Skip to main content

Leseprobe Wien du tote Stadt [2026]

Page 1


Michael Tagunoff am Naschmarkt, 1981 (Cover) // Beim Flohmarkt, ca. 1980 (l. o.; r. u.) // Roli Rotzig und Manuela mit alter Dame, dahinter Manuela und Uschi Paranoia (l.), ca. 1979

Herausgegeben von Peter Stuiber

Gaby von a-gen53 und Sylvia

Im Burggarten, ca. 1980, in der Mitte

Totgeglaubte leben länger. Punk in Wien um 1980

Fünfzig Jahre Punk? Dieses „ Jubiläum“ ergibt sich aus der Annahme, dass Punk 1976 in London begann, verbunden mit den üblichen Verdächtigen: Sex Pistols (plus Malcolm McLaren und Vivienne Westwood), The Clash oder The Damned Nicht zu vergessen zeitgleich die Ramones in den USA. Wie viel Punk bereits in der New Yorker Musikszene der frühen 1970er Jahre ( New York Dolls u. a.) zu finden war, ob Velvet Underground (mit Lou Reed) die erste Punkband war oder The Stooges (mit Iggy Pop), ob Richard Hell, Leadsänger von Television , doch eher als erster „echter“ Punk zu bezeichnen ist (er soll der erste Musiker gewesen sein, der seine zerrissene Kleidung mit Sicherheitsnadeln zusammenhielt) und Patti Smith zu Recht als „Godmother of Punk“ gilt – oder ob die ganze Sache noch weiter zurückreicht, nämlich zum US- Garage-Rock der 60er Jahre mit Bands wie The Sonics : Darüber lässt sich hitzig debattieren, und das überlassen wir den ausgewiesenen Musikexpert:innen –gerne auch die Beantwortung der Frage, woran man „echten“ Punk erkennt.

Was 1976 als eine Art musikalisches Erdbeben von London ausging, erreichte jedenfalls auch Österreich und Wien, natürlich mit einer Zeitverzögerung, die der damaligen Welt im Allgemeinen und der hiesigen Situation im Speziellen geschuldet war. Zuerst verbreiteten Musikzeitschriften die Kunde von der Revolution, ehe man überhaupt fallweise die Möglichkeit hatte, Punkmusik zu hören – sei es auf Radio Luxemburg, selbst aufgenommenen Musikkassetten oder aus London importierten Platten. Pionierarbeit leisteten zweifellos die Musicbox auf Ö3, die als erste österreichische Radiosendung Punkmusik spielte, sowie Plattenläden wie Mojo Records, Dum Dum Records, Why Not, Hi-Fi, Ton um Ton und Edek Bartz’ Plattengeschäft in der Ballgasse. Wann also kam Punk nach Wien? Ansatzweise im Herbst 1976. Anfang 1977

„Was wir gemacht haben, war praktizierter Feminismus“

Ilse Hoffmann , Bassistin der ersten österreichischen Frauen-Punkband a-gen53 , über Macho-Tontechniker, Scheidenzäpfchen fürs Publikum und Underground mit Zieseln und Hamstern.

ILSE HOFFMANN: Ich bin diesbezüglich in sehr – sagen wir mal – ergiebigen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Mutter war Sozialdemokratin, mein Vater Kommunist. Und ich habe einen acht Jahre älteren Bruder, der immer systemkritisch eingestellt war. Der war damals mein großes Vorbild. Langhaarig und cool. Dazu kam noch, dass ich mich mit 13 oder 14 in den Muck, seinen besten Freund, verknallt habe, der später mein Lebenspartner wurde. Ich wäre damals schon wahnsinnig gern in der Szene ge wesen, in der er sich bewegt hat. Ich war aber zunächst auf der Hippieschiene, in voller Montur mit Palästinensertuch und Jesus schlapfen.

Als Maturageschenk hat mir meine Mutter ihren VW-Käfer für ein halbes Jahr zur Verfügung gestellt. Mit dem bin ich herumgereist, u. a. nach London und nach Brüssel, wohin mein Bruder ausgewandert war. Der Muck kam auch nach Brüssel und war damals schon sehr von Punk begeistert. Obwohl er als gelernter Elektroakustiker auch ausgezeichnet Saxo fon und Querflöte gespielt hat. Ihn hat das Kraftvolle von Punk fasziniert. Interessante Popmusik hat es ja damals nicht gegeben, abgesehen vielleicht von Iggy Pop, David Bowie oder Roxy Music .

