Von SIGRISWIL nach AMERIKA
Marianne Vogt-Amstutz

Auswanderergeschichten aus dem 19. Jahrhundert
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Marianne Vogt-Amstutz

Auswanderergeschichten aus dem 19. Jahrhundert


In den letzten zwanzig Jahren habe ich mich mit dem Thema Auswanderung von Sigriswil nach Amerika befasst und dabei zahlreiche Familiengeschichten erforscht und gesammelt. Auf diese Weise habe ich bis heute über 500 Auswanderer aus unserer Gemeinde «kennen gelernt». Gerne erzählte ich die neusten Geschichten jeweils bei Seniorenanlässen und anderen Gelegenheiten – immer mit der Hoffnung, von den Zuhörern vielleicht etwas dazulernen zu können. So erlebte ich über die Jahre manch spannenden Austausch.
Nun kam Christoph Bangerter, der OK-Präsident der Sigriswiler Heimattage 2026, auf mich zu mit dem Vorschlag, eine Auswahl meiner Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen.
Das Thema Auswanderung hat mich seit frühester Kindheit begleitet. Es war immer irgendwie «da», hatte doch mein Elternhaus früher einem Johann Müller gehört, der ausgewandert war. Ein vergilbtes Foto in unserem Haus zeigte diese Familie Müller in Amerika. Mein Vater erwähnte zudem hie und da, Johann Müller habe manchmal etwas für die Zeitung, für das «Geschäftsblatt» geschrieben. Immer, wenn das Thema Auswanderung auftauchte, nahm ich mir vor, dem irgendwann auf den Grund zu gehen.
«Irgendwann» war für mich dann im Januar 2006, als ich erstmals das Stadtarchiv Thun besuchte. In den alten Jahrgängen des «Geschäftsblattes», welche dort aufbewahrt werden, begann ich nach den Artikeln von Johann Müller zu suchen. Was ich dort tatsächlich fand, berichte ich im ersten Kapitel.
Die weiteren Kapitel sind chronologisch angeordnet. Die grosse Auswanderung dauerte – in Wellen – fast ein Jahrhundert lang. Aus jedem Jahrzehnt habe ich eine oder mehrere Geschichten ausgewählt und skizziert. Es beginnt mit den 1830er-Jahren und endet mit den 1910er-Jahren. Vereinzelt gab es schon frühere und natürlich auch spätere Auswanderer. Ihre Geschichten musste ich weglassen, wie viele andere auch. Aber ihre Namen – soweit ich sie kenne – sind in einer Tabelle am Ende dieses Buches zu finden.
Schwanden, im Februar 2026
Marianne Vogt-Amstutz

Jahrhundertelang waren Kirche und Pfarrhaus Mittelpunkt der Gemeinde. Hier wurden Freud und Leid sorgfältig registriert und dokumentiert.
1. Sigriswil und Sigriswiler
Sigriswil hat zwei Bedeutungen. A. Das Dorf Sigriswil mit seinen ca. 950 Einwohnern und B. Die Gemeinde Sigriswil, welche aus weiteren zehn Ortschaften besteht und rund 4850 Einwohner hat. Sigriswiler sind sie alle. Wenn wir alle weltweit lebenden Bürger mit Heimatort Sigriswil zusammenrechnen, kommen wir auf die beeindruckende Zahl von 20 928 Personen! (Stand 12. Februar 2026.) Vielleicht noch einmal so viele fühlen sich ebenfalls als Sigriswiler – weil sie hier zur Schule gingen oder durch ihre Grossmütter und andere Vorfahren einen Bezug zur Gemeinde Sigriswil haben.
