Kathrin Scheuchzer

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Kathrin Scheuchzer

Roman
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AlsElisMuttermitihrschwangerwar,wolltesieliebernicht schwangersein.NichtweilsiesichkeinzweitesKindwünschte,sondernweilsiewusste,dassesihrletztesseinwürde.
«NachdiesemhieristSchluss»,sagteihrMann,alssie ihmdavonerzählte.DieFreude,diesieebennochgespürt hatte,wicheinergroßenEnttäuschungunddemWissen,dass siesich,wennsiediesesKindersteinmalgeborenhätte,nie wiedersolebendigfühlenwürde.MitTränenindenAugen zogsiesichinsSchlafzimmerzurückundwünschtesich,diese zweiteSchwangerschaftmögeentwederewigwährenoder dasssiedasKindverlöre,damitsiesichdiesesGlücksgefühl fürspäteraufhebenkönnte.Dannhättesieetwas,woraufes sichzuwartenlohnte.
AlsEliimdaraufkommendenSommerzurWeltkam,war esWillkommenundAbschiedzugleich.EsdauertedreiMonate,bissichdieMutterinsieverliebte.DirektnachderGeburtwaresihrschwergefallen,ihrKindanzunehmen.ImerstenMomentwarauchderVaterenttäuscht.
«EsisteinMädchen»,sagteeramTelefon.
«Tja»,sagteElisGroßvater,«dannistdashaltso.»
InderselbenWochewurdeauchMichugeboren.SeineMutterlagstundenlanghilflosindenWehen,weintebitterliche Tränen,batdieHebammevergeblichumSchmerzmittel. NochnieinihremLebenhattesiesogelitten,undsiekam nichtumhin,ihrKinddafürverantwortlichzumachen.
«BitteholtdiesesDingausmirraus»,schluchztesie, «ichkannnichtmehr.»
Sokames,dasseinKaiserschnittvorbereitetundMichu voneinemArztingrünemKittelzurWeltgebrachtwurde. EsdauerteeineguteStunde,biserseinerMutterdaserste MalindenArmgelegtwurdeundsieihnmitfeuchtenWangenbetrachtete.NeunMonatelanghattesiesichausgemalt, wiemanihrdasBabynachderGeburtaufdenBauchlegen undsieeineunbändigeLiebezuihmverspürenwürde.Nun warderlangersehnteMomentgekommenundsiefühlte nichts.DiestarkenSchmerzen,diesienochimmeramganzen Körperspürte,hattenihralleFreudegenommen.
«Bistduglücklich?»,fragteihrMann,derihrdieletzten Stundenzwarbeigestandenwar,ihrdieLastjedochnichthatteabnehmenkönnen.
«Ichbinmüde»,sagtesieundreichteihmdasKind.Er nahmesindenArm,blickteinseinkleinesGesichtundgab ihmeinenzaghaftenKussaufdieStirn.Dannlegteeresin seinBettchenundfuhrzurArbeit.DerChefunddieKollegengratuliertenihm.ErkönnestolzseinaufseinenNachkömmling.DerweilfielseineFrauineinenunruhigenSchlaf, indemsieträumte,sielägenochimmeralleinimGebärsaal undkämpfegegendieOhnmachtan,diesichinihrausbreitenwollte.DannwurdesievoneinemschreiendenKindaus demSchlafgerissen,gerietvoneinemAlbtraumindennächsten.Wasimmersietat,Michuhörtenichtaufzuschreien.Er laginihrenArmenundschrie,solangebissiemeinte,es nichtmehrauszuhalten.
«Bitteseistill»,flehtesie,«warumweinstdudenn?»
NacheinerStundekameineSchwesterhereinundmeinte, dasBabyhabeHunger.OhneVorwarnungöffnetesieihrdas Nachthemd,drückteanihrerBrustherumundsetzteden Kleinenschließlichan.Dassdaswehtat,wolltesienicht hören.
«NunreißenSiesichzusammen»,sagtesiekühl,«dasist dasNatürlichsteaufderWelt.»
FürMichusMutterfühlteessichallesanderealsnatürlich an.AufeinenSchmerzfolgtedernächste.Hörtedasdennnie auf?WardasdasMuttersein?SiesahaufihrKindhinunter undspürteWiderstand.Nein,esfühltesichnichtnatürlich an.Esfühltesichübergriffigan.
DreiJahrespäterwarmansicheinig,dassMichueinaufmüpfigesKindwar.Erbliebnielangesitzen,interessiertesich wederfürsZeichnennochfürPuzzlesnochfürirgendeine andereTätigkeit,dieRuheerforderte.SelbstdenGutenachtgeschichten,dieihmseineElternabwechselndvorzulesenversuchten,lauschteerjeweilsnureinpaarMinuten.BeimEinkaufenquengelteer,beimAnstehenfürsPonyreitendrängelte er.Etwasinihmtriebihnimmerzuan,ließihnimRestaurantaufseinemStuhlhinundherrutschenundseineEltern verzweifelteBlicketauschen.
«MitdemKindstimmtetwasnicht»,hörteermanchmal dieNachbarntuscheln.Sieglaubtenanscheinend,einDreijährigerkönnesiewederhörennochverstehen.Dochder kleineMichuverstandsehrwohl.Erstwunderteersich,fragte sich,wasdennmitihmnichtstimmte.Danngewöhnteer sichdaran,dassmanihntherapierenwollte.BeimKinderarzt klagtendieElternüberseinemangelndeKonzentrationsfähigkeit.Manmüssehaltmitihmüben,hießesdarauf.ErstführtemaneineZimmerstundeein,währendderMichustillfür sichalleinspielensollte,sichaberseltsambestraftfühlte. Dannwurdedaraufbestanden,dassermindestenseinehalbe StundeamMittagstischsitzenblieb.Auchdasschienihm eineStrafefürirgendeinFehlverhaltenzusein – undseies nur,dasserkeineKarottenmochte.Irgendetwasmachteer haltimmerfalsch.SeineElternbegannensichseinetwegenzu streiten.EinmalhörteerdenVatersagen,dassallesbessergewesensei,bevorsieihn,diesenSatansbraten,bekommenhatten.ManchmalschlugihnseineMutter,wennerdieZähne nichtputzenwollteoderaufdemSofaherumhüpfte.
