

Alberts Tour
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ISBN:978-3-7296-5217-0
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WiemeinGrossvaterseinFahrrad nahmundverschwand
UnserLebengleichtderReise einesWandrersinderNacht JederhatinseinemGleise etwas,dasihmKummermacht.
LudwigGiseke,«Nachtreise»
DasHaus,indemichaufgewachsenbin,hatteeinen Puls.Eindunkles,ruhiges,regelmässigesKla-klumm. Geborenwurdeich1982imSpital,abergrossgewordenbinichinderWohnungüberderFabrik. UnddieseFabrik,diehatteeinenHerzschlag.Man konnteihnhören,mankonnteihnspüren.Klaklumm … kla-klumm … kla-klumm.Nichtshat michalsKindsoberuhigtwiedieserruhige,regelmässigePuls.OftlegteichmichinderMitteunserer StubeaufdenTeppich,dortwodieSonnehin schien,undhörteeinfachnurdemHerzschlagdes Hauseszu.Kla-klumm … kla-klumm.
DasHerzstandimKellerundwareineDruckmaschine.DieseverarbeitetegrosseKartonbögen,die beiunsimHauserstbedruckt,danngestanzt,gerillt, gefalzt,geklebtundgefaltetwurden,bisausihnen schliesslichZahnpastaschachteln,Bonbon-Böxchen undMedikamentenverpackungenwurden.DieLuft imBetriebwartrockenundetwasstaubig,erfüllt vomGeruchnachKarton.UndüberderFirma,im drittenStock,lagenzweiWohnungen.Indereinen wohntenmeineEltern,meinedreiBrüderundich, inderandernmeineGrosseltern,AlbertundLouise.
LouisetruggeblümteKleider,ginglangsamund humpelteleicht.Siewarschnellgerührt,ihreAugen träntenbeijederGelegenheit,undsiehatteeine grosseBiskuitdosemiteinemSchmetterlingdrauf, dienieleerwurde,egal,wievieleKekseichass.Sie hatteihreWohnungmitvielHolz,mitwarmenFarbenunddunkelrotenTeppichenausgestattet,ihr
Porzellangeschirrwarmitfeinen,goldenenVerzierungenbemalt,dieTässchenhattenfiligraneHenkel,unddarausserviertesiedünnenInstant-Kaffee, vondemauchichbereitskostendurfte.AlbertwiederumgingnochlangsameralsLouise,abermeistens sasserinseinemSchaukelstuhlundlas1 .Oderer schlief.ErhatteschlohweisseHaareundeinrundes, weichesGesicht,trugeinedickeHornbrilleundwar derliebevollsteSchmunzler,denmansichdenken kann.AmliebstenamüsierteersichübermeineEinfälleundKindereien.AlbertkanntealleAntworten aufdieFragenimKreuzworträtselbuchunder konntesolangealteLiederundGedichteaufsagen, bisLouisefand,esseijetztgenug.
AlbertsHändewarenfaltigundzittertenundfür meinliebstesSpielwarensieunverzichtbar.Nichts machteichlieber,alsunsereHändeabwechselnd übereinanderzulegen.DannzogderjeweilsUnterste seineHandhervorundlegtesieobendrauf,dannder nächste,undüberkurzoderlanghattenwirein Hände-Chaosundlachten,dassesunsschüttelte. MitseinerRechtennahmAlbertjedenAbendseinenhölzernenSpazierstockundgingeinegrosse,gemächlicheRundedurchdenBetrieb.DieDruckmaschineimKellerhatteergemeinsammitmeinem Vatergekauft,späterhatteerihmdieFirmaübergeben.VonaussenbetrachtetwarunsereFabrikein wuchtiger,gelberIndustrieklotz,derineinemMeer ausanderenwuchtigen,grauen,blauen,beigenoder verglastenIndustrieklötzenlag.DieeinzigeAb-
wechslungimQuartierwardieKläranlagemitden offenenKlärbecken,diemanabereigentlichkaum roch.DafürkonntemanvonAlbertsundLouises BalkonausdenBussardenbeimMäusejagenzuschauen.AndereKindersindaufdemLandaufgewachsen,indenBergen,inderNatur.MeineBrüder undichsindineinemIndustrieviertelinderNähe vonBaselgrossgeworden,umgebenvonBetonund Asphalt,aberauchineinerUmgebung,dienachts undamWochenendestillerundleererwaralsviele Bergtäler(oderwenigstensvondeutlichweniger Touristenheimgesuchtwurde).WirhattenPlatz ohneEndeunddurftensolautsein,wiewirwollten. EsgaballerhandGeheimgänge,VersteckeundTunnel,undwirveranstaltetenWettrennenmitGabelstaplern,waswireigentlichnichtdurften.Noch heutefühleichmichzuIndustriegebietenstärker hingezogenalszuSchneebergen,unddasGeräusch, dasbeimirzuverlässigeinwohligesGefühlvonHeimat,vonzuHause,ja,vonleisemHeimwehauslöst, dassindwederJodel-nochAlphornklänge,sondern daslanggezogeneFiiiep-fiiiep-fiiieplangsamzurücksetzenderLastwagen.
