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Wege und Geschichte Les chemins et l’histoire Strade e storia

Verkehrsinfrastrukturen fĂŒr den Tourismus Infrastructures de transport pour le tourisme Infrastrutture di trasporto per il turismo

TITELBILD

Die Rigi ist schon seit Jahrhunderten ein beliebtes Reiseziel und seit der frĂŒhen Neuzeit fĂŒr Badekuren und Wallfahrten bekannt. Das Bergmassiv mit seinem höchsten Gipfel, dem Rigi­Kulm, wurde ab dem 18. Jahrhundert zu einer international beliebten Tourismusdestination und mit entsprechenden Verkehrsinfrastrukturen erschlossen: Neben zwei Zahnradbahnen – darunter die erste Bergbahn Europas – fĂŒhren mehrere Luftseilbahnen auf die Gipfel, von denen aus man auf verschiedenen Höhen­ und Panoramawegen die Aussicht auf den VierwaldstĂ€ttersee und die nahen Alpen geniessen kann. Die Fotografie stammt aus einem Album mit dem Titel «Zur Erinnerung an unsere schöne SchweizerReise vom 19. Juli bis 2. August 1907» mit insgesamt 17 Bildern, die vom Bildarchiv der ETH ZĂŒrich digitalisiert wurden. Die Sujets aus Luzern, ZĂŒrich, dem Berner Oberland und vom VierwaldstĂ€ttersee zeichnen ein eindrĂŒckliches Panorama der touristischen Verkehrsinfrastrukturen in der Schweiz am Beginn des 20. Jahrhunderts.

Titelbild: Rigi­Kulm und die Alpen / Fotograf: Unbekannt / ETH­Bibliothek ZĂŒrich, Bildarchiv / Ans_05134 ­ 004 ­AL­FL

IMPRESSUM

Wege und Geschichte

Zeitschrift von ViaStoria – Stiftung fĂŒr Verkehrsgeschichte

Les chemins et l’histoire

Publication de ViaStoria – Fondation pour l’histoire du trafic

Strade e storia

Rivista di ViaStoria – Fondazione per la storia del traffico

Ausgabe 02/2025 | Dezember 2025

Auflage: 2500

Die nÀchste Ausgabe von «Wege und Geschichte» erscheint im Oktober 2026. Sie ist dem Thema BÀderwege gewidmet.

