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UELI TOBLER: WAS ANKER-BILDER ERZÄHLEN (KURZVORSCHAU)

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UELI TOBLER

UELI TOBLER Viele Bilder von Albert Anker sind bekannt. Aber es gibt Überraschungen. Was sagen die Menschen auf seinen Bildern? Davon erzählt dieses Buch. Bild und Wort begegnen sich in Ankers Werk und Leben stetig. Die Hör-Bilder folgen dem Lauf des Jahres. Ein hoffnungsvoller Ausblick beschliesst den Gang durchs Jahr. Mit dem «Blick ins Atelier» und «… in die Studierstube» wird das Werden der Bilder erlebbar und damit die Vielseitigkeit und Belesenheit, das pädagogische und soziale Engagement Ankers. In den «Carnets théologiques» sind Ideen notiert, die das kirchlich-theologische Interesse Ankers würdigen. Vorwort: Matthias Brefin, Ururenkel von Anker. Nachwort: Kulturpublizist Konrad Tobler.

Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch www.werdverlag.ch

neutral Drucksache

ISBN 978-3-03818-295-5

WAS ANKER-BILDER ERZÄHLEN

WAS ANKER-BILDER ERZÄHLEN

WAS ANKER-BILDER ERZÄHLEN UELI TOBLER


WAS ANKER-BILDER ERZÄHLEN UELI TOBLER


INHALT VORWORT 4 MATTHIAS BREFIN, URURENKEL VON ALBERT ANKER

BILD UND WORT 6

WINTER Die Kinderkrippe 11 Knabe mit Reisigbündel (Wedele) 15 Die Armensuppe 19 Schulknabe mit Schiefertafel in Schneelandschaft 23 Die Andacht des Grossvaters 28 FRÜHLING Die Konfirmandinnen von Müntschemier 33 Turnstunde in Ins 38 Der Schulspaziergang 42 Die Ziviltrauung 47 Der Geometer 54 SOMMER Schlafender Bub im Heu 58 Mädchen, Hühner fütternd 62 Debora 67 Der Grossvater erzählt eine Geschichte 72 HERBST Die Länderkinder 77 Die Kartoffelernte 84 Neuer Wein und Nüsse 88 Der Zinstag 93 Hiob und seine Freunde 99 AUSBLICK 104

KLEINKINDERSCHULE AUF DER KIRCHENFELDBRÜCKE

DER ANDERE ANKER 107

NACHWORT VON KONRAD TOBLER

LITERATUR 109 DANK 110 AUTOR 111


VORWORT MATTHIAS BREFIN, ­URURENKEL VON ALBERT ANKER Gerne übernehme ich Ueli Toblers Anliegen, zu seinem Buch ein Vorwort zu schreiben. Als Ururenkel von Albert Anker und Verwalter des Anker-Hauses in Ins mit seinem Atelier und dem umfangreichen Nachlass freut es mich besonders, im vorliegenden Werk so viele persönliche Bezüge zu Albert Ankers Leben und Werk zu finden. Ueli Tobler war 40 Jahre Gemeindepfarrer in der seeländischen Kirchgemeinde Ins. Er lernte die urchigen Seeländer kennen und lieben. Er wollte ihnen nicht eine bestimmte Form des Glaubens aufzwingen, sondern sie in ihrer durch viele Kulturen geprägten Eigenart verstehen. Noch heute finden sich Zeugen der frühsten Siedlungszeit in Form von Megalithen an Kultstätten der Stein- und Bronzezeit. Spuren der Pfahlbauer, der Kelten, der Alemannen, Römer und Burgunder prägen die Landschaft und die Menschen, auch ihre Sprache. So soll der Dorfname Ins vom lateinischen «anestium» abstammen, was die Bezeichnung für eine Eselfarm war. Zur Zeit als Avenches eine blühende Römerstadt war, machte es Sinn, auf diesem sandigen Hügel oberhalb des grossen Mooses Esel als Transporttiere zu züchten. Diese Liebe und das Interesse am Leben der Mitmenschen verbinden Ueli Tobler und Albert Anker. Da werden gleich mehrere Gemeinsamkeiten mit dem Maler des seeländischen Lebens sichtbar: Beide haben Theologie studiert und waren Zofingerstudenten, beide haben tief in die Seele der Menschen geblickt und an ihrem Leben teilgenommen, beide sind mit dem Seeland tief verbunden, aber durch Aufenthalte im Ausland haben sie ihren Horizont erweitert, Anker vor allem in Paris, München, Wien und Berlin, Tobler in Israel, Korea, Japan, Rom und Boston (USA).

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Das Wort «Pfarrer» soll ja nicht vom lateinischen «pastor» abstammen, sondern vom griechischen «paroikos», was so viel bedeutet wie «einer, der mit den Menschen im Haus wohnt, ein Beisasse». Im Tessin und in Italien wird noch heute der reformierte Pfarrer «parroco» genannt, im Unterschied zum katholischen «prete». So wie Ueli Tobler als Seelsorger am Leben der Menschen in seinem Dorf und der Umgebung teilgenommen hat «von der Wiege bis zur Bahre», so hat Albert Anker Freud und Leid seiner Zeitgenossen mit Zeichenstift und Pinsel festgehalten. Seine Bilder erzählen Lebensgeschichten, und wer sie genau betrachtet, kann diese Geschichten nachempfinden, erzählen und so wieder zum Leben erwecken. Da wird nicht moralisiert, sondern erzählt. Freud und Leid der Bevölkerung prägen das Mitempfinden tief. Albert Anker hatte Erfolg zu Lebzeiten, wurde mehrfach ausgezeichnet im In- und Ausland, verdiente genug, um seiner Familie einen bürgerlichen Wohlstand zu erlauben. Gleichzeitig ging ihm aber auch das Elend der Menschen im Dorf ans Herz. Er organisierte die Armensuppe, eine Art Gassenküche, zur Zeit der Hungersnot, er war über 30 armen Kindern im Dorf Pate und konnte ihnen so das Nötigste zum Leben geben, ohne sie zu entmündigen. Und nicht selten schenkte er einem jungen Mädchen zur Hochzeit ein Porträt zum Dank, dass es ihm Modell gestanden hatte. Betrachten wir die Bilder genau, dann spüren wir, dass Anker die Menschen nicht nur fast fotografisch genau gemalt hat, sondern auch deren Schicksal, Nöte und Freuden gekannt und daran teilgenommen hat. Kürzlich meinte eine alte Bewohnerin eines Pflegeheims, wo ich einen Vortrag über Anker hielt: «Anker hat eben auch die Seele der Menschen malen können».


Genau dies versucht nun auch Ueli Tobler mit den vor­ liegenden Texten zu den Ankerbildern. Die Personen werden lebendig, sie reden zu uns, erzählen uns ihre Geschichten. Aus vielen überlieferten Briefen und Tagebucheinträgen wissen wir, dass der Inser Maler das auszudrücken versuchte, was den Menschen zum Menschen macht. Seine Figuren wirken zeitlos und doch tragen sie die äusseren Zeichen ihrer Zeit: Sie tragen meist einfache Kleider, oft von Hunger, Armut und Krankheit geprägte Gesichter; alte Menschen von der Mühsal des harten Lebens gezeichnet und gleichzeitig Würde, Ruhe und Achtsamkeit ausstrahlend. Ueli Tobler ist es nicht entgangen, dass Anker auch bei seinen grossen Vorbildern der Malerei gelernt hat. Besonders geschätzt hat er die klassischen italienischen Meister der Renaissance: Michelangelo, Leonardo Da Vinci, Raffael, Velasquez, Tizian, aber auch Rembrandt mit seiner geheimnisvollen Lichtführung. Diese Altmeister verewigten meist Adlige, reiche Menschen ihrer Zeit – Anker hingegen erhob die einfache Landbevölkerung zu ähnlicher Würde. Gelegentlich malte er im Auftrag aber auch prominente Zeitgenossen, konnte sie in ihrem Prunk, in edler Kleidung mit Symbolen der Macht und des Reichtums ausgestattet darstellen. «Wollen Sie Ihr Bild ähnlich oder hübsch?» soll er gelegentlich eitle Damen gefragt haben. Die Seeländer Bauernbevölkerung aber hat er vor allem echt dargestellt, so dass sie uns noch heute lebendig entgegentreten. Dies sichtbar zu machen ist ein grosses Verdienst von Ueli Tobler und ich wünsche ihm und seinem Buch viele begeisterte Leser und Leserinnen.

