P AT R I Z I A M A U R E R
Überleben
DIE GESCHICHTE EINER KÄMPFERIN
Patrizia Maurer erzählt in «Überleben» ihre eigene Geschichte – eine Geschichte von Tiefschlägen und vom Mut, nie aufzugeben. Sie durchlitt in wenigen Jahren eine Vergewaltigung, eine beinahe hoffnungslose, schwere Krebs erkrankung, schmerzhafte und langwierige Therapien und eine Nierentransplantation. Mit ihrem Buch will sie anderen Betroffenen Mut machen, zu kämpfen, dem Schicksal die Stirn zu bieten und dabei das eigene Ziel nie aus den Augen zu verlieren. Patrizia Maurer hatte Glück und ist heute zurück im Leben – «doch für mein Glück», sagt sie, «musste ich hart kämpfen».
neutral Drucksache
Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch www.werdverlag.ch
ISBN 978-3-03922-033-5
Überleben
PAT R I Z I A M A U R E R
P AT R I Z I A M A U R E R
Überleben DIE GESCHICHTE EINER KÄMPFERIN
P AT R I Z I A M A U R E R
Überleben DIE GESCHICHTE EINER KÄMPFERIN
Vom Mut, nie aufzugeben
Ich lade euch ein, mit mir auf meine Vergangenheit zurückzublicken. Meine Geschichte erzählt von Tiefschlägen und dem Mut, nie aufzugeben. Gleichzeitig soll sie aber auch all den Kämpfern da draussen Mut machen. Denn selbst aus der engsten Sackgasse kann sich manchmal eine neue Chance auftun. Kämpfen bedeutet nicht, immer stark sein zu müssen. Kämpfen bedeutet, seinem Schicksal die Stirn zu bieten und wenn möglich ein Schlupfloch zu finden. Dabei sind Tränen, Wut, Hass, Schmerz, Verzweiflung usw. völlig legitim und sicherlich sogar normal. Wichtig ist es, sein eigenes Ziel nie aus den Augen zu verlieren. Patrizia Maurer
Mit diesem Buch möchte ich mich besonders bei meinen Eltern, meinen Schwestern, Roli und seiner Familie, Nici und seiner Familie, meinen Verwandten und Freunden, Prof. Fuchs, Prof. Dickenmann, Dr. Jülke, Dr. Räz u. v. a. herzlich bedanken. Ohne euch hätte ich das alles nicht geschafft!
Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden von der Autorin nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihr und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autorin noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2020 Werd & Weber Verlag AG, Gwattstrasse 144, 3645 Thun / Gwatt Text Patrizia Maurer Bilder Die Bilder stammen aus dem Privatarchiv der Autorin. Werd & Weber Verlag AG Gestaltung Cover Sonja Berger Gestaltung Inhalt und Satz Seraina Borer Lektorat Patrick Leuenberger Korrektorat Nicole Odermatt, Heinz Zürcher ISBN 978-3-03922-033-5 www.werdverlag.ch www.weberverlag.ch Der Verlag Werd & Weber wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016 – 2020 unterstützt.
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
Inhaltsverzeichnis Prolog
10
Kindheit und Jugend
12
Interlaken
20
18. Juni 2004 – der Tag, an dem sich alles änderte
23
Was nun?
27
Montpellier
30
Lenk
33
FFE
37
Grindelwald
40
Neubeginn in Basel
43
Freiburg im Breisgau
51
Reinach BL zum Zweiten
58
Gleis 14
61
Lätschete
63
Wieso Krücken?
66
18. Juni 2011
69
Drei Monate
71
Bruno Fuchs – mein Held
73
West J31 – meine neues «Zuhause»
76
Erster Chemozyklus
78
Anfänglicher Spitalalltag
80
PET-Scan / zweiter Chemozyklus
84
Ist doch nur ein Muffin
87
Schöne Bekanntschaften und dritter Chemozyklus
90
Durchbeissen!
93
Der Glaube
96
Endspurt und OP
98
Aufbau nach OP
101
Reha zum Zweiten
104
Weihnachten daheim
106
Postoperative Chemotherapie
108
Gehversuche und 13. Zyklus
112
Neues Leben
116
Bucket List
122
Mitleid
124
30. Juni 2014
127
Dialyse
129
Bitte ausstempeln für Dialyse!
132
Häusle bauen
135
Organspende
138
Braunwald
143
Pseudomonas
147
Reinach BL zum Dritten
153
Standortbestimmung
157
Nächster Tiefschlag und erste Dialyseferien mit Nici
160
Warten, warten, warten
166
Transplantation
170
Zurück ins Leben
175
Mein Leben heute
180
Über die Autorin
182
Prolog Viele Menschen, die meine Geschichte kennen, schöpfen daraus Mut und sagten mir immer wieder, ich sollte ein Buch darüber schreiben. Lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt. Heute bin ich so weit und möchte euch meine Geschichte erzählen. Meine Geschichte erzählt von Tiefschlägen und dem Mut, nie aufzugeben. Wer mich heute erlebt, würde mir meine Vergangenheit, bis auf mein Hinken, kaum ansehen. Aber ich bin überzeugt, dass wir tagtäglich auf Menschen treffen, die ihren eigenen Kampf gefochten haben oder noch mitten im Kampf sind. Jeder Mensch strebt nach Glück und Zufriedenheit und einigen werden schwere Prüfungen gestellt. Nicht jeder Mensch hat das Glück, ein Happy End oder neue Chancen zu erhalten. Ich bekam im Leben gleich mehrere Chancen geschenkt. Doch für mein heutiges Glück musste ich hart kämpfen. Mein Motto, das mich dabei stets begleitete, ist das schöne Sprichwort:
«NUR WER GEGEN DEN STROM SCHWIMMT, KOMMT ZUR QUELLE. UND IN DER QUELLE HAT MAN FRISCHES WASSER. DENN NUR TOTE FISCHE LASSEN SICH MIT DEM STROM TREIBEN.»
10
Daher möchte ich mit euch allen zurückblicken auf die Zeit, in der ich extremen Gegenstrom auf meinem Weg zur Quelle hatte. Ob ich an meiner Quelle angekommen bin? Findet es selbst heraus.
Ich mit vier Jahren in Papis Boxhandschuhen. Das Kämpfen wurde mir wahrscheinlich in die Wiege gelegt.
