«Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht» – so lautete der Grundgedanke des Eisenplastikers Jean Tinguely (1925–1991). In seinem reich bebilderten Buch «Die Tinguely-Clique» gewährt Niklaus Talman, geprägt von den Begegnungen mit den Künstlerfreunden seines Vaters, einen Einblick in das Leben und Arbeiten von Menschen, die die Kunstwelt bewegt haben: Künstlerinnen und Künstler wie Niki de Saint Phalle, Eva Aeppli, Bernhard Luginbühl und Daniel Spoerri und viele andere mehr, alle freundschaftlich und in Liebe verbunden mit Jean Tinguely. Aus ganz persönlicher Sicht beschreibt er seine Erlebnisse mit diesen Kunstschaffenden – und ihren Werdegang, das Leben ihrer Kinder und die Rolle der Frauen.
ISBN 978-3-03818-345-7 Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
Niklaus Talman
DIE TINGUELY CLIQUE
Die TINGUELY CLIQUE
Niklaus Talman
Niklaus Talman
DIE TINGUELY CLIQUE
Wer war die « TINGUELY- – CLIQUE»?
Ein wahrer Mythos oder fiktive Realität? «Ach wie gut, dass niemand weiss ...»
Die Künstler v.l.n.r.: Alfred Hofkunst, JeanPierre Corpataux, Karl Gerstner, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Bernhard Luginbühl, Paul Talman. Foto: Gaechter & Clahsen
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Begegnungen mit Begegnungen. Foto: Leonardo Bezzola.
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um harten Kern der Tinguely-Clique zählten unter anderem der Luginbühl-Clan, Eva Aeppli, Niki de Saint Phalle, Dieter Roth, Daniel Spoerri, Lilly Keller, Meret Oppenheim, Alfred und Sabine Hofkunst, Paul und Jacqueline Widmer, Reinhard und Hildegarde Rühlin, Rico Weber, Peter von Wattenwyl, Paul und Edith Talman, Seppi Imhof, aber auch viele andere. Man könnte auch von einem «verschworenen Haufen» sprechen. Sie haben sich alle seit Jahrzehnten gekannt und waren untereinander befreundet, bevor sie berühmt wurden, was matchentscheidend war. Denn später war jeder der beste Freund von diesem und jenem. Viele wollten dazugehören, doch das Aufnahmeverfahren in diese Clique war äusserst kompliziert um nicht zu sagen, beinahe unmöglich. Neben der Tinguely-Clique gab es, um Jimmy Schneider, Lis Kocher, Pips Vögeli, unter anderem die Berner-Clique, die ebenfalls mit tollen KünstlerInnen besetzt war, jedoch ging es da etwas gemächlicher und «langsamer» zu.
Trotzdem hat man sich gegenseitig geschätzt und respektiert. Selbstverständlich gab es die TinguelyClique in diesem Sinne nicht; wenn überhaupt, dann sprach man von der «Basler-Clique», die als Überschrift für dieses Buch weniger geeignet wäre, insofern es ja nicht um die Basler Fasnacht geht. Aber Basel war nun mal eine wichtige Stadt im Leben von Jeannot. Nicht nur, dass er im Gundeldinger-Quartier aufwuchs; Tinguelys Liebe zu der Rheinstadt unterstrich er mit dem 1975 entstandenen Fasnachtsbrunnen auf dem Theaterplatz. Heute ein Wahrzeichen der Stadt und daher nicht mehr wegzudenken. Im Grunde genommen war Basel das Pflaster, auf dem die Tinguely-Clique entstand. In den Vierzigerjahren lernte Tinguely dort Daniel Spoerri kennen und einige Jahre später seine erste Frau Eva Aeppli.
Jean Tinguely, Eva Aeppli, Daniel Spoerri (Paris).
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die «TINGUELYCLIQUE»
Die «Dinos» der Schweizer Kunstszene haben ihre Spuren hinterlassen; weh dem, der hineintritt. Es wäre daher schwachsinnig, ein Buch über sie machen zu wollen.
