Hinter jeder Weinflasche steckt ein spezieller Ursprung, der sich in der Nähe oder in der Ferne befinden kann, eine Erinnerung an eine Region oder an einen speziellen Moment. Da Wein so eng mit seinem Ursprungsterroir liiert ist, kommt man diesem unwillkürlich eine Spur näher, wenn man die Flasche entkorkt, geschweige denn den ersten Schluck Wein geniesst. In «Reisen mit Wein» nimmt Sie die Weinexpertin Chandra Kurt in die Keller bekannter Weingüter mit. 21 Reisen auf der ganzen Welt, zu önologischen Sehenswürdigkeiten und durch atemberaubende Landschaften und Weingärten. Über 500 Fotos inspirieren nicht nur dazu, die Weine der einzelnen Winzerpersönlichkeiten zu entdecken, sondern auch selber eine Reise ins Gebiet zu planen. Von den historischen Kreidekellern der Champagne über die sanften Hügel des Piemonts, die alpinen Weingärten der Schweiz bis zu den Inselweinen Siziliens, den höchsten Malbec-Pflanzungen Argentiniens oder den mythischen Rebparzellen des Burgunds.
ISBN 978-3-03922-055-7 Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden von der Autorin nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihr und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autorin noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Fragen und Kommentare können per E-Mail direkt an die Autorin gerichtet werden: office@chandrakurt.com Idee und Inhalt: Chandra Kurt, www.chandrakurt.com Lektorat: Alain Diezig, Werd & Weber Verlag AG Korrektorat: Heinz Zürcher, Steffisburg Gestaltung & Satz: Headline, www.head-line.it, Leonardo Maraner Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2021 Werd &Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/Gwatt ISBN 978-3-03922-055-7 Der Verlag Werd &Weber wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt. www.weberverlag.ch www.chandrakurt.com
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ChandraKurt
INHALT 7 WILLKOMMEN Chandra Kurt
96 Sandro Bottega – Das goldene Zeitalter des Prosecco Veneto
— 8 Brancaia – Eine Schweizerin in der Toskana Toskana 24 Dirk Niepoort – Der brillante Innovator Porto 42 Domäne Wachau – Handwerk im Kollektiv Wachau 62 Marqués de Riscal – Rioja und Architekur Rioja 80 Jean-René Germanier – Von Cayas bis Mitis Wallis
110 Champagne Pommery – Von Pop bis Cuvée Louise Champagne 128 Masi – Von Ripasso bis Amarone Veneto 148 Silvio Denz – Passion in Bordeaux Bordeaux 162 Castello ColleMassari – Montecuccos Weinoase Toskana 184 Château Monestier La Tour – Eine Renaissance im Bergerac Bergerac
208 Bodega Colomé – Argentiniens Pionierweingut am Ende der Strasse Salta 232 Familie Torres – Die nachhaltige Weindynastie aus Katalonien Katalonien 252 Magisches Waadtland Schweiz 276 Gaja – Haute Couture aus dem Piemont Piemont 292 Joseph Drouhin – Traditionelle Vielfalt aus dem Burgund Beaune
312 Donnafugata – Expressive Weinkunst aus Sizilien Sizilien 328 Halter Ranch – Beautification in Paso Robles Paso Robles 350 Alpenperlen – Von Heida bis Amigne Wallis 368 JC Boisset – Multidimensionales Burgund Nuits-Saint-Georges 386 Renaissance in Pink Château Minuty Domaines Ott Château La Gordonne Provence — 417 DANK 418 KONTAKTE 420 DIE FOTOGRAFEN
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WILLKOMMEN Was passiert, wenn Sie eine Flasche Wein entkorken? Wie fühlt sich dieser Moment an? Für mich ist es jedesmal ein emotionaler Moment, der mit Erinnerungen, Vorfreude, Genuss und Überraschungen liiert ist. Wein ist ein Botschafter seiner Herkunft und wird weltweit und seit Jahrhunderten kultiviert. Jeder Wein hat einen eigenen Charakter, der unsere Sinne und unsere Vorstellungskraft unterschiedlich stimuliert und uns in Gedanken an seinen Ursprungsort reisen lässt oder an den speziellen Moment, an dem wir genau diesen Wein meist in guter Gesellschaft entdeckt haben. Seit der Lancierung des «Weinseller Journal» Ende 2015 haben wir Winzer und Weingüter in zahlreichen Weinregionen der Welt besucht – und in grosszügig bebilderten Reportagen über sie und ihre Weinkultur berichtet. Ich war dabei immer mit einer Gruppe von Weinliebhabern, Winzern oder Experten vor Ort, die alle dieselbe Weinpassion wie ich empfinden. Begleitet wurden wir auch von engagierten Fotografen, die mit ihren Bildern die Signatur der verschiedenen Terroirs festgehalten haben. Ich lade Sie mit diesem Buch ein, 21 Reisen in acht Länder zu unternehmen und die Kultur des Ortes und des lokalen Weins zu entdecken – in der Hoffnung, dass Sie selber ein Weingebiet aufsuchen, oder zumindest den einen oder anderen Wein entdecken.