11
Kindheit und Jugend Geboren bin ich am 30. Mai 1983 in der Frauenklinik in Bern. Meine Kindheit war sehr schön. Meine beiden Schwestern und ich hatten das grosse Glück, dass Mama, als wir klein waren, unseretwegen aufs Arbeiten verzichtet hatte und somit immer für uns da sein konnte. Da wir drei Schwestern alle innerhalb von drei Jahren zur Welt gekommen sind, waren wir fast wie Drillinge. Papa war aus beruflichen Gründen sehr viel unterwegs und aufgrund seiner Arbeit sind wir in den ersten Jahren meiner Kindheit dementsprechend oft umgezogen. Meine klarsten Erinnerungen fangen ungefähr im Kindergartenalter an. Zu dem Zeitpunkt wohnten wir in Benglen (Fällanden, Zürich). Ich weiss noch genau, wie unser Reihenhaus aussah. Ich erinnere mich an die Küche mit der grossen Eckbank, unser hässliches Sofa im Wohnzimmer – dunkles Holz mit einem Stoff, der schrecklich viele Muster hatte – damals war das wohl Mode. Dann die Teppichtreppe, auf der wir immer gespielt haben. Der Garten mit einem kleinen Gartenhaus, in dem wir im Sommer manchmal Mittagsschlaf abhalten durften. Ich habe viele glückliche Erinnerungen an die Zeit in Benglen. Mama hat uns drei Kinder immer gerne ähnlich angezogen. Wir waren ein richtiges Dreimädelhaus. Doch unsere Charaktere konnten unterschiedlicher nicht sein. Meine ältere Schwester Michaela war unser kleiner Bücherwurm. Sobald sie lesen lernte, konnte man sie kaum noch von ihren Büchern trennen. Sie war die Ruhigste von uns dreien. Hingegen konnte ich mit meiner kleineren Schwester Carmen sehr gut mit Barbies spielen. Carmen war immer diejenige mit dem grössten Herz. Ihr war wichtig, dass es allen gut ging. Was wir alle zusammen sehr gut konnten, war streiten. Da flogen so richtig die Fetzen. Wenn es aber hart auf hart kam, hielten wir zusammen wie Pech und Schwefel. Von klein auf hatten wir ein gemeinsames Schlaf- und Spielzimmer. Somit konnten wir uns vor dem Schlafengehen Geschichten erzählen. Wir haben immer unsere eigenen Geschichten erfunden und uns gegenseitig so zum Weitererzählen angespornt, dass der Schlaf oft zu kurz kam. Im Spielzimmer wurde gezeichnet, gebastelt oder einfach nur Kassetten gehört. Michaela liebte die Kassette «Der kleine Muck», deswegen bekam sie auch den Spitznamen Mucki. Mich nannten alle in der Familie nur Bohni (auch heute noch). Diesen Namen verdanke ich Michaela, weil ich wohl als Kleinkind immer wie eine Bohne 12
geschlafen habe. Carmen hingegen war Griggi. Ihr Name entstand dadurch, dass sie für ihr Leben gerne Tirggel ass. Kennt ihr die? Das ist ein traditionelles Zürcher Gebäck. Doch die kleine Carmen konnte Tirggel damals noch nicht aussprechen, also nannte sie sie Girggi. Meine Lieblingskassetten waren die Geschichten über die verschiedenen Komponisten, erzählt von Karlheinz Böhm – dem Franzl von Sissi. Was uns schon zu einer weiteren Passion von mir bringt. Filme … Oh ja, wie ich es geliebt habe, mit Mama Serien oder Filme zu schauen. Eigentlich liebe ich das immer noch. Ich konnte nicht genug davon kriegen und sog alles nur so in mich rein. Doch Bücher lesen; da rissen sich meine Eltern fast beide Beine aus, um mich zum Lesen zu bringen. Irgendwann aber entdeckte ich «Janosch und die Tigerente». Naja, ausgesprochen hochgestochene Lektüre waren diese Bücher nicht. Deswegen liebte ich sie wohl so. Viele Bilder, wenig Text – genau richtig für mich. Meine Eltern waren schon froh, dass ich überhaupt etwas lesen würde. Die richtige Passion für Bücher kam erst später. Dazu komme ich noch. Ich war viel lieber draussen unterwegs. Am liebsten spielte ich in meiner Höhle. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich hatte meine ganz eigene Höhle. Niemand wusste davon, nicht mal meine Eltern. Zu dem Zeitpunkt wohnten wir bereits in Goldiwil im Berner Oberland. Ich hatte bitterlich geweint, als wir Benglen verlassen mussten. Zurück liess ich meinen ersten richtigen Kindergartenfreund. Dominik und ich wollten heiraten. Für mich war er perfekt. Er hatte eine wunderschöne Lampengans in seinem Zimmer. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm. An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass wir wegziehen würden, versteckte ich mich bei ihm zu Hause. Ich wollte nicht weg. Doch meine Eltern versprachen mir, dass ich Dominik immer sehen kann, wenn ich möchte, und wir ihn und seine Familie oft zu uns einladen würden. Das war zwar ein schwacher Trost, aber wenigstens gab es mir Hoffnung. So stieg ich schweren Herzens in den Umzugswagen ein und sagte Benglen Adieu. Das erste Mal in meinem Leben verspürte ich Liebeskummer. Natürlich war es damals noch nicht so schlimm wie später … Nun waren wir also im neuen Haus in Goldiwil. Das Haus war auch schön. Jetzt hatten wir alle unser eigenes Zimmer, einen grossen Garten und daneben eine Riesenwiese, auf der meistens Kühe weideten. Ich liebte Kühe und wollte deshalb auch einen Bauer heiraten. Als ich dann aber einen Bauer mit Käse zwischen den Zähnen sah, war der Wunsch schnell wieder verflogen. Die Liebe 13
aber zu Tieren, besonders zur Kuh, blieb. Wie zuvor erwähnt, musste Papa oft auf Dienstreisen. Manchmal war er tagelang weg und ich vermisste ihn fürchterlich. Also schenkte er mir «Kätheli». Kätheli ist – wie könnte es auch anders sein – meine Stoffkuh. Ein treues «Tier», das bis heute noch in meinem Bett schlafen darf. Wenn Papa wegfuhr, hatte er immer etwas von seinem Rasierwasser auf die Nase der Kuh gesprayt. Dann konnte ich vor dem Einschlafen ganz fest daran riechen und wusste, dass er bei mir war. Man kann also sagen, dass ich ein absolutes Papa-Kind war. Am liebsten verbrachte ich Zeit mit ihm. Er war mein Held in allem, was er tat. Ich konnte mit ihm jeden «Seich» machen und habe das geliebt. So wurde ich wohl mehr oder weniger zum «Bueb» der Familie. Sobald Papa etwas im Garten oder im Keller machte, war ich sein kleiner Schatten. Ich wollte überall mit dabei sein, wenn es ums Handwerkern ging. Rasen mähen, Auto putzen oder Ikea-Möbel aufbauen war einfach super. Doch wenn es um Kulinarisches ging, dann war ich das