Die Schweizer Gesellschaft befndet sich im Wandel. Selbstverständlichkeiten früherer Jahrzehnte – etwa ein unhinterfragtes Vertrauen in die Medizin – werden heute differenzierter betrachtet. Medizinische Fortschritte ermöglichen ein höheres Lebensalter, zugleich rücken Hochaltrigkeit und die damit verbundenen Einschränkungen stärker ins Zentrum der Fragen nach Lebensqualität und Autonomie. Gestorben wird längst nicht mehr „einfach so“; das Wie des Sterbens ist Teil individueller Vorstellungen geworden.
Auch wenn das Thema Tod und die Frage nach einem Danach vielfach tabuisiert bleiben, beschäftigen sich viele Menschen intensiv mit ihrem Lebensende. In der Spitalseelsorge begegnen wir immer wieder Menschen, die Fragen rund um Sterbewünsche bewegen – sei es in Bezug auf sich selbst oder auf nahestehende Personen wie Eltern, Grosseltern, Geschwister oder Kinder. Wie möchte ich einmal sterben? Was kann oder muss ich tun, damit dies – soweit möglich – meinem Verständnis von Würde entspricht? Patientenverfügungen, informierte Angehörige oder auch die Anmeldung bei einer Sterbehilfeorganisation sind Ausdruck dieser Auseinandersetzung.
Entgegen verbreiteter Annahmen hat auch in den christlichen Kirchen ein differenziertes Umdenken stattgefunden. Ja, das Leben ist ein Geschenk Gottes. Zugleich dürfen und müssen wir uns den Fragen stellen, was für den Einzelnen als lebenswert empfunden wird – ohne vorschnelle moralische Urteile. Der Wunsch nach einem würdevollen Sterben ist zutiefst menschlich und eng mit der eigenen Biografe, den Lebensumständen und gemachten Erfahrungen verbunden. Einsamkeit, fnanzielle Belastungen oder unerträgliche Schmerzen können verständliche Fragen nach einer Verkürzung von Leiden aufwerfen.
Unsere 37 Seelsorgenden, die an über 30 Spital- und Klinikstandorten tätig sind, setzen sich bewusst und professionell mit diesen Themen auseinander. Im Jahr 2025 haben Silke Winkler und André Böhning gemeinsam mit der Dienst- und Fachstelle Spitalseelsorge eine Handreichung zum Umgang mit Sterbewünschen erarbeitet. Weitere Informationen dazu fnden Sie auf Seite 6.
Gleichzeitig ist unsere Arbeit nicht allein vom Thema Sterben geprägt. Es sind auch die vielen kleinen, heilsamen Momente, die wir mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen sowie Mitarbeitenden teilen und würdigen dürfen. Lassen Sie sich von den Einblicken aus unserem seelsorglichen Alltag mitnehmen.
Es ist uns eine Ehre und Freude, gemeinsam mit Behandlungsteams, Pfegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzten, Direktionen – und vor allem mit Patientinnen und Patienten sowie ihren Zugehörigen – in Ambulatorien wie auf den Stationen unterwegs zu sein. Unser Dank gilt allen Kirchensteuerzahlenden sowie dem Kanton, die diese wichtige Dienstleistung ermöglichen.
Titelbild: Die Lichtsäuleninstallation im neuen Kinderspital «Sternstaubgewürfel - Starmix» stammt vom Schweizer Künstler Raphael Hefti. Es ist eine zwölf Meter lange, handgefertigte Skulptur aus glänzenden Glasrohren.
Bild: «Sonic Droplets - Amber» von Haegue Yung (2024) im neuen Raum der Stille, Kinderspital Zürich.
Bild: Treppenaufgang vom Untergeschoss, alle Räumlichkeiten sind grosszügig und hell gestaltet.
Spital- und Klinikseelsorge der katholischen Kirche im Kanton Zürich
Sabine Zgraggen (Spital- und Klinikseelsorge)
Sabine Zgraggen, Medienstelle der Katholischen Kirche im Kanton Zürich
Magdalena Thiele
Staffel Medien AG, Zürich
BalancePur: hergestellt aus 100% Recyclingfasern und mit dem Umweltlabel «Blauer Engel» zertifiziert
Strategisches & Projekte
Neuer Kompass für die Jahre 2026 - 2031 – Sabine Zgraggen, Dienststellenleiterin
Einen Strategieprozess anzugehen, ist immer spannend – besonders dann, wenn er grundlegende Fragen berührt. Im Jahr 2025 hat sich das Leitungsgremium dieser Aufgabe gestellt und den Blick nach vorne gerichtet: Wohin soll und darf sich eine kirchlich fnanzierte Spitalund Klinikseelsorge entwickeln, die mitten in einer postsäkularen Gesellschaft verankert ist?