ISSN 1660-1122

Nachdruck nur mit Bewilligung von ViaStoria

Herausgeber

ViaStoria

Stiftung fĂŒr Verkehrsgeschichte

Redaktion

Isabelle Fehlmann und Anne­Catherine Schröter

Kontakt: redaktion@viastoria.ch

Französische Redaktion

Andres Betschart

Verlag

Weber Verlag AG

Gwattstrasse 144

CH­3645 Thun/Gwatt

Übersetzungen

Fabio Janner, Pierre­G. Martin Adresse

ViaStoria, Stiftung fĂŒr Verkehrsgeschichte

Hanspeter Schneider

Matten 390 CH­3472 Wynigen www.viastoria.ch, stiftung@viastoria.ch

Druck

Haller + Jenzer AG

Buchmattstrasse 11

CH­3400 Burgdorf

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser

Ob auf Schienen, Strassen oder mit Seilbahnen und Schiffen: Verkehrsinfrastrukturen sind das RĂŒckgrat des Schweizer Tourismus. Seit Jahrhunderten verbinden sie Menschen, Regionen und Kulturen – und sie prĂ€gen bis heute das Reiseerlebnis. Pilgerwege, Promenaden, Passstrassen, Eisenbahnen oder Bergbahnen zeigen eindrĂŒcklich, wie eng aneinander orientiert sich MobilitĂ€t und Tourismus entwickelt haben. Heute hĂ€ngt rund die HĂ€lfte des gesamten Verkehrsaufkommens direkt oder indirekt mit Freizeit und Tourismus zusammen. Dennoch richtet sich die Planung noch immer primĂ€r nach Pendlerströmen. Zeit also, MobilitĂ€t wieder konsequenter auch fĂŒr GĂ€ste und Freizeitreisende zu denken. Die Schweiz geniesst international einen hervorragenden Ruf fĂŒr ihren leistungsfĂ€higen öffentlichen Verkehr – ein Viertel der touristischen Wege wird bereits mit Zug und Bus bewĂ€ltigt. Dieses Potenzial wollen wir weiter stĂ€rken. DafĂŒr braucht es Investitionen, Innovation und Mut. Denn wie in der Vergangenheit gilt auch fĂŒr die Zukunft: Tourismus und Verkehr entwickeln sich nur gemeinsam erfolgreich weiter – nachhaltig, vernetzt und im Miteinander von GĂ€sten und Einheimischen.

ChĂšre lectrice, cher lecteur Voies ferrĂ©es, routes, tĂ©lĂ©phĂ©riques ou encore bateaux : les infrastructures de transport sont la colonne vertĂ©brale du tourisme en Suisse. Depuis des siĂšcles, elles mettent en communication personnes, rĂ©gions et cultures, marquant l’expĂ©rience du voyage. Chemins de pĂšlerinage, promenades, routes de col, trains ou chemins de fer de montagne montrent bien Ă  quel point mobilitĂ© et tourisme se sont dĂ©veloppĂ©s en parallĂšle. Aujourd’hui, prĂšs de la moitiĂ© des dĂ©penses totales de transport est liĂ©e directement ou indirectement au tourisme et aux loisirs. Pourtant, on continue de baser la planification sur les flux de pendulaires. Il serait temps, en fait, de rĂ©flĂ©chir Ă  la mobilitĂ© en prenant mieux en compte les dĂ©placements non professionnels. La Suisse jouit sur le plan international d’une excellente rĂ©putation pour l’efficience de ses transports publics – un quart des trajets touristiques s’effectuent dĂ©jĂ  en train et en autobus. Ce potentiel, nous voulons le renforcer. Cela demande des investissements, de l’esprit d’innovation et du courage. Car ce qui vaut pour le passĂ© vaut aussi pour l’avenir : tourisme et transports ne progresseront avec succĂšs qu’ensemble – dans un dĂ©veloppement durable, interconnectĂ© et imbriquant hĂŽtes et population locale.

Care lettrici, cari lettori, Che si tratti di ferrovie, strade, funivie o navi, le infrastrutture di trasporto sono la spina dorsale del turismo svizzero. Da secoli collegano persone, regioni e culture e ancora oggi caratterizzano l’esperienza di viaggio. Cammini di pellegrinaggio, passeggiate, strade di valico, ferrovie di pianura o di montagna, funivie, dimostrano in modo impressionante quanto la mobilitĂ  e il turismo si siano sviluppati in stretta correlazione. Oggi circa la metĂ  del traffico totale Ăš direttamente o indirettamente legata al tempo libero e al turismo. Tuttavia la pianificazione continua a concentrarsi principalmente sui flussi pendolari. È quindi giunto il momento di pensare anche alla mobilitĂ  legata al turismo ed al tempo libero. La Svizzera gode di un’ottima reputazione a livello internazionale per il suo efficiente sistema di trasporto pubblico: un quarto dei percorsi turistici viene giĂ  effettuato in treno e in autobus. Vogliamo rafforzare ulteriormente questo potenziale. CiĂČ richiede investimenti, innovazione e coraggio. Come in passato, anche in futuro il turismo e i trasporti potranno svilupparsi con successo solo insieme, in modo sostenibile, interconnesso e in collaborazione tra ospiti e residenti.