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BILD UND WORT Albert Anker lebte von 1831–1910. Mit seinem Heimatdorf Ins war er eng verbunden und verbrachte dort die meiste Zeit seines Lebens und Schaffens. Von 1976 bis 2016 arbeitete ich in Ankers Kirchgemeinde als Pfarrer.1 Dabei begegnete ich dem Maler immer wieder, sowohl in den schweizweit bekannt gewordenen Ausstellungen in Ins als auch bei Anlässen und Führungen im AlbertAnker-Haus. In meinen jungen Berufsjahren lernte ich noch Menschen kennen, die mir vom Maler Anker erzählten. Lidia Brefin-Urban, die Witwe von Ankers Urenkel Hans Brefin, schenkte mir wenige Tage vor ihrem Tod das Buch über Ankers Fayence-Malereien.2 Ihr Sohn Matthias Brefin, mein Berufskollege, hat mich zu diesem Buchprojekt ermutigt, mir viele Hinweise gegeben und das Vorwort geschrieben. Anker erwähnt im Brief vom 3. Oktober 1904 die Wahl von Pfarrer Schneider.3 Diesem Pfarrer begegnete ich nicht mehr persönlich, aber Anekdoten, die von ihm überliefert sind. Gesehen habe ich zahlreiche von seiner Hand geschriebene Konfirmationsurkunden, wirkte er doch bis 1931 in unserer Kirchgemeinde. 1982 erhielt ich nach einem Hochzeitsgottesdienst in der Kirche Ins das Buch von Robert Meister mit Briefen und Dokumenten von Albert Anker geschenkt.4 Die Braut hatte den Heimatort Ins und den Familiennamen Anker. Meisters Buch trug entscheidend dazu bei, dass für mich schon als junger Mann der Maler Anker nicht mehr altmodisch, sondern ein interes1 2 3 4 5

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santer «Gesprächspartner» für das Thema «Bild und Wort» war. Einen weiteren Bezug zu Anker entdeckte ich durch meine Studentenverbindung, die Zofingia. Anker war deren Mitglied als Student und Altherr.5 Zofinger war auch mein Grossvater, Walter Tobler. Er war als junger Medizinstudent einst zu einem Landstamm beim Maler Anker eingeladen.6

Zur Kirchgemeinde Ins gehören auch die Dörfer Brüttelen-Treiten-Müntschemier, für die ich als Dorfpfarrer zuständig war. Näheres zur Kirchgemeinde unter www.ref-kirche-ins.ch S. Literaturverzeichnis am Ende des Buches. Lidia Brefin war während Jahren «Hüterin» des Anker-Hauses. An Julia Hürner, Meister S. 174. S. Literaturverzeichnis am Ende des Buches. Dem «Mitgliederverzeichnis der Sektion Bern des Zofingervereins 1819–1904» ist zu entnehmen, dass mein Ururgrossvater Friedrich August Flückiger und Albert Ankers Bruder, der als Student verstorbene Rudolf Anker, im Jahr 1847 gemeinsam in der Zofingia Bern aktiv waren. Nach diesem Mitgliederverzeichnis war Anker von 1849–1854 aktiv in der Zofingia Bern. Walter Tobler, Prof. Dr. med., Kinderarzt (1888–1975). Erzählung meiner Grossmutter Johanna Tobler-Oesterle (1900–1992). Walter Tobler trug den Studentennamen «Helge» (Berndeutsch für «Bild»), was mit seinen Interessen für Kunst zusammenhing.


Selbstbildnis Ankers vom 15. September 1848, Original im Atelier des Ankerhauses. Deutlich sichtbar ist das rotweiss-rote Band der Zofingia.7 AN ANKER FASZINIEREN MICH DREI ­SPANNUNGSFELDER: n Die Spannung lokale Verankerung – Weltoffenheit. Anker «pendelte» viele Jahre zwischen der Weltstadt Paris und seinem Heimatdorf Ins. Den Winter verbrachte er in der Kulturhauptstadt, den Sommer in seiner Heimat. An beiden Orten fühlte er sich zuhause. Für damalige Verhältnisse war Anker ein weitgereister Mann. Er hatte in Halle und Paris studiert, reiste durch die Schweiz, Frankreich und Italien, war als Mitglied einer internationalen Kunstjury in Berlin und München.8 Seine Frau Anna war bis zur Heirat Erzieherin in der Schweiz, in Dänemark und Russland, unter anderem auch in Odessa am Schwarzen Meer. Sie liebte Neuenburg und Paris.9 n Die Spannung Stadt – Land. Im Anker-Haus in Ins wird das Spannungsfeld sichtbar. Die Zimmer sind städtisch-bürgerlich eingerichtet – in einem gut erhaltenen Bauernhaus aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts.

Die Spannung Tradition – Moderne. Meist wird Anker der Tradition zugeordnet. Sicher ist er tief in der Tradition verankert, er wirft aber den Anker auch im aufsteigenden Meer der Moderne aus. Anker hatte in Paris regen Kontakt zu den frühen Impressionisten. Es existiert ein berührender Briefwechsel zwischen Anker und Van Gogh.10 Die Nähe zur Moderne zeigt sich auch in Ankers Leben. Mit seiner Lebenshaltung und Lebensweise bringt er Modernes n

und Städtisches aufs Land; er nutzt die modernen Kommunikationsmittel Post und Eisenbahn. Anker setzt sich ein für die Bildung, gerade auch der Mädchen. Er rühmt das Schreiben mit der Schreibmaschine und interessiert sich für die Fotografie.11 Alle drei Spannungsfelder bestimmen heute unser Leben. Wie hat Anker damit gelebt? Wie spiegeln sich diese Spannungen in seinen Bildern wider? Was sagen sie uns heute? DIESE DREI SPANNUNGSFELDER ­ FINDEN SICH AUCH IN MEINEM LEBEN UND ­ERLEBEN: n Mit meiner Frau Elisabeth bin ich von Boston (USA) nach Müntschemier gezogen. So steht es in unserer Nieder­lassungsbewilligung von 1976. n Aufgewachsen bin ich in der Stadt Bern, lebe und arbeite aber seit über 40 Jahren auf dem Land. Meine Frau kommt aus einer Bauernfamilie in Meikirch und hat als Pfarrerin 25 Jahre in der Stadt Biel gearbeitet.

Vor einem halben Jahrhundert waren die drei Dörfer Brüttelen, Treiten und Müntschemier, deren Seelsorger ich war, Bauerndörfer, geprägt von Landwirtschaft, Gemüsebau und Gewerbe. Auch Ins war noch ein Bauerndorf. Die heutige Vernetzung mit Computern, Internet und Mobiltelefonie war damals unvorstellbar. Aus Müntschemier ist inzwischen ein Pendlerdorf geworden, das soeben einen grossen neuen Bahnhof bekommen hat. n

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Das genaue Datum ist auffällig: 15. September 1848. Anker ist aber erst 1849, mit Beginn seines Studiums, in die Zofingia eingetreten. Daher fehlt hier – im Gegensatz zu einem anderen Selbstporträt von 1853 – sein Studentenname «Vetter». Eine mögliche Erklärung des Autors: Hier trägt der Gymnasiast das Zofingerband seines im Jahr zuvor verstorbenen Bruders Rudolf. Am 14. September 1848, also am Tag zuvor, hat der Bundeskanzler des neuen schweizerischen Bundesstaates die neue Bundesverfassung unterzeichnet. Für diesen Bundesstaat hatte sich der Zofingerverein seit seiner Gründung 1819 eingesetzt. 8 Meister S. 140 9 Meister S. 54 10 Hinweis von Matthias Brefin. 11 Meister S. 177f. Korrespondenz mit dem Fotografen Morgenthaler-Luz, Bern.