Im Zentrum standen die Menschen und ihre Bedürfnisse. Was brauchen sie heute, wenn sie in ein Spital oder eine psychiatrische Klinik eintreten? Und wie verändern sich diese Bedürfnisse angesichts der starken ambulanten Entwicklung? Stationäre Aufenthalte werden kürzer, das persönliche Leiden jedoch nicht kleiner. Ambulante Krebsbehandlungen, Bestrahlungen, Dialysen oder psychiatrische Tageskliniken nehmen stetig zu.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine strategisch anspruchsvolle Frage: Wie organisieren wir die Spital- und Klinikseelsorge mit den vorhandenen Ressourcen so, dass sie dort wirksam wird, wo der Bedarf am grössten ist? Präsenz überall ist nicht möglich. Umso entscheidender ist ein funktionierendes Meldesystem. Dafür braucht es geschultes Pfegepersonal, das spirituelle oder religiöse Anliegen der Patienten erkennt, persönliche Beziehungen zu den Seelsorgenden pfegt und auf deren verlässliche Präsenz zählen kann.
In Projektgruppen, mit externer Beratung, unter Einbezug der Beratenden Kommission, durch Interviews mit Spitaldirektionen, Politik und dem nationalen Berufsverband für Spitalseelsorge (BSG), entstand so ein neuer Kompass für die Jahre 2026–2031. Anfang 2026 geht die neue Strategie in die Vernehmlassung des Synodalrats. Wir freuen uns darauf, unsere Dienstleistungen zeitgemäss, fokussiert und gut aufgestellt für die Gesellschaft ein-
Das Projekt «Ich kann nicht mehr» widmet sich dem sensiblen Thema des Umgangs mit Sterbewünschen in der Seelsorge. Unsere Seelsorgenden sehen sich in ihrem berufichen Alltag immer wieder mit solchen Wünschen konfrontiert. Diese werden jedoch selten direkt geäussert, sondern meist angedeutet oder umschrieben. Die Erfahrung zeigt, dass hinter diesen Äusserungen selten ein eindeutiger Sterbewunsch steht. Vielmehr sind sie Ausdruck von Leid wie Erschöpfung, Schmerzen, Abhängigkeit oder Einsamkeit.
Das Projekt basiert auf der Erkenntnis, dass der Umgang mit Sterbewünschen besondere Empathie und Achtsamkeit erfordert. Es geht nicht um die Suche nach schnellen Lösungen, sondern um eine respektvolle und wertschätzende Haltung gegenüber den Betroffenen. Seelsorgende erhalten praxisorientierte Unterstützung, um mit Offenheit und ohne voreilige Bewertungen solche Gespräche zu führen und die eigenen Grenzen wahrzunehmen. Im Fokus steht die Anerkennung der Autonomie der betroffenen Person sowie das Zulassen von Ambivalenzen in dieser schwierigen Lebensphase.
Daraus haben sich Veranstaltungen wie «Wie will ich einmal sterben?» sowie Fortbildungen mit verschiedenen Zielgruppen ergeben. Diese haben den Dialog über Sterbewünsche und ein würdevolles Lebensende positiv angeregt. Für 2026 sind bereits zwei Fachkonferenzen geplant. Wir sind gespannt, welche Kreise dieses Projekt noch ziehen wird.
900 Exemplare der Handreichung wurden bereits verteilt (Bezug unter spitalseelsorge@zhkath.ch - 10 CHF).
Ausstellung Cicely Saunders – Daniel Burger-Müller, Fachbereichsleiter Palliative Care
Anlässlich des 20. Todestags der britischen Ärztin, Pfegefachfrau und Sozialarbeiterin Cicely Saunders fand in der Predigerkirche eine Wanderausstellung statt, die an ihr Leben und Wirken erinnerte. Saunders gilt als Pionierin der modernen Hospizbewegung und hat Massstäbe in der palliativen Begleitung gesetzt. Als umtriebige, wissenshungrige, visionäre Powerfrau aus Grossbritannien gründete sie 1967 in London das St. Christopher's Hospice, das erste moderne Hospiz der Welt. Dort verband sie medizinische Kompetenz mit Palliativpfege, seelsorglicher Begleitung und sozialer Unterstützung – ein bis dahin einmaliger Ansatz. Cicely Saunders Ideen verbreiteten sich rasch international und beeinfussten die Entwicklung von Palliativmedizin und Hospizdiensten weltweit.
