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Programmheft »Tannhäuser«

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R I C H A R D WAG N E R

TANNHÄUSER


ÜBER DIESES PROGRAMM- BUCH Als Richard Wagners zweite »offizielle« Oper kam Tannhäuser 1845 in Dresden zur Uraufführung – ein großer Schritt in seiner Entwicklung als Musikdramatiker, wenn das Werk auch zunächst nur mit mittlerem Erfolg aufgenommen wurde. Wagner vereinigte für seinen Tannhäuser zwei damals sehr bekannte Sagenkreise, jenen rund um den Dichter Tannhäuser und jenen des Sängerstreits auf Wartburg. Was man über den historischen Tannhäuser weiß und was ihn besonders macht – darüber schreibt Karin Tebben ab Seite 56. Die Entstehung der Oper umreißt Oliver Láng ab Seite 60, Udo Bermbach skizziert ab Seite 67 kenntnisreich Wagners »TannhäuserProgramm« im Hinblick auf die historische und gesellschaftliche Situation der Entstehungszeit. Für die Pariser Opéra arbeitete Wagner die Oper um – und provozierte einen der großen Skandale der Musikgeschichte (ab Seite 76). Die Tannhäuser-Musik, aber auch die

MALIN BYSTRÖM als ELISABETH

unterschiedlichen Fassungen der Oper beleuchtet der Premierendirigent Philippe Jordan (ab Seite 16), Jendrik Springer macht ab Seite 24 auf sieben besonders wichtige musikalische Momente in der Oper aufmerksam. Der britische Komponist Jonathan Dove schreibt seinem »Kollegen« Wagner einen sehr persönlichen Brief (ab Seite 30). Judith Belfkih setzt sich ab Seite 80 mit der Frage nach der Authentizität von Künstlerinnen und Künstler auseinander, Andreas Láng umreißt ab Seite 91 die Aufführungsgeschichte der Oper im Haus am Ring. Interviews mit der Regisseurin Lydia Steier (ab Seite 37) sowie dem Bühnenbildner Momme Hinrichs und dem Kostümbildner Alfred Mayerhofer (ab Seite 50) sowie ein von Jürgen Otten verfasstes Portrait der Regisseurin (ab Seite 44) geben Einblicke in die Neuproduktion und die Schaffenswerkstatt des Leading-Teams.

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TIMELINE

TANNHÄUSER – LEGENDE & OPER ANFANG DES 13. JAHRHUNDERTS

Der Dichter Tannhäuser wird geboren. Über sein Leben bzw. seine Identität ist kaum etwas bekannt. Er wirkt unter anderem am Hof des letzten Babenberger-Herzogs Friedrich II. Überliefert sind einige seiner Dichtungen wie auch eine Miniatur, die – wahrscheinlich – ihn zeigt.

TANNHÄUSER, CODEX MANESSE, ANFANG 14. JH

ZWEITE HÄLFTE DES 13. JAHRHUNDERTS Das »Fürstenlob« des Sängerkriegs auf der Wartburg entsteht – eine 24-strophige Dichtung, in der sechs Minnesänger gegeneinander in einen künstlerischen Wettstreit treten.

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R IC H A R D WAG N E R EINE PILGERFAHRT ZU BEETHOVEN

»Wenn ich eine Oper machen wollte, die nach meinem Sinne wäre, würden die Leute davon laufen; denn da würde nichts von Arien, Duetten, Terzetten und all dem Zeuge zu finden sein, womit sie heutʼ zu Tage die Opern zusammenflicken, und was ich dafür machte, würde kein Sänger singen und kein Publikum hören wollen. Sie kennen alle nur die glänzende Lüge, brillanten Unsinn und überzuckerte Langweile. Wer ein wahres musikalisches Drama machte, würde für einen Narren angesehen werden, und wäre es auch in der That, wenn er so etwas nicht für sich selbst behielte, sondern es vor die Leute bringen wollte.« D I E S E W O R T E L E G T E R I C H A R D WA G N E R L U D W I G VA N B E E T H O V E N I N D E N M U N D , U M S E I N E E I G E N E M U S I K DR A M E N T H E OR I E Z U U N T E R M AU E R N .