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Albert Anker studierte 1851–1854 Theologie, bevor er sich zum Maler ausbilden liess. Die Beziehung zur Theologie und zur Kirche gab er nie auf. Auf den ersten Blick hat Anker aber wenige religiöse Themen bearbeitet. Im Laufe der Jahre habe ich in Ankers Bildern jedoch sehr wohl des Malers christlich-reformierte Haltung entdeckt. Meiner Meinung nach wird diese Haltung meist über­ sehen, auch weil sie sehr zurückhaltend und diskret zum Ausdruck kommt. Dies wiederum würde ich als typisch reformiert bezeichnen.12 Während der Arbeit an diesem Buch erlebte ich die Nähe Ankers zur Bibel in einem Traum: Ich las im Neuen Testament und entdeckte zu meinem Erstaunen in einem Gleichnis Jesu den Namen «Moosbur Henriette», in der alten deutschen Schrift und unmissverständlich. Moosbur Henriette war eine Inserin, die Anker verschiedentlich und gerne malte.13 Von ihr sagte er: «Die muss man hingegen respektieren. Sie versteht es, ihr Kreuz zu tragen. An ihr könnte manch eine ein Beispiel nehmen …»14 2010 wurde des 100. Todesjahres von Albert Anker gedacht. Das nahm ich zum Anlass für eine Predigtreihe mit Anker-Bildern.15 In jeder Predigt stand ein anderes Bild im Mittelpunkt. Als Bibeltexte wählte ich vor allem Verse aus dem Buch der Sprüche16, die mir besonders geeignet schienen, die religiöse Haltung des Malers zu würdigen. Anker war die Erziehung wichtig – genauso wie den Verfassern der Sprüche. Die Anker-Predigten stiessen auf grosses Echo. Darum habe ich mich schon lange mit dem Gedanken getragen, die

Predigten für ein Buch zu bearbeiten. Die Pensionierung macht es mir möglich. Ausdrücklich zu diesem Schritt ermutigt hat mich mein Bruder, der kirchenkritische Kulturpublizist Konrad Tobler, von dem das Nachwort stammt. Anker hat in erster Linie Menschen gemalt. Die Menschen sind sehr oft im Gespräch miteinander, tätig füreinander und eingebunden in eine Gemeinschaft. So bekommt das Wort einen wichtigen Platz, das mündliche und das geschriebene. Da sind zum Beispiel der erzählende Grossvater und der Bub, der aus dem Andachtsbuch vorliest.17 Mit dem Wort bekommt auch DAS WORT seinen Platz, erst recht dort, wo in der Bibel gelesen wird. Bei manchen Hausbesuchen habe ich mich gefragt: Wie kommt es, dass in hiesigen Stuben die Bilder (natürlich Reproduktionen) von Albert Anker dort hängen, wo in anderen Gegenden Bilder von Heiligen oder Ikonen ihren Platz haben? In den 1980er Jahren gab die Porzellanfabrik Langenthal eine Tellerserie unter dem Titel «Ankers Erbe» heraus. Die Teller wurden eifrig gesammelt.18 Es ist nicht die Art des Seeländers, seinen Glauben in goldenem Rahmen auszustellen. Anker war ein echter Seeländer. Ihm gelang etwas viel Schwierigeres: Seine Welt, seinen Alltag so darzustellen, dass ein Schimmer des Ewigen darauf fällt. Die Leinwand, die Anker bemalt, ist zweidimensional. Durch seine Kunst der Perspektive kommt die dritte Dimension dazu. Eine Stube oder Landschaft bekommen

12 Vgl. den Abschnitt «Warum keine religiösen Bilder?» bei Meister S. 100. 13 S. das Kapitel «Die Armensuppe». 14 Probst S. 31, übersetzt vom Verf. Der Originaltext im Inser Dialekt: «… Die muess me hingeege respäktiere. Die verstäit ihres Chrüz z troge. A dere chönnt no mängs es Exämpel neeh …» 15 Ich bin nicht der erste und einzige Zofinger und Theologe, der auf diese Idee gekommen ist. Vgl. Zofingergeist S. 190 die Predigt von Frank Jehle zur «Kleinkinderschule auf der Kirchenfeldbrücke». 16 Alle Bibelzitate nach der Neuen Zürcher Bibel 2007/05 17 Vgl. Artikel «Lesen und Vorlesen bei Albert Anker» von Gerrendina Gerber-Visser in «Ländliche Gesellschaft …» S. 51ff. Meister zählt, dass das Wort bei einem Zehntel von Ankers Ölbildern vertreten ist – in der einen oder anderen Form. Meister S. 90. 18 Eine solche Serie wurde mir von einer Sammlerin vermacht. Ein Beispiel: Teller mit dem «Schulspaziergang», datiert von 1987. Auf der Rückseite ist vermerkt: «… exklusiv von der Porzellanfabrik Langenthal, Schweiz, in einer auf 75 Brenntage begrenzten Auflage, herausgegeben. Die Serie steht unter dem Patronat des Kunstmuseums Neuchâtel und würdigt das künstlerische Vermächtnis des berühmten Schweizer Malers Albert Anker.» Inzwischen ist die Porzellanfabrik selber Geschichte.

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Weite, Tiefe und Höhe, als sei man selber mitten drin. Ankers Lebenseinstellung eröffnet eine vierte Dimension – die des Göttlichen, Heiligen. Und gerade dadurch heiligt er den Alltag, den er malt. Ab 1880 trug der Maler immer ein Büchlein bei sich, um mit Worten oder Zeichnungen Einfälle und Eindrücke zu notieren. Er nannte diese Büchlein, die er selber kunstvoll herstellte, «Carnets».19 Ich nehme Ankers Idee der Carnets auf und füge meine theologischen Einfälle und Gedanken unter der Überschrift «Carnet théologique» ein. Diese Formulierung ist eine Hommage an Ankers Vertrautheit mit der französischen Sprache und Kultur. Jedes Bild-Kapitel bildet eine in sich geschlossene Einheit, wie bei Anker Bild und Wort, Leben und Werk. Ankers Atelier im Dachstuhl des alten Bauernhauses war zugleich seine Studierstube, mit Schreibtisch und Bibliothek.20 Beim Blick ins Atelier werden die historische Situation, Angaben zu den porträtierten Personen und Besonderes zur Entstehungsgeschichte des Bildes beschrieben. Der Bild-Erzählung folgt ein Blick in die Studierstube Ankers. Der belesene Maler21 hat sich mit dem christlichen Glauben, der Geschichte und der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Situation seiner Zeit kritisch auseinandergesetzt. Zur persönlichen Bibliothek Ankers gehören ca. 1000 Bände in sieben Sprachen.22 Die Fussnoten sind zahlreich. Einerseits möchte ich belegen, von wo meine Informationen stammen. Andererseits dienen die Fussnoten dazu, auf weitere Zusammenhänge und Inhalte hinzuweisen, ohne den Fluss des Textes zu unterbrechen. Hier finden sich auch die Übersetzungen der zahlreichen berndeutschen Ausdrücke.

Postkarte mit Ankers Atelier, Schöne Welt S. 20

Mein Predigtprojekt stellte mich vor die Grundfrage: Wie gehe ich auf ein Bild ein? Wie nehme ich mich und die Hörerinnen und Hörer in das Bild hinein? Bei der ersten Predigt kamen der Pfarrer und der Schulbub mit Schiefertafel ins Gespräch. Die grundlegende Entdeckung war, dass die Figuren der Bilder selber reden. Davon erzählt dieses Buch. Vielleicht entstehen weitere Gespräche beim Lesen und Betrachten. Das wäre die schönste Wirkung dieser Arbeit. Auch mehr als hundert Jahre nach seiner Zeit werden Menschen von Ankers Bildern angesprochen. Seine Figuren sind archetypisch, urtümlich, zeitlos. Dieser vielseitige und weitgereiste, belesene und weltoffene, den Menschen zugewandte Maler bewirkt bei denen, die sich auf seine Bilder einlassen, eigene Bilder und spannende Gespräche. Sie laden ein zur Auseinandersetzung mit Bildern, Wörtern und Themen unserer Zeit.