Philipp Niederberger

Direktor Schweizer Tourismus­Verband

Directeur de la Fédération suisse du tourisme

Direttore Federazione svizzera del turismo

INHALT

4 Promenierwege fĂŒr den Tourismus. Das mondĂ€ne Leben im Hotel

Roland FlĂŒckiger-Seiler

10

Bilder der Schweiz Online

Viviane Maeder, Michael Matile, Thomas Zweifel

15 Du fil Ă©lectrique Ă  la roue ailĂ©e : au cƓur d’une rĂ©volution touristique

Laurent Tissot

20 Die Geschichte der maschinenbetriebenen Schifffahrt auf dem Genfersee im Lichte des regionalen und internationalen Tourismus

JĂŒrg Meister

26 Hospize und Herbergen am Pilgerweg

Daniel Stotz

31 GraubĂŒndens Alpenstrassen als touristisches Reiseziel

Isabelle Fehlmann

35 Rubrik: Sanierungen von IVS­Objekten Die Chlusestrasse ins Gasterntal – ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung

Eneas Domeniconi

39 Le futur des voies du passé

Jonathan Amstutz, Erika FlĂŒckiger und Ulrike Marx

42 Publikationshinweise

43 ViaStoria – Stiftung und Förderverein Vorschau

PROMENIERWEGE FÜR DEN TOURISMUS

Das mondÀne Leben im Hotel

Roland FlĂŒckiger-Seiler

Neben Strassen, Eisenbahnen und Schiffen, auf denen die Touristinnen und Touristen in der HochblĂŒte der Belle Époque ihre Feriendestinationen erreichten, spielten auch Verkehrswege eine wichtige Rolle, die dem reinen VergnĂŒgen und der Erbauung dienten. Aussichtsreiche, kunstvoll bepflanzte und kĂŒnstlich beleuchtete Promenierwege wurden an zahlreichen beliebten Tourismusorten in der Schweiz angelegt. Entlang der Seeufer mit Blick auf die umgebende Alpen- und Seenlandschaft, aber auch als Höhenwege rund um alpine Berghotels wurden diese touristischen Verkehrsinfrastrukturen bald zu wichtigen TrĂŒmpfen im umkĂ€mpften Hotelleriemarkt.

Promenierwege fĂŒr die soziale Trennung

In der Belle Époque funktionierte das Leben in den meisten Hotels wie in einer geschlossenen Welt auf dem Ozeandampfer. Die HĂ€user boten den GĂ€sten alles an, was diese zum Wohle ihres Aufenthalts wĂŒnschten. So vergnĂŒgte sich die Gesellschaft aus der Oberschicht in den Hotels unter ihresgleichen, von den gesellschaftlichen und sozialen Problemfeldern abgeschottet. Treffend charakterisiert der Schweizer Schriftsteller Konrad Falke im Jahr 1913 diese GegensĂ€tze in seinem Roman Wengen: «Am Abend aber sehen die verwundert an die Hotelfenster heranschleichenden Bergler in den BallsĂ€len solch eine flimmernde Pracht, als

wĂ€re der MĂ€rchenzauber König Laurins Wirklichkeit geworden.»1 Daneben lebte eine Bevölkerung, welche versuchte, ihre Lebensbedingungen mit AktivitĂ€ten wie Blumen­ und SouvenirverkĂ€ufen oder sogar mit Bettelei zu verbessern. So verdienten sich an etlichen Orten KĂŒnstler, deren Namen kaum noch bekannt sind, ihren Lebensunterhalt als Landschaftsmaler durch die VerkĂ€ufe von Bildern an promenierende GĂ€ste. Die Schweiz war bis weit ins 19. Jahrhundert ĂŒber grosse Strecken wirtschaftlich geschwĂ€cht, ohne eigene Rohstoffe und durch innenpolitische Wirren, wie den Sonderbundskrieg, geprĂ€gt. Gerade die Bevölkerung in den Berggebieten lebte vielerorts in Armut und Elend. 1891 schrieb der

1 Genf, Pont du Mont Blanc mit dem Grand Quai (Quai du Lac), Aufnahme von 1917.

(Foto: ETH-Bibliothek ZĂŒrich, Bildarchiv / PK_004271)

