

![]()


Eine Familienaufstellung



Herausgegeben von Ursula Storch

Die „Sammlung Peschka“
Ein Familien-Nachlass im Wien Museum
Ursula Storch
Kontexte und Texte
Biogra sche Notizen zu den Korrespondenzen aus dem Nachlass Anton Peschka jun. Marie Gruber
„… die alten Sammlerideen sind unausrottbar bei mir …“
Kulturhistorische Betrachtungen zur „Sammlung Peschka“
Ursula Storch
Mangel im Über uss
Von der Leidenschaft des Sammelns
Konrad Paul Liessmann
Die „Sammlung Peschka“
Die Familien Schiele und Peschka
Kunstwerke von Egon Schiele
Der Maler Anton Peschka
Kunst von Anton Peschka junior
Anton Peschka und die Kunst Egon Schieles
Egon Schieles Atelier
Anhang Objektliste
Autor:innen, Literatur, Dank

Adolf Schiele
*8.11.18,1 † 1.1.19),

Elvira Schiele
*28.,.188( † 8.9.189(

Karl Ludwig Schiele
*9.8.1817
† ().11.1862

Aloisia (Luise) Schimak vereh. Schiele
*12.12.182, † 27.1).189)

Maria (Marie) Soukup vereh. Schiele
*2(.(.1862 † 1(.(.19(,

Leopold Czihaczek
*(1.8.18-2 † 2).2.1929

Melanie Schiele vereh. Schuster
*21.2.1886
† 29.1).197-

Egon Schiele
*12.6.189)
† (1.1).1918

Marie Schiele
vereh. Czihaczek
*26.,.18,( † 8.2.19(7

Edith Harms vereh. Schiele
*-.(.189( † 28.1).1918

Gertrude („kleine“ Gerti) Peschka
*2(.11.191( † -.1.19--


Anton Peschka
*26.,.18,9

Gertrude (Gerti)
Schiele
vereh. Peschka
*1(.7.189† -.,.1981

Anton Peschka jun.
*27.12.191† 2,.7.1997
Emilie Zwedorn vereh. Peschka
*geb 12.2.186-

Anton Peschka
*21.2.188, † 9.9.19-)

Susi Peschka
vereh. Löhner
*-.12.192)
† ().7.2)11

Egon Peschka
*18.6.1928
† 199-
Biogra sche Notizen zu den Korrespondenzen aus dem Nachlass Anton Peschka jun.1
Marie Gruber
Lebenslinien
Die historische, kunst- und kulturwissenschaftliche Bedeutung des umfassenden Korpus an Texten, Schriftstücken, Dokumenten und Korrespondenzen im Nachlass von Anton Peschka jun. erklärt sich –wie die der angesammelten Objekte und künstlerischen Werke der Familie – aus seinem Kontext: der Beziehung der Familie zu Egon Schiele (1890–1918).
Die Lebenslinien, vor deren Hintergrund die Archivalien und Objekte des Peschka-Nachlasses gesammelt wurden, beginnen bei den Großeltern von Egon und seiner Schwester Gertrude Schiele („Gerti“, verehelichte Peschka, 1894–1981), Karl Ludwig und
1 Alle hier zitierten Korrespondenzen sind aus dem genannten Nachlass in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus; sie wurden in den Originalschreibweisen transkribiert, Ausschnitte sind durch Auslassungen gekennzeichnet.
Luise Schiele. Sie erstrecken sich bis zu den Kindern von Gerti und Anton Peschka (1885–1940), der „kleinen“ Gerti, Anton jun., Susi und Egon.
Kon-Texte
Die Korrespondenzen der Familie Peschka wären ohne die Nachlassgabe durch Anton Peschka jun. (1914–1997) vermutlich nie der Ö !entlichkeit zugänglich geworden. Für die Forschung bedeuten die Dokumente neue Quellen, die in Zusammenhang mit und in einer familiären Nähe zu Egon Schiele stehen und damit bisher unbekannte Themen und Aspekte für die Wissenschaften einbringen.