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ichter und Bauer wollte ich, als damals 14-Jähriger, werden. Mein Vater gab mir zur Antwort: «Ich kann dir keinen Bauernhof kaufen, also finde eine Bäuerin – und das Dichten entsteht dann auf dem Felde oder beim Kühemelken ...» Dummerweise habe ich keine Bäuerin gefunden, die mir gefiel, und da ich nur ungern gelesen habe, fiel auch das Dichten ins Wasser. Was also macht man mit einem Teenager mit Ambitionen zum Landwirt ohne Bäuerin, der Desinteresse am Lesen hat? Man schickt ihn ans Theater, soweit die Intention meiner Mutter.
Ja, dachte ich, Theater? Schauspielerei? Warum nicht? Den Text kann man ja auswendig lernen, also nur die Passagen, in denen man auch wirklich vorkommt, man muss ja nicht das ganze Stück lesen ... Diese Aussage ärgerte meine Mutter derart, dass sie einen Termin bei dem Regisseur Erich Holliger am Stadttheater Basel vereinbarte. Der Plan meiner Mutter war, dass ich nach drei Tagen Theaterluft-Schnuppern, dermassen die Nase voll haben werde und ich mich für etwas «Seriöses» entscheide. Der Schuss ging gänzlich nach hinten los, denn aus den drei Tagen wurden drei Jahre – wie das? Nun, das Theater schien ebenso viele verrückte und bunte Menschen zu beherbergen wie unser Zuhause KünstlerInnen. Unter ihnen bin ich aufgewachsen, den Giganten der Schweizer Kunstszene: Jean Tinguely, Eva Aeppli, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Bernhard Luginbühl, Dieter Roth, Meret Oppenheim, Alfred Hofkunst und viele andere. Und natürlich bei meinem Vater Paul Talman, der mich vieles lehrte.
Die «Tinguely-Clique»
Als wär es gestern; so sehe ich heute meinen Vater in seinem selbst entworfenen Schalenstuhl in der Basler Jugendstilwohnung sitzen, mit der Basler Zeitung in der einen und einem Galakäsebrot in der anderen Hand. Während ich mit dem Dreirad meine Runde drehte, blickte mein Vater, genervt vom Motorengeräusch des Vehikels, welches ich akustisch von mir gab, auf seine goldene Taschenuhr. Als es an der Haustür klingelte, wechselte sein strenger Blick zur Tür, dann zu mir. Das ich kurz darauf lautlos in mein Zimmer verschwand verdeutlicht, dass ich sein Gesichtsausdruck kannte, und ich nichts auf der Welt hätte unternehmen können, um eine weitere Runde auf meinem Tretroller fortzuführen.
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Aus meinem Kinderzimmer hörte ich vertraute Geräusche wie laute Begrüssung, gefolgt von Gelächter. Dann Schritte zur Hausbar, das Klimpern von Eiswürfeln in einem Glas, was darauf schliessen liess, dass es sich um ein alkoholisches Getränk handeln musste. Diese Schlussfolgerung beinhaltete: Schritte – Bar – Eiswürfel gleich zuhörends unverständlichere Artikulation. Oder einfach gesagt; man hat mir als Kind verboten, «Eistee» von der Bar zu trinken. Die darauffolgende Stille während des ersten Schluckes wurde
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dann von einer tiefen, vertrauten Stimme durchbrochen, die signalisierte, dass es sich beim Besuch um Meret Oppenheim handeln musste.
Besuche von Kunstschaffenden wie ein roter Faden, durch mein Leben ziehen würden, was nicht nur bereichernd war, sondern mich für immer prägen sollte.
Überhaupt gehen meine Kindheitserinnerungen sehr weit zurück. Beinahe glaube ich, mich an einen Besuch von Daniel Spoerri zu erinnern, als er mich als Neugeborener in der Wiege zum ersten Mal sah und meinte: «Der sieht ja aus wie der Dieter Roth.» Wahrscheinlich erinnerte ihn der Babyspeck und mein schütteres Haar an seinen Freund. Zu jener Zeit wusste ich noch nicht, dass sich
Diese Prägung sollte weitergeführt werden, als meine Eltern 1973 von Basel nach Ueberstorf im Kanton Freiburg übersiedelten. Was zum Teufel bewegt einen Menschen, der als A. D. in der Werbeagentur GGK sein sicheres Einkommen, eine fantastische Jugendstilwohnung inmitten Basel hat, dazu, in ein Zweitausendseelendorf der freiburgischen Pampa zu ziehen?
