Fabriken in SchweizerVoralpen- undAlpentälern wiedem Emmental,Glarus, demLaufental,dem Toggenburg unddem Tösstalkonnten damitihre Maschinenbetreiben,bevor mitder Kohledie Dampfmaschi-
nenkamen.Aberdas galt auch fürandereBergregioneninEuropa,obinDeutschland,England,FrankreichoderItalien –undist auch dort längst Geschichte.
4
Wer nach den Quellen des Schweizer Wohlstandes sucht, sollte dort anfangen, wo Wohlstand normalerweiseerzeugt wird:inder Wirtschaft. Das ist banal, ja langweilig, aber vermutlich nahe an den Tatsachen.Und wer sich fragt, warum die Schweiz so deutlich reicher ist als ihreNachbarn, kann einenBlick in die Exportstatistik werfen. Dennjeder zweite Franken wird im Ausland verdient, wie es so oftinpolitischen Reden heißt.
Was auffällt:Fast die Hälfte aller Exporte gehen aufdas Konto der Chemie- und Pharmabranche. Auffällig und für das Verständnis der Schweiz und ihres Wohlstandes generell relevant ist das deshalb, weil sich diese Branche aufein paar wenige Orte konzentriert, vor allem aufBasel,Zug und Genf. Und weil diese Branche nur ein paar Zehntausend Menschen im ganzen Land beschäftigt.
Die Nummern drei bis sechs in der Exportstatistik – Uhren,Präzisionsinstrumente, Metalle, Schmuck – kommen zusammen auf rund ein Viertel aller Exporte. Undauch sie beschäftigen nur ein paar Zehntausend Menschen an ein paar wenigen Orten. Bei den Uhren stechen Biel und Grenchen heraus, La Chaux-de-Fonds und Le Locle, Genf undein bisschen Oltenund Schaffhausen.
Nur die Nummer zwei der Exportstatistik, der gute alte Maschinenbau, trägt erheblich zurBeschäftigung bei. Er beschäftigt ein paar Hunderttausend Mitarbeitende verteilt in der ganzen Schweiz. Aber sein Anteil am Export schrumpft seit Jahrzehnten, seine Beschäftigung sinkt, relativ zur Ge-
samtbeschäftigung und in manchen Zeiten auch in absoluten Zahlen.
Wenige Beschäftigte erzeugen einen großen Teil des industriell erzeugten Wohlstandes des ganzen Landes.
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Diese Konzentration der Schweizer Exporte auf wenigehochwertige Produkte hat eine lange Geschichte, die bis ins hohe Mittelalter zurückreicht. Urner Bauern exportierten ihre Käse in die oberitalienischen Metropolen, vor allem nachMailand; das Geschäft war so gut, dass sie das Tessin eroberten, um sich den direktenZugang zu ihrem wichtigsten Markt zu sichern. Heinrich Nestle fand mit seinem «Kindermehl»einen weiteren Verwendungszweck fürdie leicht verderbliche, aber in Füllevorhandene Milch:Ertrocknete sie. Heute ist Nestlé der größte Lebensmittelhersteller der Welt. Die Uhrenmanufakturen kamen über hugenottische Flüchtlingeund Handwerker ausdem Schwarzwald in den Jurabogen;ihr Handwerk passte gut in eine Region, deren Landwirtschaft wenig hergab und viel Zeit ließ. St. Galler Tuchhändler exportierten die Tuche der Ostschweiz – gewoben von Bauernfamilien neben ihrer Arbeit aufFeld und Hof – etwa in die französische Metropole Lyon;später wurden sie zu den weltweit führenden Exporteuren von Spitzen. Der Erste Weltkrieg beendete jedoch ihren gewinnbringenden Glücksfaden.
Ihre einstigen Wettbewerber in der Basler Textilindustrie hatten da schon auf die damalige Zukunftsbranche Chemie umgestellt, und als die nicht mehr so profitabel war, entwickelten sie die Chemie zu Pharma weiter – immer auf der Suche nach höhermargigen, also profitableren Produkten.
Manche der einst hochmargigen Exportprodukte verschwanden wieder,etwa der Exportartikel «gesunder Bauernsohn»aus Bern, Luzern und Freiburg, der fürden Ruhm
auswärtiger Fürstenund denGewinn heimischer Patrizier zu Tausenden in fremden Händeln verbraucht wurde. Heute ist davon nur die SchweizergardeimVatikan geblieben:fotogen, aber nicht profitabel.
