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Weber_SAC-Huettenarchitektur_2021

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Martin Zettel

SAC-HÜTTENARCHITEKTUR 24 Hüttenporträts mit Ein- und Mehrtageswanderungen


MARTIN ZETTEL

SAC-HÜTTENARCHITEKTUR 24 HÜTTENPORTRÄTS MIT EIN- UND MEHRTAGESWANDERUNGEN


Martin Zettel

SAC-HÜTTENARCHITEKTUR 24 Hüttenporträts mit Ein- und Mehrtageswanderungen

weberverlag.ch | sac-cas.ch


Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Ab­d rucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2021 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun | Gwatt Schweizer Alpen-Club SAC, CH-3000 Bern 23 2. Auflage Buchkonzept Martin Zettel, CH-3074 Muri b. Bern Autor Martin Zettel, CH-3074 Muri b. Bern Fotos Martin Zettel, CH-3074 Muri b. Bern Monica Schulthess Zettel, CH-3074 Muri b. Bern Gedanken zum Bauen im Hochgebirge: Nicola Baserga, CH-6600 Muralto Historisches Foto Lauteraarhütte Seite 7: SAC-Archiv Bern Lauteraarhütte Seiten 168 und 169: Willy Hartmann, CH-4802 Strengelbach Claridenhütte Seite 191: Angi Ruggiero, CH-8752 Näfels Titelbild Cabane de Moiry, Wallis Grundrisse und Schnitte Nebst Plänen aus dem SAC-Archiv in Bern wurde von den jeweiligen Architekten zur Verfügung gestelltes Material verwendet. Chamanna Coaz: Massaufnahmen durch Detlef Horisberger, horisberger wagen architekten gmbh, 8045 Zürich. Hüfihütte: Architektenpläne von Martin Hellingmann, Architekt FH, 6460 Altdorf. Karten Martin Maier, Bern; Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA170099) Gestaltung und Satz Monica Schulthess Zettel, Werd & Weber Verlag AG Bildbearbeitung Adrian Aellig, Werd & Weber Verlag AG Lektorat, Korrektorat Madeleine Hadorn, Werd & Weber Verlag AG ISBN 978-3-03818-246-7 www.weberverlag.ch | www.werdverlag.ch | www.sac-cas.ch Der Verlag Werd & Weber wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.


SAC-Hüttenarchitektur

INHALTSVERZEICHNIS 7 Vorwort 11 Hütteninfos, Anreise, Wegzeiten und -schwierigkeiten 12 Berg- und Alpinwanderskala 15 Bauliches zu den SAC-Hütten 25 Gedanken zum Bauen im Hochgebirge Nicola Baserga

SAC-Hütten 38 Cabane de Saleinaz

136 Wildstrubelhütte

52 Cabane du Vélan

150 Gaulihütte

66 Cabane de Moiry

162 Lauteraarhütte

80 Cabane de Tracuit

174 Dammahütte

96 Topalihütte 108 Täschhütte

1 90 Hüfihütte Planurahütte Claridenhütte

122 Monte-Rosa-Hütte

226 Spitzmeilenhütte

38 Capanna Cristallina 2 Capanna Corno-Gries 60 Medelserhütte 2 Terrihütte Capanna Motterascio 292 Carschinahütte 308 Lischanahütte 324 Tschiervahütte Chamanna Coaz


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SAC-Hüttenarchitektur

VORWORT Die Funktion einer SAC-Hütte ist simpel: Sie soll dem Berggänger Schutz bieten. Seit dem Bau der ersten Hütte des Schweizer AlpenClubs SAC – der 1863 im Kanton Glarus errichteten Grünhornhütte – ist dieser Grundgedanke gleich geblieben. Die frühen SAC-Architekten wie Hans Leuzinger und insbesondere Jakob Eschenmoser prägen im Ansatz die Grundstrukturen der Hütten – die platzsparenden Grundrisse, die Abfolge und die Gestaltung der Räumlichkeiten – bis heute. Gerade in den vergangenen 25 Jahren hat sich das Hüttenbild jedoch stark verändert. Sei es durch den vermehrten Einsatz von Architekturwettbewerben, sei es durch neue Bedürfnisse und Anforderungen. Die SAC–Hütte ist für den Schweizer das Synonym einer Berghütte. Vor dem geistigen Auge sieht man eine sich in die Umgebung integrierende, mit Stein gemauerte Hütte, mit kleinen Fensteröffnungen und farbigen Fensterläden, die dem Unbill des Wetters trotzt; enge Innenräume, verkleidet mit in den Jahrzehnten abgedunkeltem Holz, steile Treppen, feuchte Kleider … die Hütte bietet Schutz. Auch ich trage diese Erinnerungen aus meiner Kindheit in mir. Begibt man sich tatsächlich auf eine Bergtour, so trifft man auf verschiedenste Hütten. Wurde früher oft mit Stein gebaut, so verwendet man heutzutage bei An- und Ersatzbauten wie auch bei Neubauten unterschiedlichste Konstruktionsmaterialien, setzt modernste Technologien ein und nachhaltige Haustechnikkonzepte um. Die Bedürfnisse der Besucher haben sich ebenfalls verändert. Erwartet wird oft mehr Komfort: mehr Raum beziehungsweise Privatsphäre, Mehrbettzimmer anstelle von Massenlagern, Warmwasser und vieles mehr. Einige Besucher vermissen bei architektonischen Änderungen die konsequente, minimalistische Umsetzung des Schutzgedankens, während andere gerade erst durch erfolgte Anpassungen bei der Ausstattungen einen persönlichen Bezug zu den SAC-Hütten finden. Denn heutzutage besuchen die Hütten nicht mehr nur ausschliesslich Alpinisten, die auf dem Weg zu einem Berggipfel sind, sondern auch Wanderer, deren eigentliches Ziel die Hütte ist. Und immer mehr entdecken auch Familien das Wandern in den heimischen Bergen.

Bild oben: Historisches Foto aus der Lauteraarhütte. Bild linke Seite: Dammahütte.

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SAC-Hüttenarchitektur

In der kleinen Dammahütte auf der Göscherenalp fühlt man sich in die Zeit der Grosseltern zurückversetz. Die Hütte wirkt heimelig und geborgen, auf das Wesentliche beschränkt. Das Essen wird an zwei Tischen serviert, mit Sicht in die offene Küche. Es ist eng und doch nicht unangenehm, sondern familiär und gemütlich. Einen eindrücklichen Gegesatz zur Dammahütte bilden Neubauten wie zum Beispiel die Cabane de Tracuit bei Zinal. Die grossen Panoramafenster lassen die Blicke immer wieder nach aussen gleiten, und an der metallverkleideten Aussenfassade sind zusätzlich Solarpaneelen integriert, um die Sonneneinstrahlung in Energie umwandeln zu können. Der Komfort ist in einer solchen neuen Hütte deutlich höher, schon alleine deshalb, weil man für den nächtliche Toilettengang weder eine Taschenlampe braucht noch man sich nach draussen in die Kälte begeben muss. Während bei einigen Anbauten gekonnt mit Gegensätzen wie Alt und Modern oder mit Stein, Holz und Metall gespielt wird, rückt andernorts die inszenierende Architektur bewusst in den Hintergrund. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Terrihütte auf der Greina-Hochebene. Bewusst hatte ich im Vorfeld auf das Studieren der mir zur Verfügung stehenden Unterlagen verzichtet. Doch während mir bis dahin alle neuen Anbauten klar als solche ersichtlich gewesen waren, so verunsicherte mich nun diese Hütte. Die steinerne, mächtige und alt aussehende Hauptfassade faszinierte mich beim Näherkommen besonders, denn es waren keine Flechten daran zu entdecken. Langsam erkannte ich und dass diese Fassade ein Kopfbau ist, es sich dabei um den neuen Anbau aus dem Jahre 2007 handeln muss. Gerade die zurückhaltende Nutzung des örtlichen Baumaterials Stein für die Aussenhaut und die Verwendung von massivem Kantholz im Innern macht die Qualität dieses Anbaus aus und schlägt die Brücke von alten Bruchsteinbauten zu modernen Elementbauten. Dass diese Bauweise nicht die Ausnahme ist, zeigt die aktuelle Erweiterung der Albert-Heim-Hütte in den Urner Alpen. Terrihütte.