2 Beispiel einer Quaianlage mit Kutschen und flankierenden Hotelbauten am VierwaldstÀttersee, Aufnahme von 1914.

(Archiv Roland FlĂŒckiger)

Berner Rudolf von Tavel in seiner Dissertation: «Die Thatsache, dass die Touristen (
) in gewissen Gegenden auf’s Unangenehmste von alten und jungen Bettlern verfolgt werden, ist alljĂ€hrlich Gegenstand mancher Zeitungsartikel. Zahlreiche Reise­HandbĂŒcher und Reisebeschreibungen erwĂ€hnen diese belĂ€stigende Erscheinung.»2

Es war auch die Zeit, in der die Einheimischen ihr Alphorn nicht aus Inbrunst spielten, sondern ihre Blaskunst fĂŒr einen Batzen anboten und BauernmĂ€dchen versuchten, mit Edelweiss und Enzian zu einem GeldstĂŒck zu gelangen. Der ReisefĂŒhrerautor Karl Baedeker beklagte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts dazu bitter: «Unter allen Gestalten und VorwĂ€nden werden AnlĂ€ufe auf den Geldbeutel eines Reisenden genommen.»3 Viele Einheimische verdingten sich als Diener oder FĂŒhrer, VerkĂ€ufer oder wie erwĂ€hnt ganz einfach als Bettler.

3

(Archiv Roland FlĂŒckiger)

Die sozioökonomische Diskrepanz zwischen Einheimischen und Reisenden kam mit dem boomenden Fremdenverkehr im 19. Jahrhundert vielerorts auch baulich zum Ausdruck. In den StĂ€dten mit frĂŒhem Tourismus bot man den GĂ€sten eigene mit BĂ€umen und StrĂ€uchern eingedeckte Spazierwege an. So konnten sie sich von den vielerorts herrschenden sozialen Problemen abwenden und mit Blick in die Ferne, in niedliche Landschaften und auf Berge und

Seen spazieren. Diese Promenierwege, fĂŒr die Beat Wyss die Bezeichnung «urbane Aussichtsterrassen»4 prĂ€gte, wurden vor allem an den Seeufern errichtet (Abb. 2). Dort konnten die Touristinnen und Touristen in gemĂ€chlichem Tempo unter ihresgleichen promenieren, um auf diese Weise die bewunderte Umgebung besser zu geniessen und die Problemfelder der Einheimischen auf der Seite zu lassen.

Pioniere in der Westschweiz

Ein erster Promenierweg am Seeufer entstand kurz vor 1830 in Genf. Dort begann die Stadt 1829 in der Seebucht auf der linken Seite der «Rade de GenĂšve» mit dem Bau des Grand Quai, spĂ€ter als Quai du Lac und heute als Quai GĂ©nĂ©ral Guisan bekannt (Abb. 1). Kurz danach kam der Quai des Bergues am Ufer gegenĂŒber dazu, an dem 1834 das HĂŽtel des Bergues als erstes eigentliches Grand Hotel auf Schweizer Gebiet eröffnet wurde. Im selben Jahr entstand zur Erschliessung der Rousseau­Insel davor eine von Ingenieur Henri Dufour erbaute DrahtseilbrĂŒcke als weltweit erste bekannte Anlage und deshalb viel bestaunte Sensation.5 Mit diesen Spazieranlagen waren wichtige bauliche Voraussetzungen geschaffen, welche die Entwicklung von Genf im frĂŒhen Tourismus stark förderten. Die Promenierwege und auch der Hotelbau ausserhalb der Stadtmauern Genfs können im schweizerischen Rahmen als Pionierleistungen bezeichnet werden. Gleichzeitig waren sie auch ein bauliches Symbol fĂŒr die Öffnung der ehemals geschlossenen, von Mauern befestigten Stadt und die Hinwendung zu einem neuen romantischen Geist, welcher die Natur ins Zentrum des Lebens rĂŒckte. Sie waren deshalb ein Vorbild fĂŒr weitere Anlagen in der Schweiz.6