2. Namen und Vornamen
In meinen Forschungen habe ich mich auf die Familien konzentriert, welche laut Familiennamenbuch schon vor 1799 in Sigriswil heimatberechtigt waren und folgende Namen tragen:
Ambühl – Amstutz – Boss – Brunner – Bühler – Fischer – Graber – Horn – Kämpf – Müller –Oppliger – Racheter –Rufener – Rupp – Santschi – Saurer – Sauser – Sigrist – Spieler –Stauffer – Tschan – Tschanz – von Gunten* – Willener – Zeller – (Stähli – Frutiger)
* «von Gunten» ist der häufigste Sigriswiler Familienname. Weil eines unserer elf Dörfer Gunten heisst, ist es gut zu wissen, dass die beiden nicht miteinander verknüpft werden dürfen oder müssen. Der erste Sohn eines Ehepaares wurde normalerweise nach seinem Vater genannt, die erste Tochter nach der Mutter. Für die nachfolgenden Kinder wählten die Eltern häufig die Vornamen ihrer eigenen Geschwister. Dank «Übernamen» war es möglich, trotz allem den Überblick zu behalten. Die Familienverhältnisse verständlich zu beschreiben war für mich aber eine besondere Herausforderung.
3. Geographie
Hier sind die Namen der elf Dörfer, welche bis heute die Gemeinde ausmachen. Nebst Sigriswil sind das Aeschlen – Endorf – Gunten – Meiersmaad – Merligen – Reust – Ringoldswil – Schwanden –Tschingel – Wiler.
Die Dörfer waren von Alters her Schulbezirke mit klaren Abgrenzungen. In den Kirchenbüchern finden wir oft genauere Bezeichnungen wie zum Beispiel die Dorfteile Buchholz, Beiweg, Hinterrotbühl, Oberhausen, oder einfach den Flurnamen eines Hauses wie Herzogenacker, Sagimaad oder Sattelegg. Sie alle waren natürlich einem Dorf zugeordnet.
4. Quellen
Nachdem die Auswanderer-Generation in Amerika wie auch ihre Angehörigen in Sigriswil gestorben waren, verblassten die Erinnerungen an jene Zeit mehr und mehr. Zunehmende Unterschiede in Sprache und Schrift liessen sie fast ganz in Vergessenheit geraten. Trotzdem leben sie weiter in
• Kirchenrödeln
• Alten Zeitungen
• Heimatscheinen
• Passregistern
• Volkszählungslisten
• Passagierlisten
Manche dieser Quellen können heute online eingesehen und geteilt werden. So wird es möglich, alte Geschichten ans Licht zu holen. Wenn ein Besucher aus Übersee uns seine Familiengeschichte erzählt oder seinen Stammbaum und andere Dokumente mit uns teilt (z.B. Schiffsverträge oder Briefe), ist das mehr als nur eine wertvolle Ergänzung. Häufig wird eine vertiefte Forschung dann erst möglich.
Wenn diese Forschung manchmal dazu führt, dass Begegnungen zwischen Menschen hier und heute möglich werden, zwischen Verwandten, die noch nie voneinander gehört hatten, dann –so scheint es mir – hat sich der Aufwand doppelt gelohnt.
Alle, die gerne selber forschen, finden am Ende des Buches ein paar Tipps.
«Möge auf deinem ferneren Wirkungskreise überall das schönste Glück dich begleiten.»


Der Thuner Stadtarchivar Dr. Jon Keller hatte die Gewohnheit, von Zeit zu Zeit ein paar interessante Details aus dem Archiv zu publizieren. Unter der Rubrik «Thun historisch» war Anfang 2006 «Auswanderung» sein Stichwort. Mit grossem Interesse las ich jedes Wort. Ich ahnte, dass hier meine Chance sein könnte, endlich mehr über dieses Thema zu erfahren oder sogar einen Artikel von Johann Müller aus Amerika zu finden. Ich nahm Kontakt auf mit dem Archivar und wollte zuerst wissen, ob das «Geschäftsblatt» im Stadtarchiv vorhanden sei. Als er das bejahte, vereinbarte ich einen Termin. Herr Keller wies mich noch darauf hin, dass das Kopieren von alten Zeitungen nicht möglich sei, jedoch das Fotografieren mit einer Digitalkamera ohne Blitz. Ich konnte mir zum Glück eine solche Kamera ausleihen und wartete gespannt auf den Moment, wo ich das «Geschäftsblatt» im Archiv lesen konnte. Die historischen Ausgaben waren nach Jahrgängen gebunden. So ein Jahresbund sah ein wenig aus wie ein übergrosses altes Telefonbuch und war 4–5 cm dick. Zweimal in der Woche war die Zeitung erschienen mit jeweils vier, manchmal auch mehr Seiten.