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PHILIPPE JORDAN

TANNHÄUSER, EIN KÜNSTLERDRAMA Dass er der Welt noch einen Tannhäuser schuldig wäre, ist wohl eines der bekanntesten Zitate Wagners und fehlt folgerichtig auch in kaum einem Opernsmalltalk über den zwischen Venus und Elisabeth irrenden Minnesänger. Dass Wagner es selbst kurz vor seinem Lebensende (der Ausspruch findet sich in Cosimas Tagebüchern am 23. Jänner 1883) gesagt haben soll, kommt nicht von ungefähr: Ein genauerer Blick auf die Genese des Werkes offenbart nämlich geradezu ein Dickicht an Bearbeitungsschichten durch den Komponisten, die jeder Interpret, der im Begriff steht, den Tannhäuser zu produzieren, überblicken sollte. Etwas vereinfacht gesagt unterscheidet man zwischen der früheren Dresdner (1845) Fassung (die bei genauer Hinsicht in sich schon wieder drei Bearbeitungsschichten enthält), der späteren Pariser Fassung von 1861 und dann die 1875, bei der Neueinstudierung an der heutigen Wiener Staatsoper durch Wagner entstandene Version, bei der der Komponist letzte Modifikation vornahm. Die elementaren Unterschiede zwischen Dresden und Paris betreffen in erster Linie die Passagen rund um den Venusberg im ersten Aufzug. Wagner hatte ja in der Zwischenzeit mit Tristan und Isolde einen ganz neuen, intensiven musikalischen Ausdruck der sinnlichen Ekstase entwickelt und konnte

daher die Begegnungen Tannhäusers mit der im Mittelalter anrüchigen antiken Liebesgöttin nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt stehen lassen. Er war musikalisch mittlerweile zu ganz neuen Qualitäten des Erotischen, des Rauschhaften in der Lage und die wollte er hier nun auch zeigen: Durch eine veränderte Instrumentation und Harmonik, den daraus resultierenden neuen Möglichkeiten an Farbschattierungen und Dramatik, ebenso durch die zusätzliche Ballettmusik des Bacchanals. Andere Teile der Oper hat Wagner hingegen für die Pariser Aufführungen nicht oder kaum angetastet, was in Hinblick auf die gesamte Partitur natürlich zu einer gewissen Stilpluralität führte, zu einem Zusammentreffen des früheren und des späteren Wagner. Das Argument für die Verfechter der Dresdner Version ist demnach vor allem die stilistische Einheitlichkeit, das Argument für die Pariser bzw. Wiener Fassung der besondere Reiz der ausgeprägteren Gegensätzlichkeit zwischen der triebhaften Venus-Welt und der nüchternen, sachlich-spießigeren Wartburg-Welt. Ich schätze diese Bandbreite sehr und war daher dafür, diesmal, mit geringen Modifikationen, die spätere Fassung herauszubringen, zum einen, weil bei der letzten Produktion an der Wiener Staatsoper im Jahr 2010 ohnehin die Dresdner Version zum Zuge kam, vor

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KARL OVE KNAUSGÅRD AUS: DIE SCHULE DER NACHT

»Das Gegenteil der Gewohnheit, das Überschreitende und Irreguläre, das zur Verliebtheit, zum Rausch und der Kunst gehört, ist Freiheit, aber sie enthält auch immer etwas Destruktives, ist ein brennender Ofen, und damit das Feuer nicht erlischt, muss man mehr und mehr verbrennen, zum Ende hin die Möbel und als Letztes das Haus selbst.«

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JONATHAN DOVE

BRIEF AN RICHARD WAGNER Lieber Richard, Verzeihen Sie die ungezwungene Anrede: Wir sind einander nie begegnet, aber Sie und vor allem Ihre Musik sind seit vielen Jahren ein so großer und einflussreicher Teil meines Lebens, dass ich Sie als Mentor betrachte. Schon bevor ich überhaupt davon träumte, selbst Opern zu schreiben, geriet ich in Ihren Bann. Als Student habe ich tagelang über der Partitur von Tristan und Isolde gebrütet und versucht zu ergründen, wie Sie Ihre Zauberkraft entfaltet haben. Ich bewunderte es, wie ein einfaches Motiv, ein Melodiefragment, entstehen und sich entwickeln konnte, wie sich Motive als gewaltige Ströme ergießen konnten. Ich hörte mir den Ring des Nibelungen auf Schallplatten an, Stück für Stück, und als ich eines Morgens zum Ende der Götterdämmerung kam – die Musik des Rheins, die über die Musik von Walhall floss, während ein neuer, zuvor nur einmal gehörter Diskant über all dem schwebte –, da war ich von der schieren Schönheit überwältigt und den Tränen nahe. Parsifal war die nächste Oper: Ich spielte so gerne den Gang zur Grals-