Mama-Kind. Meine Mama hat schon immer unglaublich gut gekocht und ich esse für mein Leben gern. Bei jeder Mahlzeit sass ich bei Mama in der Küche und lernte dazu. Ich sog wie ein Schwamm alle Handgriffe in mich auf. Mama machte die besten Saucen, die besten Knöpfli, Lasagne – oh, wie ich ihr Essen liebe. Sie war immer sehr geduldig mit mir, hat meine Fragen beantwortet und mir alles beigebracht, was sie wusste. Ich liebte die Zeit mit Mama in der Küche. Mein Leben damals war so schön. Ich hatte einfach alles. Liebe Eltern, liebe Schwestern und liebe Haustiere. Da waren die Meerschweinchen «Joggeli» und «Fläckeli», dann waren da diverse Katzen, die mich in meiner Kindheit begleiteten. Wir hatten «Schnurrli», «Mitzi», «Killerwal», «Tigerli», «Guggeli» und «Kleinmitzi» und, nicht zu vergessen, unseren ersten und zweiten Hund «Bäri». Ja, das Leben war schön. Kommen wir zurück zu meiner Höhle. Die geheime Höhle. Nahe bei unserem Haus war ein Wald. Ich ging sehr oft in diesen Wald und baute kleine Zwergenhäuschen. Dabei bin ich einmal auf eine kleine Höhle gestossen. Sie war unterhalb der Waldlichtung verborgen unter einem Baumstrunk. Für mich war sie perfekt. Heimlich habe ich eine Decke dort hineingeschmuggelt, eine kleine Taschenlampe und sogar mein Buch «Janosch und die Tigerente». Jedes Mal, wenn ich die Höhle besuchte, stellte ich mir vor, wie ich ein kleiner Geheimagent wäre und andere Leute beobachten würde. Ich bastelte aus einem Stein 14
sogar ein Funkgerät. Ich hatte ja schliesslich im Film James Bond gelernt, wie man damit umgeht. Ach, und Proviant hatte ich auch stets dabei. Man geht niemals auf ein Abenteuer, ohne etwas zu essen mitzubringen, nicht wahr? Ich glaube, Mama wusste genau, wo ich mich so rumtrieb. Sie sah ja, dass ich meistens verschmutzt nach Hause kam. Manchmal brachte ich Blindschleichen, Kaulquappen oder einmal sogar eine Schildkröte mit nach Hause. Sie hat immer nur gesagt: «Wo hast du dich bloss wieder rumgetrieben?» Die Schule fing natürlich auch irgendwann an. Wir drei waren alle gute Schülerinnen, aber ich war definitiv der grösste Minimalist. Hat ja trotzdem für gute Noten gereicht. Papa sagte immer zu mir: «Wenn du etwas weniger minimalistisch wärst, würdest du es weit bringen.» Mama und Papa kannten mich halt doch am besten. Sie gaben mir viele Ratschläge, aber ich wollte immer schon mein eigenes Ding machen. Ich war ein richtiger Sturkopf. In allem, was sie mir geraten hatten, behielten sie Recht. Aber ein Sturkopf gibt sowas nicht zu. Ich sagte einmal zu Papa: «Papa, bloss keine Ziele.» Nein, reinschwatzen durfte mir keiner. Ich glaube, die besagte Sturheit hat meine Eltern oft an ihre Grenzen gebracht. Wir alle konnten damals noch nicht wissen, dass ich irgendwann genau diese Sturheit zum Überleben brauchen würde. Nebst Sturheit, gerne zu viel essen und herumtollen im Wald hatte ich noch weitere Charaktereigenschaften. Ich redete für mein Leben gern. Ich glaube, man konnte mich in einen Raum mit Fremden stecken und nach fünf Minuten unterhielt ich alle. Ich war teilweise ein richtig fieser kleiner General. Wehe, man machte nicht, was ich sagte. Ich erinnere mich daran, dass Carmen mal die schönere Barbiepuppe zu Weihnachten erhalten hatte. Das konnte ich keinesfalls durchgehen lassen, also habe ich ihrer Barbiepuppe die Haare abgeschnitten. Als sie (verständlicherweise) damit zu Mama ging, war die Konsequenz, dass ich meine Puppe an Carmen abgeben sollte. Ihr werdet jetzt staunen, ich habe das sogar freiwillig getan – aber nicht, ehe ich auch meiner Puppe die Haare abgeschnitten hatte. Ich glaube, ich war schon eine kleine Hexe. Flavia, damals meine beste Freundin, hatte ich teilweise sogar damit erpresst, dass, wenn sie mir nicht ihr «Züni» gebe, sie nicht mehr meine Freundin sei. Aber hey, ich hatte auch gute Seiten. Ich hätte alles für meine Familie getan. Ich brachte sie gerne zum Lachen, ich habe auf meine Schwestern aufgepasst und bin meinen Pflichten immer – zwar manchmal etwas verspätet – nachgekommen. Ich glaube, im Grossen und Ganzen war ich einfach ein kleines «Lusmeitli» mit Sommersprossen und grünen Augen. Ein Lusmeitli, das schon damals ein recht starkes Mädchen war. Ich konnte gut mit Verletzungen umgehen. 15
Oft hatte ich Schrammen oder blaue Flecken von meiner Kletterei, aber Mama hat mir später mal gesagt, dass ich nie gejammert hätte. Im Gegenteil: Sie wusste immer, wenn ich wirklich mal weinte, war der Schmerz ganz schlimm. Auch das würde mir zu einem späteren Zeitpunkt wahrscheinlich noch das Leben retten. So vergingen die Jahre und nach der Primarschule in Goldiwil kam ich in die Sekundarschule. Ich besuchte die Sekundarschule Länggasse in Thun. Dort lernte ich Fabienne kennen. Wir waren unzertrennlich. Da ich aufgrund der Distanz Thun–Goldi wil über den Mittag nicht nach Hause konnte, durfte ich sehr oft bei ihr zu Hause zu Mittag essen. Die Sekundarschulzeit brachte viele Veränderungen mit sich. Unter anderem zogen wir wieder einmal um. Nun wohnten wir in Merligen am schönen Thunersee. Ich wurde so langsam zum Teenager und mit der Pubertät kam auch das Interesse an Jungs. Somit komme ich zum Thema Lesen zurück. Ihr erinnert euch, dass ich bis anhin kein grosses Interesse am Lesen gehabt hatte. Das änderte sich abrupt, als ich meinen ersten Kitschroman in den Händen hielt. Das Buch «Shanna» von Kathleen E. Woodiwiss wurde zu einem regelrechten «Pageturner» für mich. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen. Es handelte von einer wunderschönen Gutsherrentochter, von Liebe, Piraten, Sex und Mord. Ich wollte mehr über Sex erfahren und kaufte mir von da an nur noch solche Bücher. Es entwickelte sich eine regelrechte Leidenschaft. Ab da konnte mir niemand mehr sagen, dass ich nicht gerne lese. Manchmal träumte ich davon, selbst einmal so einen Mann zu treffen, wie ich es in den Büchern las. Doch mein heimlicher Schwarm in der Sekundarklasse nahm mich nicht wirklich wahr. Ich war schwer verknallt in ihn. Aber für ihn war ich nur ein Kumpel. Das wusste ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht. Ihr fragt euch vielleicht, was aus dem Kindergartenfreund Dominik wurde? Dazu kann ich sagen, dass ich tatsächlich viele Jahre mit ihm in Kontakt geblieben bin. Wir hatten eine Brieffreundschaft und sahen uns immer mal wieder. Doch irgendwann kamen seine Eltern ohne ihn auf Besuch und da wusste ich, dass wir uns verändert hatten. Sein Interesse an mir hatte sich wohl über die Jahre nicht weiterentwickelt und so lebten wir uns auseinander. Somit kam mein Sekundarschwarm ins Spiel. Ich traute mich nie, ihm gegenüber meine Gefühle zuzugeben. Nur Fabienne wusste davon. Eines Tages schmiedeten wir einen tollen Plan: Fabienne verreiste mit ihren Eltern jedes Jahr zusammen mit der Familie von meinem Schwarm und noch einer anderen Familie nach Italien. Sie fragte mich, ob ich auch mitkommen wolle. Klar wollte ich – aber ich musste zuerst die Erlaubnis 16