19 Mindestens 30 sind erhalten. Meister S. 117. «carnet» franz. = Heft. 20 Die Atelier-Studierstube erhält ihr Licht durch Dachfenster. Hierzu hat Anker die Fenster des Musée du Louvre in Paris und deren Konstruktion genau aufgezeichnet; die Ausführung übergab er dann Inser Handwerkern. Die Fenster sind noch heute wasserdicht. Mitteilung von Matthias Brefin. 21 Im Brief vom 11.8.1903 an Julia Hürner schreibt Anker: «… la vie sans les lettres est la mort, sagt ein altes Sprichwort.» Meister S. 168. 22 Hinweis von Matthias Brefin.

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Während der Arbeit an diesem Buch erlässt der Bundesrat (und mit ihm Regierungen weltweit) einschneidende Bestimmungen wegen der Corona-Pandemie. Das kulturelle und soziale Leben verändert sich radikal und kommt wochenlang zum Erliegen.23 Die Gespräche mit Meister Anker und seinen Figuren nehmen mich hinein in ein spannendes und anregendes, von Mitmenschlichkeit geprägtes Geschehen. Das kulturell-soziale Leben ist nicht zu Ende, es geht weiter, auch in schwierigen Zeiten. Möge diese Erfahrung der Betrachterin und dem Leser dieses Buches beschieden sein.

23 Interessant in diesem Zusammenhang der Brief Ankers an Julia Hürner vom 24.2.1898: «In unserer Nähe war Diphteritis unter den Kindern, in Kerzers, so dass man Schulen schliessen musste …» Meister S. 140.

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WINTER DIE KINDERKRIPPE I24 1890

Wie das Wasser ein Spiegel ist für das Gesicht, so ist das Herz ein Spiegel für den Menschen. Sprüche 27,19

24 Anker malt 1894 ein zweites Bild der Kinderkrippe. Schöne Welt S. 165.

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BLICK IN DAS ATELIER Über Tage hinweg arbeitet Anker in der Kinderkrippe am Gerberngraben in Bern. Dazu verwendet er ein eigenes Skizzenheft.25

Entwurf zur Kinderkrippe, Dez. 1889

In Ins findet Anker weitere Modelle für das Bild. Das rothaarige Mädchen ganz vorn ist seine Enkelin, Elisabeth Oser.26 Dazu bemerkt er gegenüber seinem Freund Ehrmann: «Immer habe ich eine Menge kleinere Kinder­ modelle vor mir. Ihre Gegenwart ergötzt mich.»27 Die Diakonissin ist «ds Niggi Eliis».28 Der Bibelspruch spricht vom Spiegel. Ein Blick in den Spiegel sagt mir viel über mein Gesicht. Gefreutes und Ungefreutes. Er verfälscht nichts, zeigt, wie es ist.

ne Kleiderwahl zu treffen. Sie trägt ihre Tracht. Deshalb braucht auch sie keinen Spiegel. Umso grösser ist das Vergnügen für die Kinderschar und ihre Betreuerin, wenn ein Spaziergang am Brunnen oder einem Teich vorbeiführt. Da erblicken sie ihre Spiegel­ bilder. Können sie sich einen so grossen Spiegel vorstellen, dass sie einander alle zusammen sehen würden? Wie sähe das wohl aus?

Die Kinder auf dem Bild haben weder zu Hause noch in der Krippe einen Spiegel. Die Diakonissin, die sie betreut, trägt ihr Haar unter der Trachtenhaube. Sie hat kei25 26 27 28

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Kunstmuseum Solothurn S. 24 Art. «Das Ländliche in der Stadt» von Malinee Müller in «Ländliche Gesellschaft …», S. 113 Elisabeth Oser, 1888–1982, Kunstmalerin, a.a.O. Brief vom 6.7.1890, Meister S. 105. Friedli S. 384


Das Mädchen vorne links sieht im Spiegel seine roten, kurzgeschnittenen Haare, das Büblein, das seinen Mund aufsperrt für den grossen Suppenlöffel, seine blonden Haare und die blauen Augen, das Kind über dem dunklen Ärmel der Diakonisse nimmt schnell den Finger aus dem Mund. Denn der Spiegel verrät, wo der Finger nicht sein sollte, und das Tuch, das es umgebunden hat, erinnert an sein Zahnweh. Das Büblein neben ihm reibt sich den Schlaf aus den Augen.

Ihre Liebe gilt den Kindern, die ihr anvertraut sind. 13 Kinder hat sie, noch mehr als viele Mütter ihrer Zeit.

Geschickt löffelt das Mädchen mit der linken Hand.29 «Willst du nicht die schöne Hand nehmen?», fragt sein Nachbar. Es lässt sich nicht beirren.

An der Wand hängen Bilder, von denen nur der unterste Teil sichtbar ist. Der Maler leitet uns zur Augenhöhe der Kinder. Das Bild links deutet ein biblisches Motiv an: Jesus lässt die Kinder zu sich kommen und segnet sie.31

Die Diakonissin sieht verlegen ihr schönes jugendliches Gesicht. Doch sie ist unter der Haube30 und braucht keinem jungen Mann zu gefallen.

Wie Brunnen und Teiche Spiegel sind für das Gesicht, so ist das Herz ein Spiegel für den Menschen. Darin spiegelt sich der Mensch mit seinem Charakter, seinen Stärken und seinen Schwächen. Der Herzensspiegel ist genauso unbestechlich wie das Wasser, indem er zeigt, wer dieser Mensch ist.

Diese Erzählung aus dem Evangelium gibt den Diakonissen ihren Auftrag. Auch sie sollen den Kindern Gottes Segen reichen. Dieser Segen ist ganz konkret, besteht er doch aus Suppe und Zuwendung, Nahrung für den Leib und für die Seele.

29 Linkshänder sind in Minderheit. Anker gibt ihnen hier – sicher bewusst – einen Platz. Oft wurden sie früher zur Rechtshändigkeit gezwungen. Aus der Linkshändigkeit sind auch Übernamen (Spitznamen) entstanden wie «Lingg» (= Links). 30 Dazu erzählt Matthias Brefin: Die Haube, die ds Niggi Eliis als Modell tragen soll, hat Flecken. Das stört den Maler. Kurzerhand verfertigt er eine Haube aus Papier. Die ist zwar blütenweiss, aber steifer als die aus Stoff, was auf dem Bild zu sehen ist. 31 Matthäus 19,13–15 / Markus 10,13–16 / Lukas 18,15–17

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CARNET THÉLOGIQUE Eine weihnächtliche Überlegung: Auf Augenhöhe der Kinder und damit von unten das Leben ansehen – das tut Gott an Weihnachten. Er nimmt das Leben und die Welt aus der Perspektive des Menschenkindes wahr. Das Evangelium erzählt, wie Gott Mensch wird und das Jesuskind aus Not in einer Futterkrippe liegt.32 Die Diakonissen, welche die Kinderkrippe führen, sehen ihre Aufgabe und Berufung klar: Das zu tun, was dem Willen und Wesen Gottes entspricht. Darum gilt ihre Zuwendung den Kleinen, Ohnmächtigen, Hilflosen. Die Fürsorge für die Kinder, die sich selber überlassen sind, steht an erster Stelle. Wie das Wasser ein Spiegel ist für das Gesicht, so ist das Herz ein Spiegel für den Menschen. Dem füge ich bei: … das Kind in der Krippe spiegelt Gottes Menschlichkeit. Die Krippe mit dem Jesuskind, den Hirten und Königen und die Kinderkrippe, die Anker gemalt hat, sind je ein Spiegel für Gott – diese sehr verschiedenen Krippen spiegeln Gottes Herz.