«WenndeinVaterdassieht,wirderwiederwütend», sagtesiezuihm.
Michuverstandzwarnicht,warum,versuchtesichaberzu bessern.NurwarernochnichtinderLage,seineGefühle, seineEnergieundseinenKörperimmerzuzukontrollieren. Sowurdeerweiterangeschrien,schriezurück,wurdegeohrfeigtundschlugselbstumsich.DieDingenahmenihren LaufundnochimselbenJahrtrenntensichseineEltern,obschonsiebereitsihrzweitesKinderwarteten.DerVaterpackteseineSacheneinundschliefnichtmehrbeiihnen.AmAnfangkameroftzuBesuchundmanchmaldurfteMichubei ihmübernachten.NachderGeburtseinesBrudersjedochsah erihnimmerseltener.DasBabyschreiezuviel,meinteer. Michuwarverwirrt,denndasKüken,wieihndieMutter nannte,schliefdochdiemeisteZeit.EigentlichhießerAndreas,daswussteMichu,aberNamenschienenbeiihnenzu HausekeinegroßeBedeutungzuhaben.Erselbstwurdemit allemMöglichenbetitelt,dabeimochteerseinenNamen,besonderswenndieGroßmutterihnliebevollzuMichiverkürzte.SiewardieEinzigeinseinerFamilie,dienichtschrie. ManchmalnahmsieihnsogarinSchutz,weshalbsichMichu immersehraufihreBesuchefreute.Späterdurfteerstatt beimVaterabundzubeiihrübernachten.SieließihninihremBettschlafen,machteihmzumFrühstückKakaound hörteihmzu.Beiihrkonnteerlangestillsitzenunderzählen, auchwenndasniemandglaubenwollte.
«Glückstreffer»,winktedieMutterimmerab,«zuHauseistderanders.»
ZuHauseistesauchnichtsoschönwiehier,dachteMichu.
ElihingegenfürchtetesichvorfremdenOrten.Wennsiebei denGroßelternübernachtenmusste,hattesieHeimweh. Dannweintesiestillundheimlichinsichhinein.Auchihre Elternstrittensichviel,unddochfühltesiesichzuHauseam sichersten.ImGegensatzzuihrergroßenSchwester,Sylvie, warsieeinsehrruhiges,schüchternesKind.WährendMichu begann,sichzuwehren,sichselbstzubehaupten,zogsichEli insichzurück,spieltemanchmalstundenlangallein,sahsich Bilderbücheran,versuchtedieWeltnichtzuerobern,sondernsiezuverstehen.
«Mama,warumbinichhier?»,fragtesieoft.
«Weilichdichliebhabe.»
«Wäreesnichtbesser,wennichnichtdawäre?»
«Nein,meinSchatz,dannwürdeichdichganzfestvermissen.»
ElisMutternahmsiejedesMalindenArm,versuchteihre Fragengeduldigzubeantworten,sichihreneigenenSchmerz nichtanmerkenzulassen.Siespürteaber,dassElidertiefen Überzeugungwar,sieseieinFehler.Auchwennsieesdamals nochnichtdeutlichformulierenkonnte,glaubtesie,dasssie nichthättegeborenwerdensollen,undwünschtesichweg, sehntesichnacheinemZuhause,dassiewederhättebenennennochlokalisierenkönnen.Immerwiederfragtesienach demGrundihresDaseinsundtriebihrerMutterdamitdie TränenindieAugen. MitdemKindstimmtetwasnicht , dachtesieundmachtesichselbstdafürverantwortlich.
SowuchsenEliundMichuheran,inzweiBernerVororten nurfünfAutominutenvoneinanderentfernt.WomöglichbegegnetensiesicheinmalineinerZahnarztpraxisoderaufeinemSpielplatzirgendwo,blicktensichimVorbeigehenindie AugenodergriffennachdemselbenFörmchenimSandkasten.Vielleichtverpasstensieeinanderaberauchimmerwie-
der.Sicheristnur,dassesbeiihnenzurselbenZeitregnete oderdieSonneschien.IhreElternmachtenihreBesorgungen imselbenEinkaufszentrum,währendsieimdortigenKinderhortwiekleineSträflingehofften,beiLadenschlussnichtzurückgelassenzuwerden.DieSonntagsspaziergängemitden GroßelternwurdenimGrauholzoderamMoosseeabsolviert, auswärtsgegessenwurdeim«Bären»oderim«Hirschen». AmKarfreitaggabesFisch,derZirkusspielteimAugustund imWinterfieljedesJahrwenigerSchnee.Michufragtesich insgeheim,warumdieErwachsenendieBeständigkeitdieser Dingenichteintönigfanden.BeimMalenermahntensieihn dochständig,nichtimmerdiegleicheFarbezunehmen.Zu Festensollteersichetwasanderesanziehen,ersolledochbittemaleinanderesLiedhörenundumHimmelswillenaufhören,dieimmergleichenFragenzustellen.Alssichseine Muttereinmalweigernwollte,ihmzumdreiundzwanzigsten MaldiegleicheFolge TomundJerry abzuspielen,entgegnete er,siemachedochauchjedenTagdasselbe.Siestutzteeinen Moment,drücktePlayundließsichkurzdaraufdieHaare schneiden.
