Kapitel 1 – Elira
DieMauernmeinerFestung standenfest, bisdeinLächelnsieerschütterte.
Der Bolzenschneider liegt schwer in meiner Hand, während ich mich über die zahlreichen Schlösser beuge. Sie ruhen wie stumme Wächter an diesem Londoner Brückengeländer. Jedes von ihnen hat seine eigene Geschichte, die von Träumen, Hoffnungen und Liebe erzählt. Doch das Schloss, dasich suche, das von Drake und mir, ist nichts dergleichen – nur ein Zeuge von Lügen, Manipulation und Verrat. Es hatkeinen Anspruch mehr darauf, hier zu hängen.
«Dabist du ja», murmle ich und nehme dasgroße rote Vorhängeschloss in die Hand.Inschwarzer krakeliger Schrift stehen dieInitialen Eund Ddarauf. Mein Magen verkrampft sich beim Gedanken an diesen Mistkerl. Zu langehabe ich mich vonihm zum Narren halten lassen.
Ich werfe einen letzten Blick auf das Schloss, bevor ich diesen Abschnitt meines Lebens endgültigabschließe. Fest entschlossen setzeich den Bolzenschneider an und drücke mit voller Kraft zu. Doch nichts geschieht. Das Metall gibt keinen Millimeter nach. Verdammt, nicht einmal ein Kratzer ist zu sehen!
«Ich bin mir nicht sicher, ob das legal ist», ertönt eine tiefe, raue Stimmehinter mir.
Mein Herz stolpert und ich wirbele herum.
Der Typ in der gut sitzenden braunen Lederjacke steht da, als gehöre ihm dieser Ort:lässig an das rostigeGeländer gelehnt, die Hände in den Hosentaschen. Der kühle Wind zerzaust seine aschblonden Locken. Ein schiefes Lächeln huscht über seine Lippen,als unsere Blicke sich treffen. Nach kurzer
Irritation erlange ich meine Fassung zurück. «Kümmere dich um deinen eigenen Kram», faucheich und wende mich wieder dem Schloss zu.Erneutversuche ich, es zu durchtrennen, doch meine Bemühungen sind vergebens.
«Wenn du mir die Geschichte dahinter erzählst, helfe ich dir.» Der Typ steht nundirekt neben mir und streicht sich eine Locke aus dem Gesicht.
«Danke, aber nein danke. Ich schaffe das allein.»
«Okay», sagt er nur, zuckt mit den Schultern und dreht sich um.
Pff, soll er doch. Lieber lasse ich das blöde Dinghängen als… Ich betrachtedas Schloss, das immer noch unbeschadet inder Sonne glänzt.
Nein,es darfnichthierbleiben.
Seine Schritte werden immer leiser, während der Drang in mir immer lauter wird. Meine Lippen öffnen sich, bevor mein Verstand hinterherkommt. «Warte!»
Er verlangsamtsich und zögert, nureinen Moment, aber fürmich einen Atemzugzulang. Ich ziehedie Arme enger um mich, als würde ich mich selbst umarmen. «Schon gut», murmele ich schnell, fasttonlos. Was tueichhiereigentlich?
«Sicher?Lass mich dir doch helfen.»
«Ich brauche keine Hilfe. Warummischst du dich ein?»
Sein Lächeln verschwindet. Ersieht mich an, vielleicht ein bisschen irritiert, vielleicht auch enttäuscht. Dann wendet er sich wieder ab. Ich schließe kurz die Augen.Amliebsten würdeich ihn nochmals aufhalten, um mich für mein unmöglichesVerhalten zu entschuldigen, doch ichtue es nicht.
Ichsetze stattdessen den Bolzenschneider noch einmalan. Derrutschtab, schlägtgegen das Geländer und springt mir fast ausder Hand. Meine Kiefermuskeln spannen sich an und ich lasseentmutigtdas Werkzeug fallen.Der Aufprall hallt laut über die Brücke. MeineFinger pochen,taub von der An-
strengung. Wütend schüttle ich meine Hände aus. Scheiße, tut dasweh.
Ich gebe schließlich auf, drehemich um und stampfe los. Die Kälte brennt mir im Gesicht, der Wind pfeift wie Spott inmeinen Ohren. Ich blicke nicht mehr zurück.
Am Auto angekommen reiße ich die Heckklappe auf. Der Dämpfer quietscht, als hätte selbst er keine Lust mehr auf diesen Tag.
Ich wühle im Kofferraum und finde unter anderem eine alte Decke, einen zerbeulten Regenschirm und eine leere Thermoskanne, die klapprig zur Seite rollt. Nichts. Nichts, was auch nur ansatzweise nützlich wäre.