1 und 2: Feldpost von Anton an Gerti Peschka, 1916
Die Textdokumente sind privat, persönlich und auch berührend. Die Familienmitglieder schrieben einander oft. Es wurde gratuliert und angekündigt, von den Landaufenthalten und Reisen berichtet oder aus getrennten Wohnungen und während des Ersten Welt kriegs korrespondiert. Die jüngere Schiele-Schwester Gerti führte mit ihrem Mann Anton Peschka über viele Jahre eine „Fernbeziehung“, vor und am Beginn der Ehe wohnten sie nicht zusammen, sondern jeweils bei ihren Familien. Anton Peschka war ein Studienkollege und Künstlerfreund Egon Schieles und wie dieser im Ersten Weltkrieg eingerückt (z. B. Abb. 1 und 2).
Gerti an Anton Peschka, 7.10.1916 (Brief)
Mir macht es ein besonderes Vergnügen auf einem schönen Briefpapier mit guter Feder zu schreiben. Wie gefällt dir dieses Papier. Ich treibe Luxus mit dem was. Aber ich hab das so gerne, ein schöner Karton, wie dieser, und darinnen nett mit Seidenbändchen gebunden die Papiere und Couvert.
Anton an Gerti Peschka, 27.10.1916 (Poststempel, Brief)
Wenn ich nicht male so muß ich schreiben und da kommt von selbst die Stimmung hinein in den Brief wie ich alles erlebe und als Dichter sähe!
Die Jahre nach dem Krieg verbrachten Peschkas Frau, die Kinder und seine Schwiegermutter Marie Schiele (1862–1935) im oberösterreichischen Kandl-

schlag, während er in Wien arbeitete, um für den schwierig zu bestreitenden Lebensunterhalt aufzukommen. Die Briefkuverts und Karten nennen die Absende- und Zustellorte, die Aufenthaltsorte geben über die erlebten Distanzen Aufschluss. Die Korrespondenzen sind die verschriftlichten Stimmen der Familie, sie halten deren Gefühlslagen, Gedanken und Ideen fest. Sie beschreiben und kommentieren ihr Leben mit und um Egon Schiele, erzählen von unterschiedlichen Alltagssituationen und sich verändernden menschlichen Beziehungen. Oft geht es darin um den Ausnahmekünstler und den Vergleich mit ihm.
Anton an Gerti Peschka, 12.10.1916 (Brief)
Egon schrieb zur selben Zeit, daß ihn die Schweiz einladet und andere Neukünstler zu einer Ausstellung in Zürich! – Wie grämte ich mich – wie beneidete ich den Glücklichen!
Gerti an Anton Peschka, 26.1.1917 (Brief)
Du weißt wie Egon ist, er hat uns schon viel versprochen und nichts gehalten, […] und was taten die Leute sie verlachten dich als seinen Schatten: Ich bitte dich wenn du mich lieb hast folg ihm nicht sonst müsste ich rein glauben du bist zu unselbständig um dich allein zu befruchten und läßt dich von jeden Menschen bereden um wieder ganz anderer Gesinnung zu sein, statt deinen Willen dein Recht und deine Ansicht zu verteidigen.

Aus den Schreiben wird nicht nur deutlich, wie verschieden sich die Künstlerleben und -schicksale von Egon Schiele und seinem Schwager Anton Peschka entwickelten. Die Nachlasstexte enthalten auch neue biografische Hinweise zur Familie Schiele-Peschka.
Die „kleine“ Gerti Peschka (1913–1944) blieb in der Schiele-Forschung bis vor Kurzem gänzlich unbeachtet, 2 sie war die Nichte Schieles, die von ihm wie viele in der Familie gezeichnet und porträtiert wurde.
Als erstgeborene, uneheliche Tochter von Gerti und Anton Peschka war sie die ältere Schwester des Nachlassgebers; ihr Leben wurde durch dessen Gabe der Nachlassdokumente an das Wien Museum erstmals besser dokumentierbar und zu einem Gegenstand der Wissenschaft.
Anton an Gerti Peschka, 4.1.1917 (Poststempel, Postkarte der Wochenzeitung Die Aktion mit einer Zeichnung von Egon Schiele, Abb. S. 91)
Gerti! Das Friedensengerl! – / Dieses Kindl ist doch ein wunderbares Werk Egons! – Ich finde daß er sich bedeutend mäßigte! – Fast akademisch muthet er mich an! – Professor Griepenkerl zeichnete genau so!
Erforschte und bis dato bekannte Schriftstücke zu Schiele sind in der Egon Schiele Datenbank der Autografen (ESDA) erfasst und zum Teil publiziert