Wild, rau, laut: Typische Punk-Eigenschaften galten traditionell als männlich, der Rock ’n’ Roll war männlich, die meisten Punkbands auch. Aber Frauen spielten im Punk eine wesentliche Rolle. Aus heutiger Sicht waren Bands wie X-Ray Spex mit Frontfrau Poly Styrene oder The Slits Pionierinnen eines neuen Feminismus. Was war der Auslöser für dich, selbst eine Frauen-Punkband zu gründen?

Haare wie die Nina Hagen, und mich haben drei Mädels angesprochen, die eine Punkband gründen wollten. Letztlich blieb von den dreien die Gaby Riffler 1 übrig, die damals schon eine E-Gitarre hatte und sogar mehr als die berühmten drei Riffs konnte. Ich hab mir dann einen Bass gekauft und mit Bunddiagrammen spielen gelernt – bis heute kann ich keine Noten für Saiteninstrumente lesen. Die ersten Proben waren in meiner damaligen Wohnung in der Quellenstraße. Ein Freund hat der Gaby dann mehr Griffe auf der Gitarre

IH: Das war das zweite Nina-Hagen-Konzert in der Stadthalle. Ich hatte schwarze

beigebracht – der war übrigens ein großer Fan von den Dire Straits , die wir verachtet haben. Wir haben dann ein Probelokal gemietet und in der Arena-Stadtzeitung inseriert auf der Suche nach einer Schlagzeugerin und einer Sängerin. Eines Tages hat sich die Marian Schönwiese als Sängerin gemeldet. Wir haben sie aber derart vor den Kopf gestoßen, weil wir gesagt haben: „Sing! Sing einfach!“ Daraufhin hat sie keinen Ton rausgebracht und gemeint,

Nina Hagen im Konzerthaus, 15. September 1979

sie spielt doch lieber Schlagzeug. Bald danach hat sich Claudia K. gemeldet, die ein derart sicheres Auftreten gehabt hat, dass wir sie gleich als Sängerin akzeptiert haben. Von ihr stammt auch der Name a-gen53 2 . Wir haben einige Texte mit ihr geschrieben. Nach dem Nina-Hagen-Kon -

zert hat es ungefähr ein Jahr gedauert, bis wir genügend Nummern beisammenhatten. Im Herbst 80 hatten wir dann den ersten Auftritt in der Arena, und wir sind gleich in Fanzines vorgekommen. Dann hat sich alles sehr schnell entwickelt. Die Claudia ist allerdings ausgestiegen, und wir haben die Nivea gefragt, ob sie bei uns singen will – und sie war gleich begeistert bei der Sache. Wobei ich an der Stelle auch etwas sagen muss, was kaum jemand weiß: Der Text von unserem bekanntesten Lied Scheiß auf Lila stammt nicht von uns, sondern von einem ganz lieben She-Punk namens Manuela.

Wie ambitioniert war euer Bandprojekt? Wie ernst war es euch?

schlecht – und das hat mich sehr unangenehm berührt. Wir hatten alle das grundlegende Know-how für unsere Instrumente und unsere Stimmen, und wir hatten Power. Eine unserer größten Schwächen war das technische Equipment. Denn wir waren immer darauf angewiesen, was uns zur Verfügung gestellt wurde – und wir hatten bei größeren Konzerten ein Macho-Problem mit den Tonmischern. Die haben uns nicht ernst genommen. In der Punkszene selbst gab es aber überhaupt keine Benachteiligung durch Männer. Die Burschen haben uns von Anfang an akzeptiert, zumindest mir sind keine abfälligen Bemerkungen zu Ohren gekommen. Ich glaube, sie haben uns sogar bewundert.

Wie feministisch würdest du im Nachhinein a-gen53 bezeichnen?