Die «Tinguely-Clique»
Bild auf vorheriger Seite: «Die Welt»-Zeitungsartikel vom Freitag, 13. November 1964. links: «Die Tinguely-Clique» Vater und Sohn bei den Hausaufgaben. Foto: Edith Talman. rechts: Paul Talman auf Schalenstuhl Galerie 33 (Basel).
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Ein Schloss? Nein, das suchten sich meine Eltern weiss Gott nicht, eher ein altes Schulhaus oder eine leer stehende Fabrik, die genügend Platz für Ateliers bot. Mein Vater liebte grosse Räume und meinte: «In grosszügigen Räumlichkeiten entstehen grossartige Dinge.» Dieser Meinung waren auch Luginbühls, die meinen Eltern von dem Anwesen in Ueberstorf erzählten. Mein Vater stutzte und dachte, woher will der Luginbühl aus Mötschwil wissen, was für den Talman in Ueberstorf gut ist? Erst als Tinguely aus Neyruz, Kanton Freiburg, meinem Vater erklärte, dass das Schloss quasi gratis zu haben war und nur auf ihn wartete, liess die anfängliche Skepsis meines Vaters nach. Jede Wette: Der Luginbühl aus Bern bearbeitete Tinguely aus Freiburg, um den Talman aus Basel zum Schlosskauf zu bewegen. Und so entstand zwischen Neyruz, Mötschwil und Ueberstorf das berüchtigte «Bermudadreieck», wie es Jeannot nannte. In Mötschwil oder Ueberstorf traf man sich dann auch vorwiegend, weil in jedem der beiden Haushalte eine tüchtige Frau die vielen Gäste mit ihren Kochkünsten verwöhnte. Ursi Luginbühl und meine Mutter Edith waren fantastische Gastgeberinnen, die es verstanden, ein Ambiente zu schaffen, in dem man sich wie zu Hause fühlte; was von einigen Gästen oft missverstanden wurde; insofern sich der Weinkeller, je nach Besuch, zusehends leerte. Nachdem die Luft wieder rein war, hörte ich oft meinen Vater fluchen: «Himmel A… und Zwirn, wann soll ich eigentlich noch arbeiten, wir sind doch kein Hotel!» Ja, es fiel das Wort «arbeiten». Was aber hat Kunst mit Arbeit am Hut? Diese Frage wird sich auch der Nachbar gestellt haben, wenn er meinen Vater pausenlos im Haus seine Runden drehen sah. Der Bauer nahm all seinen Mut zusammen, ging zu meiner Mutter und fragte: Bauer: Frau Talman, ich war gerade am arbeiten als ich …
Mutter: Ach ja?
Mutter: Ja?
Bauer: Muss Ihr Mann nicht ab und zu …
Bauer: Na ja, Ihr Mann …
Mutter: Was jetzt?
Mutter: Ja? Was ist mit meinem Mann?
Bauer: Nein, ich meine – arbeiten?
Bauer: Der läuft ja nur. Mutter: Wohin? Bauer: In Ihrem Haus, im Kreis. Mutter: In welchem Kreis? Bauer: Oben, am Fenster. Mutter: Sie beobachten meinen Mann durchs Fenster?
Mutter: Aber das tut er doch. Bauer: Ja aber … Mutter: Er denkt … Bauer: Was …?
links: Stadthausgasse 24, Basel. Foto: Edith Talman rechts: Schloss Ueberstorf 1973. Foto: Edith Talman
Ich an der Stelle des Bauern hätte wohl ähnlich recherchiert. Denn was es mit dem Denken alles so an sich hat, sollte ich erst später begreifen. Da halfen auch die Weisungen meines Vaters nichts, wenn er zu mir sagte: «Sohn, du musst denken lernen.» Doch wer genau war dieser Denker?
Mutter: Nach … Bauer: Ja … ach so … natürlich.
Bauer: Nein. Aber alle drei bis fünf Minuten läuft er da vorbei.
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PAUL Talman
«Der Feingeist und Denker» hatte eine zu feine Haut – das hat ihn umgehaut.