meiner Eltern haben. Sie kannten die Familie von Fabienne und waren daher einverstanden. Das war der erste Urlaub, den ich ohne meine eigene Familie unternahm. Ich war richtig aufgeregt. Ich hatte keine Ahnung, wie das werden würde. Fabienne und ich planten alles im Detail. Ich speckte extra einige Kilos ab, um eine gute Figur in meinem Bikini zu machen. Wir kauften diversen Schnickschnack ein und packten sorgfältig unsere Outfits, damit auch ja nichts «Wichtiges» zu Hause blieb. Wir fuhren nach Lignano Sabbiadoro. Fabienne und ich teilten uns ein eigenes Apartment, die Klimaanlage darin versagte aber kläglich. So schleppten wir kurzerhand die Matratze vom Bett auf den Balkon, wo wir nachts bei herrlichen Temperaturen schlafen konnten. Gerade angekommen, zog es uns direkt an den Strand. Da war ich nun in meinem neuen Bikini und versuchte, meinen Schwarm von mir zu überzeugen. Aber er nahm mich kaum wahr. Im Gegenteil, er beleidigte mich sogar damit, dass ich aussähe wie ein Walross. Autsch – mein Herz war gebrochen. Ab diesem Zeitpunkt war er für mich Geschichte. Lange darüber zu trauern war nicht mein Ding. Ich war ja schliesslich im Urlaub. Dann, eines Abends in einem Restaurant, traf ich Antonio. Er war ein Student aus Florenz, der dort kellnerte. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Antonio war sehr charmant und führte mich jeden Abend aus. Der Urlaub neigte sich dem Ende zu und unser Abschlussessen war erneut in dem Restaurant, in dem Antonio kellnerte. Ich vergesse nie den Moment, als er mir meinen Caprese-Salat brachte und am Rand mit Ketchup «Ti amo Patrizia» geschrieben stand. Alle lachten und machten doofe Sprüche, aber ich schwebte mit hochrotem Gesicht auf Wolke sieben. Nach Antonios Schichtende trafen wir uns am Strand. Ein wunderschöner Abend am Meer im Mondlicht. Der Sternenhimmel war klar und ich hörte das Rauschen des Meeres. Alles war so kitschig schön, wie ich das oft in meinen Büchern gelesen hatte. Ja, ihr könnt euch denken, was danach passierte. Antonio war mein erstes Mal. Und Gott sei Dank war mein erstes Mal wunderschön. Ich glaube, dank dieser Erfahrung konnte ich später Sex und Gewalt besser unterscheiden. Der Urlaub war zu Ende und wir fuhren zurück in die Schweiz. Antonio und ich hatten noch einige Monate Kontakt, doch dann trennten sich unsere Wege. Ich glaube, uns beiden war klar, dass es nur eine wunderschöne Urlaubsbekanntschaft gewesen war. Ich war damals gerade mal 16 Jahre alt. Weiter wollte ich zu dem Zeitpunkt gar nicht denken. Der Urlaub veränderte mich. Ich glaube, am meisten spürten das meine Eltern. Ich kam nach Hause, hatte rot 17
gefärbte Haare und einen Knutschfleck am Hals. Ich glaube, die entsetzten Blicke meiner Eltern muss ich euch nicht schildern. Jeder Elternteil hätte wahrscheinlich gleich reagiert. Ach ja, und ich kam nicht etwa mit schönen Souvenirs nach Hause. Nein, ich brachte eine Flasche Keglevitch Vodka mit Shotgläsern. Die Freude des Wiedersehens hielt sich somit eher in Grenzen. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich meine Eltern nicht verstehen konnte. Wie auch, ich war ja ein pubertierender Teenager. Nach der Sekundarschule in Thun besuchte ich das Gymnasium. Ich entschied mich aufgrund meiner Leidenschaft zur Musik für das musische Gymnasium Seefeld in Thun. Zu dem Zeitpunkt spielten wir alle drei Schwestern Klavier. Das heisst, die anderen beiden spielten, ich hämmerte. Klavier war nie meine Passion. Ich wollte Schlagzeug spielen. Ich wollte etwas Lautes. Zum Glück hatte ich eine wundervolle Klavierlehrerin. Denise war fantastisch. Eine temperamentvolle Französin, die gleich durchschaute, dass Balladen nicht mein Ding waren. Ich spielte Béla Bartók und brachte meine Eltern fast um den Verstand. Jeden Tag das gleiche Gehämmer. Ich fand es lustig, doch bald schon wurde beschlossen, dass Klavier wohl doch nicht so meins war. Somit wechselte ich auf Flöte. Das liebte ich. Ich spielte von Garklein bis Tenor alle Flöten und war auch gut. Ansonsten denke ich nicht gerne an die Zeit im Gymnasium zurück. Ich hatte grosses Pech mit meiner Klasse. Ich fühlte mich als Aussenseiterin. Die einzigen Freunde, die ich fand, waren in Parallelklassen, in meiner eigenen Klasse fand ich keinen Anschluss. Da waren diese Mädchen, die es liebten, Geschichten über mich zu erzählen. Sie stempelten mich als Lesbe ab. Keine Ahnung, aufgrund welcher Tatsachen sie auf diese Annahme kamen. Ich litt stark darunter. Es ist ein unschönes Gefühl, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Eines Tages kam unser Klassenlehrer ins Klassenzimmer und verteilte Broschüren von AFS. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die Austauschprogramme mit dem Ausland anbietet. Für mich war das DIE Lösung, um aus dieser Klasse rauszukommen. Ohne mich überhaupt erst mit jemandem abzusprechen, registrierte ich mich noch am selben Abend für das Austauschprogramm. Zum Glück waren meine Eltern gegenüber solchen Spontanhandlungen immer sehr aufgeschlossen. So ein Austauschjahr kostet eine Menge Geld. Doch meine Eltern ermöglichten mir diese Chance mit der Bedingung, einen Abschluss nach Hause zu bringen und mich sprachlich reinzuhängen.