UnteninderFabrikarbeitetemeinVatermit etwafünfundzwanzigAngestellten.Darüberlebten AlbertundLouiseTüranTürmituns.Diezwei warenimmerfürmichda.Siewarenda,alsichein Kindwarundkuschelnwollte.Siewarenda,als michLouisedasSchuheBindenlehrte,warenda,als mirAlbertdasSchachspielenbeibrachte.Siewaren
da,alsichindieSchulekam,wennichvonder SchulenachHausekam,warenda,wennmeineElternunterwegswarenundichbeiihnenzuMittag ass.SiewarendaanWeihnachtenundGeburtstagen,anMontagenundFreitagen,warenda,alsich grösser,kräftiger,selbstständigerwurde,undichwar da,alssiemüderundvergesslicherwurden.Ichwar da,alssieHilfebrauchten.Ichwarda,wennmeine Mutter(oderauchmalich)AlbertdieKompressionsstrümpfeanzog.Ichwarda,alsstetswenigerund dannfastgarnichtsmehrging.UndalsAlbertsLebenimSeptember1998zuEndeging,dawarich ebenfallsda.
LouisestarbwenigeJahrespäter,undmitmeinen GrosselternverschwandihreZeit.Esverschwanddas StaunenüberdieZeppelineausLouisesAugen,es verschwandendieGedichteausAlbertsMund.Es verschwandenihreGeschichtenundihreGeneration.AusderWohnungmitdenwarmenFarbenwurdeeinBüromitDeckenleuchtenundblauem Spannteppich,undwenigspäterzogichvondaheim aus.VonAlbertundLouisebliebenwohligeErinnerungen,einigeErbstückeunddieBiskuitdose,die nunbeieinemmeinerBrüdersteht.Ichselbsterbte denSchaukelstuhl.VonAlbertbliebzudemein knapphundertseitigerText.Esisteineherspröder Bericht,dersichprimärumdieFirmadreht,sich immerwiederinExkursenverliertundallesinallem soumständlichgeschriebenist,dasserauchbeikleinerenLiteraturpreisenwenigChancenhätte.Zwar
lerntmanbeiderLektüreWortewieKreisschere, Ritzbalken,Universalstanze,Rändel-,UmwickeloderRotationsbiegemaschinekennen,aberseine Memoirenenthaltenwederbesondersüberraschende WendungennochfeinverwobeneSpannungsbögen oderdramaturgischgeschicktangelegteKonflikte.
AlbertwarkeinSchriftsteller,keinBonvivant,kein ErfinderundkeinAbenteurer,undauchvonBanküberfällenisternüchterndwenigbekannt.Seine WortespiegelneinenMann,dergernarbeitete,seineLouiseliebte,seineKinder,dieEnkelkinder,das Wandern,dieGitarreunddenSchwarzwald,undals mirderTextvoreinpaarJahrenperZufallwieder indieHändekam,hätteichihnwohlbaldbeiseitegelegt,wäreichnichtüberdieseeineStellegestolpert.DiesekurzePassageinseinemLeben,inder plötzlichallesanderswar.UndzwarimSommer 1939,kurzvorAusbruchdesZweitenWeltkriegs.
DieZeitschrittunaufhaltsamfort.Derpolitische Himmelverdüstertesichimmermehr.Am 15.März1939erfolgtedieBesetzungderTschechoslowakei.ImLaufedesMaimonatswurdedasBataillon,demichzugeteiltwordenwar,zueinem14tägigenWiederholungskurseinberufen.Kurz,die Lagewurdebedrohlicher,dieKatastrophekamimmernäher.