Anker kennt die wirtschaftspolitischen Zusammenhänge: Viele Bauern und Handwerker mit kleinen Betrieben haben ihre Höfe aufgegeben und sind in die Stadt gezogen. Billige Importprodukte aus den USA und England haben die Preise ihrer Produkte vernichtet. In der Stadt hoffen sie auf Arbeit in den Fabriken, wie sie nach der Erfindung der elektrischen Maschinen neu entstehen. Die Löhne sind tief, die Frauen müssen mitverdienen. Die Grosseltern, die zuhause auf dem Land die Kinder gehütet haben, sind nicht mitgezogen, die älteren Geschwister müssen selber arbeiten gehen. Die Arbeitszeiten sind lang, 12, 14, 16 Stunden am Tag. Frei ist nur der Sonntag; da sind die Arbeiterinnen und Arbeiter so erschöpft, dass sie sich nicht noch um die Kleinen kümmern. Die kleinen und kleinsten Kinder bleiben sich selber überlassen33. Um dieser Not zu wehren, haben die Diakonissen 1876 die Kinderkrippe gegründet und deren Leitung übernommen. Die Kinder bekommen zu essen, sind betreut und werden vor Verwahrlosung bewahrt. Dezent hält Anker der Gesellschaft seiner Zeit einen Spiegel vor. Mehr noch. Er zeigt den Ausweg: wo Kinder Zuwendung, Nahrung, Aufsicht und Nähe bekommen.

Anker hat kein Weihnachtsbild gemalt, dennoch weist seine Kinderkrippe auf die Weihnachtsgeschichte hin. BLICK IN DIE STUDIERSTUBE Mit dem Bild der Kinderkrippe nimmt Anker ein soziales Problem seiner Zeit auf. Von Paris her kennt er Kinderkrippen und Gassenküchen. Als Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission und als Stiftungsrat der Gottfried-Keller-Stiftung reist Anker oft nach Bern und Zürich und sieht die Notwendigkeit der neuen sozialen Einrichtungen in den schnell wachsenden Städten. Für die Kinderkrippe im Gerberngraben setzt er sich persönlich ein. An ihrem Standort befindet sich heute wohl das Casinoparking. 32 Nach dem Weihnachtsevangelium Lukas 2,1–20. 33 Art. «Das Ländliche in der Stadt» von Malinee Müller in «Ländliche Gesellschaft …», S. 109ff.

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KNABE MIT REISIGBÜNDEL («WEDELE») 1872

Unser tägliches Brot gib uns heute … Matth 6,11

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BLICK INS ATELIER Mit diesem Bild widmet sich Anker dem Thema «Energie». Ein Kind trägt eine mächtige Wedele auf seiner Schulter. Die Wedele besteht aus unzähligen, einigermassen zurechtgeschnittenen Zweigen und Ästen. Holz ist in der Schweiz im 19. Jahrhundert die Energiequelle. Holz wird durch das Wachstum der Bevölkerung rar, ist im Seeland noch rarer, denn das Grosse Moos ist arm an Wald. Jede Hecke und jedes Gebüsch ist als potentieller Holzspender von Bedeutung. Der Bub trägt daher einen kostbaren Schatz auf seiner Schulter. Man sieht es dem Bubengesicht an: Es ist stolz und zufrieden. Weise ältere Menschen habe ich sagen hören: «Holz gibt zweimal warm: beim Holzen und beim Heizen.» Es ist Winter. Ich trete hinaus in die Schneelandschaft. Da kommst du mir entgegen, Bub, mit einer Wedele fast so gross wie du. Fest hältst du sie mit beiden Händen. Tut dir die Schulter nicht weh? Und deine nackten Hände? Erträgst du die Kälte ohne Handschuhe? Du könntest ausrutschen mit deiner schweren Last, könntest hinfallen. Deine Füsse müssen nass und eiskalt sein – oder merkst du das im Eifer gar nicht?

Woher kommst du mit deiner Last? Hast du noch weit zu gehen? Was geht dir beim Gehen durch den Kopf? Ich wüsste es gern. Sag es mir! Was für ein Glück. Du antwortest! «Eigentlich trage ich Brot auf meiner Schulter – wenn ich denke, es sei Brot, das meine Hände festhalten, dann habe ich nicht kalt und die Äste tun mir nicht weh.» Brot? Bub, Brot meinst du? «Ja, Brot. Diese Wedele, die mein Grossvater gemacht hat, bringe ich zum Ofenhaus. Mein Grossvater hat noch mehr Wedelen gemacht, ich hole eine um die andere. Mit den Wedelen heizt der Vater den Ofen ein. Wenn der Ofen heiss ist, schiebt er auf einem kleinen Brett mit einem langen, langen Stiel den Teig, den die Mutter gemacht hat, in den Ofen und schliesst ihn. So wird das Brot gebacken. Auf den Mittag kommt die ganze Familie ins Ofenhaus. Es gibt Härdöpfelkuchen34, den wir sofort essen dürfen. Auf den freue ich mich besonders. Die Brote legen wir in die Vorratskammer und essen sie dann, eins ums andere, wenn wir zusammen um den Tisch sitzen. Ohne das Brot hätten wir alle Hunger, ohne Brot hätte ich keine Kraft, die Wedele zu tragen. Wenn die Wedelen liegen blieben, da wo der Grossvater gwedelet35 hat, dann würde die Mutter vergebens Teig kneten …» Erstaunlich, was der Bub zu sagen weiss. Man sieht seinem Gesicht an, dass er nicht nur im Tragen stark ist, sondern auch im Denken.

Hat dir das schwere Tragen die Knöpfe deiner Jacke aufgesprengt? Oder hast du gar keine Knöpfe mehr? Spürst du nicht den kalten Wind am Bauch?

Inzwischen ist er vor dem Ofenhaus angekommen. Er lädt seine Last ab und verschnauft. Bub, bevor du die nächste Wedele holst ... Mir ist einiges in den Sinn gekommen. Du bist ein gewitzter Kerl, sag: Ein paar leichte Äste wären leichter zu tragen. Warum so grosse Wedelen?

34 Kartoffelkuchen. Eine Seeländer, speziell eine Müntschemierer Spezialität, die noch heute gebacken wird. Vgl. Seeländer Küche S. 95. 35 gwedelet von Wedelen, (Reiswellen) machen

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«Weil ein Ast noch kein Feuer gibt. Dazu braucht es viele Äste. Nicht eine Wedele, sondern ein paar Wedelen.» Ja, ich sehe das. Kann ich dir etwas zeigen? Schau, da ist mein Carnet. Da hinein schreibe ich. CARNET THÉOLOGIQUE I Wie mit der Wedele, so ist es auch mit dem Glauben. Der Glaube eines einzelnen Menschen ist von grossem Wert. Aber daraus gibt es noch kein Feuer, das eine ganze Gemeinde wärmt. Der Glaube von vielen gebündelt gibt eine Glaubenswedele; viele solcher Wedelen geben ein Feuer, das der kalten Welt Wärme gibt. Und noch eine weihnächtliche Notiz: «Beth-lehem», der Ort, wo Jesus geboren wird, heisst auf Deutsch übersetzt «Haus des Brotes». «Mmm», meint der Bub. «Ein einzelner Ast – das wäre dumm. Eine ganze Wedele ist schon gescheiter. Ein paar Wedelen sind ganz gescheit und geben Brot.» Ich habe noch etwas: Die Äste für die Wedelen muss dein Grossvater zerschneiden oder zersägen. Der Bub nickt: «Zu lange Wedelen könnte ich nicht tragen, und in den Ofen gingen sie auch nicht.» Du bringst mich auf eine Idee. Schon wieder habe ich etwas in mein Carnet zu schreiben: CARNET THÉOLOGIQUE II Nicht alles auf einmal! Unser tägliches Brot gib uns heute … nicht die Jahresmenge! Und: Die Äste der Hoffnung und der Wünsche müssen zurechtgeschnitten werden, damit sie in den Ofen des Lebens passen.