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aul Talman gehörte der jungen Generation der Schweizer Konkreten an. Durch seine «Kugelbilder», welche in vielen Museen weltweit ausgestellt wurden, erlangte mein Vater internationale Beachtung. Der Schweizer Künstler Richard Paul Lohse meinte, dass Talman der sinnlichste Konkrete wäre und seine Bilder unverkennbar seien. Mit all dem Konkreten, dem Konstruktivismus oder dem Abstrakten konnte ich als Kind nichts, aber auch gar nichts anfangen. Denn obwohl man seine beweglichen Kugelbilder anfassen durfte, um mit den Kugeln ein eigenes Bild zu schaffen, waren die Bilder und Objekte eher heikel, so dass man im wahrsten Sinne des Wortes «Samthandschuhe» überstülpen musste, um die Kunst in Galerien oder Museen zu hängen.
Ja, die Kunst meines Vaters ist fragil, zerbrechlich und in der Herstellung enorm aufwendig und kostspielig. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alles und jedes seiner Werke ist eben «durchdacht». Seine Kunst widerspiegelt den Wesenszug meines Vaters sehr genau. Denn das Zerbrechliche, feine, Sinnliche gehörte zu seinem Wesen, zu seinem Leben. Nur zu gerne hätte ich mehr über meinen Vater in Erfahrung gebracht. Jedoch liess unsere gegenseitige Fragilität dies irgendwie nicht zu. Na ja, man geht ja auch nicht mit Kristallkugeln auf die Bowlingbahn. Unsere gemeinsame Konversation ähnelte daher eher einem Schachspiel, in welchem mein Vater jeweils drei Züge voraus war.
Wir spielten oft Schach und meist verfolgte ich wortlos, wie sich auf dem Brett die Figuren dezimierten – meine. Dafür punktete ich beim French-Billard. In einem der vielen Zimmer stand ein wunderschöner Billardtisch, stehend auf vier geschnitzten Holzlöwen. Den Raum bezeichnete mein Vater als sein «Fitnessstudio». Man konnte nicht gerade behaupten, dass mein Vater eine Sportskanone war. Sein Bewegungsradius beschränkte sich darauf, an sonnigen Tagen den Rasen zu mähen, oder auf ein Wettrennen, das wir zum Spass veranstalteten, welches er zu seinen Gunsten entschied. Denn der Anblick seiner Geräteturnschuhe und Hosenträger unter seinem weissen Anzug brachten mich derart zum Lachen, dass er die vorgegebene Laufbahn von 20 Metern als Erster zu Ende brachte. Ja, sein Humor brachte mich viel zum Lachen. Noch heute höre ich sein Lachen und die strahlend weissen Zähne, ich glaube, es waren bereits seine dritten oder vierten. Wahrscheinlich habe ich bei all seinen Missgeschicken, bei welchen er seine «Beisserchen» liegen liess, beim Zählen nicht aufgepasst. So ziemlich jedes Mal, wenn ich in den Ferien vom Landdienst oder von Mötschwil nach Hause kam, lag mein Vater mit Verletzungen im Bett. Mal war sein Kopf einbandagiert, mal seine Beine oder er begrüsste mich mit einem zahnlosen Lächeln.
Bild vorherige Seite: Paul Talman, Ueberstorf 1987. Foto: Gaechter und Clahsen Foto rechts: Paul Talman vor Kugelbild, Byron Galerie New York.
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Letzteres ereignete sich, als er sein Fitnessprogramm erweitern wollte und mit dem zusammenklappbaren Fahrrad meiner Mutter unterwegs war. Da Ueberstorf auf einer Anhöhe liegt, ging es zum nächsten Kaff alles bergab. Dummerweise klappte das Fahrrad ausgerechnet dann zusammen, als mein Vater so richtig Fahrt aufgenommen hatte – der Rest ist Schweigen. Irgendwann entschloss ich mich, meine Ferien zu Hause zu verbringen, in der Hoffnung, dass diese Malheure ausbleiben würden, was dann auch tatsächlich der Fall war und so konnte sich mein Vater wieder den wesentlichen Dingen zuwenden – der Kunst und der Frau, die ihn dabei jeweils unterstützte. 1987 arbeitete mein Vater an einer umfangreichen Retrospektive, die an den Kunstmuseen Solothurn, Ulm und Düsseldorf gezeigt werden sollte. Sein Schaffensdrang, sein Eifer, mit welchem er ans Werk ging, war irgendwie anders als in den Ausstellungen davor. Zu meinem Erstaunen lud er mich immer wieder in sein Atelier ein und bat mich bei der Farbauswahl oder diversen Materialien um Rat, wodurch ich mich sehr geehrt fühlte. Nach und nach wiederholte sich dieses Ritual, was sich in meinen Augen fast wie eine Art Zusammenarbeit anfühlte.