Chandra Kurt
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BRANCAIA – EINE SCHWEIZERIN IN DER TOSKANA Das Weingut Brancaia verkörpert eine dynamische Weinbaugeneration aus der Toskana mit jungen Wurzeln. Seit 1981 ist es in Schweizer Besitz und wird heute erfolgreich von Barbara Widmer geführt. Zusammen mit ihrem Team vinifiziert sie eine kleine Palette an feinen, terroirtypischen Weinen mit auffallend modern gestylten Etiketten.
Zu den bekanntesten Weinbauregionen Italiens gehört das Chianti Classico, das zwischen Florenz und Siena liegt. Die malerischen Landschaften sind stark von Rebbergen und historischen Bauten geprägt, wobei die Sangiovese-Traube die Signaturrebe der Region ist.
Es gibt Zürcher Winzer, die ihre Weine in Zürich vinifizieren. Das sind die meisten. Dann findet man hin und wieder Ausnahmen, die das heimische Terroir verlassen, um in der Ferne den edlen Rebsaft zu kultivieren. Barbara Widmer ist eine davon. Ihr neues Zuhause ist die Toskana, wo sie zusammen mit ihrer Familie lebt und eine kleine, aber feine Weinpalette vinifiziert, die unter dem Weingutsnamen Brancaia abgefüllt wird. Ich kenne Barbara seit vielen Jahren und bewundere ihr Talent und ihren Mut. Denn sie vinifiziert Wein in einer Region, die zu den bekanntesten Weinregionen der Welt zählt, und entsprechend gross ist die Wahrscheinlich Konkurrenz und auch die Diskrepanz zwischen ist es aber auch über Generationen gelebter Weintradition und Neubeginn. gerade dieser
Start-Up-Schwung,
Auf Brancaia wird das Auge von Zypressen, Reben und hügeliger Landschaft verwöhnt. Klar, dass hier ein Glas Chanti Classico unvergesslich schmeckt.
Wahrscheinlich ist es aber auch den man in den gerade dieser Start-Up-Schwung, den man in den Brancaia-Weinen Brancaia-Weinen spürt. Denn Barbara Widmer spürt. hat – in meinen Augen – einen grossen Vorteil. Sie ist weniger vorbelastet als manch anderes Weinhaus dieser historisch wichtigen Weinbauregion. Es ist das Terroir der Antinoris, der Frescobaldis, der Ricasolis, um nur einige zu nennen. Adelsfamilien, die seit Jahrhunderten die Geschichte der Region mitprägen. Schon der Vater von Leonardo da Vinci schwärmte über ein Glas Rotwein von Frescobaldi. Das war 1480. Die Marchesi de Frescobaldi gehören tatsächlich zu den ältesten Adelsfamilien, die auch heute noch im Weinbau tätig sind. Alles begann jedoch mit dem Bankenwesen, das die Frescobaldis um 1000 n. Christus erfolgreich in Florenz betrieben. Der Weinbau kam Anfang 1300 dazu, und zwar im toskanischen Weingut Tenuta di Castiglioni
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Eine Abendstimmung, die einem Gemälde gleicht. Die Toskana zählt zu den schönsten Weinregionen Italiens.
im Val di Pesa. Ähnlich lang sind die Antinoris im Geschäft. Die Familie beschäftigt sich seit über 600 Jahren mit der Produktion von Weinen, seitdem Giovanni di Piero Antinori im Jahre 1385 den Arte Fiorentina dei Vinattieri, den Florentiner Weinherstellern, beitrat. Die Familie hat über 26 Generationen hinweg immer selbst das Geschäft vorangetrieben, und tut dies auch heute noch. Die Geschichte von Brancaia beginnt erst 1981. Damals verliebten sich Barbaras Eltern, Bruno und Brigitte Widmer, in das verlassene Weingut Brancaia in Castellina in Chianti und erwarben es. Bereits zwei Jahre später gewann ihr Wein den ersten Platz an einer wichtigen Chianti-ClassicoVerkostung, was die Erfolgsgeschichte des Weingutes so richtig ins Rollen brachte. Zwei weitere Weingüter kamen dazu – 1989 Poppi in Radda in Chianti und 1998 das Brancaia-Gut in der wärmeren Region Maremma, Heimat der Topweine Ornellaia, Masseto und Sassicaia. Nach dem in der Schweiz absolvierten Önologiestudium übernahm Barbara kurz vor der Millenniumswende die Leitung der Weingüter und ist heute für die Weinproduktion und die Rebberge verantwortlich. Die zweifache Mutter liebt ihren Beruf, auch wenn sie weiss, dass sie nie ausgelernt haben wird. «Theoretisch kann man alles wissen. Dennoch wird die Natur ihre Launen und ihre Nuancen im Wein zur Geltung bringen.