InZürichwardieLandesaustellung1939eröffnet worden.SiestandeindeutigimZeichenderLandesverteidigungunddesWiderstandswillens.Ichbe-
sannmichunderinnertemichandieLageimAugust1914,damalsinLörrach-Stetten.Ichfragte michimmerwieder,hatteeseinenSinn,weiterzuarbeiten?Immerunruhigerundunschlüssigerwurdeich.IchnahmmeinFahrradundfuhrmitder BahnnachZürich.
IchgingüberdieHöhenstrassederLandesausstellungmitdenWappender3’000SchweizerGemeinden,vorbeianderStatuedesdenWaffenrock anziehendenSchweizerMilizenunddemBild «DasLiedderHeimat».
IchholtemeinFahrrad,dannfuhrichder SchweizundderSchweizerGeschichtenach.Mein WegführtedurchdasSihltalnachMorgartenund Schwyz,durchdasMuotathal,überdenPragel nachKlöntalundGlarus,überNäfelsunddenKerenzerbergnachChur,FlimsundDisentis,über denOberalpnachAndermatt,Göschenen,Altdorf, Brunnen,BeckenriednachStans,Sachseln,Brünig, GrimselnachBrig.WiedermitderBahnnach KanderstegundmitdemFahrraddannüberBern nachLaupenundMurten.WiedermitdemRad zurücknachBern,inmeineHeimatgemeindeReisiswilunddannüberSempachzurücknachZürich undmitderBahnnachHause.
Nunwarichruhigergewordenundwusste,was ichzutunhatte.
AlbertsZeilenirritiertenmich.Siewühltenmich auf.Dersonstsozuverlässige,soberechenbareAl-
bertliessLouisemitdenbeidenkleinenTöchtern zuHausezurück.LiessseineElternzurück,liessdie Firma,dieAngestelltenundseineArbeitzurück. ÜbersiebenhundertKilometerkurvteerscheinbar ziellosdurchsLand,überquertedreigrosseundallerleikleinerePässe,kraxelterundsiebentausendHöhenmeterbergaufunddasallesnur,ummitdem ebensowundervollen,wievieldeutigenSatzzuenden:«Nunwarichruhigergewordenundwusste, wasichzutunhatte.»
DieSachebeschäftigtemich.Wasgenaupassierte hiermitdir,lieberAlbert?Waswardasfüreine Zeit,dieserSommer1939,dieserSommer,indem dasLebennormalweiterging,obwohllängstnichts mehrnormalwar?WiekamstdumitdiesersurrealenSituationzurecht?Wiegingstdudamitum,dass dieZeitungenschonlangenichtmehrdarüberspekulierten,obeinneuerKriegausbrechenwürde, sondernlediglich:wann?Wiegingesdirindieser irrwitzigenZeit?WasfühltestduinjenenWochen undMonaten,konntestdumitirgendwembesprechen,wasdichumtriebundwennja:mitwem? Wasbewogdich,ausgerechnetindieserZeitzueinerFahrradtouraufzubrechen,waserlebtestduunterwegsundwasnahmstduvondeinerReisemit? WeshalbwarstduamEnderuhigerundwasmeinst dudamit,dassdununwusstest,waszutunwar?
AllesandereindeinemLebenpasstnahtloszusammen.AlleanderenSteinchenfügensichzueinemMosaik,daseinenzuverlässigen,einenverant-
wortungsbewusstenundja,vonmiraus:vielleicht aucheinenetwasbiederenMannzeigt.DeineTour istderStein,dernichtsitzt.DieEpisode,dieaus demRahmenfällt.DerSommer1939spicktedich ausderBahn.Undwastatstdu?Dunahmstdein Fahrrad.Dufuhrstdavon.
DieWelthatFeuergefangen.RundumAlbertlodernFichten,Buchen,Tannen;dieHügelglühen, dieLuftflimmertundkocht.SeinAtemrasselt,sein BlickirrlichtertüberdieGlut.Vorihmstürzteine Kiefer,fälltkrachendundberstendzuGrund,zerspringtinwirbelndeFunken.PanischschautAlbert sichum:Flammen.FlammenundnirgendseinAusweg.VonfernhörterSchritte,Stiefel,rhythmische schwereTritte,dienäherkommen.Plötzlichsteht Franznebenihm,Franzchen!«Wobistdugewesen,Albert?»,fragtderJungetraurig.«Ichhabe dichgesucht.»