«Wir tauchen ein in die Kommunikation, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war. Die Sprache der alten Zeitungsartikel wird uns altmodisch vorkommen, was sie ja tatsächlich ist: ein wenig schwerfällig –dafür echt. Das betrifft alles, was als ‹Originalzitat › bezeichnet ist.»
Mindestens eine Seite war mit Reklame und Inseraten gefüllt. Schon beim ersten Durchblättern fiel mir die auffällige Werbung von Auswanderungs-Agenturen auf. Ich traute meinen Augen kaum und knipste alles mit meiner geliehenen Kamera, um die Informationen dann zu Hause in Ruhe zu verarbeiten.
«Zwilchenbart», «Louis Kaiser», «Wirth-Herzog», «Rommel» und «Goldsmith» usw. Jede dieser Agenturen hatte ihre eigenen lokalen «Agenten», wie Oberlehrer Jost in Krattigen oder Gemeindeschreiber Wüthrich in Erlenbach. In Thun gab es so viele Auswanderungs-Agenten wie Wirtschaften. An Markttagen warteten sie überall auf Kundschaft. Es war äusserst einfach, an Informationen zu kommen, fast so einfach wie heute im Internet.
Ich vereinbarte nun weitere Termine im Archiv und brachte Verstärkung mit: Zivilstandsbeamtin Frieda Saurer und meinen Vater, Hans Amstutz. Mit vereinten Kräften arbeiteten wir uns durch die Jahre und knipsten drauflos. Nicht nur bei den Inseraten, sondern auch im redaktionellen
Was im «Geschäftsblatt» stand


Das «Geschäftsblatt» war die Hauptinformationsquelle für die Auswanderungswilligen.
Teil war die Auswanderung überall präsent: Berichte von Ausgewanderten, die vom Wetter und der Bodenbeschaffenheit erzählten oder ihre Meinung über Gott und die Welt kundtaten. Aus hiesigen Gemeinden gab es Statistiken, Nachrichten und Kommentare wie die folgenden:
«Bern. Korr. Auswanderung. Letzten Freitag früh 5 Uhr 35 Min. hat ein Extrazug der Compagnie Générale Transatlantique zwei stark mit Auswanderern angefüllte Wagen der Heimat entführt. Sie fuhren über Basel, wo sich den Scheidenden noch eine weit grössere Anzahl Europamüder zur Weiterreise anschloss. Das Reiseziel ist Nordamerika und die Auswanderer gehören zum grössten Theil der landwirthschaftlichen Bevölkerung an. Auch aus dem Berner Oberland hat sich ihnen eine erhebliche Zahl angeschlossen … Mögen die Abschiedstränen ihnen Tage des Trostes und der Freude bringen. Die riesigen Berge des Oberlandes waren durch die erfrischende Frühlingssonne so hell und schön beleuchtet, als wollten sie den Scheidenden, die um ihr liebes von Jugend auf gepriesenes und geschätztes Vaterland trauern, den letzten freundlichen Abschiedsgruss zuwinken. Möge ihnen das erhoffte Glück nicht ausbleiben.» (Originalzitat)
«Diemtigen. Im Laufe der nächsten Woche werden aus unserer Gemeinde über 30, meist junge, arbeitslustige Leute beiderlei Geschlechts, nach Amerika verreisen. Wir wünschen von Herzen, dass sie dort das gesuchte Glück finden mögen. Für uns Zurückbleibende gibt diese so sehr zunehmende Auswanderung zu ernstlichem Nachdenken Anlass und werden uns vielleicht nächstens erlauben, unsere Gedanken darüber zu veröffentlichen.» (Originalzitat)
Berichterstattung über einen Vortrag von alt Grossrat Hauswirth aus Saanen «Unser Amerikareisender, welcher heute im Hotel Simmental vor mehr als 200 Personen einen überaus belehrenden und interessanten Vortrag über Amerika hielt, hat nicht vergessen, die Schattenseiten aufzudecken, die schwer auf unserem Lande lasten und von Jahr zu Jahr die Existenzfrage weiter in den Vordergrund drängen … Er schilderte dann auch das Leben der Einwanderer, warnte vor Spekulanten und Betrügern und schloss mit dem Appell:
«Wie Amerika für den Europäer in den meisten Dingen wirklich eine ‹neue Welt› ist, so muss auch der Ansiedler ein neuer Mensch werden und seine alten Gebräuche und Gewohnheiten in der ‹alten Welt› zurücklassen.» (Originalzitat)
Alt Lehrer Imobersteg aus Zweisimmen war einer, der sich mit deutlichen Worten für die Auswanderung aussprach. Vier Söhne und drei Töchter lebten schon in Amerika. Seine Meinung: Wenn – laut offiziellem Bericht – bei einer Rekrutenprüfung 60 % als mangelernährt gelten, soll sie niemand daran hindern, etwas Besseres zu suchen. Das war dem Redaktor des Geschäftsblattes dann doch zu stark. «Papa Imobersteg!» mahnte er ihn, eine planlose Auswanderung kann doch nicht die Lösung sein! Was es braucht, sind grössere Anstrengungen, um die Klassenunterschiede hierzulande endlich zu reduzieren. Einig waren sie sich darüber, dass man den Auswanderern die Liebe zur Schweiz nicht absprechen dürfe. Die von Imobersteg eingesandten Artikel waren interessant und unterhaltsam, so dass Redaktor Stämpfli sie trotz allem gerne in voller Länge druckte. Zum Beispiel den Bericht über seine zweite Amerikareise, die auf der Hinfahrt etwas stürmisch war (Originalzitat):
Was im «Geschäftsblatt» stand
Das Schiff gebärdete sich wie eine badende Gans, die den Kopf ins Wasser taucht, sich emporhebt und das aufgefasste über den Rücken hinuntergleiten lässt.

… und wir hatten gar keinen Sturm!
Geschäftsblatt vom 14. Oktober 1882
«Die Reise ging sehr gut von statten und ohne Unfall. Ganz merkwürdig war mir die gute Seereise hin und zurück. Beide Male traf es gerade in Zeiten, von denen später die Zeitungen berichteten, wie furchtbar die Stürme auch in diesen Gegenden des Meeres gehaust, wie viel grössere Schiffe sich zu Grunde gerichtet haben und wir hatten gar keinen Sturm! ... Allerdings nahm das Schiff oft auch eine Gangart an wie weiland Säuhändler Hegg, wenn er betrunken vom Markte heimkehrte, oder es gebärdete sich wie eine badende Gans, die den Kopf ins Wasser taucht, sich emporhebt und das aufgefasste über den Rücken hinuntergleiten lässt, aber das ist noch kein Sturm! Wenn auch bei solchen Anlässen, wie es mitunter geschah, im Zwischendeck unten die am Boden befindlichen Kistchen anfingen lebendig zu werden und eine Spazierfahrt zu machen von einer Wand zur andern und wieder zurück wie die Buben im Winter beim Schlittenfahren, oder wenn die Schüsseln beim Essen anfingen davonzulaufen und man mit den Händen auf sie schiessen musste, wie eine Katze auf eine Maus, um sie festzuhalten, und dann auch die Teller mit Suppe, die man gerade in den Händen hielt, sich anfingen zu gebärden als ob sie die Seekrankheit hätten und ihren Inhalt oben heraus zu geben, entweder auf den Boden oder einem über die Kleider hinunter, wenn sie nicht so gefällig waren, es auf diejenigen des Nachbars zu tun, oder wenn es Nacht war, bei der obbemerkten Spazierfahrt der Kistchen die blechernen Essschüsseln im Schiffsraume anfingen zu rumoren und aneinander zu schlagen, als ob sie einen Gespenstertanz zusammen läuten wollten und man dabei hie und da eine Sturzwelle übers Verdeck rauschen hörte. – Aber das ist noch kein Sturm! –
Freilich schrieben einige Mitreisende später nach Hause: «Wir haben auch ein wenig Sturm gehabt», und auch ich fand, wir wurden ein bisschen ärger gepaukt, als ich früher gewohnt war. Allein wir kamen in 10 Tagen und 7 Stunden in der Bucht von New York an und das ist eine gute Reise!
