kallirhoe
Madison Young (Kallirhoe), Victor Caixeta (Chaireas), Ensemble
über die heutige vorstellung
»Im Mittelpunkt des griechischen sogenannten Abenteuer- und Liebesromans steht fast immer ein Liebespaar, das heißt zwei miteinander verbundene Individuen, die sich gegen eine feindliche Welt behaupten müssen. Die Liebenden, meistens auf sich allein gestellt – und angewiesen auf ihr Glück –, zeichnen sich durch besondere Glücksumstände aus. Von vornehmer Herkunft, besitzen und bewahren sie strahlende Schönheit sowie einen edlen Charakter. Auf diese Weise ausgestattet, geraten die Hauptgestalten in einen Strudel gefährlicher Geschehnisse und in scheinbar aussichtslose Situationen. Aber sie überstehen Trennung und Seesturm, Überfall durch Räuber oder Piraten sowie die Sklaverei, und selbst der Tod, wenn er sie trifft, wird überwunden, da er sich als Scheintod erweist. Diese Motive haben sich bei Chariton zu einem Katalog formiert, der sich in der weiteren Gattungsgeschichte des Romans bis zu Heliodor stabilisieren sollte, auch wenn die Autoren innerhalb jenes konstanten Grundbestandes nach Variation und Ausgestaltung der Motive strebten. Der Makrokosmos des Romans wäre indessen unvollständig ohne den guten Ausgang des Ganzen. Nach allen Fährnissen, die die Liebenden
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
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zu bewältigen haben, kommt es – gattungsimmanent – zum Happy End.« Im Nachwort einer deutschen Ausgabe von Chariton von Aphrodisias’ Roman Kallirhoe wird so nicht nur auf wesentliche Merkmale des antiken Romans verwiesen, sondern auch auf die Eckpfeiler der außergewöhnlichen Geschichte der Hauptfiguren Kallirhoe und Chaireas. Die beiden Liebenden müssen innerhalb des acht Bücher umfassenden Werks allerlei Abenteuer und Schicksalsschläge überwinden, um am Ende wieder zusammenzufinden und ihrem »happily ever after« entgegenzugehen. Sein Autor, Chariton von Aphrodisias, der sich direkt zu Beginn des Romans als Geschichtsschreiber, als »Sekretär des Anwalts Athenagoras« bezeichnet und den Leser*innen verspricht, eine »Liebesgeschichte aus Syrakus« zu erzählen, hat mit Kallirhoe nicht nur wesentliche Impulse für die Entwicklung einer europäischen Literaturkultur gegeben – so fand später William Shakespeare vielfältig Inspiration u.a. für sein Wintermärchen –, sondern auch den »idealen antiken Liebesroman« geschrieben, der sein Publikum fesselt und Leidenschaft mit Intellekt, eine erfundene Liebesgeschichte mit politischen und sozialen Realitäten vereint. Der älteste vollständig überlieferte antike Liebesroman steht am Beginn der Romantradition, Chariton wird in vielen Publikationen sogar als Erfinder jenes Genres bezeichnet, und wurde vermutlich zwischen 50 v. Chr. und 150 n. Chr. verfasst. Die Geschichte der Titelheldin Kallirhoe, die sich 400 Jahre v. Chr. entspinnt, deren »Schönheit nicht irdischer, sondern göttlicher Natur, (…) wie die der Aphrodite selbst« war, gestaltet sich dabei genauso aufregend wie komplex: So vollstreckt sie sich entgegen Charitons Versprechen über viele Orte und Länder, vereint menschliches, von Emotionen geleitetes Handeln mit der Lust und den Launen der antiken Götter wie Eros, Aphrodite und Tyche, die von den Figuren gleichermaßen angefleht und verflucht werden. Neben dem Bezug zur Antike und der literaturwissenschaftlichen Bedeutung des Romans Kallirhoe waren es vor allem die Emotionen, die Choreograf Alexei Ratmansky dazu inspiriert haben, ein Ballett auf der Basis dieses Werks zu