VO N B E R G E N U N D A N D E R E N TÄ L E R N 978-3-03922-148-6 Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch
M AU R I C E C AV I E Z E L
Diese alpinistischen Kurzgeschichten, erlebt und gelebt als ehemaliger Hüttenwart und erfahrener Alpinist, sind keine konventionellen Heldenepen, sondern dichte und authentische Erzählungen in und um die einzigartige Welt der Berge. Humorvolle Worte, die ansprechen, die nach mehr verlangen, die verwundern und stets eine überraschende Wendung nehmen. Erfrischende Beschreibungen, die für Laien wie auch für Alpinistinnen und Hüttenliebhaber verständlich, witzig und anregend sind. Berichte, die ein ungläubiges Staunen hervorrufen und ein verschmitztes Lächeln auf die Lippen zaubern.
VON BE RGEN UND ANDEREN TÄLERN
M AU R I C E C AV I E Z E L
K U R Z GESCHICHTEN
UMDA.MDEREM TA.LERN ■■
Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2022 Weber Verlag AG CH-3645 Thun / Gwatt Text: Maurice Caviezel Collagen: Natalie Hauswirth
Weber Verlag AG
Gestaltung Cover: Sonja Berger Gestaltung Inhalt und Satz: Celine Lanz Bildbearbeitung: Adrian Aellig Lektorat: Madeleine Hadorn Korrektorat: David Heinen ISBN 978-3-03922-148-6 www.weberverlag.ch Der Weber Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership
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WEBERVERLAG.CH
INHALT Das Date
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Coca-Cola
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Das erste Mal
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Der fliegende Holländer
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Das Geplauder
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Der Tödi
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Das Wetter
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Die Mutter und der Hüttenwart
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Der Aufstand
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Dünne Schnur
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Der Freund
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Kalter Entzug
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Der Gast
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Saurer Regen
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Der Geburtstag
24
Spuren im Schnee
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Der Kuchen
26
Karge Literatur
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Der Lauf
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Marco, Rosa, Heiri und Martin
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Meine Patin
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Das Ende im Norden
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Die Generation
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Alt am Berg
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Die Jugendsünde
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Froh gelockt mit Dauerwelle
76
Die Liebe
39
Goldener Herbst mit Silberfinger
80
Schöne Schuhe
40
Eglisau, Darmstadt oder Lachen?
82
Die Spur
43
Herzschmerz
84
Abschiedsschmerz
45
Danke
88
Alpiner Wutanfall
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Kurzbiografie
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Baumgrenze
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DAS DATE Alpenromantik. Bergromantik. Romantik-Romantik. Gerne spricht man davon. Mann und Frau. Zu zweit im Winterraum. Tief verschneites Alpenland. Knisterofen und Kerzenwärme. Für mich ist heute meine Übernachtung ein Notnagel. Zu spät unterwegs war ich. Und zu lange gebraucht habe ich. Und die elende Stirnlampe verkümmert gerade zum Lichtlein. Ich trete ein, grüsse sehr freundlich und erkläre meine kleine Notlage und Entscheidung der Übernachtung. Sie, Anfang fünfzig, nimmt dies leicht säuerlich zur Kenntnis. Er, Ende fünfzig, plaudert unentwegt von seinen Räubergeschichten. Gespeist haben sie schon. Im Schrank unter der Spüle finde ich doch tatsächlich ein Pack Riz Casimir aus dem Jahre 2015. Ich danke lächelnd der Migros. Der Herr Hotzenplotz nimmt nun die Frau heftig in Beschlag. Ich begreife, dass das Paar kein Paar ist. Unentwegt lästert der Mann über seine Frau, seine «Madame, alleine zu Hause». Erzählt, dass er gesund und fit ist. Und dass seine Altersvorsorge tipptopp im Trockenen sei. Elitepartner.ch, denke ich mir und futtere meine Kalorien. Die Frau, angestachelt durch die Schimpftiraden des Mannes, steigt ebenfalls auf die Denunzierungsschiene ihres Gegenübers auf. Das Zuhören stimmt mich traurig. Tieftraurig. Abgang meinerseits mit dicken Dingern in meinen Ohren. Der Schlaf überkommt mich sofort. Das Zuschlagen der Eingangstür lässt mich hochschrecken. Zerknautscht stelle ich fest, dass die zwei bereits weg sind. Zerdrückt schlürfe ich Instantkaffee und danke dieses Mal dem Coop. Die Morgenluft fühlt sich rein und kräftig an. Beim Abstieg überkommt mich wieder tiefe Betrübtheit. Ich stoppe meinen Lauf, beobachte ein Rudel Steingeissen mit ihrem flauschigen Nachwuchs und frage mich, was mich leidvoller stimmt: die Tatsache, dass zwischen nicht verräumten Wolldecken ein gebrauchtes Kondom samt Verpackung liegt, oder der Fakt, dass Ehrlichkeit ein wertvolles Gut ist? Ich reflektiere meine eigenen kleinen und grossen Lügen und nehme mir vor, in Zukunft ehrlich(er) zu sein.