Als wir aber in der Stadt vernahmen, dass das Hamburgerschiff, das zu gleicher Zeit mit uns in Havre abgefahren, noch nicht angekommen sei, dass erst gestern ein Bremerschiff angekommen sei, das vor 8 Tagen anlangen sollte; dass laut Telegramm das Antwerpenerschiff «Helvetia» gar nicht eintreffen könne, weil es, noch im Kanal, vom Sturme so arg zugerichtet worden, dass es wieder zurückgeschleppt werden musste; dass überhaupt jetzt auf eine regelmässige Ankunft der Schiffe gar nicht zu rechnen sei …
… da fanden wir erst, wie wir Ursache hatten, Gott und dem Schiffskapitän zu danken
«Im Hafen wär ein Schiff zwar sicher –doch dafür ist es nicht gebaut.»
Das «Geschäftsblatt» – eine wahre Schatzkiste
Ich hatte jetzt schon viel mehr gefunden, als ich je gesucht hatte – aber immer noch keinen Artikel von Johann Müller! Ich schwamm mitten in einer Flut zeitgenössischer Informationen und Meinungen, spürte, wie die Auswanderungswelle das Berner Oberland überspülte. Immer deutlicher wurde mir vor Augen geführt, wie tief unsere Gemeinde und die ganze Region von der Auswanderung betroffen war. Dabei leistete das «Geschäftsblatt» sowohl den Auswanderern wie ihren zurückgebliebenen Familien gute Dienste als lebendige Verbindung zwischen der Alten und der Neuen Welt. Die Oberländer in den Vereinigten Staaten gehörten zu den treusten Abonnenten und Lesern. «Werthes Geschäftsblatt» war die übliche Anrede in ihrer Korrespondenz, wie man sich etwa an einen Freund wendet.
Schiffsnachrichten
So hiess eine regelmässige Rubrik im « Geschäftsblatt». Da stand zum Beispiel: Der französische Postdampfer «Canada», Kapitän de Kersabiec, welcher am 19. April von Havre abgegangen, ist am 29. April, abends 4 Uhr, wohlbehalten in New York angekommen.
Die Verwandten zu Hause waren erleichtert, wenn sie lesen konnten, dass das Schiff mit ihren Angehörigen an Bord heil das Ziel erreicht habe.– Ob sie dann die anderen – schlechten – Nachrichten auch noch lasen?
Zum Beispiel : «Wir werden ersucht, speziell darauf aufmerksam zu machen, dass der versunkene Dampfer ‹Daniel Steinmann› zu der ‹White Cross Line›, Reederei Steinmann und Ludwig in Antwerpen gehört, welche schon 7 verlorene Dampfer zu beklagen hat, während die ‹Red Star Line› seit ihrem Bestehen 1873 noch kein Menschenleben verloren hat.»