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Mit der Eröffnung der neuen Monte-Rosa-Hütte im Jahr 2010 gelang es dem Schweizer Alpen-Club, sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch international von einer modernen Seite zu präsentieren. Aber auch neuere Hütten wie zum Beispiel die Cabane de


Moiry, die Cabane de Tracuit oder die Topalihütte öffnen sich nach aussen und haben grosse Fensterfronten, sodass die rauhe Bergwelt zum Greifen nah ist, gleichsam zelebriert und nicht mehr ausgegrenzt wird. Die Innenräume sind hell und grosszüg geworden. Neue Materialien haben diesen Wandel nicht unbedeutend beeinflusst. Diese Gebäude stehen prägnant und selbstsicher in den Bergen. Wer sich auf den Weg macht, wird erstaunt sein, welche Vielfalt an Hütten der SAC in den Schweizer Bergen sein eigen nennen darf. Dieser Wandel wird mit Erstaunen, aber auch mit Kritik aufgenommen, von Architekturinteressierten und Laien: Wie viel Modernität wird benötigt, welcher Komfort ist überflüssig? Ist eine autarke Energiegewinnung überhaupt möglich, und wenn ja, zu welchem Preis? In diesem Buch findet sich eine Auswahl von 24 SACHütten – von der alten, kaum sanierten Hütte, über An- und Nebenbauten bis hin zu futuristisch anmutenden Neubauten, welche, mit Ein- und Mehrtagestouren kominiert, zum architektonischen Bergerlebnis werden. Noch kurz zu meiner Person: Ich bin leitender Architekt mit Weiterbildungen in Holzbau, Nachhaltigkeit sowie Brandschutz. Zusammen mit meiner Frau Monica wohne ich in Bern und fröne in der Freizeit der Leidenschaft für Sport und die unmotorisierte Bewegung. Oft sind wir in den Schweizer Alpen unterwegs, haben über 60 SAC-Hütten besucht und übernachten manchmal auch in einem kleinen Zelt. Zu Fuss waren wir bereits mehrmals in der Sierra Nevada in Nordamerika unterwegs, aber auch Alaska, Grönland, Tadschikistan oder Neuseeland gehören dazu, um nur ein paar Orte zu erwähnen. Mit dem Fahrrad haben wir gegen 30 Länder – vorwiegend in Afrika – bereist. Bei knapp 40 ˚C fuhren wir durch Angola, kämpften uns bei starkem Gegenwind über den San-Francisco-Pass, der Chile und Argentinien verbindet, überquerten aber auch über hohe Pässe im indischen Teil des Himalayas. Herausforderungen anderer Art ergeben sich auf Kajaktouren in kühlen Regionen wie Alaska und Grönland. Noch kältere Temperaturen erleben wir jeweils auf unseren Skitouren mit Cross Country Skis und Pulkas in Skandinavien, wo wir über das Schauspiel von Nordlichtern immer aufs Neue fasziniert sind. Weitere Infos finden sich auf unserer Website beaufort-6.ch Martin Zettel, Architekt

Monte-Rosa-Hütte.

Der Autor unterwegs in der Sierra Nevada.

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SAC-Hüttenarchitektur

HÜTTENINFOS, ANREISE, WEGZEITEN UND -SCHWIERIGKEITEN Hütteninfos Die Angaben zu den Hütten sind kurz gehalten und beinhalten nur das Nötigste. Bei der Bewartungszeit sind die Saisonzeiten aufgeführt, jedoch keine exakten Daten, da diese von Jahr zu Jahr varieren können. Alle SAC-Hütten verfügen über einen ganzjährig geöffneten Schutzraum. Detaillierte Informationen über Bewar­tungs­­zeiten, Wegzustand, Verfügbarkeit von Schlafplätzen und vieles mehr sind bei der An­meldung direkt bei der Hütte, auf der Hütten-Website oder über www.sac-cas.ch erhältlich. Es empfiehlt sich, seinen Schlafplatz frühzeitig zu reservieren. Unbedingt zu beachten sind auch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen AGB der Hütten.

Anreise Die meisten Ausgangsorte zu den beschriebenen Hütten sind mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar. Ansonsten stehen zum Teil die Dienste von Alpentaxis (www.alpentaxi.ch) zur Verfügung. Da nicht alle Fahrer/innen hauptberuflich arbeiten, ist die gewünschte Fahrt dringend vorgängig anzu-

melden. Für Sport­­liche besteht zudem die Möglichkeit, mit dem Velo zu den Ausgangspunkten zu gelangen. Der Transport von Fahrrädern in öffentlichen Verkehrsmitteln ist ebenfalls vorgängig abzuklären.

Wegzeiten und -schwierigkeiten Die angegebenen Wegzeiten sind ungefähre Richtzeiten. Es ist zu beachten, dass einige der ausgewählten und beschriebenen Wanderungen über fünf Stunden reine Laufzeit hinausgehen und deshalb eine gewisse sportliche Kondition erforderlich ist. Oft gibt es kürzere Wandermöglichkeiten zu den entsprechenden Hütten. Die direkten Zugänge sind unter www.sac-cas.ch/huetten bei den einzelnen Hütten ersichtlich. Die Angaben zu der Berg- und Alpinwanderskala wurden nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Ebenfalls zu beachten ist, dass zum Beispiel starker Regen oder Schnee Auswirkungen auf den Zustand der Wege haben können. Am besten erkundigt man sich vorgängig telefonisch bei den Hüttenwartinnen und -warten, die über den aktuellen Stand der Wege informiert sind.

Bild linke Seite: Capanna Cristallina.

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SAC-Hüttenarchitektur

BERG- UND ALPINWANDERSKALA Die SAC-Berg- und Alpinwanderskala dient der Bewertung von Bergwanderwegen. Sie ist in sechs verschiedene Grade eingeteilt: T1 (leichteste) bis T6 (schwierigste) wobei «T» für «Trekking» steht.

T5 und T6 sind nicht aufgeführt, da keiner der beschriebenen Hüttenwege eine dieser Schwierigkeitsstufen aufweist.

T1 Wandern

T3 anspruchsvolles Bergwandern

Weg | Gelände Weg gut gebahnt. Falls vorhanden, sind exponierte Stellen sehr gut gesichert. Absturzgefahr kann bei normalem Ver­halten weitgehend ausgeschlossen werden. Falls nach SWWNormen markiert: gelb.

Weg | Gelände Weg am Boden nicht unbedingt durchgehend sicht­bar. Ausgesetzte Stellen können mit Seilen oder Ketten gesichert sein. Zum Teil expo­ nierte Stellen mit Absturzgefahr, Geröllflächen, weglose Schrofen. Falls nach SWW-Normen markiert: weiss-rot-weiss.

Anforderungen Keine, auch mit Turnschuhen geeignet. Orientierung problemlos, in der Regel auch ohne Karte möglich.

Anforderungen Gute Trittsicherheit. Gute Trekkingschuhe. Durchschnittliches Orientierungsvermögen. Elementare alpine Erfahrung.

T2 Bergwandern

T4 Alpinwandern

Weg | Gelände Weg mit durchgehendem Trassee. Gelände teilwei­se steil, Absturzgefahr nicht ausgeschlossen. Falls nach SWW-Normen markiert: weiss-rot-weiss.

Weg | Gelände Wegspur nicht zwingend vorhanden. An gewissen Stellen braucht es die Hände zum Vorwärtskommen. Gelände bereits recht exponiert, heikle Grashalden, Schrofen, einfache Firnfelder und apere Gletscherpassagen. Falls nach SWWNormen markiert: weiss-blau-weiss.

Anforderungen Etwas Trittsicherheit. Trekkingschuhe sind empfehlenswert. Elemen­tares Orientierungsvermögen.

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Anforderungen Vertrautheit mit exponiertem Gelände. Stabile Trekkingschuhe. Gewisse Geländebeurteilung und gutes Orientierungsvermögen. Alpine Erfahrung. Bei Wettersturz kann ein Rückzug schwierig werden.


Ein steiles und ausgesetztes Wegstück im Aletschgebiet. 13


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SAC-Hüttenarchitektur

BAULICHES ZU DEN SAC-HÜTTEN Grundlagen SAC Der SAC hat im Jahre 2007 das Dokument «Wegleitung im Hüttenbau» herausgegeben. Dieses soll beim Bau und Unterhalt von Hütten des SAC allen Beteiligten dienen. Die Wegleitung ist kein verbindliches Dokument, es ist als Grundlage für Entscheidungen und als Wegführung zu verstehen. Das Hüttenreglement aus dem Jahre 2006 beinhaltet die Vorgaben vom Erwerb über den Bau, den Betrieb und den Unterhalt bis zur Finanzierung. Der SAC hat im Hüttenreglement auch festgehalten, dass der Erwerb oder die Errichtung einer Hütte an einem neuen Standort nur möglich ist, wenn diese mit dem Leitbild und den Zielen des SAC zu vereinbaren ist. Es muss somit ein klares Bedürfnis nachgewiesen werden, und der neue Standort muss zwingend in einem bereits erschlossenen Gebiet liegen. Grössere An- und Neubauten erfolgen beim SAC heute mehrheitlich über Architekturwettbewerbe, was sich auch in der architektonischen Qualität der umgesetzten Projekte der letzten Jahre wiederspiegelt und das Interesse von Architekturinteressierten weckt. Selbstverständlich gelten die Normen des SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein) auch für die Bauten des Schweizer Alpen-Club SAC.