Ihr berühmtes Zitat «Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben» stand auch im Zentrum der Ausstellung in der Predigerkirche. Die Wanderausstellung über das Leben und Vermächtnis der Pionierin war von der Saunders-Kennerin Dr. Martina Holder-Franz konzipiert worden.
Über 350 Personen hatten die Ausstellung in Zürich und/ oder eine der drei Begleitveranstaltungen besucht und konnten so die «grande dame» der Palliative Care, ihre Geschichte und die Gegenwart von Palliative Care in Zürich kennenlernen.
Umsetzung des Verhaltenskodex in der Spital- und Klinikseelsorge –Maria Kolek Braun, Regionalleiterin
Der Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht in der Kirche, ist für die Spital- und Klinikseelsorge von grosser Bedeutung, da unsere Arbeit oft emotionale und körperliche Nähe erfordert. Deshalb hat sich eine Projektgruppe – bestehend aus Maria Kolek Braun, Bernd Siemes (Teamleiter USZ) und Markus Holzmann (Teamleiter Triemli) – mit den Vorgaben des Kodex auseinandergesetzt und sie für die Seelsorgearbeit im Spital konkretisiert. Es gibt keinen neuen Verhaltenskodex, sondern ein praktisches Arbeitsinstrument, das konkrete Situationen im Umgang mit vulnerablen Menschen thematisiert. Es dient der Refexion des eigenen Verhaltens und sensibilisiert für bewusstes Handeln.
Entstanden ist eine Broschüre und ein Kartenspiel, das relevante Aspekte des Kodex aufgreift und mit spezifschen Standards für die Spitalseelsorge ergänzt. Teams vor Ort sind eingeladen, sich regelmässig inhaltlich darüber auszutauschen. Es geht darum, Achtsamkeit, Refexion und Transparenz im Umgang miteinander zu fördern.
Vor der Veröffentlichung wurden die beiden Präventionsbeauftragten der Kirche, Dolores Waser Balmer und Elena Furrer, in die Umsetzung eingebunden.
Die Broschüre «Verhaltenskodex zum Umgang mit Macht. Prävention von spiritueller Macht und sexuellem Missbrauch – Praxis Spitalseelsorge» und das Spiel kann in einer Box bei spitalseelsorge@zhkath.ch auf Rechnung für 20 CHF erworben werden.
Erstellt wurde das Spiel von Magdalena Thiele und Patrizia Ricci.
Bild: Aussenansicht des neuen Kinderspitals Zürich. Es fügt sich ein in den Campus der Kliniken am Balgrist. Rechts angrenzend auf der Wiese das Gelände der Universitätspsychiatrie.
Für uns stärkt das den Gedanken der Campusseelsorge und ganzheitlichen Zusammenarbeit.
Verankerung von Spiritual Care im Spital – André Böhning, Teamleiter
Ein Grundgedanke der Spiritual Care ist, dass nicht nur die Mitarbeitenden der Spitalseelsorge für die spirituell-religiöse Begleitung von Patienten und Patientinnen zuständig sind, sondern letztlich alle, die im Gesundheitswesen mit kranken Menschen zu tun haben. Die Verantwortung für die spirituelle Begleitung wird so verbreitert und von mehr Menschen mitgetragen. Damit wurde einem Anspruch der Weltgesundheitsorganisation WHO Rechnung getragen, die schon vor Jahrzehnten betonte, dass sich die Frage der Gesundheit nicht auf eine physische oder psychische Ebene reduzieren lässt, sondern jeder Mensch zudem über soziale und spirituelle Seiten verfüge. Unter der spirituellen Seite wird seitens der WHO jenes verstanden, woraus Menschen für sich einen Sinn oder Wert ziehen. Religion ist dabei nur ein Aspekt unter vielen. In der Schweiz sind wir noch weit von der Umsetzung dieses Gedankens entfernt.