Guido Bachmann Vernissage Paul Talmann, 1994 KKK Zürich. Foto: KKK
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Ich begleitete ihn auf seinen Museumsreisen, um mit den Kuratoren den Teufel im Detail zu besprechen und im Anschluss im Wirtshaus etwas Feines essen zu gehen. Diese Beizenbesuche liebte ich über alles; vor allem, wenn es darum ging, die Kunsthalle in Basel aufzusuchen. In diesem Restaurant habe ich laufen gelernt und später als Kellner gearbeitet. Doch nicht nur die Kunsthalle war heiss begehrt, sondern auch der «Donnerstagstisch». Jeden Donnerstag trafen sich Freunde aus den verschiedensten Metiers an einem langen Tisch zum Mittagessen. Zu den Stammkunden zählten der Philosoph Hans Saner, die Schriftsteller Guido Bachmann und Hans Jörg Schneider, der Galerist Felix Handschin, der Regisseur und Theaterintendant Werner Düggelin, dann der Trainer vom FC Basel Helmuth Benthaus, Jean Tinguely, Dieter Roth, einige aus dem «Basler Daigg» und natürlich Paul Talman. Der «Donnerstagstisch» war eine Plattform, aus welcher viele interessante und spannende Projekte hervorgingen und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das Tischtuch diente unter anderem als ein Skizzentuch, auf dem geschrieben, geklebt, geleimt und gemalt wurde. Edding-Stifte, Rotwein, Kaffee und Essensreste rundeten eine solche Skizze dann ab. Ganz zum Entsetzen eines Kellners, der neu war und für diese Art der Kreativität wenig Verständnis aufbrachte.
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Dieter Roth, Initiant des Modells, fungierte als Diplomat: Kellner: Na, hören Sie, was machen sie da? Das ist ein Tischtuch. Roth: Und was für ein schönes. Kellner: Das ist ein kostbarer Stoff. Roth: Der eignet sich auch besser zum Schreiben als das papierene. Kellner: Wissen Sie, was so ein Tischtuch kostet? Roth: Zu wenig. Kellner: 150 Franken. Roth: Ich schenke Ihnen das Tuch … wenn es fertig ist. Kellner: Was soll ich mit dem verschmutzten Tuch, ich möchte, dass Sie mir das bezahlen. Roth: Hier sind 200 Franken, der Rest ist für Ihr Magengeschwür, das Sie morgen haben werden. Denn am darauffolgenden Tag fand bei Felix Handschin eine Dieter-RothVernissage statt, an welcher auch das Tischtuch gezeigt und zum Verkauf angeboten wurde. Dieter Roth lud den Kellner zur Vernissage ein, der dann auch wirklich erschien. Wahrscheinlich löste die Preisliste in der Galerie dann wirklich ein Magengeschwür aus, als der Kellner «sein» Tischtuch darauf entdeckte?