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DAS ERSTE MAL Die Rekrutenschule in Andermatt ist beendet. Motiviert bis unter die dritte Hautschicht fahren wir ins Bergell, das Patagonien der Schweiz. Mein Seil ist ausgeliehen. Der Rest an Kletterutensilien mehr schlecht als recht vorhanden. Zu viert sind wir unterwegs. Drei Jungs und ein Mädel. Am ersten Tag gurken wir an einem unbekannten Grat herum, überwinden kleinere Boulderprobleme, lassen Seilknoten in Rissen verschwinden und hantieren mit Friends herum – das sind mobile Sicherungsgeräte für Kletterrouten. Am folgenden Tag steht ein Klassiker auf unserem Programm. Wir wählen zwei verschiedene Routen aus, um uns dann oben auf der berühmt-berüchtigten Spitze zu treffen. Meine ersten Seillängen beginnen moderat. Bei der vierten Länge steige ich wieder vor. Anstatt weiter der Originalroute zu folgen, würge ich mich einen schmalen Riss hinauf. Nach zwanzig Metern quetsche ich einen Friend in den Riss, der eigentlich mehr zu einer Mini-Verschneidung geworden ist. Ich erinnere mich an den Gedankengang danach: Der Friend wird niemals halten. So ist es. Kein Schrei. Ein Surren. Die volle Ladung hängt im Seil. Ich. Meine linke Körperseite ist aufgerissen. Vom Ellenbogen bis zum Hinterteil. Der Schmerz macht mich besinnungslos. Mein Seilpartner holt mich zurück und seilt mich auf ein Grasband ab. Wir haben Glück und können über Balkone und Schuppen an den Wandfuss zurückklettern. Desinfektionsmittel ist keines vorhanden. So pinkle ich mir selbst über die Verbrennungen. Es tut höllisch weh. Übernachtet wird im Winterraum der Hütte. Entsinnen kann ich mich nur an den Morgen danach. Meine Idee, die tiefen Abschürfungen nicht abzudecken, um die Wundheilung zu fördern, schlug fehl. Die muffigen Armee-Wolldecken kleben herrlich satt in und an den Wunden fest. Der nächste Reinfall findet zu Hause in der Badewanne statt. Schmerzen und Entzündung. Die komplette Heilung dauert einige Monate an. Die kleinen Knochensplitter in den Ellenbogen
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stecken bis heute fest. Von den drei Kletterpartnern ist die Frau als einzige geblieben. Und eine gute Freundin geworden. Das ausgeliehene Seil kaufte ich damals notgedrungen dem Kollegen ab. Es liegt noch immer in meinem Keller. Beim nächsten Umzug wird es entsorgt. Versprochen. Mit dem defekten Friend Nummer zwei. Den habe ich damals auch abgekauft. Ich schwöre es.