Ich fluche vor mich hin und suche weiter. Alles vergebens. Ich stoße mir lediglich auch noch die Hand an einer Holzkiste.
Es reicht.
Ich schließe den Kofferraum mit mehr Kraft alsnötig. Mein Blick fällt auf den Rücksitz … da liegt meine Lösung. Ein dicker schwarzer Edding. Ich schnappeihn mir, öffne ihn und mustere die Spitze. Hoffentlichfunktioniertdernoch.
Dann mache ich mich erneut auf den Weg zur Brücke. Nicht mehr wütend. Nicht mehr verzweifelt. Nur noch entschlossen. Dannwerdendieblöden Initialenhaltdurchgestrichen,was sollʼ s.
Am Geländer angekommen,bleibe ich wie angewurzelt stehen. «Was zur … »Ich blinzle verwirrt. Das Schloss hängtda nicht mehr.
«Duhast was vergessen.»Schon wieder diese Stimme. Ich drehe michum. Er grinst übers ganze Gesicht und hält meinen Bolzenschneider hoch.
«Warum schleichst du dich denn so an?Was soll das?», frage ich,während ich mich zu ihm drehe. Warum hab ich dasnichthingekriegt?
«Von Schleichen kann keineRede sein. Dubistgerade direkt an mir vorbeigerauscht undhastmich nicht malbemerkt», kontert er und zwinkert mir zu. Dieser…
«Wenn du glaubst, dass ich dir jetzt irgendwas dazu erzähle, dann irrst du dich gewaltig.»Ich verschränke die Arme vor der Brust und fixiere ihn auffordernd.
«Das dachte ich mir schon. Schade, aber vielleicht beim nächsten Mal.»
NächstesMal?Was bildet der sichein?
«Ganz bestimmtnicht. Ich muss jetzt los.» Ich nicke Richtung Brückengeländer. «Danke dafür, wäre aber nicht nötig gewesen», füge ichhinzuund laufe an ihm vorbei zurück zumAuto.
«Hey, sag mir wenigstens, wie duheißt», ruft mir der Unbekannte hinterher.
Ich zögere, erwidere dannaber, ohne mich umzudrehen:
«Elira.»
«Freut mich, dich kennengelernt zu haben, Elira.Ich bin Noel.»
Noelalso.
Bei meinem Wagen angekommen lasse ich mich seufzend auf den Fahrersitz fallen und lege die Stirn aufs kühle Lenkrad. Mir ist übel und jetzt, wo ich sitze, scheint sich alles zu drehen. Nichtschonwieder.
«Hey, alles okay?» Noel steht aufeinmal neben der noch offenen Fahrertür und mustert mich mit großen Augen.
«Lass mich endlich in … »
Mir bleibt der Rest imHalsstecken.Etwas dreht sich in mir, zieht sich zusammen und krallt sich fest. Dann kommt eshoch – unaufhaltsam und brennend.
Ich beuge mich keuchendvor und übergebe mich. Direkt über Noels Beine.
Erschrocken weicht er zurück und stolpert dabei über seine eigenen Füße. Sein Gesicht verzieht sich in Ekel und Fassungslosigkeit, als eransich herabschaut.
Dann schaut er mich an.Inseinem Blick verändert sich etwas.Der ersteSchock weicht, lässt Raum für eine andere Regung. Wärme, vielleicht Mitleid.Keine Ahnung. Ich würge erneut, der nächste Schwall kommt noch schneller. Mein Körperbebt. Ich kann nichts dagegen tun.
Noel tritt vorsichtig näher, als würdeerein verletztes Tier beruhigen wollen, und streicht mir langsam eine verklebte Strähne aus dem Gesicht. Meine kupferroten Haaresind nass vom Schweiß.
Ich traue mich nicht, ihn anzusehen. Nicht so. Nicht jetzt.
«Ich hole schnell etwas Wasser und bin gleich wieder da, okay?» Er hält inne, als er aufdas Erbrochene schaut. «Das istjanur Magensäure. Wannhast du dasletzte Malwas gegessen?»
Ich antworte ihm nicht, starre nurauf den Boden. Gott, ist daspeinlich.
Noel wartet noch kurz, doch als ich nichts sage,läuft er los.Nach einigen Minuten drehe ich mich wieder zum Steuer, schließe die Autotür und starte den Motor. Schnellweg hier,bevor er zurückkommt. Doch wieder dreht sichalles. So kann ich auf keinen Fall fahren.