18
Im Jahr 2000 war es dann so weit. Im Alter von 17 Jahren flog ich in die USA. Ich kam zu einer Gastfamilie in King City, California. Ich hatte unbeschreibliches Glück mit meiner Gastfamilie. Die Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Offenheit, die sie mir entgegenbrachten, war wunderschön. Ich lernte so viele freundliche Menschen und Freunde kennen – man kann sogar sagen, dass ich dort eine zweite Familie dazugewann. Ausserdem bekam ich dort tatsächlich die Chance, meinen Abschluss zu machen. Ich durfte alles miterleben. Abschlussball, Graduation, Disneyland, Las Vegas, San Francisco, Los Angeles, Hollywood, Universal Studios, einfach alles – ein Traum wurde wahr. Obwohl ich meine Familie und Freunde in der Schweiz vermisste, war die Erfahrung in California unbezahlbar. All diese Erinnerungen alleine würden ein ganzes Buch mit Memoiren füllen. Mit 19 Jahren kehrte ich zurück in die Schweiz und war um einen Abschluss, eine Sprache, eine Familie sowie unzählige Freunde und Erinnerungen reicher.
Das Dreimädelhaus. Mit meinen beiden Schwestern Michaela und Carmen in der Toskana.
19
Interlaken Wieder zurück in der Schweiz, war alles anders. Ich war durch meine Erfahrungen in den USA «erwachsen» geworden. Für mich schien es wie ein Rückschritt, wieder zu Hause bei meiner Familie zu wohnen. Ich wollte selbstständig sein. Die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und der Schweiz wurden mir erst richtig bewusst. Ich habe in den USA die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen geliebt. Alles ging mir in den USA so leicht von der Hand. Zu Hause in der Schweiz schien mir alles wieder so strikt und erzwungen. Selbst beim Busfahren fiel es mir auf. Keiner grüsst dich am Morgen, wenn du einsteigst. Alle sind irgendwie nur mit sich selbst beschäftigt. Ausserdem standen viele Entscheidungen an. Wie sollte es bei mir weitergehen? An eine Uni war für mich damals nicht zu denken. Ich wollte möglichst schnell arbeiten, auf eigenen Beinen stehen, mein eigenes Geld verdienen. Um eine Lehrstelle für eine kaufmännische Ausbildung zu suchen, war ich schon etwas spät dran. Doch dank meinen dazugewonnenen Englischkenntnissen bekam ich einen Ausbildungsplatz in einem der schönsten Hotels der Welt – dem Victoria-Jungfrau Grand Hotel und Spa in Interlaken. Obwohl sie bereits einen Lehrplatz vergeben hatten, schafften sie einen zweiten und nahmen mich auf. Am Anfang der Ausbildung wohnte ich noch in Merligen im Elternhaus und pendelte täglich nach Interlaken. Das war zu Beginn der Ausbildung auch noch möglich, weil ich im ersten Lehrjahr noch keine unregelmässigen Arbeitszeiten hatte. Doch eigentlich wollte ich ja selbstständig sein. Ich wollte feiern gehen, mich mit anderen treffen und nicht immer zu Hause Rechenschaft ablegen. Die befreundete Familie Straubhaar bot mir einen perfekten Ausweg. Ich kannte Annelis und Heiner schon viele Jahre, weil ich immer ihre kleine Tochter Bettina gehütet hatte. Die Zeit mit Bettina und ihren Eltern gehört zu meinen schönsten Jugenderinnerungen. Ich war gerne bei ihnen. Sie behandelten mich immer wie eine Erwachsene und ich konnte durch Bettina so viel über Kinder lernen. Sie wurde wie eine weitere kleine Schwester für mich. Bettina hatte aber auch noch eine Tagesmutter in Matten bei Interlaken. Die Tagesmutter «Riedergrosi» wohnte in einem Einfamilienhaus und hatte die Dachwohnung frei. So kam ich zu meiner ersten eigenen Wohnung. Okay, ich war 20
dem Ganzen gegenüber sehr optimistisch eingestellt. Doch wie ich bald merken musste, ist Selbstständigkeit teuer. Ich musste mit meinem Lehrlingslohn über die Runden kommen. Da waren plötzlich Miete, Versicherungskosten, Lebensmittel, Handyrechnung usw. zu bezahlen. Ich wusste, dass ich immer zu meinen Eltern zurückgehen konnte, aber wieder mal liess es mein Stolz nicht zu. Einmal mehr ein Sturkopf. Ich wollte alles alleine schaffen. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Zum Glück gab es nach Banketten im Hotel teilweise Essensreste, womit ich mich eindecken konnte. Ausserdem hat «Riedergrosi» ab und zu sogar für mich gekocht. Am meisten bereue ich jedoch, dass ich manchmal heimlich in ihren Keller gegangen bin und aus dem Tiefkühler Schinkengipfeli «geklaut» habe. Ich bin überzeugt davon, dass «Riedergrosi» es wusste, aber sie hat nie etwas gesagt. Sie war eine liebenswerte Vermieterin. Ich hingegen war ein schwieriger Mieter. Da ich in meiner Klasse die Einzige war, die bereits alleine wohnte, hatte ich viel Besuch – oder, genauer gesagt, viele Partys. Im Nachhinein denke ich manchmal, vielleicht hätte ich doch noch etwas länger zu Hause bleiben sollen. Die drei Jahre Wirtschaftsschule waren wilde Zeiten. Ich habe ganz tolle Freunde dazugewonnen. Am meisten Zeit verbrachte ich mit Christoph, Christian, Simon, Daniel, Katja und Mariela. Mit ihnen hatte ich viel Spass. Wir besuchten viele Partys oder hingen einfach nur auf der Höhematte rum. Das war auch die Zeit, in der ich das Kiffen entdeckte. Meine Güte, hab ich in der Zeit viel geraucht. Das war sicherlich ein Grund, weshalb ich meine Familie stark vernachlässigt hatte. Ich wusste ganz genau, dass meine Eltern meinen Lebensstil nicht gutheissen würden. Ich weiss nicht, ob es solche Phasen im Leben braucht. Ich glaube, in allem, was du tust, ist es wichtig, eine Grenze zu bewahren. Für mich war es glücklicherweise nur eine Phase und ich kam davon wieder weg. Ich weiss aber auch, dass die Versuchung gross ist, die Grenze zu überschreiten. Irgendwann reichen die kommerziellen Drogen für viele nicht mehr aus … Ich habe dadurch einen meiner besten Freunde verloren. Er hat mir aufgezeigt, wie heiss das Spiel mit dem Feuer sein kann. Im Hotel lernte ich viele verschiedene Menschen kennen. Da gab es natürlich die Reichen, die dachten, dass man mit Geld alles kaufen kann. Manchmal kamen aber auch Gäste, die sich einfach mal was Besonderes leisten wollten. Solche Menschen mochte ich sehr gerne. Sie waren schon mit Kleinigkeiten zufrieden und wenn man sie dann mit etwas Aussergewöhnlichem überraschen konnte, strahlten ihre Augen und ich fühlte mich gut. Es ist nicht immer einfach, die eigenen Gefühle hinten anzustellen. Sobald ich die Front betrat, 21
