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Programmheft »Faust«

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FAUST

Charles Gounod


DIE HANDLUNG 1. Teil Einsam, erschöpft und verbittert versucht der alte Faust, sich das Leben zu nehmen. Wütend über seine eigene Angst vor dem Tod ruft er den Teufel herbei. Méphistophélès erscheint und bietet ihm Reichtum und Ruhm, doch Faust möchte seine Jugend zurück, »den Schatz, der alles enthält«. Méphistophélès fordert im Gegenzug ewige Dienerschaft »dort unten«. Als Faust zögert, macht ihn Méphistophélès auf Marguerite aufmerksam. Fasziniert von ihr lässt sich Faust auf den Pakt ein und wird wieder zu einem jungen Mann. In einer Gruppe feiernder Soldaten betet Valentin für seine Schwester Marguerite und hofft, dass ihr Medaillon ihm Glück in der bevorstehenden Schlacht bringen möge. Als Wagner ein heiteres Lied anstimmt, drängt sich Méphistophélès in die Runde. Im Lied vom Goldenen Kalb besingt er die Macht des Geldes. Ungefragt sagt er Wagner dessen Tod in der Schlacht voraus. Auch Valentin und dem in Marguerite verliebten Siébel prophezeit er Unglück. Faust trifft auf Marguerite und spricht sie an. Dass sie ihn stehen lässt, steigert sein Interesse. Siébel pflückt Blumen für Marguerite und plant, ihr endlich seine Liebe zu gestehen. Méphistophélès führt Faust vor Marguerites Haus und geht wertvolle Geschenke für Marguerite besorgen. Faust kommen Skrupel, ob er seine Bemühungen weitertreiben soll, doch Méphistophélès hinterlegt die Präsente und versteckt sich mit Faust. Marguerite ist gegen ihren Willen von dem Mann beeindruckt, der sie angesprochen hat. Als sie die Geschenke findet, ist sie entzückt. Ihre Nachbarin Marthe bestärkt sie, den Schmuck anzunehmen. Faust und Méphistophélès verwickeln die Frauen in Gespräche. Während sich Marthe und Méphistophélès bald wieder trennen, kommen Faust und Marguerite einander näher. Fausts Liebesgeständnis beglückt Marguerite, sie lehnt aber seine Bitte ab, die Nacht bei ihr bleiben zu dürfen. Doch als Faust sich bereits entfernt, ruft sie ihn voller Liebe zurück.

DIE H A N DLU NG

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2. Teil Faust hat die schwangere Marguerite verlassen. Ausgegrenzt und verspottet sehnt sie sich nach ihm. Siébel tröstet Marguerite und will ihr fortan freundschaftlich zur Seite stehen. Die Soldaten kehren siegreich zurück; Wagner ist im Krieg gefallen. Auf Valentins Fragen nach Marguerite antwortet Siébel ausweichend. Faust möchte Marguerite wiedersehen und fürchtet zugleich die Wiederbegegnung. Méphistophélès provoziert Valentin mit einem Marguerite dargebrachten Ständchen, in dem er auf ihre Schwangerschaft anspielt. Valentin wirft empört das von Marguerite erhaltene Medaillon fort. Er fordert Faust zum Duell und wird erstochen. Vor den herbeigeeilten Bürgern verflucht der sterbende Valentin seine Schwester selbst für den Fall, dass Gott ihr vergeben werde. Marguerite bittet Gott um Vergebung, erhält aber nur Antwort von Méphistophélès, der ihre Schuldgefühle bestärkt. Ein Kirchenchor singt vom Tag des Jüngsten Gerichts. Faust und Méphistophélès sind in der Walpurgisnacht unter Irrlichtern und Hexen unterwegs. Während Méphistophélès sich sichtlich wohl fühlt, kann Faust sich auch mit einem Trinklied nicht von der Sehnsucht nach Marguerite ablenken. Faust lässt sich von Méphistophélès zu Marguerite, die das gemeinsame Kind getötet hat, in den Kerker führen. Sie erinnern sich an den Beginn ihrer Beziehung. Beide versichern einander ihre Liebe, doch Marguerite lehnt es ab, Faust zu folgen. Stimmen aus der Höhe erinnern an die Auferstehung Christi.

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DIE H A N DLU NG


Die ganze Luxusindustrie entstand zur selben Zeit in Paris wie diese Oper: Der Gebrauchswert der Ware tritt hinter dem Warenwert zurück, Produkte werden zur Begehrlichkeit. Sie sind nur ein Surrogat für tatsächliche, warme, wirkliche Gefühle, aber der Luxus ist etwas, das wir genießen können, in Paris wie in keiner anderen Stadt der Welt. Da treffen wir uns zu wunderbaren Festen und feiern alle zusammen und der Walzer ergreift uns alle. Einen Moment lang sind wir glücklich in den schönsten Städten, also in Wien, Paris oder Rio, und wir haben die Illusion zusammenzugehören. Es ist aber nur eine Illusion, denn nur wenn ich das Geld, wenn ich das Kästchen habe, dann besitze ich das Glück.