Die Tür öffnet sich wieder und Noel schüttelt ungläubig den Kopf. «Wolltest du ernsthafteinfachlosfahren?»
Wieder reagiere ich nicht. Erbefeuchtet eineServiette mit Wasser aus einer Flasche und streicht mir damit über die Stirn. Doch kaum berührt er mich, weiche ich instinktiv zurück.
«Tut mir leid, ich wollte nur … »
«Fass mich nicht an», sage ich, viel schärfer alsbeabsichtigt.
«Verstanden. Tut mir leid», wiederholt er.
Langsam beruhige ich mich wieder und auch meinem Magen geht es besser.
«Hier.» Er streckt mir ein Sandwich entgegen.
Hat er mir echtetwas zu essen besorgt?Ich schüttle den Kopf. «Ich habe keinen Hunger, aber danke.»
Es stimmt nicht ganz. Mein Magen fühlt sich leer an,aber das ist besser so. Essen würdejetzt alles nurschwerer machen. Der Geschmack, das Völlegefühl, das schlechte Gewissen danach. Und überhaupt: Ich habe heute schon genug gegessen. Oder?Ich rechne kurz im Kopfnach. Ja.Mehralsgenug.
«Ich denke, du solltest etwas essen, Elira.»Erlegtdas Sandwichauf die Mittelkonsole. «Vielleicht willst du es ja später.» Er mustert mich noch einmal besorgt und richtet sich dann seufzend auf. Ich räuspere mich, weil ich will, dass meine Stimme sicher klingt – also anders, als ich mich fühle. «Danke, aber ich komme jetzt allein zurecht.»
«Das weiß ich, ich wollte dich nurnicht so hier stehen lassen.» In seiner Stimme schwingt keine Ironie mit. Er scheint das tatsächlich ernst zu meinen. Ich lehne mich zurück und fühle mich immer noch nicht fitgenug, um zu fahren. Ich schaue in den Rückspiegel. Mein Make-up sitzt zum größten Teil noch, nurder Eyelinerist etwas verschmiert. Ich bessere ihn schnellmit einem Taschentuch aus, dann greife ich nach dem Sandwich und steige aus.
«Ich gehe eine Runde spazieren. Wenn du mich begleiten möchtest, wäre das okay», sage ich so gleichgültig wie möglich,ertappe michjedoch dabei,wie ich insgeheim darauf hoffe.
Er nickt nur und läuftdannneben mirher, während ich unentschlossen an dem Brot herumzupfe. Vielleicht esse ich einenkleinenBissen … nur, um denSäuregeschmack loszuwerden?
«Passiert dir das öfter?», fragt er nach einer Weile des Schweigens. Seine Stimme ist leise, als ob er befürchtet,ich könnte mich wieder an seine Anwesenheit erinnern und ihn wegschicken. Ich muss lächeln,als ich michdaran erinnere, wie meine Schwester und ich als Kinder abendsganzleise neben unseren Eltern aufdem Sofasaßenund hofften, siewürdenvergessen, dass wir ins Bett müssten. Bei dem Gedanken an meine Mutter, die uns natürlich nie vergessen hat, bildet sich ein Kloß in meinem Hals. Ich schluckedie aufsteigenden Tränen herunter.
«Alles in Ordnung?Ist dirwieder schlecht?» Noel reißt mich aus meinen Gedanken.
«Nein, alles gut. Undnein, so was passiert mir nicht oft, ich habe wahrscheinlich nur zu wenig geschlafen oder zu lange nichts gegessen.»
«Warum?»
«Warum was?» Ich verdrehe die Augen. Meine Güte, der will ja alles wissen.
«Warum schläfst und isst duschlecht?», hakt er nach.
«Das habe ich gar nicht gesagt, ich … » Halt dieKlappe, Elira.«Das geht dichnichts an», blaffe ich ihnan. Aber irgendwie möchte ichihm trotz allem mehr von mir erzählen.
Sind es seine braunen Augen, dievor Freundlichkeit leuchten?Oder sein Lächeln,das so ehrlichwirkt?Oder bin ich nur einsam und bilde mirdas alles nurein? Wahrscheinlich eineMischungvon allem.
Er hält beide Hände in die Luft,als würdeich mit einer Waffe auf ihn zielen. «Sorry», sagt er und lacht. Dann wird seineMiene wiederernst, er lässt den linken Armfallen und legt die rechte Hand auf sein Herz. «Ich gelobe hiermit feierlich, kein Interesse mehr an dirzuzeigen, liebe Elira.»
Wir sehen uns für eine Sekundeeinfach schweigend an, dann müssen wir beidelachen.