MichuhatteschonfrühvieleFreunde,ranntemitden NachbarjungenimGartenumher,spieltemitihnenFußball undVerstecken,mausertesichschnellzumZugpferd.Etwas anihmließdieanderenKinderaufhorchen,ihminstinktiv dieFührungüberlassen.ErwarderJüngsteimQuartier,der ohneStützräderFahrradfahrenkonnte,weilerjedenTag verbissenübte,biserseinenwachsendenKörpersoweitunter Kontrollehatte,dasserdasGleichgewichtselbstaufder SchotterstraßehinterseinemHausnichtverlor.
ElistandderweilimSommeroftaufdemBalkonimzweitenStockihresWohnblockesundbeobachtete,wiedieanderenKinderuntenaufderWiesespielten.
«Willstdunichtauchrausgehen?»,fragtedieMutterjeweils,«Sylvieistdochauchdort.»
ElischütteltenurdenKopfundschauteweiterausder Fernezu.DiegrößerenKinderwarenlautundungestüm.
AuchvorMichuhättesiesichwahrscheinlichgefürchtet, wennsieihngekannthätte,dabeiwärensieeinanderaufAugenhöhebegegnet.ZweikleineMenschen,dieihrenPlatzin derWeltsuchten.Michuhättesiegemocht,weilsiewieseine GroßmuttereineRuheausstrahlte,dieervonsichundseinemElternhausnichtkannte.
IhrersterSchultagfühltesichfürEliwieeinriesengroßes Abenteueran.BereitsimKindergartenhattesielesengeübt, hatteSylvienachgeeifert,mitihrzusammenalleslernenwollen.DiezweiJahreältereSchwesterversuchtesiesichvom Leibzuhalten,wennsieanihrenHausaufgabensaß.Sieverstandnicht,wasEliihrerEinschulungsoentgegenfiebern ließ.
«InderSchuleistesstreng»,ermahntesieEliamMorgendeslangersehntenTages.
«Dasmachtnichts»,sagteEliundlachte,«soschlimm wirdesnichtwerden.»
DieHaarezuzweiZöpfengeflochten,schultertesievoller StolzihrenSchulranzenundstelltesichinrosafarbenen GummistiefelnfüreinFotoindenHauseingang.Eswarein regnerischerTagunddochblicktesiehoffnungsvollindie Kamera.IhreMutterfotografierteerstEli,dannSylvie,bevor siediebeidenaufdenSchulwegschickte.ZumerstenMal durfteElinunnebenihrerSchwesterdenWegzumSchularealgehen,denHäuserzeilenentlang,dannanderWerkstatt desHausmeistersvorbei,derunmittelbaramSchulgelände wohnte.AlsErstklässlerinwürdeEliimGebäudeAunterrichtetwerden,währendSylviesKlassenzimmerbereitsim GebäudeBwar.Siewürdensich,wennüberhaupt,nurinden Pausenbegegnen.
«Nadann»,sagteSylvie,alssiesichtrennten.Siehatte ElibiszumEingangihresGebäudesgebrachtundihrden WegzumKlassenzimmerbeschrieben.Geradeaus,dieTreppe hochunddannlinks.InderGarderobesollesieihreSachen amHakenmitdemBildeinesDelfinsaufhängen,dasseibis-
herSylviesHakengewesen.Dannwerdesiemitdenanderen Kindernabgeholt.
«Wartestdunachherhieraufmich?»,fragteEli,deren Herznundochschnellerklopfte.
Sylvienickteundverschwand.
ObenanderTreppetrafEliaufeinpaarihrerKindergartengefährten,diemitihrdieselbeKlassebesuchenwürden. IhrebesteFreundinwarnichtdabei.SiefandSylviesalten Haken,hängteihreSachenaufundstrichmitdemFinger überdenDelfin.
«MüssenwirjetztschondieFinkenanziehen?»,fragte einMädchennebenihr.
ElizucktemitdenSchultern.UnschlüssigstandendieKinderinderGarderobeundwartetenaufihreLehrerinnen.EinigesprachenüberdenStundenplan,derfürsievielSchlimmesverhieß,andereunterhieltensichüberdieSommerferien, diesieirgendwoineinemgroßenHotelamMeerverbracht hatten.EliwarnochnieamMeergewesen.IhreFamilieblieb indenFerienmeistenszuHause,undsieverbrachtediefreie ZeitmiteinemgleichaltrigenNachbarjungen,derdirektgegenüberineinemEinfamilienhausmiteigenemGartenund einpaarApfelbäumenwohnteundwiesieeherschüchtern war.FürsiebeidewardasdasParadies.Stundenlangkonnten siedraußenmitselbstgemachtenPfeilbogenaufseinePlüschtigerschießen,sichimGartenhäuscheneinschließenundsich wieMacGyvermithilfevoneinpaarSchraubenundDrähten wiederdarausbefreien.SiepflücktenHimbeeren,erschraken sichvordenSpinnenunterdenSteinenundklettertenauf dieBäume.DieanderenKinderimQuartiertuschelten,sie seieneinPaar,dochdarüberlachtensienur.
«UndwashastdusoindenFeriengemacht?»,fragteein BubmitSommersprossen,derplötzlichnebenElistandund sieausihrenGedankenriss.
«Naja,also … nichtviel.»
DerJungeerzählteihrvondenSeychellenunddavon,dass mandortmitdemFlugzeughinfliegenmüsse.Eliwusstevon solchenDingennichts,hattenochnievondenSeychellengehörtundhatteauchnochkeinFlugzeugausderNähegesehen.
«IchheißeTomunddu?»
«Elisa,aberallesagenElizumir.»
Diebeidenhättengernenebeneinandergesessen,dochdie PlätzeimKlassenzimmerwarenbereitsalphabetischzugeordnetworden.SosaßTomHermanninderzweitenReihe,ElisaToblerinderletzten.