Das ist unglaublich faszinierend. Natürlich versuchen wir jedes Jahr, den bestmöglichen Wein zu produzieren, dennoch ist jeder Jahrgang anders, wenn auch nur gering, vom Geschmack der Weine her sowie vom Ablauf der ganzen Produktion», erklärt mir Barbara. Besonders gefallen hat mir auch ihre Aussage: «Wenn wir die Trauben ernten, akzeptieren wir ihre Realität. Denn im Keller bei der Vinifikation kann man nur an Qualität verlieren und nicht «Wenn wir die Trauben ernten, dazugewinnen.» Grossartig – und wie recht sie hat. akzeptieren wir ihre Realität. Denn einen wirklich grossen und hochwertigen Wein Denn im Keller bei der Vinifikation kann man tatsächlich nur aus den besten Trauben kann man nur an Qualität verlieren vinifizieren – und diese sind das Resultat eines gesunden und optimal gepflegten Rebberges. und nicht dazugewinnen.»
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Castellina in Chianti liegt zwischen Florenz und Siena und ist ein historisch wichtiger Ort, der schon zu Zeiten der Etrusker bestand.
Die Weinpalette von Brancaia ist sehr übersichtlich und vereint zwei Weinphilosophien. Sie setzt sich aus sechs Rotweinen, einem Weisswein, einem Rosé und einem Schaumwein zusammen, die alle das markante und gestylte Brancaia-Label tragen. Der Chianti Classico DOC und der Chianti Classico Riserva DOCG sind Pfeiler der traditionellen Weinkultur der Toskana, die anderen Rotweine Kinder der modernen Weinentwicklung. Das macht das BrancaiaAngebot auch so spannend. Denn sowohl der Traditionalist wie auch der Modernist werden ihren Wein finden. Die Toskana zählt global gesehen zur «alten Weinwelt». Dieser Begriff wurde wichtig, als die Weine der «neuen Weinwelt», also aus Übersee, plötzlich populär geworden sind. Fundamentaler Unterschied dieser beiden Herkunftsregionen waren die Weinbaugesetze. Die Alte Welt wird von Weingesetzen dominiert. Jede Weinregion oder jedes Weinland kennt dabei andere Weingesetze. Sie bestimmen die Regulierungen für die jeweilige Weinproduktion. Weingesetze können die Selektion der erlaubten Traubensorten, die Vinifikationsund Reifeprozesse oder beispielsweise auch die Qualität der Weine tangieren. Es gibt Regionen, die mehr von Weingesetzen beeinflusst sind als andere. Weingesetze ändern sich auch immer wieder – wenn auch eher langsam.
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Wir haben alle ihre Weine verkostet – in der Kellerei und im bunten BarriqueKeller, den man bei einem BrancaiaBesuch unbedingt sehen sollte.
Ein Auslöser kann beispielsweise die globale Erwärmung sein, die das Terroir plötzlich für bisher vorgeschriebene Traubensorten ungünstig werden lässt. Vorteil dieser Gesetze ist, dass alle Winzer nach denselben Voraussetzungen Weine vinifizieren müssen – wie zum Beispiel für einen Chianti Classico. In der Neuen Welt sind die Winzer «freier», das heisst, sie können anpflanzen, was sie wollen, und es auch im Keller ausbauen, wie sie wollen, mit dem Resultat, dass jeder Winzer den Wein produziert, den er im Moment als besten empfindet. Das setzt Barbara Widmer mit einigen ihrer Rotweinen um, die dann neben dem Weinnamen auch das Kürzel IGT verwenden (Indicazione geografica tipica, früher vini da tavola). Wir haben alle ihre Weine verkostet – in der Kellerei und im bunten Barrique-Keller, den man bei einem Brancaia-Besuch unbedingt sehen sollte. Denn seine Farbkomposition könnte einem «Austin Powers»-Flower-
Zusammen mit Barbara Widmer haben wir die Region besucht und schnell verstanden, warum es ihr hier so gefällt.