kreieren. Die Bürde von Schönheit mit all ihren Konsequenzen und die Macht der Vergebung werden bei ihm zu zentralen Themen. Unter dem Titel Of Love and Rage feierte das Handlungsballett 2020 mit dem American Ballet Theatre Premiere und wird nun als Europäische Erstaufführung mit dem Wiener Staatsballett präsentiert: »Es ist ein zeitgenössisches klassisches Ballett von einem der bedeutendsten Choreografen der Gegenwart, ein »Showcase« Ballett, das es nur in Wien gibt, und ein schönes Spektakel für unser Publikum«, erläutert Alessandra Ferri ihre Beweggründe, Kallirhoe als Eröffnungspremiere ihrer Direktion in der Wiener Staatsoper zu programmieren. Alexei Ratmansky, den das Publikum bereits durch die Ballette Pictures at an Exhibition und 24 Préludes sowie seine Choreografie für den Opernball 2024 kennt, präsentiert sich an der Wiener Staatsoper nun erstmals mit einem großen Handlungsballett, in dem seine neoklassische Ballettsprache, in der das akademische Bewegungsvokabular auf faszinierende und für die Tänzer*innen herausfordernde Weise in das Heute geholt wird, die einzigartig in unserem zeitgenössischen Ballettkanon ist, ganz zum Tragen kommt. Sein Ballett vereint so nicht nur die epische Geschichte Kallirhoes mit der gleichsam kraftvollen Musik des armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart, Antike und Moderne. 5
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
Madison Young (Kallirhoe), Ensemble
Rinaldo Venuti (Polycharmos), Victor Caixeta (Chaireas), Ensemble
ballet goes pop!
OLIVER PETER GRABER
Aram Chatschaturjan (1903-1978) ist nicht nur einer der raren Namen, die sich (gleichwohl sein internationaler Durchbruch mit dem Klavierkonzert op. 38 erfolgte) nahezu ausschließlich durch Ballettmusik in der Geschichte verankert haben; er ist zudem mit Abstand – und im besten Sinne des Wortes – einer der populärsten Ballettkomponisten. Kaum ein anderer könnte sich rühmen, vor allem zu Lebzeiten eine derartige Verbreitung, Breitenwirksamkeit bzw. genreübergreifende Beliebtheit erreicht zu haben. So brachte es der Säbeltanz aus dem Ballett Gayaneh mit sich, dass die Zeitschrift Newsweek vorschlug, »that 1948 may be Khachaturian Year in the United States«. Gleich drei Einspielungen, von denen eine die Marke von einer Million Verkäufen durchbrach, erreichten in diesem Jahr in den USA die »Billboard Best-Selling Records by Classical Artists«, dazu kamen »Pop-Versionen« und zum Teil mit Text unterlegte, vokale Coverversionen, die so zu Hits in den damals allgegenwärtigen Jukeboxen mutierten und im selben Jahr die »Billboard’s Most-Played Juke Box Records« auf den Rängen 8, 13 und 28 belegten. Dies bildete jedoch erst den Auftakt zur »Säbeltanz-Schwemme«; eine entsprechend breite Verwendung in Filmen, Cartoons, Shows, Radio- und TV-Produktionen,
BALLET GOES POP
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Werbespots (manche werden sich vielleicht noch an die TV-Werbung für Kosakenkaffee erinnern) etc. folgten in vielen Nationen, und bis heute zählt er zum Pflichtrepertoire in Wunsch- und Kurkonzerten. Ähnlich wie vor ihm Sergei Rachmaninoff (1873-1943) vor allem mit seinem Prélude cis-Moll op. 3/2 assoziiert wurde, wurde der Säbeltanz so zum Synonym für Chatschaturjan – Gayaneh damit zum erfolgreichsten Werk des Komponisten, wenngleich zumindest das Adagio von Spartacus und Phrygia aus dem gleichnamigen Ballett Spartacus einige Jahre später – und erneut über den Umweg medienmusikalischer Verwendung – an Popularität der Gayaneh nahekam. Beide Ballettwerke zierten