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DAS GEPLAUDER Klettern im Frühsommer. Der Firn hält sich hartnäckig. Mein Partner und ich sind richtigrichtig müde. Eine lange, alpine Kletterei im brüchigen Felsen war das. Und gut war das. Zu acht sind wir im Winterraum der Hütte einquartiert. Vier Seilschaften insgesamt. Das Abendessen wurde schnell und restlos verdrückt. Der Kaffee ist angesagt. Das Reden auch. Kletter-Smalltalk vom Feinsten, nenne ich das jeweils. Brav beteiligen wir uns am Männergespräch. Frage eins: Was habt ihr gemacht? Frage zwei: Was macht ihr morgen? Bereitwillig geben wir Auskunft. Danach blubbert der Kaffee auf dem Feuer. Die anderen drei Seilschaften sind wohl befreundet und planen dieselbe Tour wie wir heute. Die Rede ist von «halb so lang», «Gehgelände am kurzen Seil» und «entspannter Sechser-Passage». Vom «dynamischen Zug» in der vierten Seillänge und von einem «krassen Foothook» in der achten Länge. Wir nicken freundlich. Beim Präzisieren einiger Details wird mein Partner mit einem «Friend Nummer zwei in der neunten Länge» unsanft unterbrochen. Wir brechen beide ab und geniessen den heissen Kaffee in der kühlen und bedeckten Nacht. Schweigend schlendern wir um die Hütte und rauchen mit Genuss. Durch das offene Fenster lauschen wir dem heroischen Diskurs unserer Aspiranten. Der Redeschwall im Innern der Hütte will nicht enden. Wir zwei rechnen mit einer massiven Regenfront im Verlauf des kommenden Tages und streichen unsere morgige Tour. Zwischen «Riss- und Kaminkletterei» und «schmieriger Einzelstelle» erlöst mich dann der herrliche Tiefschlaf. Betörender Kaffeeduft bringt mich zurück in die Gegenwart. Der Tag fühlt sich gut an. Mein Körper weniger. Die sechs Kletterer sind bereits aufgebrochen, und so geniessen wir das karge, aber diesmal entspannte Frühstück umso mehr. Kurz vor dem Abstieg nehme ich mein Fernglas zur Hand und entdecke fünf Gestalten in der dritten Seillänge gemeinsam an einem improvisierten Stand. Der sechste ver-
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sucht sich am «dynamischen Zug» – hängt jedoch statisch im Seil. Wir schnüren unsere Schuhe, spannen den Regenschirm auf und stellen fest: Es ist 9 Uhr, es regnet, und den sechs Alpinisten stehen noch fünfzehn Seillängen bevor. Der herausfordernde Abstieg nicht eingerechnet. Drei Tage später erfahren wir aus der Zeitung von einer Evakuation mit sechs Bergsteigern. Mit Beteiligung von zwei Hubschraubern.
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DAS WETTER Meine Frage aller Fragen: Wo genau befindet sich diese Telefonkabine in Molare? Molare? Ein Kaff in der Leventina. Telefonkabine? Eine rechteckige Kiste, in der sich ein Telefon befindet, das man mit Münzgeld füttern kann. Die Nummer 161? Kennen Sie die auch noch? Jawohl. Die nette, aufgesprochene Stimme der Wettervorhersage. Lange ist es her – oder eben, alt bin ich geworden. Ein Bild mit Wolke, Sonne oder Regen steht in der Zeitung. Oder noch besser, die App auf dem Smartphone mit der jeweiligen Ortschaft füttern. Dieses Smartphone klingelt gerade, und der Gast lässt ausrichten, dass er die Reservation für den Samstag storniert. Ich erwidere, dass heute Samstag sei. Er präzisiert, dass er heute in sieben Tagen meint. Ich hake erstaunt nach und schlage vor, den Entscheid zu überdenken und dass er sich doch in drei Tagen nochmals melden soll. Nein, er sei sich äusserst sicher, weil doch am Samstag das Bild von Regen auf seinem Smartphone stehe. «Soso», konstatiere ich halblaut, streiche seinen Namen aus der Agenda und verabschiede mich freundlich. Bildchen für Norden, Bildchen für Westen, Bildchen für Süden. Schallend überkommt mich mein Lachen. Ob es demnächst regnen werde, fragt mich eine Frau besorgt beim Abendessen servieren. Ich denke nicht, denn der Südeinfluss sei heute bestimmend, konstatiere ich. Der Himmel ist prächtig blau. Das Lüftchen angenehm erfrischend. Nun, ihre App zeige eben eine Regenfront an. Freundlich fordere ich die Dame auf, ihre Augen von der App Richtung Himmel zu verschieben. Sie guckt mich verloren und fragend an. Eben, ob sie denn schon einen Rundumblick gewagt habe, lächle ich sie freundlich an. Sie versteht mich nicht. Nach ihrer Marschtee-, Zahnputz- und Wie-spüle-ich-mein-Geschäft-runter-Aktion bittet mich die besagte Dame, sie am folgenden Tag dreissig Minuten eher frühstücken zu lassen. Klar. Das mache ich doch gerne, frage aber trotzdem nach ihrem Grund, weil ihr Abstieg eine gemütliche Wanderung von etwa
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drei Stunden beinhaltet. Ihre App zeige an, dass um 8.41 Niederschlag folge. Gute Nacht. Tags darauf darf ich die Dame (genussvoll) wecken, weil der Alarm ihres Smartphones verwirrt ist. Beim Toilettenreinigen stelle ich um 8.41 fest: Die Sonne scheint.