Der Bub muss an seine Arbeit zurück. Im Ofenhaus bekommt er Härdöpfelkuchen. Auch seine Seele bekommt Nahrung. Er lernt das Feuer der Gemeinschaft kennen, bei der gemeinsamen Arbeit, zuhause und im Ofenhaus. Im Laufe seines Lebens wird der Bub noch viel schwerere Lasten tragen als die Wedele. Viele Lebenslasten stechen und drücken weit mehr. Aber er weiss dann aus Erfahrung: «Diese Lasten sind für etwas gut, so wie die Wedelen für das Brot.» Aus dem Buben mit der Wedele wird ein junger Mann, aus dem jungen Mann ein Familienvater, aus dem Familienvater ein Grossvater. Und diesen Grossvater frage ich, wie ich vor vielen Jahren den Buben gefragt habe: Was trägst du? Auch der Grossvater gibt eine unerwartete Antwort. Denn aus dem jungen ist ein alter Schlaumeier geworden: «Ich trage das Wort.» Das Wort? «Ja. Ein Wort kann drücken und stechen wie eine Wedele. Ein Wort kann hart sein wie Wedelenholz: hart zu ver­ stehen. Auch Bibelworte können solche Worte sein.» Aber gerade hartes Holz gibt gutes Feuer! «Ja», sagt der Grossvater36, «so meine ich es. Worte können das Herz wärmen, wie eine Wedele den Ofen. Bibelworte vermögen das. Darum kann ich Worte küstigen37 wie einen Bitz38 frisches Brot.»

36 Um einen möglichen Irrtum auszuschliessen: Das Modell des Bibellesers ist nicht der Wedele-Bub im Alter. 37 kosten 38 Stück

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Was für ein weiter Weg, den der Bub mit seiner Wedele gegangen ist! Hier noch das Kind – da der Grossvater.

Ofenhäuser sind für die Seeländer Dörfer noch heute charakteristisch. Der Verein Ofenhausfreunde Seeland setzt sich für die Erhaltung dieses Kulturgutes ein.42 In der Kirchgemeinde Ins sind zahlreiche Ofenhäuser noch in Betrieb: sieben in Ins, zwei in Brüttelen und eines in Müntschemier. Sie werden regelmässig von Familien oder Vereinen genutzt. In Brüttelen hat sich um das Ofenhaus an der Hünigengasse das jährliche Pizza-Gassen-Fest entwickelt. Noch heute werden Wedelen gebraucht. Wer weiss? Vielleicht begegne ich beim nächsten Spaziergang durchs Dorf dem Buben, der eine grosse Wedele trägt.

Der Bibelleser, 1908

BLICK IN DAS OFENHAUS Diesmal nicht in die Studierstube von Anker. Dort steht zwar ein Ofen, aber der Zugang führt über eine schmale Treppe mit niederer Decke, dass man keine so grosse Wedele hinauftragen könnte. In Ins hat jeder Dorfteil sein Ofenhaus. Bestimmt guckt Anker des Öftern in die Ofenhäuser, sobald von dort Rauch aufsteigt und darin gearbeitet wird. Aber im Ofenhaus ist es eng und das Hantieren mit dem Glutkratzer39, dem Ofewüsch40 und dem Schüssel41 mit ihren langen Stilen erträgt keine Zuschauer hinter dem Ofenloch.

39 40 41 42

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Ofenkrücke, Die Ofenhäuser, S. 174. Ofen-Wischer, a.a.O. Brotschaufel zum «Einschiessen» des Brotes. a.a.O. Vgl. das Buch «Die Ofenhäuser …». Besonders engagiert für die Ofenhäuser und das Buch haben sich Vreni (+2010) und Klaus Weber-Geiser.


DIE ARMENSUPPE II43 1893

Ein Satter tritt Honigseim mit Füssen, einem Hungrigen aber schmeckt alles Bittere süss. Wer einem Armen gibt, hat keinen Mangel, aber viele Flüche treffen den, der seine Augen verschliesst. Sprüche 27,7 und 28,27

43 Bild Armensuppe I, 1859. Schöne Welt S. 22.

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BLICK INS ATELIER Anker hat kein Abendmahlsbild gemalt – mit Ausnahme einer Rembrandt-Kopie zu Studienzwecken. Dabei fasziniert ihn auch, wie die alten Meister ihre Figuren «ins Licht stellen». Das setzt Anker hier bei der Armensuppe selber um. Aus dem kaum wahrnehmbaren Seitenfenster fällt Licht auf den heissen Dampf des Herdes, der so, vom Licht erhellt, zum optischen und inhaltlichen Zentrum des Bildes wird. Kompositionsstudie zu Armensuppe II, 1893.

Christus und die Jünger in Emmaus, Kopie nach Rembrandt, 1857

Als regelmässiger Gottesdienstbesucher kennt Anker das Abendmahl; auch er empfängt es am Tisch, der seit 400 Jahren in der Kirche steht. Anker trinkt aus dem Becher, der seit 250 Jahren in Gebrauch ist. Er ist vertraut mit den biblischen Texten, in denen das Reich Gottes mit einem grossen Gastmahl verglichen wird.44 Im Gottesreich soll niemand hungern, es werden alle satt. Es ist die schöne und schwierige Aufgabe des Christen, hier auf Erden mit klaren und deutlichen Zeichen auf Gottes Reich hinzuweisen. Anker tut das mit der Armensuppe. Möglich, dass er selbst in der Schulkommission die Anregung dazu gegeben hat.45 Oft kommt Anker in die Suppenküche zu Besuch, beobachtet, skizziert, unterhält sich mit Kindern und Erwachsenen und kostet von der Suppe. Denn gut und nahrhaft soll sie sein. 44 Lukas 14,15–24 / Matthäus 22,1–10 45 «Die Armensuppe zu Ins im Hungerjahr 1893» bei Probst S. 39ff. 46 Probst S. 46

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Zwei Kinder betreten die Küche. Die Freude, dass es zu essen gibt und sie den Hunger stillen können, ist dem Knaben ins Gesicht gezeichnet. Das Evangelium – die gute Nachricht – heisst für die Kinder «Suppe» und «satt werden». Rechts der zwei Kinder steht ein Mädchen. Es blickt andächtig auf den dampfenden Suppentopf, als wenn der Herd ein Altar wäre, von dem Weihrauch emporsteigt. Hier besteht der Weihrauch aus Suppendampf. Zur Linken steht der alte Mann mit der Pelerine, der «Grasermathys».46 Den Stecken hat er aus der Hand gelegt und wärmt die Hände am Herd.


Der Duft der Suppe und das fröhliche Geplauder der Kinder erfüllen den Raum. Darein mischen sich dunkle Männerstimmen und die klare Stimme einer Frau: «Ich bin die Rosina Katharina, jung und schon verwitwet. Mein Mann und ich haben im Welschen gelebt. Nun versuche ich hier in meinem Heimatdorf wieder Fuss zu fassen. Ich bin dankbar für die Aufgabe als Suppenköchin. So habe ich selber zu essen und kann anderen Armen zu essen geben. Den Kindern gebe ich die Postordnung durch. Nur so kommt jedes zu seiner Sache.» «Ich bin Gaschen-Nachtwächters Xanderli.47 Der Maler sagt im Gspass48 Herr Verwalter zu mir, weil ich für ihn Kommissionen machen darf. Jetzt hole ich Suppe für meine Familie. Hoffentlich gibt es genug, dann werden wir alle satt.»