Albertschreckthoch.Liegtkeuchend,schiefund verheddertimBett.SeinHerzhämmert,Schweiss rinntihmübersGesicht,derSchlafanzugklebtihm amLeib.BenommentasteternachdemNachttisch, nachseinerUhr.Esistkurznachhalbvier.Louise atmetregelmässigundruhig,Albertaberistalarmiert.SeineUnterarmeschmerzenvorSpannung, undüberseinenRückenkribbelteindrohendes, dräuendesGefühl.AlszögejederMuskelineineandereRichtung.DanntrifftihneinSchlaginden Magen.Nocheiner.Albertkrümmtsichund schnaubt.SeineGedankenverheddern,verknoten sich.Bildersteigeninihmauf:Franzchen,dieStrassen,dieMäntel,dieGewehrläufe,derJubel,dasHitlerporträtunddieHütteimWald.Wiederein Schlag.Undnocheiner.BeinaherhythmischverkrampftsichseinLeib;krümmtihn,schütteltihn –Schluss!
ErbeisstsichindieLippe,stemmtsichgegendie Matratze,hievtsichschnaubendausdemBett. Schlottertzwar,abersteht.Louisemurmeltim Schlaf.ErtaumeltindieKüche,reisstdasFenster auf,stemmtseineHändegegendenRahmenund beugtsichhinaus.KühleNachtluftumfängtihn. LangsamberuhigtsichseinAtem,beruhigtsichsein Puls.VorihmliegtdienächtlicheStrasse,gluckert leisederBach,unddieNachtlufttutso,alswäre nichts.Vertraut,süssundschwerliegtderGeruch desnahenZoosinderLuft,Schornsteineund KirchtürmereckenihreSilhouettenindenNachthimmel,amHorizonterkennterdieUmrissedes Feldbergs.ErneutsteigenBilderauf:dieFlaggen,der Schwarzwald,dieStiefel.AlbertstösstLuftaus,sovielerkann – undinseinemKopfwird’ smiteinem Malstill.Unsicherwarteterab;lauscht,fühlt,prüft dienochbrüchigeRuhe.
ErhorchtindieStille:nichts.SeinZitternhat aufgehört,seinBauchschmerzt,dochdieSchläge sindweg.Mehrnoch:DieWelterscheintihmmit einemMalklarer.Eindeutiger,einfacher.WochenlangwarerdurchdenNebelgewatet,warmehrneben,alsbeisichgestanden,hatteLouise,hatteauch dieKinderkaumwahrgenommen – jetztistihm klar,wasertunwird.Ruckartigrichtetersichauf, trittindenFlur,kipptdenLichtschalterundkramt seinenRucksackausdemSchrank.InderStube suchterseineLandkarte,Brieftasche,Jacke,dann löschterdasLicht.VorsichtigöffneterdieSchlaf-
zimmertür,nimmtHemden,Socken,einenPullover ausdemKleiderschrank,ziehtsichan,nimmtGeld ausderKommodeundvomNachttischseineleise tickendeUhr.EinenkurzenMomentbetrachteter dieschlafendeLouise.DannziehterdieTürhinter sichzu.
ImFlurschiebterdieKleiderindenRucksack, öffnetbehutsameineweitereTür.ImKinderbett liegtdieFünfjährigekomplettquer,unddieZweijährigeschläftmitdenFingernimMund.Albert streichtderKleinenüberdieWangeundderGrossensanftübersHaar.DannschliessterdieAugen undwendetsichab.Soleiseerkann,ziehterdie TürinsSchloss.InderKücheziehtereinenNotizzettelundeinenkurzenBleistiftausderSchublade. SeineHandzittertmehr,alserwill.
«Binweg.Kommewieder.Albert.»
GeburtstagesindnichtmeineStärke.Ichbinmirbis heuteniesicher,welcheJahrgängemeinegrossen Brüderhaben,unddieGeburtstagemeinerEltern verpasseichzuverlässig.DereinzigeGeburtstag,den ichmirimmerschonmerkenkonnte,istdervonAlbert:der26.Mai1900.AlbertwurdeinBaselgeboren,wuchsaberennetderGrenzeimSüddeutschen auf.InLörrach.DorthinwarenseineEltern – AlbrechtundStephanie 2 – ausgewichen,weilinBasel keinAnkommenwargegendiekartontechnische Konkurrenz.SchonAlbertsElternhattenSchachtelnproduziert.SiemieteteneinenSaalüberdem Wirtshaus«ZumKrokodil»undfertigtendortin HandarbeitVerpackungenfürKnopffabrikenund Webereien.