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DER AUFSTAND Sebastian, mein treuer Freund, oft am Seilende anstatt am Seilanfang kletternd. Seit einer Woche getrennt von seiner Frau und heillos gekränkt in seiner sanften Seele. Bewegung tut da gut. Sagen wir. Sage ich, der gerade nicht getrennt ist. Meist steigt er im Fels nach. Erfahren, souverän und routiniert. Unwichtig scheint für ihn, wohin die Tour führt. Hauptsache, ich führe und entscheide. Heute ist das anders. Er streckt mir seine Hand hin und bittet um das Klettermaterial für den Vorstieg. Das kriegt er. Wortlos. Innerlich lächle ich beglückt und lasse mir äusserlich nichts anmerken. Wir steigen Länge für Länge abwechselnd dahin. Er stöhnt öfters vor sich hin, bleibt aber psychisch stark und auf der Höhe. Ich plaudere meist mit mir selbst und summe vor mich hin. Am Stand Nummer fünf gönnen wir uns eine Pause. Er erzählt mir und der Welt von nicht aufgearbeiteten Trennungen, von sehnsüchtigen Liebesmomenten, von klaren und harten Entscheidungen. Todehrlich und wenig tröstlich. Wir zwei Männer müssen zuerst Mitte vierzig werden, um die kleinen und grösseren Traumata zu be- und verarbeiten, sauber darzustellen und zu reflektieren. Äusserlich gealtert, innerlich ganz gut dran. Die Route ist geschafft. Wir sitzen auf dem Gipfel, verziehen uns jedoch alsbald nach unten. Weg von der überbordenden Gipfelplauderei einiger anderer Helden. Weg von den Dutzenden, die den Gipfel über den Normalweg bestiegen haben. Ich hake bei Sebastian nach. Wie es denn plötzlich komme, dass er voraussteige? Er übernehme jetzt Verantwortung. Zuallererst für sich selbst. Das tue ihm gut. Er wolle hinstehen wie Moses vor dem grossen Meer. Mit dem dicken Stock in seiner Hand. Dreimal geklopft. Einmal geteilt. Nicht das Meer, aber den Apfel, den er mir hinüberschiebt. Ich freue mich für meinen Freund. Ich umarme meinen Freund. Ich mustere ihn sorgfältig. War das eine Träne? Nein, das war der Windhauch aus Westen. Obwohl doch heute Ostwind weht.
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DER FREUND Warum ich in die Berge gehe? Nun, der Grund hat sich geändert und verändert. In den letzten dreissig Jahren. Gspänli da. Kollege dort. Freund wo? Hast du Zeit für eine Tour? Jaja, das hatte ich, mit dem Berg-Gspänli. Hauptsache, ein wilder Berg. Route besprechen, schneller als schnell unterwegs sein, die Seilbahn meiden und die restlichen 1500 Höhenmeter lieber zu Fuss runtergehen. Damit die Knie danach brav zittern wie Espenlaub. Das Adrenalin schiesst hoch. Die Oberschenkel sind dick wie Pavarotti. Die Arme hart wie der Bizeps von Popeye. Das war gut. Damals. Jetzt mag ich das nicht mehr so sehr. Ausser, wenn ich ab und an allein am Berg wüte. Ich will meine Freundschaft pflegen und hegen wie mein Gärtchen vor dem Knusperhäuschen. Mit meinem Freund. Verbunden sein mit dem Berg. Das ist mir wichtig. Das ist ihm wichtig. Viel zu bereden gibt es. Und viel zu besteigen sowieso. Bereden und Besteigen macht glücklich. Und gibt mir Platz für meinen Frieden. Brutale Ehrlichkeit am Berg mit dem Freund wird plötzlich männlich gut. Ich würde sie verlassen. Ich würde kündigen. Ich würde dies und das nicht tun. Vielleicht bekomme ich eine Antwort vom Gegenüber. Wobei die Antwort, Sie wissen es, im