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Programmheft »Die verkaufte Braut«

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BEDŘICH SMETANA

DIE VERKAUFTE BRAUT


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LYDIA REA HARTL

IM LEBENS- KAMPF MIT MANNIG- FACHER LIST GEÜBT ICH WERD’ IHNEN EINE GESCHICHTE ERZÄHLEN Smetanas Leben und Wirken hätten das Zeug zum Stoff für eine PucciniOper, so voll sind sie von unerfüllter Liebe und höchster Tragik, in himmelschreiend-herzzerreißender Intensität der Illusionen und ohne Hoffnungsschimmer auf eine Lösung, denn alles, aber auch wirklich alles strebt auf einen langgezogenen Untergang im großen Stil hin. Allein der Tummelplatz von Smetanas Biografie ein schillernder Ort: Prag, eine Stadt der Donaumonarchie, deren von außen absurd erscheinende »kakanische« Gesetzlichkeiten Robert Musil beschreibt: Zu ihnen gehörten auch jene nationalen Kämpfe [...] Sie waren so heftig, dass ihretwegen die Staatsmaschine mehrmals im Jahr stillstand, aber in den Zwischenzeiten und Staatspausen kam PAVOL BRESLIK als JENÍK

man ausgezeichnet miteinander aus und tat, als ob nichts gewesen sei. Und es war auch nichts Wirkliches gewesen. Es hatte sich bloß die Abneigung jedes Menschen gegen die jedes andern Menschen, in der wir heute alle einig sind, in diesem Staat schon früh, und man kann sagen, in einem sublimeren Zeremoniell ausgebildet [...] Denn nicht nur die Abneigung gegen den Mitbürger war dort bis zum Gemeinschaftsgefühl gesteigert, sondern es nahm auch das Misstrauen gegen die eigene Person und deren Schicksal den Charakter einer tiefen Selbstgewissheit an. Man handelte in diesem Land [...] immer anders, als man dachte, oder dachte anders, als man handelte. Leben und leben lassen, das schien zunächst die Hoffnung für den Schmelztiegel Böhmen: 1848 baute die Politik des jungen Kaisers Franz Joseph I. auf den vermittelnden Einfluss der großen böhmischen Familien wie den Schwarzenbergs: Diese »Bohemisten«

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MAX BROD

KAREL SABINA Doch wer ist Sabina? Geehrter Leser, geehrte Leserin, Sie wissen es nicht? Da sieht man, wieviel ein Weltruhm wert ist. Schlagen Sie einen beliebigen Klavierauszug von Smetanas Verkaufter Braut oder ein Textbuch dieser unbegreiflich vollkommenen Oper auf – Sie werden Karel Sabina als Autor des Textbuches verzeichnet finden. Aber man kümmert sich nicht darum! Dabei ist es ein ganz vorzügliches Libretto, eines der besten, die ich kenne. Steht als Dichtung ganz nahe bei den Meistersingern oder beim Rosenkavalier, bei diesen zauberhaft humoristischen Werken, in deren Gegenwart man eine lange Zeit hin alle Bitterkeit des Daseins vergisst und in denen, nebenbei bemerkt, die Braut auch nicht ohne Mitwirkung eines ganz kleinen Schwindels oder einer Hochstapelei gewonnen wird – sprechen wir immerhin verzeihenderweise von einem »corriger la fortune«. Sabina ist in Prag am 28. Dezember 1811 [recte 1813] geboren. Er starb 1877. Wer Sabinas Vater war, wissen wir nicht. Es gibt nur Gerüchte, dass er das illegitime Kind eines Adeligen war. Seine Mutter, bei der er bis zum Erreichen der Selbständigkeit aufwuchs, lebte in gedrückten Verhältnissen, als Hausmeisterin und Bedienerin in einem Haus der Altstadt in der enggewundenen Karlsgasse, der Wälschen Kapelle gegenüber, die neben der Salvatorkirche liegt. Vorige Seiten: SZENENBILD