musste ich die Maske aufsetzen. Einen Gast interessiert es nicht, ob du gute oder schlechte Laune hast. Für ihn zählen nur die schönen Erinnerungen, die er aus dem Hotel mit nach Hause nehmen kann. Dementsprechend lag mir auch viel daran, dass die Gäste zufrieden abreisen konnten. Durch die Schichtarbeit ist es teilweise schwierig, zu Standardzeiten mit Freunden und Familie etwas zu unternehmen. Im Hotel gibts so was wie Freizeit kaum. Also baute ich mir mein Netzwerk Hotel-intern auf. Da bei den Mitarbeitenden jeweils viele Saisonwechsel stattfanden, waren die Freundschaften leider nicht immer von Dauer. Ich habe aber tolle Menschen kennengelernt. Zu einigen davon habe ich heute noch Kontakt. Zwei aussergewöhnliche Freundschaften, die mir aus dieser Zeit geblieben sind, gehören heute noch zu meinen besten Freundinnen. Ich spreche von Brigitta und Susanne. Brigitta war in der Buchhaltung meine Lehrmeisterin und Susanne war die Friseurin im Hotel. Ich habe jede Minute mit ihnen genossen. Ich konnte lachen, dumme Sprüche machen und abends um die Häuser ziehen. Sie beide sind sicherlich Gründe, weshalb ich später auch sehr schöne Erinnerungen an Interlaken in mein Gedächtnis zurückzaubern konnte. Manchmal glaube ich, dass ich zwei Gesichter hatte. Einerseits die Vorzeigetochter, die im Nobelhotel arbeitete. Andererseits der Partymensch, der aus allem ausbrechen wollte. Im Hotel konnte ich meine Vorzeigeseite gut präsentieren. Ich war eine fleissige Lehrtochter, die gute Noten schrieb, immer ein Lächeln zeigte und die Gäste wie Königinnen und Könige behandelte. Ich liebte meine Arbeit an der Front. Das Direktionspaar Berger waren sehr sympathische Menschen. Mir war immer schon wichtig, dass ich niemanden enttäuschte. Ich wollte gut sein in dem, was ich tat. Doch ich wusste nicht, dass das zweite Gesicht mich schon sehr bald in eine üble Situation bringen würde.
22
18. Juni 2004 – der Tag, an dem sich alles änderte Da war ich nun, am Tag im Nobelhotel, in der Nacht am Feiern. Die drei Jahre der Ausbildung gingen schnell vorbei und mit schnellen Schritten näherte ich mich den Lehrabschlussprüfungen. Einige Wochen davor, es war der 17. Juni 2004, bin ich wie gewöhnlich mit meinem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Während der Arbeit fragte mich ein Arbeitskollege, ob ich Lust hätte, am Abend mit paar Kollegen im «Metro» etwas trinken zu gehen. Der Kollege hatte seinen letzten Arbeitstag und wollte seinen Abschied feiern. Ich sagte nicht definitiv zu, weil ich aufgrund der Schichtarbeit ziemlich müde war. Zu Hause ass ich etwas Kleines und legte mich ein paar Stunden aufs Ohr. So gegen Mitternacht erwachte ich und konnte nicht mehr einschlafen. Die meisten wären wahrscheinlich trotzdem liegen geblieben. Ich leider nicht. Ich beschloss, nun doch noch ins «Metro» zu gehen. Ich duschte, zog mir meine Lieblingsjeans und ein grauweisses Top an. Meine langen Haare steckte ich hoch und ich schminkte mich etwas extravaganter als sonst. Ich fühlte mich gut. Ich erinnere mich, dass ich meinem Spiegelbild zulächelte und sagte: «Heute siehst du gut aus und wirst Spass haben …» Ich ging zu Fuss zum «Metro», weil ich wusste, dass ich wahrscheinlich etwas trinken würde und mir ausserdem ein kleiner Nachtspaziergang guttat. Ich weiss noch, es war eine herrliche Sommernacht. Nach etwa 15 Minuten kam ich im «Metro» an. Das «Metro» war damals ein Danceclub. Als ich dort ankam, waren alle schon in sehr guter Stimmung. Ich trank zwei Wodka-Redbull und amüsierte mich. Anschliessend zogen wir weiter in einen anderen Club, das «Black & White». Dort trafen wir weitere Mitarbeitende vom Hotel. Es war heiss und stickig, deshalb ging ich zur Bar und bestellte ein Glas Wasser. So gegen 2.30 Uhr am Morgen des 18. Juni 2004 hatte ich genug. Ich wollte einfach nur noch nach Hause. Ohne mich gross zu verabschieden, lief ich los. Ich nahm meinen gewöhnlichen Nachhauseweg über die Höhematte und lief durch die kleine Nebenstrasse, wo sich auch die Wirtschaftsschule, welche ich damals besuchte, befand. Bereits auf der Höhematte hatte ich das ungute Gefühl, verfolgt zu werden. Ich fing an, so zu tun, als ob ich telefonieren würde. Doch irgendwie kam ich mir 23
doof und paranoid vor. Also steckte ich mein Handy wieder in die Tasche und lief weiter. Danach ging alles so verdammt schnell. Er kam von links und schlug mich an die Schläfe. Dann packte er mich mit seinem linken Arm und begann mich zu würgen. Ich hatte Angst, konnte nicht denken, hatte kaum Luft. Er sagte irgendwas von Stoff. Ich konnte nicht antworten. Ich versuchte mit meinen Armen seinen Druck um meinen Hals zu lösen … ohne Erfolg. Mir war schwindlig und ich konnte nicht denken. Er zog mich weiter zu den Fahrradständern der Wirtschaftsschule. Dort warf er mich auf den Boden. Vom Aufprall blieb mir für einen kurzen Moment die Luft weg. Ich hatte Schmerzen. Sofort fing er wieder an, mich zu würgen, und legte seinen ekligen, schweren Körper auf mich. Er versuchte mich zu küssen, ich aber biss ihn in seine Unterlippe. Daraufhin schlug er mich ins Gesicht. Er schlug so hart zu, dass ich spürte, wie das Blut aus meiner Nase warm über mein Gesicht lief. Er richtete sich etwas auf. Seine linke Hand war nach wie vor fest um meinen Hals geschlossen. Mit seiner anderen Hand zerriss er mein Shirt und zog meinen BH runter. Er öffnete brutal meine Jeans und zerstörte dabei den Reissverschluss. Nun