*
MichugingdenWegzuseinemerstenSchultagallein.Er überquerteeineHauptstraße,gingdurchzweiUnterführungen,amBahnhofvorbeiundsahsichschließlichdiesemabweisendwirkendenGebäudegegenüber,vondemerüberzeugtwar,dassesihnnichtwollte.BereitsimKindergarten hatteeroftdiesesGefühlgehabt.DieGleichgültigkeitder Räume,indenenertagtäglichstillzusitzenhatte,warihm unbehaglich.GewissermaßenkontrastiertesiedieLieblichkeit,mitderdiebeidenKindergärtnerinnenihmbegegneten unddieeralsaufgesetztempfand.Erspürteihnengegenüber eintiefesMisstrauen,dennsiebehandeltenihnwieeinrohes Ei.Siefragtenihn,wasergernespielenwolle,oberHunger habe,obsieihmbeimSchuhebindenhelfensollten.Alles fragtensieihn,nurnicht,wohererdieblauenFleckenanden Armenhatte.Esschiensienichtzukümmern,wennermüde war,weileramVorabendmitseinemBruderalleingewesen undzuspätinsBettgegangenwar.Siemerktenauchnicht, dassermanchmalZeichenpapiervomKindergartenmitnach
Hausenahm.Eswar,alsseiensiefürdiewichtigenDingeim Lebenblind,unddasverunsicherteihn.FürMichuwarenes zweilangeJahregewesenundjetztstandenihmhierweitere neunbevor.
AlsseineMutterihnamAbendfragte,wieesinderSchule gewesenwar,zuckteermitdenSchulternundsagte«ach».
«WiesinddieLehrer?»
«SowiealleErwachsenen.»
«UnddieKinder?»,fragtesieweiterundstrichabwesend miteinerHandüberseinenKopf.
«KeineAhnung»,sagteer,standaufundnahmseinen TellermitinseinZimmer.
TatsächlichhatteMichudenganzenTagmitkaumjemandemgesprochen,hattelieberalleausderFernebeobachtet undabzuschätzenversucht,wieersichverhaltenmusste,um mitalldiesenLeutenklarzukommen.Jetztsetzteersichaufs Bett,starrteaufseinButterbrotundüberlegte,wasersagen konnte,damiteramnächstenTagnichtwiederhingehen musste.ErstspätabendslöschteerdasLichtundträumte schließlichvonkaltenRäumenundaufgesetztenLächeln.
JedenAbendfragtedieMutter,wieseinTaggewesenwar, undMichugabihrdieimmergleicheAntwort:«ach».Er standauf,gingdenWegüberdieHauptstraße,durchdieUnterführungen,amBahnhofvorbeiundsetztesichaufseinen Platz,woermehroderwenigerdenganzenTagverharrteund denUnterrichtübersichergehenließ.Nurindergroßen PauseamVormittagdurfteernichtdortsitzenbleiben.Dann musstenalleKindernachdraußengehen.BeigutemWetter setztesichMichuirgendwoimHofhinundaßeinenApfel. Wennesregnete,standerineinerEckeunterdemVordach desHaupteingangsundzähltewiedieanderendieMinuten, bissiewiederansTrockenedurften.NachSchulschlussging erdengleichenWegwiederzurück,schlosszuHausedieTür
auf,machtesichetwaszuessenundwartete,bisseineMutter mitAndinachHausekam.Manchmalspielteernochetwas mitihm,bevorerinseinemZimmerverschwand.
NacheinemJahrkamPäduzuseinerSchulklassedazu.Die beidenbestandendarauf,nebeneinanderzusitzen,undvonda anhatteMichueinenLeidensgenossenanseinerSeite.Pädus FamiliewarneuzugezogenundwohntenurwenigeHundert MetervonMichusZuhauseentfernt.Eswar,alshätteer plötzlichnocheinenBruderbekommen;einen,mitdemman redenkonnte,einen,demmannichtbeimAnziehenoder beimZähneputzenhelfenmusste.AlsdieserdasersteMalbei MichuzuBesuchwarundsieausihrenAufgabenblätternPapierfliegerfalteten,erzähltePädu,dassaucheroftalleinzu HauseseiunddassseineElterneinandernichtleidenkonnten.Mitihmhabedasnichtszutun,behauptetensie,aberer seijanichttaub.Früher,alsobevorsiePädubekommenhätten,seiensieandersgewesen,würdensiesichgegenseitigvorwerfen.Sieschrienoftlangeaufeinanderein,undPäduhätte esnichterstaunt,wenneinerdenandernspätermiteinem KissenzumSchweigenbrächte.Manchmalsteheernachts, wennsiestillgewordenseien,vorihrerSchlafzimmertürund lausche.ZuweilenhöreererstickteTöneundmachesichSorgen.WennsieamnächstenMorgendannwiederlächelnd vorihmamKüchentischsäßenundsotäten,alsseinichts gewesen,danndenkeersicheinfach,wiebeklopptsieseien.
«Ja,dieglaubenecht,wirsinddoof»,sagteMichuund ließeinenFliegerausdemFenstergleiten.Erfloggutezwei Meter,bevorersenkrechtzuBodenstachundineiner Schlammpfützeversank.
«WasistdasaufdeinemArm?»,fragtePädu.
«Hm?»MichuhattedenBlicknochimmeraufdenPapierfliegergerichtet,derihmnunkümmerlichleidtat.Pädu hobdenÄrmelseinesT-Shirts.
«Dasda»,sagteerundschauteihmindieAugen.