Im Kantonsspital Winterthur beginnen wir nun, diese Idee in Teilen umzusetzen. Zunächst geht es darum, Pfegefachleute darüber zu informieren und zu sensibilisieren, was überhaupt eine spirituelle Fragestellung bei Patientinnen und Patienten ist. Es wird auch darum gehen, wie spirituelle Bedürfnisse bei Aufnahme oder während des Aufenthalts konkret erkenn- oder erfragbar sind. Es hilft zuweilen die schlichte Frage: «Woran leiden Patientinnen und Patienten neben oder durch die Erkrankung zusätzlich?». Und nicht zuletzt gehört die Überarbeitung des Indikationensets, worin das Seelsorgeangebot für Pfegende in vier Dimensionen dargelegt wird, dazu. Zusatzziel dieser Überarbeitung ist, dass die Indikation für das Hinzuziehen der Spitalseelsorge zu einem Patienten oder einer Patientin deutlicher wird. Wer die Grösse des Hauses kennt, ahnt, dass uns dieses Vorhaben eine Weile beschäftigen wird.
Zusammenarbeit mit der muslimischen Seelsorge –Bernd Siemes, Teamleiter
Seit über zehn Jahren besteht am Universitätsspital Zürich eine enge Zusammenarbeit zwischen muslimischen Geistlichen und dem reformierten sowie katholischen Seelsorgeteam. Ab 2018 wurden Weiterbildungslehrgänge und Praktika für muslimische Seelsorgende mit Hilfe der christlichen Seelsorge durchgeführt, wodurch Vorurteile abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden konnten. Die muslimische Seelsorge wurde zunehmend als fest verankerte Unterstützung im Spital gewünscht, nicht nur für Notfälle.
Der Verein QuaMS initiierte ein Pilotprojekt zur Integration muslimischer Seelsorgender in Zürcher Gesundheitseinrichtungen (2023–2025), in Absprache mit den Kirchen und der Direktion der Justiz und des Innern (JI), wurde das Projekt ausgewertet und zeigte muslimischen Seelsorgebedarf auf.
Im Juni 2023 konnten vier muslimische Seelsorgerinnen – Hüsne Acikgöz, Shaban Azizi, Nadja Mokdad und Ebnomer Taha – ihre Arbeit am USZ aufnehmen. Sie zeichnen sich durch Multilingualität und kulturelle Erfahrung aus. Die muslimischen Seelsorgenden besuchen Patienten mit muslimischer Religionszugehörigkeit, während die kirchlichen Seelsorgenden weiterhin alle Patientinnen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, auf Wunsch begleiten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, wie wichtig und bereichernd kulturell und sprachlich vielfältige Seelsorge ist. Wir sind gespannt, wie sich die muslimische Seelsorge am USZ weiterentwickeln wird.
Bild: Exklusiver Ausblick aus einem Patientenzimmer direkt auf den Zürichsee. Die Zimmer sind gross genug, damit die Eltern dort übernachten können.
Seelsorge im Kinderspital – Susanne Hirsch, Regionalleiterin
Nach dem Umzug, der durch das ökumenische Seelsorgeteam mit Ritualen und Angeboten unterstützt worden war, ging es im 2025 darum, die Räume im Neubau zu beleben. Advents- und Osteraktion sowie Gedenkveranstaltungen wurden übernommen und weitergeführt. Dank guter Vorarbeit durch die Seelsorgerinnen konnte im Sommer im Raum der Stille das Projekt «Hoffnungsschimmer» realisiert werden – ein Ort der Fürbitte und der Hoffnung zugleich. Auch wurden Meditationsmatten und -kissen angeschafft, die hauptsächlich vom Personal genutzt werden. Die beiden Landeskirchen haben es übernommen, für Blumenschmuck im Raum der Stille aufzukommen.
Die Neuerungen im Kispi bringen Vor- und Nachteile: In den Einzelzimmern sind Familien und Kinder ungestörter, Seelsorgegespräche einfacher möglich. Aber es sind alle auch etwas einsamer. Oder die Seelsorgenden tragen neu Spitalkleidung wie die ÄrztInnen. Das stärkt die Zugehörigkeit zum Spital, kann bei den Kindern aber auch Angst vor dieser nächsten «uniformierten» Person auslösen.