kniete er sich auf mich und öffnete seine eigenen Hosen. Meine Unterhosen zog er auf Kniehöhe runter. Er legte sich auf mich. Er war so schwer und gross. Sein Atem roch nach einer Mischung aus Zigaretten und Alkohol – einfach widerlich. Mir wurde übel und ich hatte Panik. Ab da war für mich alles wie benebelt. Ich versuchte immer wieder nach Luft zu ringen, mir wurde von Sekunde zu Sekunde schwindliger, ich sah nichts mehr klar – wie ein Filmriss. Ich fühlte heftige Stösse, konnte aber nicht einordnen, ob es sein Penis oder seine Finger waren. Ich spürte Schmerzen und Kälte und meine Gedanken schweiften ab. Ich erinnerte mich an schöne Sachen aus meiner Kindheit. Ich blendete alles aus, vielleicht habe ich geschrien, vielleicht geweint, vielleicht war ich auch einfach nur still. Ich weiss es nicht. Plötzlich bekam ich wieder Luft, er richtete sich auf. Er schaute umher. Irgendwie schien er durch etwas aufgeschreckt. Da sah ich zwei Männer auf uns zukommen. Mein erster Gedanke war: «Scheisse, die gehören dazu.» Doch die beiden Männer stellten sich als meine Retter heraus. Sie zogen ihn weg, sie fingen an zu diskutieren und schreien, doch ich hörte nicht zu. Ich wollte nicht herausfinden, wer sie waren. Meine Überlebensinstinkte wurden in dem Moment das erste Mal so richtig wach. Ich wollte leben. Ich wollte weg. Ich wollte einfach nur in Sicherheit. Ich zog mich mit letzter Kraft an den Fahrradständern hoch, zog die zerrissene Jeans hoch und rannte um mein Leben. Mein Herz raste, ich spürte nichts, fühlte mich leer und doch voller Panik. Ich 24
verschloss die Haustür hinter mir und blieb davor sitzen. Ich weinte ganz leise vor mich hin und zitterte am ganzen Körper. Ich weiss nicht, wie lange ich dort sass. Ich wollte kein Licht anmachen, aus Angst, der Täter würde mir folgen. Ich sass einfach nur dort und weinte. Irgendwann stand ich auf und lief ins Badezimmer. Die Storen waren zu, der Vorhang war gezogen. Ich machte Licht und sah in den Spiegel. In denselben Spiegel, in dem ich mich vor ein paar Stunden noch bewundert hatte. Was ich nun sah, war nichts. Ich hasste mich selbst. Ich sah Blut, blaue Flecken, rote Augen und doch nichts. Ich wollte mich nur noch reinigen. Ich duschte sehr, sehr lange und weinte weiter. Kurz vor 7 Uhr zog ich mich an. Ich warf alle Kleider und Schuhe in den Müll. Die blauen Flecken versuchte ich zu überschminken, mit der Uniform vom Hotel kam ein Foulard, welches ich um meinen Hals band, um seine Fingerabdrücke zu überdecken. Um 9 Uhr war ich wieder auf der Arbeit. Meinem Chef habe ich gesagt, dass ich die Treppe runtergefallen sei. Ich wollte alles vertuschen. Mein Chef meinte nur, dass ich besser nach Hause gehe und mich erhole. Ich ging um 12.10 Uhr aus dem Hotel und ging noch schnell zum Coop Pronto, um mir etwas zum Essen zu holen. Der Gedanke, dass ich abends nochmal raus müsste, machte mir höllische Angst. Als ich aus dem Coop kam und meine Fahrradkette aufschloss, hörte ich dieselbe schreckliche Stimme vom Täter. Er sagte in gebrochenem Deutsch: «Diesmal hast du Glück gehabt!» Ich war wie gelähmt und drehte mich nicht um. Ich zitterte und konnte kaum atmen. Als ich mich aufrichtete, war er weg. Müde schleppte ich mich zur nächsten Apotheke und verlangte nach der Pille danach. Ich wurde in ein Nebenzimmer geführt und man fragte mich, was die Gründe für die Pille seien. Ich erwiderte einfach nur: «Hatte Geschlechtsverkehr ohne Verhütung.» Ich schluckte die Pille und dachte, jetzt ist es vorbei. Die nächsten Tage blieb ich zu Hause. Ich wollte nicht mehr raus, hab nur noch online Essen bestellt und mich buchstäblich in der Wohnung eingesperrt. Irgendwann in diesen Tagen machte ich einen Aidstest. Doch was mir zu dem Zeitpunkt nicht klar war, ist die Tatsache, dass man nach der möglichen Infizierung drei Monate warten muss, um ein eindeutiges Ergebnis zu erhalten. Jede Nacht plagten mich Albträume. Ich urinierte sogar ins Bett vor Angst. Immer redete ich mir ein, dass die Zeit alle Wunden heilen würde. Die Blutergüsse am Körper fingen an zu verschwinden. Am schlimmsten waren die 25
Spuren am Hals und an der rechten Brust. Ich fühlte mich leer und machte mir selbst täglich Vorwürfe, dass ich in jener Nacht nicht zu Hause geblieben bin. Die schlimmste Prüfung kam aber erst noch. Ich musste an den Ort zurück, wo alles geschehen ist. Ich hatte nämlich ausgerechnet dort meine Lehrabschlussprüfungen. Wie ich das geschafft habe, weiss ich bis heute nicht. Mit aller Kraft habe ich mich nur noch auf die Prüfungen konzentriert. Ich wollte nicht, dass er mir auch das noch nehmen konnte. Etwa zwei Monate später hatte ich alle Prüfungen bestanden und arbeitete wieder im Hotel. Doch nichts war mehr wie zuvor. Ich distanzierte mich von den anderen und machte Fehler beim Arbeiten. Irgendwann kam es zum Gespräch beim Vizedirektor. Man hatte sich über mein Verhalten beklagt. Ich entschuldigte das Ganze mit «Prüfungsstress» und versprach, mich wieder zu bessern. Schlussendlich konnte ich es nicht länger für mich behalten. Ich erzählte meiner jüngeren Schwester Carmen davon. Obwohl sie mir versprechen musste, nichts zu sagen, tat sie das einzig Richtige und informierte meine Eltern darüber. Meine Eltern waren verzweifelt. Ich vergesse nie die Combox-Nachricht meines Vaters, als er sagte: «Wir wissen davon, komm bitte nach Hause …» Erst am 18. September 2004, also genau drei Monate später, habe ich meinen Eltern alles erzählt. Ich habe ein offenes Verhältnis zu meinen Eltern, aber ich hatte zuvor nie mit ihnen über meine sexuellen Erfahrungen gesprochen. Dann plötzlich so ein intimes und schreckliches Erlebnis zu erzählen, war extrem schwer für mich. Am Sonntag, 19. September 2004 etwa um 20 Uhr rief mein Vater die Polizeizentrale 117 an und meldete mit meinem Einverständnis die Vergewaltigung.