Rechtliche Aspekte Beim An-, Um- oder Neubau einer Hütte gibt es etliche rechtliche Aspekte zu beachten. Deren Abklärung und Verbindlichkeit ist mehrheitlich komplexer als im Siedlungsgebiet. So befinden sich die SAC-Hütten in keiner Bauzone, was Fluch und Segen zugleich ist. Der planende Architekt erfreut sich der Möglichkeit, seinem Gestaltungsdrang freien Lauf zu lassen, jedoch sind auch diverse Ämter und Kommissionen im Bewilligungsablauf einzubinden, auf deren Goodwill man angewiesen ist. Eine wichtige Instanz ist das Amt für Raumplanung, welches Bauten ausserhalb von Bauzonen genehmigen muss. Ein wesentliches Kriterium ist dabei die Standortgebundenheit. In den kantonalen BaB (Bauten ausserhalb der Bauzonen) ist der SAC explizit betreffend Standortgebundenheit

Bild linke Seite: Chamanna Coaz.

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SAC-Hüttenarchitektur

erwähnt. Es müssen dazu jedoch etliche Voraussetzungen erfüllt werden, unter anderem eine zwingende Notwendigkeit, welche nicht subjektiver Art sein darf. Da sich die SAC-Hütten ausserhalb von Bauzonen befinden, haben Gutachten von Ämtern und Organisationen wie Amt für Natur und Landschaft, Amt für Umwelt, Kantonale Denkmalpflege, Beauftragter für Lawinenschutzzonen, Kantonale Natur- und Heimatschutzkommission, Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Gestaltung, den Standort und die abschliessende Genehmigung des Baugesuches. (Quelle: Pressebericht von Ruch Architekten, St. Moritz, zur Eröffnung der Chamanna da Tschierva 2003)

Kosten Für die Kosten eines Neu-, Um-, oder Anbaus sowie auch für Unterhaltsarbeiten haben in erster Linie die Sektionen aufzukommen. Auf Basis der Erfüllung der Vorgaben des Hüttenreglementes werden Beiträge aus dem Hüttenfonds bis zu einem maximalen Beitrag von 27 Prozent der Baukosten gesprochen (BKP 0–9). Interessante Angaben liefern dabei nachfolgende Kennwerte (teuerungsbereinigt) des SAC zu sieben Neubauten aus den Jahren 1993 bis 2013.

Tschiervahütte.

Hütte

Erstellungs- Kosten inkl. Anzahl GF GV jahr Teuerung Schlafplätze m2 m3

CHF CHF pro m2 pro pro m2 Schlafplatz Schlafplatz

Cabane du Vélan

1993

1  620 000

60

293

958

5 530

27 000

4,9

Cabane de Saleinaz

1996

1  623 000

48

318

928

5 100

33 810

6,6

Topalihütte

2003

1  560 000

44

238

691

6 550

35 450

5,4

Capanna Christallina

2003

6 700 000

120

812

2232

8 250

55 830

6,8 10,5

Spitzmeilenhütte

2008

1  835 000

44

462

1313

3 970

41 700

Monte-Rosa-Hütte

2009

7  145 000

125

1 154

3699

6 190

57 160

9,2

Cabane de Tracuit

2013

5  110 000

120

746

2122

6 850

42 580

6,2

Durchschnitt

6 060

41 930

7,1

GF: Geschossfläche GV: Gebäudevolumen Kosten bereinigt auf Jahr 2013

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Aufschlussreich ist der Vergleich Kosten pro Quatratmeter und die verbaute Fläche pro Schlafplatz. Kennt man die Hintergründe der Bausituationen und die Gebäude nicht, würde man falsche Schlüsse ziehen. Die Kosten pro Schlafplatz bei den Hütten nehmen mit der Gebäudegrösse eher zu (bei Wohnbauten im Flachland ist das Gegenteil der Fall). Die komplexere Ausführung sowie die bessere, hochwertigere Ausstattung grösserer SAC-Hütten erscheint dafür verantwortlich zu sein. Die Cabane du Vélan als Beispiel ist eher spartanisch ausgeführt und ausgerüstet gegenüber den neusten Hütten wie der Cabane de Moiry oder der Monte-Rosa-Hütte. Erstaunen mag dabei die Spitzmeilenhütte: Mit 10,5 Quadratmeter pro Schlafplatz scheint diese verschwenderisch mit der Fläche umzugehen, jedoch sind deren Kosten pro Schlafplatz im Mittelfeld – ein Grund dafür ist der Bauablauf: Das Material wurde mit einer Lastenseilbahn hochtransportiert, wodurch einer der grossen Kostenfaktoren beim Bau einer SAC-Hütte – der Baumaterialtransport – verringert werden konnte. Viele An- und Neubauten des SAC werden in Holzbauweise ausgeführt, obschon Holzbauten in der Ausführung grundsätzlich teurer sind als Massivbauten. Diese Mehrkosten werden jedoch durch die günstigeren Transportkosten (Gewicht) und schnellere Montagezeiten wieder mehr als wettgemacht.

Bauablauf Die Baustellen der SAC-Hütten befinden sich fast ausschliesslich in schwer zugänglichem Gebiet. Die Logistik ist somit von zentraler Bedeutung. Waren früher Kolonnen von Maultieren, Eseln oder Pferden sowie Träger am Transport der Baumaterialien beteiligt, löst heutzutage der Helikopter das Transportproblem. Bis 1962 standen in der Schweiz keine Helikopter zur Verfügung, welche Lasten von mehr als 200 Kilogramm pro Flug transportieren konnten. Gleich geblieben ist jedoch, dass das zu transportierende Material möglichst leicht sein sollte, um die Anzahl der Transporte gering halten zu können. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits zu Beginn des Hüttenbaus auf Holz gesetzt wurde und Steine für das Mauerwerk vor Ort gewonnen wurden. Es macht deshalb Sinn, dass Beton nur sparsam verwendet wird, zum Beispiel für die Fundation. Die Baustelle selber ist im alpinen Bauen die Heraus-

Materialtransport per Helikopter.

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forderung schlechthin. Die klimatischen Verhältnisse mit starken Winden, Regen und Schnee erfordern eine möglichst kurze Rohbauzeit und somit eine frühzeitige, detaillierte Planung. Während der Ausbau weniger zeitkritisch ist, ist die Unterbringung der Bauarbeiter auch zu berücksichtigen. Dass unter diesen Voraussetzungen der Holzelementbau Vorteile bringt, ist offensichtlich.

Gestaltung und Konstruktion Die Konstruktion der Hütten hat sich über die Jahre mehrfach verändert. Wurde zu Beginn Baumaterial in Form von Steinen der Umgebung verwendet, begann man schon bald Holzhütten – zum Beispiel die Damma- und Gaulihütte – zu bauen, jedoch mit dem Nachteil, dass das Material hochgetragen werden musste. Im Gegensatz zur Gaulihütte wurden bei der Dammahütte die Fassadenschindeln 1962 durch Faserzementschiefer ersetzt, welcher deutlich widerstandsfähiger gegen den Unbill des Wetters ist. Ab etwa 1925 wurden mindestens die Aussenwände in Bruchsteinmauerwerk ausgeführt, raumseitig jedoch mit einer hölzernen Vorsatzschale versehen. Die Decken und das Dach waren von jeher in Holz erstellt worden, exemplarisch zu sehen in der Wildstrubel- wie auch in der Lauteraarhütte. Gegen die Kälte wurde der Zwischenraum ausgedämmt, wobei die unterschiedlichsten Produkte verwendet wurden. Mit der Erstellung der Domhütte durch Jakob Eschenmoser begann die Ära der raumsparenden Grundrisse von SAC-Hütten. Der Grundriss der Dammahütte lehnte sich an jenen der Planurahütte von Hans Leuzinger. Eschenmosers Hütten, insbesondere deren raumsparende Grundrisse, sind der Inbegriff einer SAC-Hütte. Ab 1964 setzte Jakob Eschenmoser diese Grundrissgestaltung fort, wobei die Fassaden nun auch Felder in Holzkonstruktion aufwiesen, dies mehrheitlich zwischen massiven Pfeilern wie bei der Carschinahütte oder der Chamanna Coaz.

Von oben nach unten: Damma-, Gauli- und Lauteraarhütte.