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Die Schweiz bildet mit dieser Konzentration aufwenige hochmargige Produkte keineAusnahme in Europa.ImGegenteil:Praktisch alle Regionen Europas haben sich schon immer auf irgendwelche hochmargigen Nischenprodukte spezialisiert, von flandrischen Tuchen über Delfter Kacheln und Meissner Porzellan bis zu Champagner, Portwein und Tokajer, zu Lübecker Marzipan, Parmaschinken und Trüffel.
Diese kontinentumspannendeArbeitsteilung mit seinen regionalen Spezialitäten fürden gesamteuropäischen Verbrauch hat sich seit dem hohen Mittelalter mit seinen Hansen im Norden und seinen Venezianern undGenuesen im Südenungebrochenbis in die Gegenwart weiterentwickelt.
Die Europäische Union mit ihrem Binnenmarkt von Lissabon bis Helsinki bildet also keinen Bruch mit der Vergangenheit, als den sie sich gern darstellt, sondern ist die moderne Form einer tausendJahre alten Selbstverständlichkeit.
Die Schweiz zeichnet sich vor anderen Regionen Europas vor allem durch die große Kontinuität ihrer Spezialisierungen und durch deren hohe Dichte aus. Der Anteil der niedrigmargigen Branchenwar in der Schweiz stets tiefer als in den großenFlächenländernumsie herum.
Die Schweiz verwandelte auf diese Weise in einen Vorteil, was eigentlich ein Nachteil ist:Der knappe Boden und das feuchte Wetter in den Bergen zwangen zu Nebenverdienst, die vielen Mäuler mussten gestopft werden. Aus dem Zusatzverdienst wuchsen lukrative Wirtschaftszweige und später ganze Industrien.
Der eine Vorteil führte zumanderen:Hochmargige Produkte musstengehandelt werden, europaweit. Das brauchte Händler und das verlangte Geld. Das ging nicht ohne ein gutes Netz von Handelsfinanzierern. Die erste Generation der Schweizer Banken ist wie anderswo in Europaaus dem Handelheraus entstanden, in Genf und Basel, auch in St. Gallen und Zürich.
Die zweiteGeneration der Banken folgte dann im 19. Jahrhundertmit der Industrialisierung. Lichtensteig im textilindustriellenToggenburg ist noch heute stolz darauf, die Wiege der UBS gewesen zu sein. Die 2023 untergegangene Credit Suisse ist ausder Finanzierung des Eisenbahnbaus entstanden.
Und wo Geld ist und zugleich Sicherheit, dakommt weiteres Geld wie von selbst. Die Schweiz mit ihrer neutralen Stellung zwischen den Großmächten Europas und ohne einen gierigen Staat bildete in Zeiten der Unruhe – also oft – einen sicheren Hort fürsicherheitssuchendes Geld. FranzösischeHugenotten haben ihr Geld ebenso zu ihren Glaubensbrüdern nachGenf und anderswo in derSchweizgebracht wieitalienische Protestanten und später deutsche und österreichische Juden.
Der profitable Umgangmit Geld über Jahrhundertehinweg – profitabel oft für die Kunden und immer für die Banken – schafft eine Vertrautheit mit dessen Finessen, die sich nicht in einerGeneration lernen lässt. Der Wahl-Genfer Voltaire soll frech gesagt haben:«Wenn Sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, dann springen Sie hinterher;Sie werden sicherlich etwas verdienen.»
Inzwischen haben sich auch andere diese Vertrautheit angeeignet. Voltaire würdesein Bonmot heute wohl eher einem Investmentbanker von Goldman Sachs oder einer Anlagespe-
zialistin von BlackRock widmen. Aber die Schweiz ist einer der großen Finanzplätze der Welt geblieben. Je nach Statistik ist sie noch immer die Nummer eins in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung, also im Umgang mit dem Geld der Superreichen der Welt.
Ein erheblicher Teil dieses von Schweizer Banken verwalteten Vermögenskommt nie in die Schweiz. Aber die Gewinne, welche die Banken darausziehen,werden hier verbucht. Die Gebühren, die sie dabei verdienen,werden zu einem erheblichen Teil hierausgegeben.