26
Was nun? Nun wussten meine Familie und die Polizei davon. Also suchte ich bald darauf auch das Gespräch mit der Direktion Berger. Ich erzählte ihnen von der Vergewaltigung. Nun hatten sie endlich einen plausiblen Grund, der meine Verhaltensänderungen erklärte. Das Einzige, das ich ihnen vorwarf und auch äusserte, war der Hinweis, dass man vielleicht in Zukunft nicht voreilig über Verhaltensänderungen urteilen sollte. Zumal es doch wirklich seltsam war, dass sich eine Mitarbeitende, die immer gute Leistung erbracht hatte, von einem Tag auf den anderen wie ein umgekehrter Handschuh verhielt. Das Verständnis war gross und das Direktoren-Ehepaar ging herzlich mit mir um. Sie waren betroffen und entsetzt, dass in einem idyllischen Ort wie Interlaken so etwas passieren konnte. Ich bedankte mich für die gute Zeit, die ich in diesem grossartigen Hotel erleben durfte, und für alles, was ich dort lernen durfte. Ich teilte ihnen ebenfalls mit, dass ich nun vorhatte, am 25. September 2004 zwecks Sprachaufenthalts für ein halbes Jahr nach Frankreich zu gehen. Das war der Abschluss meiner Zeit in diesem Hotel. Da nun die drei Monate vorbei waren, konnte ich endlich auch den Aidstest machen. Mein damaliger Hausarzt führte den Test mit mir durch. Dann die Erleichterung, ich hatte mich nicht mit HIV oder Hepatitis infiziert. Meine Mutter begleitete mich auch noch zu meiner Gynäkologin. Zum Glück war auch körperlich soweit alles gut verheilt. Was mir zu schaffen machte – aufs Körperliche bezogen –, war die Schilddrüse. Vom Würgen des Täters bis zur Bewusstlosigkeit hatte sich meine Schilddrüse nicht wieder erholt. Ich entwickelte eine starke Überfunktion und musste daher viele Tabletten schlucken. Ebenso hatte ich seit der Tat Schwierigkeiten beim Atmen. Der heftige Schlag auf meine Nase hatte die Nasenscheidewand verschoben. Die Ärzte rieten mir zu Operationen an Schilddrüse und Nase, aber ich wollte noch zuwarten. Den Entscheid, doch zu operieren, traf ich erst später. Bei der Polizei wurde ich verhört. Das war schrecklich. Alles verlief so herzlos. Ich musste alles im Detail schildern. Ein mehrseitiges Protokoll wurde erstellt. Jede Seite musste ich einzeln nochmal durchlesen und signieren und das alles, damit ich dann am Schluss die Aussage bekam: «Ist gut Frau Maurer, wir glau27
ben Ihnen.» Was soll das? Anscheinend gibt es tatsächlich Menschen, die so etwas erfinden. Traurig, sage ich da nur. Die Polizei versprach mir, nach dem Täter zu suchen. Ich musste ihn beschreiben. Ich sehe den Text noch heute vor mir: Hautfarbe: Marokkanisch oder arabisch (Annahme der Polizei) Haare: Schwarz, kleine Locken, glatt am Kopf mit Gel festgepresst, an den Schläfen graue Strähnen Statur: Sehr breite Schultern und dicker Bauch Alter: Schwer einzuschätzen, ca. zwischen 38 und 45 Jahren alt Augen: Sehr nahe zusammen, Farbe schwer zu erkennen im Dunkeln Besonderes Merkmal: Sein Daumen an der linken Hand war krallenförmig Kleider: Schwarze Jeans und langes dunkles Hemd Stimme: Heisere Stimme mit einem französischen Akzent, «r» stark rollend Das also beschrieb das Monster vom 18. Juni 2004 … Sie haben ihn bis heute nie erwischt. Die Polizei vermutet, dass er abgetaucht ist. Doch wie weiter? Ich bekam Opferhilfe und einen Anwalt zur Seite gestellt. Wusstet ihr, dass man für eine Vergewaltigung finanziell entschädigt wird? Doch kann Geld helfen? Nein, mit Geld werden keine Erinnerungen gelöscht … Ich wollte einfach nur vergessen. Abstand nehmen vom Bösen. Vielleicht fragt ihr euch, wieso ich nicht früher zur Polizei gegangen bin. Ich glaube, auf so eine Situation kann man sich nie vorbereiten. Ich persönlich konnte nicht klar denken. Ich wollte mir einreden, dass ich das alles vergessen könnte und normal weiterleben würde. Das war natürlich eine grosse Illusion. Ich machte mir selbst Vorwürfe, schämte mich. Je mehr Leute davon erfuhren, desto schlimmer wurde es für mich. Die Sprüche im Umfeld, mit denen man konfrontiert wird, sind unglaublich. Dinge wie: «Hast du es provoziert?» – «Stell dir doch einfach vor, dass es Sex gewesen wäre.» – «Du hast ja Glück gehabt, er hätte dich umbringen können.» usw. Ich konnte all das nicht verstehen. Wie kann man so was provozieren? Selbst wenn ich nackt über die Strasse gelaufen wäre, gäbe das niemandem das Recht, mich einfach so zu nehmen. Und wie kann man so etwas mit Sex vergleichen? Und grundsätzlich kann man nach so einer Tat schon gar nicht von Glück sprechen. Ein Täter kriegt wahrscheinlich zwei Jahre Zuchthaus. Ich 28
verstehe das nicht. So eine Tat zerstört einen Menschen. Zurück bleibt Scham, Angst, Trauer, Einsamkeit, Depression und vieles mehr. Mein Versuch, die Normalität ohne fremde Hilfe zu finden, scheiterte kläglich. Aber das fand ich leider erst später heraus. Ich entschied mich für den Sprachaufenthalt in Montpellier, Frankreich. Ich dachte an meine schöne Zeit in den USA zurück und erhoffte mir, durch einen Kulissenwechsel etwas Abstand zu meinen Ängsten zu gewinnen. Doch genau diesen Entscheid würde ich ebenfalls bereuen. Vor den eigenen Problemen davonzulaufen, ist grundsätzlich eine schlechte Idee.
29