47 48 49 50 51 52 53

«Ich bin die Moosbur Henriette. Mein Leben war bewegt und ist es noch. Ich kam in Marseille zur Welt. Früh starb meine Mutter. Der Vater verfiel dem Alkohol, verlor die Stelle und zog mit mir nach Ins zurück. In einer lottrigen Strohhütte im Moos fanden wir Unterschlupf. So wurden wir Moosburs. Zum Vater schaute ich bis zu seinem Tod. Dann führte ich einem Wittlig49 die Haushaltung und schaute zu seinen fünf Kindern. Auch auf Maler Ankers Rat heiratete ich ihn. Tag und Nacht habe ich gwärchet50 als Bäuerin und Wäscherin. Leider ist mein Mann immer mehr dem Alkohol verfallen – wie einst mein Vater. Man sagt meinem Mann Mohlhans der Schnapser. Er weiss immer etwas zu erzählen, ist ein guter Unterhalter, die Leute haben ihn gern. Aber davon können wir nicht leben. Selbst in guten Jahren reicht es nicht für mehr als ein paar Gschwellti51 und etwas Geissenmilch mit dünnem Schiggoree52-Kaffee. Mi muess äim halt i mängs chönne schicke uf üser Wält un gäng alls neh, wis chunnt; es gäit jo uf di schtrübschti Nacht gäng ume nes Liechtli uf.»53 Nicht zu sehen ist das Herdfeuer auf Ankers Bild. Unsichtbar ist auch ein Feuer, das einen Brand verursacht. Der Gemeindepräsident muss von Amtes wegen die Armensuppe besuchen. Er tut es mehr als einmal und verliebt sich in die junge, tüchtige Witfrau, sie sich in ihn. Darauf verlässt der Gemeindepräsident seine Familie, lässt sich scheiden, gibt sein Amt auf und zieht mit der schönen jungen Frau weg.

Probst S. 46, Gaschen ist ein noch heute existierender Familienname in Ins. Vgl. auch «Gaschefritzli» im Kapitel «Die Andacht des Grossvaters». Scherz Witwer gearbeitet Pellkartoffeln Zichorien a.a.O. S. 28ff. Zitat im alten Eisser (Inser) Dialekt S. 31. «Man muss sich in manches schicken auf unserer Welt und immer alles so nehmen, wie es kommt; es geht ja nach der schlimmsten Nacht immer wieder ein Lichtlein auf.» Übersetzung des Autors.

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CARNET THÉOLOGIQUE Arme Menschen – Frauen, Männer, Kinder – kommen für Suppe. Über dem Ganzen liegt eine grosse Würde. Eine hohe Achtung vor dem täglichen Brot ist spürbar. In einer solchen Würde sitzt Jesus mit seinen Jüngern am Tisch, bricht das Brot und reicht den Kelch. Schmerz, Trennung, Leid und der drohende Verrat des Judas durchdringen die Gemeinschaft. Auch die Armensuppe von Ins enthält die widersprüchlichen Elemente der Gemeinschaft, die Segnungen und das verzehrende Feuer. Wie ein Hirt steht der alte Mann vor der Herde. Ein biblisches Motiv? Ist Christus selber gegenwärtig? BLICK IN DIE STUDIERSTUBE Das Jahr 1893 ist ein Hungerjahr im Seeland.54 In einer einzigen kalten Eisheiligen-Nacht erfrieren alle Reben, die Blüten fallen zu Boden, der Frost zersprengt das Rebholz, das bereits voller Saft ist. Das Elend trifft alle, ist der Weinbau zu dieser Zeit doch die Haupteinnahmequelle der meisten Inser Familien. Von April bis August fällt kein Tropfen Regen. Es mangelt an Gras und Heu, Brände rauben im Moos die letzten Grashalme, Stück um Stück wird das Vieh notgeschlachtet. Für die Kinder gibt es keine Milch, für niemanden mehr Gemüse. Die Dorfbäche sind versiegt. Die Not wird so gross, dass der Gemeinderat beschliesst, eine Suppenküche einzurichten und eine Armensuppe auszuschenken. Die Suppe besteht vor allem aus Markknochen, welche die Metzger von den notgeschlachteten Kühen spenden. Not bereitet dem Maler auch das Gemälde mit seinem grossen Format und den vielen Figuren. Leicht resigniert bezeichnet er es als «vieux jeu»55.

54 Vgl. Probst S. 39ff. 55 «Altes Zeug», Meister S. 130.

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SCHULKNABE MIT SCHIEFERTAFEL IN SCHNEELANDSCHAFT 1875

Erwirb Weisheit, erwirb Verstand; vergiss sie nicht und weiche nicht ab von den Worten meines Mundes. Verlasse sie nicht, und sie wird dich beschützen, liebe sie, und sie wird dich behüten. Sprüche 4,4–5

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BLICK INS ATELIER Mit grosser Selbstverständlichkeit geht der Maler Anker im Schulhaus Ins ein und aus. Viele Jahre gehört er der Schulkommission an, ist zeitweise auch deren Sekretär. Vor allem aber findet er im Schulhaus Kinder, die er gerne porträtiert. Er versteht es, mit den Kindern zu reden. Ein schönes Beispiel ist Fritz Probst. Dieser erzählt, wie ihn der Maler am ersten Schultag aus dem Karzer befreit habe, wo er, aus Angst vor der Lehrerin, brüllend eingesperrt war. Aus dieser Befreiung sind in der Folgezeit viele Kinderporträts und eine gute Beziehung von Fritz Probst zur Lehrerin Stähli und zum Maler Anker geworden.56 Eine ähnliche Geschichte könnte ich mir über diesen Buben vorstellen. Anker malt Schulbuben und Schulmädchen. Hier ein Mädchen, das sehr konzentriert bei der Sache ist. Wenn der Bub dagegen seine Aufgaben macht, bin ich mir weniger sicher …

Lieber Bub, so wie der Maler Anker mit dir redet, während er dich malt, so möchte ich auch mit dir reden. Etwas verloren stehst du in dieser Winterlandschaft. Hinter dir ein Bauernhaus, dessen Dach mit Schnee bedeckt ist.57 Kommst du direkt von der Schule? Oder bist du auf dem Weg in die Schule? Was fängst du an mit der Ermahnung Erwirb Weisheit, erwirb Verstand? Drückt sie dich? Hemmt sie dich, den Schulweg unter die Füsse zu nehmen? Oder nach Hause zu gehen und die Schiefertafel mit den Hausaufgaben zu füllen?

Deine Hände stecken in den Hosentaschen. So kannst du sie vor der Kälte schützen. Handschuhe hast du keine oder hast sie zu Hause vergessen. Deine Jacke ist etwas knapp. Du hast sie schon letzten Winter getragen und bist im Sommer tüchtig gewachsen. Schreibendes Mädchen

56 Probst S. 19–21 57 Es handelt sich um das Albert-Anker-Haus. Hinweis von Matthias Brefin.

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Dein Gilet58 trägst du wie ein Grosser, ein Knopf ist zugeknöpft. Fehlen die anderen? Oder hast du dir die Zeit zum Zuknöpfen nicht genommen? Zerrissen ist deine Jacke auch, der rechte Ärmel bräuchte dringend Nadel und Faden. Um den Hals trägst du ein wollenes Halstuch. Das gibt dir warm, warm gibt auch die Kappe auf dem Kopf. Etwas schräg hast du sie aufgesetzt – keck! Unter dem rechten Arm stecken die Schiefertafel und ein Schulbuch. Unbeschrieben ist sie noch, die Schiefertafel. Sie wartet auf deine Hand. Hast du auch den Griffel bei dir? Mitgenommen sieht dein Schulbuch aus. Andere Schulkinder vor dir haben darin gelesen. Nicht immer mit Freude, man sieht es dem Buch an. Liest du gerne? Was liest du im Buch des Lebens? Träumst du von deiner Zukunft? Möchtest du ein Schneider werden, der solche Jacken selber schneidern und nähen kann? Oder ein Fuhrmann mit starken Pferden? Oder ein Mann bei der Eisenbahn, wie sie seit elf Jahren von Bern nach Biel fährt?