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Die Schweiz als Vermögensverwalterinder Welt:Das ist immer noch die zweite große Quelle ihres Wohlstandes, wenn auch eine schrumpfende. Sie ähnelt der ersten darin, dass sie auf wenige Orte – heute vor allem Zürich und Genf – und wenige Tausend Mitarbeitendebeschränkt ist. Sie magzwar im Volumen des in die Schweiz geholten Wohlstandes nicht mit der Herstellung hochmargiger Güter mithalten. Aber die Vermögensverwaltung hat eine Eigenschaft, welche die Herstellung von Gütern mit ihren fixen undteuren industriellen Infrastrukturen nicht hat:Sie lässt sich unendlich ausdehnen.
Wer das Vermögen der Superreichen verwaltet, kann mit ihnen mitwachsen. Die Zahlenwerden größer, aber der Aufwand bleibtähnlich. Und während Entwicklung,Produktion und Absatz von Medikamenten immer lokal verankert sind, kann von der Schweiz ausdas Vermögen von Superreichen fast überall in der Welt verwaltet werden.
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Die Schweiz hat diese ersten beiden Quellen ihres Wohlstandes während Jahrhunderten gepflegt und wenn möglich sorgfältig erweitert. Zu ihnen passte auch ein weiterer schöner
Wirtschaftszweig, der hochspezialisiert und auf ausländische Kundschaft ausgerichtet ist:der Tourismus – oder Fremdenverkehr, wie er zu seinen Anfangszeiten genannt wurde. Die Wohlhabenden erstEnglands, dann ganz Europasdrängten in die Sommerfrische und später in den Winterurlaub an den Seen undinden Bergen der Schweiz, weit weg vom Ernst ihres Lebens. Lord Byron und seineFreundeließen sich am Genfersee von Drogen zu phantastischen Geschichten inspirieren – Mary Shelleys «Frankenstein»ging ausden gemeinsamen Tagen in der Villa Diodati hervor. Arthur Conan Doyle lässt Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen bei Meiringen sterben. Thomas Mann setzte in seinem «Zauberberg»dieser halbwirklichen Welt in den Schweizer Bergen einliterarischesDenkmal, kurz darauferhielter1929 den Nobelpreis, wenn auch für die «Buddenbrooks».
Da war diese Welt schon Geschichte:Der Erste Weltkrieg und der ihm folgende Abstieg vieler Oberschichten Europas versetzten so manches Grandhotel in den Bergen in den Dornröschenschlaf.
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Der Aufstieg der Schweiz in die Spitzengruppe der wohlhabenden Länder der Welt erfolgte in zwei Schüben.
Der erste große Schubkam mit dem Endedes Zweiten Weltkrieges und dem Start des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeitzumindest in der westlichen Hälfte der zweigeteilten Welt des Kalten Krieges. Schweizer Produkte waren nun gefragt auf dem Weltmarkt, und viele konnten sie sich leisten. Das war die große Zeit der hochmargigen Produkte einer schnell wachsenden Industrie, stabiler Gewinne einer rasch wachsenden Vermögensverwaltung und des Wohlstandesfür alle. Die steigende Flut hoballe Boote in der damali-
gen westlichen Welt, aber das Schweizer Boot wurde im Innern besser ausgestattet.
Der zweite große Schub folgte mit dem Ende des Kalten Krieges. Die beginnendeGlobalisierung in den Neunzigerjahren eröffnete ganz neue Möglichkeiten der Erzeugung und vor allem der Aneignung von Wohlstand. Die ganzeWelt, mit Ausnahme einiger Spezialfälle wie Nordkorea oder Iran, wuchs in einen großen Wirtschaftsraum zusammen.
Derweltweite Wirtschaftsraumermöglichte eine neue internationale Arbeitsteilung. Seither wurden nicht mehr nur möglichst hochmargige Produkte verkauft und fremde Vermögen verwaltet undder Gewinn darausindie Schweiz geleitet. Sondern es ging umdie Abschöpfung und Umleitung von Wohlstand, während er erzeugt wurde.
