über die heutige vorstellung Balanchine – Ratmansky – Schläpfer: Drei Meister des zeitgenössischen Balletts treffen mit Tänzen zu Musik von russischen bzw. sowjetischen Komponisten aufeinander. Verbunden sind sie durch ihre Wurzeln. Die Choreographen durch die Danse d’école als Basis für eine Ballettkunst der Gegenwart; die Komponisten Strawinski, Mussorgski und Schostakowitsch durch die Musikkultur ihrer Heimat, von der aus ihre Wege in so unterschiedliche Richtungen führten. Modest Mussorgski, der radikalste Vertreter des »Mächtigen Häufleins«, fand 1874 in seinen Bildern einer Ausstellung zu überquellender Lebensfülle und visionären Klangbildern. Igor Strawinski, der weltläufige Kosmopolit, der es auf raffinierte Weise verstand, seine musikalischen Gesichter immer wieder zu wechseln, reagierte mit seiner zwischen 1942 und 1945 komponierten Symphony in Three Movements auf das Grauen des Zweiten Weltkriegs. Die großen gesellschaftlichen und politischen Fragen des 20. Jahrhunderts spiegeln sich in Dmitri Schostakowitschs Werk – angesiedelt auf dem schmalen Grat zwischen Anbiederung und Anprangern in einem System, das die Freiheit der Kunst nicht respektierte, sondern Kunst als Mittel der Propaganda instrumentalisierte. Die 1972 in Moskau uraufgeführte 15. Symphonie kommt zunächst wie ein heiteres Scherzo daher, doch bald schon kippt der so leichtfüßig scheinende Humor in die Groteske, verwandeln sich fröhliche Fanfaren in Drohkulissen und virtuose Spielfiguren in atemlose Getriebenheit. Wie Leuchtfeuer flackern ihrem Zusammenhang entrissene Zitate anderer Musik in einem musikalischen Klima auf, das sich mit Klängen der Trauer zu einem unter die Haut gehenden Epilog verdichtet. George Balanchine hatte mit seinem so bedeutenden künstlerischen Partner Igor Strawinski bereits in den 1940er Jahren über die Symphony in Three Movements gesprochen. Zur Choreographie des Werkes kam es allerdings erst, als Balanchine 1972
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zu Ehren des ein Jahr zuvor verstorbenen Komponisten mit dem New Yorker Stravinsky Festival eine groß angelegte Hommage veranstaltete. Die für diesen Anlass choreographierte Symphony in Three Movements ist ein vollendetes Beispiel für Balanchines Kunst: seine elegante Athletik, virtuosen Schrittfolgen und komplexen Formationen im Raum, die ganz aus der Musik abgeleitet sind. Wie für Balanchine führte auch für Alexei Ratmansky der Weg von St. Petersburg nach New York. In seinen 2014 für das New York City Ballet entstandenen Pictures at an Exhibition, mit denen er erstmals dem Wiener Staatsballett eines seiner Werke anvertraut, tritt er zu Mussorgskis Musik in einen Dialog mit Wassily Kandinskys abstrakter Farbstudie Quadrate mit konzentrischen Ringen und lässt zehn Tänzerinnen und Tänzer mit großer Natürlichkeit die Formen, Schritte und Positionen des klassischen Balletts zu neuem Leuchten bringen. »Jeder Tanzabend gehört auch der Musik, und ich will große Aufgaben für dieses große Orchester der Wiener Staatsoper.« Mit diesen Worten begründete Martin Schläpfer die Wahl von Schostakowitschs 15. Symphonie, zu der er mit seinem Ensemble nach der Uraufführung 4 erneut in einen intensiven kreativen Prozess eingetaucht ist. Für ihn selbst ging es dabei aber auch um ein Befragen, welche Energien, Imaginationen und Bewegungsimpulse sich aus Schostakowitschs Musik schöpfen lassen. Eine Musik, die nicht nur Schlusspunkt eines großen symphonischen Œuvres, sondern auch Zusammenfassung eines ganzen Lebens ist – mit all seinem Glück und seiner Trauer, seinen Hoffnungen und Verwerfungen, seiner Leichtigkeit und seinem Ausgesetztsein –, gab ihm die Grundimpulse für ein neues Tanzstück, das die Künstler des Wiener Staatsballetts, und damit den Menschen, ins Zentrum rückt.