burg auf dem Klavier, mit besonderer Betonung von Amfortas’ Leiden, wobei ich (zum Entsetzen meiner Nachbarn) immer wieder leidenschaftlich dieselbe Passage in die Tasten hämmerte. Ich war wie gebannt vom erhabenen Karfreitagszauber und dem ernsten Vorspiel zum dritten Akt, und ich bewunderte die Art und Weise, wie Sie Ihre Themen transformieren: wie Sie auf die Gewichtigkeit von Parsifals Erfahrung hindeuten, indem Sie seine Fanfare einfach in Moll setzen, mit einer düsteren chromatischen Bewegung im Bass. Diese einfache und doch verblüffende Transformation hat mich immer wieder fasziniert. Einige Studienkollegen erforschten die Welt Ihrer Ideen durch Bücher, neben Ihren Schriften lasen sie auch Nietzsche und Schopenhauer. Ich zog es vor, mich nur mit Ihrer Musik zu beschäftigen, mit den Noten selbst. Ich sparte, um Aufführungen besuchen zu können, und stellte oft fest, dass ich die Inszenierungen in meinem Kopf denen auf der Bühne vorzog, aber ich genoss stets die musikalische Reise. Als ich dreißig wurde, erklärte ich mich, übermütig und leichtsinnig wie

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OSCAR WILDE DER SOZIALISMUS UND DIE SEELE DES MENSCHEN

»DIE KUNST IST INDIVIDUALISMUS, UND DER INDIVIDUALISMUS IST EINE ZERSTÖRENDE UND ZERSETZENDE KRAFT. DARIN LIEGT SEINE UNGEHEURE BEDEUTUNG. DENN WAS ER ZU ZERSTÖREN SUCHT, IST DIE EINTÖNIGKEIT DES TYPUS, DIE SKLAVEREI DER GEWOHNHEIT, DIE TYRANNEI DER SITTE UND DIE ERNIEDRIGUNG DES MENSCHEN AUF DIE STUFE EINER MASCHINE.«

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IMPRESSUM R IC H A R D WAGN E R

TANNHÄUSER SPIELZEIT 2024/25 PREMIERE DER PRODUKTION: 22. MAI 2025 Herausgeber WIENER STAATSOPER GMBH, Opernring 2, 1010 Wien Direktor DR. BOGDAN ROŠČIĆ Musikdirektor PHILIPPE JORDAN Kaufmännische Geschäftsführerin DR. PETRA BOHUSLAV Redaktion SERGIO MORABITO, ANDREAS LÁNG, OLIVER LÁNG Gestaltung & Konzept EXEX Layout & Satz ROBERT KAINZMAYER Lektorat MARTINA PAUL Druck PRINT ALLIANCE HAV PRODUKTIONS GMBH, BAD VÖSLAU TEXTNACHWEISE / ORIGINALBEITRÄGE: Philippe Jordan: Tannhäuser, ein Künstlerdrama – Jendrik Springer: 7 Moments musicaux im Tannhäuser – Ein Rockstar auf Tour, Oliver Láng im Gespräch mit Lydia Steier – Jürgen Otten: Die Kunst des dialektischen Denkens – Das Triptychon der Kunstentwicklung, Andreas Láng im Gespräch mit Momme Hinrichs und Alfred Mayerhofer – Judith Belfkih: Musik auf den Lippen – Qualen im Herzen – Jonathan Dove: Brief an Richard Wagner – Thomas Kramer: Electric Ladyland. TEXTÜBERNAHMEN Karin Tebben: Der historische Tannhäuser als rebellischer Minnesänger, Textauszüge aus: Karin Tebben, Tannhäuser – Biographie einer Legende, Göttingen 2010 – Oliver Láng: Tannhäusers langer Weg, überarbeitet aus: Tannhäuser-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2010 – Udo Bermbach: Tod im Gehäuse der Institutionen, aus: Udo Bermbach, Blühendes Leid – Politik und Gesellschaft in Richard Wagners Musikdramen, Metzler, 2003 – Andreas Láng: Omnipräsent in Wien, überarbeitet aus: Tannhäuser-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2010 BILDNACHWEISE Coverbild: Luka Khabelashvili – www.lukakhabelashvili.com. Bildkonzept Cover: Martin Conrads, Berlin – Bild S. 41: Szenenbilder: Michael Pöhn/Wiener Staatsoper GmbH (S. 6, 22-23, 41, 74-75), Ashley Taylor (S. 2-3, 35, 36, 42-43, 46, 54-55, 59, 64-65, 84-85, 90, 99) – Archiv der Wiener Staatsoper (S. 19 sowie unbezeichnete).

Nachdruck nur mit Genehmigung der Wiener Staatsoper GmbH / Dramaturgie. Rechteinhaber, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten. Kürzungen sind nicht gekennzeichnet.

Produziert gemäß Richtlinie Uz24 des Österreichischen Umweltzeichens, Print Alliance HAV Produktions GmbH, UW-Nr. 715


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