Sabina studierte am Altstädter Gymnasium, in dem der berühmte Gelehrte Josef Jungmann unterrichtete. Dann bezog er die philosophische, später die juristische Fakultät, doch ohne eines der Fächer zu Ende zu bringen. (Die Prager Universität war damals deutsch. Eine tschechische Universität gab es nicht.) Den ersten Jahrgang absolvierte er in Prag 1831, in dieser Zeit war er auch Erzieher beim Baron Steiger. Im Anschluss daran begab er sich nach Wien, wo er zwei Jahre lang Jus hörte. Dann kehrte er nach Prag zurück. Man wirft Sabina heute vor, dass er ein »Revolutionär aus Instinkt« war. Beweis: Die Gründung eines geheimen literarisch-politischen Studentenklubs mit republikanischen Tendenzen. Man denke: Zur Zeit des extremen Metternich’schen Absolutismus, 1831! Welch eine wahnsinnige Tollkühnheit! Seine materielle Lage war miserabel. Sabina hatte bald eingesehen, dass es im damaligen Prag fast unmöglich war, als Literat seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Daher 1838 seine Flucht nach Wien. In der Fremde versuchte er sein Glück. Ein günstiger Zufall: er lernte GrossHoffinger, den reichen Redakteur der politischen Zeitschrift Der Adler kennen. Gross-Hoffinger ist sich über Sabinas publizistisches Talent bald im Klaren, er vertraut ihm die Führung der Zeitschrift an und kümmert sich nicht

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KAREL SABINA

mehr um sie. Seinen Wohnsitz verlegt er von Wien aufs Land. Die günstigen Lebensumstände, in denen Sabina sich unerwartet fand, dauerten freilich nicht lange. Einige liberale Artikel, die er im Adler veröffentlichte, brachten Gross-Hoffinger in nicht geringen Konflikt mit dem allmächtigen Polizeiminister Graf Sedlnitzky, der Sabina mit sofortiger Wirkung aus Wien verwies. So war das leichte Wiener Leben rasch zu Ende. Sabina musste zurück in die Tretmühle, in die nervenaufzehrende Prager Arbeit. Seit 1839, dem Jahre, in dem sein Ziehvater starb, war er nur noch literarisch tätig. Seine Produktion schwoll an, machte ihn zu einem der fruchtbarsten Autoren seiner Zeit. Außer unzähligen Beiträgen in tschechischen und deutschen Zeitschriften schrieb er: die Novelle Der Totengräber 1837, »Gedichte« 1841, drei Teile der Gemälde aus dem 14. und 15. Jahrhundert 1844, zwei Bände Erzählungen 1845 u. s. f. Zum ersten Mal traf Josef Václav Frič, der Schriftsteller und Politiker, mit Sabina erst nach Jahren zusammen, vermutlich 1847; er berichtet darüber in seinen Erinnerungen: »Über Sabina gingen damals dunkle Gerüchte um; so etwa, dass er auf dem Lande herumfahre und sich als Baron ausgebe, dass er zum Schein Güter kaufe, Beamte engagiere, von denen er Kautionen nehme. Doch das waren wohl pure Klatschgeschichten, denn in Wahrheit ernährte er sich auf mühsamste Art ausschließlich durch seine Feder, verfasste tschechische Romane und deutsche Erzählungen, gelehrte Essays, Kritiken aller Art. Er übersetzte, was ihm unter die Hand kam – aus verschiedenen Sprachen, immer um miserables Honorar und meist pseudonym.«