Spiegelbild liegt. Das wissen auch jene, die gerne dort raufgehen. Die Kombination von Freund und Berg jedoch wirkt um einiges stärker. Die wirkt stark im Jetzt. Und sehr stark im Danach. Weil dieses Zusammenspiel von Freund und Berg nachhallt. Wie das Echo unter dem Creux du Van. Wobei nicht dauernd geplappert werden muss. Und danach nicht jedes Mal Bier getrunken werden muss. Nur manchmal. Und das schmeckt dann richtig lecker. Wenn das Bier mit dem Berg und dem Freund passt. Dass es sich auch gut anfühlt, wenn die Tour abgebrochen werden muss, hat wohl mit einer gewissen alpinen Reife zu tun. Weil wir zu spät dran sind. Weil die steilen Hänge einfach zu steil sind und der Schnee mehr als durchnässt scheint. Als Ab-
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schluss eine feine Umarmung und Danke sagen. Und uns freuen, dass wir, dank Doodle, die nächsten sechs Unternehmungen bereits geplant haben. Damit wir es das nächste Mal endlich schaffen, das Danach-Bier zu kippen. Auf die Freundschaft. Prosit, mein Freund.
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DER GAST 1.
Im Vorfeld mehr als zehn An- und Rückrufe wegen ein und derselben Reservation. Von den anfangs sieben angemeldeten Personen verbleiben schliesslich deren fünf. Der Mann nennt sich selbst «hüttengewohnt» und «bergaffin».
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Einen Tag zuvor, und damit zu spät, die Abmeldung von zwei weiteren Personen.
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Vier Stunden vor dem Abendessen ein Telefonat, dass sich die Ankunft um eine Stunde verspäten werde.
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Mit dem Fernglas beobachte ich, dass der Mann anstatt der nahen Markierungsstange einem ausgetrockneten Bachbett folgt.
5.
20.15 Uhr: Die Ankunft hat sich um zweieinviertel Stunden verspätet.
6.
Feststellung meinerseits und unangekündigt seinerseits: Ein Bub von neun Jahren ist dabei.
7.
Das nachträglich aufgewärmte Abendessen schmeckt dem Gast nicht. Brot wird dazu verlangt. Sein Essen wird später kompostiert.
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Das gekaufte Bier schmeckt nicht und wird stehen gelassen. Ich werde es später ausschütten.
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Beim Frühstück verspäten sich die drei Personen und fragen zusätzlich nach Wurst. Extrawurst gibt es keine.
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10. Beim Bezahlen der Rechnung stellt der Gast fest, dass sein Bargeld nicht reicht, und er verlangt einen Einzahlungsschein. 11. Im Schlafsaal stelle ich fest, dass eine Matratze durchnässt ist. Ich frage den Bub, ob das sein Schlafplatz war. Er bestätigt. Freundlich fordere ich ihn auf, das nächste Mal ehrlich zu sein. Der Bub entschuldigt sich. Die Mutter schämt sich. 12. Der Mann hat sich bereits verflüchtigt, ohne Verabschiedung seinerseits. Die Mutter hilft dem Buben beim Wechseln seiner nassen Unterwäsche. 13. Drei Wochen später ist das restliche Geld noch nicht einbezahlt. 14. Knapp vier Wochen, zwei Telefonate und zwei SMS später ist der fehlende Betrag überwiesen. 15. Drei Monate später begegne ich dem Herrn zufällig in einem Schulhaus. Als Lehrer. 16. Zweimal begegnet man sich öfters. Ich freue mich auf unser drittes Wiedersehen.