AlberthattealsoeinenSchweizerPass,wuchsaber imdeutschenKaiserreichauf.Dasheisst:Natürlich hatteernichtwirklicheinenSchweizerPass.Auch seineElternbesassenkeinePässe.DieGrenzewar blosseineLinieaufderLandkarteundimAlltag ganzeinfachnichtrelevant.Warenmusstenverzollt werden,ja.AberMenschenspaziertenvölligselbstverständlichvonhübennachdrübenundwiederzurück.Undwernichtspazierte,fuhrmitderStrassenbahn.KontrolliertwurdenlediglichdieFahrscheine. AlbertundseineElternbesuchteninderSchweiz Verwandte,gingenzumMarktodereinfachflanieren.DieGrenzewarda,klar – abernur,wennman ansiedachte.
PostkartenderJahrhundertwendezeigenLörrachals DorfimUmbruchzurStadt:einGewirrkleinerer Häuschendurchsetztmitetwasgrösseren,aberauch nichtriesigenFabriken.DarüberKirchtürme,IndustrieschornsteineundaufeinemHügeleineBurg. LörrachhatteBauernhöfe,Gesangsvereine,Gartenwirtschaften,eineSynagoge,einenSchützenverein, hatteSchmiede,Kutscher,Wäscherinnen,Kindermädchen,muhendeRinder,kreischendeGockel, knatterndeLokomotiven,HutmacherundLedergerber,einenMarkt,einenParkundeinRathaus.Und überdem«Krokodil»,umgebenvondenGerüchen nachLeimundKartonunddemlebensfrohenLärm derGaststube,lerntederkleineAlbertkrabbelnund brabbeln,sprechenundgehen.DannwurdeimSaal einKinoeingerichtet,undAlbertsElternzogenmit ihmindenOrtsteilStetten,dernochnäherander SchweizerGrenzelag.Hierstromerteerdurchdie Hinterhöfe,hierkamenseineBrüderOtto(1905) undPaul(1909)zurWelt,undhierwurdeAlbert mitfünfJahreneingeschult.
VonnunanmussteersichalsJüngsterineiner KlassevonfastfünfzigJungenbehaupten.Glücklicherweiseverstandersichmitvielenganzgut.Mit FranzchenetwaodermitdemlangenHans.Auch denkurzenHansmochteer,genausowieOskar,der stetseinenSpruchaufLagerhatte.Dannwarenda nochderkrummeFritzundderroteHerbert,und überhauptwardaeineganzeBandevonBuben,die imSchulzimmermitMühestillsassenundinder
FreizeitRadaumachten.SiebasteltenAngelruten, spieltenmitMurmelnundtriebenHolzreifenmit einemSteckenvorsichher.Sierangeltenundrauften,balgten,schrien,strittenundversöhntensich underfandenSpiele,SpässeundStreiche.Alberts Kindheitwarzwarnichtimmereinfach,aberich stellesiemirdurchausidyllischvor.WenigstensausserhalbdesKlassenzimmers.
LehrerKrausesahesalsseineAufgabe,ausungestümenBubendienstfertigeUntertanendesKaisers zuformen,wasermitstrengenWortenundnoch strengeremRohrstockanging.SchonfrühgewöhntensichdieBubenanGeschreiundGehabe,HierarchienundAutorität.EinmalschleppteKrausedie KlassefrühmorgenszumBahnhofundstelltesie dortinReihundGliedauf.Stundenlangstandendie KinderandenGleisenunddasallesnur,weilauf derBodensee-InselMainauderGrossherzogLudwig gestorbenwarundaufdemWegzurBestattungin KarlsruheinLörrach-Stettenvorbeikam.Schliesslich ratterteeineLokomotivemiteinemeinzelnenWagenvorbei.AlbertundseineKameradenmachten aufKrausesKommandoernsteGesichterund strecktenihreHändezurMütze.
BahnhofBasel,beinahenochNacht.DieGeräuschkulissedergrossenHalleisteinvielstimmigesRaunen.WieeinKonzertsaalbeimStimmenderInstrumente.Schritte,Stimmen,Quietschen,Rumpeln, HustenundKlopfenhallenvondenWänden,flach einfallendesMorgenlichttauchtdieHalleinGold. AlbertschiebtseinleiseklickerndesFahrradins grosseGemurmel,mitfeinemQuietschenbringter esvordemSchalterzumStehen.HinterderGlasscheibeblicktihneinejungeFrauschonrechtaufgewecktan.«NachZürichbitte»,sagter.«Einfach.» UndergänztaufihrenfreundlichfragendenBlick: «DritteKlasse.»