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Mit der Cabane du Vélan wurde im Jahre 1993 gestalterisch und konstruktiv ein neues Kapitel angeschlagen. Die aussergewöhnliche Form und die Materialisierung gaben damals zu Disskusionen Anlass. Seither hat sich der Holzelementbau weiterentwickelt und wird bei Neu- wie auch bei Anbauten mehrheitlich angewendet. Die Entwicklung neuer Materialien und Herstellungsverfahren haben einen grossen Einfluss auf die Konstruktionsmethoden. Einherge-


SAC-Hüttenarchitektur

hend mit den komplexer werdenden Konstruktionen wird die Planung aufwendiger. Während die Konstruktion dem Besucher mehrheitlich verborgen bleibt, sind die grossen Fensterfronten, welche das Bergerlebnis verstärken, eine der offensichtlichsten Errungenschaften der letzten 30 Jahre bei den neuen SAC-Hütten. Diese sind zudem grosszügiger und privater gestaltet, kleine Zimmer sind zum Standard geworden. Vielen Hüttenwarten ist zudem die Privatsphäre wichtig, sind sie doch von früh am Morgen, wenn die ersten Alpinisten die Hütte verlassen, bis spät in den Abend an der Arbeit. So sind direkte Verbindungen zwischen den Privaträumen und dem Küchenbereich von Vorteil.

Haustechnik In der Geschichte des Schweizer Alpen-Club SAC hat sich die Haustechnik am meisten entwickelt. Der SAC hat sich nicht nur der Nachhaltigkeit verpflichtet, er lebt diese auch. Am sinnvollsten sind Systeme, welche einen möglichst hohen Autarkgrad haben. Zu Beginn waren Holzherde für die Wärme und Öllampen für das Licht verantwortlich, Toiletten in einem separaten Häuschen ausserhalb des Gebäudes am Berghang untergebracht, das Wasser musste man beim nahen Bach holen und die Raumlüftung war durch Öffnen der Fenster gewähreistet. Dieses Bild hat sich gewandelt. Die Monte-Rosa-Hütte übertrifft in ihrer Ausstattung und Komplexität eine Mehrheit von modernen Bauten im Flachland. Doch der SAC ist sich bewusst, dass solch hochtechnische Lösungen auch problematisch sein können. Ulrich Delang, Bereichsleiter SAC-Hütten, erläutert im Magazin Werkbrief, Mittteilungen des Schweizerischen Werkbundes (Ausgabe 2-2015) in einem Interview: «Der SAC ist in seinen Hütten auf eine unterhaltsarme, simple und robuste Haustechnik angewiesen. Die beste Haustechnik ist jene, die nicht ins Gebäude eingebaut wird und somit auch keine Energie benötigt.» Systeme wie jene, die in der Monte-Rosa-Hütte eingebaut wurden, sind zwar interessant und medienwirksam, gehen jedoch nicht die Richtung, in die sich zukünftig die Hütten beim SAC bewegen werden. Die Entwicklung in der Haustechnik spielt jedoch auch dem SAC in die Hände. War vor wenigen Jahrzehnten die Beleuchtung nicht überall elektrisch und waren teilweise Generatoren notwendig, so befinden sich heutzutage in den meisten Hütten Batterien, welche von Fotovoltaikanlagen, kleinen

Solarpanels bei der Cabane du Vélan und als verkleidete Fassade bei der Monte-Rosa-Hütte.

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SAC-Hüttenarchitektur

Windturbinen oder Kleinstkraftwerken im nahen Bach gespiesen werden. Einige wenige Hütten sind auch an Stromnetze angeschlossen – entweder, weil sie sich in tiefen Lagen befinden und somit die Kosten für einen Anschluss verhältnismässig gering waren oder durch andere Umstände, wie zum Beispiel in der Nähe liegende Militärbauten oder Wasserkraftwerkanlagen wie bei der Capanna Cristallina. Bei der Belichtung setzt der SAC bei modernen Hütten auf LED. Zu Beginn des Hüttenbaus war die Abwasserentsorgung sehr einfach: Das Abwasser wurde dem nahen Bach zugeführt. Im Bewusstsein, was dies für die Umwelt bedeutet, und durch die Zunahme der Besucher mussten andere Lösungen gesucht und gefunden wurden. Die Entwicklung führte zu Fäkaliengruben oder Galerien, welche bereits eine deutliche Verbesserung darstellten. Aktuell gelten, insbesondere in tieferen Lagen, die wasserlosen Toiletten mit Fäkalientrocknung sowie Urinseparierung als beste Lösung. Diese wird zum Beispiel in der Claridenhütte angewandt. Durch optische Tricks – Licht auf Bodenhöhe im WC-Raum – sieht man das von oben sichtbare Transportförderband nicht. Dieses System ist jedoch nicht bei allen Hüttenwarten gleich beliebt, erfordert es doch zusätzliche Arbeit und ebenso zusätzlichen Raum im Gebäude. Erstaunlich ist jedoch die am Ende des Prozesses entstehende kleine Menge an Erde und der dadurch nicht notwendige Abtransport per Helikopter ins Tal.

Eine moderne Küche und ein Haustechnikraum. Die Haustechnik ist meistens im Untergeschoss untergebracht.

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In der Zukunft immer prekärer werden wird für höher gelegene SAC-Hütten wie zum Beispiel die Topalihütte die Wasserversorgung. Durch das Abschmelzen von kleinen, nahe gelegenen Gletschern und durch trockene Sommer müssen die Wasserfassungen teilweise alle paar Jahre angepasst werden, sodass manche Fassungsstellen bereits mehr als ein Kilometer entfernt liegen. Die Regenwassernutzung bildet die Ausnahme und ergibt sich meistens durch den Ort – wie bei der auf einem Felsen stehenden Planurahütte. Oft muss das Wasser auch abgekocht werden, da dieses durch den Lebensmittelinspektor nicht geprüft wird und somit nicht als Trinkwasser deklariert werden kann. Um die Versorgungssicherheit gewährleisten zu können, sind dazu Wassertanks notwendig – wie zum Beispiel bei der Claridenhütte mit insgesamt 30 000 Liter Volumen.


Raumlüftungsanlagen finden sich nur vereinzelt in Hütten und sind nicht die Richtung in der Haustechnik, welche der SAC anstrebt. Dasselbe gilt für die Heizungsanlagen. Diese dienen hauptsächlich zur Temperierung sensibler Bereiche. Teilweise werden Radiatoren auch verwendet, um überschüssiges Warmwasser der Solarkollektoren sinnvoll «vernichten» zu können. In den alten kleinen SAC-Hütten fungierte der Holzherd sowohl als Heizung wie auch als Kochstelle. Durch die Aufteilung der Hütten in mehrere Räume wurden teilweise Holzherde, Schwedenöfen oder Specksteinöfen in die Aufenthaltsräume gestellt – nicht jedoch in die Schlafräume. Durch die geschickte Platzierung der Schlafräume in den oberen Geschossen ist jedoch eine bedingte Aufwärmung durch die aufsteigende Wärme gegegeben, zum Beispiel in den SAC-Hütten Damma, Lauteraar und Coaz. Dank guter Dämmung bei neuen oder sanierten Hütten bildet der Wärmeertrag der Gäste mit der Prozesswärme aus der Küche eine angenehme Temperaturerhöhung im Aufenthaltsbereich. Mit der solaren Energiegewinnung durch grosse, gegen die Sonne ausgerichtete Verglasungen genügt dies, um eine – auch in der kälteren Jahreszeit – akzeptable Raumtemperatur zu erreichen. Gute Beispiele dazu sind die Moiry-, Topali- oder die Tracuithütte. In den Küchen befinden sich meistens auch Tiba-Holzherde, teilweise mit Register, welche neben der Funktion Kochen auch zur Raumerwärmung beitragen. Duschen mit Warmwasser, meist über Solarkollektoren betrieben, bilden immer noch die Ausnahme bei Hütten, da deren Energiebedarf abgedeckt werden muss, und bleibt somit mehrheitlich den Hüttenwarten vorbehalten. Für Küchenapparate wie auch für Kühl- und Tiefkühlgeräte wird oft auf Gas als Energiegrundlage gesetzt.

Nutzung eines Holzherdes als Heizung.

Brandschutz Der Brandschutz ist ein spezielles Thema in der Architektur. Er wird oft als Behinderung in der Planung und in der architektonischen Gestaltung betrachtet und für Mehrkosten verantwortlich gemacht. Gibt es jedoch einen Brand, so besteht für die Bewohner ein grosses Risiko. Der Schweizer Alpen-Club SAC hat bisher zehn Hütten durch Brände verloren. Die Ursachen waren meistens Blitzeinschläge, nicht gelöschte Feuer beim Verlassen des Gebäudes oder

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SAC-Hüttenarchitektur

elektrische Kurzschlüsse. 2015 wurden die Brandschutzvorschriften landesweit vereinheitlicht und auch abgelegene Beherbergungsbetriebe, wozu SAC-Hütten zählen, in die Vorschriften aufgenommen. Abenteuerliche Rettungslösungen wie Kletterseile in der Planurahütte oder die platzsparenden Treppen der Coaz- und der Dammahütte gehören somit der Vergangenheit an. Der Einfluss der Vorschriften ist insbesondere in den Korridoren und Treppenhäusern neuer Bauten ersichtlich. Diese sind breit und mit nicht brennbaren Oberflächen verkleidet, mit Ausnahme des Fussbodens, welcher immer noch in Holz ausgeführt werden darf.