«Ach»,machteMichu.PäduließdenÄrmelfallenund nickteknapp.SeinCousinhabemanchmalauchsolche.DamitwardasThemafürsieerledigt.Nichts,wasdiebeiden Bubenzueinanderhättensagenkönnen,hätteauchnurdas Geringstedarangeändert,dassMichusElternmitihm,sich selbstundihrerSituationüberfordertwaren.Daranwarniemandschuld,hatteihmdieGroßmuttererklärt.Eswarnur eineimmerwiederkehrende,unglücklicheAneinanderreihung vonZufällen,diebewirkte,dasssiesichmanchmalnichtanderszuhelfenwussten.Eshattenichtsmitihmzutun,erwar nureinfachda.AmAnfanghattesichseineMutteroftbei ihmentschuldigt,ihngetröstet.Spätersagtesienurnoch,er wisseja,wodieKühlpackungsei.
«Warstduschonmalverliebt?»,fragteMichuPädueinmalwährendeinerSchulpause.Diebeidensaßeneinwenig abseitsaufdemPausenplatzundbeobachteteneineGruppe MädchenbeimGummitwist.
«Warummeinstdu?»,fragtePädu,derwiegebanntauf dienacktenBeinestarrte,dieinderSommerhitzevorihnen umherhüpften.
«Warstduschonmal?»
«Ichglaubeschon.»Päduüberlegtekurzundnickte dann.AuchMichuüberlegteeinpaarSekundenlang,währenderweiterzudenMädchenhinüberschaute.
«Wiefühltsichdasan?»,fragteerschließlich.«Woher weißman,dassmanverliebtist?»
PäduzucktemitdenSchultern.
«Naja,alsoichglaube,esist,wennmandasMädchen küssenmöchteodernicht?Alsoichmeine,wennmansie hübschfindetundso.»
Michuwarnichtüberzeugt.HübscheMädchengabesviele.Deswegenverliebtemansichdochnichtgleich,undans KüssenhatteerbishernochkaumeinenGedankenverschwendet.Wennüberhaupt,dannnur,weileresinFilmen gesehenhatteundsichfragte,wasinallerWeltmandaran findenkonnte,sichvonjemandemableckenzulassen.
«Ichmöchteaberkeinevondenenküssen»,sagteMichu miteinerleichtabfälligenHandbewegung.
«Warumfragstdudann?»
Michuwusstenicht,wieerantwortensollte.Erhattein denletztenSommerferieninderBadieinMädchenausZollikofenkennengelernt.InderWarteschlangezurToilettehattensichihreBlickedasersteMalgekreuzt.ImWasserwaren siesichnocheinmalbegegnet,dannamKioskundzweiWochenspäterbeimVeloparkplatz.DahatteerdenMutgehabt, sieanzusprechen.
«Naja,also,esgibtdajemanden,denichirgendwie mag»,murmelteMichu.
«Werdenn?Juliaetwa?AllemögenJulia.»
«Nein,dukennstsienicht.SiegehtnichthierzurSchule.»
«So?Woherkennstdusiedenn?»
«VonderBadi.SiehatwunderschönegrüneAugen.» «Hm»,machtePädu.
«UndSommersprossen,soganzkleine.»
«Meinstdu,Juliawürdeeinenvonunsküssenwollen?»
MichuließdieFrageunbeantwortet.Zwarwarerenttäuscht,dassPädusowenigInteressegezeigthatte,underverspürtedenDrang,seinembestenFreundmehrvondiesem Mädchenzuerzählen,gleichzeitigmerkteeraberauch,dasser siefürsichalleinbehaltenwollte.DieGefühle,diesieinihm auslöste,gehörtennurihm,underfürchtete,erkönntesie zerreden,wennerdasGesprächweiterzog.Jelängererda-
rübernachdachte,destosichererwurdeersich.DasVerliebtseinwarnichtsansichKörperliches,wiePädubehauptete, sondernetwasFlüchtiges.EswarsowieeinzarterWindstoß, einHauch,deraneinemvorüberglitt,nichtgreifbarunddennochspürbar.
MitdemWechselineinanderesSchulhauszurfünftenKlasseändertensichEliszaghafteGefühlefürTom.Erwarzum beliebtestenJungenderKlasse,wennnichtihresganzenJahrgangs,herangereift,währendsiesichalsLehrerlieblingentpuppthatte.ZwischenihnenhattensichWeltenaufgetan. Dennochmochtensiesich,auchwennkeinerderbeidendas jezugegebenhätte.ErhattesichmitseinemSelbstbewusstsein undseinerFurchtlosigkeiteinenPlatzinihremHerzenerrungen.FürdieseEigenschaftenbewundertesieihn,unddies nichtzuletzt,weilsieselbstwederdaseinenochdasandere besaß.ObschonseineschulischenLeistungenimGegensatz zuihrensehrzuwünschenübrigließenundersichdafüreinigesvondenLehrkräftenanhörenmusste,traterihnenselbstsicherentgegenundscheutesichnicht,ihnenseineMeinung insGesichtzusagen.EinbisschenwarerwieSylvie.Erwar das,wasEliselbstnichtwar,abergerngewesenwäre.
KörperlichfehlteesihrzuHauseannichts,dochdieElternwarenzusehrmitihreneigenenSorgenundmitSylvies schlechtenSchulnotenbeschäftigt,umsichihremzweiten Kindregelmäßigzuzuwenden,demdasLernenleichtvonder HandgingunddasihreUnterstützungscheinbarnicht brauchte.SieliebtenbeideTöchtergleichermaßen,daswusste Eli.Jeältersiewurden,destomehrdrehtesichdasFamiliengeschehenjedochumSylvie,diedie«falschenFreunde»hatte,mitdreizehnJahrenangefangenhattezurauchen,sich abendsausdemHausstahl,sichschminkte,mitihrenFreundinnenirgendwoherumlungerteundsichwegwünschteaus diesembeengendenDorf,wojederjedenkannte.InzweiJahrenwürdesiesichumeineLehrstellebemühenmüssen,wür-
deinsErwachsenenlebeneintreten,wohingegenElizweifelsohneaufsGymnasiumgehenwürde.