Das ganze Jahr war geprägt davon, dass Mitarbeitende, Seelsorgende und Patientenfamilien das neue Kispi in Besitz genommen haben. Und die Zukunft? Nachdem das Kinderspital 1874 bewusst konfessionell unabhängig gestartet ist, wird die Seelsorge in Zukunft wohl interreligiös sein. Denn im Januar und Februar hat Sabine Bohnert eine muslimische Praktikantin in die Seelsorgearbeit am Kispi eingeführt.
Pfr. Carola Jost und Daniel BurgerAusstellung Predigerkirche
Über das Buch:
Wie kann Seelsorge auf Sterbewünsche und assistierten Suizid angemessen reagieren?
Dieses Buch bietet praxisnahe, theologisch fundierte Orientierung für eine empathische und personenzentrierte Begleitung in existenziellen Krisen. Es beleuchtet Ursachen und Bedeutungen von Sterbewünschen sowie gesellschaftliche Entwicklungen rund um Krankheit, Autonomie und Lebensende. Kurze Fallbeispiele veranschaulichen zentrale Fragestellungen. Zugleich lädt das Buch zur Selbstrefexion ein – und unterstützt Seelsorgende und Kirche bei der eigenen Haltungsbildung.
Neu in allen Buchhandlungen oder unter www.herder.de
ISBN: 978-3-451-02539-6
Geschichten aus dem Seelsorgealltag
Stadtspital Zürich Triemli - Stanislav Weglarzy, Seelsorger
Die Notfallstation konfrontiert uns immer wieder mit tragischen Verdichtungen des Lebens. Ich erinnere mich an eine junge Frau. Als sie eintraf, war ihr Ehemann, erst 38-jährig, kurz zuvor an akutem Herzversagen verstorben. Innerhalb weniger Minuten brach ihre Welt zusammen. Ich wurde dazu gerufen. Als ich sie zu ihrem verstorbenen Ehemann begleitete, brach ihre Verzweifung immer wieder neu auf, besonders als weitere Angehörige eintrafen und sie die Todesnachricht erneut aussprechen musste. Meine Aufgabe war es, dabei zu bleiben, durch meine Präsenz Halt zu geben – mitten im laufenden Notfallbetrieb – und eine tröstende Brücke zum Verstorbenen, ihr und den Angehörigen zu bilden.
Ante Jelavić, Seelsorger
In einer anderen Situation begegnete ich einem hinduistischen Patienten, dem aufgrund seiner Diabetes-Erkrankung eine Beinamputation bevorstand. Er war geschockt und weinte. Ich sprach mit ihm nicht über Religion, sondern über seine Angst und seine Ohnmacht. Am Ende bat er mich dennoch, zu meinem christlichen Gott für ihn zu beten – ein Moment, der mir zeigte, wie Vertrauen auch über religiöse Grenzen hinweg entstehen kann.
Markus Holzmann, Teamleiter
Ein drittes Erlebnis war stiller: Die 82-jährige Patientin, zu der ich gerufen wurde, erlitt zu Hause einen Herzinfarkt. Erschwerend kam dazu, dass sie zwei Tage lang hilfos auf ihrem Küchenboden lag, bis sie von den Nachbarn gefunden wurde. Die zuständige Pfegfachfrau bat mich bei der Patientin zu bleiben, da sie sehr unruhig war. Ich setzte mich an ihr Bett, versuchte sie zunächst mit Worten zu beruhigen. Mit der Zeit sass ich nur noch schweigend neben ihr, legte ab und zu ihre Hand in meine, was dazu führte, dass die Patientin einschlief. Nach etwa 40 Minuten kam eine Pfegefachperson und löste mich ab. Sie bat mich später nochmals vorbeizukommen. Als ich etwa eine Stunde später zurückkehrte, erfuhr ich von der Pfege, dass die Patientin kurz nach meinem Weggang sanft und ruhig verstorben sei.
Ein plötzlicher Tod durch Suizid – ein Einschnitt ins Leben einer Familie. Als Seelsorger wurde ich gerufen, als Angehörige ihrer Mutter die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbringen mussten. In diesem Moment war meine Aufgabe nicht das Erklären oder Trösten mit Worten, sondern das bewusste Dableiben. Zwischen Schock, Sprachlosigkeit und aufbrechender Verzweifung galt es, Präsenz zu halten und dem Geschehen einen minimalen Halt zu geben. Ich füllte Wasser nach, öffnete ein Fenster und wies behutsam darauf hin, dass Fragen nach Schuld oder Beerdigung jetzt noch nicht beantwortet werden müssen.
