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Programmheft »Les Pêcheurs de perles«

Page 1

GEORGES BIZET

LES PÊCHEURS DE PERLES


INHALT

S.

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DIE HANDLUNG S.

8

ÜBER DEN HEUTIGEN ABEND S.

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DIE GEFÄRBTE WAHRHEIT TILL BRIEGLEB S.

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»DIESE MUSIK VERLANGT EINE BESTIMMTE ART DES HÖRENS« DANIELE RUSTIONI IM GESPRÄCH S.

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CEYLON GIBT ES NICHT JANINE ORTIZ S.

36

DER ABERGLAUBE HAT DIE SEITEN GEWECHSELT BARBARA VINKEN

S.

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»MODE IST NICHT NUR ÄSTHETIK, SONDERN AUCH GESELLSCHAFTSANALYSE« ERSAN MONDTAG IM GESPRÄCH S.

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ZWEI KÜNSTLERISCHE HANDSCHRIFTEN IM BÜHNENRAUM S.

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HEAVEN CAN WAIT BUT NOT 4 LONG MONTY RICHTHOFEN S.

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OBJEKTE SIND TÜREN ZU MENSCHEN SVEN DURST S.

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IMPRESSUM


Mes mains ont allumé le terrible incendie Qui menace leurs jours et vous sauve la vie, Car je brise vos fers ! Meine Hände haben den furchtbaren Brand entfacht, der ihr Leben bedroht und euch das Leben rettet, denn ich sprenge eure Fesseln! ZURGA, 3. AKT


GEORGES BIZET

LES PÊCHEURS DE PERLES OPER in drei Akten Text MICHEL CARRÉ & EUGÈNE CORMON

ORCHESTERBESETZUNG 2 Flöten (2. auch Piccoloflöte), 2 Oboen (2. auch Englischhorn), 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, Schlagwerk, Harfe, Streicher BÜHNENMUSIK

2 Piccoloflöten, Tambourin, Harfe

AUTOGRAPH Verbleib unbekannt URAUFFÜHRUNG 30. SEPTEMBER 1863 Théâtre-Lyrique, Paris ERSTAUFFÜHRUNG IM HAUS AM RING 14. MAI 2026 Wiener Staatsoper

SPIELDAUER

2 H 30 MIN

INKL. 1 PAUSE


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ÜBER DEN HEUTIGEN ABEND Georges Bizet war 24 Jahre alt, als Les Pêcheurs de perles 1863 am Pariser Théâtre-Lyrique uraufgeführt wurde. Es war nicht seine erste komponierte, aber seine erste aufgeführte große Oper: ein Werk des Aufbruchs, geschrieben unter Zeitdruck, mit sicherem Instinkt für Bühne, Stimme und Atmosphäre. Der spätere Komponist der Carmen ist hier noch jung, aber bereits unverkennbar zu hören: in Orchesterfarben, weit gespannten Linien und in der Fähigkeit, Erinnerung, Begehren und Gefahr in Klang zu verwandeln. Die Handlung führt im Libretto von Michel Carré und Eugène Cormon nach Ceylon: Eine Gemeinschaft von Perlenfischern vertraut auf Rituale, um sich vor den Gefahren ihrer Arbeit zu schützen. Im Zentrum stehen Zurga, Nadir und Leïla. Die beiden Jugendfreunde erkennen in der Priesterin jene Frau wieder, derentwegen sie einst geschworen hatten, ihre Freundschaft keiner Liebe zu opfern. Aus einem alten Versprechen wird ein Konflikt zwischen Treue und Eifersucht, Glaube und Leidenschaft.

Berühmt wurde vor allem das Freundschaftsduett »Au fond du temple saint«, in dem Nadir und Zurga ihre Vergangenheit beschwören, während die Bruchlinien ihres Bundes hörbar werden. Doch die Partitur bietet weit mehr: bewegte Chorszenen, intime Bekenntnisse und flirrende Naturszenen, in denen Meer, Hitze, Nacht, Sturm und Feuer nicht bloß Kulisse sind, sondern Spiegel innerer Erschütterung. Besonders kostbar ist die Idee, dass Leïla und Nadir einander über die Stimme erkennen: Ihre Liebe entsteht aus dem Hören, bevor sie sich offen aussprechen darf. Ersan Mondtag liest die Oper nicht als exotisches Märchen, sondern als Gegenwartsbild globaler Luxusproduktion. Aus der gefährlichen Arbeit der Perlenfischer wird eine Welt von Färbereien, Textilarbeit, Markenmythen und Konsumtempeln. Schönheit erscheint hier nicht unschuldig: Sie glänzt, weil andere unter riskanten Bedingungen für sie arbeiten. So erzählt Bizets frühes Meisterwerk heute von Liebe im Bann der Erinnerung, aber auch vom Preis des Glanzes.