Persönliche Nachrichten
Eine Familie aus Schwanden hatte vier Jahre nichts mehr von ihrem Verwandten gehört. Da wandte sie sich zuletzt an das «Geschäftsblatt» und bekam Hilfe. Ein kleiner Artikel unter dem Titel Berner in Amerika fand seinen Weg in die Zeitung: «Wer von unseren Lesern in Amerika kann uns die gegenwärtige Adresse angeben von Chr. Amstutz in Californien? Dessen letzte bekannte Adresse war Chr. A., Box 590, Sacramento, Cal., U.S.A. Seine Verwandten in Schwanden, Sigriswil, die seither keine Nachricht mehr von ihm erhalten haben, wären für allfällige Mitteilungen dankbar. – Die Redaktion»
Ein Vater schrieb für seinen Sohn Hans in Amerika sogar ein Gedicht über Nöte, Veränderungen und seinen Abschiedsschmerz, welches vom «Geschäftsblatt» abgedruckt wurde.
«Wegen vorhabender Auswanderung»
Seit das «Geschäftsblatt» auch online1 gelesen werden kann, habe ich mich noch oft damit beschäftigt. Die privaten Inserate fand ich besonders spannend. Da waren zum Beispiel zwei Frauen aus Endorf – wohl Nachbarinnen, die «wegen vorhabender Auswanderung» eine Kaufsteigerung publizierten. (Originalzitat)
Kaufsteigerung
Wegen vorhabender Auswanderung bringt Frau Magdalena Stauffer geb. Spori im Lindengraben zu Endorf Donnerstag den 6. März, von morgens 8 Uhr an, bei ihrer Wohnung daselbst an freiwillige und öffentliche Kaufsteigerung: Ihre sämtlichen Beweglichkeiten, wie aufgerüstete Betten, Schäfte, Haus- und Feldgeräthschaften, Weingeschirr, zwei Hobelbänke mit Zubehörden, eine Farbplatte und verschiedener Schreiner-Werkzeug.
Endorf, 27. Februar 1884
Frau Stauffer-Spori
Magdalena Stauffer
Steigerungs-Publikation. Frau Witwe Katharina Sigrist zu Endorf in Sigriswyl lässt wegen vorhabender Auswanderung nach Amerika, Mittwoch den 5. März 1884, des Morgens von 8 Uhr an, in ihrer Wohnung zu Endorf ihre Beweglichkeiten freiwillig versteigern, namentlich: Ein nussbaumenes Bureau, Schäfte, Acker- und Feldwerkzeug, eine eiserne Mühlewaage und viel anderes mehr.
Katharina Sigrist
Sie muss eine tüchtige Frau gewesen sein: Nach einigem Forschen stellte sich heraus, dass ihr Ehemann, Samuel Stauffer, schon ausgewandert war. Vorher hatte er seine Frau noch mit einer bemerkenswerten Vollmacht ausgestattet: Sie war ermächtigt, sämtliche Finanzgeschäfte eigenständig zu tätigen und das Heimwesen im Lindengraben zu verkaufen. Anschliessend leitete Magdalena Stauffer alles Nötige in die Wege für ihre eigene Auswanderung und die ihrer vier Kinder. Kurz vor der Abreise wurde, wie wir sehen, alles versteigert, was sie nicht mitnehmen konnte. Zusammen mit der Witwe Katharina Sigrist und deren Angehörigen wanderte Magdalena am 15. März 1884 nach Amerika aus.