Am Folgetag besuchte ich die Mutter erneut. Alles erschien ihr weiterhin unwirklich. Sie zeigte mir eine Rose, die ihr am Morgen vor der Todesnachricht ein Fremder nach dem Gottesdienst geschenkt hatte – ein kleines Zeichen, an dem sie sich festhielt. Von dort aus kamen wir ins Gespräch über ihr Leben und frühere Verluste.
DANIEL BURGER-MÜLLER
Fachverantwortlicher Palliative Care
Der Einsatz macht deutlich: Seelsorge kann das Leid nicht nehmen, aber sie kann den Raum halten, in dem Menschen in ihrer dunkelsten Stunde nicht allein bleiben. Bild: Neuer Aufbahrungsraum für verstorbene Kinder, der als "Raum der Begegnung" angeschrieben ist.
Spital Bülach – Rainer Groth, Seelsorger
Jedes Jahr, wenn wir im ersten Quartal die Liste der Trauerfamilien zusammenstellen, beginnt für mich eine Zeit des stillen Erinnerns. Beim Lesen der Namen halte ich immer wieder kurz inne. Plötzlich sind sie da – die Gesichter, die Begegnungen, die Gespräche. Ich spüre noch einmal, was diese Menschen so einzigartig und liebenswert gemacht hat. Diese Momente lassen mich tief empfnden, wie kostbar jeder einzelne Mensch ist – mit seiner Geschichte, seinem Lachen, und der Art, das Leben zu teilen. Auch wenn die Zeit vergeht, bleibt etwas von ihnen lebendig – in unseren Erinnerungen, in unseren Herzen, in dem, was sie in uns hinterlassen haben. Die Gedenkfeier jeweils im Frühling ist für mich jedes Jahr ein bewegender Höhepunkt.
Sie schenkt Raum für Stille, für Dankbarkeit und für Trost. Gemeinsam mit den Angehörigen spüren wir: Niemand ist vergessen. Die Liebe und Verbundenheit, die über den Tod hinausreichen, tragen uns weiter. Manche erfahren in dieser Feier Gott als eine Kraft, die behutsam durch Schmerz und Trauer hindurchträgt. Beim anschliessenden Apéro ist es oft ein leises Wiedersehen, ein Lächeln, ein ehrliches Wort. Angehörige erzählen, wie gut es ihnen getan hat, Teil dieser Feier zu sein. Zu erleben, dass Menschen durch mein Dasein, durch Zuhören oder einen kleinen Zuspruch wieder Hoffnung schöpfen, erfüllt mich zutiefst. Daraus schöpfe ich neue Stärke und Motivation, auch im neuen Jahr offen zu bleiben für Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen.
Daniel Burger-Müller, Fachbereichsleiter Palliative Care
Herr Büeler* erzählt viel aus seinem Leben: von seiner Jugend in einem Dorf am Zürichsee, dem harten Leben dort in jenen Jahren. Er erzählt von seinem rauhen, strengen Leben als Kranführer auf dem Bau, von Menschen, die ihn enttäuscht hatten und von solchen, mit denen er durch dick und dünn ging. Sein bester Freund ist Ron aus Australien. Seit das Krebsleiden von Herrn Büeler schlimmer wurde, telefoniert er immer wieder mit ihm. So vieles haben die beiden geteilt in der Zeit, als er in Australien lebte: manche Reisen, Feste, Abenteuer verbinden die zwei Männer. Ron würde gerne in die Schweiz fiegen und zu Besuch kommen, doch der Weg ist so weit. Da zeigt mir Herr Büeler die Angelrute. Sie war immer mit dabei auf den gemeinsamen Trips im Outback. Sie ist für Ron bestimmt. Ich biete ihm an, dass wir ja die Angelrute verpacken könnten und ich sie dann zur Post bringe. So machen wir‘s: die Angelrute wird verpackt, verschickt und wird bald in Australien ankommen. Spirituelle Begleitung ist manchmal sehr praktisch. Aber im Kern geht es darum: die Ressourcen von Verbundenheit, Freundschaft und Freude zu stärken. Das ist oft ganz einfach. Und an jenem Tag ist das gelungen.