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DER GEBURTSTAG Unser gewohntes Vierergrüppchen auf einer Zweitagestour. Aufstieg Richtung Hütte mit Winterraum. Der ist übervoll. Wir fahren ins Tal und schlafen im Hotel. Prognose für den folgenden Tag: grottenschlecht. Wir entscheiden uns für eine Tour Richtung Passstrasse. Einmal rauf. Einmal runter. Mein Umkehrpunkt ist bereits entschieden, aber nicht kommuniziert. Der Morgen folgt mit leichtem Schneefall und diffuser Sicht. Gemütlich steigen wir die Strasse entlang auf. Andere Tourengänger lassen sich von «erheblich» nicht beeindrucken und stechen links und rechts die Hänge hinauf. Wir nicht. Ich erreiche mein nicht kommuniziertes Ziel, felle ab und gönne mir etwas Tee. Die drei Jungs treffen ebenfalls ein. Zwei davon drängen darauf, den nächsten Hang zu queren und noch etwas aufzusteigen. Ich lasse mich überreden, für diese fünf guten Schwünge nochmals die Felle zu montieren, steige voraus und lasse nach einigen Metern verlauten, dass sie mit Abstand folgen sollen. Mir gefällt der zu querende Hang gar nicht. Es riecht nach Triebschnee. Nach weiteren Metern entscheide ich, dass sie warten sollen. Mein Freund hinter mir ruft mir sein «mulmiges Gefühl» nach. Ich lasse verlauten, dass sie warten sollen und dass ich die zehn Meter bis nach der kleinen Brücke gehen will, weil das Gelände dort abflacht. Auf der Höhe der Brücke kommt das grosse Wumm. Ich sehe den Hang reissen; 21, 22. Die Schneemassen spülen mich kopfvoran über die Brücke, und ich verschwinde in der treibenden Lawine. Mein Glück: Die Massen drücken mich nach links aussen, einer Art Seitenarm der Lawine. Und nicht in den Mittelpunkt des Brettes, das vierhundert Meter unterhalb des Anrisses zum Stehen kommt. Mein Freund reagiert sofort und professionell. Die anderen zwei erstarren im Schock. Stille. Weiss. Dunkel. Mit dem linken Arm gelingt es mir, nach vorne durch den Schnee ein Loch zu boxen. Der letzte Schlag endet im Leben. Ich realisiere, dass ich nicht ersticken werde. Die Skier sind noch immer
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an meinen Schuhen befestigt. Ich höre die Stimme meines Freundes. Er steht vor mir. Entsetzen in seinem Gesicht. Erlösung in meiner zerbrechlichen Stimme. Danke. Er gratuliert mir seither jedes Jahr. Zweimal. Meine Freundschaft mit den zwei anderen Gefährten hat sich nach und nach aufgelöst. Wie schmelzender Frühlingsschnee zwischen spriessenden Krokussen.
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DER KUCHEN Gestern aus Köln angereist. Aufstieg bis zur Muttseehütte. Heute sitzen sie und er bei uns. Plaudern entspannt. Bewundern erwartungsvoll die Berge. Und saugen die Infos der neuen Glaralpina-Etappe schneller auf als die vom Naturkeller herrlich gekühlte Schorle. T4 sei die Schwierigkeit, wiederhole ich. Das passe schon, entgegnen sie. Stunden später stürmt eine junge Frau mit Hund unter das Hüttenfenster und stammelt etwas von Hilfe. Nein, nein, fasle ich, als Hüttenwart beschäftigt und unkonzentriert. Ich bräuchte keine Hilfe. Nein, nein, interveniert die besorgte Frau, sie habe Schreie und Hilferufe gehört. Ich lasse mir den Ort des Unfalls nochmals erklären und ahne, dass unser Paar von heute Morgen Hilfe braucht. Während ich in Richtung Unfallort jogge, funke ich per Helm mit der 1414. Die ist anscheinend bereits in Stellung, jedoch einige hundert Meter unterhalb. Während ich den Hubschrauber zum Unfallort dirigiere, kümmere ich mich um die Patientin. Die liegt im abschüssigen Gelände, knapp zehn Meter unter der Wegspur. Blockiert und mit wirrem Blick. Ihre Finger krallen sich in meine Oberschenkel, als ich versuche, sie von unten zu stützen und zu beruhigen. Sie erkennt mich nicht mehr. Ich hingegen erkenne, dass Hilfe von oben nötig ist. Der Flughelfer wird abgesetzt, eilt zu uns und beginnt, in den steilen Hang eine Art Sitzfläche für die erstarrte Patientin zu schaufeln. Die Ärztin wartet vorsorglich auf der Krete oberhalb des Unfalls. Ich suche, nach Absprache mit der Crew, nach dem verloren gegangen Rucksack. Der schwer einsehbare Hang wird abgeflogen und abgesucht. Wir finden nichts. Während ich weitersuche, schnappt sich der Heli mit der Longline die bemitleidenswerte Frau und später den weinenden, wartenden Freund. Beide werden bei der Nachbarhütte abgeladen und versorgt. Schock und Aufregung für das Paar. Entspannung für mich. Der Hubschrauber nimmt mich schwebend auf und lädt mich auf seinem Nachhauseweg Richtung
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Mollis bei meiner Hütte ab. Eine Herausforderung, weil die Gäste partout nicht begreifen wollen, dass die Maschine heftigen Abwind mit Steinschlag produziert. Der dritte Anflug passt. Ich bedanke mich. Die Crew dankt. Wenig Verständnis zeigt eine Sechsergruppe Gäste, deren wahres Problem die Frage nach Vollrahm auf dem Apfelkuchen ist – oder eben nicht. Den Umstand vom Abwind des Hubschraubers ignorieren sie ein zweites Mal gekonnt beim Erklären meinerseits. Gekonnt ignoriert die Gruppe auch, dass bei aussergewöhnlichen Umständen am Berg der Apfelkuchen manchmal warten muss. Mit oder ohne Vollrahm. Guten Appetit.