Nebenbei: Das Heimwesen im Lindengraben verkaufte Magdalena Stauffer damals meinem Urgrossvater Christian Kämpf. Und ich bin fast sicher, dass er am 5. März 1884 von Katharina Sigrist das im Inserat erwähnte «nussbaumene Bureau» ersteigerte. Seine Tochter (meine
1 E-newspaperarchives.ch
Grossmutter) hat das «Bureau» wohl später geerbt und renoviert: Unter das «Bureau» kam eine neue Kommode aus Fichtenholz zu stehen, obendrauf ein ebensolcher Glasschrank. Mit brauner Farbe liess sie das ganze Möbelstück anstreichen, damit es zum Rest des Inventars passte. Es erfüllte seinen Zweck von da an mehr als hundert Jahre, zuletzt in der Wohnstube meiner Eltern. Ich wollte das Erbstück gerne behalten und liess es fachmännisch restaurieren. Doch was für eine Überraschung: Da kam unter der dicken Farbschicht ein «nussbaumenes Bureau» zum Vorschein, sowie eine Kommode und ein Glasschrank aus Fichte. Das dunkle Nussbaumholz war wurmstichig und passte farblich leider nicht mehr zu Kommode und Glasschrank. Es musste ersetzt werden. Geblieben ist, als Erinnerung, ein kleines «nussbaumenes Bureauschublädchen»
Der Lindengraben in Endorf Sigriswil – in der Mitte das Haus von Magdalena Stauffer.

Eines Tages hatte ich die Idee, im E-Zeitungsarchiv nach dem schwerfälligen Begriff «wegen vorhabender Auswanderung» zu suchen. Die lange Ergebnisliste machte mich betroffen. Aus unzähligen Gemeinden der Region Thun und des Oberlandes tauchten Inserate von Privatpersonen auf, welche, wie die Frauen aus Endorf, kurz vor der Abreise noch Werkzeuge, Küchengeräte oder Möbel verkaufen wollten, sogar Dinge wie eine Drehorgel, Erbsenvorräte oder zwei Ziegen. Auf das Geld waren sie jetzt besonders angewiesen. Es zeigte mir in grosser Deutlichkeit, wie sehr das ganze Berner Oberland damals in Bewegung war. Das bedeutete für die Familien, die blieben: neue Besitzverhältnisse, neue Nachbarn, nichts blieb wie es war. Schon morgen konnte dir ein Nachbar oder ein Verwandter mitteilen, dass er auch auswandern werde.
Die Inserate im «Geschäftsblatt» waren so zahlreich, dass die Redaktion mahnte: «Wir ersuchen alle, welche wegen vorhabender Auswanderung Steigerungen abzuhalten und auszuschreiben gedenken, Jemanden zu bezeichnen, welcher für die Gebühren haftbar ist oder aber dieselben vorauszubezahlen.» Frau Glauser am Gwatt wurde per Inserat öffentlich aufgefordert, die refüsierte Inserat-Nachnahme betreffend ihre Steigerungspublikation sofort einzulösen!
Ein paar Beispiele:
• Geschwister Gempeler aus Schwenden
• Johann Wenger zu Pohlern
• David Grüneisen auf dem Diemtigbergli
• Jakob Kropf von Unterlangenegg
• Samuel Egger von Frutigen
• Jakob Thönen von Reutigen
• Peter Imhof von Heiligenschwendi
• Johann und Jakob Bruni von Amsoldingen

Lassen wir es hier bewenden mit unserem «werthen Geschäftsblatt», auch wenn es noch viele spannende Artikel zu lesen und zu kommentieren gäbe. Wenden wir uns jetzt den Auswanderern nach Amerika der 1830er- und 1840er-Jahre zu.
Geschichte des «Geschäftsblatt» für den Obern Teil des Kantons Bern
Im Juli 1854 publizierte der Thuner Buchdrucker Jakob Marti (1826–1876) die erste Nummer des Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern, das zweimal pro Woche erschien. Im Juli 1874 verkaufte er die Zeitung und die Druckerei an den Buchhändler Eugen Stämpfli (1839–1911). Dessen Sohn Willy Stämpfli (1873–1950) übernahm die Firma 1904. 1932 verkaufte er Druckerei und Verlag an den Buchdrucker Jakob Vetter aus Altstätten (1901–1953), der das Geschäft in eine Aktiengesellschaft umwandelte und parallel dazu den Thuner Amtsanzeiger herausgab. Das Geschäftsblatt hatte eine Leserschaft über Thun hinaus im westlichen Berner Oberland und in den Amtsbezirken Konolfingen und Seftigen.
