living legacies
Das Wiener Staatsballett ist Teil der Wiener Staatsoper und der Volksoper Wien.
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Divertimento Nr. 15 George Balanchine Within the Golden Hour Christopher Wheeldon Rhapsody Frederick Ashton
über die heutige vorstellung »Diese beiden haben mehr als alle anderen Choreografen des 20. Jahrhunderts den Klassizismus im Ballett weiterentwickelt. Was ist Klassizismus im Ballett? Es ist ein Tanz, der nach reiner Form strebt, bei dem der menschliche Körper hinsichtlich Linie, Gestalt und Volumen zu einem skulpturalen Werk idealer Geometrie wird und sich mit den Strukturen der Musik verbindet, mit ihrem Rhythmus, ihrer Melodie und ihrer Harmonie, ja sogar mit ihrem Klangcharakter. (…) Balanchine ist der Choreograf, der unter unsere Haut geht. Er öffnet uns und offenbart uns unsere Fähigkeit zur Transzendenz. Ashton hingegen ist unsere Haut. Er ist der Tanzpoet unseres Nervensystems und dieser Welt«, schreibt der Tanzkritiker Alastair Macaulay über jene zwei wegweisende Choreografen – George Balanchine und Frederick Ashton –, deren Werke bis heute »state of the art« sind und die nun im Wiener Ballettabend Living Legacies vereint werden. Während Balanchines Mozart-Ballett Divertimento Nr. 15 zu seinen luftigsten Kreationen zählt und aufs Schönste den Geist des Divertissements beschwört, ist Ashtons Rhapsody ein zeitloses Meisterwerk aus dem vielseitigen Œuvre des britischen Choreografen. Eine seiner letzten Arbeiten, die strahlende Virtuosität mit lyrischer Poesie vereint. Living Legacies – lebende Vermächtnisse – führt mit Christopher Wheeldon in der Mitte des Triple Bills in die Gegenwart, macht Linien und Brücken deutlich. Wheeldon, der als Tänzer am Royal Ballet mit Ashtons choreografischer Handschrift aufgewachsen ist und als Solist und Resident Choreographer des New York City Ballet Balanchines Spuren folgte, zeigt mit Within the Golden Hour eine Choreografie von flüchtiger Schönheit und schimmernder Sinnlichkeit: »Ashtons Musikalität, die Linie des Oberkörpers, die Feinheit des petit allégro, Zärtlichkeit ohne Ironie...all diese Eigenschaften flossen auch in Within the Golden Hour ein«, sagt Wheeldon und zeigt einmal mehr, wie das Fortführen choreografischer Traditionen und ein erweitertes Denken über die Tanzkunst das Klassische Ballett im Hier und Jetzt verankern und lebendig halten.
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
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Natalya Butchko in Divertimento Nr. 15
eleganz & verve
NASTASJA FISCHER
Die Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart sind seit jeher große Schöpfungsund Inspirationsquelle für Choreograf*innen, so war auch George Balanchine inspiriert von der Klarheit, Eleganz und Vielseitigkeit, die Mozarts Œuvre auszeichnet und kreierte mit seinem Divertimento Nr. 15 eine Hommage an den großen Komponisten. Allerdings blieb das Ballett nur eine seiner wenigen Mozart-Choreografien und die Einzige, die heute noch im Repertoire lebendig ist. Zu groß war der Respekt vor dem österreichischen »Wunderkind«. »Wir stellten fest, dass wir uns nur noch an sehr wenig vom Original erinnern konnten. Es waren so viele neue Ballette dazwischengekommen, dass ich mit der Arbeit ganz von vorne beginnen musste! Ich war darüber nicht wirklich unglücklich, denn diese Partitur ist eine, die ich am meisten in der Welt bewundere«, schrieb Balanchine über den Beginn des Probenprozesses, als er 1956 für das Mozart Festival des American Shakespeare Theatre in Stratford, Connecticut seine vier Jahre zuvor entstandene Choreografie Caracole wiederaufnehmen wollte. Kreiert hatte er diese zu ebenjenem Divertimento Nr. 15 B-Dur KV 287, dem, wie Balanchine darlegt, »greatest Divertimento ever written«.