IH: Es war auf jeden Fall die Motivation dahinter, es ordentlich hinzukriegen. Ich hätte zwar immer gern besser gespielt. Aber ich finde nicht, dass wir schlecht waren. Die Nivea hat im Interview in dem Chuzpe -Film 3 gemeint, wir waren grotten -

IH: Ich würde es als automatisch feministisch bezeichnen. Ich war die Einzige, die Richtung Emanze gegangen ist – wobei dieser Begriff für mich ein positiver ist. Den anderen Mädels war das eigentlich eher wurscht. Aber wir sind auch bei den radikaleren Feministinnen sehr gut angekommen. Eine Zeit lang hat Irene Wotruba bei uns auf der Melodica gespielt, die ich schon als radikale Feministin bezeichnen würde und die auch immer noch in der Frauenbewegung aktiv ist. Was wir gemacht haben, war praktizierter Feminismus, weil es für uns selbstverständlich war. Die theoretischen Feministinnen mochten uns aber auch, weil wir z. B. bei einem FrauenBenefiz in der Arena gespielt haben. Scheiß auf Lila wird oft als feministisch, aber auch als antifeministisch bezeichnet, aber es geht eigentlich in die Dada-Richtung, und die Manuela hat das spaßhalber

geschrieben. Weil Lila die Modefarbe war, egal ob das irgendwelche Feministinnen getragen haben oder die Popper.

Welche Rolle hattest du beim Texten?

IH: Die Texte haben wir meistens im Team geschrieben. Wir hatten ein paar Coverversionen, die wir im Original gesungen haben, z. B. Hang on Sloopy oder Wild Thing . Ich habe mit meinem Mittelschulenglisch zwei Songs von Gang of Four übersetzt – Damaged Goods und Contract –, die waren in unserer Version allerdings nicht mehr zu erkennen. Stalingrad Stumpf sinn habe ich aufgrund einer wahren Begebenheit in einer Zinskaserne in Floridsdorf geschrieben. Dort haben wir im Keller eine Demoversion aufgenommen. Da war das Klo am Gang, wo ich auf einen älteren Bewohner des Hauses getroffen bin, der eigentlich recht freundlich war. Aber er hat zu fabulieren begonnen: „Euch geht’s ja gut. Aber wir in Stalingrad bei minus 40, 50 Grad …“ Das war’s, das mussten wir verwerten! Ich habe dann die Strophe geschrieben, und der Rest entstand in Zusammenarbeit. Es ist damals im Punk gegen alles gegangen – und am meisten gegen das, was greifbar war. Anti-Disco. Anti-Popper. Wir haben Belsen Was a Gas von den Sex Pistols gecovert: „Heit gemma in a Tanzlokal, da samma amoi ganz brutal. Zwing ma d’Leit zum Pogo tanzen & schneid ma eana d’Hoa in Fransen.“ Wettrüsten und Anti-AKW standen nicht so in unserem Fokus. Wobei Stalingrad Stumpfsinn schon auch gegen den Krieg war, aber vor allem gegen die ältere Generation.

IH: Es war ein Auftritt als Vorgruppe von den Pöbel – oder waren wir der Hauptact? Jedenfalls war es sehr intensiv. Die Punks waren derart begeistert, dass sie die Sanitäranlage beschädigt haben. Seit Jahrzehnten kursiert, dass es ein 40.000-Schilling-Schaden war. Ich muss es jetzt definitiv korrigieren: Es waren nur 10.000, wobei das auch ein Haufen Geld war. Es hat gereicht, dass sowohl Pöbel als auch a-gen53 Auftrittsverbot im Metropol gekriegt haben. Der Kodak hat uns vor dem Konzert für ein paar Fotos arrangiert, und ich habe mir auf seine Anweisung hin – damit es superlocker und super punky aussieht – den Bass bis zu den Knien runtergehängt und danach vergessen, ihn wieder höherzuschnallen. Das Spielen war dann ein bisschen schwierig für mich. Es war voll, es waren vorwiegend Punks da, auch wenn ich nicht alle gekannt hab. Anders als im Amerlinghaus, wo es immer wie ein Familienkonzert war. Aber es war

Ihr habt viele Konzerte gespielt, aber eines davon wurde zur Urban Legend, nämlich das im Metropol

nicht aggressiv. Wobei ich nicht im Nachhinein die Punks glorifizieren will: Sicher waren immer auch ein paar Deppen dabei. Bei einem anderen Konzert haben wir Verhütungszäpfchen ins Publikum geworfen. Und einige Burschen haben begonnen, die zu lutschen

Klicken Sie hier, um Ihre Kopie online zu bestellen.

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Leseprobe Wien du tote Stadt [2026] by Wien Museum - Issuu