«Wie dramatisch»,sage ich, als ichwiederzuAtem komme. Er zuckt nurmit den Schultern,grinst und läuft weiter. Auch wenn mir Noel sympathisch ist, halte ich innerlich Abstand. Ich bin mir nicht sicher, was ich von ihm halten soll.
Warumister so nett zu mir?
Wir laufen nebeneinanderher. Unsere Schritte finden schnell denselben Rhythmus. Die Abenddämmerung senkt sich über die Themse. Ich knöpfemeinen gefütterten Mantel bis oben zu. Obwohl es schon Aprilist, trage ich ihn noch. Mir ist einfach immer kalt.
«Was machst du so?», frage ich und bemühe mich, beiläufig zu klingen.
«Ich bin Fotograf»,sagter. «Ich liebe es, Menschen in Momenten zu erwischen, in denen sie nicht darandenken, wie sie wirken. Wenn du das Licht richtig einfängst, und jemand lacht, ohne zu merken, dass dudie Kamera schon längst im Anschlaghattest … das sind die bestenAufnahmen.»
Er schaut mich nicht an, während er spricht. Sein Blick geht nach vorn, fast gedankenverloren, als sähe er dort etwas, das nur für ihn sichtbar ist.
Ich nicke, obwohl er das in dem Moment gar nicht sieht. Seine Stimme ist ruhig, fastweich. Ich spüre, wiemein Atem flacher wird. Nicht weil ich außer Puste bin. Sondern weil das etwas mit mir macht.
Vorsicht,mahnt etwas in mir. Duweißtnichtsüberihn.
Trotzdem geheich weiter so dicht neben ihm her, dass sich unsere Arme fast streifen. Ich bilde mir ein, dass ich seine Wärme durch unsere Jacken hindurch spüren kann, obwohl wir uns nicht einmal berühren. So richtig wohl fühle ich mich zwar nicht dabei, aber auch nicht unwohl. Es ist wie das Gefühl, kurz vordem Einschlafen, wenn alles weich wird, aber man doch noch nicht ganz loslassen kann.
«Was machst du dennberuflich?», fragt er zurück. Nicht beiläufig. Nicht ausPflicht. Seine Stimme klingt immer noch ehrlich und voller Neugierde.
Ein kleines Lächeln stiehlt sich aufmein Gesicht, sobald ichanmeine Arbeit denke, doch ich versuche schnell, es zu verbergen. «Ich bin die Assistentin einer sehr gefragten Event-Managerin.»
«Oh, das klingt spannend.Was machst du da genau?»
«Ach, nicht wirklich. Telefonieren, Mails schreiben», erwidere ich schnell, weil ich nicht über mich reden will. Schnell das Thema wechseln:«Was ist dein Lieblingsessen?»
Noel blinzelt, als müsste er überprüfen, ob er mich richtig verstanden hat, und sein Blick verharrt dabei einen Moment zu lange auf meinem Gesicht. Okay, meine Sozialkompetenzen sind etwas holprig. Wohl eher nicht vorhanden,ergänzt meine fiese innere Stimme. Trotzdem,sodämlich ist die Frage ja nicht. Oder?
«Ist dir die Frage etwa zu privat?Ich könnte dich auch nach deinen größten Ängsten fragen, wenn dir daslieber wäre», setze ich schnell scherzend nach.
«Wow, jetzt hast du mich echt erwischt. Erst eine weitere ernst gemeinte Frage und dannnoch ein Witz hinterher?Ich kenn dich zwar gefühlt erst ein paar Minuten, aber irgendwie habe ich dasGefühl, dass das eher selten vorkommt.» Er grinst schief. «Wobei, vielleicht liegt’ sauch einfach daran, dass du den Humor eines Steuerformulars hast.»Sein Lachen ist kurz, trocken, ein bisschen zu lautund … wunderschön. Ich kann garnicht anders, als mitzulachen. Wir gehen weiter, und ich bemerke, wie die Anspannung in mir immer weiter nachlässt. Vielleichtist es diefrische Luftund die stimmungsvolle Umgebung … oder einfach seineGesellschaft .
«Weißt du», beginnt er und zupftnervös an seinem Ärmel. «Ich habe auch schon mal so ein Schloss von der Brücke um jeden Preis weghaben wollen.»
Ich sehe ihn überrascht an.«Wirklich?»
Er nickt undatmet kurz durch, bevor er zu erzählen beginnt. «Esist ein paar Jahreher. Wir sind auch hier gewesen, und meine damals große Liebe hatte die Idee, ein Schloss an die Brücke zu hängen.Wir haben unsere Namen darauf eingravieren lassen und es dann zusammen angebracht.Eswar so ein schöner Moment. Wir haben uns geschworen, dass wir immer zusammenbleiben würden, egal was passiert.»