WährendSylviezumSorgenkindauserkorenwordenwar, wassieinihrenSelbstzweifelnundinihremrebellischenVerhaltennurbekräftigte,hatteEliihreNischeinderSchulegefunden.SiewardasbraveKind,dasverlässlicheKind,dasstetigBestleistungenbrachte.Einerseitsfühltesiesichindieser Rollewohl,genausowieSylviesichmitihrergutangefreundethatte.AnderseitslittenbeideSchwesterngleichermaßen. Dieeine,weilsieständigzurechtgewiesenwurdeundsichfür dieStreitereienderElternverantwortlichfühlte,dieandere, weilniemandsiefragte,wofürsiesichinteressierte,wassie spätereinmalwerdenwollteoderobsievielleichtschonin einenJungenverliebtwar.SobliebElimitsichundihrenaufkeimendenGefühlenfürTomallein.
InSommer1995trafensichdiebeidendannundwann gemeinsammitElisbesterFreundinundseinembesten Freund,diedasersteoffiziellePärchenihrerKlassewaren.EinesMorgenshatteaufdemPultderFreundineinZettelgelegen,aufdemstand:«Willstdumitmirgehen?»Kichernd hattesieihrKreuzgesetztundElihättezugernaucheinen Zettelbekommen.
ZuviertspieltensieheimlichFlaschendrehenundhofften alle,dasGlückmögeihnenwohlgesinntsein.EinpaarmalkamenEliundTomsichsonäher,wenngleichesihremAlter entsprechendnurzuflüchtigenBerührungenkam.Inder SchulehieltensieweiterAbstand,beimFlaschendreheninihrenZimmernjedochgabeskeineZuschauer,keineLehrerschaftundkeineKameraden,dieeszubeeindruckengalt. Dortwarensieeinfachsichselbst.
MitderTrennungihrerbeidenFreundeendetendieseunbeschwertenStundenfürEliundTom.Siesahensichnur nochinderSchule,womansieinzwischennebeneinanderge-
setzthatte,damitsieihmimUnterrichthelfenkonnte.Eli fühltesichunwohl,ihnkorrigierenzumüssen,undTomwar espeinlich,ihrseineSchwächenzuoffenbaren.JemehrDistanzsichsozwischenihnenaufbaute,destomehrfürchtete sie,ihnzuverlieren.AbundzuschenkteerihreinLächeln oderlegteihreineloseHaarsträhnehintersOhr,wennermit ihrsprach.SielebtefürdieseMomente.Fürihnwarensie kleineInselnderGedankenlosigkeit,dieseinsonstinzwischen sehrkontrolliertesAuftretendurchbrachen.
WiejedesJahrfuhrMichuimdarauffolgendenSommermit seinerFamiliefürzweiWochenaufdenCampingplatzAlpenblickamThunersee.LangehattesichMichugeweigert, danndieBedingunggestellt,erwürdenurmitfahren,wenn Päduauchmitkommendürfe.DieMuttertelefoniertemit dessenEltern,diefrohwaren,ihrenSohninjemandanderes’ Verantwortunggebenzukönnen,undstelltedannihrerseits eineForderung:«IhrzweimachtmirgefälligstkeinenMist daoben.IhrseidVorbilderfürAndi,vergesstdasnicht.» Undwasistmitdir? fragtesichMichu,nickteaberstill.Er undPäduschliefenimZelt,dieMuttermitAndiineinem altenWohnwagen.
WieesderZufallwollte,campiertenindiesemSommer zweiweitereJungsausMichusKlassemitihrenFamilienauf derbenachbartenManorFarm.InderSchulewarenSamund SilvanRivalen,strittensichoftlauthals,wurdenzuweilensogarhandgreiflichundbekamendeswegenregelmäßigStrafaufgaben.Manerzähltesich,ihrMachtkampfrühredaher,dass SamsCousineSilvansBruderbetrogenhabe.WederMichu nochPädukonntennachvollziehen,wasdaransoschlimm warundwarumdiebeiden,dieselbstgarnichtinvolviertge-
wesenwaren,eineausgewachseneFamilienfehdedarausmachenmussten.«DuhastebenkeineEhre»,meinteSilvan einmalinverächtlichemTonzuMichu. Jaja,dachtedieser undzucktemitdenSchultern.
IndenFerienjedochwarallesanders.AufdemCampingplatzgaltenscheinbarandereRegeln,worübersichMichu undPäduzwarwunderten,gleichzeitigaberauchfreuten.
NachdemsiesichindererstenWocheeinmalzufälligbeim morgendlichenBrotkaufbegegnetwaren,streiftensietäglich alsQuartettdurchdenWald,badetenimSeeoderstautenim LombachdasWasser.Hättensieesnichtbessergewusst,hättenMichuundPädugeglaubt,ihrebeidenGefährtenseien wiesiebesteFreunde.EinmalfragteMichuSilvan,wodenn seineEhreplötzlichgebliebensei,unddieserantwortete,als seiesdasSelbstverständlichsteaufderWelt:«Waffenstillstand.»
AufdemSpielplatzdesAlpenblickswarendievierdieÄltestenundregiertenmiteisernerFaust.Wennsieanwesend waren,besetztensiediemitEisenkettenbefestigtenSchaukelnundließendiekleinerenKinderaufderHolzwippehärteraufschlagenalsnötig.EinmalverfrachtetensieeinenKnabeninAndisAlter,derihnenfrechgekommenwar,wiesie sichspäterrechtfertigten,ineinenderMüllcontainer,diezwischenSpielplatzundWaschhausstationiertwaren.Mehrals einmalliefensieihrenElternbisspätabendsdavon,verstecktensichirgendwozwischendenBäumenundBüschen,rauchtenNielenundfühltensichstark.MichusMutter,froh,ihremAlltagentkommenzusein,schimpfteindiesenTagen nurhalbherzigmitihmundsokamermitihrenBubenstreichennahezuungeschorendavon.