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Aber kehren wir nach dem Kneipenabstecher in Basel zurück in das Atelier meines Vaters in Ueberstorf. Dort war die neuste Skulptur «Grosse Kathedrale» aufgestellt und ragte mit ihren drei Metern Höhe bis unters Dach. Die Plastik bestand aus etlichen farbigen Plexiglaselementen, die zusammengeschraubt waren: Paul: So. Deine Aufgabe besteht nun darin, die Skulptur in ihre Einzelteile zu zerlegen und in Kisten zu verpacken – ja? Niklaus: Kein Problem. Paul: Aber Vorsicht – zieh die weissen Stoffhandschuhe an und mach mit dem Schraubenzieher ja keinen Kratzer in das Plexiglas. Niklaus: Würd ich nie. Paul: Und das Wichtigste. Markiere mit einem feinen Stift die Rückseiten der verschiedenen Teile jeweils von A bis D, respektive von 1 bis 4.Und dies mit verschiedenen Farben – du würdest die Skulptur ansonsten nicht wieder zusammenbauen können, hast du alles verstanden? Niklaus: Aber ja doch: von A–D und von 1–4 … Während mein Vater draussen das Transportunternehmen in Empfang nahm, legte ich eine Musikkassette in meinen Walkman und begann mit der Demontage. Am darauffolgenden Tag begannen wir im Kunstmuseum Solothurn dann mit dem Aufbau der Kunstwerke. An der aufsteigenden Nervosität von Kurator und Künstler liess sich ableiten, dass es sich um einen wichtigen Tag handeln würde. Mit dem Auspacken und Platzieren der grossen Skulp-
tur warteten wir bis zum Schluss; quasi als Höhepunkt der Installation. Ein grosser Kreis, bestehend aus Mitarbeitern, Angestellten vom Museum, Kurator und mir, beäugten, wie mein Vater die Verpackung aufmachte und dann innehielt – sein Blick, der auf mich gerichtet war, löste einen Stromschlag in mir aus, so als hätten mich 1000 Volt durchdrungen. Mit ruhiger, ganz ruhiger Stimme fragte mein Vater: Paul: Wo sind die Markierungen? Ich überlegte … Paul: Die Markierungen!? Ich überlegte intensiver … Paul: Folgendes: Ich mache jetzt eine zweistündige Mittagspause und wenn ich zurückkomme, will ich die Skulptur aufgestellt sehen – und zwar in der richtigen Reihenfolge! Niklaus: Sagtest du nicht, dass es unmöglich wäre, ohne die Markierungen das Ding zusammenzubauen? Paul: Sohn – zwei Dinge: Erstens, das «Ding» nennt sich nicht Ding, sondern «Grosse Kathedrale». Zweitens, mach das Unmögliche möglich; einfach bevor ich zurück bin. Als sich der Kreis auflöste, machte ich mich an die Arbeit. Keine Ahnung, wie das ging, aber noch bevor die Sanduhr abgelaufen war und mein Vater zurückkehrte, war alles aufgebaut – kein Teil blieb übrig, kein Kratzer, nichts. Mein Vater fiel mir nicht gerade um den Hals vor Freude, jedoch war er sichtlich erleichtert, als er das Resultat sah.
Paul und Edith Talman. Vernissage Kunstmuseum Solothurn 1987. Foto: Gaechter und Clahsen
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Die Rückfahrt nach Ueberstorf verlief wortlos. Das Motorgeräusch unter der Haube und ab und zu ein tiefes Seufzen von nebenan durchbrachen die Stille im Wagen. Als ich mich mit dem Philosophen Hans Saner anlässlich einer Vernissage unterhielt, meinte er: «Ich kenne niemanden, mit dem man so gut schweigen kann wie mit Paul Talman.» Seinem Schweigen stand jedoch auch seine Geselligkeit und Unternehmungslust gegenüber. Als denkwürdig würde ich den 20. Geburtstag einstufen, den ich zusammen mit meinem Vater verbrachte. 1987 weilte meine Mutter für längere Zeit in Italien und neben ihr war ich der Einzige in der Familie, der wusste, wie man ein Spiegelei in die Pfanne haut; somit oblag es mir, für meinen Vater Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. Als ich eines Abends nach Hause kam, stand mein Vater in der Küche und hielt in der einen Hand ein Weinglas und in der anderen eine Packung Spaghetti: Paul: Ah gut, mein Sohn bist du hier. Ich bin gerade dabei, etwas zu Kochen. Deine Mutter macht doch so feine Spaghetti – knusprig, in Butter gebraten. Niklaus: Ja, mit den Resten, doch zuvor kocht sie die Teigwaren im heissen Wasser. Paul: Ich wusste, dass ich etwas ausgelassen habe! Niklaus: Lass mich mal, wir wollen uns an den harten Teigwaren nicht die Zähne ausbeissen – oder? Paul: Nein, das wollen wir nicht. Du, morgen ist ja dein runder Geburtstag, hast du schon etwas vor?