Bilder oben: Beispiele von aktuellem und altem Fluchtweg in SAC-Hütten. Einerseits nicht brennbare Wände und Decken in der Fluchtwegausführung gemäss Brandschutznorm 2015, andererseits ein Kletterseil zum Abseilen im Notfall. Bild rechte Seite: Der Iffigsee beeindruckt mit intensiven Farben. Bild nächste Seite: Gespenstig wirkende Szenen in der Nähe der Claridenhütte 22


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SAC-Hüttenarchitektur

GEDANKEN ZUM BAUEN IM HOCHGEBIRGE Erschreckendes und Erhabenes Das Thema Bauen im Hochgebirge ermöglicht einen historischen Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Hierzu dienen einige wichtige Beiträge aus der Literatur wie beispielsweise der Aufsatz «Von den schrecklichen zu den schönen und erhabenen Bergen» der Historiker Ruth und Dieter Groh, aus dem ich die folgenden Denkanstösse ableite. Der Aufsatz erlaubt es mir, einen speziellen Einblick in den durch einen positiven und lebensbejahenden Akzent gekennzeichneten Austausch zwischen Mensch und Natur zu gewinnen. Eine Sicht, die sich eindeutig vom Negativen und Schwarzmalerischen absetzt. Obgleich sich diese Beziehung seit tiefster Vergangenheit weitgehend zum Guten hin entwickelt hat, zum Beispiel im Zeitalter der Propheten oder während der Blütezeit der griechischen Antike, hat sie sich nachträglich doch immer mehr weniger günstigen Voraussetzungen beugen müssen. Im Hellenismus galt die philosophische und ästhetische Form der Naturbewunderung als Norm, während es für die Kirchenväter die Schöpfungstheorie war, welche den Menschen seiner natürlichen Umgebung näherbringen sollte, insofern, als sie selbst zum menschlichen Dasein, also zur Existenz, beitrug. Doch das war nicht immer so. In der Tat war die Beziehung zwischen Mensch und Natur vom Ende des Römischen Reiches bis hin zu den Toren des Mittelalters von Unannehmlichkeiten geprägt. Diese Tendenz, die auch während des ganzen Mittelalters deutlich anhielt, verschärfte sich im Laufe der Zeit so sehr, dass jegliche Neugier auf die wilde Natur in einen von Sünden behafteten Kontext fiel. Mit der Abfassung der Concupiscentia oculorum und dem daraus folgenden Beispiel der Vana Curiositas verbot der Heilige Augustinus im letzten Jahrzehnt des vierten Jahrhunderts nach Christus jegliches Interesse gegenüber unkultivierter Natur, sei es aus wissenschaftlichen Gründen oder aus sei es purem Hedonismus heraus.

Nicola Baserga dipl. Architekt ETH baserga mozzetti architetti 6600 Muralto

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Zu diesem Szenario schenkt uns das Bild des Malers Jan van Eyck mit dem Titel Rolin-Madonna aus dem Jahre 1436 einen visionären Ausblick in die darauffolgende Zeit (1). Dieser Begriff der Entwicklung, der zunächst erst während der Aufklärung fassbar wurde, ist jedoch hauptsächlich später, in der Romantik, anzutreffen. Auf diesem Gemälde von religiös meditativem Charakter ist tatsächlich die Begegnung der Heiligen Jungfrau mit dem Kanzler Nicolas Rolin höchstpersönlich zu sehen. Kennzeichnend hier ist der architektonische Hintergrund, der durch einen Säulengang hindurch in die Ferne zieht und sich in eine wiederum in feinste Details ausgearbeiteten Landschaft wandelt, die sich in Stadtgärten und ländliche Hügel aufteilt, um sich am Horizont mit dem Hochgebirge zu verbinden. Die weit entfernt gelegene, unwegsame Landschaft deutet erneut auf eine idealistische und bejahende Wahrnehmung der Natur hin. Um jedoch zu dieser Entwicklungsform zu gelangen, muss man zuerst die protestantischen Reformen aus dem 16. Jahrhundert abwarten. Das Volk musste zunächst die Einwirkung Zwinglis, dann diejenige Bullingers erfahren. Mit ihren Theorien befürworteten diese eine Rückkehr zum prophetischen Glauben, welcher der Schöpfungsgeschichte einen positiven Wert zuschreibt, als Wirkung des göttlichen Willens und der göttlichen Macht. Diesen Spuren folgend, würden wir heute wohl dem Pionier Conrad Gesner begegnen, der als einer der ersten und inbrünstigsten Forscher in entlegenen und unwegsamen Alpengebieten gilt. Mit seinen bahnbrechenden Expeditionen war er stets auf der Suche nach Werten, die eine der Natur zugeneigte Theologie aufzeigen. Die schriftlichen Zeitdokumente seiner ersten Forschungsreisen stellen in gewisser Weise erste Reiseführer für Exkursionen ins Hochgebirge dar. Sie liefern zudem wichtige wissenschaftliche Beschreibungen und bezeugen die wiedergefundenen hedonistischen Empfindungen. Die Verstärkung solcher Empfindungen in der Natur macht die Zeitepoche der Romantik geradezu aus. Dank meditativer Erfahrungen und persönlich empfundener Sinneswahrnehmungen, die mit der Natur und deren Offenbarungen in Verbindung stehen, war der Mensch in der Lage, seinen Geist in höhere Sphären zu versetzen.


Von den Anfängen bis zum heutigen Bauen im Hochgebirge Im Hochgebirge zu bauen heisst, sich den aussergewöhnlichen Bedingungen des Berges und dessen Erscheinungen zu stellen. Das Negative, als Erinnerung an unsere Urängste; das Positive als SichErheben des Geistes; die latenten Gefahren verbergen sich in den Falten des Erhabenen. Eine Berghütte zu planen bedeutet, bezüglich der Gegebenheiten der wilden Natur im Hochgebirge Stellung zu beziehen. Bloss die Schönheit suchen oder sich vor den Gefahren schützen? Oder ein Gleichgewicht zwischen den wundersamen und den feindlichen Elementen einer Natur finden, in der der Mensch nicht nur Gast, sondern auch Nutzniesser ist. Der Bau einer Berghütte im hochalpinen Raum entsteht aus dem Bedürfnis heraus, in einer potenziell gefährlichen und doch anziehenden und betörenden Umgebung Schutz zu finden. Die Geschichte des Bauens im Hochgebirge entwickelt sich aus der Dichotomie «schön» versus «hässlich» und ist zwischen Anziehung und Feindseligkeit anzusiedeln. Sie bietet uns den Übergang vom «Existenzminimum» der ersten Bergunterkünfte und lakonisch eingerichteten Lager zum Luxus des Extremen und der Täuschung der unberechenbaren Gefahr. Eine Berghütte zu planen heisst eben, den eigenen Standpunkt zu wählen, auf der Suche nach der Schönheit, mit dem Bewusstsein der Gefahr. Der Ursprung der ersten alpinen Hütten liegt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis unlängst waren sie noch durch eine klischeehafte Nachbildung einfacher Bautypologien charakterisiert, die sich im Laufe der Zeit mit leichten Veränderungen an örtliche Gegebenheiten anpassten. Gehaltvolle, einfach geschnittene Volumen in Naturstein mit Satteldach, dessen First sich parallel zum natürlichen Berghang neigt. Es handelt sich um eine wesentliche Bautypologie, die darauf angelegt ist, sowohl in ihrer horizontalen als auch in ihrer vertikalen Ausrichtung die grösstmögliche Anzahl an Schlafplätzen und ebenso viele Sitzplätze anzubieten, und in unmittelbarer Nähe zueinander gelegene Küchenräumlichkeiten und Räume für den Hüttenwart sowie gezielte Öffnungen zu schaffen. Letztere zielen darauf ab, viel Lichteinwirkung zuzulassen und gleichzeitig der Verletzlichkeit der Behausung im zweckbestimmten, gewissenhaften Austausch mit der Landschaft ge-