Briefmarken und Motive aus dem Ballett Gayaneh, schafften es sogar in ausnotierter Form auf die Rückseite einer 50-Dram Banknote der Zentralbank der Republik Armenien. Weniger bekannt ist dagegen möglicherweise, dass der Säbeltanz ein typisches Stück funktioneller Ballettmusik ist – typisch insofern, als er erst spät im Werkprozess der Gayaneh und auf Anregung von außen in extrem kurzer Zeit entstand. Chatschaturjan zu Folge (hier sinngemäß zitiert) begann die Arbeit am Säbeltanz »gegen 15.00, war so gegen zwei Uhr nachts fertig und am folgenden Vormittag wurde ab 11.00 geprobt«. Derartig knappe Produktionszeiträume von funktioneller Musik für Ballett »über Nacht« sind grundsätzlich keine Seltenheit, wie auch der Autor dieses Artikels aus eigener kompositorischer Arbeit berichten könnte – und Not macht bekanntlich erfinderisch! Auch hinsichtlich nachträglich von Seiten der Choreografie gemachter, oft unabgesprochener musikalischer »Schnitte« und »Umstellungen« benötigen Ballettmusikschaffende eine ordentliche Portion Resilienz – wobei Chatschaturjan sich diesbezüglich einigen Anekdoten zu Folge dünnhäutig zeigte. So soll er unterschiedlichen Quellen zu Folge bei der letzten Vorstellung seines Balletts Spartacus, bei der er zu seinen Lebzeiten zugegen gewesen sein soll, mitten im ersten Akt das Zuschauerhaus verlassen haben. Man will ihn hernach unweit des Theaters auf der Straße angetroffen haben, wobei er bezeugt haben soll: »Wenn ich geblieben wäre, hätte ich einen schrecklichen Skandal gemacht! Sie haben vier Takte meiner Musik gestrichen!« Doch was macht den Säbeltanz und die Musik Chatschaturjans insgesamt eigentlich zum »Pop«? Ein Hauptgrund mag nicht nur in ihrer Eingängigkeit, sondern vor allem in ihrer emotionalen Grundhaltung zu finden sein. Der am 29. August dieses Jahres verstorbene Komponist Rodion Schtschedrin (1932-2025) befleißigte sich öfters der (hier ebenfalls sinngemäß zitierten) Feststellung, »dass die heutigen Komponisten meistens so schreiben, als wollten sie danach Selbstmord begehen« bzw. »viele aktuelle Partituren Testamente für einen bevorstehenden Selbstmord« seien. Eben dies trifft auf Chatschaturjans Musik nicht zu, die auch in Anbetracht tragischer Handlung im Falle von Bühnenwerken oder schwieriger privater Lebensumstände von Chatschaturjan selbst zumeist, wenn nicht sogar immer und somit implizit ein Fest des Optimismus, der Zugewandtheit auf eine positive Zukunft und der Lebensbejahung wie eines zuversichtlich geführten Lebenskampfes ist. Ohne an dieser Stelle als einen Gemeinplatz die politische Dimension seiner Musik vor dem Hintergrund der Sowjetunion diskutieren zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass dieser emotionale Grundzug der Musik Chatschaturjans auch dazu beitrug, dass er seine musikalischen Mittel im Zuge der Etablierung des so 35
BALLET GOES POP
»Während die Menge noch im Theater versammelt war, ging Kallirhoe, bevor sie nach Hause zurückkehrte, in den Tempel der Aphrodite. Dort umfasste sie die Füße der Göttin, schmiegte ihr Gesicht an, löste ihre Haare und sagte unter Küssen:
ACHTES BUCH, KALLIRHOE VON CHARITON VON APHRODISIAS
›Dank sei dir, Aphrodite! Durch dich durfte ich Chaireas in Syrakus sehen, wo ich ihn auch als Mädchen erblickt hatte nach deinem Willen. Ich werfe dir nicht vor, Herrin, was ich erlitten habe. Das war mir vorbestimmt. Ich bitte dich, trenne mich nicht mehr von Chaireas, sondern gewähre uns glückliches Leben und ge meinsamen Tod!‹ Soweit mein Buch über Kallirhoe.«
wiener-staatsballett.at