worden. Diese Dokumente werden in Institutionen wie der Albertina, dem Leopold Museum, der KlimtFoundation und der Nationalbibliothek in Wien, dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck, dem Kunsthaus Zürich, dem Kallir Research Institute in New York und weiteren Museen, Archiven, Bibliotheken, Galerien und Sammlungen verwahrt. Die Archivalien aus dem Peschka-Nachlass des Wien Museums werden nach der Ausstellung in die Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus aufgenommen, um den dort vorhandenen Archivbestand zu Egon Schiele zu ergänzen.
Wien
1906 traten Egon Schiele und Anton Peschka in die Akademie der bildenden Künste in Wien ein. Für den 16-jährigen Schiele bedeutete dieser Schritt auch den Umzug von Klosterneuburg, wo seine Mutter mit seinen beiden Schwestern lebte, nach Wien, in die Reichshaupt- und Residenzstadt.
2 Erste Recherchen zum Leben der „kleinen“ Gerti nden sich in: Kerstin Jesse, Jane Kallir (Hg.): Egon Schiele. Letzte Jahre, Köln 2025, S. 33, FN 19.

Der Nachlass von Anton Peschka jun. umfasst nicht nur die eigene Hinterlassenschaft, sondern auch diejenigen seiner Eltern Gerti SchielePeschka und Anton Peschka sowie Teile des Nachlasses seines Onkels Egon Schiele.
Neben einer Vielzahl an Kunstwerken fnden sich auch Möbel und andere Einrichtungsgegenstände, Bücher, Fotografen, Dokumente, Geschirr und weitere Dinge des täglichen Gebrauchs sowie Wafen, Textilien, Souvenirs, Modeschmuck, Spielzeug etc. In weiten Bereichen setzt sich die „Sammlung Peschka“ also aus einer recht willkürlich anmutenden An-Sammlung diverser Dinge zusammen.
Interessant werden einzelne Gegenstände besonders dann, wenn sie von den verschiedenen Familienmitgliedern, die alle mehr oder weniger künstlerisch tätig waren, ganz ofensichtlich als
Fundus für ihr kreatives Schafen herangezogen wurden – vom akademisch geschulten Stillleben bis zur Kinderzeichnung: So wurden ein Bauernkasten, eine Madonnenstatue, ein Spitzenkragen oder andere Objekte aus dem unmittelbaren häuslichen Umfeld zum Motiv, an dem sich Komposition, Perspektive oder Farbempfnden üben ließen. Darüber hinaus dokumentieren die in großer Zahl erhaltenen Briefe aus dem Ersten Weltkrieg immer wieder das Wachsen der Sammlung durch gelegentliche Zufallsfunde.

Bauernkasten aus dem Zillertal, 1785

Anton Peschka: Entwurf für die Einrichtung einer Bauernstube, um 1923
Da die Familie Peschka vor allem oberösterreichische Bauernmöbel sammelte, ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser Kasten aus dem Zillertal aus dem Nachlass Egon Schieles stammt: In seinem Verlassenschaftsakt wird unter Punkt 60 „1 Original Tiroler Bauernkasten mit Malerei“ angeführt. An der Innenseite der Kastentür befinden sich etliche Heiligenbildchen und Gebetstexte aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die wie eine eigene, im Lauf der Jahre zusammengetragene kleine Sammlung anmuten. Man kann davon ausgehen, dass das Möbelstück in der Familie Peschka sowohl aufgrund seiner Herkunft als auch seines Alters und der hohen ästhetischen Qualität besonders geschätzt wurde. US