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recht zu werden. Das Ergebnis deutet im Wesentlichen auf eine Kraftleistung hin und ist von einer Strenge geprägt, die sich nur an der Herrlichkeit der Alpen messen kann. Diese Faktoren sind es, die dem Bau im Hochgebirge sowohl seine Form gegeben als auch dessen kollektive Vorstellung geprägt haben. Baustruktur nach Baustruktur ist aus diesem Ansatz heraus entstanden, um einerseits auf Zweifel und andererseits auf Begeisterung zu stossen. Sicher aber bleibt, dass in erster Linie die Hüttenwarte, die mit viel Mühe und Verantwortung für den Unterhalt der Häuser im Hochgebirge einstehen, jede für die Behausung vorgesehene Anfertigung bisher mit Dank und tiefster Zuversicht angenommen haben. Mit dem wachsenden Interesse an der alpinen Landschaft und seinen hedonistischen Verlockungen ist die alpine Hütte immer mehr durch eine besondere Beziehung zur Umgebung charakterisiert. Es gilt, eine strategisch gute Lage zu finden und gleichzeitig der Landschaft bautechnisch gerecht zu werden. In der Schweizer Bergwelt ist es vor allem der Architekt Hans Leuzinger, der als Erster einen der plastischen Umgebung und den spezifischen Landschaftsbildern angepassten Baustil vorgeschlagen hat. Die Planurahütte ist Teil eines avantgardistischen Projekts, das die Fähigkeit des Konstrukteurs aufzeigt, dem es gelingt, ein harmonisches Zusammenwirken zwischen natürlicher Form und Architektur zu finden. Er stellt diese zwei Paradigmen im Dialog einander gegenüber. Das konvexe Profil der Aussenflächen im Gegensatz zur konkaven Innenseite nimmt eine räumliche Beziehung zum auslaufenden Felssporn auf. Das Zusammenspiel auf Distanz ruft einen Hauch von Urbanität hervor, der sich auf dem Plateau zwischen der Senkrechten des Sporns und der auf der kleinen Stirn befindlichen Ausrichtung präsentiert (2). Es ist also verständlich, dass das Baumaterial und das effektive Wirken in diejenige Zeitepoche gelegt werden müssen, zu der verblüffenderweise auch das Bauwerk zählt: in die Dreissigerjahre. In der Folge entwickelte Leuzinger mit dem Projekt des Ortstockhauses erneut dasselbe Thema der leichten Biegung mit Blick auf die Landschaft, auch von den Seiten her. Er führte mit den sich wiederholenden Eternitplatten einen industriellen Ausdruck ein. Das Dach, leicht nach hinten gebeugt, zeigt die Absicht einer ersuchten Nüchternheit von moderner Referenz (3). Komplexer und organischer erweist sich der Baustil von Jakob Eschenmoser, der, auf der


stetigen Suche nach der maximalen Effizienz, sich mit der Exzentrizität der Räume in Verbindung mit der vertikalen Erschliessung beschäftigt. Seine Architektur zeigt aber auch eine Vielfältigkeit der Fronten und Flanken in Bezug auf die landschaftlichen Gegebenheiten. Aus diesem Modus operandi geht offenbar hervor, dass auch die neue Monte-Rosa-Hütte in erneuter Tonalität und nach brandneuer Forschungstechnik entsteht. Sie bleibt wohl an der Spitze einer Forschung, die dazu neigt, Referenzängste in Bezug auf die Paradigmen des Vorstellbaren im Hochgebirge zu überwinden.

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Drei alpine Hütten, Analogien und Abstufungen Die Bautätigkeit im Hochgebirge führt immer wieder zu neuen Ansätzen, um durch Projekte und unter Einbezug jeder Spezifizität der Lage für den Bau einer Hütte am vorgesehenen Ort gezielt eine Lösung zu finden. Eindrücklich versteht es die Sprache dreier Hütten, auf moderne Art und Weise und frei von Sentimentalitäten sowohl die Bestandteile der örtlichen Baukunst als auch die vom Minimalismus her geprägten Linien miteinander zu verbinden, um gewissermassen eintönig auf das neue Prinzip der Baumodalität im Hochgebirge zu verweisen. Drei Projekte also, die essenzielle Themen aufgreifen, wie die Standhaftigkeit, das Fassungsvermögen, die Gebäudewartung und den Unterhalt der Gebäudehülle und aller Öffnungen. Diese Projekte erweisen einander ihre besondere Andersartigkeit, indem sie sich gleichzeitig an eine ähnliche, vorgegebene Grammatik halten. Insbesondere besteht jedoch Hans Leuzingers Bauwerken gegenüber eine überaus grosse Erkenntlichkeit. Aus ihnen gehen teilweise grundlegende Prinzipien des heutigen Bauens im Hochgebirge hervor. Die Capanna Cristallina oder Cristallinahütte, die erste unserer drei Hütten, ist auf über 2500 Metern über Meer, auf dem Cristallinapass, entstanden, in einer den vorherrschenden Wetterbedingungen besonders ausgesetzten Lage. Gerade die zerstörerische Kraft der Lawinen hat dazu geführt, dass man die Hütte an der jetzigen Lage auf dem Pass gebaut hat, anstatt sie im verfänglichen Innern des Tals anzusiedeln, wo sie bisher stand. Und obschon bei der Projekt-

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ausschreibung die Möglichkeit vorgeschlagen wurde, den Bau auf die Hochebene des Gebirgspasses zu stellen, haben wir uns schliesslich für den Bauort am Pass selbst entschieden, um den freien Zugang ihrer kongenialen Bestimmung zuzulassen, als Durchgang für Winde und Menschen. Das Bauwerk liegt also auf einem nach Süden gerichteten, dem Pass direkt anliegenden Plateau, das sich auf den Basodinogletscher hin öffnet und von einem prachtvollen Ausblick auf die Alpenlandschaft umgeben ist. Ein Pfosten mit einem «Pulka-Schlitten», im Militär einst als kleines Rettungsfahrzeug eingesetzt, der klar und deutlich sichtbar zwischen den beiden Talebenen lag, hat uns bei der Bestimmung der Lage der Hütte unterstützt und diese zweckmässig bestimmt, um eben auch in rauer Umgebung Unterschlupf gewährleisten zu können. Die Hütte ist also gut in der Landschaft ersichtlich, erschliessbar und eingebettet. In den architektonischen Entwurf sind mehrere Bilder und Referenzen eingeflossen, welche die Gestaltung beeinflusst haben. Ausgangslage ist in primis die rurale Architektur des Hochgebirges, analog zu derjenigen eines Kleinbaus, der von ortsgegebenen, autochthonen Ressourcen getragen wird. Es geht um den Stein, der aus dem Aushub entnommen und vor Ort verarbeitet wurde, um den Bau auf die Erde zu setzen, eine Horizontale zu bilden, auf welche die Holzteile gelegt werden. Diese in den Ecken verbundenen einheimischen Lärchenstämme werden mit Steinplatten bedeckt, welche das Bauwerk schützen und abschliessen (4). Ein Alpenstall – umgangssprachlich auch «Barchessa» genannt, wie später unser Projekt –, parallel zum Berghang konzipiert und länglich geformt, war ursprünglich zur alpwirtschaftlichen Nutzung vorgesehen. Ebenso wurde diese Einrichtung im Einklang mit ihrer Umgebung nicht nur als länglicher Körper errichtet, sondern zusätzlich auskragend, um den Zugang zu kennzeichnen (5). Die minimalistische Kunst von Richard Serra, reduziert auf den Ausdruck von aufeinander gestellten und verschobenen Würfeln. Ein Fotogramm von Werner Herzog mit Klaus Kinski und im Hintergrund ein Schiff, welches den Berg hochgezogen wird, als Metapher – eine Hütte im Berg ist wie ein Schiff im Ozean, solitär und schützend. Dazu kommt die Kraft des Aktes, im Hochgebirge zu bauen (und die Unerfahrenheit zweier junger Menschen) (6). In ihrer heutigen Form liegt die Capanna Cristallina direkt neben dem Passübergang auf einem Sockel aus Stein, der aus der Baugrube selbst stammt.


Der Sockel bildet gleichermassen die Horizontale, auf der ein leicht auskragender Holzbau steht, der als zugangsweisender und schutzbietender Vorbau eine Beziehung zum Pass herstellt. Der Bau ist von beiden Tälern her sichtbar und liegt an der selben Stelle, wo auch einst der «Pulka-Schlitten» stand (7, 8). Die Vorderseite ist schlicht gezeichnet. Charakter verleihen ihr die waagrechten und zum Schutz gedachten, leicht übereinandergelegten Holzschichten. Immer wieder sind Luken eingebaut, deren Anlegung an den Prozess der Vorfertigung erinnert, der dazu neigt, identische Bauelemente wiederholend aneinanderzugliedern (9). Im Innern öffnet sich eine einzige Fensterform wiederholt auf die verschiedenartigen, sich im ständigen Wandel befindenden Landschaftsperspektiven (10). Der Grosszügigkeit des einzigen Gemeinschaftsraumes mit dazugehörender Kochmöglichkeit, der das wahre Herzstück des Hauses bildet, stehen einzelne, kleine Räume mit ihrer eigenen Privatsphäre gegenüber. Die gewählte Einrichtung huldigt Leuzingers Wirken, und zwar einerseits dem Stuhl von Horgenglarus, der von historischer Bedeutung ist, andererseits der unaufhörlich treibenden, von Ehrgeiz geprägten Leidenschaft zum Gesamtkunstwerk, dem auch wir an dieser Stelle unseren Tribut zollen. Das Dach schliesslich, als fünfte Fassade gedacht, setzt mit der Umgebung eine reduzierte Geste metaphysischer Inspiration voraus, indem es die Steinbedeckung des kleinen ruralen Baus wieder aufgreift. Die linear gehaltene, aus Steinplatten gebildete horizontale Grundform mag Nostalgiker provozieren, bietet Eis und Wind aber die kleinstmögliche Angriffsfläche (11). Dicke Schneeschichten, die das alleinstehende Haus im Winter bedecken und umgeben, mahnen uns an dessen eigentlichen Zweck, dem Menschen in einer noch so herrlichen, ihm jedoch grundsätzlich feindlich gesinnten Natur und Umgebung gebührende Zuflucht zu geben (12). Die Capanna Motterascio «Michela» erlaubt es uns wenige Jahre später in der Hochebene des Bleniotals, dasselbe Thema aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – immer noch auf über 2000 Metern über Meer und doch in einer eher weniger alpinen Umgebung, unmittelbar hinter der wunderschönen Greinahochebene. Das auszubauende Gebäude zeigt nacheinander vorgenommene Erweiterungen des bereits vorhandenen Kerngebäudes, eines klei-