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LUDOVIC TÉZIER als ZURGA


»DIESE MUSIK VERLANGT EINE BESTIMMTE ART DES HÖRENS«

im Musizieren. Manchmal verlangen gerade die einfachsten Dinge die größte Zuversicht und die größte Geduld. jo Kann man das zum Beispiel an Nadirs berühmter Arie »Je crois entendre encore« hören? dr Ganz deutlich. Das entscheidende Wort ist dort andante, wörtlich: gehend. Oft hört man solche Musik als etwas Schwebendes und nimmt sie deshalb zu langsam. Aber das kann gegen die Linie arbeiten. Wenn man eine Phrase beginnt, muss man bereits spüren, wohin sie geht, ihren ganzen langen Bogen. In dieser Arie hat die Melodie etwas Kreisendes, und wenn man die Taktstriche zu streng nimmt, wenn jeder Schlag zu deutlich markiert wird, beginnt man, die Linie in Stücke zu schneiden. Das geht gegen den Stil, gegen das Singen und gegen die Schönheit der Phrase. Man muss die Linie manchmal fast umschmeicheln und sogar die Eins im Takt ein wenig vermeiden, damit sich die Beweglichkeit der Musik natürlich entfalten kann. jo Das Freundschaftsduett zwischen Zurga und Nadir ist ein weiterer berühmter Moment der Oper. Hören Sie schon dort, dass diese Freundschaft nicht mehr ganz intakt ist? dr Ja, absolut. Ich teile diese Lesart. Nadir hat die Hauptlinie, nicht nur musikalisch, sondern auch akustisch, weil die obere Stimme das Ohr ganz natürlich anzieht. Zurgas Linie hat zunächst eher reaktiven Charakter. Im Mittelteil des Duetts wird die Musik aufgewühlter, und man spürt bereits, dass diese Leidenschaft ihre Freundschaft zerstören könnte. Die Antwort der beiden darauf ist, den Schwur zu erneuern, dass Leïla niemals zwischen sie treten darf.

In diesem Sinn hallt das Versprechen, das sie dort ablegen, bis ganz ans Ende der Oper nach. Was mich an Zurga interessiert, ist, dass er nicht auf konventionelle Weise eifersüchtig ist. Er ist ein Machtmensch, eine Kontrollfigur. Er möchte von Nadir bewundert werden und später auch von Leïla. Er will im emotionalen Kosmos beider im Zentrum bleiben. Das macht ihn sehr viel komplexer als einen bloßen Rivalen. jo Sie haben sich selbst einmal als »Sänger-Dirigent« bezeichnet. Wenn man Ihnen zuhört, hat man den Eindruck, dass sich diese Haltung gerade an einem Werk wie Les Pêcheurs de perles besonders bewährt. Was bedeutet dieser Begriff für Sie? dr Es bedeutet nicht, Diener der Bühne zu sein. Es bedeutet, dass mir das Verhältnis zwischen Orchester und Stimme sehr wichtig ist. Für mich ist das Orchester nicht einfach dazu da, leise zu begleiten, während die Sängerinnen und Sänger den Ausdruck übernehmen. Das Orchester kann mit derselben Intensität spielen wie die Stimme, aber sein Klang muss in Beziehung zu den Stimmen geformt werden, die man vor sich hat. Genau darin liegt die eigentliche Aufgabe. jo Diese Oper scheint von dem heimgesucht zu werden, was schon einmal war: der Schwur zwischen den beiden Männern, die frühere Begegnung zwischen Nadir und Leïla, Kindheitserinnerungen, all das kehrt zurück. Hören Sie Erinnerung auch in der Partitur selbst? dr Ja, sehr stark. Ich würde sogar, vielleicht provozierend, sagen, dass dies eine der Partituren des französischen

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DANIELE RUSTIONI

»DIE MENSCHLICHE STIMME TRÄGT ETWAS UNGEMEIN TIEFGREIFENDES IN SICH. UND IN BIZETS OPER IST DIESER GEDANKE DIREKT IN DIE MUSIK EINGESCHRIEBEN.«

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JANINE ORTIZ IM GESPRÄCH MIT ERSAN MONDTAG

»MODE IST NICHT NUR ÄSTHETIK, SONDERN AUCH GESELLSCHAFTSANALYSE« Für seine Wiener Deutung von Les Pêcheurs de perles verlegt Ersan Mondtag Bizets Oper in die globale Luxusindustrie. Das Gespräch führt zu Textilarbeit und Konsumtempeln, zu Fantasie als politischer Kraft und zu einer Schönheit, die auf der Bühne nie harmlos bleibt. jo

Sie machen in dieser Produktion nicht nur die Inszenierung, sondern auch Bühne und Kostüme. Was war zuerst da: die Färberei oder die Shopping Mall als Konsumtempel? em Eigentlich zuerst die Stadt mit der Färberei. Direkt danach kam die Überlegung, die Shopping Mall als eine Art eingefrorene Metapher für den Tempel zu nehmen, gewissermaßen in Marmor gegossen. Es sollte kein naturalistisches Einkaufszentrum werden, sondern eine überhöhte Form, in der Konsum und Sakralisierung ineinander kippen. Später haben wir gemerkt, dass dieser Tempel in seiner reinen Form zu erstarrt wäre. Also haben wir die Arbeitswelt auch in diesen zweiten Bereich hineingezogen: Dieselben Menschen, die zuvor in der Färberei arbeiten, tauchen später als Bedienstete in der Mall wieVorige Seite: LUDOVIC TÉZIER als ZURGA CHOR der WIENER STAATSOPER

der auf. Gerade nicht als Kunden, das war wichtig. jo In dieser Bildwelt tauchen auch Schaufensterpuppen auf, die mit denselben Stoffen bekleidet sind, die zuvor als Arbeitskleidung in der Färberei zu sehen waren. Was interessiert Sie an dieser Umkehrung? em Mich interessiert daran der Zynismus. Es gibt in der Mode immer wieder die Tendenz, Arbeitswelt, Armut oder vermeintlich einfache Kleidung ästhetisch zu adeln und in Luxus zu überführen. Man nimmt Stoffe oder Anmutungen, die eigentlich mit Arbeit, Härte und Ausbeutung zu tun haben, und stellt sie dann als raffinierte Geste in einen Luxuskontext. Dass etwas, das einmal funktional und prekär war, plötzlich als veredelte Ware wiederkehrt: genau darin steckt für mich eine große Perversion.

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OBJEKTE SIND TÜREN ZU MENSCHEN

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