Egon Peschka: Kinderzeichnung des Tiroler Bauernkastens, um 1938

In der Schiele-Forschung bestand seit jeher die Vermutung, dass einige seiner Werke gefälscht oder von fremder Hand fertiggestellt wurden. Oft wurde Anton Peschkas Name damit in Verbindung gebracht.
Nach Egon Schieles Tod 1918 übernahm Anton Peschka im Auftrag der drei Erbinnen – Egon Schieles Mutter Marie Schiele sowie seiner Schwestern Gerti und Melanie – den weitestmöglichen Verkauf der hinterlassenen Kunstwerke. In der im Nachlass erhaltenen Korrespondenz fnden sich unter anderem aufschlussreiche Hinweise darauf, dass er dafür verschiedentlich sowohl Zeichnungen als auch Ölgemälde seines Schwagers „fertigstellte“, was einen Wertverlust gegenüber den originalen Werken bedeutete.
Egon Schieles großformatige Stadtansicht Mödling II wurde im Zusammenhang mit der
Ausstellung im Wien Museum erstmals genauer auf eine mögliche „Mitarbeit“ Anton Peschkas hin untersucht. Darüber hinaus enthält der Nachlass auch ofensichtliche Schiele-Imitationen, die weitere Fragen aufwerfen.
Zu den mal- und materialtechnischen Untersuchungen von Mödling II
Die neuesten Untersuchungen des unvollendeten Gemäldes lieferten wider Erwarten keine Hinweise auf eine mögliche Überarbeitung durch eine fremde Hand. Es zeigt sich ein für Egon Schiele typischer maltechnischer Aufbau in mehreren Malphasen. Auch die verwendeten Bindemittel und Pigmente entsprechen der Farbpalette des Künstlers.
In der Röntgenaufnahme wird sichtbar, dass Schiele die ursprüngliche Komposition veränderte und die Kirche aus der Bildmitte etwas nach links oben versetzte. Diese Überarbeitung erfolgte mit expressiven, o!enen Pinselstrichen, durch die die darunterliegende Malschicht stellenweise durchscheint.
Schiele nutzte beim Malvorgang verschiedene Werkzeuge. Im Streiflicht erkennt man neben dem Pinselduktus auch die Abdrücke eines breiten, glatten Spachtels sowie eines Rillenspachtels. Besonders au!ällig sind die Spachtel- und Rillenstrukturen in den bindemittelreichen, graublau ausgemischten Farbpartien im unteren Bildbereich, die zuletzt aufgetragen wurden.
Auch Anton Peschka malte Stadtlandschaften und verwendet Pinsel, Spachtel und Malmesser, jedoch erzeugen seine Spachtelwerkzeuge glatte, rillenlose Oberflächen. Das charakteristische Rillenbild hingegen findet sich auch auf anderen Gemäldeoberflächen von Schieles Spätwerk. KM

Ein Detail aus dem rechten unteren Bildbereich zeigt das charakteristische Rillenbild des Farbauftrags mit Spachtel.

Insgesamt weiß man von drei Fassungen dieser Ansicht von Mödling: Mödling I (Graue Stadt) entstand bereits 1916. Es befand sich in Privatbesitz und wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Die vorliegende zweite Version von 1918 hat exakt dieselben Maße und verblieb zusammen mit einer kleineren Stadtansicht (Mödling III) unfertig im Nachlass Egon Schieles. Letztere wurde verkauft und befindet sich heute in der Staatsgalerie Stuttgart als Dauerleihgabe aus Privatbesitz.
Das in der „Sammlung Peschka“ überlieferte Gemälde Mödling II wurde im Werkverzeichnis von Jane Kallir Egon Schiele. The Complete Works als „möglicherweise von fremder Hand fertiggestellt“ eingestuft. Im Vorfeld der Ausstellung wurden erstmals genauere mal- und materialtechnische Untersuchungen dazu durchgeführt. US

Einen überaus wertvollen Teil der „Sammlung Peschka“ stellen die originalen Möbel aus Egon Schieles Atelier dar. Als Ensemble werden sie der Öfentlichkeit in der Ausstellung des Wien Museums zum allerersten Mal präsentiert, wobei der Rauminszenierung zwei historische Fotografen zugrunde liegen.
Es ist ein seltener Glücksfall, dass sich nicht nur die beiden Sammelvitrinen Egon Schieles erhalten haben, sondern auch etliche der volkstümlichen und künstlerischen Objekte, die er im Lauf der Jahre zusammentrug und darin verwahrte. Das Foto, das ihn vor seinen Vitrinen zeigt, entstand bereits 1915/16, sodass ungewiss ist, womit Schiele seine Sammlung in den folgenden Jahren ergänzte. Nach seinem Tod fügte die Familie Peschka ihrerseits fast 70 Jahre lang Souvenirs und Nippes hinzu.
Egon Schieles Sammlung kann als Prototyp einer Künstlersammlung der Zeit um 1900 angesehen werden, die beispielsweise deutliche Parallelen zu derjenigen Gustav Klimts aufweist. Charakteristisch ist, dass auch diese Sammlung mehrfach als Anregung für die eigene künstlerische Produktion fungierte.


TimTom: Egon Schieles Ateliereinrichtung, 2025

Klicken Sie hier, um Ihre Kopie online zu bestellen.