Am Genfersee bemĂŒhten sich auch weitere Gemeinden um das Wohl der Touristen beim Spazieren auf angenehmen Promenaden. Ein frĂŒhes Beispiel war Villeneuve, wo die MunicipalitĂ© bereits 1828 beschloss, «[de] faire ranger la place de la Grand Rivaz, de la fermer soit avec des palissades en chĂȘnes soit avec des bouteroues ainsi que d’y planter des peupliers ou d’autres arbres».7 Diese BemĂŒhungen um die Bepflanzung der Wege und PlĂ€tze zeigen auf, dass sich damals bereits etliche Touristen in Villeneuve aufhielten. FĂŒr diese entstand zwischen 1837 und 1841 beispielsweise auch das HĂŽtel Byron in einem noch vollstĂ€ndig unbewohnten Gebiet am Ufer des Genfersees, als erstes grosses Hotel in der freien Naturlandschaft (Abb. 3). Auch in Montreux und Vevey sowie in den weiteren Fremdenorten am Ufer des Sees erfreuten sich die Touristen bald einmal an speziellen Promenierwegen, die in der Regel von Baumalleen gesĂ€umt waren und von etlichen Hotelbauten flankiert wurden (Abb. 4). In Ouchy bei Lausanne wurde 1857 die SociĂ©tĂ© immobiliĂšre d’Ouchy gegrĂŒndet mit dem Ziel, den Hafen und die Spazierwege zu verbessern und am Seeufer ein

Das Hotel Byron bei Villeneuve in einer frĂŒhen Darstellung um 1840.

neues Hotel zu errichten, das dann 1868 als Hotel Beau Rivage eröffnet werden und von der idyllischen Promenade profitieren konnte.

Thun und Berner Oberland

Bereits in den 1830er­Jahren begann auch die Stadt Thun, ihren GĂ€sten Promenierwege anzubieten. Dort förderten die GebrĂŒder Knechtenhofer den Fremdenverkehr massiv. Der Thuner Rat Johann Peter Knechtenhofer (1762–1812) und sein Bruder Jakob Wilhelm (1766–1824) sowie dessen drei Söhne Johann Jakob, Johannes und Johann Friedrich betrachteten die Kombination zwischen hervorragender Natursituation und malerischen, historischen Bauten mit gut ausgebauten GaststĂ€tten und deren Infrastrukturanlagen als Grundbedingung fĂŒr einen erfolgreichen Tourismus. So entstand in Thun nordwestlich der Altstadt am Aareufer in mehreren Etappen die SchwĂ€bis-Promenade als erster Promenierweg, der von den frĂŒhen Touristen am Ort besonders geschĂ€tzt wurde. In Interlaken entstand eine Ausnahme von der Regel: Dort, wo der direkte Bezug zu einem See fehlte, errichtete man am Höheweg eine Spaziermeile jenseits der alten Siedlungen von Unterseen und AarmĂŒhle, mit Blick auf das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau, die von vielen Hotels flankiert wurde (Abb. 5). Die Hotelbesitzer an diesem Weg sorgten dafĂŒr, dass auf der nebenan liegenden Höhematte ein bis heute gĂŒltiges Bauverbot im Grundbuch eingetragen wurde.