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nen Stalls. Die Anbauvorrichtungen sollen eher zu mehr Komfort verhelfen, als dass sie zur Ausdehnung des eigentlichen Wohnraumes beitragen würden. Bereits aus der Distanz erkennt man das Wechselspiel von strukturellen Füllungen und den Holzelementen der Zwischenräume sowie die Horizontalität des Baus und des Sockels, auf dem das Gebäude steht. Das Projekt ist das Gegenüberstellen eines vertikalen Volumens zum horizontalen Bestand. Das grosse Eckfenster und das Photovoltaikelement stehen im Dialog zur Abfolge der Leere und Füllung des Vorgefundenen. Die Vertikalität des Neubaus erinnert an Turmanlagen als Verteidigung des Gebietes erdachte Bollwerke, aber auch an als strategisch äusserst günstig gelegene Ausschauorte, an gegebenen Referenzpunkte im Hochgebirge selbst (13). Die kleinen, in ihrer Form und Auslage repetitiv angeordneten Zimmeröffnungen gliedern sich fügig der Sektionsbauweise der an den Aussenseiten angemachten Kupferpanels an. Letztere lassen sich zu ihrer Patina passend in die Schattenseiten der topografischen Spalten integrieren und stellen sogar eine Beziehung zum dunkel gefärbten Gestein der Greina her. Empfang bietet hier von der Treppe aus vordergründig eine in der ersten Etage inmitten des bereits vorhandenen und des neuen Aufenthaltsraums gelegene Landschaft des hochalpinen Gebirges, das uns unmittelbar mit dem Blick in die Ferne zum prachtvollen Adulamassiv hin zieht. Der Aufenthaltsraum selbst schliesst eine offene Ecke mit Sicht auf den weiter unten liegenden Stausee ein, während zu den oberen Stockwerken kleine Treppenstufen die Mühe des Aufsteigens erleichtern (14, 15). Zum Schluss unserer hochalpinen Trilogie sei das Projekt des Anbaus der Cabane de Moiry mit direkter Aussicht auf den gleichnamigen Gletscher genannt, der einen letzten Blick sublimen Charakters auf eine immerhin leicht zugängliche Hochgebirgslandschaft zulässt. Dieselbe Landschaft hat sich durch die nahe Anlage eines Wasserkraftwerkes vielleicht zu rasch auch als «nützlich» erwiesen, was das direkt damit verbundene Schicksal der Gletscherschmelze aufzuzeigen scheint. Das bereits bestehende Gebäude erweist sich als Modell typologischer Stereotypie, von der bereits die Rede war – militärischen Ursprungs, jedoch von bedeutungsvoller und anerkannter Konnotation, wegen seiner Lapidardichte und nichtsdestoweniger wegen der Präzision, mit der


die einzelnen dachbildenden, geneigt angelegten Kupferplatten bearbeitet worden sind. Davor befindet sich eine zu labile und im Unterhalt aufwendige Terrasse. Sie lässt uns die Möglichkeit eines neuen Sockels aus Stein erahnen, zum Wohl der Gäste, als Terrasse und gleichsam als Tablett mit Panoramablick vor der Hütte, aus demselben Stein wie diese gebaut. Daneben scheint sich ein neues, horizontal konzipiertes Raumvolumen vom Erdboden her zu erheben, um sich an der Gletscherlinie zu spiegeln; Wagnis einer unverfrorenen Öffnung des Raumes, das sonst in Kupfer gekleidet, wie die Hülle der Behausung selbst, erscheinen würde (16). Die Materialreduktion für den Bau besteht in der Wahl von einfachem Gestein und Kupfer für die Aussenseite und hellem Tannenholz für das Innere. Wiederum wird auf die minimalistisch gehaltene, moderne Bauweise verwiesen. Die damit einhergehende Herausforderung, das Bestehende aufzuwerten, wird dadurch erfüllt. Dieses zuletzt vorgestellte Projekt drängt über das Beispielhafte der Hütte, die dem Schutz des Menschen dient, hinaus, um auf die Bedeutung des regelmässigen Tourismus für einen Bau der Hütte zu lenken, und eben nicht nur, um das Interesse einzelner Bergsteiger zu gewinnen. Der Innenraum steht offen und in direktem Bezug zur gegenüberliegenden Gletscherlandschaft, welcher sich nur die Primärstruktur überlagert (17, 18). Im Gegensatz zur minimalen Öffnung der Capanna Cristallina, und nach der Erfahrung des wortwörtlich herausragenden Capanna-Motterascio-Eckbaus, ist hier die moderne Struktur einer in der Natur und Landschaft offen liegenden Raumanlage spürbar. Im Spektrum zwischen verbindender Öffnung auf die Umgebung und Schutz gewährender Behausung finden sich den verschiedenen Projekten entsprechend auch unterschiedliche Positionen zur Beziehung zwischen Natur und Architektur, und weiter überhaupt zur Synergie Mensch–Natur sowie schliesslich auch zur Verehrung prachtvoller Hochgebirgslandschaften und zu der dabei gleichzeitig empfundenen Angst vor Gefahren. Hochgebirgsarchitektur zu entwerfen bedeutet, hinsichtlich der Dichotomie des Erhabenen und des vom Berg brutal Vorgegebenen, klar und deutlich Stellung zu beziehen. Man mag zwar immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise vorgegangen sein, hat das Wesentliche jedoch stets privilegiert. Nach diesen Erfahrungen schätze ich und erfreut es mich, über die Beziehung zwischen

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Mensch und Natur nachzudenken, von einem theoretischen und geschichtlichen Standpunkt aus. Mein Exkurs endet an dieser Stelle mit der Beschreibung der zuletzt verbliebenen Abbildung eines Zimmer der Cabane de Moiry. Durch das schmale Fenster ist die Pracht der Natur zu erahnen und ich erblicke einen vertikalen Lichtstrahl, der sich in der Holzwand widerspiegelt. Erst jetzt wird mir eigentlich das Bedürfnis nach Schönheit und Licht wirklich bewusst, im Gegensatz dazu aber auch der unmittelbar gegebene Bedarf an Halbschatten und Schutz (19).

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Bild nächste Doppelseite: Morgenstimmung bei der Claridenhütte.

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ÜBERSICHT An- und Abreise

Wanderroute

Via Martigny und Sembrancher gelangt man mit dem Zug nach Orsières. Dort verkehrt ein Bus, welcher beim Weiler Praz-de-Fort anhält. Die Wanderstrecke kann zusätzlich verkürzt werden, wenn man mit dem Privatauto ein Stück ins Vallon d´Arpette de Saleina hinauffährt. Die Anzahl Parkiermöglichkeiten ist jedoch beschränkt.