Niklaus: In ein paar Wochen haben wir Zwischenprüfung – morgen bin ich den ganzen Tag am Proben. Aber ich versuche, zum Abendessen hier zu sein. Paul: Du wirst deinen 20. am Abend sicher nicht in der Küche verbringen. Komm, lass uns etwas Essen gehen – du fährst, ich bezahle. Das musste man einem Studenten nicht zweimal sagen. Wir fuhren zusammen in ein Restaurant in Murten, kämpften uns durch diverse Menüs und tranken eine gute Flasche Wein. Als wir gegen 23.00 Uhr zu Hause ankamen, sagte mein Vater: Paul: Halt, Stopp! Himmel A… und Zwirn, das kann es doch wohl nicht gewesen sein; Zwischenprüfung hin oder her, wir fahren jetzt nach Bern und du zeigst mir irgendein Nachtlokal, wo wir deinen 20. angemessen feiern. Auch das musste man einem Studenten nicht zweimal sagen. Erneut fuhren wir los und auf direktem Weg steuerte ich auf einen Nightclub zu, der zu dieser Zeit angesagt war. Während mein Vater an der Bar sass, tobte ich mich auf der Tanzfläche aus. Gerade als ich mit einer attraktiven Frau die Unterredung über «Goethe» vertiefen wollte, ertönte aus den Lautsprechern «Happy Birthday», wobei alle Anwesenden kräftig mitsangen. Als ich mich zu meinem Vater gesellte, stand auf den Tresen ein Champagnereimer mit einer Flasche Moët & Chandon und daneben die bezaubernde Goethestudentin: Paul: Sohn – alles Gute. Ich lasse euch jetzt alleine weiterfeiern. Niklaus: Ja … wir unterhielten uns soeben über das Theater und Goethe … im Allgemeinen … und so …
Niklaus Talman und Hans Saner am Philosophieren.
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Paul: Goethe?! Es ist alles geregelt, ich nehme ein Taxi und wir sehen uns morgen. Niklaus: Irgendein Essenswunsch? Paul: Ich koche morgen: Es gibt in Butter gebratene Spaghetti und für dich ein Alka Seltzer … Wir liessen den Geburtstagsausflug mal so im Raume stehen und unterhielten uns auch nicht mehr darüber. Hätte auch wenig Sinn gemacht, denn ich erinnerte mich nur noch an vereinzelte Szenen. Umso mehr blieb die Erinnerung unserer letzten Begegnung: Mein Vater lag in den letzten Zügen im Beau-Site Bern. Für einmal nicht in einer Suite in einem Hotel, wo er so gerne logierte, sondern eben in einem Spital. Dass er derart krank war, wusste ich nicht. Mein Vater sprach nie über seine Leiden. Umso grösser war der Schock, als mich meine Mutter zu Hause in aller Früh anrief und sagte: «Beeil dich, dein Vater liegt im Sterben.» Als ich zwanzig Minuten später meinen Vater so daliegen sah, war ich endgültig wach, denn ich hatte das Gefühl, als hätte mich jemand mit einem Vorschlaghammer geweckt. Was darauf folgte, war nicht im eigentlichen Sinne ein Gespräch, viel mehr erinnerte es mich an eine der vielen Filmszenen, in welcher jemand, kurz vor seinem Ableben, noch einige Tipps und Ratschläge an die Hinterbliebenen weitergibt, und man trotz allem die Hoffnung hegt, dass sich im letzten Moment doch noch alles zum Guten wendet. Doch was ich zu hören bekam, waren weder gute Ratschläge, noch stellte sich ein Happy End ein. Stattdessen beobachtete ich seinen Oberkörper, der sich, je nach Atmung, langsam auf- und abbewegte. Ich legte behutsam meine Hand auf seine Brust und
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wünschte mir, dass dieses Ein- und Ausatmen möglichst lange andauern würde. Die Bewegung wurde grösser, als mein Vater zu einem letzten Satz ausholte und sagte: «Der Tod ist etwas ganz Gewaltiges.» Darauf folgte ein ruhiges Ausatmen. Als sich meine Hand zum erneuten Luftholen nicht mehr bewegte, war mir klar, dass dieser entsetzliche Stillstand definitiv war. Doch im Vergleich dazu, was sich daraufhin alles ereignen sollte, war das Geschehene eine Nasenwasser. Denn während mein Vater unter der Erde lag, befanden meine Familie und ich uns in einem Haifischbecken. Da tauchten plötzlich «Krethi und Plethi» auf und jeder wollte bei uns zu Hause noch Kunst abholen. Dies unter dem Deckmantel, dass sie noch etwas zugute hätten. Ja, wir hatten stets ein offenes Haus, nur wurde dies oft missverstanden. Noch Jahre später gesellte sich ein Notar zu der illustren Runde hinzu und räumte ab, was nicht nietund nagelfest war. Da wurden Spoerris und Aepplis abtransportiert, um das angeblich «noch ausstehende Honorar» zu begleichen, was in Wirklichkeit einer Farce gleichkam. Doch: «Schwamm drüber und weitermachen.» Tinguely sagte dies ab und an zu meinem Vater, wenn irgendwo ein Talman unter falschem Namen auftauchte. An diese Devise hielt er sich dann auch. Eines seiner letzten Projekte entstand 1986/87. Zusammen mit den Urgesteinen der Schweizer Konkreten Max Bill und Richard Paul Lohse gestaltete er die Rückseite einer Omega-Uhr. Im Vergleich zu seinem Frühwerk, welches ausschliesslich aus Schwarz/Weiss besteht, arbeitete Talman mit zunehmendem Alter an Farben, und die Namen seiner Objekte trugen sakrale Titel wie: «Kleiner Tempel» oder «Kathedrale».