Was träumen Kinder, die gerne zur Schule gehen würden und nicht können? Dorfkinder in Afrika? Strassenkinder in Lateinamerika? Träumen sie von einem Buch, einer Schiefertafel und einem Schulzimmer, von einem Pult und einer Bank mit genug Platz? Lieber Bub, Etwas verloren stehst du in der Landschaft – was denkst du? Träumst du von deiner Zukunft? Oder fürchtest du sie? Das Rüstzeug für deine Zukunft hältst du fest eingeklemmt unter deinem Arm: Das Buch, mit dem du lernen und eine Schiefertafel, wo du deine Geschichte darauf schreiben kannst. Treuherzig und offen stehst du da, auch ein wenig abwesend. Bist du müde? Hast du kalt? Fürchtest du dich? Ich möchte dich schützen, dich an der Hand nehmen, dir helfen, dich leiten, damit du die Zukunft, von der du träumst, auch erleben wirst. Pass auf, ich flüstere dir etwas ins Ohr: Erwirb Weisheit, erwirb Verstand; vergiss sie nicht und weiche nicht ab von den Worten meines Mundes. Wenn du tüchtig lernst, kannst du es zu etwas bringen. Lass dich nicht davon abhalten, wenn andere dich darum einen Streber nennen. Nimm die Hände aus dem Hosen­ sack, setze deine Beine in Bewegung. Geh Richtung Schule, geh heim, du weisst schon, wohin. Du schüttelst den Kopf? Ich sag dir noch etwas: Verlasse die Weisheit nicht, und sie wird dich beschützen, liebe sie, und sie wird dich behüten.

58 Weste

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Schau, Bub, kein Mensch auf der Welt kann dich ganz und gar beschützen und behüten. Du gehst deinen eigenen Weg. Aber die Weisheit und das Wissen, das du dir erwirbst, werden dich beschützen, ob du einst als Schneider Jacken nähst, als Fuhrmann hoch auf dem Bock durchs Dorf fährst oder als Bahnarbeiter die Geleise kontrollierst. Und weisst du was? Während ich dir zurede, merke ich, wie sehr ich als Erwachsener immer wieder selbst ein Kind bin.

Ich danke dir, Bub, es stimmt. Du und ich, wir haben beide grosse Chancen. Du hast dein Buch und deine leere Schiefertafel. Ich habe mehr als ein Buch, ich habe viele Bücher, fast zu viele. Dazu kommen Ordner, das Internet, Radio, Fernsehen, Zeitungen … Für mich ist das gar nicht so einfach. Manchmal wäre ich froh, ich hätte ein einziges Buch wie du, dann könnte ich mich besser orientieren in der Flut der Informationen, die an mir vorbeirauschen. Jedes neue Jahr wäre eine leere Schiefertafel, eine leere Festplatte, unbeschrieben, offen.

Stell dir vor, wie es aussähe, wenn ich verloren in der Landschaft stünde, in dieser Landschaft, die heute viel seltener verschneit ist, die Hände in den Hosentaschen. Meine Jacke wäre mir zu eng – nicht, weil ich im Sommer gewachsen bin, sondern, weil ich in einer Jacke von Verpflichtungen stecke. Im Alter käme eine weitere zu enge Jacke dazu, die Bräschten59. Meine Jacken würden mich zwicken und zwacken. Es gäbe an ihnen einiges zu nähen und zu flicken.

Von wo kommt die Weisheit, die uns beschützt und behütet in unserer komplizierten Welt? Wer hilft dir? Wer hilft mir? Darf ich mit dir zusammen, voll Vertrauen, in die Zukunft blicken, weil wir von dieser Zukunft noch Wunder erwarten?

Stell dir vor, wie ich verloren in der Landschaft stünde, am Anfang des Jahres und mich fragte: Was wird dieses Jahr bringen? Noch ist es unbeschrieben, so wie deine Schiefertafel. Unter meinen Arm wäre auch ein Buch geklemmt, ein ziemlich altes zerlesenes Buch, das Buch meines Lebens.

CARNET THÉOLOGIQUE Ist es Weisheit, wenn ich versuche, mit Gottvertrauen und Gelassenheit in ein neues Jahr zu gehen? Wenn ich mir vornehme, nicht alles zu wollen, sondern dankbar zu empfangen, was Gott mir schickt? Ist das Weisheit, offen auf die Menschen zuzugehen, unverkrampft, sie anzu­nehmen, wie sie sind, mit ihren feinen und groben Fehlern, damit sie mich mit meinen kleinen und grossen Fehlern auch annehmen?

Was ist das? Während ich mit dir rede, höre ich plötzlich, wie du die Weisheits-Worte an mich zurückschickst: «Erwirb Weisheit, erwirb Verstand; vergiss sie nicht und weiche nicht ab von den Worten meines Mundes. Verlasse die Weisheit nicht, und sie wird dich beschützen, liebe sie, und sie wird dich behüten.»

59 Gebresten. Krankheiten, gesundheitliche Einschränkungen

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Wie du so dastehst, Bub, möchte ich dich am liebsten an der Hand nehmen. Oder ist es umgekehrt? Nimmst du mich an der Hand?


BLICK IN DIE STUDIERSTUBE Anker liegt an der Bildung der Mädchen genauso viel wie an der Bildung der Buben. Dokumente dafür sind die Aquarelle seiner Töchter:

Lesendes Mädchen (Marie Anker), 1886

Lesendes Mädchen (Cécile Anker), 1886

Dank des Lesens lässt sich reisen: in die Vergangenheit und hinaus in die weite Welt. Dabei wird die Vorstellungskraft geschult, indem Fantasie, Herz und Verstand eigene Bilder schaffen.

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DIE ANDACHT DES GROSSVATERS 1893

In der Furcht des HERRN liegt feste Zuversicht, es wird auch den Kindern eine Zuflucht sein. Sprüche 14,26

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BLICK INS ATELIER Zwei alte Bekannte sitzen Modell: Der lesende Bub, ein Klassenkamerad von Fritz Probst, ist der «Gaschefritzli». Der andere sitzt auch Modell als ehrwürdiger Greis bei der Ziviltrauung.60 Sein Vater ist der «Luft-Schueschter» gewesen, bezogen auf dessen Charakter als «Luftibus»61 und den Beruf des Schusters. Sein Sohn heisst entsprechend seinem Beruf «der Luft-Schlosser». Schon seit der ersten Begegnung ist der Maler fasziniert vom Gesicht des Luftschlossers – Fritz Probst ist Zeuge. Er hält Ankers Worte fest: «Eh nu loset, chömet Nomittag zu mier i ds Atelier. I teet ech geern zäichne, un de chäu mer no chläi brichte zsäme. Froget numen em Maler Anker no, es chan ech jedes Ching der Weeg zäige.»62 Wir lesen, hören und erkennen: Anker spricht nicht das vertraute Berndeutsch, sondern den alten Seeländer Dialekt, noch genauer den Äisser63 Dialekt. Ich habe diesen alten Dialekt noch im Ohr dank einer gebürtigen Inserin, der «Frouchiger Louise»64. Deren Grossmutter war die Frau, die sich die Hände über dem Kohlebecken wärmt. Hohes Alter I, 1885

Der Maler hat den Luftschlosser ins Herz geschlossen, daher vertraut ihm dieser auch seine Lebensgeschichte an – die bewegende Geschichte, die ihm ins Gesicht gezeichnet ist.

60 Probst S. 33ff. Ausserdem als Alter mit der Kaffeemühle und als Grossvater auf der Ofenbank. 61 leichtsinniger, unbesorgter Mensch 62 «Nun so denn, kommt am Nachmittag zu mir in das Atelier, ich würde euch gerne zeichnen, und dann können wir ein wenig zusammen reden. Fragt nur nach dem Maler Anker, jedes Kind kann euch den Weg zeigen.» Übersetzung des Autors. 63 Äiss oder Eiss: im alten Seeländer Dialekt für die Ortschaft Ins. 64 Louise Jampen-Frauchiger (1896–1988). Sie war übrigens anfangs der 1980er Jahre die erste Person, die im Rollstuhl durch Müntschemier gefahren wurde.

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UELI TOBLER: WAS ANKER-BILDER ERZÄHLEN (KURZVORSCHAU) by WEBER VERLAG - Issuu