Ich kann die Nostalgie in seiner Stimme hören und seine Offenheitrührt mich.
«Und?Was ist passiert?»
Noel seufzt leicht und sieht aufs Wasser hinaus. «Jane … Nun, das Lebenführtuns manchmal in verschiedene Richtungen. Wir haben uns getrennt, aber ich habe dasSchloss schlussendlich nieabgenommen. Es hängt immer noch dort, als Erinnerung an das, was wir hatten.»Erschaut wieder zu mir, und ich bemerke, wie verletzlich er in diesem Moment ist. «Esist seltsam, oder?Man denkt,dassman für immer zusammenbleibt, aberdas Leben ist einfach unberechenbar.»
«Das klingt nach einer besonderen Erinnerung», flüstere ich.
«Ja, das ist sie», antwortet er, und sein Blick wird weich, als ob er die Last füreinen Augenblick vergisst. «Aber ich glaube, dass jede Erfahrung uns formt.»Ersteckt die Hand in seine Jackentasche und holt etwas heraus. Das Schloss von Drakeund mir. «Auch wennesvielleicht keine schöne Erinnerungist, sie ist trotzdem ein Teil von dir und dem, was dichausmacht. Denn manchmal ist es nicht wichtig,was ein Schloss verschließt, sondern wen es befreit.»
Ich starre das Schloss in Noels Hand an, unschlüssig,was ichdamit machen soll. Irgendwiebin ich davon ausgegangen, er hätte es einfach weggeworfen, und das war so völlig okay für mich. Aber jetzt, wo ich es noch mal sehe, mit Noels Worten im Kopf, fühlt es sich falsch an, meinem Impuls nachzugeben,eseinfach ins Wasser zu werfen.
«Vielleicht sind wir alle nur das Resultat der Narben, die andere an uns hinterlassen haben», sage ich nach einem Moment.
«Oder die Summe der Hände, die uns trotz der Narben noch halten», ergänzt er und lächelt feinfühlig.
«Ich … », fange ich an. «Ich weiß nicht, wasich … »
«Kein Problem.»Ersteckt das Schloss wieder in seine Jacke. «Ich bewahre es fürdichauf, undwenn du bereit bist, dich damit zu beschäftigen, holst duesbei mir ab.»
Wenn ichbereit bin … Ich schlucke schwer und stehe immer noch völlig irritiert da. Noel scheint mein Unbehagenzu bemerken und lächelt mich mitfühlend an.
«Hast du schoneinmal eine Bootsfahrt auf der Themse gemacht?», fragt er dann. Ich weiß, dass er den Themenwechsel nur gut meint, aber diese Frage fühlt sich an,als würdesich plötzlich ein Gewicht aufmeine Brust legen.
Ichseheuns Händchenhaltendundquietschendvor Freudemit unserenEltern aufeinem der Boote. Egalwie oft wir das gemachthaben,ichkonnte niegenugdavon kriegen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Dad mit seinem hässlichen Hut und Mum, wie sie vergeblich versucht, ihre vom Wind zerzausten Haarezu bändigen.
Mum … Meine Augen brennen und ich muss allmeine Kraft aufbringen, um mir nichts anmerken zu lassen.
«Elira?» Der Klang meines Namens ist ruhig,doch er durchbricht die wild herumwirbelnden Gedanken in meinem Kopf und holt mich zurück ins Jetzt.
«Natürlich. Ich bin schließlich hier geboren und aufgewachsen … »Kaumhabe ich es ausgesprochen,bereue ich es auch schon. Das auszusprechen,weckt gerade viel zu viele weitere Erinnerungen. Erscheint zu merken, dass ich mich unwohl fühle. Die Stille zwischen uns wird dick und schwer. Ein Teil von mir will Abstand, doch gleichzeitig fühle ich mich zu ihm hingezogen. Ich muss unbedingt die Kontrolle zurückerlangen. Es kribbelt in meinen Fingerspitzen, alswürde sich mein Körper fluchtbereit machen. «Esist spät», sage ichschließlich und bleibe stehen. «Ich muss los.»
Er sagt nichts. Erfragt auch nicht nach, was los ist. Aber ich sehe die Enttäuschung in seinem Gesicht.Mein Blick fällt auf seine Hose – die dunklen Flecken, der säuerliche Geruch. Einschlechtes Gewissen macht sich in mir breit. Ich strecke eine Hand aus. «Gib mir bitte dein Handy.»
