nijinsky
Das Wiener Staatsballett ist Teil der Wiener Staatsoper und der Volksoper Wien.
nijinsky Ballett von John Neumeier
Choreografie, Bühne, Kostüme & Licht John Neumeier unter teilweiser Verwendung der Originalentwürfe von Léon Bakst & Alexandre Benois Musik Prélude Nr. 20 c-Moll, op. 28 von Frédéric Chopin Scheherazade, op. 35, 1., 3. & 4. Satz von Nikolai Rimski-Korsakow Symphonie Nr. 11 g-Moll Das Jahr 1905, op. 103 und Sonate für Viola und Klavier op. 147, 3. Satz von Dmitri Schostakowitsch Faschingsschwank aus Wien, op. 26, 1. Fantasiebild von Robert Schumann Musikalische Leitung Nathan Brock Umsetzung Licht Ralf Merkel Einstudierung Laura Cazzaniga Piotr Stanczyk Sonja Tinnes Orchester der Wiener Staatsoper
URAUFFÜHRUNG 2. JULI 2000, HAMBURG BALLETT HAMBURGISCHE STAATSOPER PREMIERE MIT DEM WIENER STAATSBALLETT 20. OKTOBER 2026, WIENER STAATSOPER
Ensemble
über die heutige vorstellung »Nijinskys Leben lässt sich einfach zusammenfassen: zehn Jahre Wachsen, zehn Jahre Lernen, zehn Jahre Tanzen, dreißig Jahre Finsternis«, so fasst der Tanzkritiker Richard Buckle die bewegende Biografie jenes Künstlers zusammen, der die Menschen mit seinem intensiv-virtuosen Tanz auf der Bühne begeisterte und mit seinen Choreografien den Weg des Balletts in die Moderne ebnete. Vaslaw Nijinsky: Star der Ballets Russes, »Jahrhunderttänzer« und »Skandalchoreograf«, zugleich ein von Ängsten, Zweifeln und Wahnsinn gezeichneter Mensch. John Neumeiers choreografisches Portrait vereint das persönliche Schicksal Nijinskys mit dem strahlenden Ruhm und der außergewöhnlichen Epoche der Ballets Russes (1909 – 1929). Neumeiers Nijinsky ist dabei kein Handlungsballett im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr ein getanztes Konglomerat an Erinnerungen, Empfindungen und unterschiedlichen Realitäten. So durchlebt Nijinsky noch einmal die Höhepunkte seiner Karriere: Seine revolutionären Choreografien und die legendärsten Rollen wie der Goldene Sklave aus Scheherazade, Geist der Rose aus Le Spectre de la Rose und Faun aus L’Après-midi d’un faune erscheinen als Spiegelbilder auf der Bühne und werden immer wieder von Momenten aus Nijinskys Kindheit oder durch das Erscheinen von Familienmitgliedern unterbrochen. Das Strahlende und Glanzvolle weicht allerdings mehr und mehr einer Dunkelheit… Vergangenheit und Gegenwart, Bühne und Krieg, Triumph und Verlust verschmelzen zu einem inneren Strudel…
Die Personen Vaslaw Nijinsky (1889 – 1950), in Kiew geboren, erhielt seine professionelle Tanzausbildung an der Kaiserlichen Ballettschule in St. Petersburg. 1907 wurde er an die Kaiserlichen Theater engagiert und gleich mit solistischen Aufgaben betraut. Zwei Jahre später übernahm Serge Diaghilew ihn in seine Ballets Russes, deren gefeierter Star er wurde. Er schuf u.a. revolutionäre Werke wie L’Après-midi d’un faune (1912), Jeux (1913) und Le Sacre du printemps (1913). Ab 1919 litt Nijinsky an schweren psychischen Erkrankungen und verbrachte große Teile seines Lebens in Kliniken und bei seiner Frau Romola.