DANIEL BURGER-MÜLLER Fachbereichsleiter Palliative Care
Die Arbeit der ökumenischen Palliativseelsorge.Begleitung daheim, geht 2025 ins achte Jahr. Mittlerweile ist unser Dienst gut etabliert unter der ökumenischen Leitung von Carola Jost-Franz (ref.) und Daniel Burger-Müller (kath.). Die Kooperation mit spezialisierten Palliativspitexen und Spitexen entwickelt sich erfreulich: unsere Arbeit kommt an. Patienten und Patientinnen, ihre Angehörigen, fnden auf der existentiell-spirituellen Ebene Unterstützung. Manchmal braucht es nur einen einzigen Hausbesuch, manchmal geht eine Begleitung über einen längeren Zeitraum.
Durch eine Pensen Reduktion stiess Ante Jelavic 2025 neu zu unserm Team. Er arbeitete sich schnell in unserm Stadtzürcher Team ein. Ante ist seit 1. März 2025 zu 10% angestellt. Der punktuelle Einsatz von spezialisierter Sozialarbeit in Palliative Care bewährt sich und wird sehr geschätzt von Pfegenden wie Betroffenen. Hier leistet die Kirche niederschwellige Soforthilfe.
Vernetzung:
Regelmässige Rapporte mit den Palliativspitex-Teams von Spitex Zürich, Onpac, Palliaviva und GZO Wetzikon sind die Basis der interprofessionellen Zusammenarbeit. Der Fachbeauftragte pfegt die Vernetzung zu Palliative Zürich-Schaffhausen und Palliative.ch. Neu gibt es auch eine Vernetzung von Akteuren, die in der Stadt Zürich spezialisierte PallCare machen. Durch diese Vernetzungen wird unsere Profession im Gesundheitswesen sichtbar und verfügbar.
Bildung:
In folgenden Bildungsformaten haben Mitarbeitende unseres Teams mitgewirkt:
• 12. Durchführung des Basiskurses Palliative Care und Spiritual Care für Seelsorgende
• Pastoralkurs 24/25 «Begleitung von Kranken und Sterbenden» in St. Luzi Chur
• Präsenz und Inputs an den «Angehörigen-Treffs» der Krebsliga Zürich
• 2 Workshops „Selbstfürsorge im Pfegealltag» für Teams der Spitex Zürich
• «Letzte Hilfe“-Kurs für den Berufsverband der Ergotherapeutinnen und Therapeuten
• Filmabend „Röbi geht“ mit anschliessendem Podium, in Kooperation von Palliaviva, Villa Sonnenberg und Palliativseelsorge Begleitung daheim.
• Sensibilisierungsveranstaltungen und Weiterbildungen zu den Themen Spiritual Care, Ethik und Trauer bei der Behindertenseelsorge Zürich, Spitex Knonaueramt, sowie zwei Freiwilligenorganisationen
• Informationsveranstaltung zum Thema «Palliative Care» in Schlieren
Fürbittentisch im Raum der Stille. Kinder wie Angehörige können hier ihre Bitten hinterlassen.
Bild:
Finanzen & Statistik
VERENA SCHUHMACHER
Leiterin Administration
Nachhaltige Beschaffung in der Spital- und Klinikseelsorge
Im Mai 2025 wurden alle Mitarbeitende der Spital- und Klinikseelsorge durch die Leiterin Administration in die nachhaltige Beschaffung eingeführt. Ergänzend zur nachhaltigen Beschaffung haben wir eine Tabelle mit möglichen nachhaltigen Lieferanten erstellt und werden diese kontinuierlich wachsen lassen. Somit können wir Synergien untereinander nutzen und gemeinsam den nachhaltigen Beschaffungsweg weitergehen.
5,4 Millionen Franken
47 ' 000 Franken
hat die Körperschaft der Katholischen Kirche im Kanton Zürich 2025 in die Spital- und Klinikseelsorge investiert.
52 ' 800 Franken
hat die Dienststelle in die Weiterbildung der Mitarbeitenden investiert.
tung bei Gottesdiensten, Veranstaltungen und Stations-Musik-Formaten ausgeben.
Bildungsangebote durch die Dienststelle:
• Palliative Care & Spiri- tual Care für Seelsor- gende
• Seelsorge für Menschen mit Demenz
Personelles
37 Seelsorgende (Theologinnen und Theologen; als Priester und Laien an 32 Standorten)