Zögernd zieht er es ausder Jackentasche und reicht es mir mit einem kaum merklichen Stirnrunzeln. Ich tippe meine Nummer ein. «Wegen der Reinigung fürdeine Klamotten. Ichbezahl das natürlich.» Ich drücke ihm das Gerätzurück in die Hand. «Und … es tutmir leid.»
Dann drehe ich michumund lasse ihn ohne ein weiteres Wortstehen.
Kapitel 2 – Maelia
Das Summender Tätowiermaschine liegt wie ein gleichmäßiger Strom in der Luft.Ich liebe dieses Geräusch – monoton, beruhigend, irgendwiemagisch. Es klingt nachVeränderung.
Nach Aufbruch. Ich sitze aufdem kleinen Hocker neben Mikel, meinem Chef,Künstler undinoffiziellerTherapeut, und beobachte, wieermit konzentriertem Blick an der Wade des heutigen Kunden arbeitet.
Der Typ – sportlich, kantiges Gesicht, bunte Sneaker –hat sich einen Koala ausgesucht, der aufeinem Eukalyptuszweig chillt. Nicht mein Geschmack, aber ich habe hier schon schlimmere Motive gesehen.Und Mikel? Der macht selbst aus einem betrunkenen Tintenfisch ein Meisterwerk.
Ich reiche ihm ein frisches Tuch, bevor er überhaupt danach fragt.
«Danke», murmelter, wischt die überschüssigeTinte weg und tritt dann einen Schritt zurück. «So, schau es dir an und sagmir, ob das so passt.»
Der Kunde steht auf, geht zumSpiegel undbetrachtet seine Wade. «Alter, das ist ja der Wahnsinn. Danke, Mann!»
Die letzten zwei Stunden, in denen er mit verkniffenem Gesicht auf dem Stuhl lag, scheinen mit einem Malvergessen.
«Schön, dass es dir gefällt», sagt mein Chef selbstbewusst, während er einkassiert. Als der Typ den Laden verlassen hat, zwinkert Mikel mir zu.«Na?War der nicht wasfür dich?»
Ich verdrehe die Augen.«Mikel, dukannst mich nicht mitjedem Kunden verkuppeln, der männlich ist und Tattoos mag.»
«Oh, liegtʼsamGeschlecht?»,fragt er völligwertungsfrei.
«Eshat nichts mit demGeschlecht zu tun.Ich habmomentan einfach kein Interesse an einer Beziehung», erwidere ich wahrheitsgetreu.
«Schade. Wennich einen Sohn … »Ermustert mich kurz, bevor er fortfährt. « … oder eine Tochter hätte, hätte ich dich gerne als Schwiegertochter.»
«Und ich würde höflich ablehnen, aber danke.»
Er lacht leise und tipptauf den Tattoostuhl.«Jetzt bist du dran, Lieblingspraktikantin.»
Ich setze mich mit klopfendem Herzen. Seit Tagenrede ich davon und heute ist es so weit:Mein Tattoo soll endlich Farbe bekommen.Die drei kleinen Sterne aufmeinem Schlüsselbein, bisher nurfeine Linien, sind schön, aber sie wirken so still. Als würden sie schlafen. Jetzt will ich, dass sie aufwachen. Lebendig werden.
«Also?Sichermit den Farben?», fragt mein Chef und mustert mich aufmerksam. «Mir gefällt’ sauch so schon ganz gut.»
«Ich bin mir sicher. Farben gehören zu mir.Ich will, dass die Sterne leuchten.» Und dann, irgendwann, kann ich es vielleichtauchwieder.
«Alles klar.» Das Surren beginnt, die Nadel setzt aufmeiner Haut an und ich grinse. Estut weh, aber es ist ein gutes Brennen. Das Brennen der Veränderung.
SanftesRosa trifft aufhelles Apricot, das dann erst in ein warmes Pfirsichgelb und schließlich in ein klares, strahlendes
Blau übergeht. Wie ein Sonnenaufgang, eingefangen unter meiner Haut. Ich kann spüren, wie die Farben zu einem Teil von mir werden. Lebendig. Es fühlt sich an, als würde ich aus der Dunkelheitins Licht treten, wie derStart eines neuen Kapitels.
«Fertig», sagt Mikel kurze Zeit später und führt mich zum Spiegel.
Ich halte den Atem an. Die Farben glühen.Die Sterne wirken, als würden sie jeden Moment vom Schlüsselbein abheben und über meine Hauttanzen.«Ich liebe es», flüstere ich.