Die Schweiz gehörte dabei zu den Gewinnerinnen. Sie wurde zu einem der Orte, an dem die profitabelsten Schritte der globalen Arbeitsteilung angesiedelt wurden:die Hauptquartiere, die Holdinggesellschaften, die Forschung und Entwicklung. Das Prinzip war einfach:Produziert und verkauft wird irgendwo aufder Welt, verbuchtwird in der Schweiz. Und wo verbucht wird,bleibt Geld hängen.
Die Schweiz wurdewährendder Globalisierung zu einem der Knotenpunkte derWeltwirtschaft. Siewusste davon zu profitieren.
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Dabei hatte die Globalisierung eher holprig begonnen in der Schweiz. Sie traf das Landineiner Zeit, in der es die erste hausgemachte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg erlebte. Das lange Wirtschaftswunder im kleinen Schweizer Währungsgebiet und das immer bessere Abschneiden der Schweiz im Vergleich zu ihren westeuropäischen Wettbewerbern hatte in den Achtzigerjahren zu einer Immobilienblase geführt, die Anfang
der Neunzigerjahre platzte. Esfolgte eine langanhaltende Wachstumsschwäche. Diese wurde noch verstärkt durch den gleichzeitigen Wiedervereinigungskater in Deutschland, dem wichtigsten Absatzmarkt der Schweiz.
Viele Unternehmen reagierten darauf, indem sie die neuen Chancennach dem Endedes Kalten Krieges nutzten:mit der Auslagerung von niedrigmargigen Arbeitsschritten in die Länder Osteuropas und später Asiens, die mit ihren niedrigeren Löhnen lockten. Für den einzelnen Fabrikarbeiter führte das zum Verlust seines Arbeitsplatzes – ein harter Schlag für Menschen, die oft nicht mal die Landessprache ihrer neuen Wohnregion richtig gelernt hatten.
Und die Krise erfasste nicht nurdie Fabriken:Alle Branchen mit einem Bezug zur Bau- und Immobilienwirtschaft waren betroffen, also viele.
Die Neunzigerjahre waren übrigens eine der wenigen Zeiten in der Schweiznach dem Zweiten Weltkrieg,inder die Wirtschaft kaum Arbeitskräfte ins Land zog – es gab sogar Jahre mit Nettoabwanderung statt Nettozuwanderung.Stattdessen kamen viele Flüchtlinge ausdem auseinanderbrechenden Jugoslawien – weil sie hier Verwandte hatten, Gastarbeiter aus den Wirtschaftswunderjahren.
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Die Globalisierung machteauch in derSchweiz zunächst Angst. Aber volkswirtschaftlich lohnte sie sich sehr schnell: Weil die Schweiz die niedrigmargigen Arbeitsschritteins Ausland abgab, konnte sie sich auf die hochmargigen konzentrieren und diese ausbauen;der Gewinn des Gesamtunternehmens wurde weiterhin am Hauptsitzverbucht. An die Stelle der Arbeitsplätze in der Chemie traten neue Arbeitsplätze in derPharmaforschung. Sichtbar ist das etwa in Basel:Der Novartis Campus mit seiner Forschung und Entwicklung trat
Die Schweiz zählt zu den Gewinnerinnen der Globalisierung. Möglich wurde das mit einem Geschäftsmodell, mit dem sie sich weit oben in der globalen Wertschöpfungskette platzierte. Dadurch floss in den letzten Jahrzehnten stetig mehr Wohlstand ins Land, als dort selbst erarbeitet wurde. Dieser Überwohlstand erklärt den Reichtum der Schweiz, führte aber auch zu spürbaren Nebenfolgen: stete Zuwanderung, steigende Mieten, höhere Ungleichheit. Daraus resultiert eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Doch die Globalisierung hat der Schweiz auch einen Trumpf in die Hand gegeben: Sie hat das Land in eine urbane Gesellschaft verwandelt, die ein immenses Potenzial birgt. Darauf können ein zeitgemäßes Geschäftsmodell und ein neuer Gesellschaftsvertrag auch nach dem Ende der Globalisierung setzen.
In seiner kritischen Standortbestimmung der Schweizer Wirtschaft zeigt Steffen Klatt pointiert auf, woher der Wohlstand der Schweiz kommt, wie er im Land verteilt wurde, weshalb die Feinverteilung ins Stocken geraten ist, welche Risiken daraus entstehen und welche Erfolgsfaktoren für die Zukunft genutzt werden können.