Im Jahre 1835 veröffentlichte er in der Zeitschrift Blüten ein Gedicht Den Fernen. Er apostrophierte die »Auserwählten, die Bekränzten des Zeitalters«, »vom Ozean bis zum Ural«. Sie wecken »Harmonien, singen Kraft dem ermattenden Geschlecht«. Er nannte Byron, Moore, Victor Hugo, Heine, Béranger, Mickiewicz und Kollár. Die Zensur beanstandete Heine und Béranger. Er ersetzte sie durch Lamartine und Delavigne. Die Verse erschienen. Ergebnis: eine Polizeiuntersuchung. Das Gedicht wurde behördlich aus den erreichbaren Nummern der Zeitschrift herausgerissen. Der Verdacht kam auf, Sabina sei ein Mitglied des Geheimbundes »Junges Europa«. Seine Wohnung wurde von der Polizei durchsucht, seine Bücher und Manuskripte beschlagnahmt. Die Zensur des absoluten Staates lässt ihm keine Ruhe mehr. Seine Bilder aus dem 14. und 15. Jahrhundert haben ein eigenartiges Schicksal. Sabina hatte ursprünglich einen großen Roman in sechs Teilen geschrieben: Die Hussiten. Die Zensur lehnte das Buch fünfmal ab. Immer wieder muss Sabina es umarbeiten. Zuletzt bleibt ihm nichts übrig, als den ganzen Roman in einzelne Bilder, Erzählungen zu zerlegen. Damit erklärt sich schließlich der Zensor einverstanden. Doch es erscheinen nur sechzehn Fortsetzungshefte. Beim letzten schreitet die Behörde wieder ein und verbietet einfach das weitere Erscheinen des Restes. lm Jahre 1848 gerät Sabina sozusagen über Nacht – wie viele andere – in die Politik und bezieht sofort Stellung auf dem äußersten Flügel der Radikalen, in jener Weltgegend, die den Gefängnissen ihr Hauptmaterial, die Hochverräterei, liefert. Damals war Sabina neben Karel Sladovský der popu-

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ÉTIENNE BARILIER

MOZARTS RÜCKKEHR NACH PRAG Ziemlich oft denkt man während der Oper Die verkaufte Braut an Mozart. Es kommt sogar ein Moment, in dem man glaubt, die gleichen Noten wie in Don Giovanni zu vernehmen: im dritten Akt, wenn der unbeholfene Vašek von seinen Eltern aufgefordert wird, ihnen zu erklären, warum er die Hochzeit mit Mařenka verweigert und ihnen stotternd erzählt, dass ihn eine charmante junge Dame vor diesem Luder gewarnt hat, das bereit ist, ihn zu betrügen – wobei die charmante junge Frau niemand anderer als Mařenka selbst ist. Nun aber beginnt die sie charakterisierende sanfte und einfache Melodie von neuem, und klingt Note für Note (und in derselben Tonart, F-Dur) wie jene, die Zerlina am Ende des ersten Akts von Don Giovanni singt, um Masetto zu besänftigen. Wahrscheinlich ein Zufall. Aber man erinnert sich, dass Mozart ausgerechnet in Prag seinen Don Giovanni geschaffen hat. Zweifellos schwebte sein Schatten über Smetana. Die verkaufte Braut lässt ebenso an die Zauberflöte denken, sogar mehr noch als an Don Giovanni. Der stotternde Vašek erinnert unweigerlich an Pagagenos charmantes Lallen, und seine gesamte Persönlichkeit, mit seinen kindlichen Träumen von Liebe, ist eine Reinkarnation von Mozarts sanftem Vogelhändler.

Bohumil Karásek stellt in seinem Smetana gewidmeten Werk fest, dass »nie jemand vor der Verkauften Braut, noch jemals danach das mozartische Ideal von Freude und Heiterkeit auf so originelle Weise wieder aufleben hat lassen.« Wahrscheinlich ist das nicht übertrieben, soll aber selbstverständlich nicht heißen, dass Smetana sich damit begnügt hätte, Mozart nachzuahmen. Mit knapp einem Jahrhundert Abstand lebte ein von Liszt geprägter, von Wagner und Berlioz beeindruckter und von der brennenden Leidenschaft für die Schaffung einer tschechischen Nationalmusik beseelter Komponist nicht mehr in derselben Welt wie der Verfasser des Don Giovanni. Trotz allem ist es möglicherweise weder seine hemmungslose Romantik noch sein ungezügelter Patriotismus, was Smetana am meisten von Mozart unterscheidet, sondern etwas viel Subtileres. Darauf kommen wir später zurück, zunächst betrachten wir, wo sie sich tatsächlich einander annähern. Die beiden Komponisten haben die gleiche Liebe zum Leben, die gleiche Zuneigung zu den Menschen und die gleiche Art, Dramen und Unglück mit melodischer Anmut zu umhüllen. Die gleiche Art, das Leichte und das Schwere zu vermischen, den Figuren einer Komödie Tiefe zu verleihen und