Über Paris, Frankreich und Algerien Die Stadt Paris ist die erste Welthauptstadt im 19. Jahrhundert, und sie ist es bis heute, wenn sie denn belebt ist, wenn Menschen sich bewegen können, wenn sie die Freiheit haben. Kunst ist nirgendwo so frei wie in dieser Stadt, und nirgendwo ist die Lüge größer als dort. Paris ist in dieser Inszenierung auch das Sinnbild für den Kampf um die Demokratie. Das Neue, der Aufbruch ist das Entscheidende in dieser Zeit nach dem Staatsstreich von 1851, in der der Kapitalismus explodiert; die neuen Klassen entdecken ihn mit ihrem Reichtum. Aber wo alles möglich erscheint, gibt es auch die Gosse, gibt es die Ausgeschlossenen, gibt es den vierten Stand. Vor der Julirevolution entschieden 300.000 Menschen nach dem Wahlzensus darüber, was Demokratie ist, später waren es dann 10 Millionen von insgesamt 35 Millionen Bürgern. Die Ideale von 1789 wurden nie realisiert, man war vielleicht manchmal frei, aber selten brüderlich und nie gleich. Bald wird der Baron Haussmann etwas Neues machen und Paris abreißen und die Stadt durch Sichtachsen strategisch kontrollierbar machen. 1830 besetzt Frankreich Algerien und beginnt, den Arabern zu sagen, was sie zu tun haben. Bald darauf gibt es die ersten Kommentare, dass alles vernichtet werden muss, »was nicht wie Hunde vor unseren Füßen kriecht«. Hier zeigt sich, dass Demokratie alles und nichts bedeuten kann: Staatsrechtlich sind die Kolonien immer Ausland gewesen, das heißt, die Bewohner durften nie an Wahlen teilnehmen. Völkerrechtlich aber waren sie Inland. Das heißt, man kann sie ausbeuten. Es ist ein grausames Kolonialregime, das erst nach einem langen Unabhängigkeitskrieg 1962 endet. Und dabei kamen die Bomben nach dem versuchten Putsch der OAS [Organisation de l’armée secrete] auch nach Paris. Es ist für mich immer wieder verwunderlich, dass ein Land, dem unsere Sympathie gehört, nach der Befreiung Europas vom Krieg und vom deutschen Nationalsozialismus auch weiterhin seine Kolonialinteressen verfolgt, in einem grausamen, von beiden Seiten mit Terror geführtem Krieg. FR A N K CASTOR F

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Dieser Krieg ist für uns die Hintergrundfolie, vor der wir die Geschichte erzählen.

Über Baudelaire, Rimbaud und Verlaine Bei Baudelaire durchdringen sich die Bilder des Todes und der Frau mit dem der Stadt Paris, schreibt Walter Benjamin. Baudelaire ist ein Flaneur wie Faust – ungefähr zeitgleich mit der Oper entsteht seine Gedichtsammlung Die Blumen des Bösen. Einige Jahre später, zur Zeit der Pariser Commune, lernen sich die Dichter Rimbaud und Verlaine kennen. In dieser Zeit des Aufruhrs und des ersten Blutbades der Demokratie schreibt der zwanzigjährige Rimbaud seine Gedichte und analysiert die Gesellschaft mit einer Klarheit, wie sie später erst wieder dem Surrealismus ansteht: Alles ist zu verkaufen, wir wollen nur im Genuss leben. Und wir tragen die Trommel in die Welt, in die anderen Länder, und erwarten, dass die anderen dort vor uns zu Kreuze kriechen. Damit entsteht eine völlig neuartige Literatur – man könnte sagen, dass sie auch Gounod feindlich angreift.

Über Live-Kameras Was die Kameras in der Inszenierung tun, ist manchmal wie eine Vivisektion. Das ist sehr schmerzhaft, ohne Betäubung geht man in das Innere eines Menschen. Sie zeigen auch, dass das Arbeit ist, was Sängerinnen und Sänger tun: Man arbeitet, man schwitzt, die Schminke läuft. Und plötzlich sieht man, wie in dem Gesicht, das aus der Entfernung des 3. Ranges sehr sauber wirkt, etwas Neues entsteht und einen Eigenwert bekommt.

Über den Schluss Wird Marguerite »gerichtet«? Am Schluss der Oper steht die Apotheose des Triebes. Marguerite will nicht die Vergebung der katholischen Kirche haben, sondern sie sagt: Das, was ich erlebt habe, darüber bin ich glücklich, jetzt kann ich – wohin auch immer – aufsteigen. Faust hingegen wird sagen: Mein Weg wird weitergehen, wohin, das weiß man nicht. Solidarität ist immer temporär und bricht irgendwann zusammen. Aber gleichzeitig sagt uns auch diese Oper bei all ihrer Oberflächlichkeit: Das Leben kann schöner sein, als wir es uns vorstellen.

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DAS SCHÖN E Z U LIEBEN IST N ICH T V ERW ER FLICH


Étienne Dupuis als Valentin


Während der Verhandlung vor dem Hohen ­Militärgericht hat Salan geschwiegen. Zu Beginn der Verhandlung gab er eine längere Erklärung ab, deren erste Sätze lauten: Je suis le chef de l’OAS. Ma respontabilité es donc entière. In der Erklärung verwahrt er sich dagegen, dass Zeugen, die er benannt hatte – darunter der Staatspräsident de Gaulle – nicht vernommen wurden, und dass man den Prozessstoff auf die Zeit von April 1961 (Offizierputsch in Algier) bis April 1962 (Verhaftung Salans) beschränkte, wodurch seine eigentlichen Motive verwischt und große geschichtliche Vorgänge isoliert, auf die Typen und Tatbestände eines normalen Strafgesetz­ buches reduziert und abgekapselt wurden. Die Gewalttaten der OAS bezeichnete er als bloße Erwiderung auf die hassenwerteste aller ­Gewalttaten, die darin besteht, Menschen, die ihre Nation nicht verlieren wollen, diese Nation zu entreißen. Die Erklärung schließt mit den Worten: »Ich schulde nur denen Rechenschaft, die dafür leiden und sterben, dass sie an ein gebrochenes Wort und an eine verratene Pflicht geglaubt haben. Von jetzt ab werde ich schweigen.« → Carl Schmitt, Theorie des Partisanen Die Erklärung von Raoul Salan wird von Marthe im 4. Akt vorgetragen.


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