Quelle: E-newspaperarchives.ch mit freundlicher Genehmigung
Die Stadt Thun war verkehrstechnisch und kommunikativ die regionale Drehscheibe für die Auswanderung. Hier eine sehr frühe Farbaufnahme des Maulbeerplatzes aus den 20er-Jahren.

«Wir wünschen Dir und Euch allen eine glückliche Reise, gutes Ankommen und ein freudvolles Leben. Gott möge euch beistehen zum Sammeln von geistlichen und ewigen Gütern, damit ihr einst die Fülle habt.»


Die grosse Auswanderung der 1830er- und 1840er-Jahre
Sind es Sigriswiler Bürger?
Die allerersten Auswanderer, die von Sigriswil direkt nach Amerika aufbrachen, fand ich auf einer Passagierliste des Auswandererschiffes «Great Britain» für das Jahr 1829. Eine fünfköpfige Familie Oppliger fiel mir dort auf: drei Erwachsene und zwei Kinder. Nun könnten Oppligers auch aus den Gemeinden Röthenbach oder Sumiswald stammen. Die einzige Möglichkeit festzustellen, ob sie wirklich aus Sigriswil stammen, ist in unseren Kirchenrödeln nachzuschlagen. Wenn Vorname, Alter, Ehepartner sowie die Namen der Kinder mit jenen auf der Passagierliste übereinstimmen, kann man erst sagen, dass es sich um eine Sigriswiler Familie handelt. Bei Oppligers war das so. – Diese etwas aufwändige Methode der Identifizierung musste bei vielen Sigriswiler Namen auf den Passagierlisten angewendet werden.
• Wie ein verurteilter Kuhdieb einen neuen Anfang sucht
• Wie es Ulrich Kämpf, des Lumpensammlers Schwiegersohn, ergeht
• Wie die erste Familie aus Meiersmaad auswandert und
• Wie ein Jahrhundertunwetter Menschen zur Auswanderung treibt
1834 – die grosse Auswanderung
Es gibt Jahre, in denen als Folge von schlechtem Wetter und Missernten mehr Schweizer auswanderten als in anderen. Das Jahr 1834 kommt in diesen Statistiken seltsamerweise nicht vor, obschon es in Sigriswil der Höhepunkt aller Auswanderungsjahre war. Total 64 Personen fahren auf drei verschiedenen Schiffen nach Amerika. Das erste Schiff heisst «Lorena» und kommt am 5. Juni in New York an. Sechs junge Sigriswiler im Alter zwischen 20 und 30 Jahren haben die siebenwöchige Seereise überstanden. Zurückkehren wird vermutlich keiner von ihnen. – Wie oft waren gesunde, starke Jünglinge wohl früher schon gemeinsam ins Ausland gezogen und kehrten nicht zurück? Auch Sigriswiler hatten als Söldner in fremden Kriegsdiensten gedient: in Holland, Preussen oder Sizilien. Diese sechs schauen jetzt vorwärts, dem Leben entgegen und nicht dem Heldentod.

Kuhdiebstahl ist ein schweres Vergehen Nur einer von ihnen, Ulrich Stauffer, schaut möglicherweise noch öfter zurück als vorwärts. Er, der Sohn des Weibels1, hat in Sigriswil ein ziemliches Schlamassel hinterlassen. Auch wenn unterdessen ein Ozean dazwischen liegt, belastet es ihn bestimmt noch lange. Er ist eigentlich Familienvater. Vor drei Jahren hatte er Anna Tschanz von Schwanden geheiratet, und im letzten November kam der kleine Christian auf die Welt. Dann passierte die Geschichte mit der Kuh. Hat jemand beobachtet, wie Ulrich eine fremde Kuh in seinem Stall anband? War es ein Jux – oder hatte er Streit
1 Ein Weibel war zuständig für das Zustellen amtlicher Mitteilungen und Vorladungen sowie für die Vollstreckung von Entscheiden und Gerichtsbefehlen.