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
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Romola Nijinska wurde 1891 als Romola de Pulszky in Budapest geboren. Nachdem sie Nijinsky 1912 bei einem Gastspiel der Ballets Russes gesehen hatte, folgte sie der Compagnie durch Europa und nahm Tanzunterricht. 1913 heiratete sie Nijinsky während einer Südamerika-Tournee. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Nach dem Ausbruch seiner psychischen Erkrankung kümmerte sie sich jahrzehntelang um ihren Mann. Eleonora Bereda & Thomas Nijinsky, seine Eltern, erhielten ihre Ballettausbildung am Warschauer Teatr Wielki. Eleonora war als Solotänzerin tätig, während Thomas ebenfalls als Solist und Tanzlehrer auftrat. Gemeinsam reisten sie mit verschiedenen Ensembles durch zahlreiche Städte. Beide führten ihre Kinder früh an die Tanzkunst heran, aber hatten aufgrund der vielen Umzüge ein unruhiges und finanziell instabiles Leben. Bronislawa Nijinska, die jüngere Schwester Vaslaws, war Tänzerin, Choreografin und Pädagogin. Sie besuchte wie ihr Bruder die Kaiserliche Ballettschule in St. Petersburg. Bronislawa war Mitglied der Ballets Russes und unterstützte ihren Bruder bei der Erarbeitung seiner Werke. Mit ihrem modernen Bewegungsdenken und eigenen Choreografien wie Les Noces (1923), Les Biches (1924) sowie die Uraufführung von Maurice Ravels Boléro (1928) wurde sie zu einer wichtigsten Choreografinnen des 20. Jahrhunderts. Stanislaw Nijinsky war das älteste Kind der Familie Nijinsky. Wie seine Geschwister erhielt er eine tänzerische Ausbildung. Nach einem schweren Unfall entwickelte er psychische Probleme und konnte seine Karriere nicht fortsetzen. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich im Laufe der Jahre zunehmend. Die familiäre Belastung durch seine Erkrankung prägte auch das Leben seiner Geschwister. Serge Diaghilew war ein russischer Kunstkritiker, Kurator und Impresario. Er widmete sich früh der Kunstförderung und gründete 1909 die Ballets Russes, die schnell zur Sensation wurden. Er förderte Nijinsky nicht nur in seinem Ensemble, sondern die beiden verband auch ein Liebesverhältnis. Nach Nijinskys Hochzeit mit Romola kam es zum Bruch nicht nur auf privater, sondern auch auf künstlerischer Ebene. Tamara Karsawina war eine der berühmtesten russischen Ballerinen ihrer Zeit. Sie absolvierte ihre Ausbildung an der Kaiserlichen Ballettschule in St. Petersburg und wurde anschließend Solistin des Mariinski-Theaters. Ab 1909 gehörte sie zu den führenden Künstlerinnen der Ballets Russes. Gemeinsam mit Nijinsky tanzte sie Hauptrollen in Werken wie Les Sylphides, Petruschka und Le Spectre de la Rose. Léonide Massine war ein russischer Tänzer, Choreograf und später einer der wichtigsten Nachfolger Nijinskys bei den Ballets Russes. Er erhielt seine Ausbildung an der Moskauer Theaterschule des Bolschoi-Theaters. 1914 entdeckte ihn Diaghilew für seine Compagnie. Dort entwickelte er sich rasch zum Haupttänzer und schuf zahlreiche innovative Ballette.
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
en vogue: vier kostüme nijinskys
NICOLE HAITZINGER & ANNA MENSLIN
Vom ornamentierten, gold- und juwelenbesetzten Bandeau tropfen milchig schimmernde Perlenstränge herab. Mit jeder Drehung und Dehnung des tanzenden Körpers schwingen sie auf und sprühen funkelnd auseinander. Metallischer Satin sammelt sich in Stofffalten, um sich im Sprung aufzufächern und den nackten und zugleich bekleidet erscheinenden Tänzer über der Bühne aufschweben zu lassen. Gold wird zu Haut, Haut wird zu Gold. Die Kostüme Vaslaw Nijinskys brachten nicht nur unvergessliche Figuren auf der Bühne der 1910er Jahre in Erscheinung, sie sind in mehrfacher Hinsicht aktuell buchstäblich und metaphorisch »en vogue«: als Artefakte der Erinnerung, als Inspiration für Modedesign und als Stimulans für gegenwärtige Ballette. Obwohl Vaslaw Nijinsky für die 1909 von Impresario Serge Diaghilew gegründeten Ballets Russes nur wenige Jahre aktiv gewesen ist,1 war es unter anderem seine Verkörperung des Goldenen Sklaven in Scheherazade (1910), die ihn zum Sinnbild der Compagnie und zu einer ikonischen Figur der Moderne machten. Die Erinnerung an die Ballets Russes ist von seinem Schaffen als Tänzer, Choreograf, Tanznotator und seinen Kostümen, die zu vestimentären Hüllen und zur Inspiration von