Genau in dem Momentklingelt dieTürglocke. Helena steht im Eingangsbereich, mit ihrer Jacke über dem Arm und einem ungläubigen Blick. «Mae … wow. Das istunglaublich schön.» Sie kommt näher, bleibt einen Moment stehen und umarmt mich sachte. «Das bist du. Genau so. Laut, bunt und frei.»
«Dann war es wohl die richtige Entscheidung.Jetzt falle ich mehr auf.» Ich grinse.
«Duwarst vorher schon schwer zu übersehen», witzelt Mikel.
«Dubist halt auch ein besonders scharfsinniger Beobachter», kontere ich undstrecke ihm die Zunge raus, während Helena lacht.
Ich betrachte mich noch einmal im Spiegel. Mein Haar fällt in dichten, kupferfarbenen Locken übermeinen Rücken, solang, dass die Spitzen meine Hüften streifen. Es wirktwie eineigenes Wesen:wild,eigensinnig und schwer zu bändigen. Mein Blick wandert zu meinen Augen. Grün, mit einem Hauch von Braun,das im richtigen Licht fast schimmert. Undüberall auf meiner Hautsind Sommersprossen verstreut. Mum sagte immer, es sähe aus, als hätte jemand mit einem feinen Pinsel Sonnenlicht aufmein Gesicht getupft. Daswer-
de ich nie vergessen. Vielleicht, weil es schöner klang,als ich mich je gefühlt habe. Ich ziehe leicht die Brauen hoch, prüfe mein Spiegelbild – nicht kritisch, eher neugierig. Als würde ich mich gerade neu kennenlernen. Ich bin einundzwanzig und noch immerverschwimmt das Bild im Spiegel. Wer bin ich nur?Wer bin ich, ohne sie?Manchmal frage ich mich, ob das neue Ich schon in mir wohnt oder ob ich es erst noch erfinden muss.
«Wollen wir?» Helenabetrachtet mich durch den Spiegel.
«Kann ich noch was tun, bevor ich Feierabend mache?», wende ich mich an meinen Chef.
Er winkt nur ab. «Ach was, genießt noch dastolle Wetter.»
Helena und ich treten nach draußen,womir direkt die Wärme entgegenschlägt. Esist ein warmerFrühlingstag, weitausheißer,als ichesvon Zürich gewohnt bin. Der Himmel wirkt fast zu perfekt:blau bis zum Horizont, keine Wolke weit und breit. Helena wird auf dem Weg zum See ungewöhnlich still. Immer wieder merke ich, wie ihr Blick aufdie Stelle meines Tattoos fällt, das nununter einer Schicht Klarsichtfolie verborgen ist.
«Weißt du, Mae», durchbricht sie das Schweigen, «du bist jetzt schon seit zwei Jahren meinebeste Freundin. Aber ich weiß trotzdem so wenig über dich. Deine Familie. Dein Leben vor … na ja, vor deinem Umzug hierher.»
«Ich brauchte einfach mal was Neues», sage ich, wie immer, wenn dieses Thema aufkommt.
Helena mustert mich, als wiege sie ab, ob sie weiterbohren sollte. «Klar, das versteh ich. Aber manchmal frage ich mich, wer du warst, bevor du nach Zürich gekommen bist. Dieses Tattoo zum Beispiel … »Sie zögert. «Was bedeutet es und warum war dir so wichtig, es nachträglich bunt zu machen?»
Ich lache leicht. «Dumachst dirzuviele Gedanken, ich mag die Sterne und liebe Farben. Einetiefere Bedeutung gibt es nicht.» Meine Brust wird eng bei meinen Worten. Denn so ehrlich ich auch sein möchte, kann ich Helena nicht mehr erzählen. Nicht, ohne daran zu zerbrechen.
Als wir gerade am Restaurant «Mamma Mia»vorbeilaufen, nutze ich die Gelegenheit, um das Gespräch in eine andere Richtungzulenken. «Weißt dunoch, wie wir uns hier kennengelernthaben?», frage ich und stupse sie leicht mit dem Ellbogen an.
«Oh, klar. Wie könnte ich das vergessen?» Helena grinst. «Das war der peinlichste Moment meines Lebens. Ich bin volle Kanne mit dem Kellner zusammengestoßen, der dann einen Haufen Getränke über euren Tisch verschüttet hat.»
Ich lache laut auf bei der Erinnerung an meine Tante, die vor Schreck vom Stuhl aufgesprungen ist.
Die Sonne geht langsam unter und der See glitzert in den letzten Lichtstrahlen. Ich setze mich ans Ufer, die Hände im Gras abgestützt und den Blick auf den Horizont gerichtet.