Innerschweiz und VierwaldstĂ€ttersee In Luzern kamen die ersten Quaianlagen in Betrieb, als dort ein Brand im Juni 1833 einen Teil des Altstadtquartiers eingeĂ€schert hatte. Beim Wiederaufbau entstanden mit dem Bauschutt rechts und links des Reussufers die ersten Spazierquais.8 So wurde 1836 ein Bauprojekt geplant, welches das Hofquartier mit dem Schwanenplatz auf der rechtsufrigen Altstadt seeseitig abschliessen sollte. Der Basler Architekt Melchior Berri (1801–1854) entwarf dazu ein Idealprojekt zum Bau von HĂ€usern nach klassizistischem Vorbild, welches der Stadt ein ganz neues Gesicht gegeben hĂ€tte. Danach entstand auf

Initiative der GebrĂŒder Segesser das im August 1845 eröffnete Hotel Schweizerhof mit dem Schweizerhofquai. Auslöser einer weiteren intensiven Hotelbauphase war der im September 1865 vom Luzerner Regierungsrat genehmigte Bebauungsplan. Dieser regelte die Gestaltung einer neuen Spazieranlage als Fortsetzung des Schweizerhofquais, «wo die Fremden sich der schönen Aussicht wegen vorzugsweise aufhalten»9, mit dem Nationalquai (Abb. 6). In Weggis am See entstand erst nach der Jahrhundertwende, zwischen 1905 und 1909, eine grosszĂŒgige Quaianlage nach dem Vorbild der grossen Tourismusorte, die dort zum Bau von mehreren bedeutenden Hotels an dieser lang gezogenen Baumallee fĂŒhrte. Sie wurde bald mit einem monumentalen Brunnen ausgeschmĂŒckt und mit Kandelabern elektrisch beleuchtet (Abb. 7).10 Im benachbarten Brunnen hatte man vor 1870 eine Quaianlage fĂŒr die Touristen des damals eröffneten Grand Hotels WaldstĂ€tterhof gebaut, kurz nach dem Bau der vom Bund massiv finanzierten Axenstrasse, welche dem Ort einen bedeutenden Zustrom von Touristen brachte.

4 Promenierquai bei Montreux, Aufnahme um 1920. (Foto: ETH-Bibliothek ZĂŒrich, Bildarchiv / Ans_05519-014AL-FL)

5 Interlaken, Spaziermeile am Höheweg um 1890. (Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C.)

Tessin

In den 1860er­Jahren begann der Bau von Quais auch im Tessin, vorerst in Lugano nach dem Vorbild von Genf oder Luzern. Zwischen 1863 und 1866 wurde die Riva Vincenzo Vela als Verbindung zwischen

6 Luzern, Nationalquai, Aufnahme von 1872. (Foto: ETH-Bibliothek ZĂŒrich, Bildarchiv / Ans_07027)

VIAFRANCIGENA

Pilgern und Wandern Richtung Rom

Daniel

Als Teil des Frankenwegs, der mittelalterlichen Via Francigena, fĂŒhrt die Wanderroute 70 von Ballaigues im WaadtlĂ€nder Jura ĂŒber Lausanne und das Lavaux ins Unterwallis und folgt dann der uralten Passstrasse auf den Grossen St. Bernhard. Der Schweizer Abschnitt dieses Pilgerwegs von Canterbury zur «ewigen Stadt» Rom wird oft als der landschaftlich schönste der Via Francigena beschrieben. Das kulturhistorisch ausgerichtete Buch nimmt die Leserin und den Leser auf eine meditative Fuss­ oder Radreise mit, die mit vielen Juwelen aufwartet: das Klosterdorf RomainmĂŽtier, das mondĂ€ne Montreux und das römisch geprĂ€gte Martigny reihen sich an Naturwunder wie die Schluchten von Orbe und Trient sowie den atemberaubenden Anstieg auf den Pass mit seinem Hospiz. Ein besonderes Augenmerk gilt der Tradition des Pilgerns, heute oft verstanden als achtsames Wandern. Zahlreiche KultstĂ€tten und Kraftorte laden zum Philosophieren ein. Der FĂŒhrer durch die Kulturlandschaft der Suisse romande ergĂ€nzt die bereits erschienenen BĂ€nde ViaRhenana, ViaValtellina und ViaGottardo des begeisterten Kulturwanderers Daniel Stotz.