Praz-de-Fort–Cabane de Saleinaz T4 | 7 km | 4 Std. 30 Min. | +1540 m | –10 m

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Cabane de Saleinaz–Praz-de-Fort T4 | 7 km | 2 Std. 45 Min. | +10 m | –1540 m

Übersichtskarte

Cabane de Saleinaz / 50

Cab


SAC-HÜTTE Cabane de Saleinaz SAC-Sektion Neuchâtel www.cas-neuchatel.ch Bewartungszeit: Sommer, Winter nur zeitweise Hüttentelefon: +41 27 783 17 00 2693 m ü. M. Koordinaten: 2’571’450 | 1’091’710

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Unterwegs zur Cabane de Saleinaz

ES GEHT STOTZIG BERGAUF Den Besuch der Cabane de Saleinaz habe ich als Tagestour vorgesehen. Via Martigny und Sembrancher bin ich mit dem Zug bis Orsières gefahren. Nun steige ich auf den Bus um, welcher beim Weiler Praz-de-Fort vorbeifährt. Nur ich und ein anderer Wanderer steigen aus. Das Tal liegt noch im Schatten, umgeben von hohen Bergen. Es ist ruhig, keine Menschen sieht man bei den verstreut liegenden Häusern. Im Wald wächst viel Moos auf Boden und Steinen, vereinzelt blitzt eine kleine, rote Erdbeere hervor. Eine Brücke führt über die Reuse de Saleina. Wenn ich dem Weg weiter folgte, würde ich die Cabane d’Orny erreichen. Ich wechsle jedoch bei einem Steg wieder auf die linke Bachseite. Noch sehe ich die Hütte nicht, aber der schmale Weg führt nun stetig in die Höhe. Ich komme gut voran und die ersten Berggipfel tauchen am Horizont auf. Ein paar sehr steile Passagen sind zu überwinden, sie sind jedoch mit Eisenketten und Leitern ausgerüstet. Zudem gibt es mehrere Abschnitte, in denen gebogene Armierungseisen im Stein verankert wurden. Hier sind gute Bergschuhe mit einer harten Sohle von Vorteil, vor allem auf dem Rückweg wird man damit besseren Halt haben. Ich halte mehrmals an, esse Himbeeren und fotografiere einige Blumen wie zum Beispiel Weidenröschen. Oberhalb der Waldgrenze hat es viele Sträucher, der Weg ist gut ausgebaut. Die SAC-Hütte entdecke ich nun weiter hinten, wie auch den Saleinagletscher. Doch ich habe noch einige Höhenmeter vor mir und es geht im Zickzack weiter aufwärts. Die Fels- und Bergspitzen hier oben sind sehr eindrücklich. Petit und Grand Clocher des Planeureuses heissen die rund 2800 Meter hohen Gipfel zu meiner Linken. Clocher bedeutet steiler Gipfel, und für Kletterer ist es hier wohl ein bisschen wie im Paradies. Ich überhole nun einige Berggänger, welche gemütlicher unterwegs sind. An einer Stelle teilt sich der Weg, doch beide Wege führen weiter oben wieder zusammen. Noch einmal müssen einige anstrengende Höhenmeter überwunden werden, dann stehe ich bei der Hütte und werde drinnen sogleich mit einem warmen Willkommenstee begrüsst.

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Die schroffe Bergwelt mit vielen zackigen Felsen und Bergkanten ist faszinierend. Der Weg ist ausgesprochen abwechslungsreich, bei schwierigen Passagen bieten zum Beispiel Armierungseisen wertvolle Unterstützungshilfe.

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CABANE DE SALEINAZ Schon früh im Zustieg ist die neue Hütte hoch oben auf einem Felsrücken sichtbar. Bis 1996 stand dort die alte Hütte, deren Fundament heute als Terrasse dient. Diese ebenfalls längliche und mit einem Satteldach ausgestattete Hütte wurde 1893 erstellt und in den Jahren 1903 und 1905 erweitert. In der rauen, durch spitze Gipfel geprägten Landschaft steht das neue, zweigeschossige, zurückhaltend und unspektakulär wirkende Holzgebäude auf einer flachen Terrasse eines nach Osten und Norden abfallenden Felsrückens. Das schlichte, rechteckige Gebäude ist Ost-West ausgerichtet und somit für die vorherrschenden Windrichtungen optimiert. Die Fassade zeugt vom Wetter, welches hier oben bisweilen herrscht. Es hat seine Spuren an der hölzernen Fassade hinterlassen: Sie ist braungebrannt und teilweise vergraut, und es tritt bereits die Struktur der Jahrringe hervor. Welche Kräfte auf die Hütte einwirken, wird einem bewusst, wenn der Hüttenwart erläutert, dass er alle zwei Jahre die in den Aussenwänden durch beide Geschosse führenden Gewindestangen aus Chromstahl nachziehen muss, welche die Hütte im Fundament verankern. Die gesamte Holzkonstruktion wurde im Tal erstellt und in für den Helikopter transportierbare einzelne Elemente unterteilt. Die Hütte konnte so innerhalb von drei Tagen auf dem bereits erstellten Betonfundament montiert werden. Die Fassadenelemente sind raumseitig durch raumhohe, sichtbare Dreischichtplatten ausgesteift. Normalerweise werden bei Holzelementbauten die Ständer der Breite der Beplankung angepasst. Durch die Verwendung von raumhohen Platten ergab sich jedoch eine bessere Möglichkeit: Es konnten eine freie Fenstereinteilung umgesetzt und die Abstände der Ständer variiert werden.

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Die Aussenfassade ist zurückhaltend mit einer vertikalen Lärchenschalung ausgeführt. Die unterschiedlichen Breiten der Bretter mit ihren bereits erfolgten unterschiedlichen Farbveränderungen bilden geschossweise eine gleichmässige Fläche mit vertikaler Struktur. Diese wird auf Höhe des Fenstersturzes des Erdgeschosses durch die funktionale, horizontale Überlappung der Fassade optisch stark geprägt. Diese Überlappung hat den Vorteil, dass eine zusätzliche Hinterlüftungsöffnung vorhanden ist und die Schalung des Erdgeschosses dadurch am oberen Ende geschützt ist. Die Fenster, alle in den gleichen Abmessungen und auf gleicher Höhe liegend, übernehmen aussen kein vorgegebenes Raster. Sie sind durch ihre Funktion, also vom jeweiligen sich dahinter befindlichen Raum, definiert. Im Winter und bei Sturm wandelt sich die Hütte durch das Schliessen der Holzfensterläden in einen geschlossenen hölzernen Kubus, der nur durch das flache Satteldach in Blech geprägt ist. An den Fensterläden fällt ein weiteres pragmatisch gelöstes Detail auf: Sie sind oben mit einem metallenen, flächenbündig eingelassenen U-Profil gegen das Eindringen von Wasser geschützt. Erstaunen ruft die Lage der Dachrinne hervor, denn diese ist sehr tief angesetzt und nicht direkt mit dem Dach verbunden. Sie übernimmt ihre Funktion hauptsächlich während der Schneeschmelze.

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Wie die Aussenfassade ist auch der Innenraum der Hütte funktional und unspektakulär. Die Raumaufteilung und der Innenausbau sind simpel und robust – nutzungsbezogen auf den Berggänger. Grundsätzlich braucht dieser einen Raum, um die nassen und verschwitzten Kleider abzulegen, sowie einen Ess- und einen Schlafraum, mehr nicht. Alles ist in der Cabane de Saleinaz vorhanden und gut organisiert. Untergeschoss mit Technik- und Lagerräumen, Erdgeschoss mit Aufenthaltsraum und Küche sowie Obergeschoss mit Schlafräumen und privatem Bereich des Hüttenwartes entsprechen der gängigen Aufteilung. Das verwendete Fichtenholz bei der Hohlkastendecke, der Wandbeplankung und bei den Ausbauten ergibt mit dem schwarzen Kautschukboden eine zurückhaltende Materialisierung und Farbgebung, welche die immer farbenfrohere Ausrüstung der Berggänger nicht konkurrenziert. Die


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Cabane de Saleinaz Baugeschichte Ersatzneubau 1996, Widmer | de Montmollin Architekten ETH SIA BSA, Biel. Baubeschrieb Holzelementbau mit vertikaler Fassadenschalung auf Untergeschoss aus Beton.

eher kleinen Fenster erscheinen raumseitig mit ihren in weiss gehaltenen Rahmen grösser als sie sind. Bei genauem Betrachten ist der Wandel der Hüttenarchitektur im Übergang zum 21. Jahrhundert deutlich erkennbar. Sind die Fenster noch klein – die Bergwelt ausgrenzend –, so ist der Ausbau mit seinen glatten, ebenen Oberflächen schon modern. Die Sitzbank im Aufenthaltsraum führt wie bei alten Hütten die Aussenwand entlang, besitzt jedoch bereits kein leicht geneigtes Rückenstück mehr. Die Wand übernimmt hier diese Funktion. Die Schlafräume sind bereits kleiner geworden, die Ecosphère-Toilette befindet sich jedoch noch ausserhalb des Gebäudes. Strom wird durch auf dem Dach angebrachte Solarpanels sowie über eine Wasserturbine gewonnen. Trotzdem ist für den Notfall auch ein Generator vorhanden. Der Aufenthalts- wie auch der als Winterraum nutzbare Eingangsbereich kann, wenn nötig, mit einem Schwedenofen beheizt werden. In der Küche arbeitet man mit einem Tiba-Holzherd und Gas. Auf den ersten Blick wirkt die Cabane de Saleinaz unspektakulär. Doch gerade diese zurückhaltende, aber funktionelle Architektur, in welcher die Ausrichtung, das verwendete Baumaterial, die Organisation und Raumaufteilung miteinander funktionieren und wie selbstverständlich daherkommen, ergeben eine gesamtheitlich herausragende Lösung für ein Gebäude in den Bergen.

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Eingang Schlafraum

Küche

Schlafraum

Aufenthaltsraum

Schlafraum

Grundriss Erdgeschoss 1

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Grundriss Dachgeschoss 47


Bergspitzen spiegeln sich in der Fensterscheibe.

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