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Der Legende nach verdankt der schwarze Hahn seine Entstehung der grossen Rivalität zwischen den beiden Stadtstaaten Florenz und Siena.
Power-Film entstammen. Die zahlreichen Eichenfässer ruhen umgeben von violetten und roten Wänden.
Ich geniesse es immer wieder, Weine auch direkt aus dem Tank zu verkosten, also bevor sie in die Flaschen abgefüllt werden. So etwa im modernen Keller von Brancaia.
«Ich habe diese Farben gewählt», erklärt mir Barbara stolz und betont weiter: «Die ganze Familie hat beim Streichen des Weinkellers geholfen. Auch die Mitarbeiter. Inzwischen haben zahlreiche von ihnen auch zu Hause eine rote oder eine violette Wand und jedes Mal, wenn sie in den Keller kommen, fühlen sie sich wie zu Hause. Johann Wolfgang Goethe hat mich übrigens inspiriert, rot zu wählen.» In seiner Farbenlehre schreibt der König der Deutschen Dichtung dazu: «Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als von Huld und Anmut. Jenes leistet sie in ihrem dunklen verdichteten, dieses in ihrem hellen verdünnten Zustande. Und so kann sich die Würde des Alters und die Liebenswürdigkeit der Jugend in eine Farbe kleiden.» Als wir abends Bistecca Fiorentina und Brancaia-Weine genossen, kam uns die Geschichte des schwarzen Hahns in den Sinn – des Gallo Nero, der auf dem Logo der Chianti-Classico-Weine abgebildet ist.
22 Toskana | Brancaia Auf der Reise mit dabei war auch der Schweizer Top-Winzer Tom Litwan. Ich reise gerne mit Weinfreunden, zumal die Diskussionen immer sehr spannend sind und wir auch allerhand Weine zusammen verkosten (siehe oben rechts).
Der Legende nach verdankt der schwarze Hahn seine Entstehung der grossen Rivalität zwischen den beiden Stadtstaaten Florenz und Siena. Um den endlosen territorialen Konflikt aus der Welt zu schaffen, entschieden die beiden Städte im 13. Jahrhundert, zwei edle Ritter beim ersten Hahnenschrei aufbrechen und auf die gegnerische Stadt zureiten zu lassen. Der Treffpunkt sollte die neue Grenze markieren. Die Sieneser verwöhnten ihren weissen Hahn, sodass dieser fett und faul wurde. Im Gegensatz dazu wählten die Florentiner einen schwarzen Hahn, den sie so kurz hielten, dass er am entscheidenden Morgen lange vor Sonnenaufgang hungrig krähte. So konnte sich der Reiter aus Florenz sehr früh auf den Weg machen und es gelang ihm, bis kurz vor die Tore Sienas zu kommen. Wie dem auch sei – wir wussten alle, als wir nach dem Essen durch die dunkle Nacht von Poppi nach Brancaia spazierten, umgeben von Hunderten von Leuchtkäfern, warum Barbara ihr neues Zuhause liebte und dass es mehr als einen Hahn brauchen würde, um uns frühmorgens zu wecken.
Fotos Philipp Rohner
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Der Barriquekeller von Brancaia wurde von der Familie und den Mitarbeitern gestrichen und ist optisch eine Signatur.
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DIRK NIEPOORT – DER BRILLANTE INNOVATOR Dirk Niepoort ist nicht nur Portugals berühmtester Winzer – er ist ein globales Phänomen. Seine kreative Energie beflügelt die Weinwelt wie der geheimnisvolle Zaubertrank des Druiden Miraculix in den Asterix-Erzählungen. Jedes Mal, wenn ich Dirk besuche, komme ich auf jeden Fall voller Ideen nach Hause.
Dirk Niepoort wurde 1964 geboren und verkörpert zweifelsohne eines der innovativsten und erfolgreichsten Beispiele der neuen Winzergeneration in Portugal. Er denkt global und vermählt gekonnt internationales Know-how mit traditionellem Erbgut. Trotzdem: Wenn man über das Haus Niepoort spricht, denkt man zuallererst an Portwein. Ein Getränk, das hier seit fünf Generationen erzeugt wird. Das 1842 von Eduard Kebe gegründete Haus ist zwar «nur» das zweitkleinste Portweinhaus Portugals, dafür aber eines der feinsten.
Dirk Niepoort hat die Weinszene Portugals revolutioniert und zahlreiche Winzer dazu motiviert, ihren Weintraum zu leben.