Der FĂŒhrer ist auch auf Französisch erhĂ€ltlich. Er kann im Buchhandel oder auf der Website des Weber Verlags (www.weberverlag.ch) bezogen werden.

DIE GESCHICHTE DER SCHIFFFAHRT AUF DEM GENFERSEE

Dr. JĂŒrg Meister

Der Genfersee ist nicht nur wegen seiner Grösse ein GewĂ€sser der Superlative. Nicht weniger als acht historische Radschiffe aus der Belle Époque haben auf dem grössten Alpenrandsee ĂŒberlebt. Davon werden fĂŒnf bis heute von einer Dampfmaschine betrieben. Die Mehrzahl von ihnen verkehrt perfekt historisch adĂ€quat restauriert. Dazu kommen zahlreiche Motorschiffe aus mehreren Jahrzehnten, die jĂŒngsten werden gerade in Betrieb genommen. Jedem dieser Schiffe wird im neuen Buch zur «Geschichte der Schifffahrt auf dem Genfersee» ein sorgfĂ€ltig recherchierter Lebenslauf gewidmet, der mit zahlreichen, meist noch nie publizierten Bildern illustriert wird. Doch nicht nur die noch erhaltenen Schiffe kommen zu ihrem Recht, sondern auch den bereits verschwundenen historischen Schiffen werden LebenslĂ€ufe gewidmet. Angefangen beim Dampfschiff «Guillaume Tell», welches 1823 als erstes Dampfschiff der Schweiz in Betrieb genommen wurde.

Die Publikation ist auch auf Französisch und Englisch erhÀltlich. Sie kann im Buchhandel oder auf der Website des Weber Verlags (www.weberverlag.ch) bezogen werden.

Daniel Stotz: ViaFrancigena –Pilgern und Wandern Richtung Rom, Thun­Gwatt: Weber Verlag 2025.

ISBN 978­3­03818­662­5

JĂŒrg Meister: Die Geschichte der Schifffahrt auf dem Genfersee, Thun­Gwatt: Weber Verlag 2025.

ISBN 978­3­03818­659­5

Fotografie des Bad Ragaz, ca. 1875

(ETH-Bibliothek ZĂŒrich, Bildarchiv / Ans_09880)

VIASTORIA – STIFTUNG UND FÖRDERVEREIN

ViaStoria unterstĂŒtzt den Erhalt, die Erforschung und die Bekanntmachung historischer Wege in der Schweiz.

Die Zeitschrift «Wege und Geschichte» wird vom Förderverein unterstĂŒtzt und ist in der Mitgliedschaft inbegriffen.

Das vorliegende zweite Heft 2025 von Wege und Geschichte widmet sich der Geschichte der Infrastrukturen des Tourismus, u.a. auch der Pilgerwege. Passend zu diesem Thema ist im Juni dieses Jahres der KulturlandschaftsfĂŒhrer «Via Francigena» von Daniel Stotz erschienen, mit der UnterstĂŒtzung der ViaStoria­Stiftung und des ViaStoria­Fördervereins.

Das Jahresmotto «Strassen und Stauseen» des ViaStoria­Fördervereins fĂŒhrte die Vereinsmitglieder in der Herbstwanderung am 26./27. September 2025 in das Grimselgebiet.

Das neue Jahr 2026 beginnt der Verein am 30. Januar 2026 mit dem traditionellen Neujahrsreferat im Hotel Astoria, Olten. Als Referent zum Jahresthema «BÀderwege» konnte Hans Egli gewonnen werden. Die Generalversammlung des Fördervereins findet am 9. Mai 2026 im BachtelenBad in Grenchen statt.

Die Veranstaltungen und das Wanderangebot finden sich neuerdings unter www.viastoria.ch.

Die ViaStoria­Stiftung und der Förderverein ViaStoria treten auf www.viastoria.ch zukĂŒnftig gemeinsam auf.

Aktuell: Exkursionen und Veranstaltungen Mitgliederbereich: Vereinsinterna, vom Förderverein mitfinanzierte Studien und Referate, vergĂŒnstigte Kulturwege-Publikationen des Weber Verlags.