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Grabstein Paul Talman von Beat Luginbühl. Foto: Edith Talman
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Während dieses Projekts wirkte mein Vater eher gelassen und entspannt, so als wäre die Zusammenarbeit mit Bill und Lohse eine Art erreichtes Etappenziel. Er erzählte mir von vielen Projekten und Ideen, die es möglichst bald zu realisieren galt. Manchmal stelle ich mir vor, was in all den Jahren an Kunst hätte entstehen können.
Luginbühl: … Das kann mir eben nicht passieren. Zum einen hasse ich Wasser und mit Booten habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gespielt, und zum anderen habe ich mein Atelier, den Park in Mötschwil, mit einem drei Meter hohen Eisenzaun eingekesselt. Der Einzige, der mir dennoch Eisen klaut, ist Jeannot …
Als ich mich bei meiner Mutter nach der Todesursache erkundigte, gab sie mir zur Antwort: «Weisst du, der Geist deines Vaters war zu stark für seinen Körper.» Wahrlich, viele KünstlerInnen waren geistreich; doch da mögen Körper und Geist übereingestimmt haben. Ich denke da an Bernhard Luginbühl, Dieter Roth, Jean Tinguely, Alfred Hofkunst, Daniel Spoerri …
Tinguely: Sei doch froh, ich verwende es für meine Skulpturen, bevor es bei dir vollends verrottet und verlottert … Ausserdem brauchen meine Ateliers in Frankreich, den USA und der Schweiz immer wieder neue Nahrung …
Sie alle waren nicht nur Giganten in der Kunstwelt, sondern auch Titanen in ihrer Erscheinung. Und so trat man auch auf. Ich erinnere mich an ein Tischgespräch bei uns zu Hause, wobei sich die Diskussion in erster Linie um die Grösse ihrer … Ateliers und sonstigen Errungenschaften drehte, was sich, wäre es eine Theaterszene, wie folgt zugetragen haben könnte: Hofkunst: … Die neue Jacht mit ihren 1200 PS ist noch nichts im Vergleich zu meinem Atelier im Schloss in Frankreich, welches ich soeben gekauft habe. Wenn ich das Atelier flute, kann ich darin mit meiner Jacht herumkurven … aber irgendwelche Arschlöcher haben über Nacht den Motor komplett ausgebaut … diese Hu … Böcke! Grosses Gelächter
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Roth: «Eyjan mín er vinnustofan mín.» Alle verstummten und schauten sich fragend an. Bis auf Daniel Spoerri, der unglaublich sprachgewandt war. Ich denke, dass er mindestens sieben Sprachen kannte. Daniel entschlüsselte … Spoerri: «Meine Insel ist mein Atelier.» Dieter Roth lebte und arbeitete meist in Reykjavik, in Island. Während all dem Kräftemessen unter den «Machos» hörte mein Vater nur zu und lächelte. Das Wortgefecht seiner Freunde amüsierte ihn sehr. Spoerri: Paul, mal im Ernst, die sind doch alle grössenwahnsinnig oder nicht? Talman: Sind wir das nicht alle auf eine Art …?
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