«Manchmal frage ich mich, ob das alles wirklich richtig ist», sage ich nachdenklich, weil ich ihre Worte von vorhin doch nicht einfach an mir abprallen lassen kann.
«Worum gehtʼs?», fragt Helena, die sich neben mich setzt.
«Ich meine … das Leben hier. Es ist alles so … leicht. Aber ich fühle mich noch nicht so, als ob ich ganz angekommen bin. Ich weiß nicht, was ich wirklich will.» Es fühlt sich zu leichtan, fastschonunwirklich.
Helena schaut mich ernst an,aber ein kleines Lächeln umspielt ihre Lippen. «Weißt du, Mae, du hast noch Zeit. Du musst nicht sofort alles herausfinden. Du bist noch so jung. Was auch immerdich hierhergeführt hat, dudarfst glücklich sein unddein Leben in vollen Zügen genießen.»
«Ich hoffe, du hast recht», sage ich, während ich den Blick auf den Horizontrichte.
«Das habe ich doch immer. Manchmal reicht es schon, wenn jemand für dich daist, während dusuchst. Fündig werden kannst du später immer noch.»Helena schlägt mir spielerisch auf den Arm. «Wobei ich ja finde, dass du längst genug bist, auch wenn du’ sselbst nicht siehst.»
«Danke», flüstere ich fastschon.
«Ach Quatsch, ich danke dir dafür, dass du doch noch mit mir geredet hast», erwidert sie völlig selbstverständlich.
Schnell stehe ich auf, und ich ziehe sie mit mir. «Komm, wir genießen einfach den Abend.»
«Klar, lass uns gehen», sagt sie lachend.«Aber wehe, du schleppstmich wieder in irgendeine verrückte Karaoke-Bar!»
«Mal schauen … aber erst malmüssenwir etwas essen. Dann sehen wir weiter.»Ich zwinkere ihr zu und laufelos.
Und währendwir den Weg entlanggehen, fühlt es sich für einen Moment an, als könnte alles so bleiben. Einfach, leicht, unkompliziert.
Doch tief in mir spüre ich, dass es mehr gibt. Dass der Weg, den ich gerade gehe, nicht nur vonFreiheit geprägt ist, sondern auch von der Suchenachetwas, das ich noch nicht genau benennen kann.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem alles anfangen wird. Mein neues Ich.
Mein Handy vibriert. Esist Dad. Ich zögere.
«Willst du nicht rangehen?», fragt Helena,die einen Blick aufs Display erhascht hat.
«Ich rufe ihn später zurück», murmele ich,mehr zu mir selbstals zu meiner Freundin. Meine Finger umklammern das Gerätfester, während ich den Kopf schüttele, alskönnte ich dadurch die Angst abschütteln,die sich plötzlich in meiner Brust ausbreitet. Die Leichtigkeit von eben ist aufeinen
Schlag fortgerissen. Mein Atem stockt, wird flach, alshätte die Luft beschlossen, sich mir zu entziehen.
Ich will rangehen. Wirklich. Ich will seine Stimme hören, einfach nur wissen, dass alles in Ordnung ist.
Und gleichzeitigweiß ich:Irgendwann wird er kommen –dieser eine Anruf, der alles zerreißt. Und am anderen Ende wird seineStimme sein. Die meines Vaters.
Ihr Herz – eine Festung. Seine Nähe – der Schlüssel, den sie nie wollte. Und doch könnte er alles verändern.
Elira und Maelia – Zwillingsschwestern, einst unzertrennlich, bis Krankheit, Schuld und Schweigen sie auseinandergerissen haben.
In London kümmert sich Elira aufopfernd um ihre kranke Mutter, doch während sie alles für sie gibt, droht sie selbst zu zerbrechen. Als Noel in ihr Leben tritt, spürt sie, was echte Nähe bedeuten könnte. Doch sie weiß: Wenn sie liebt, riskiert sie alles.
In Zürich versucht Maelia neu anzufangen. Doch manche Erinnerungen sind stärker als jeder Vorsatz – und führen sie zurück zu dem, was sie am meisten fürchtet.
Zwischen Verlust, Schmerz und Liebe suchen die Schwestern einen Weg zurück zu sich selbst. Und vielleicht auch zueinander.
«Die Geschichte von Elira und Maelia fühlt sich an wie eine warme Umarmung. Eine Geschichte über den Mut, sich selbst zu finden und über die Kraft, die einem die richtigen Menschen verleihen können.»
Nina von @onetruebooknerd
ISBN 978-3-7296-5214-9
9 783729 652149