AllepaarTageerweitertensieihrenRadiusundamFreitag derzweitenWochetrautensiesichamspätenNachmittagbis insfünfzigGehminutenentfernteInterlaken.MitSamsTa-
schengeldkauftensiesichamörtlichenKioskEistee,KaugummizigarettenundeineBRAVO,umderenMittelseitesie Schere,Stein,Papierspielten.SiegreichfaltetePädudasBlatt undließesinseinerHosentascheverschwinden,ehedieandereneinenBlickdaraufhattenerhaschenkönnen.«Michu»,sagteSammiteinemAugenzwinkern,«duteilstjamit ihmdasZelt,gell.Alsowennerschläft … »Lachendmachte sichdieBandeaufdenRückweg,dennspätestenszum Abendessenmusstensiezurücksein.MichuundPädugingen vorausundwarensicheinig,dasseiendiebestenFerien,die siejegehabthatten.
ErsteinigeMinutenspäter,nachdemsieeineHauptstraße überquerthatten,drehtensiesichnachdenanderenbeiden um.SamundSilvanwareneinpaarMeterhinterihnenauf einerVerkehrsinselstehengeblieben.
«Mann,sinddielangsam»,seufztePädumiteinemBlick aufseineUhr,«jetzthabensiedieAmpelverpasst.»
«Washabensiedennjetztschonwieder?»,fragteMichu, «ichdachte,siehättenWaffenstillstand.»ZwischendenbeidenschiensicheineDiskussionentfachtzuhaben.Erriefzu ihnenhinüber,dochsiereagiertennicht.Silvanfuchteltemit denArmen,währendSameinenSchrittzurückmachte.Michusah,wiesichdiebeidennungegenseitiganschrien,hörte undeutlicheSatzfetzendurchdenVerkehrslärmzuihmherüberdringen.
«Denenspinnt’ sdoch»,kommentiertePädunebenihm undbeidernächstengrünenAmpeltrugenMichusBeineihn wievonselbstzurück.
«Kommmalrunter»,sagteer,indemerSilvaneineHand aufdieSchulterlegte.AuchPäduhobaufderanderenStraßenseitebeschwichtigenddieHände.
«Nein»,schrieSilvanundbegannSamzuschubsen, «jetzthaternochmeineMutterbeleidigt!»
«Hey»,riefMichuundversuchteweitereinzugreifen, dochSilvanließsichnichtberuhigen.SeinLebenlangfragte sichMichu,wieeshattepassierenkönnen,dassdreiJungseinenviertensohattenaustickenlassen,dassereinenvonihnenmittenaufdieStraßebugsierteundihnzuBodenwarf. Michukamesvor,alsoballesganzschnellundgleichzeitigin Zeitlupepassierte,daranerinnerteersichspäternochgenau. Erspürte,wieSilvansichvonihmlosriss,sah,wieerdieBeherrschungverlorundSamvonderVerkehrsinselstieß.Er sahauch,dassdaplötzlicheinLastwagenwar,hörte,wieSam aufschrieunddanndenAufprall,dasSchleifen,dasPoltern. DergewaltigeWagengerietinsSchlingern,dieReifenquietschtenundverströmteneinenbeißendenGeruchnachverbranntemGummi.EinPersonenwagenkrachtewenigspäter gegendasHeck,dasjetztqueraufderStraßestand.Michu hattesichschützenddieArmevorsGesichtgehalten,sahnun abereinpaarMetervonihmentferntSamsverschrammten KörperamBodenliegen.MitweitaufgerissenenAugenging erzuihmhinundknietenieder.
«Michu»,schluchzteSam,alserseinergewahrwurde, undstreckteeinezertrümmerteHandnachihmaus.Michu fragtesichnoch,wieesmöglichwar,dassdasovielBlutwar, dannschlossensichSamsAugenunderhörteaufzuatmen.
SpäterstelltemanihmvieleFragen.ManwolltealleswissenüberdenUnfallhergang.SonanntendasdieBehörden. Michubetonteimmerwieder,dasseskeinHerganggewesen war,sonderneinfachnureingroßesUnrecht.DieArt,wie überSamsTodgesprochenwurde,passtenichtzudemJungen,denergekannthatte.ErwarkeineSachegewesen,keine Maschine,dieaufgehörthattezufunktionieren.
«Silvanhatihngestoßen»,sagteerjeweilsknapp,soals obdasauchdieFragennachdemWarumundWeshalbbeantwortenwürde.TatsächlichspielteesfürMichukeineRol-
le,wasdiesemMomentvorausgegangenwar.Waszählte,war nur,dassSamnichtmehrdawarunddassSilvandieVerantwortungdafürzutragenhatte.Pädu,derseitjeherengermit Silvanbefreundetgewesenwar,drücktesichvorsichtigeraus: «IrgendwiekameszueinemGerangelundplötzlichlagSam aufderStraße.»EinigeZeitgerietensichMichuundPädu deswegenimmerwiederindieHaare.
«WarumnimmstduihninSchutz?Erhatihngetötet», sagteMichu.
«EswardochkeineAbsicht.»
«Doch,daswares.Ichhabeesgesehenundduhastes auchgesehen.»
DamitließerPädufürgewöhnlichstehenundgingseiner Wege.