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DER LAUF Verlassen und verwelkt. Auf Beginn des Bergsommers. Harte Kost für den Bergsteiger. Richtig, es handelt sich um eine Frau, die nicht mehr mit mir will. Mein Gepäck ist mit siebzehn Kilogramm arg schwer. Wurst und schnuppe, sage ich mir. Die ersten Tage begleitet mich ein unterdessen längst verwelkter Freund. Die ersten der gut dreihundert Kilometer beginnen. Geschlafen wird draussen. Gekocht auch. Das Schönwetterfenster lässt mich doppelt leiden. Kühle Temperaturen mag ich. Keine schwimmenden Füsse im eigenen Saft. Die körperlichen Leiden des jungen Bergsteigers interessieren mich nicht. Nur das Leid der Seele, das allumfassend benebelt und zudröhnt. Täglich werden elementare Bedürfnisse befriedigt. Mehr nicht. Die Dialoge mit dem welkenden Freund entwickeln sich zum Monolog meinerseits. Die Tage werden heisser. Der «Noch-Freund» sagt am Mittag des vierten Tages Adieu. Am fünften Tag schwellen die Blasen an meinen Füssen beängstigend an. Wurst und schnuppe zum Zweiten. Meine Tagesstrecken werden länger. Die Nächte nicht kühler. Mein Leid nur grösser. Gipfel um Gipfel besteige ich. Ich spreche nicht mehr. An Menschen kann ich mich nicht erinnern. Bis zum achten Tag, an dem ich mir erlaube, diese eine Hütte anzusteuern, nicht zu kochen, sondern Wurst mit Suppe zu bestellen. Die Mahlzeit schmeckt hervorragend. Ich bezahle, ohne zu sprechen. Ich setze mich etwas abseits hin. Ich spüre starke Schmerzen an meinen Füssen, untersuche sie und stelle fest, dass von den Ballen bis zu den Zehen Hautfetzen hinunterhängen. Ein Romand gesellt sich zu mir. Er sei Arzt, Kardiologe zwar, doch rate er mir dringend an, meine Unternehmung abzubrechen. Ich schaue ihn dankbar nickend an. Oui. Er begleitet mich auf dem langen Hüttenabstieg und erzählt. Dass er mit einer wunderbaren Frau verheiratet ist. Dass er eine grossartige Tochter hat. Dass seine Frau ein zweites Kind erwartet. Dass er seit zehn Jahren mit einem Mann eine Liebesbeziehung pflegt. Dass er zutiefst traurig ist. Ich
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bleibe stehen, umarme den Mann und tröste ihn. Im Tal angekommen, fährt er mich zum nächsten Bahnhof. Ich bedanke mich, humple Richtung Bahnsteig, schaue zurück und winke. Au revoir. Den letzten Zug erwischt, das letzte Tram geschnappt. Ich schleiche in meine Küche, braue mir einen Kaffee, setze mich hin und spüre etwas im Lendenbereich. Hexenschuss nennt man das hierzulande. Mein Lauf ist getan.
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