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Ensemble
zwischen jugendfrische und todesnähe BERND FEUCHTNER
»Wir sprachen über das zurückliegende Konzert und Schostakowitsch sagte zu mir: ›Meiner Meinung nach habe ich eine ziemlich kecke Symphonie geschrieben.‹ Das Wort ›keck‹ überraschte mich.« AUS DEN ERINNERUNGEN ISAAK DAWYDOWITSCH GLIKMANS
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Strawinskis Symphonie in drei Sätzen und Schostakowitschs »Fünfzehnte« »Aus Leningrad bin ich mit leichtem Gepäck abgereist. Habe nur die Partitur der Lady Macbeth, die 7. Symphonie und die Strawinski-Symphonie (meine Bearbeitung und die Partitur) mitgenommen«, schrieb Dmitri Schostakowitsch an seinen besten Freund Iwan Sollertinski. »Manchmal spielen Oborin (er ist auch hier) und ich sie vierhändig und bestaunen immer wieder die Schönheit dieses Werks.« Er meinte Strawinskis Psalmen symphonie, von der er Ende der 1930er Jahre einen vierhändigen Klavierauszug erstellt hatte, um seine Studenten mit dem Werk bekannt zu machen. Was in dem Brief so leicht klingt, war übrigens die Evakuierung des Komponisten aus dem von deutschen Truppen eingeschlossenen und bombardierten Leningrad. Mit Frau und Kindern war er Mitte Oktober ausgeflogen worden, während seine Mutter und seine Schwester Maria in dem Inferno ausharren mussten. In seinem Nachruf auf Strawinski schrieb Schostakowitsch 1971: »Insgesamt schmerzt es mich, dass Strawinski den Symphonien in seinem Schaffen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Dabei zeigt ein so schönes Werk wie die Symphonie in drei Sätzen, dass er in diesem Genre etwas zu sagen hat.« Unter der Glasplatte auf Schostakowitschs Schreibtisch in der Moskauer Wohnung lag ein Foto von Strawinski, dessen Musik er vergötterte, während er seine schriftlichen Äußerungen verachtete. Er verzieh ihm seine Ignoranz nicht gegenüber jenen russischen Künstlern, die nicht die Möglichkeit gehabt hatten, nach der Revolution zu emigrieren und sich mit dem Regime arrangieren mussten. Igor Strawinski hatte früh Erfolge in Paris mit seinen Balletten Der Feuervogel (1910), Petruschka (1911) und Le sacre du printemps (1913). Nach der Oktoberrevolution ließ er sich endgültig in Paris nieder. Die faschistische Bewegung, die in Westeuropa aus Angst vor dem Kommunismus von den alten Eliten gefördert wurde, begrüßte er so kräftig, dass er nach einer Audienz beim Duce sich stolz als Faschisten bezeichnete. Schostakowitsch war eine Generation jünger und sah die Revolution hingegen als Chance zu einem künstlerischen Aufbruch. Jung und frech stürzte er sich in die Auseinandersetzungen der rivalisierenden Künstlergruppen – in der festen Überzeugung, dass Können sich am Ende durchsetzen werde. Und er war nun mal der Begabteste nicht nur seiner Generation – bis Anfang der 1930er Jahre Sergei Prokofjew aus dem Ausland zurückkehrte. 1936, mitten im stalinistischen Terror, traf Schostakowitsch das parteiamtliche Verdammungsurteil, 1948 waren er und Prokofjew gemeinsam das Ziel von Stalins Attacken. Die Bewunderung für die Musik Strawinskis, die sie beide teilten, war ebenso ein Grund für die Verurteilung durch die Stalinisten, die 1949 eine Kampagne gegen die »Kosmopoliten« anzettelten, womit aber nicht nur die Offenheit für westliche Entwicklungen, sondern auch die Juden gemeint waren: Antisemitismus gehörte auch zu Stalins Herrschaftswerkzeug. An Strawinski bewunderte Schostakowitsch vor allem die Klarheit der Form, die Meisterschaft der Instrumentierung und den rhythmischen Drive. Im Grunde war Strawinski unpolitisch und wollte nur ungestört Musik schreiben, der er jede 49
ZWISCHEN JUGENDFRISCHE UND TODESNÄHE
Aleksandar Orlić, Alexander Kaden, Gleb Shilov, Roman Chistyakov