Der Name Niepoort stammt nicht vom Port(wein) ab. Er ist allerdings zum Markenzeichen einer dynamischen Weinfamilie Portugals geworden, die wie keine andere mit ihrem traditionellen und modernen Weinschaffen zur Elite des 21. Jahrhunderts gehört. Während die Familie Niepoort früher nur für Portwein bekannt war, produzieren sie inzwischen eine breite Palette an Rot-, Weiss- und sogar Roséweinen. Wichtig zu wissen ist, dass Portwein in die Gattung der «aufgespritteten Weine» gehört, während die anderen Stillweine sind und beide Weinarten ganz unterschiedliche Produkte sind. Federführend im Betrieb ist heute Dirk Niepoort, den ich seit vielen Jahren kenne und schätze. Er verkörpert die 5. Generation der Niepoorts und ist wahrscheinlich der Kreativste, den diese Familie bis jetzt erlebt hat. In seiner Person vereinen sich Tradition, Innovation und viel Vision. Interessant ist, dass er seine Liebe zum Wein während eines Studiums und Praktikums bei Mövenpick in der Schweiz entdeckte – überhaupt pflegt er einen engen Bezug zur Schweiz, da seine zwei Söhne Daniel und Marco hier geboren sind. Nichtsdestotrotz ist Portugal seine Heimat, genauer gesagt sind es die Stadt Porto und das Douro-Tal. Das Tal ist eines der ältesten gesetzlich festgelegten Weinbaugebiete der Welt und vor allem für eines bekannt: den Portwein.
In Dirks Person vereinen sich Tradition, Innovation und viel Vision.
Er wurde hier erfunden und ist und bleibt der wichtigste und berühmteste Wein der Region, die 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Das Weinbaugebiet mit seinen einmaligen und oftmals sehr steilen Schieferböden beginnt rund 80 Kilometer östlich der Stadt Porto und folgt
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Es gab noch keinen «Fabelhaft», noch keinen «Redoma», überhaupt waren Stillweine aus dem DouroTal nicht bekannt.
dem Flusstal bis zur spanischen Grenze. Der Fluss Douro (Spanisch Duero) ist etwa 897 Kilometer lang und hat seine Quelle im Norden Spaniens. Trauben sind die wichtigsten Anbaupflanzen des Douro-Tals und die DouroMündung in Porto ist das Zentrum des portugiesischen Weinhandels. Visà-vis von Porto, am südlichen Flussufer, in Vila Nova de Gaia, befindet sich ein einmaliges Kulturgut: die teils uralten, langgestreckten Lagerhäuser der grossen Portweinhäuser wie Taylor’s, Sandeman, Fonseca, Graham’s, Cálem oder Niepoort. Sie haben mehrere Stockwerke, die tief in den Berg gebaut sind und hier reifen die Portweine je nach Typ jahrzehntelang. Ein Besuch eines solchen Lagerhauses ist ein Muss, wie auch ein Nachtessen in meinem Lieblingsrestaurant «O Gaveto», das traditionelle Küchenklassiker der Region serviert. Als ich Dirk Niepoort das erste Mal in Portugal, genauer gesagt im Douro-Tal, besuchte, verkosteten wir primär Portweine zusammen. Es gab noch keinen «Fabelhaft», noch keinen «Redoma», überhaupt waren Stillweine aus dem Douro-Tal nicht bekannt – ausser vielleicht der «Mateus Rosé» aus der Bocksbeutelflasche. Das sollte sich ändern, natürlich nicht nur wegen Dirk, aber er war massgeblich an einer unglaublichen Evolution beteiligt, der wir unzählige neue Weine zu verdanken haben – kräftige, komplexe Rot- und Weissweine aus dem Douro-Tal. In dieser Zeit hörten zahlreiche Winzer der Region damit auf, all ihre Trauben den grossen Portweinhäusern zu verkaufen, und begannen, aus einem Teil davon ihren eigenen, neuen Wein zu vinifizieren. Inzwischen gibt es so viele neue Stillweine, dass man ganze Vinotheken damit füllen kann.
Niepoorts Kreativität ist auch im Weinkeller im Douro-Tal zu erleben - diese zwei Stühle laden zum Verweilen ein, während nebenan der Wein vor sich hin gärt.
Interessant daran ist, dass Portugal eines der wenigen Erzeugerländer ist, die sich nicht von den Modesorten Merlot, Cabernet Sauvignon oder Chardonnay haben infizieren lassen. Die lokalen Rebberge sind voll von autochthonen Sorten, die es nur im Land selber gibt. Sie heissen Tinta Cao, Touriga Francesca, Tinta Roriz und Touriga Nacional und präsentieren sich in der Aromatik anders als sämtliche Trendweine von heute. Sie sind charakterstark, erdig und alles andere als geschliffen. Es sind langlebige Weine, die erobert und erkannt werden müssen.
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