FürMichuwaresunmöglich,dieDingeanderszusehen. Nachtsträumteerdavon.ImmerwiederstiegihmdieserGeruchindieNase.ErhörteSamseinenNamensagen,alsober ihmhättehelfenkönnen,undersahihndieHandausstrecken,alsobersiehätteheilenkönnen.Dannwachteer schweißgebadetaufundkonntenichtmehreinschlafen.
ManchmalgingergarnichterstinsBett.Erstbliebseine Muttermitihmaufundsahmitihmfern.JelängerMichus Schlaflosigkeitjedochandauerte,destoöfterließsieihnallein. DieSchulleitungdrängtesie,ihninpsychologischeBehandlungzuschicken,dochMichuweigertesich,undsiehättegar nichtgewusst,wiesiedieRechnungenhättebezahlensollen. ZwarmachtesiesichSorgenumihrenGroßen,dochsiehatte nocheinzweitesKindzuversorgen.Siearbeiteteviel,verdientezuwenigundfühltesichhilflos.Michuindeshatte schonlängstgelernt,nichtmehralsdasAllernötigstevonihr zuerwarten.Zudemzogeresvor,seineGefühle,seineÄngste unddasBrenneninseinerBrustfürsichzubehalten.Einmal
schnittersichmiteinerRasierklingeindenArm,umzusehen,obBluttatsächlichsorotwar.
DanachsuchteerimmeröfterdieNähezuseinemVater, derkeineFragenstellteundüberhauptnurwenigmitihm sprach.ManchmalnahmerihnmitaufdiePiste,wieeres nannte.DassMichunochkeinedreizehnJahrealtwar,schien niemandenzukümmernindenzwielichtigenLokalen,indenenersichherumtrieb.DenkleinenFlurynanntenihndie SaufkumpaneseinesVatersundermuntertenihndannund wann,auchmitzutrinken.Dashärteabundhabenochniemandemgeschadet.MichuwusstezwarumdieFragwürdigkeitihresVerhaltens,fühltesichaberernstgenommen.Er fühltesichdurchseinenSchmerzdenKinderschuhenentwachsen,dieihmalleanderenimmernochanziehenwollten.
DassernachdiesenWochenendenübernächtigt,ausgezehrtundvielzuspätinderSchuleauftauchte,wurdezwar bemerkt,jedochkaumsanktioniert.Mangewöhntesichdaran,dassMichukonstantschlechteLeistungenerbrachte,und erselbstsagtesich,irgendwermüssejaKlassenletztersein.Die ZeugnisseließervomVaterunterschreiben,dieBriefeanseineMutterimMülleimerverschwinden.NebendemZeichnenwardaseinzigeSchulfach,fürdaserernsthaftesInteresse aufbringenkonnte,zuallerErstaunenDeutsch.Hierwarer fleißig,studiertezuHausestundenlangeinenzerfledderten Duden,denerausderSchulbibliothekgestohlenhatte,und schriebseitenweiseListenmitSynonymen.
Wörterfasziniertenihn,weilsiegenauwaren.Dagabes nichtsSchwammigeswie«IrgendwiekameszueinemGerangel»und«EswardochkeineAbsicht».EsgabFeinheiten,kleineUnterschiede,dieeszuverstehengalt,etwaswar ebenimmerentwedersooderso.Entwedermanhattejemandengestoßenodernicht.Entwedermanhasstejemanden odermanverabscheuteihn,sowieMichujetztSilvanverab-
scheute.Daswarnichtdasselbe.Genausoverhieltessichmit ÄrgerundWut,EnttäuschungundFrust,AlleinseinundEinsamkeit,TrauerundTraurigkeit.Daseinewarnichtdasandere.
Michuhorchteinsichhinein,spürteseinenGefühlennach undversuchte,siefürsichinWortezufassen.SeinTagebuch, daserkurznachSamsTodzuschreibenbegann,warspäter vollerKorrekturen,durchgestrichenerSätzeundRandnotizen.Erwolltegenausein,dietreffendenWortefindenfür das,wasinihmvorgegangenwar.ÜberJahrelaserwieder undwieder,waserzuvorgeschriebenhatte,überlegteund überarbeitetees.
Esdauertenichtlange,bisseineAufsätzeinderSchuledie AufmerksamkeitderLehrerschaftaufsichzogen.Jegenauer Michusichauszudrückenwusste,jewenigerFehlerermachte, destomehrmisstrautemanihm.FüreinKindinseinemAlterseidieWortwahlbemerkenswert,undniemandwollteso rechtglauben,dassausgerechnetersolcherEloquenzfähig war.Wiederundwiedermussteerbeteuern,dasserseine Aufsätzetatsächlichselbstverfasste,undschriebsieschließlichunterAufsichtinderSchule,bisdieZweifelausgeräumt waren.DenÜbertrittinsnächsteSchuljahrschaffteerallerdingsnur,weilihnPäduindenanderenFächernimmeröfter abschreibenließ.
Die Freiheit haben wir für euch erkämpft und was macht ihr? Ihr traut euch nicht, sie anzunehmen.
Im Bern der 90er-Jahre wachsen zwei Kinder heran, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Michu erfährt Gewalt im Elternhaus, während Eli in ihrer Rolle als braves Kind von ihrer Familie weitgehend unbeachtet bleibt. Als junge Erwachsene treffen sie aufeinander, doch die Beziehung bröckelt, noch ehe sie richtig beginnt. Nur der Gedanke an das, was hätte sein können, bleibt. Viele Jahre später verstricken sich die beiden in eine vereinnahmende Affäre. Doch die erneute Verbindung fordert viel: Mut zur Verletzlichkeit und Mut zur Veränderung. Immer wieder müssen sie sich entscheiden zwischen ja und nein, zwischen Pflichtgefühl und dem eigenen Ich, zwischen Selbstwirksamkeit und sozialem Rückzug.