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MOZARTS RÜCKKEHR NACH PRAG

uns dazu zu bringen, sie lieb zu gewinnen: Wir lachen über sie, und wir weinen mit ihnen. Wir können mit ihnen an Abgründen entlang gehen, ohne jemals hineinzuschlittern. Doch welche Abgründe kommen in Die verkaufte Braut vor? Ganz bestimmt nicht dieselben wie in Don Giovanni. Smetanas Oper ist auf den ersten Blick ein durchgehend liebenswürdiges und freundliches Werk, weit entfernt von einer Tragödie oder gar einem Drama. Alles beginnt mit einer fast ausschweifenden Ouvertüre, die in ihrer Heiterkeit an Rossini erinnert. Wir erleben etwas ganz Anderes als die schrecklichen ersten Akkorde des Don Giovanni oder die feierlichen der Zauberflöte. Ab der ersten Szene stimmt der Chor einen Gesang an, dessen Grundton eher beruhigend ist: »Warum sich nicht erfreuen, solange Gott uns Gesundheit schenkt?« Der Akt endet mit einer fröhlichen Polka im Wirtshaus, wo der nächste Akt mit einer lebensbejahenden Szene der Freude beginnt. Auch der Gesang der Trinker hat nichts Alarmierendes an sich: »Das Bier, meine Freunde, ist ein wahres Geschenk des Himmels.« Inmitten der Tänze kommen Jeník und der Heiratsvermittler Kecal ins Geschäft. Der dritte Akt bietet uns dann als Eröffnung einen lärmenden »Marsch der Komödianten«, gefolgt von einem wilden Tanz. Schließlich endet die Oper mit den starken Worten: »Die treue Liebe siegt, der Kampf ist gut ausgegangen, die Hochzeit und das Glück sollen hochleben.« Man sollte sich jedoch nicht darauf verlassen: Das gesamte Werk steht keineswegs unter dem Zeichen einer durchgehenden Euphorie. Auch wenn letztlich die treue Liebe siegt, erfährt dieses Gefühl unterwegs dennoch einige Widrigkeiten.

Die Geschichte der verkauften Braut könnte in vielerlei Hinsicht tragisch sein und sehr schlecht ausgehen. Jeníks Täuschung ist fürchterlich leichtsinnig und erstaunlich grausam. Ganz ungezwungen »verkauft« er seine geliebte Marie an einen reichen Heiratskandidaten. Zumindest glaubt Marie dies. In Wahrheit ist der »Sohn Michas«, der von dieser beschämenden Freigiebigkeit profitiert, nicht Vašek, sondern Jeník selbst. Nur verabsäumt es der junge Mann sonderbarerweise, seiner Angebeteten die List zu erklären und setzt sich damit ihrem Hass, dem Hohn der Dorfbewohner und der heftigen Missbilligung seines Vaters aus. Man muss auch eingestehen, dass nicht alle Personen in der Oper ein Ausbund lauterer Liebe und argloser Redlichkeit sind: der Heiratsvermittler Kecal ist ein geldsüchtiger Zyniker und Háta hasst ihren Stiefsohn Jeník abgrundtief. Der zurückgebliebene Vašek wird von zwei Frauen zum Besten gehalten: von Mařenka und der Tänzerin Esmeralda. Nachdem er gebeten wurde, in ein Bärenkostüm zu schlüpfen, macht man ihn endgültig lächerlich vor dem finalen Höhepunkt. All dies könnte die Stimmung trüben. Natürlich musste die Handlung abwechslungsreich gestaltet werden: Wenn Jeník Mařenka seine Irreführung erklärt hätte, wären wir um die Schmerzensgesänge der Braut gebracht worden, ganz zu schweigen von der spannenden Ungewissheit. Dies soll dennoch nicht heißen, dass der angebliche »Verkauf« der Braut nur ein Kunstgriff des Librettisten ist und man ihn nicht ernst nehmen braucht. Nein, das Ganze ist viel komplizierter. Denn wenn wir dieser Geschichte nicht glaubten, geschweige denn den Gefühlen, die diese Figuren

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WIENER- STAATSOPER.AT


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