Wenigspäterwillihmjemandden«EisernenBesen»verkaufen,einbraunesKampfblatt.AlbertverziehtdasGesichtundgehtwortlosandemMann vorbei.EreiltzumPerron,hievtseinRadinden GepäckwagenundnimmtselbstPlatzaufeiner HolzbankineinemnichtsonderlichvollenWaggon. DieanderenFahrgästegähnen,vieledösen.Langsam setztsichderZuginBewegung.VordenFenstern siehtAlbertdieStadt,denStadtrand,dieersten Dörfervorbeiziehen.Muttenz,Pratteln,Augst, Rheinfelden.RumpelndesAnfahren,klackernde Fahrt,quietschendesBremsen:diewiederkehrenden StropheneinessehrlangenLieds.ImInnerndes WaggonsübertönendasKlappernderFensterund dasDröhnenderRäderdiespärlichenGespräche. VorseinenAugenfliegengrün-grau-gelbeKleckse vorbei.BlendendgewinntdieSonneanHöhe.
Albertistaufgewühltundzugleichsonderbarentspannt.ErhateinenungefährenPlan:nachZürich unddannweiter,abernichtsistvorgespurt.Er kenntdieseAussicht,erwirdsichtreibenlassen. WiefrüherimSchwarzwald,mitdenlangenund kurzenHansen,mitFritz,Franzchen,Oskarund denandern.Damalsals …
«WollenSie?»DerSitznachbarstrecktihmeine Zeitungentgegen,unddernachdrücklicheTonverrät,dasserwohlnichtzumerstenMalfragt.Ister abgeschweift?Warereingenickt?«Hier»,sagtder Mann.«IstaufjedenFallbesser,alsausdemFensterzustarren.Undichmussjetztsowiesoraus.»
«Wieweitsindwirdenn?»,fragtAlbertund greiftnachdenBlättern.
«KurzvorBaden.»
AlbertlegtdieZeitungaufdieBanknebensich. Schautnochetwaslängerhinaus,nimmtdanndoch dasPapierundblättertlustlosdurchdieSeiten. «Nichtangriffspakt»stehtdaunddasWortliest sichwieeineDrohung.SeitWochenschonstreiten sichDeutscheundPolenumDanzig.SeitTagen brenneninBöhmendieSynagogen.AufSeite4ist einBaslerKlavierlehrervoneinemBesuchennetder Grenzenichtheimgekehrtundspurlosverschwunden.UndaufSeite5wirdberichtet,dassdeutsche SchulbücherdieSchweizals«historischenIrrtum» undTeilDeutschlandsdarstellen.«Krieg»stehtda, «Kriegsgefahr,Kriegsvermeidung,Kriegsvorbereitung».SeinMagenverklumptsich.Erblättertvor-
wärtszumSport.«SegelregattaaufdemThunersee»liester.«KalterWindausNordwest.Ein spannendesRennenbiszumSchluss.Klassement:1. Föhn,2.Stine,3.Aloha,4.Passat.Espoir:aufgegeben.»Espoir:aufgegeben.Albertseufztundfaltet dieBlätterzusammen.
«Warum? Vielleicht ist das eine dumme Frage, aber: Warum berührt mich diese Geschichte überhaupt? Was hat sie mit mir zu tun? Worüber zerbreche ich mir hier den Kopf? Mein Grossvater hat vor fast 100 Jahren den Krieg kommen sehen (was keine Kunst war) und ging auf eine Fahrradtour. Und das ist eigentlich alles, was ich weiss.»
Dies ist Albert Meyers Geschichte, der sich im Sommer 1939 auf sein Fahrrad schwang und verschwand. Er fuhr dem drohenden Krieg davon, seinen Sorgen und seinem Weltschmerz. Er fuhr über 700 Kilometer durch die Schweiz, überquerte mit seinem Dreigänger mehrere Alpenpässe und befasste sich mit seiner Rolle in einer unsicheren Zeit, bis er Ruhe, Klarheit und Zuversicht fand. Dann kehrte er zurück. Und es ist die Geschichte seines Enkels, der die Reise durch die Schweiz Jahrzehnte später wiederholt, zunächst ohne einen tieferen Sinn darin zu erkennen. Erst im Nachhinein, als er selbst an einem Wendepunkt im Leben steht, eröffnet sie ihm neue Perspektiven.