EN VOGUE: VIER KOSTÜME NIJINSKYS
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Wiederverkörperung geworden sind, kaum zu trennen. Zwischen materiellen Spuren und körperlicher Flüchtigkeit eröffnet sich ein Resonanzraum, dem sich dieser Text anhand von vier Kostümbildern und besonderen Konstellationen von Textilien, Körper und Bewegung annähert: der Goldene Sklave aus Scheherazade (1910), der Geist der Rose aus Le Spectre de la Rose (1911), der Faun aus L’Après-midi d’un faune (1912) und der junge Mann aus Jeux (1913). Die vier Kostümbilder sind dabei exemplarisch für die »hybriden und vielgestaltigen Inszenierungen der Ballets Russes« zu verstehen.2 Über das rund zwanzigjährige Bestehen der Ballets Russes hinweg formierten sich für die einzelnen Inszenierungen neue Künstler*innen-Kollektive. Unterschiedliche ästhetische Artikulationsformen und künstlerische Strömungen trafen hierbei aufeinander.3 Gerade das transmediale Zusammenspiel von Choreografie, Kostüm, Bühnenbild und Musik machte die Compagnie zu einem zentralen Experimentierfeld der Moderne. Zugleich sind es jene Rollen, über die Nijinsky – wie auch in John Neumeiers Nijinsky – bis heute erinnert wird und die durch die Kostüme bewegte Gestalt annehmen. Nach einer Ausbildung in der Kaiserlichen Ballettschule, einem Engagement als Tänzer am Marinski-Theater (1908) und einem erfolgreichen Debut der Ballets Russes in Paris (1909), verführt Nijinsky in der Rolle des Goldenen Sklaven im einaktigen Ballett Scheherazade das Publikum. Das Stück bildet mit Cléopatre (1909), Les Orientales (1910), Le Dieu bleu (1912) und Salomé (1913) eine Reihe von opulenten Arbeiten, die Diaghilew in Auftrag gab, um das Pariser Publikum mit leuchtender Farbkraft, luxuriösen Materialien und sinnlich aufgeladenen »orientalischen« Imaginationen in den Bann zu ziehen. Damit traf er den ästhetischen Zeitgeist der französischen Metropole. Über die Bühne hinaus fanden die Bildwelten der Ballets Russes Einzug in das soziokulturelle Leben der Pariser Bourgeoisie. Wer es sich leisten konnte, holte sich die Kulissen des Szenographen Léon Bakst mithilfe von juwelengleichen Farben, Kissenbergen, Samtdiwanen und wandfüllenden Seidenstoffen ins eigene Wohnzimmer; hüllte sich in raumfüllende, würzige Parfüms aus Amber, Moschus und Jasmin; und kleidete sich »en vogue« in Gewändern, die den Bühnenkostümen der russischen Truppe nicht nur optisch ähnelten, sondern ihren Träger*innen auch ein neues Gefühl von Bewegungsfreiheit und Komfort ermöglichten.4 Diesem Trend folgten zahlreiche Mode- und Schneiderhäuser, doch niemand setzte sie so konsequent um wie »Le Magnifique« Paul Poiret (1879–1944).5 Poiret befreite wenige Jahre zuvor die moderne Frau vom Korsett und kleidete sie in fließende Hosenkleider (»jupe-culottes«) sowie extravagante Turbane. Mit dieser neuen Silhouette entfaltete sich eine außerordentliche Bewegtheit und elegante Leichtigkeit. Mit dem Kostümfest des Couturiers Poiret mit dem Titel La Mille et Deuxième Nuit – der »Tausendundzweiten Nacht« – von 1911 werden die Ähnlichkeiten besonders deutlich. Dass Nijinsky Poirets Salon persönlich aufsuchte, um sich einkleiden zu lassen, bezeugt die enge Verbindung von Tanz und Mode: Der Star-Tänzer verkörperte Glanz und Glamour nicht nur auf der Bühne, sondern auch auf den Pariser Straßen der Belle Époque. Mit seiner großen Transformationsfähigkeit sowie sinnlich-virtuosen Bewegungsqualität brachte Nijinsky einen »neuen Tänzertypus innerhalb der Ballerina-dominierten 17
EN VOGUE: VIER KOSTÜME NIJINSKYS
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Davide Dato (Geist der Rose)
Vaslaw Nijinsky als Petruschkka
VASLAW NIJINSKY
»Ich bin ein Verrückter, der die Menschen liebt. Mein Wahnsinn ist meine Liebe zur Menschheit.«
wiener-staatsballett.at