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Für seine zweite Bearbeitung des Divertimentos griff der Choreograf einiges an Bewegungsmaterial aus Caracole auf, benannte das Werk aber nun nach seiner Musik. Ganz der kammermusikalischen Partitur folgend tanzte eine kleine Besetzung von acht Solist*innen und acht Corps de ballet Damen. Angeführt wurde das Ensemble von den Stars des New York City Ballet und Balanchines großen Ballerinen wie Patricia Wilde und seiner Frau Tanaquil LeClerq, die noch im Jahr der Uraufführung auf einer Europa Tournee des Ensembles schwer an Kinderlähmung erkrankte und ihre vielversprechende Karriere beenden musste. Entstanden ist Mozarts Komposition im Jahr 1777 zu einem Zeitpunkt, an dem die Gattung des Divertimento ihren Höhepunkt erlebte und sich an den europäischen Höfen großer Beliebtheit erfreute. Anlass war der auf den 13. Juni datierte Namenstag der aus Salzburg stammenden Gräfin Maria Antonia Lodron. Die wohlhabenden Lodrons gehörten seit dem 17. Jahrhundert nicht nur zu den führenden Adelshäusern, sondern waren auch Freunde der Familie Mozart, sodass sich Maria Antonia bereits ein Jahr zuvor über das Divertimento F-Dur KV 247 erfreuen durfte. Während Mozart beiden Kompositionen den Titel Zwei Cassationen für die Gräfin gab, beschrieb sie sein Vater Leopold in Korrespondenzen als Lodronische Nachtmusiken. »Zum Reinsten, Heitersten, Beglückendsten, Vollkommensten, was je musikalische Form angenommen hat«, zählt der Musikwissenschaftler Alfred Einstein beide Divertimenti. Seine Uraufführung erlebte das Divertimento Nr. 15 auf einer Freiluftveranstaltung der Familie Lodron, und auch musikalisch ist der sommerlich-festliche Charakter der Komposition unverkennbar. In der instrumentalen Besetzung sowie einem aus sechs Sätzen bestehenden Aufbau folgt Mozart ganz der Divertimento-Tradition, komponiert abwechslungsreich, tänzerisch und voller Raffinesse Allegro, Andante grazioso, Menuett, Adagio, Menuett, Andante – Allegro molto. Besonders auffallend ist die solistisch-konzertant anmutende und virtuose Komposition für die erste Violine, die Mozart bei einem Konzert 1777 in München selbst spielte: »Da schaute alles groß drein. Ich spielte, als wenn ich der größte Geiger in ganz Europa wäre.« Für seine Choreografie zu Divertimento Nr. 15 strich Balanchine das zweite Menuett und das Andante des sechsten Satzes, ließ allerdings die Kadenz durch den britischen Dirigenten und Arrangeur John Colman für Violine und Viola ausarbeiten. »In Balanchines Erarbeitung der Musik Mozarts wird eine echte ›Seelenverwandschaft‹ zweier großer Geister spürbar«, schreibt Ballettkritiker Richard Buckle und verweist auf Balanchines genaue choreografische Analyse der Musik, in der die Bewegungen ganz den musikalischen Themen folgen und sein Leitmotiv »See the music, hear the dance« umsetzen. Während das gesamte Ensemble einzig im einstimmenden ersten und lebhaften letzten Satz gemeinsam auf der Bühne zu sehen ist, eröffnen sich im Mittelteil diverse Paarungen und Gruppierungen, wird unter anderem im Duett und Trio getanzt. Diese »Zahlenspiele« dienen Balanchine der Realisierung von Symmetrie und Proportion, die Mozarts klare, ausgewogene und formale Musik visuell imaginieren. Jene geometrisch-präzisen Bewegungsmuster verweisen allerdings auch auf die besondere Form der Raumnutzung Balanchines, in der sich die Architektur von Choreografie und Körper in den Bühnenraum einschreibt. 11
ELEGANZ & VERVE
Ensemble
Cassandra Trenary & António Casalinho
António Casalinho →
wiener-staatsballett.at