VORSCHAU: WEGE UND GESCHICHTE

2026: BÄDERWEGE

Die Geschichte der BĂ€derwege in der Schweiz reicht bis in die Römerzeit zurĂŒck. Schon damals nutzten römische Siedler die heilenden Quellen in

Gebieten wie Baden, St. Moritz oder Yverdon­lesBains und bauten erste Thermen. Im Mittelalter und in der frĂŒhen Neuzeit wurden viele dieser Orte weiter genutzt, besonders in Klöstern, wo Heilquellen eine wichtige Rolle spielten.

Ab dem 18. und 19. Jahrhundert erlebten die Schweizer BÀder einen neuen Aufschwung im Zuge des aufkommenden Gesundheitstourismus. Wohlhabende Reisende aus ganz Europa kamen in die Alpen, um in Kurorten wie Bad Ragaz oder Leukerbad Erholung und Heilung zu suchen. Mit dem Ausbau der Verkehrswege, nicht zuletzt auch der Eisenbahn, wurden diese Orte leichter erreichbar und die regelmÀssige Reise dorthin entwickelte sich zu einem beliebten Konzept.

Das nÀchste «Wege und Geschichte» widmet sich diesen historischen Badeorten, ihren GÀsten und den Routen, auf denen jene dorthin reisten.

Redaktionsschluss: 1.5.2026

VorschlĂ€ge fĂŒr HeftbeitrĂ€ge sind sehr willkommen! Bitte richten Sie diese bis einen Monat vor Redaktionsschluss an redaktion@viastoria.ch

«Was bei ihr [der Simplonpassstrasse] am meisten erstaunt, ist, dass sie gleichmĂ€ssig und unerschĂŒtterlich verlĂ€uft, nirgends den Schwierigkeiten nachgibt, denen sie begegnet, und unter ebendieser KĂŒhnheit selbst eine weitere, ausserordentliche KĂŒhnheit birgt. Ich habe anderswo Pfade gesehen, die in den Fels gehauen oder ĂŒber AbgrĂŒnde gehĂ€ngt sind [...]. Aber hier ist es ein sicherer und bequemer Weg von gleichbleibender Breite und Steigung, der seinen majestĂ€tischen Lauf ĂŒber alle Hindernisse hinweg fortsetzt [...].»

Raoul-Rochette, DĂ©sirĂ©: Lettres sur la Suisse, Paris 1822, S. 375–376.

« Ce qui Ă©tonne surtout, de la part de celui-ci [du passage du Simplon], c’est que rĂ©gulier, autant qu’imperturbable dons [sic] sa marche, il ne cĂšde nulle part aux difficultĂ©s qu’il affronte, et cache une extrĂȘme audace, sous cette audace mĂȘme. J’ai vu ailleurs des sentiers taillĂ©s dans le roc ou suspendus sur des abĂźmes [
]. Mais ici, c’est une voie sĂ»re et commode, d’une largeur et d’une pente constamment Ă©gales, qui poursuit son cours majestueux Ă  travers tous les obstacles [
]. »

Raoul-Rochette, DĂ©sirĂ© : Lettres sur la Suisse, Paris 1822, p. 375–376.

«CiĂČ che piĂč stupisce di lei [del passaggio del Sempione] Ăš che procede in modo uniforme e incrollabile, senza mai cedere alle difficoltĂ  che incontra, e che proprio sotto questa audacia nasconde un’altra, straordinaria audacia. Ho visto altrove sentieri scavati nella roccia o sospesi sopra precipizi [...].

Ma qui si tratta di un percorso sicuro e comodo, di larghezza e pendenza costanti, che prosegue il suo maestoso corso superando tutti gli ostacoli [...].»

Raoul-Rochette, DĂ©sirĂ©: Lettres sur la Suisse, Paris 1822, p. 375–376.

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